Pause auf der Fähre nach Stralsund

Vitte ist überlaufen. Einheimische zu finden, ist eine Stecknadel-im-Heuhafen-Aufgabe.
Zwei, drei Fischer sind schon (noch?) früh an den Kais.

Verknotete Hände

Zu den Händen ein Gesicht

Den Morgen hab‘ ich vertrödelt. War eh zwischen grau und ganz grau. Die Fähre legte erst gegen 11 Uhr ab.

Bodden-Kutter

Ich wollte nach Stralsund. Zwar hätte es auch ein Schiff nach Zingst auf Darß gegeben, mein nächstes Etappenziel. Ich wollte mir aber unbedingt das Hansestädtchen Stralsund anschauen. 2 1/2 Stunden Fahrt. Selbst auf der Ostsee gibt es Distanzen!

Unterwegs nur der übliche Horizont. Und Wasser. Die Eintönigkeit ab und zu mal unterbrochen durch ein paar aufgestellte Fischnetze. (Ist die Ostsee tatsächlich überall so flach?)

Fisches Tod und meine (Essens) Freud

Wann ernten die Ostseefischer eigentlich? Morgens? Nachts?

Stralsund tauchte auf. Grandioses Panorama.

UNESCO grüßt die Welt

Ich saß längst schon bei einem Hefeweizen am Platz.

Kirchen mit gotischen Bullaugen

Hunger: Speicherteller (Dreierlei gebratener Fisch (Lachs, Zander, Kabeljau) mit Bratkartoffeln). 12,50 Euro.
Sehr ehrlich zubereitet. Ohne Schnickschnack. Richtig gut.

War in einem Hafenbistro gelandet. Hatten Bob Dylan im Bücherregal.

Master of universe

When I was so much older then, I’m younger than that now.

Danach (leicht schwankend) Gorch Fock im Hafen gucken gegangen (Klingt klasse: Gucken GeGegangen!)

Gorch not fort

Kapitän Smut ist ein Hochstapler und bettelt sich durch bis Sassnitz

Ein windiger Tag kündete sich an. Die Bootsmasten der Segler im Peenemünder Hafen wippten wie alte Baumkronen und knarzten altersschwach. Das Gewitterlicht gab den Hochstapler und tauchte den ungastlich DDR-grauen Ort in etwas Farbe.

Großes Tor zur kleinen Welt

13 Euro verlangte der Bootsmann für die Überfahrt von Peenemünde zur Insel Rügen. Und ich blechte nochmal 13 Euro für Smut, der mich vor dem Steg angesprochen hatte. Er wollte seinen Sohn in Sassnitz auf Rügen besuchen. Doch ihm fehlte das nötige Kleingeld.

Smut – so nannten ihn die Matrosen auf der Fähre. Sie kannten ihn. Smut – so nennt man die Köche auf kleinen Schiffen, aber auch die Schmuddelkinder. Doch mein Smut behauptete, er sei früh-pensionierter Kapitän, dem nur die Ost-Rente nicht bis zum Monatsende reichte. Heute sei ja schließlich schon der 27. des Monats.
Noch ein Hochstapler am frühen Morgen.

Big Smut is watching you

Die Fähre legte um 9 Uhr ab und sollte gegen 11 Uhr in Göhren (Rügen) an der Seebrücke anlegen. Von dort wollte ich ins etwa 29 km entfernte Sassnitz wandern. Smut stöhnte schon jetzt. Er sei keine Landratte, fluchte er.

GPS-Gesamtstrecke bis 067

Die Fähre mühte sich durch das Flüsschen Peene zum offenen Meerausgang.

Peene penetriert offenes Meer

Aber kann man die Ostsee als Meer bezeichnen?
Das Schiff suchte fast schon verzweifelt befahrbare Fahrrinnen, so flach war die See.

Erst später dann Wellen, die Smut und mich schaukeln ließen, aber noch zu schwach, um mich an die Reeling zu treiben. Auch wenn mir ab und zu die Gischt aufs Gesicht und die Kameralinse spuckte (ich werde schnell seekrank).

Ostsee=Kaltsee

Kapitän Smut berichtete von seinen Abenteuern. Ich achtete nicht auf ihn. Trotzdem blieben mir ein paar Wörter hängen:
Schot, schalende Brise, Wind, der Wasser schuppt, Backskiste, Peilbaken, Kühlungsborn, Schiebeluke, Kadetrinne.
Was für ein Sirenengesang der Sprache. Wohlklingende, musikalische Wörter, die ich in meinem zerebralen süddeutschen Wörterbuch beim besten Willen noch nicht abgespeichert hatte.

Der Wind raute noch mehr auf. An den Stränden Rügens keine Badenden. Nur Frierende auf dem Landungssteg, mitten im Sommer und trotz Jack Wolfskins Outdoor Outfit. (Was für ein Siegeszug dieser Marke in Deutschland!)

