Plattgefahrene Pferde auf meiner Tour bis Wismar

Beeindruckend: Noch immer steht der Ostsee-Grenzturm. Eines der wenigen Zeugnisse der deutsch-deutschen Teilung, das die Wende überlebt hat.

Beeindruckend, dass gerade inmitten eines der nobelsten Badeorte der Ostsee dieser Gruselturm gelassen wurde. Von ihm aus wurde der Küstenstreifen nach potentiellen Republikflüchtigen abgescannt, Schnellboote der Grenzbrigade dirigiert.

Welch ein Horror-System!

Eintausendsechshundert Menschen starben bei Fuchtversuchen aus der DDR. Viele davon in der Ostsee.
Was für ein Regime, das seine Bürger einmauert und denjenigen umbringt, der nur das Land verlassen will.
„Grenzdurchruch!“ Welch verräterisches (perfides) Wort.

„Grenzdurchbruch“ ! Perfides Wort

Heute traute sich jedenfalls niemand aufs oder ins Wasser. Die Ostsee in Kühlungsborn ziemlich aufgewühlt.

Da hilft kein Strandkorb

Raue See

Um 9 Uhr in den Wind gegangen. Ließ mich die 39 Kilometer lang bis zur Hansestadt Wismar treiben. Fast immer in Küstennähe.

GPS-Gesamtstrecke bis 077

Unterwegs das immer gleiche Panorama.
Landeinwärts: Felder und Bauern, die ihre Äcker zackerten, begleitet von Möwenschwärmen.

Sie „picken dem Bauern die Würmer aus der Furche“

In Gehrichtung rechts: Küste. Manchmal mediterran koloriert.

Mediterran

Über irgendetwas nachzudenken, hatte ich heute keine Lust.
Um mir trotzdem die (gefühlte) Zeit zu verkürzen, köpfte ich wie ein Berserker Strandhafer und zählte die herausgebrochenen Körner.

Als mich das auch langweilte, las ich Möwenfedern auf und zerlegte sie in Kiel und Strahlen. Das war gar nicht so einfach, aber auch darin wurde ich im Lauf des Tages ebenso Experte wie im Strandhafer Köpfen.

Als dieses Spiel  irgendwann zu Ende gespielt war, hatte ich immer noch Stunden zu laufen.
Auf dem Fahrradweg sah ich eine tote Maus. Völlig plattgefahren, so platt wie ein Blatt. Ich fragte mich, kann ein Fahrradfahrer eine Maus überfahren?

Dann überlegte ich, wie wohl ein plattgefahrenes Pferd aussehen würde. So platt wie ein Baumblatt. Und welche Monstermaschine könnte das überhaupt? Eine Walze?
Ich verstieg mich immer tiefer in absurde Phantasien, die aber dem geschätzten Blogpublikum  nicht mehr erzählbar sind und erreichte selbst ziemlich platt mit dem letzten Tageslicht nach 39 langen km das Zentrum Wismars.

Hunger: Gebratener Dorsch nach Finkenwerder Art. 12,90 Euro.
Ich probierte erneut meine Lieblingszubereitung eines Dorsches. War diesmal aber nix. Fisch nicht frisch, sondern Gefrierschrankware, Speck zu fettig, Bratkartoffeln abgesoffen. Schade.

Durst: Wismarer Pilsener. (Seit 1452 gibt es das Brauhaus in Wismar mit eigenen Bieren.) Süffig, etwas leichtgewichtig. Keine besondere Note, aber nicht schlecht.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück).

Übers Meer der Toten bis Hiddensee

Ich weiß nicht, warum mir Kreuzspinnen schon so viel Alpträume verursacht haben. Als kleiner Junge glaubte ich fest, dass sie supergiftig wären. Immer bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. So auch heute. Der Weg von Glowe zum Hafen von Breege war gesäumt von Kreuzspinnen, die in den Büschen auf mich lauerten.

Orden vom Heiligen Kreuz

Obwohl ich mir angelesen habe, dass diese Viecher gerade mal Mücken, Wespen (gut!!) oder fliegendes Kleinstgetier vergiften können und für Menschen völlig ungefährlich sind, blieb mir der Respekt. Ich halte Abstand!

(Dieses christliche Kreuz konnte mich in meiner Jugend ziemlich einschüchtern. Damn God!)

