Vorboten Hollands weisen mir den Weg nach Emden

Kräftig gefrühstückt, obwohl der Weg, den ich mir heute vorgenommen hatte, nicht lang war.
Die Bedienung hatte mir ein extra weiches Frühstücksei hingestellt (ich tunke gerne!).

Die Kellnerin wirkte seltsam aufgekratzt. Ich fragte sie, wie sie so früh so hellwach sein könne.
Sie musste lachen.
Sie arbeite bereits seit vielen Stunden.
Sie trage im Dunkeln Zeitungen aus. (Sie habe ein großes Revier zu bestellen.)
Die Arbeit im Hotel sei ihr Zweitjob! Frühstücksdienst. Ab 7 Uhr.
Ihr Mann sei Konditor – aber arbeitslos. Er sei vor kurzem wg. Krankheit aus einer Großbäckerei entlassen worden (welche Sauereien es immer noch gibt!).

Ich dankte ihr für ihr Engagement (weiches Frühstücksei) und wünschte ihr alles Gute im kommenden Jahr.
„Das wird schon werden“ lachte sie zur Antwort.

Gegen halb 10 Uhr machte ich mich auf die Socken. Ziel: Emden. Ca. 20 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 111

Am Dorfrand zwei Holländer.

Twin-Tower

Es fehlte nicht mehr viel und ich würde die Niederlande erreichen. Zwei Tage noch?

Historisch betrachtet, befand ich mich vielleicht schon auf (ehemals) holländischem Boden?
Holländische Mühleningenieure müssen jedenfalls schon einmal hier durchgekommen sein.

Canale Grande in Friesland

Sah es am Morgen noch nach Regen aus, änderte sich das Wetter allmählich. Die Sonne durchbrach die Wolkenbarrieren.

When the sun comes in

Ich lief Kilometer für Kilometer und die Landschaft änderte sich einfach nicht. Und schlagartig wurde mir klar, was mich gestern in diese seltsam lustlose Stimmung gezogen hatte. Ich vermisste tatsächlich etwas: Wald, Berge, eine Überraschung nach einem Hügel.
Ich hatte genug von Meer, Deichen, Kutterhafen und plattem Land!

Meine Geduld wurde strapaziert und ich wusste, dass Geduld nicht zu meinen Stärken zählt.

Lieber stellte ich die Welt auf den Kopf!

Emden überflutet

Ankunft in Emden um halb drei. Schon auf den ersten Blick ein sympathisches Städtchen. Hier fehlte endlich mal keine Generation. Viel Jugend in den Straßen, ein paar Szenenkneipen. Das sah einladend aus.

Geduscht, Wäsche ausgewaschen, Drogeriemarkt (Duschgel und Rasierer), Apotheke (Augentropfen gegen Bindehautentzündung), „Die Zeit“ gekauft und beim Friseur halb gelesen, Restaurant gesucht (Pech gehabt).

Hunger: Wildschweinbraten mit Waldpilzen und Rosenkohl. 17 Euro (überteuert).

In Sauce ertränkter Braten ohne Geschmack. (Wieso ist das Gros deutscher Regionalköche immer noch so umambitioniert?)

Quallen-Joe reißt mich aus trüben Gedanken und lässt bis Varel Zeit vergehen

Nicht leicht, sich in der Ebene zu verstecken

Das Dezembergrau lässt sich einfach nicht aus dem Himmel waschen.

Um halb neun vor die Tür getreten. 37 km lagen vor mir durch das Butjadinger Land bis Varel am Jadebusen.

GPS-Gesamtstrecke bis 104

Eigentlich gibt es überhaupt keine Ortschaft mit Namen Butjadingen, dennoch wird der Landstrich hier so genannt. (Warum?)

Mein Weg führte erst durch kleine Sträßchen und dann wieder auf den Jadebusen-Deich.

Ich – müde

Nichts ist eintöniger als 10 km geradeaus laufen! Das macht Ich-Müde.

Ich lief Zeit ab, nicht den Weg!

Und je zäher die Sekunden verrannen, umso tiefer geriet ich in abstrakte Grübeleien.

