Durch den Seniorensommer nach Bad Säckingen

Weil am Rhein ist eine eigenartig unwirtliche Stadt. Das Zentrum wie ein lang gezogenes Straßendorf mit Einkaufszentren.
Die Restaurant-Dichte ist erstaunlich, aber es gibt fast ausschließlich Imbiss-Fast-Food. Türkisch, Chinesisch, Italienisch (alles zum Mitnehmen). Dazu eine Auswahl an 1 Euro Läden.

Viele Migrationshintergrund-Gesichter in den Straßen.
Viele Arbeiter-Gesichter. Gesichter, die andeuten, dass die Menschen nur kurz hierher kommen wollten und dann doch geblieben sind. Seit Jahrzehnten schon.
Sie haben Weil zur Grenzstadt gemacht. Unfreiwillig Deutschgewordene. Bald wohl die einzigen Sprecher des lokalen Dialektes. Herrlich ihr Badisch! Sie beherrschen selbst den kehligen Krachlaut der Schweizer.

Vom Zentrum Weils zur eidgenössischen Grenze ist es ein Katzensprung.

Seit die Schweizer ebenfalls Schengener geworden sind, gehören auch Zollhäuser zu den Immobilienleerständen.

Nutzlos

Nutzlos

Um 8 Uhr den Rucksack geschultert. 33 km lang war die Tagesetappe. Das Ziel: Bad Säckingen.

GPS-167-Weil

GPS-Gesamtstrecke bis 167

Der Grenzverlauf in der Weiler Gegend ist reichlich zickzackig.

Schon bald verließ ich wieder die Schweiz. Das letzte Haus vor der Grenze in Riehen: ein Museum, von dem ich bislang noch nichts gehört hatte.
Eigentlich eine Gedenkstätte. Für Juden, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und von dort wieder nach Hitler-Deutschland zurückgeschickt worden waren.

Sehr spät bekennt sich die Schweiz zu ihrer Schuld am Tod von jüdischen Bürgern.

Sinnvoll

Sinnvoll

Das Museum hatte so früh am Morgen noch nicht geöffnet. Schade. Ich zog weiter Richtung Rhein.

Die Landschaft wurde hügelig. Basel und Weil verschmolzen aus der Ferne zu einer Stadt.

Nah und Fern

Nah und Fern

Obwohl nur 500 m hoch, fühlte ich mich manchmal wie auf Almen.

Der Berg ruft

Der Berg ruft

Der Schwarzwald ächzte unter der Last der Gewitterwolken.

Schwarzer Wald

Schwarzer Wald

Wieder im Tal, machte ich eine kurze Pause im Garten des Beuggener Wasser-Schlosses.

Sinksicher

Unsinkbar

Im Dorf Schilder vor Bäckerläden, die ich nicht verstand.
Was um Himmelswillen sind Waie? Oder Ziebele?

Ist das Alemannisch?

Ich versteh kein Ausländisch

Ich versteh kein Ausländisch

Auf dem Weg zum Rhein ein außergewöhnliches Kriegsdenkmal.
Aus dem Jahr 1815!

Martialisch

Martialisch

„Hier ruhen 3000 tapfere österreichische Krieger der Schwarzenbergischen Armee, zusammen mit Bayern, Sachsen, Preussen, Württembergern. Welche nach ruhmvollen Kämpfen in den Befreiungskriegen 1813-1815 im K.K. Feldspital Beuggen an ihren Wunden und am Nervenfieber den Heldentod starben.
Wer so wie wir den grossen Schwur gelöst! Wer so für Gott und Vaterland gefallen, der lebt im Herzen seines Volkes fort.“

Grenzgebiet! Und die Narben werden sichtbar! Auch hier an der Grenze mit der Schweiz.

Der Rhein trennt (und vereint) beide Nationen.

Uferbebauung

Uferbebauung

Endlich hatte ich wieder den Grenzfluss erreicht.
Ein Süßwasserkapitän steuerte sein Ausflugsboot genau auf der Grenzlinie.

Grenzdampfer

Grenzdampfer

Bis hierhin war der Rhein beidseitig dicht bebaut. Hinter Rheinfelden dann immer wieder kurze Naturufer-Einsprengsel.

Klein der Weg, groß der Fluss

Klein der Weg, groß der Fluss

Der Fluss wurde richtig schön.
Schwäne haben ihn kolonialisiert und Mensch und Schiff vertrieben.

Schwanengesang 1

Schwanengesang 1

Schwanengesang 2

Schwanengesang 2

Schwanengesang 4

Schwanengesang 3

Schwanengesang 4

Schwanengesang 4

Abgekämpft und reichlich durstig erreichte ich um halb sieben Bad Säckingen.

Die längste überdachte Holzbrücke Europas überspannt den Rhein nach Stein in der Schweiz.

bridge over water

bridge over water

Über die Brücke kamen auch diese wilden Kerle und machten mir gleich Probleme.
Gerade hatte ich dieses Foto geschossen, kam ihr Anführer auf mich zu und belehrte mich über das Presserecht. Kein Foto ohne Einwilligung!
Aber er ließ mir einen Ausweg: Mit einem „kleinen“ Beitrag könnte ich das Copyright am Foto erwerben.

I'm a hobo

I’m a hobo

Ich kaufte mich mit einer Spende und später mit einer Runde Bier frei und die Gesellen ließen mich noch zwei weitere Schnappschüsse machen.

Me hobo too

Me hobo too

Mindestens – so erklärten mit die jungen Dachdecker – drei Jahre und 1 Tag müsse man auf die Walz. Wenigstens einen Tag länger als die Ausbildung dauere. Das sei Tradition.

  • Auch Frauen zögen immer häufiger mit. Unterwegs hätten sie Schäferinnen, Kirchenmalerinnen, Steinmetze getroffen.
  • Die meisten seien mittlerweile weltweit auf der Walz. Ein Flugticket lasse man sich vom Arbeitgeber statt Lohn bezahlen.
  • Geschlafen hätten sie letzte Nacht im Eingang eines Supermarktes. Nicht immer finde man Meister oder Menschen, die einem Unterschlupf böten. Geld hätten sie eigentlich nie.
  • Dass Dachdecker und andere Berufsgruppen auf die Walz gingen, hinge damit zusammen, dass früher die Meister nicht genügend Arbeit für ihre Lehrlinge hatten und diese daraufhin in der Region herumschickten. Daraus sei diese Wanderbewegung entstanden.