Um 9 war ich in Glowe aufgebrochen. Mein Ziel: das 9 km entfernte Breege. Von dort aus wollte ich mit der Fähre zur nächsten Insel, nach Hiddensee schippern. Ein kleines Eiland. Wenn das Wetter mitspielen würde, wollte ich noch den Norden der Insel erkunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 070

Breege erreichte ich gegen halb 12 Uhr. Die frühe Fähre war bereits weg. Alles noch geschlossen. Der Hafen so, wie fast alle Häfen hier aussehen. Mit Fördergeldern ausgebaut. Schmuck, grau, funktionstüchtig. Ein Tick zu groß für so ein kleines biederes Kaff.

Grauer Morgen mit Standardhafen

Gegen Mittag Abfahrt.

Electronic Dragon

Kleinst-Ansiedlungen driften vorbei.

Vorbeitreibende Dörfer

Die Saison herbstete bereits, will sagen: kaum Fahrgäste. Dafür aber ein interessantes älteres Ehepaar.

Bird Spotter

Die Augen des älteren Herrn sprühten Leben. Und doch sprach er vom Sterben.
Ich erhielt eine weitere Deutschstunde.

Ist die Ostsee das Meer der Toten?

Die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grezposten erschossen wurden, wurden alle von der BRD registriert. Aber wer – fragte mich der Herr – hat die vielen Toten gezählt, die hier auf See erschossen wurden oder im Meer ertrunken sind? Bürger, die das Leben in Unterdrückung nicht mehr aushielten und weg wollten. Die sich mit einem Boot oder mit Schwimmringen oder großen Pneus in der Nacht aufs Wasser wagten.
Und die von Spezialeinheiten der DDR-Marine abgefangen wurden.

Vor 25 Jahren hätten sie als potentielle Republikflüchtinge ihr Leben riskiert

Nach einer halben Stunde Fahrt zeigte mir der Herr ein Dörfchen, das steuerbord am Horizont in der Sonne aufblitze:
Dranske. Dort saß die Spezial Marine-Flotille mit ihren Super-Schnellbooten. Die fingen damals alles ab, was sich unregistriert in DDR-Gewässern bewegte.

Drankse sei immer noch ein Ort der Hundertfünfzigprozentigen. Heute noch im Osten verschrien oder auch gefürchtet – (und nun sprach der Herr leise, tuschelte fast verschwörerisch). Die dächten alle wie Margot Honecker: Keine Spur des Bedauerns.
Vor der Wende habe der Ort 4000 Einwohner gehabt, jetzt nur noch knapp tausend. Immerhin würden sie also weniger.

Noch im Frühjahr 1989, erzählte der Herr, wurde hier im Südzipfel Rügens eine Leiche angeschwemmt. Ein Republikflüchtling, der es nicht geschafft hatte. „Ertrunken“ – so die offizielle Version.
Aber wer habe sie alle gezählt – die offiziell Ertrunkenen? Die Toten der Ostsee?

Dann wechselte der Herr urplötzlich das Thema. Sprach von der Schönheit Hiddensees, davon dass der Küstenstreifen immer weiter versande und sich kleine Inselchen („Haken“) bildeten: Ein Paradies für Zugvögel. Und nun kam er ins Schwärmen, hob sein Fernglas wieder an die Augen und versank in Stille.

Ankunft in Hiddensee gegen 14 Uhr.

Ausgewachsenes Idyll

Meinen Rucksack in einem Hotel abgestellt und in den Norden des Inselchens aufgebrochen.

Light my fire

In der Nähe des Insel-Wahrzeichens, dem Leuchtturm, saß Ronny in einem Biergarten. Reichlich angeheitert.
Mit einer Rosenblüte als Kappe. Aus irgendeinem Grund machte er sich über die Inselbewohner lustig und gluckste vor sich hin. Für noch einen Schnaps würde er sein Geheimnis verraten, versprach er mir und ich nahm ihn mit.

Ronny hütet (noch) sein Geheimnis

Die Steilküste runter zum Steinstrand.

Wings never get dry

Eine halbe Völkerwanderung bewegte sich im Schneckentempo an der Wasserkante. Alle den Blick stier nach unten gerichtet.

Kieselstein Spotter ?

Manche gruben im Schotter.

Steine zu Schmuck Konverter

Ich fragte, nach was all die erwachsenen Menschen wühlten?
„Donnerkeile“, war die Antwort. Stolz zeigte mir einer seine Fundstücke.

Donnerkeile

Donnerkeile gelten ihnen mal als Heilmittel, göttliche germanische Kraft oder dienten als Amulett, das sich zu wunderschönem Schmuck verarbeiten lässt.