  • Ich laufe Lebenszeit ab!
  • Das eigentliche Maß der Welt ist die Zeit, nicht der Raum.
  • Räume sind höchstens (vergängliche) Illustrationen der Zeit.
  • Zeit vergeht immer.
  • Ewigkeit ist ein Raum, der sich nie mehr verändert. Nur hier ist die Zeit angehalten.
  • Aber wenn Zeit angehalten wird, dann läuft sie nie mehr an. Das ist das Ende.

Ich rutschte tiefer und tiefer ins Nichts, … bis mich Quallen-Joe aus meinem Gedanken-Delirium riß.

Joe steckte im Watt-Matsch im Bauch eines merkwürdig schleimigen Gebildes.
Das ist eine Qualle!“ belehrte er mich freundlich.

Ich wollte wissen, was er im Inneren dieses Tieres tat?
Sie ist meine Taucherglocke!

Quallen Joe will nicht mehr raus

Joe durchtauchte im Bauch der Qualle die (seichten) Tiefen des Jadebusens auf der Suche nach dem sagenhafte Schatz des Piraten Störtebeker.

Wie lange er das schon tat?
Hunderte von Jahren.
Und wie lange er das noch zu tun gedenke?
Bis die Zeit still steht!

Es bereitete ihm sichtlich Vergnügen, mir meine Zeit (s.o.) mit weiteren wüsten Piraten-Geschichten zu vertreiben.

  • Kann man Zeit überhaupt vertreiben?
  • Gehört die Zeit mir? Oder jemand anderem?

Ich nahm ihn schließlich mit.

Nach mühevollen 9 1/2 Stunden erreichte ich Varel. Die Kirchuhr schlug 6.

Durst: Jever Pils. Mehrfach.

Richtig Hunger:
1) Toast mit Tomatenbutter, Kräutercreme und Curry-Schmalz. Originell.

Auch Quallen-Joe langte kräftig zu.
Das Geheimnis wie er es schaffte, in den Bauch der Qualle zu gelangen und dabei auch noch zu vespern, wollte er mir aber nicht verraten.

2) Gebratener Mozzarella mit Tomatensalat. 5,90 Euro. Gelungene Kombination, mit milder Vinaigrette.

3) Wildschweinbraten mit Waldpilzen und Rahmsauce. 12,90 Euro. Gut! (Auch wenn der Koch den Wildgeschmack (den ich liebe) herausgebraten hatte.)

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Meine Rucksack-Familie wuchs

Meine einzigen Begleiter bis nach Breitenberg sind Wegkreuze

Früh aufgestanden, aber spät gestartet. Das geht so zusammen:

Gestern, als ich Wegscheid betreten hatte, war mir ein Schild aufgefallen: „Handweberei“. Seit langem sammle ich schönes Kunsthandwerk.
Also ging ich heute morgen sehr früh zur Werkstatt. Und fand ein lebendiges Museum.
Wohl die letzte nicht industrielle Weberei im Bayerischen Wald.

Ein überaus sympathischer Kerl (einer der Brüder, die das Unternehmen leiten) gab mir eine kurze Einführung in die Weberei-Geschichte der Region.

Vor Jahren wurde in der Gemarkung in (fast) jedem Bauernhof gewebt. Das Wegscheider Leinen war europaweit begehrt. Nach dem Krieg starb das Handwerk praktisch aus. Bis auf diese Weberei. (Es gibt nur noch zwei, drei Frauen in der Gegend, die per Hand spinnen und auch privat weben.) In der Webfabrik arbeiten neben BruderUndBruder ein halbes Dutzend angelernter Frauen aus Wegscheid (halbtags). Sie produzieren fantastische Stoffe.

Weberinnen in Wegscheid

Fingerfertigkeit am Handwebstuhl

Feinste Handarbeit in Wegscheid

In der Weberei habe ich mir übrigens einen Kissenbezug (Schwedenstern-Muster) und einen Tischläufer gekauft. Faire Preise.

(Habe das Video mit meiner neuen Spiegelreflex gedreht, bekomm’s aber nicht gescheit konvertiert. Werde mich damit beschäftigen, wenn ich mal Pause mache.)

Mehr zur Geschichte der Webkunst auf der Webseite der Handweberei:

http://www.handweberei-moser.de/startseite.html

Hatte mir vorgenommen, heute bis nach Breitenberg zu gehen. Ca. 17 km. Halb zehn spazierte ich los. Der Weg führte größtenteils parallel zur österreichischen Grenze.