Während wir uns unterhielten, kritzelten einige etwas in sehr dicke Tagebücher.
Wanderbuch“ stand auf den Klappen. Ich fragte, ob ich mir eines einmal anschauen könnte. Sie waren entsetzt. Das ist das Heiligste was sie hatten und das Intimste.
In den Wanderbüchern führen sie die Zeugnisse, Empfehlungen, Widmungen ihrer vielen Arbeitgeber mit. Auf den Buchseiten verewigen sie aber auch ihre Liebschaften, ihren Kummer und ihre Dummheiten.

Als ich mich von der Gruppe verabschiedete, bekam ich gerade noch mit, wie zwei miteinander ernsthaft verhandelten und dann etwas tauschten: eine fast leere Zahnpastatube gegen einen großen Wamsknopf.

Über das Gespräch mit den bunten Vögeln hatte ich fast vergessen, mir eine Unterkunft zu besorgen. Als ich von Hotel zu Hotel zog, wurde mir klar, dass diese Stadt völlig überbucht war.
Mit viel Glück fand ich doch noch ein freies Zimmer. Ich fragte den Portier was denn heute los sei?
„Wieso heute?“ antwortete er. Die Schul-Ferien seien zwar vorbei, aber jetzt habe eine andere Saison begonnen: der Seniorensommer!

Durst. Eines meiner Lieblingsbiere: Tannenzäpfle der Rothausbrauerei Freiburg. Nur Klasse!

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Hunger: Gebratene Forelle mit Couscous- und Kartoffelsalat. 12 Euro. Naja!

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Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

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Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

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Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Mon Dieu

Der eigentliche Grund, warum ich mich ziemlich weit weg von der Grenze bewegt und einen Abstecher in die Vogesen gemacht hatte, war die unselige Geschichte Natzwillers.

Im Seitental versteckt

Im Seitental versteckt

In den Bergen oberhalb des Dorfes errichteten die Nazis während der Besatzung ein Konzentrationslager. Dort, wo ehemals ein Wintersportort wohlhabende Franzosen zum Skifahren lockte.

52.000 Deportiere mussten diesen Eingang durchschreiten. 22.000 Menschen wurden dahinter zu Tode gequält.

Gottloser Ort

Gottloser Ort

Einige Baracken stehen noch. Auch der Galgen am Ende des Weges.

Jesus kam nicht bis Struthof

Jesus kam nicht bis Struthof

Den Gefangenen wurde der Strick fest um den Hals gelegt und gestrafft, so dass beim langsamen Öffnen der Falltür das Genick nicht brach, sondern der Häftling baumelnd langsam erstickte.

Henkersplatz

Henkersplatz

Unvorstellbares mussten die erleiden, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die mit flüssigem Senfgas und anderen Giftgasen traktiert, mit Typhus-Erregern infiziert wurden, die langsam zu Tode gequält und auf diesem Tisch seziert wurden.

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Im Museum gab es Fotos dazu, die ich mir nicht anschauen konnte.

Im Krematorium wurden den Toten Gold- und Silberkronen herausgebrochen.
Manchmal wurden Häftlinge hinter dem Verbrennungsofen an Fleischerhaken zu Tode stranguliert und gleich eingeäschert.

Das Grab vieler Unbekannter

Das Grab vieler Unbekannter

Nicht wenige, die nach Natzweiler-Strurhof deportiert wurden, waren Widerstandskämpfer.

Welchen Mut müssen französische Frauen und Männer gehabt haben, während der deutschen Besatzung im Untergrund zu arbeiten. Sie wussten, welches Schicksal sie erwartete, sollten sie auffliegen.

Helden (Ist das das richtige Wort?)

Helden (Ist das der angemessene Begriff?)

Als ich mich entschied, auf meiner Grenzwanderung auch das KZ Natzweiler-Struthof aufzusuchen, dachte ich, das sei unerlässlich, wollte ich das Verhältnis von Deutschen und Franzosen verstehen.

Aber als ich schon lange aus der Gedenkstätte draußen war und stumm den Vogesenwald hinunterlief, rumorte in mir gänzlich anderes.
Ich fragte mich wie viele vor mir, wo Gott in dieser Zeit der grauenhaften Verbrechen war? Warum er die Menschen verlassen hatte?
Und ich merkte, dass dies für einen Nichtreligiösen eine komische Frage war.

Und je weiter ich mich von Natzweiler-Struthof entfernte, umso mehr dachte ich darüber nach, wieso aus einem kapitalen Versagen des Menschen (oder des Menschlichen) so schnell ein Versagen Gottes gemacht wird. Als sei Mensch und Gott das gleiche.
Als existiere der eine nicht ohne den anderen.
Wenn Gott (vorausgesetzt er existiert) aber sein Schicksal an den Menschen geknüpft hat, dann Gnade ihm Gott (denn Mensch ist gnadenlos – siehe Natzweiler-Struthof).

Ich verfing mich im Dickicht der Gottes-Beweise und Gegenbeweise.

Und ich kam zu der Überzeugung, dass Gott (wenn er existiert), sich erst durch den Menschen erschaffen hat. Es gibt ein Geburtsdatum Gottes! Ohne Bewusstsein in der Welt würde er nicht existieren. Gott braucht den Menschen (oder Bewusstsein), er wird mit dem letzten Menschen sterben oder sich wieder in Milchstraßen, Galaxien, in Sternennebel auflösen.

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr stoppen. Sie entglitten mir.
Etwas fragte mich, wen Gott wohl sehen würde, schaute er in einen Spiegel?
Zarathustra? Buddha? Einen bärtigen Christus? Mohammed? Laotse? Konfuzius? Zeus? Thor? Ganesha? Mich? Mich Mensch? Nichts?
Gott schaut nicht in spiegelnde Seen, in Glas, weil er sich selbst nicht erkennen kann? Weil er sich höchstens im Menschen spiegelt?