Wonderful powers in a wonder full world

Donnerkeile sind biologisch gesehen das Rostrum (vulgo: Rüssel) eines ausgestorbenen Urtiers, das dem heutigen Kalamar ähnelte.

Versteinerte Schnauzen also nach denen die Menschen hier gruben. Und sie machten ziemlich viel mystischen Wind.

Hiddensee: ein überschaubares Eiland und hoffnungslos von Touristen überlaufen. Die Häuser (fast) alle aufpoliert.
Nur ein, zwei Oldtimer, die der wind of (capitalism) change noch nicht (oder nur wenig) verändert hatte.

Nur noch wenig „Originales“

Wenigstens gab es noch eine gute alte Fischerkneipe mit einigen fishermens friends.

Unter sich = Zuhause

Hier bestellte ich Ronny das versprochene Gläschen Rum. Immer noch kichernd berichtete er mir von seinem „Coup“:

Der Herr der Anzeigen

Der Lokalanzeiger sei diese Woche doppelt so dick wie üblich: Vor allem die Suche-Kontakt-Seite.
Dort suche ein „Leuchtturm“ seine „Badenixe“.
Eine „Peppige Perle“ warte auf einen netten „Fischkopp“.
Eine „musikalische Muschel“ wünsche sich einen starken „Matrosen“.
Eine „charmante Schillerlocke“ wolle einen „Lotsen“ in ihren Hafen locken.
Eine „flotte Fregatte“ wünsche sich einen „Steuermann“.
Ein toller „Hecht“ suche etwas zum Anbeißen.
Ein „knackiger Kapitän“ ersehne sich eine „mutige Meerjungfrau“.
Usw..
(Was für ein einfallsloses gestanztes Seemannsvokabular.)

Die Hälfte der Anzeigen habe er, Ronny, geschrieben, und nun wisse er über die bereits erhaltenen Antworten, wer alles auf Hiddensee wen suche. Das reiche für die nächsten Wochen, um sich mit Rum über Wasser zu halten, Niemand wolle schließlich, dass er sein Wissen laut dahersage. Und er prustete mir seinen Schnapsatem ins Gesicht.

Ich kehrte mit der untergehenden Sonne zu meinem Hotel zurück, vorbei an einem schmucken, noch nicht restaurierten Schlösschen.

Verfallende Schönheit

Durst: Hiddenseer Pils. Geschmackloses von der Privatbrauerei Eibau (Lausitz) (seit 1810). Das Bier wurde schal bevor es hingestellt war. Aber wenigstens mal der Versuch einer Abwechslung.

Hunger: Ostseelachs gebraten. Unter einer Parmesan-Petersilienkruste auf Limonensauce. Dazu Petersilienkartoffeln. 17,90 Euro.
Gut zubereitet. Verschiedene Geschmacksnuancen. Parmesan nicht dominant. Fisch hatte immer noch Eigenaroma. Insgesamt nicht ganz so fein wie in meinen Lieblingsrestaurant in Zinnowitz.

Noch immer erstaunt mich, wie hochpreisig hier an der Küste alles ist.

Ronny störte das nicht. Er ließ sich ja aushalten und plapperte lustig seine intimen Dorf-Geheimnisse aus.

Ronny findet keinen Punkt zum Aufhören

Unterkunft: teuer.

Geschafft!

Pause in Sassnitz

Klassisch

Sassnitz ist ein ausgesprochen sympathisches Städtchen. Eigentlich eher ein Dorf. Keine Ahnung wieviele Einwohner nach der Wende hier noch gezählt werden. Sie haben sich richtig entschieden, nicht zu gehen.

Der Kutter-Hafen ist der Mittelpunkt des Lebens.

Könnte in jedem Hafen der Welt liegen

Frischfisch zu jeder Stunde. Manche Fischer feilschen morgens mit den Kunden (überwiegend Restaurant-Wirte), andere am Nachmittag.

Das hat beinahe etwas Mediterranes.

Fischer sehen auch überall gleich verwittert aus

Fischer sehen, egal in welchem Erdteil, alle gleich aus. Die Haut gegerbt, die Augen meertrüb, Bartstoppeln, verwaschenes und von der Sonne gebleichtes Hemd, immer mit ein paar Fischblutflecken.