GPS-Gesamtstrecke bis 010

Mieses Wetter. Konnte sich nicht entscheiden zu regnen oder zu schneien. Ziemliches Rumgerutsche. Immer wieder Glatteis. Hatte ab und zu Angst um meine Fotoausrüstung (bei einem Sturz).

Nur selten kam mal etwas Sonne durch. Dann aber prächtige Stimmungen.

Blaue Flecken in Wolkenwand

Die treuesten Wegbegleiter – wie immer – Wegkreuze. Diesmal gab es ganz besondere Exemplare. Kunsthandwerklich anspruchsvoll.

Die ganze Bibel in einem Kreuz

(Wenn ich es recht verstehe, stehen all die Werkzeuge, die hier rund um den Gekreuzigten modelliert sind, für die Instrumente, mit denen Jesus gefoltert (Geißel), nach Golgotha geschleppt (Kette), ans Kreuz geschlagen (Leiter, Hammer) und gemeuchelt wurde (Schwert, Lanze). Plus die gesamte Verrats-Geschichte.

Kunstfertige Schnitzereien am Wegrand

Schön arrangiertes Wegkreuz mit Birken

Werde auf meinem Blog demnächst eine Seite (unter „Galerie“) einrichten, nur mit den Wegkreuzen, die ich passiere. Es sind viele und ich nehme jedes einzelne auf. Habe kaum Zeit, sie besonders abzulichten. Schnappschüsse, aber sie erzählen genug über die Volksfrömmigkeit in dieser Gegend.

Zur Abwechslung (wenn schon keine Menschen auf den Wegen) mal ein paar Viecher.

WeissBraunes Paar

Zahnpflegewerbung

Paartanz

Langsam wurde es Abend. Eine Polizeistreife hielt mich kurz vor Breitenberg auf. Ich machte mich durch bloßes Wandern verdächtig. Ist ja sonst niemand zu Fuß unterwegs. Die Beamten waren reichlich unhöflich, ließen mich aber wieder laufen – Pass war gültig und deutsch.

Noch einmal grandioses Landschaftsbild mit Häuserdach.

Weiss in Weiss mit Grau

15:30 Uhr Ankunft in Breitenberg.

Durst:
Erstes Bier ein Hutthurmer Helles (Brauerei im Bayerischen Wald, gegründet 1557!!!!). 2,40 Euro.

War gut. (Hab‘ allerdings langsam den Verdacht, dass in manchen Gasthäusern nicht richtig gezapft wird. Oft wirken die Biere abgestanden. Wissen die Wirte eigentlich, welchen Frevel sie begehen?)

Hunger:
Wildteller (Keule vom Wildkaninchen, Wildschwein- und Rehfleisch) mit Kroketten und Salat.

War okay. (Ich werd langsam bescheiden oder ich bin zu anspruchsvoll. Was könnte man nicht alles aus diesem Fleisch machen!) (16,90 Euro)

Dazu ein Wolferstetter Hefeweizen. (2,40 Euro.) Bitte Etikett beachten!!

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).

Glücksgefühl beim Verlassen von Gottsdorf

Glücksgefühl am Morgen. Schnee lag noch. Tolle Wetterstimmung beim Verlassen von Gottsdorf.

Gottsdorf in der Früh

Gottsdorf immer noch früh

Einsame Sträßchen, praktisch kein Verkehr. Immer wieder Grenzschilder: Österreich eine gute Spuckentfernung weg.

Grenze verläuft durch Innenhöfe von Bauernhöfen

Eher einfache Route heute: Von Gottsdorf (mit ein paar Umwegen) nach Wegscheid. Maximal 18 Kilometer. Keine schwierigen Höhenunterschiede.

GPS-Gesamtstrecke bis 009

Niemand zu sehen, nicht auf den Straßen, nicht in den Dörfern. (Was machen eigentlich Bauern im Winter? Euro-Subventions-Richtlinien studieren, am warmen Herd?). Immerhin rauchten fast alle Schornsteine. Es wird viel Holz verfeuert. Angenehmer Geruch nach Lagerfeuer.

Meine einzigen Begleiter: Wegkreuze.

