Mon Dieu

Der eigentliche Grund, warum ich mich ziemlich weit weg von der Grenze bewegt und einen Abstecher in die Vogesen gemacht hatte, war die unselige Geschichte Natzwillers.

Im Seitental versteckt

Im Seitental versteckt

In den Bergen oberhalb des Dorfes errichteten die Nazis während der Besatzung ein Konzentrationslager. Dort, wo ehemals ein Wintersportort wohlhabende Franzosen zum Skifahren lockte.

52.000 Deportiere mussten diesen Eingang durchschreiten. 22.000 Menschen wurden dahinter zu Tode gequält.

Gottloser Ort

Gottloser Ort

Einige Baracken stehen noch. Auch der Galgen am Ende des Weges.

Jesus kam nicht bis Struthof

Jesus kam nicht bis Struthof

Den Gefangenen wurde der Strick fest um den Hals gelegt und gestrafft, so dass beim langsamen Öffnen der Falltür das Genick nicht brach, sondern der Häftling baumelnd langsam erstickte.

Henkersplatz

Henkersplatz

Unvorstellbares mussten die erleiden, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die mit flüssigem Senfgas und anderen Giftgasen traktiert, mit Typhus-Erregern infiziert wurden, die langsam zu Tode gequält und auf diesem Tisch seziert wurden.

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Im Museum gab es Fotos dazu, die ich mir nicht anschauen konnte.

Im Krematorium wurden den Toten Gold- und Silberkronen herausgebrochen.
Manchmal wurden Häftlinge hinter dem Verbrennungsofen an Fleischerhaken zu Tode stranguliert und gleich eingeäschert.

Das Grab vieler Unbekannter

Das Grab vieler Unbekannter

Nicht wenige, die nach Natzweiler-Strurhof deportiert wurden, waren Widerstandskämpfer.

Welchen Mut müssen französische Frauen und Männer gehabt haben, während der deutschen Besatzung im Untergrund zu arbeiten. Sie wussten, welches Schicksal sie erwartete, sollten sie auffliegen.

Helden (Ist das das richtige Wort?)

Helden (Ist das der angemessene Begriff?)

Als ich mich entschied, auf meiner Grenzwanderung auch das KZ Natzweiler-Struthof aufzusuchen, dachte ich, das sei unerlässlich, wollte ich das Verhältnis von Deutschen und Franzosen verstehen.

Aber als ich schon lange aus der Gedenkstätte draußen war und stumm den Vogesenwald hinunterlief, rumorte in mir gänzlich anderes.
Ich fragte mich wie viele vor mir, wo Gott in dieser Zeit der grauenhaften Verbrechen war? Warum er die Menschen verlassen hatte?
Und ich merkte, dass dies für einen Nichtreligiösen eine komische Frage war.

Und je weiter ich mich von Natzweiler-Struthof entfernte, umso mehr dachte ich darüber nach, wieso aus einem kapitalen Versagen des Menschen (oder des Menschlichen) so schnell ein Versagen Gottes gemacht wird. Als sei Mensch und Gott das gleiche.
Als existiere der eine nicht ohne den anderen.
Wenn Gott (vorausgesetzt er existiert) aber sein Schicksal an den Menschen geknüpft hat, dann Gnade ihm Gott (denn Mensch ist gnadenlos – siehe Natzweiler-Struthof).

Ich verfing mich im Dickicht der Gottes-Beweise und Gegenbeweise.

Und ich kam zu der Überzeugung, dass Gott (wenn er existiert), sich erst durch den Menschen erschaffen hat. Es gibt ein Geburtsdatum Gottes! Ohne Bewusstsein in der Welt würde er nicht existieren. Gott braucht den Menschen (oder Bewusstsein), er wird mit dem letzten Menschen sterben oder sich wieder in Milchstraßen, Galaxien, in Sternennebel auflösen.

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr stoppen. Sie entglitten mir.
Etwas fragte mich, wen Gott wohl sehen würde, schaute er in einen Spiegel?
Zarathustra? Buddha? Einen bärtigen Christus? Mohammed? Laotse? Konfuzius? Zeus? Thor? Ganesha? Mich? Mich Mensch? Nichts?
Gott schaut nicht in spiegelnde Seen, in Glas, weil er sich selbst nicht erkennen kann? Weil er sich höchstens im Menschen spiegelt?

Ich schloss den Gedanken-Irrgarten, aus dem ich nicht mehr herausfand. Und konzentrierte mich darauf, mein Tagesziel zu erreichen.

Um 9 Uhr war ich in Natzwiller aufgebrochen. Ich wollte heute noch ins Tal kommen. Ich wusste noch nicht, dass es 9 1/2 Stunden dauern sollte, bis ich in Blienschwiller an der elsässischen Weinstraße ein Hotelzimmer finden würde.