Unmittelbar nach der Wende fuhren noch 1.300 Fischer in Mecklenburg-Vorpommern auf die Ostsee raus. Just heute stand es in der Lokalzeitung. Mittlerweile sind es nur noch 250. Die großen Trawler vertreiben die kleinen Kutter.
Schade.

Kilopreise

Irgendeines dieser ausgenommenen Tiere würde ich heute Abend verspeisen.

Frische Fische

Erneut zog es mich in mein Lieblingsrestaurant. Und wieder war es ein Hochgenuss:
Ganzer Kutterdorsch, gebraten auf Gartengemüse mit Lauch, Senfschaumsoße und Dillkartoffeln. 15,90 Euro.

Am Nebentisch unterhielt sich ein bayerisches Urlauberehepaar. Wie seltsam provinziell das Bayerisch hier im hohen Norden klingt.

Schmierbauch Knut verweigert mir das Gespräch und schnarcht sich durch bis Peenemünde

Schon früh am Morgen war die Spätsommersonne erstaunlich kraftvoll. Die Planken der Zinnowitzer Seebrücke bereits gut aufgeheizt.

Prächtige Bäderarchitektur

Mir brannten noch die Oberschenkel von der gestrigen Wanderung. Ich konnte es heute langsam angehen lassen.

Aufbruch 9 Uhr 30, Ziel: Peenemünde am äußersten Westzipfel Usedoms. Kaum 15 km Weg, überwiegend am Strand entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 066

Die Badestrände nicht mehr so überfüllt. Diese Ecke der Insel nicht so überlaufen. Dennoch, allein mit mir war ich selten.

Famiienurlaub

Die Ostsee erstaunlich flach, die Badenden standen manchmal noch hundert Meter vom Ufer entfernt kaum knöcheltief im Wasser.

Flachgewässer

Knut hatte sich in seine selbstgebaute Sandburg gelegt und ließ sich den Bierbauch rot braten. Er roch nach Bier, schnarchte. Und schlief noch, als ich ihn einpackte und einfach mitnahm. Ich weiß selbst nicht warum, vielleicht hatte ich Lust zu reden. Je mehr Menschen unterwegs waren, umso schwerer fiel es mir, mit jemandem ins Gespräch zu kommen.

Prachtvoller Wanst

Gegen Mittag wurde mir die Hitze zuviel und ich suchte Schatten im Wald.

Flucht in den Schatten

Vorbei an einer kleiner Ferienhaussiedlung in Karlshagen im traditionellen Stil. Reetgedeckte Dächer.

Reetidyll

Reetidyll dicht an dicht

Auf dem Weg nach Peenemünde alle 100 Meter ein Warnschild: „Munitionsbelastetes Gebiet. Lebensgefahr“.

Nicht Ost-Zone, sondern Sperr-Zone

Ich fragte Knut, ob er wisse, welche Munition da herumlag und von wem die tödliche Hinterlassenschaft stammte?
Seine Antwort: schnarchen. Er schlief weiter seinen Rausch aus.

Offenbar war das Gelände von den Briten 1943 großflächig mit einem Bombenteppich ausgelegt worden (wie niedlich das klingt, muss mal bei OBI nachfragen, ob es dort auch Bombenteppiche im Angebot gibt).

Die Angriffe galten den Peenemünder Raketenforschern und Bombenbauern. Unter dem Waldboden soll es noch von Phosphorgranaten wimmeln.

Peenemünde selbst ist nur eine Ansammlung weniger schmuckloser Häuser samt einem kleineren Hafen. Dominiert von einem alten Sowjet-U-Boot, das hier wie ein gestrandeter Wal auf die Ausschlachtung wartet.

Russische Hinterlassenschaft

Die Russen sind mittlerweile weg. Die Bildzeitung hat sie 1989 vertrieben!

BRD Hinterlassenschaft

BILD als „täglicher Bedarf“? Hat es dafür die Wende gebraucht?

Am Hafen ein paar Souvenirshops und mittenmang immer wieder Broschüren über „Wernher von Braun“. Es überraschte mich doch, dass er immer noch als „Vater der modernen Raumfahrt“ gilt. Selbst hier in Peenemünde, wo die Einwohner es besser wissen müssten.

Immer noch Held und nicht Teufel

Wernher von Braun war ein Mann, der die Bombe liebte.

Er leitete hier die Heeresversuchsanstalt. Er war ein Pionier der Raketentechnik und stellte sein Können in den Dienst der Nazis. Er ließ von tausenden KZ-Arbeitern die ersten Cruise Missiles der Geschichte herstellen. Dann auch noch die V2 Rakete. London und Antwerpen wurden von den „German Wunderwaffen“ teilweise in Schutt und Asche gebombt.