Treue Begleiter: Wegkreuze

Und immer noch ein Glücksgefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Es hing wohl mit der Natur zusammen. Sie war nicht grandios. Doch zauberhaft still und anmutig (gar nicht wuchtig, wie ich für den Bayerischen Wald vermutet hätte).

Glück ist ein merkwürdiges Gefühl. Jedenfalls mehr als purer Endorphin-Ausstoß.

Ich weiß, das viele dazu neigen, angesichts eines überwältigenden Naturerlebnisses den Schöpfer zu bemühen und die Nichtigkeit des eigenen kleinen Wesens zu betonen. Und aus einem Glücksgefühl, aus einer Naturüberwältigung, gleich einen Gottesbeweis zu machen. Wieder so ein kultureller Reflex, der sich automatisch zwischen den Synapsen ereignet. 2000 Jahre Christentum haben den meisten von uns den Horror Vacui eingebleut. Die Angst vor dem absoluten Nichts. Nur weil wir den Abgrund des Nichts sehen, sollen wir an Gott glauben. Alles definiert sich demzufolge über sein Gegenteil, nichts existiert ohne sein Antonym. Das hat aber einen Haken. So würde Gott auch nur existieren, wenn es ebenfalls einen Teufel gäbe. Hat also Gott den Teufel geschaffen, um sich selbst zu erzeugen?
Wer den Teufel abschafft, vernichtet Gott?

Komisch, über was ich so nachdenke, wenn ich ständig an irgendwelchen Kruzifixen vorbeimarschiere und an seltsamen Nikolaus-Leichen.
Dieser Himmels-Postbote war offensichtlich erfroren: Wiederbelebung zwecklos. Schokolade auch nicht mehr genießbar.

Irgendetwas stimmt mit der Ausrüstung der Nikoläuse nicht

Danach ein plötzlicher Wetterumschwung. Mehr SchneeRegen als Schnee. Wind. Graupel. Ungemütlich. Wegscheid war allerdings nah. Und ein Landgasthof. Ankunft 15 Uhr 30. Pressspan-Möbel im 60er Jahre Stil. Rustikal-Charme. Knorriger (aber dennoch überaus freundlicher) Wirt. Zwei ältere Bauern am Stammtisch, die auch wieder über die ertrunkenen Angler diskutierten. Konnten aber auch nicht klären, warum sie nicht schwimmen konnten.

Durst: Innsstadt Helles. 2,20 Euro.

Hunger: Wildschweinbraten mit Knödel. Standard (Mehlschwitze ist hier wohl auch Standard). 10,80 Euro.

Mehlschwitze ist Saucen-Standard

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück). Klasse Preis.

Nicht schon wieder: Auch Leopold will mit bis nach Obernzell!

Erster Nieseltag. Luft dauernass. Halb neun losgegangen. Froh, dass ich mal einen Tag wandern konnte, ohne einen neuen Begleiter. Meine Familie hatte ich in einem speziellen Fach im Rucksack verpackt. Die Quälgeister hatten es kommod. Ich hatte (endlich) meine Ruhe.

Wollte nicht zu weit gehen, knapp 17 km bis Obernzell an der Donau.

GPS-Gesamtstrecke bis 007

Der Weg entlang der schönen grauen Donau eher langweilig. Direkt neben einer Bundesstraße. Aber immerhin am Ufer entlang. Ab und zu tuckerte ein Frachter vorbei.

Donau Uferstraße

Donau-Verkehr

Unterwegs: Häuser wie eine Warnung: „Wenn du weitergehst, mach dich auf härtere Zeiten als bisher gefasst!“ Private Trutzburgen, in denen Menschen mit Panzerhäuten leben mussten, die sich maximal via Satelittenschüssel am sozialen Leben beteiligen. Selbst der Wind fühlte sich hier kälter an.

Trutzburgen mit Sat-Empfang

Kann wohnen schöner sein ?

Die Sonne brach noch einmal minutenkurz durch die Wolken. Eine Wegkreuzung und plötzlich stand Leopold da mit seiner Kuh. Ich wollte ihm ausweichen, er sah aus wie deppert: Mitten im Winter mit kurzen Lederhosen, Sepplhut und Kalb(?). Ich hatte allerdings Mitleid, half ihm über die Straße und das interpretierte er als Einladung mit mir zu ziehen.

Leopold will eigentlich Anzüge mit Krawatte tragen.