Ich schloss den Gedanken-Irrgarten, aus dem ich nicht mehr herausfand. Und konzentrierte mich darauf, mein Tagesziel zu erreichen.

Um 9 Uhr war ich in Natzwiller aufgebrochen. Ich wollte heute noch ins Tal kommen. Ich wusste noch nicht, dass es 9 1/2 Stunden dauern sollte, bis ich in Blienschwiller an der elsässischen Weinstraße ein Hotelzimmer finden würde.

GPS-161-Natzwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Gott hatte ich abgeschüttelt. Eine Burgruine auf dem Bergkamm holte mich aus dem Ewigen und Unsterblichen zum Irdischen und Vergänglichen zurück.

Ich atmete wieder frei.

Nach Luft schnappen

Nach Luft schnappen

Am Ausgang der Vogesen: Andlau.
Ein Weinort, in der zweiten Reihe der Weinstraße gelegen. Nicht so herausgeputzt und darum schön.

Einfahrt ins Weinland

Einfahrt ins Weinland

Eigentlich war ich reif für ein Hotel, für ein Viertel Weißburgunder. Ich war müde. Aber ich beschloss weiter zu gehen. Das Abendlicht übt auf mich keinen guten Einfluss aus!

Weinwelt

Weinwelt

Ich wanderte durch die Rebanlagen, Wingerte, Weingärten. Und an jeder schönen Weggabelung traf ich ihn: den Gekreuzigten.
MON DIEU! Warum steigt er nicht endlich herab und bekennt sich zu dem was er ist: ein gequälter Mensch.

Was tut er hier?

Was tut er hier?

Uff: nicht schon wieder im Gedanken-Irrgarten verlaufen!
Memento Mori. Wie sehr drängt auf diesen Wanderwegen das Mittelalter ins Heute.

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Landschaft ist hier nicht nur Landschaft. Auf Weinwegen, in Ortszentren, in Straßengabelungen, auf exponierten Hügeln: Die Wegkreuze verwandeln das elsässische Rebland in einen Jesus-Erlebnispark. Die ältesten Inschriften, die ich gesehen habe, bezeugen, dass der Allmächtige hier schon seit dem 18. Jahrhundert festgenagelt ist.
Warum erlöst ihn niemand?

Wer hilft den Göttern?

Wer hilft den Göttern?

Wunderschöne (Wunder?) Weinbergwege.

Straße ins Weinglück

Road to happiness

Mathilde sonnte sich im Abendlicht. Auf einer Spätburgundertraube. Fast wäre ich an ihr vorbeigegangen. So versunken war ich in meine Sophistereien.

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Ich fragte sie, ob sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen könnte und sie versprach mir, mich zu ihrer Lieblingsköchin zu führen.

Eine Stunde dauerte es noch, dann erreichten wir gegen halb sieben Blienschwiller. Ein kleiner, eher unscheinbarer Ort auf der sehr sonst sehr touristischen Weinstrasse. Im Weindorf: nur ein Hotel und nur ein Restaurant. Keine Busse, keine Massen. Stille.

Im Restaurant kämpfte ich zuerst mit einem Bier gegen das Verdursten an: Fischer Tradition. Köstlich!!!
(Wie ärgerlich, dass die elsässische Traditionsbrauerei von Heineken übernommen wurde.)

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Mathilde freute sich sichtlich über mein Bier-Vergnügen.

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Dann erst bestellte ich. Die Speise- und Wein-Karte exquisit. Ohne es zu ahnen, war ich in einem Gourmet-Lokal gelandet.
Mon Dieu! Warum wohnt Gott in Frankreich?
Noch nie habe ich in Frankreich so gut gegessen und getrunken wie an diesem Abend.

Durst:
1) Als Aperitif: Gewürztraminer (Grand Cru). Sensationell.
2) Riesling trocken (Steinacker 2011): Mineralisch, fein, herb. Für einen Alltagswein sehr gut.
3) Pinot Noir (2012) . Jung und trotzdem langer Nachhall. Überraschend schwergewichtig für einen Elsässer Spätburgunder.
4) Corbière. Domaine Calvel. Fast tintig schwarz. Konzentriert. Grandios.

Hunger.
Überraschungsmenue: 45 Euro. 5 Gänge. Die Köchin (sie wurde Silvie? gerufen) eine Gewürz-Expertin. Eine Aromen-Zauberin.

1) Willkomensgruß: Muscheln im Sud.

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2) Hausgemachte Entenleber mit verschiedenen Salzen, Joghurt-Dip und Himbeervinaigrette.

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3) Makrele auf Toastbrot mit Tomaten und Olivencreme. Dazu Rucola-Salat mit Rotem Pfeffer.

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4) Rinderfilet auf Kartoffeln und verschiedenen Karotten. (Ich wusste bisher nicht, dass es weiße Karotten gibt!)

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5) Drei verschiedene Käse. Ziegenkäse mit Kräutern / Camembert mit Calvados / Tête de Moine.

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6) Dessert: Tiramisu mit in Pinot Noir eingelegten Süßen Kirschen und einem Sorbet.

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Hinter jeden Gang hätte ich nur Worte des Entzückens stammeln können. Es war einfach sensationell.

Unterkunft: 55 Euro.

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Senfbäuche, Krauts und Europa-Referenten überfüllen Obernai

Sehr früh von meinem Hotel in Kehl in die Innenstadt von Strasbourg gefahren, dem Endpunkt meiner gestrigen Etappe.
Der Bus voller Franzosen, die offenbar auf der deutschen Seite wohnten und auf der elsässischen arbeiteten.

Kehl wirkt wie ein Vorort von Strasbourg.

Die elsässische Hauptstadt in schmeichelndem Morgenlicht.

Pittoresk

Pittoresk

Um Viertel nach neun brach ich in der Nähe des Münsters Richtung Obernai auf. 27 km entfernt.

GPS-159-Strasbourg

GPS-Gesamtstrecke bis 159

Die ersten zwei Stunden endloses Gehen, um aus den Vororten Strasbourgs heraus zu gelangen. Danach schmucke Örtchen.