Stürmischer Empfang

Bereits auf dem Landungssteg trompetete die DLRG aus den Lautsprechern, dass heute an diesem Küstenabschnitt Badeverbot herrsche – weil zu starker Wind – weil Lebensgefahr. (Wann hat eigentlich die Deutsche Lebensrettungs Gemeinschaft die ehemalige DDR als Bay-Watch Monopolist erobert? Und wer gibt ihr irgendein Recht, irgendetwas zu verbieten?)

Von Göhren nahm ich den Höhenweg entlang der Steilküste (so nennt sich das hier, auch wenn es kaum HUNDERT Meter hochgeht).

Sandige Steilküste

In greifbarer Ferne bereits die Seebrücke von Sellin mit ihrer Taucherglocke!

Badeverbot wg. Sturmwarnung

Das Seebad selbst eine Augenweide. Holztreppen, die die Besucher wie in einer Gala-Show gut gelaunt nach unten schweben ließen.

Prachtvoll

Strandkörbe, die niemanden erwarteten, die sich nur für einen Augenschmaus aufstellten.

Suchbild

Und die Strandgesellschaft langweilte sich ein wenig mit dem Kinderchor, der gleich in der Kurpark-Muschel auftreten durfte/musste/sollte.

In Erwartung des musikalischen Grauens

Schon nach ein paar Kilometern legte Kapitän Smut seine Pfeife weg, schnaufte demonstrativ und setzte sich zur Rast. Von dem bisschen Laufen schien er wie im Zeitraffer gealtert.

Nach zwei Stunden am Strand entlang, bog ich einmal kurz ab. Hinter Bäumen versteckt lag der kilometerlange Häuserkomplex Prora.

KDF, NVA, DDR, BRD

Von den Nationalsozialisten hingeklotzt als KdF-Ferienheim für 20 Tausend Gefolgsleute. Später von den Russen und der NVA übernommen. Mittlerweile weitgehend zerfallen, bis auf ein paar Jugendherbergs- und museale Inseln.

Neutral = Nicht Negativ

Das Plakat behauptet, die Ausstellung über die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR sei „neutral“ und nicht „negativ“.
Denn Sinn dieser Worte verstand ich nicht.
Kein Mensch, der sich mit Geschichte, Politik oder Zeitgeschehen auseinandersetzt, kein Ausstellungsmacher und kein Journalist dieser Welt, der auch nur ein Funken kritisch sein will, kann gleichzeitig „neutral“ sein. Immer hat er einen gedanklichen archimedischen Punkt, von dem aus er die Verhältnisse (Unrecht, Unwahrheit) aushebeln will.

Ich musste mich entscheiden, entweder die Ausstellung zu besuchen oder mein heutiges Ziel (Sassnitz) nicht zu erreichen. Es war schon 16 Uhr und ich hatte immer noch drei bis vier Stunden zu marschieren.

Ich ging weiter. Mit einem immer lauter stöhnenden Kapitän Smut an meiner Seite. Nur die schönen Plakatjungfrauen, die jeden Abend in die größte Diskothek Rügens einluden, konnten ihn ihm – vorübergehend – ein gewisses Hochgefühl erzeugen.

In ist = Wer drin ist

Ein Motorradrowdy vertrieb uns mit lautem Motorengeheule von der Straße.
Nichts ist unmöglich in dieser Gegend. Ein junger Schwede fuhr mit Eisernem Kreuz durch ehemaliges Nazi-Gelände. Auch ein Bekenntnis! War das normal hier?

In ist = wer mit Eisernem Kreuz durchs ehemalige KDF Gelände der Nazis fährt

Gegen halb acht endlich Sassnitz erreicht. Geduscht, Zähne geputzt und wieder angezogen in weniger als 5 Minuten. Und ab an den Hafen, auf der Suche nach einem Esslokal.

Sehnsuchtsort

Schon beim Fotografieren war mir klar: Das wird ein Bild der Sehnsucht.

Warum nur funktioniert die Blaue Stunde so gut als Sehnsuchtserzeuger? Und noch mehr die Vintage-Fotos, die auf alt und vergilbt gemachten Bilder, als seien sie von vielen Händen über Jahrzehnte speckig gegriffen worden?
Warum liegt die Sehnsucht immer im Vergangenen und nicht in der Zukunft?
Warum kann man Utopie nicht fotografieren?

Durst:
Störtebeker Pils: 3,90 Euro (0,5 l).
Stolzer Preis – aber auch klasse Bier. Endlich mal wieder ein Regionalbier! Brauerei sitzt in Stralsund (seit 1827) und versorgte früher fast exklusiv die mondänen Seebäder Rügens.
Deutlicher Hopfengeschmack, eine Spur zu bitter. Aber ein Bier mit Eigenart, das leicht unter der Masse der industriellen Gerstensäfte herauszuschmecken ist. Langer Nachhall!

Hunger:
Zanderfilet in Kartoffelkruste auf Orangen-Senf-Kohl mit Butterkartoffeln: 16,90 Euro.

Das Essen jeden Cent wert! Irres Geschmackserlebnis. Die Kruste knackig ohne den Fischgeschmack zu erschlagen. Der Orangen-Senf-Geschmack des Kohls dezent, aber spürbar. Verdammt gute Kombination.
Das Einzige, das nicht passte, waren die zusätzlichen Butterkartoffeln (mit Petersilie). Ich putze mit ihnen danach dennoch den Teller. Der blieb wie gespült zurück. Keinerlei Essensspuren!