Ich fragte ihn nach seinem komischen Outfit, direkt wie aus einem Souvenirladen aus der nahen Stadt Passau. Leopold erwies sich als pfiffiges Bürschchen. Damit verdiene er sich ein paar Euros. Die Amerikaner wollten das so, sie zahlten auch gut für ein Foto. Eigentlich würde er lieber in einem Anzug herumlaufen wie ein Rechtsanwalt, ein Professor oder ein Banker. Aber er brauche Geld und mit seiner Tracht ließe sich doch einiges verdienen.

Ich fragte ihn, warum er überhaupt arbeite, warum er nicht zur Schule ginge und was seine Eltern dazu sagten.

Leopold erklärte mir dann das Übliche. Vater Bauer, der über „Bauer sucht Frau“ eine Maid gefunden hatte, die sich gut bezahlt schwängern ließ, nach der Geburt Fersengeld gab und zur nächsten Show pilgerte. Der Vater jetzt Alkoholiker, Assi-Poldi, der ihn schlug. Also sei er selbst abgehauen und habe sich im „Tourismus/Souvenirhandel“ selbständig gemacht. Sein Traum sei Arzt, Apotheker, Professor – auf jeden Fall irgendwas mit Anzug zu werden.

O.k.

Wieder ein Problem am Hals. Die Familie wuchs.

Obernzell kündigte sich mit den ersten Häusern an. So verlassen wie die ganze Dorfstraße.

Glanz vergangener (Geschäfts-)Jahre

Das Dörfchen hatte mal goldene Zeiten erlebt. Hier legten bis vor 200 Jahren die Donauschiffe aus dem Süden der K. und K. Zeit an. Hier stiegen die Passagiere auf Kutschen um. Goldene Epoche. „Es iss vorbeii, ois vorbei“ (Copyright Wolfgang Ambros).

Ich fand ein wunderbares ehemaliges K. und K. Hotel. Alte Post. Einstige KutschenumstiegsStation. Jetzt von zwei älteren Damen betrieben. Liebevoll konserviert. War der einzige Gast (für Leopold musste ich nicht extra zahlen, für die Kuh (Kalb?) auch nicht).

Im Dorf gibt es etwa ein halbes Dutzend Kneipen. Bis auf eine alle zu. Es war Montag und zudem keine Saison. (Saison ist Sommer, wenn tausende Fahrradfahrer über den internationalen Fernweg nach Süden rauschen.)

Mit Bier zieht man Kinder groß!

Durst:
Helles, Innstadt Brauerei (Passau) 2,40 Euro. Allerwelts-Helles, aber billig.

Ich war früh in Obernzell angekommen (so gegen 15 Uhr) und hatte Stunden damit verbracht, eine offene Gaststätte zu finden. Entsprechend groß war der Durst. Drei weitere Halbverdurstete im Gasthof. Sprachen die ganze Zeit über drei Angler, die gestern auf einem nahen Weiher in einem Boot bei etwas Wind verunglückt und zwei davon ersoffen waren. (Können Angler eigentlich nicht schwimmen?)

Der Hungrige verschlingt alles

Hunger: Waidlertopf mit Stockpilzen (Reh-, Hirsch- und Wildschweinfleisch mit Knödeln, Preiselbeeren und Gemüse), 11,60 Euro. Fürchterliche Mehlsauce. Fleischsorten waren nicht unterscheidbar. Aber egal. Riesenhunger und sonst gab es nichts im Dorf. Bin zufrieden in mein Privathotel getapert.

Brauch bald ein Doppelbett für meine Familie

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück und Gespräch mit zwei herrlichen älteren Damen, die aus München stammten, das Hotel aber seit Jahrzehnten(?) managten).

Sepp geht mit nach Burghausen

Sepp: Wer so einen labbrigen Filzhut aufhat, der kann nur Sepp heißen. Also Sepp mit dem Sepplhut, der ist mir heute zugelaufen. Und ich kann nicht anders: Filzhutträger – und davon gibt es in dieser Gegend reichlich – wirken so wie Sepp: Ein bißchen verloren in der modernen Welt. Lederhose, aber ohne Laptop.

Wandern wollte Sepp eigentlich nicht, lieber beim ersten Sonnenschein ausruhen. Morgens um 9 Uhr. Da war er grade eine halbe Stunde marschiert.