In Peenemünde erinnert nicht viel an die Untaten des deutschen Jekyll und Hyde.
Am Ortseingang ein zerfallenes Gebäude, in dem Braun einst flüssigen Sauerstoff für seine Raketen fertigen ließ. Hunderte vo Zwangsarbeiter wurden bei der teilweise in unterirdische Stollen verlegten Rüstungsproduktion zu Tode gequält.

Gewünschter Zerfall

Eigentlich skandalös, dass in Peenemünde nicht großflächig eine Mahnstätte eingerichtet wird. Stattdessen ein paar „verdruckste“ Erinnerungsstücke auf dem Gelände des technischen Museums.

Die V2-Rakete ragt in den Himmel als pure Touristenattraktion.

Vorläufer der Mondrakete und Englandbomber

Solche Raketen wurden am Ende des Krieges auf England abgeschossen.

Todesengel

Laut Hinweisschild ist diese leichtbekleidete Dame Teil der Originalbemalung der Rakete.
Wurde der orangene Engel ebenfalls auf London losgeschossen?
Perfide, perfide.

Fliegende Bombe

Höllenhund nannten die Nazis diesen ersten Marshflugkörper der Geschichte. Ein weiteres „Kunststück“ aus der Hand Wernher von Brauns.

Ich hatte dringenden Gesprächsbedarf, aber Knut hatte es sich auf der Abschußrampe der V1 bequem gemacht und sonnte sich immer noch laut schnarchend.

Bombenbauch

Ihn interessierten diese „ollen Kamellen“ einfach nicht. Ich war wütend. Beinahe hätte ich die Rampe aktiviert und Knut in den Orcus befördert. Aber nicht einmal in der Hölle wäre er aufgewacht.

Als ich 13 Jahre alt war, noch im gleichen Monat der ersten Mondlandung, schrieb ich einen Autogrammwunsch an die amerikanische Weltraumbehörde NASA. Ich wollte unbedingt die Unterschrift eines gewissen Wernher von Braun. Er wurde damals verehrt als Begründer der bemannten Raumfahrt. Er hatte für die Amis die Saturn-Rakete entwickelt.

Nazi geht zur NASA

12 Monate später hatte ich das Autogramm

Erst Jahre später wurde mir klar, dass ich einen Massenmörder um ein Autogramm gebeten hatte.
Von Braun war der typische opportunistische „deutsche Wissenschaftler“, der den Bund mit dem Teufel eingegangen war und selbst zum Teufel mutierte. Erst im Dienst für die Nazis, dann im Dienst für die USA.

Peenemünde ein Ort zum Gruseln.

Hunger: Flunderfilet Finkenwerder Art. 11,50 Euro.

Ich hätte den Rat Heraklits befolgen sollen: Verspeiß nicht zweimal das gleiche Essen.
Wie grauenhaft die Panade (feucht und penetrant), triefend die Speckstippen, ersoffen die Bratkartoffeln.
Welch ein Unterschied zur gestrigen Scholle auf Finkenwerder Art. Der Koch gehört entlassen!

Unterkunft zudem total überteuert.
O Peenemünde!

Götter ist das schön! Der Dammweg nach Hohenwutzen!

30 Grad! In Tropenkleidung unterwegs! 4. Mai!

So far away so close to home

Mein Tagesziel: Hohenwutzen. 29 km entfernt. Immer auf dem Damm entlang. Gegen 9 Uhr aufgebrochen.

(Was für ein Ortsname: Hohenwutzen!
„Wutz“ bedeutet im Pfälzischen „Sau“ – auch im Märkischen? Also ein Dorf, das die „Hohe Sau“ ehrt? Bin ja schließlich gestern auch schon durch „Kuhbrücke“ gelaufen.)

Auf polnischer Seite geschützte Auenlandschaft, auf deutscher ebenfalls.

Natur als Gemälde

Zwei Nationen im ökologischen Gleichschritt. Ein gemeinsamer Nationalpark? Grenzüberschreitend? Zweinationenpark? Das wäre europäisch!

Die Tiere sind jedenfalls den Menschen schon voraus. Haben sich hüben und drüben heimisch gemacht.