GPS-161-Natzwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Gott hatte ich abgeschüttelt. Eine Burgruine auf dem Bergkamm holte mich aus dem Ewigen und Unsterblichen zum Irdischen und Vergänglichen zurück.

Ich atmete wieder frei.

Nach Luft schnappen

Nach Luft schnappen

Am Ausgang der Vogesen: Andlau.
Ein Weinort, in der zweiten Reihe der Weinstraße gelegen. Nicht so herausgeputzt und darum schön.

Einfahrt ins Weinland

Einfahrt ins Weinland

Eigentlich war ich reif für ein Hotel, für ein Viertel Weißburgunder. Ich war müde. Aber ich beschloss weiter zu gehen. Das Abendlicht übt auf mich keinen guten Einfluss aus!

Weinwelt

Weinwelt

Ich wanderte durch die Rebanlagen, Wingerte, Weingärten. Und an jeder schönen Weggabelung traf ich ihn: den Gekreuzigten.
MON DIEU! Warum steigt er nicht endlich herab und bekennt sich zu dem was er ist: ein gequälter Mensch.

Was tut er hier?

Was tut er hier?

Uff: nicht schon wieder im Gedanken-Irrgarten verlaufen!
Memento Mori. Wie sehr drängt auf diesen Wanderwegen das Mittelalter ins Heute.

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Landschaft ist hier nicht nur Landschaft. Auf Weinwegen, in Ortszentren, in Straßengabelungen, auf exponierten Hügeln: Die Wegkreuze verwandeln das elsässische Rebland in einen Jesus-Erlebnispark. Die ältesten Inschriften, die ich gesehen habe, bezeugen, dass der Allmächtige hier schon seit dem 18. Jahrhundert festgenagelt ist.
Warum erlöst ihn niemand?

Wer hilft den Göttern?

Wer hilft den Göttern?

Wunderschöne (Wunder?) Weinbergwege.

Straße ins Weinglück

Road to happiness

Mathilde sonnte sich im Abendlicht. Auf einer Spätburgundertraube. Fast wäre ich an ihr vorbeigegangen. So versunken war ich in meine Sophistereien.

T161-Madame-02

Ich fragte sie, ob sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen könnte und sie versprach mir, mich zu ihrer Lieblingsköchin zu führen.

Eine Stunde dauerte es noch, dann erreichten wir gegen halb sieben Blienschwiller. Ein kleiner, eher unscheinbarer Ort auf der sehr sonst sehr touristischen Weinstrasse. Im Weindorf: nur ein Hotel und nur ein Restaurant. Keine Busse, keine Massen. Stille.

Im Restaurant kämpfte ich zuerst mit einem Bier gegen das Verdursten an: Fischer Tradition. Köstlich!!!
(Wie ärgerlich, dass die elsässische Traditionsbrauerei von Heineken übernommen wurde.)

T161-Bier-01

Mathilde freute sich sichtlich über mein Bier-Vergnügen.

T161-Madame-01

Dann erst bestellte ich. Die Speise- und Wein-Karte exquisit. Ohne es zu ahnen, war ich in einem Gourmet-Lokal gelandet.
Mon Dieu! Warum wohnt Gott in Frankreich?
Noch nie habe ich in Frankreich so gut gegessen und getrunken wie an diesem Abend.

Durst:
1) Als Aperitif: Gewürztraminer (Grand Cru). Sensationell.
2) Riesling trocken (Steinacker 2011): Mineralisch, fein, herb. Für einen Alltagswein sehr gut.
3) Pinot Noir (2012) . Jung und trotzdem langer Nachhall. Überraschend schwergewichtig für einen Elsässer Spätburgunder.
4) Corbière. Domaine Calvel. Fast tintig schwarz. Konzentriert. Grandios.

Hunger.
Überraschungsmenue: 45 Euro. 5 Gänge. Die Köchin (sie wurde Silvie? gerufen) eine Gewürz-Expertin. Eine Aromen-Zauberin.

1) Willkomensgruß: Muscheln im Sud.

T161-Essen-01

2) Hausgemachte Entenleber mit verschiedenen Salzen, Joghurt-Dip und Himbeervinaigrette.

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3) Makrele auf Toastbrot mit Tomaten und Olivencreme. Dazu Rucola-Salat mit Rotem Pfeffer.

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4) Rinderfilet auf Kartoffeln und verschiedenen Karotten. (Ich wusste bisher nicht, dass es weiße Karotten gibt!)

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5) Drei verschiedene Käse. Ziegenkäse mit Kräutern / Camembert mit Calvados / Tête de Moine.

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6) Dessert: Tiramisu mit in Pinot Noir eingelegten Süßen Kirschen und einem Sorbet.

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Hinter jeden Gang hätte ich nur Worte des Entzückens stammeln können. Es war einfach sensationell.

Unterkunft: 55 Euro.

T162-Schlafen-01

Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!