Fachwerk satt

Fachwerk satt

Ich bemerkte an mir eine seltsame Unlust, durch elsässische Bilderbuchdörfer zu schlendern. Ich redete mit niemanden. Ich wanderte gedankenverloren und meine Erinnerungen gingen weit zurück.

Als ich in den 1990er Jahren in Baden-Baden wohnte, kannte ich einen in die Jahre gekommenen Lebemann. Ich nenne ihn „K“. Sein Geld verdiente er damals, indem er, immer gut angezogen und mit mediterraner Bräune im Gesicht, betagte reiche Witwen durch die Kurstadt chauffierte. Unter einem Rolls Royce tat er es nicht. Wie weit sein Service ging, war mir nicht bekannt. Aber seine Kurschattendienste erlaubten ihm auf reichlich großem Fuß zu leben. „K“ war spendabel, nie protzig (trotz Goldkettchen und Golduhren), unterhaltsam, schwätzte ein breites Badisch und hatte immer eine Geschichte parat.
Eine handelte von seinem Vater, einem Franzosen.
Dieser war Offizier und führte am Ende des Zweiten Weltkrieges das Kommando über ein kleines badisches Städtchen.
Der deutsche Bürgermeister des Ortes war ein bekannter Judenhasser gewesen. Er hatte eine attraktive junge Frau. Der französische Offizier ließ den deutschen Bürgermeister wegen (tatsächlicher) Kriegsverbrechen hinrichten, umwarb die schöne Witwe, schwängerte sie und zog nach einem Jahr – allein – in sein Heimatland zurück.
„K“ erfuhr erst als 18jähriger von seinem Vater, machte sich auf die Suche, fand ihn, wurde aber aus dessen Haus gejagt.
Ich habe nie an der Echtheit dieser Geschichte gezweifelt. Auch wenn „K“ in der Folge zu einem kleinen vaterlosen, vagabundierenden Banditen geworden war, schon sein erstes Geld mit Gaunereien gemacht hatte und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden überaus erfinderisch war. Er war ein sympathischer Belmondo-Typ.

Ich durchlief die elsässische Sauerkraut-Region. Die Choucroute-Barone zeigen ihren Reichtum mit prächtigen Häusern im traditionellen Fachwerk-Stil.

Show the way you live

Show the way you live

Ausgedehnte Riedlandschaften. Tabakanbau, auch Hopfen, Mais, Weißkohl.

Die wahren Krauts!

Die wahren Krauts!

Man sieht dem Kraut nicht an, welch Köstlichkeit es ist, wenn es gut gesäuert wird.

Krautkopp

Krautkopp

Merkwürdig, dass dieser Landstrich, der unmittelbar an Strasbourg angrenzt, touristisches Niemandsland ist.

Hauptstadt der Krauts

Hauptstadt der Krauts

Der Hopfen fast reif. Man riecht ihn aber nicht, wenn man an den Feldern vorbeischlendert. Der Geschmack und Geruch fest verschlossen in den Zapfen.

Hopfen und Malz - Gott erhalt's

Hopfen und Malz – Gott …

Fast alle Dörfer bunt beblumt.

Light my flower

Light my flower

Auf den Fluren Wegkreuze aus dem frühen 19. Jahrhundert.

O Jesus! Was machst du über Jahrhunderte da oben?

O Jesus!
Was machst du über Jahrhunderte da oben?

Am Horizont die Vogesen und erste Weindörfer.

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Nach 6 1/2 Stunden erreichte ich Obernai. Ein Stätdtchen mit 10 Tausend Einwohnern. „Senfbäuche“ werden diese von den Nachbargemeinden genannt. „Zanefbieche“ auf Elsässer-Deutsch.

Anziehungskraft 1

Anziehungskraft 1

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier im Viertelstundentakt Besuchergruppen durch die Straßen zogen und selbst Autos die Durchfahrt blockierten.

War’s wegen der Heiligen Odilie, die hier geboren wurde?

Anziehungskraft 2

Anziehungskraft 2

Jedenfalls war es gar nicht leicht, ein Hotelbett aufzutreiben.
Meine Wirtin erklärte mir dann, dass das nicht nur an den Touristen läge (viele kämen nur zu einem Tagesbesuch), sondern daran, dass der Europarat und das Europäische Parlament Sitzungswoche in Strasbourg hätten. Dort gäbe es nicht genügend Zimmer für alle Abgeordnete, Referenten, Angestellte, Lobbyisten usw, die für 5 Tage von Brüssel ins Elsass umsiedelten. Also suchten sich viele Logis sogar in der elsässischen Weinstraße. 30, 40 km vom Sitzungsort entfernt.

Anziehungskraft 3

Anziehungskraft 3

Durst: Pinot Noir (rouge). Halber Liter. 11,20 Euro. Gekühlt und angenehm zu trinken. Ohne Nachhall, aber guter Schoppenwein.

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Hunger: Baeckeoffe. 17 Euro.

Eine elsässische Spezialität. Ein Eintopf, der in einer Terrine stundenlang im Ofen brutzeln muss. Kartoffeln decken das Eintopfgericht ab.

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Unter der Kartoffelschicht: 3 Sorten Fleisch (Rind, Schwein, Lamm). Dazu Schweinsfüße. Das Fleisch wird einen halben Tag in Weißwein mariniert und danach mit Lauch und Karotten gegart.

Herrlicher Geschmack! Der Eintopf war seinen Preis wert!

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Unterkunft: 42 Euro (ohne Frühstück). Die Wirtin hatte mir das letzte Zimmer gegeben. Ein Winzling, aber immerhin mit Dusche.

Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Juliette schenkt mir Pralinen für den Weg nach Überherrn

Die Wolken hatten einen Dauerbruch. Aus dem Himmel wurde Wasser abgepumpt. Mal ganz stark, mal noch stärker.

Meine Wanderung unterbrach ich schon nach 10 Minuten in einem Innestadtcafé von Bouzonville.

Glücksritter

Glücksritter

Wenn es überhaupt jemand auf die Straße zog, dann hierher. Nicht wegen eines Café au lait oder eines Frühstücksbiers. Die meisten spielten Lotto. Mit hohem Einsatz. In der halben Stunde, die ich hier Regenschutz suchte, gingen Hunderte von Euros über den Tresen. Ausnahmslos Männer leerten ihre Portemonnaies. Einige sahen aus, als verspielten sie ihre Stütze.