Sepp beim Frühsport

Da saß er dann an der Salzach, die kaum noch Wasser führt. Überall Kiesbänke, auf denen sich Sepp sonnen wollte. Die örtlichen Zeitungen berichten von der schlimmsten Trockenheit seit Jahrzehnten. Und das im November.

Salzach ohne Wasser

Salzach

Zum Laufen ideal. 4 bis 5 Grad. Herrliche Auenlandschaft entlang der Salzach. Keine Menschen, nicht ein Wanderer, Jogger, Ommm-Esoteriker. Nur (Wild?) Enten.

Salzach

Einmal gab es kurz Krach, da krallte sich ein Raubvogel eine der Enten und flog mit der zappelnden Beute davon. Zu schnell zum Fotografieren. Die anderen Enten taten so, als sei nix passiert und badeten stoisch weiter.

Stundenlanges Laufen. Sepp wurde mürrisch, auch wenn er kaum etwas sagte außer „Jo mei“. Wieder eine Etappe so um die 25 km von Tittmoning nach Burghausen.

GPS-Gesamtstrecke bis 002

Kurzer Abstecher zu ein paar Bauernhof-Siedlungen.
Reit, so heißt ein schmucker Hof. Einige hundert Jahre alt. Der Bauer, der so aussah wie Sepp, erklärte mir, dass sie den Heiligen Andreas neu auf die Fassade haben malen lassen und nun bald die Mutter Maria drankäme. Ein sympathischer Bursche, rechtschaffen, gradheraus, ziemlich sicher ohne Bäuerin, fromm. Sein recht großer Hof geschützt von kleinen Kapellen an den Feldgrenzen.

Reit-Hof

Reit-Hof, Kapelle

„Reit“ so erklärte mir der Bauer kommt vom „Reiten“ – das bedeutet soviel wie Holzschlagen. Früher gab es hier nur Wald. Die ersten Einödbauern schlugen Lichtungen und die Höfe wurden Reit-Höfe genannt.

Der Bauer, dessen Namen ich vergessen habe (schlechte Eigenschaft von mir), hat ein neues Schild an das Hauptgebäude genagelt: Für ihn regiert immer noch der „Kini“. Händel trägt er, wenn überhaupt, höchstens vor dem Königlich Bayerischen Amtsgericht aus.

Zuständig: Das Königlich Bayerische Amtsgericht

Sepp blühte einmal kurz auf. Als er an einem Hof vorbeikam, an dem ein gewisser Girgl (wer weiß was das für Name ist ?) seinen 50. Geburtstag feierte. Das muß aber eher eine Gebetsstunde gewesen sein: Musik oder laute Gespräche drangen jedenfalls nicht nach draußen. Sepp traute sich dann aber nicht hinein, auch wenn er ziemlich durstig war.

Sepp beim Girgl

Oben auf dem Höhenweg der alten Salz-Route war endlich Burghausen mit seiner – was wohl?- zu sehen. Nach 7 1/2 Stunden Marschieren.

Endlich angekommen. Mit der Dämmerung. Kurz nach vier Uhr.

Burghausen weihnachtlich

Sepp mag die Natur eigentlich nicht so. Außer sie besteht aus Hopfen und Malz. Hier am Stammtisch blühte der Naturbursch mächtig auf. Trank sofort ein Helles. Vom besten Bier, das Bayern zu bieten hat. Augustiner Edelstoff. Frisch gezapft. Hochgenuß!! (2,70 Euro).
Und noch eins und noch eins. Bis er rülpsend auf dem Glasboden saß.

Sepp außer sich voa Freid

Sepp will gar nicht mehr raus

Hunger: Wildschweinbraten mit Kürbisgemüse und Kräuterspätzle. (11,80 Euro)
War o.k., wenn auch das Wildschwein ziemlich zahm gewesen sein muß, wahrscheinlich in irgendeinem Wohnzimmer groß gezogen und Felizitas genannt wurde. Jedenfalls, der strenge Wildgeschmack ist einfach weggekocht worden.

Wildschwein auf die ungefährliche Art

Schlag Mitternacht wollte sich Sepp hinlegen. Und unbedingt neben Resi. Sofort schnarchend und von mächtigen Dirndln träumend.

Sepp traut sich