Sogar Smut war gut drauf, bestellte sich auf meine Rechnung ein Bier nach dem andern und lutschte noch den Schaum aus dem Inneren des Glases.

Noch lange in der Nacht gesessen!

Unterkunft 50 Euro (Mit Hafenblick! und Frühstück).

Knut schlief immer noch seinen Rausch aus, die zweite Nacht in Folge

Durch die Büscherie bis Penkun

Sonnengelb, Rapsgelb, Gelb!
Welch eine Farbe!

Alle Wege führen zum Horizont

„Blame it on a simple twist of fate“.
Hier könnte sich das für mich ereignen: ein Sekundentod der Gedanken und eine 180-Grad Wende (egal zu was) -angesichts des optischen overkills.

Landart (Gottseidank muss das Däniken nicht mehr interpretieren)

O Lord – ich mag Gelb eigentlich nicht besonders (und schon gar nicht das muffelnde Rapsgelb). Aber das hier war göttlich. Wie gerne hätte ich hier den Sonnenuntergang abgewartet. Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie das hätte aussehen können: der untergehende orangene Ball in einem solchen Feld.
Aber ich – wie ein neoliberales Arschloch getrieben von irgendetwas – setzte meine Wanderung einfach fort.

Weiß zürnt Blau zürnt Gelb

Wie hätte ich empfunden angesichts eines RiesenRotenMohnFeldes? Einer BlauBlühendenKornblumenWiese? Eines endlos WeitenWeißMargeritenAckers?
Bewirkt Gelb etwas anderes? Aber was?

Breite deine Arme aus und sing‘ Halleluja!

Jedenfalls passt hier draußen nur Miles-Davisens Cool Jazz. Nix sonst.
Doch was würde ich drinnen in solch einem Häuschen hören? Mit all der übermächtigen Natur, die dich hier nur duldet? (Haitianische Trommeln? Karibische Maracas? Bayerische Ratschen? Jedenfalls jedes Instrument, das Lärm macht! Da bin ich mir sicher!)

Beschützte Behausung

Lärm macht auch so ein Instrument: ein RiesenWindRad. Es brummt konstant gegen die gelbe Optik an!

Gelbe Windkraft (oder witchcraft ?)

Und was sonst noch geschah:

Bin zur selben Uhrzeit aufgebrochen wie fast immer. Gegen 9 Uhr.
Habe mich ein wenig in Gartz umgesehen, um dann gegen 10 tatsächlich loszulaufen.
Eigentlich hatte ich vor ins polnische Szczecin (Stettin) zu wandern. 38 lange Kilometer weg. Ich merkte jedoch schnell, dass mein lädiertes linkes Knie eine so intensive Wanderung nicht mitmachen würde. Also änderte ich den Plan und beschloss in Mescherin, auf deutscher Seite weiter zu gehen. Ziel: Penkun ca. 23 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 060

Unmerklich entfernte ich mich von der Oder, die jetzt auch nicht mehr Grenzfluss war, sondern auf polnischer Seite dem Meer entgegenfloss.

Ich konnte mich noch nicht einmal anständig von ihr verabschieden.

Wenn ich einmal nicht Rapsfelder sah, dann seltsame Kirchen mit Windrad als Turmkreuz:

Windschnittige Kirche

Auf den Straßen immer wieder Nattern (Ringelnatter? Schlingnatter?), die sich sonnten und warteten, überfahren zu werden.

ungiftig

Unterwegs Winzdörfer: Brandenburgische Pampa. In einem fand ich gegen Mittag ein offenes Lokal (selten genug!). Eine Landfleischerei mit angeschlossener Kantine für Arbeiter und Schornsteinfeger. (Der saß tatsächlich schwarz verrußt auf einem Stuhl mit Spezialkissen!) Ein Neugierer wollte wissen, warum ich durch die „Büscherie“ laufen würde und wohin überhaupt.
Ich erklärte es ihm und konzentrierte mich auf mein Essen.
Der Mittagstisch 3,50 Euro!! Sülze mit Bratkartoffeln (hausgemacht! Klasse!).

Gegen 17 Uhr 30 erreichte ich Penkun. Ein schöner Ort mit Schlösschen.

Wäe‘ so gern‘ mal Schlossherr

Und sogar mit einer Art Zentrum. Jedenfalls, in der Nähe der Kirche entdeckte ich ein überaus nettes und gutes Wirtshaus. Die Wirtin sehr besorgt um mich, versorgte mich mit allerhand Eiswürfel und Zeugs, um mein Knie zu kühlen, gab mir später ein Gefrieraggregat, um die Behandlung fortzusetzen. Wollte mich überreden, zum Arzt zu gehen. Ich hab‘ mich herzlich bedankt.

Durst: 1 Flasche Pfälzer St. Laurent (klasse Burgunder-Traube!).

Hunger: Spargelzeit! Also Zanderfilet mit Spargel (13,90 Euro). Sehr fein zubereitet!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).