Um 10 Uhr verließ ich Bouzonville. Mein Minimalziel: Überherrn im Saarland. 19 km weit weg. Den Inhalt meines Rucksacks, Klamotten, Laptop, Kameraausrüstung, alles hatte ich noch einmal extra in Plastiktüten gepackt, um sie vor der durchdringenden Nässe zu schützen.

GPS-147-Bouzonville

Immer wieder suchte ich Schutz unter Bäumen oder – in einem Dorf – unter vorstehenden Dächern.

Bereits im ersten Weiler, in Alzing, machte ich wieder einen Stopp.

Juliette hatte mich eingeladen. Eine 92jährige, die mich von ihrem Fenster aus ansprach.

Se invites me

Se invites me

Juliette wohnte allein, ihre zwei Kinder weit weit weg. Sie brauchte jemanden zum Reden.

Sie goss mir (am frühen Morgen!) einen Mirabellen-Schnaps ein und schüttete ihre Geschichte über mich aus. Sie wechselte zwischen Lothringischem Platt und Hochdeutsch.

Guten Morgen Schnaps

Guten Morgen Schnaps

Im Krieg war der Bauernhof ihrer Familie niedergebrannt worden. Sie wurde nach Viennes deportiert. Von wem und warum, das brachte sie nicht mehr recht zusammen.

Long time ago

Long time ago

Nach dem Krieg kehrten sie nach Alzing zurück. Ihr Mann arbeitete bei der Bahn in Dillingen. Der saarländische Ort gehörte damals zu Frankreich. Bis 1957.

Schön war sie, schön ist sie

Spiegel in die Vergangenheit

Wenn Juliette den Kopf schüttelte sagte sie immer „Mein lieber Mann!„.

Sie zeigte mir Fotos. Als sie klein war habe sie oft eine Schlaufe im Haar gehabt. Schön sei sie gewesen.

Zeit steht

Zeit steht

Schön ist sie immer noch.

Won't let me go

Won’t let me go

Als ich mich verabschiedete, verschwand sie ins Nebenzimmer. Sie wollte mir eine Semmel mit Heringen belegen. Dann wollte sie mir noch einen weiteren Schnaps einschenken. Schließlich drückte sie mir zwei Pralinen in die Hand.

O Juliette

O Juliette

Als ich längst wieder im Regen und weit weg von Alzing war, probierte ich eine Praline und spuckte sie gleich wieder aus. Sie hatte offenbar Jahre in einer Schublade auf mich gewartet.

Wenn das Wolkengrau und der Regenschleier sich einmal für Minuten etwas lichtete, konnte ich die gestrige Landschaft ahnen, in die ich mich verliebt hatte.

Konturlos

Konturlos

Noch zwei Mal stoppte ich in Dorfschenken, um den Regen abzuschütteln und um ein kleines Bier zu trinken. Der Mirabellenschnaps hatte mich durstig gemacht.

In einer Bar unterhielt ich mich mit dem Wirt und zwei Thekenbrüdern.
Nicht wenige Deutsche, so erzählten sie, lebten hier in Lothringen, weil sie in Frankreich weniger Steuern bezahlen müssten. Manche seien seit 15 Jahren im Ort und würden immer noch kein Wort Französisch sprechen.

Nette Burschen in der Kneipe. Ein Bauer sprach so breites Platt, das ich Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen.

Nach 6 Stunden endlich Überherrn im Saarland erreicht.
Ich verließ das Hotel nicht mehr. Draußen stürmte und blitzte es.

Das Restaurant hatte sich sehr früh mit Einheimischen gefüllt. Die gesamte Mittelschicht des Ortes war hier, zechte und schwätzte breites Saarländisch. Laut, gesellig, gemütlich.

Hunger: Trüffelravioli mit Ratatouille. Fein. (Aber zu wenig für meinen großen Hunger.) 14,90 Euro.

T147-Essen-01

Unterkunft: 61 Euro (mit Frühstück).

Über den Jakobsweg nach Vianden

Das freakige Pärchen, das das Harley-Davidson-Fanclub-Hotel betrieb, erzählte mir zum Frühstück, dass es hier im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet viele Niederländer gäbe, die Hotels, vor allem aber Campingplätze betrieben.

Dasburg sei ein Zwischenstopp auf dem Jakobsweg, der aus dem Rheinland bis ins galizische Santiago de Compostela führe.
Kundschaft käme automatisch.

Es ist ja auch eine grandiose Landschaft, wenn man sich zu den Regenschleiern noch ein wenig spanische Wärme einbildet!

Nebeltal

Nebeltal

Um halb 10 Dasburg über einen steilen Berg verlassen, der mich schon früh ins Schnaufen brachte.

Mein Ziel: Vianden in Luxemburg. 21 km entfernt.

GPS-140-Dasburg

GPS-Gesamtstrecke bis 140

Der Regen war nicht stark, es nieselte mehr. Nach dem Anstieg jetzt ein langer Bergkamm mit wunderschönen Aussichten. (Wäre da nicht der Grauschleier gewesen!)

Ich wunderte mich über nasse Wollfetzen an Sträuchern. Als ich sie genauer inspizierte. merkte ich, dass es nicht Schafswolle war, wie ich vermutet hatte. Samen der Pusteblumen hatten sich zu nassen Lappen verklumpt und hingen wie Sperma von den Dornenbüschen.

Ob sich diese Fliege von ihm befruchten lassen wollte?

T140-Mücke-01-imp

Ein Esel sah dem sinnlosen Kopulationsversuch zu.

Das Haupt vor Scham geneigt

Das Haupt vor Scham geneigt

Das Tal der Our war schnell erreicht. Und damit die Grenze zu Luxemburg.
Im ersten Gasthaus, direkt hinter der Grenzbrücke, löschte ich meinen Durst und unterhielt mich ein wenig mit der alten (fußlahmen) luxemburgischen Wirtin.
Ich wollte von ihr wissen, ob es irgendwelche Schwierigkeiten mit dem Nachbarn gibt.
Sie verneinte und meinte, dass die Deutschen in den letzten 10 Jahren lockerer geworden seien.
Es gebe aber noch einige wenige Luxemburger, die Deutsche nicht mochten. Wegen des Krieges. Das seien vor allem die Baskenmützenträger.

Nur wenige Dörfer schmiegten sich entlang des Flusses.
Ich sah kaum Menschen und schon gar keine Baskenmützenträger.
Der Tag war zu unwirtlich.

Eingefasst

Eingefasst

Es war nass und kalt. Und ich war froh, als sich endlich Vianden ankündigte. Spektakulär die mächtige Stauferburg auf dem steilen Waldhang. Wenn auch ziemlich verwaschen das Bild.

Kein Weg nach oben

Kein Weg hinauf

Es goss in Strömen und mein Kameraobjektiv war nicht mehr schlierenfrei zu bekommen.

Alle Wege führen vorbei

Alle Wege führen vorbei

Vianden ist einer der wichtigsten Tourismusorte Luxemburgs.

oben-unten

oben-unten

Aber eigentlich gibt es (außer der Burg) nicht viel zu sehen. Das Mini-Städtchen ist äußerst provinziell, fast langweilig.
Und das lag nicht nur am Wetter.

Strassen ohne Saison

Strassen ohne Saison

Um 3 Uhr ein Hotel direkt an der Our gefunden. (Es gibt viele!)

Durst: Diekirch Pils. (Luxemburgische Brauerei, seit 1871. Vor kurzem von einem belgischen Konzern übernommen.) Schmackhaft!

T140-Bier-01

Hunger: Judd mat Gaardenbounen an Speckgromperen. (Geräucherter Schweinenacken mit dicken Bohnen. In einer Kräutersoße. Dazu Speckkartoffeln).

T140-Essen-01

Das Gericht ist eine luxemburgische Spezialität und war außerdordentlich gut zubereitet. Als ich den Teller leergeputzt hatte, brachte mir die Bedienung die gleiche Portion noch einmal. Es hatte ihr gefallen, wie ich mich über das Essen hergemacht hatte.

Am Nebentisch saß eine kleine Runde Einheimischer, die sich im Luxemburger Dialekt unterhielten. Eine beschwingte schöne Sprachmelodie! Ich hörte der Sprechmusik gerne zu und verstand durchaus einiges. Sehr weit weg vom Pfälzischen ist die luxemburgische Sprache nicht.

Kurios: ein Fahrstuhl zum Klo!

T140-Toilette-01-imp

Unterkunft: 80 Euro (mit Frühstück).

Ein grenzenlos schöner Tag bis Heinsberg

Glück gehabt gestern! Gelaufen, bis der ganze Körper nicht mehr konnte, und dann diese wunderschöne Unterkunft gefunden. Mit Ausblick zur Maas.

Blick nach vorn

Blick nach vorn

Mit Rücktür zur Burg.
Ein alter Wachturm aus dem 10. Jahrhundert ist der Kern der Anlage.
(Gibt es neben Wachtürmen auch Schlaftürme?)
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage zur Ruine geschossen.

Blick nach hinten

Blick nach hinten

Von der Frühstücksterrasse zum Ufer sind es ein paar Stufen.

Frühstücksblick

Frühstücksblick

Kurz nach 9 Uhr aufgebrochen. Mein heutiges Ziel: zurück nach Deutschland, nach Heinsberg.
33 Kilometer Fußweg.

GPS-130-Kessel

GPS-Gesamtstrecke bis 130

Die Maas wieder mit einer Fähre gequert (1 Euro).

Ping Pong Fähre

Ping Pong Fähre

Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass dieser niederländische Fluss so pittoresk sein konnte.

Maas Romantik

Maas Romantik

Am anderen Ufer umschloss mich die Farbe Weiß.

Weite Wege Weite Felder

Weite Wege Weite Felder

Kilometerlange Blütenallee.

Die Farbe der Reinheit

Die Farbe der Reinheit

Nichts machen die Niederländer „klein“. Alles ist „big“!

Gigantische Spargelfelder, nicht enden wollende Obstplantagen, Tulpengewächshäuser, die in den Horizont hineinwachsen, Kuhställe so groß wie Flugzeugterminals, Einkaufszentren mit mehr Fläche als Kleinstädte.

Die Niederlande ist ein Masse-Land.
Small is beautiful, but small is not here.
(Habe z.B. nirgendwo einen kleinen Biohof gesehen.)

Den Menschen, denen ich in den Dörfern begegnete, sah man keine bäuerliche Herkunft an, auch wenn sie in der Landwirtschaft arbeiteten. Das war mir eigentlich in der ganzen Region Limburg aufgefallen. Die Bewohner wirkten eher wie Kaufleute, Angestellte von mittelständischen Unternehmen, Dienstleister, nicht aber wie Ackerer, Landwirte, Knechte. Schwielen an den Händen sah ich keine.

Vielleicht hängt dies auch mit der Größe der Höfe zusammen, die eher wie Industriebetriebe geführt werden.

Eine eingezäunt Mühle aus dem 17.Jahrhundert. Erbaut 1604!

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Die Ortsdurchfahrten in den Niederlanden sind oft durch „Drempels“ geschützt.

Sprachschön

Sprachschön

In deutscher Behördensprache sind das „Bremsschwellen“ oder „Fahrbahnschwellen“.
Die schönste Bezeichnung stammt aus Belize: „sleeping policeman“.
In Frankreich: „dos d’âne“: Eselsrücken.
In Mexiko: „tope“.
In den USA: „Mexican bumps“.
In Peru: „rompe muela“: Backenzahnbrecher.
Im Westfälischen: „Bremshuppel“.
In der Bundeshauptstadt: „Berliner Kissen“.

In manchen Ortschaften fühlte ich mich beobachtet.

Wer hat Angst vor Virginia ?

Wer hat Angst vor Virginia ?

Zwischenstation in der Stadt Roermond.

Hier mündet die Rur (Roer) in die Maas. Roermond ist ein Einkaufszentrum mit einem enorm großen Outlet-Center. 2,8 Millionen Besucher kommen jährlich zum Shoppen. Die meisten aus dem nahen Deutschland.

Die Straßen wirken britisch.

Is it british?

Is it british?

Durst: Heineken. Stolzer Preis am Marktplatz: 4,70 Euro.

T130-Bier-01

Habe mir sämtlich erreichbaren Biere beim Nachbarn durch die Kehle laufen lassen: Heineken, Amstel, Grolsch, Brand.
Fast alle schmecken sehr ähnlich. Süffig, leicht konsumierbar. Wenig Nachhall. Kaum eigener Charakter. Auf Massengeschmack getrimmt.
Einzige Ausnahme: Jan Hertog!

Wegheilige und Wegkreuze hätte ich in den eigentlich calvinistischen Niederlanden nicht erwartet.
Aber sie gab es überall, in den Dörfern und besonders auch in den Städten.

Katholische Niederlande

Katholische Niederlande

(Ich hatte mich mal wieder geirrt. Die Katholiken bilden mittlerweile die größte Religionsgemeinschaft im Land.)

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Sint Odilienberg. Eine Abtei (aus dem 11. Jahrhundert !), von der aus die Christianisierung der Niederlande betrieben wurde.

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Kurz hinter Posterholt: die Grenze war erreicht.
Antje saß auf einer großen Fritten-Tüte, ziemlich genau auf der Grenzlinie.
Sie sagte, sie käme vom niederländischen Tourismusverband und wolle von mir gerne wissen, wie mir das Land gefallen habe. Jetzt, da ich es verließe.

Antje will's wissen

Antje will’s wissen

Ich erzählte Antje, dass ich mich entschieden hätte ihre Landleute wirklich zu mögen!
Ich hätte ausnahmslos nette, aufmerksame, kommunikative und sehr hilfsbereite Menschen erlebt.
Von Vorurteilen und Vorbehalten hätte ich nichts gespürt.

Ob mich denn wirklich gar nichts gestört hätte?

„Doch“, antwortete ich: „Eine Sache gab es! Die Rudelbildung. Wenn du alleine an einem Tisch im Biergarten oder auf einer Restaurant-Terasse sitzt, kann es sehr schnell passieren, dass du ungefragt von einer Herde gut gelaunter und sich laut unterhaltender Menschen umzingelt wirst. Sie nehmen einfach an deinem Tisch Platz. Etwas, was in Deutschland, Spanien oder Frankreich nie geschehen würde.“
Am Anfang hätte ich das rücksichtslos gefunden, mich dann aber gefragt, ob meine Wahrnehmung falsch sei. Vielleicht ist das einfach nur „unkompliziert“.
Antje lachte.

„Ich finde Euch cool!“ schmeichelte ich ihr und verabschiedete mich.

Zwei Stunden fehlten noch bis Heinsberg.
Meine Fußsohlen brannten und ich hätte Lust gehabt, meine Füße in einem der vielen Baggerseen abzukühlen.

Der Maianfang fühlte sich bereits wie Sommer an.

Sommer im Frühling

Sommer im Frühling

Spring in the city

Spring in the city

Ankunft nach 9 1/2 Stunden. Erschöpft.

Die Auswahl der Restaurants in Heinsberg schwankt zwischen türkisch, griechisch, italienisch und italienisch griechisch, türkisch.

Ich wählte griechisch.

Hunger: Gegrillter Schafskäse (in Flüssigform). Pikant gewürzt. Gut.

T130-Essen-02

Dazu etliche Biere (Veltins), um mich herunter zu kühlen.

Unterkunft: 47 Euro.

Fränzchens Sonnengesang dröhnt bis Venray

In Kevelaer gibt es noch mehr Devotionalienläden als Pilger. Vekaufsschlager ist, neben dem Gnadenbild Marias, der Heilige Franziskus.
Das hängt wohl mit der Wahl des neuen Papstes zusammen.

Pope I

Pope I

Auf jeden Fall habe ich mir morgens um 10 Uhr ein kleines Fränzchen in den Rucksack gesteckt.

Es sollte mich die 24 km bis Venray in den Niederlanden begleiten.
(Was vielleicht nicht die beste Idee war: Den ganzen Tag sollte Fränzchen mich mit seinem Sonnengesang nerven.)

GPS-128-Kevelaer

GPS-Gesamtstrecke bis 128

Niederländiche Landschaft ändert sich eigentlich nie: ausgedehnte Felder, Bauernhöfe, kleine Ortschaften.

Geparkt

Geparkt

Ab und zu Pferdeweiden.

Gebändigt

Furyland

Eine nette kleine Fähre brachte mich auf die andere Seite der Maas.

Maasvoll

Maasvoll

Was für die Deutschen der Rhein ist, ist für die Niederländer die Maas.
Sie lieben ihren Fluss.

Frau am Steuer

Frau am Steuer

Ich hätte Lust gehabt, eine kleine Schippertour zu unternehmen und mich irgendwohin treiben zu lassen.

Maas ohne Überlaufventil

Maaslos

Ich hatte einen faulen Tag erwischt und musste mich zur Lauf-Disziplin zwingen. Trotzdem war Venray schnell erreicht.

Ein äußerst sympathisches Kleinstädtchen mit schönem Zentrum.
Ein herrlicher Frühlingsnachmittag!

Viele volle Maas

Keine Maas

Beim Bier war mir aufgefallen, dass sich Honoratioren der Stadt versammelten. Ich fragte die Kellnerin, ob eine besondere Veranstaltung geplant sei?

Sie wies mich daraufhin, dass heute der 4. Mai sei!
Bei Sonnenuntergang würde im ganzen Land der Toten des Zweiten Weltkrieges gedacht. Am Vorabend der Befreiung der Niederlande.

Eine sehr würdige Veranstaltung.

Respect I

Respect I

Veteranen, die einst gegen das Hitler-Deutschland gekämpft haben.

Respect II

Respect II

Für mich überraschend, wie stark die kurze militärische Zeremonie besucht war.
Und wie lebendig die Erinnerung gehalten wird.

Respect III

Respect III

Am Fuß des Mahnmals der Weltkriegstoten brannte eine Kerze für die neuen Toten der neuen Kriege.
(Es hört einfach nicht auf!)

Respect IV

Respect IV

Hunger:
Köstliche Tapas, die – um es mit Loriot zu sagen – auf ziemlich übersichtlichen Tellern serviert wurden.

T128-Essen-01

Unterkunft: 70 Euro.

Grenzlauf zwischen Kaaskopp und Mof – bis nach Vreden

Egal an welcher Grenze:
– Es drängeln sich die Geschäfte für Alkohol und Zigaretten.
– Die Anzahl der Spielcasinos steigt drastisch.
– Der Kleine Grenzverkehr sucht seine Freier.

Und sei der Preisunterschied für Hochprozentiges, Glimmstängel und erotische Dienstleistungen hüben und drüben noch so gering.

Strassenlümmel

Strassenlümmel

Nicht anders war es an der deutsch-niederländischen Grenze in Gronau.

Zwei Strassenlümmel

Zwei Strassenlümmel

Bei Frühstück hatte ich den Hotelwirt – einen 45jährigen Niederländer – nach den geläufigen Schimpfwörtern für Deutsche und Holländer gefragt.
Das Repertoire, behauptete er, sei nicht so groß. „Käskopp“ oder „Kaaskopp“ sagen die Deutschen zum Nachbar und „Mof“ rufen die Holländer zurück. („Mof“ kommt wohl von „muffig“.)

Ich wollte wissen, wo er Unterschiede in den Lebensweisen beider Völker sehe.
Eigentlich keine“ seine Antwort.
Bevor er das Hotel in Gronau übernommen hatte, hatte er die Deutschen näher inspiziert. Das Leben diesseits und jenseits der Grenze sei im Grunde gleich. Vielleicht seien die Niederländer ein wenig lauter und geselliger.

Ob denn die Vergangenheit noch eine Rolle spiele?
Kaum!“ „Höchstens bei einigen Älteren.
Klar, so fügte er an, sei es für seine Landsleute traumatisch gewesen, als sie von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg überfallen und brutal misshandelt worden waren. „Das war als würde der Nachbar plötzlich in deinen Vorgarten einmarschieren und alle Anwesenden niedermetzeln„.
Aber die Niederländer hätten keinen Grund heute selbst zu moralisieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sie Fürchterliches in ihren Kolonien angerichtet (Indonesien!). Darüber werde immer noch zu wenig geredet.

Gegen 9 Uhr hatte ich mich vor die Tür des Hotels getraut und den Himmel inspiziert. Wolken, aber keine Regenwolken!
Ich machte mich sogleich auf den Weg. Bis ins westmünsterländische Vreden wollte ich kommen. Allerdings wählte ich einen Umweg über Enschede. 35 lange Kilometer erwarteten mich.

GPS-121-Gronau

GPS-Gesamtstrecke bis 121

Gleich hinter der Grenze, in Glanenbrug, ein kleiner Kinderflohmarkt.

Trottoirlümmel

Trottoirlümmel

Die Farbe Orange dominierte.

Oranje-Liebhaberin

Oranje-Liebhaberin

Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern wollte ich ausmachen, fand aber keine: Junge Mädchen und Omas hüben und drüben lieben blonde Puppen mit blauen Augen.

Blue eyes

Blue eyes

Deutsche fahren schnell mal über die Grenze, um Holland leer zu kaufen.

Wo ist eigentlich Frau Antje?

Wo ist eigentlich Frau Antje?

Besonders, wenn Markttag ist, wie in Enschede.

Fehlt nur der Frühling

Fehlt nur der Frühling

Natürlich Schnittblumen!

Tulpen brauchen in Holland keinen Frühling

Tulpen brauchen in Holland keinen Frühling

Und ein überwältigendes Fisch, Käse und Obstangebot – wie auf keinem deutschen Markt. Nicht mal auf dem Viktualien-Markt in München.
Man spürt noch die koloniale Vergangenheit des Nachbarn.

Wo leben geografisch gesehen die Fischköpp?

Wo leben geografisch gesehen die Fischköpp?

Amsterdamer Hippies sterben auch nicht aus. Aber heutzutage arbeiten sie überall als etablierte Kleinunternehmer mit Krawatte, Seidenweste und Rastamütze.

Kein Van der Vaart

Kein Van der Vaart

Sympathische Marktschreier (wären nur nicht diese seltsamen Fußballer-Frisuren und die für deutsche Ohren doch etwas komisch klingende Sprache).

Ein bisschen Van der Vaart

Ein bisschen Van der Vaart

Auf dem Weg ins Zentrum Enschedes hatte ich tatsächlich einen in seinem Vorgarten werkelnden Einheimischen in Holzschuhen gesehen. Ich dachte, die kauften nur noch Touristen. So irre ich immer wieder.

Hausschuhe Van der Vaarts

Hausschuhe Van der Vaarts

Farbenfroh der Markt.

Süsses für die Van der Vaarts

Süsses für die Van der Vaarts

Nach einer Stunde Bummeln riss ich mich von Farben, Marktgeschrei, Fischgeruch und Blumendüften los und lief weiter auf meinem Weg. Noch 25 km lagen vor mir. Sie verblassten vor der Bilderflut des Enscheder Marktes.

Bald hatte die deutsche Wirklichkeit mich wieder. Die holländischen Vorgärten sind eindeutig hübscher.

Westfälische Dorfansicht

Westfälische Dorfansicht

Gegen 18 Uhr endlich Vreden erreicht.

Es war schwierig, etwas Essbares zu finden. Restaurants mit „Geschlossene Gesellschaft“ gehören zumindest in Kleinstädtchen verboten!
Und wenn gar nichts mehr geht, gibt es wenigstens noch eine Dorf-Pizzeria. Da Tonio – oder Italia – oder so ähnlich.

T121-Essen-01

Ich wurde satt.
Zum Wegschütten war allerdings der Chianti, den ich bestellt hatte. Jeder 3 Liter-Lambrusco meiner Jugend hatte besser geschmeckt.

Aber ich war dankbar, wenigstens etwas Festes und Flüssiges in Vreden bekommen zu haben.