Je länger der Tag, umso unfassbarer (für einen Städter!) war, was mir im Oderbruch vor die Kameraflinte kam. Auch wenn meine Optik nicht für Tierfotografie ausgelegt ist, habe ich einfach den Auslöser gedrückt. Erst mit Verzögerung begriff ich, dass ich nicht im Zoo war, sondern den Viechern in freier Wildbahn unglaublich nah kam.

Was für ein Lippenstiftrot, selbst die Fußnägel im gleichen Ton! Ist das eine Störchin ?

Störche sind einfach schöne Vögel. Sie staksen auch nicht, sie flanieren stolz. Ihr Flug ist atemberaubend.

Anmutiger als der lauernde, gleichförmige und bedrohliche Schatten werfende Flug der Greifvögel.

Ein Fischadler erschrak sich vor mir und flüchtete aus einem Baum, an dem ich kurz Rast machen wollte.
Die Kamera konnte ich gerade noch hochreißen. Schon war er weg.

Habe einigen Einheimischen später das Foto gezeigt. Sie versicherten mir, dass ich tatsächlich einen Fischadler auf Zelluloid (klingt komisch im digitalen Zeitalter) gebannt hätte. Dann wollten sie wissen, ob ich auch den Seeadler gesehen hätte, den größten Greifvogel Europas. Ich musste passen. Selbst wenn, ich hätte ihn nicht erkannt.

Isses nun ein Fischadler ?

Kiebitze schossen pfeilschnell an mir vorbei.

bulletproof

Und Schwärme von Schwänen. Schwanschwärme. Schwanschwemme. Wie jetzt?

Schwäne ohne Wagnermusik geht überhaupt nicht

Nicht nur in der Luft ging’s zu wie in einem Taubenschlag. Auch am Boden.

Hätt' ich heute Abend gern' auf der Speisekarte!

Götter, hätt‘ ich nur ’ne Flinte statt ’ner Spiegelreflex, ich hätt‘ mir um mein Abendessen keine Sorgen machen müssen.

Mit Thymian und Knoblauch ? Oder doch eher klassisch ?

Dann gab es ja auch noch den Mikrobereich. Den ich nur in einer Laufpause wahrnehme, wenn ich meine müden Füße im Gras ausstrecke.

69er Stellung ?

Ob die beiden Schmetterlinge eine Kamasutra-Stellung ausprobierten?

Welch schöner Politik freier Tag, dachte (und genoss) ich – bis ich ein paar Fischer traf.

Ich such' nach dem Wort: Prollige Lusuxusfischer? (Bin noch nicht zufrieden.)

Eigentlich sah ich die fishermen fast in jeder Flussbiegung. Egal, ob auf polnischer oder brandenburgischer Seite. Wo es ein wenig seicht und sandig wurde, saßen sie, meist in Tarnuniform. (Muss das Belegfoto unbedingt noch nachliefern!) Ich fragte einen, was die militärische Tarnung sollte, die Fische würden ja schließlich nicht zurückschießen? Er verstand den Witz nicht so richtig und meinte nur, dass sie eben nicht von „außen“ erkannt werden könnten (Polizei? FischScheinÜberPrüfer?)
Und dann legte er richtig los.

1) Dass seit der Wende alles bürokratischer geworden sei. Jetzt müssten sie fürs Angeln überall bezahlen – Lizenzen kaufen und so weiter.

2) Dass die Wessis überhaupt keine Ahnung hätten, wie paradiesisch es hier sei. Und auch schon gewesen war. „Alles eine Familie“!

3) Dass es viele gute Dinge gab in der DDR.

4) Dass die Polen – na ja (auf einmal wurde er vorsichtig) – eben so seien wie sie seien. (Welchen Reim soll ich mir darauf machen?)

5) Und überhaupt!

Jetzt hatte ich ihn doch noch einmal getroffen: Den Jammerossi! Ich hatte ihn schon lange vermisst.

Es war nicht mehr weit zu meinem Zielort.
Das Laufen tat mir mittlerweile weh. Bei irgendeinem fotoshooting mit vorbeifliegendem Vogel hatte ich mir das Knie verdreht.

Ich schaffte es aber noch bis Hohenwutzen.
(Muss unbedingt mal googlen, woher dieser Name kommt!)

Gegen 17 Uhr bekam ich mein erstes Berliner Kindl für 3,50 Euro. (Es gibt einfach keine regionalen Brauereien in diesem Landstrich, wie schade.)

Hunger: Heringsplatte mit Bratkartoffeln. (Rollmops, Brathering, Rotweinheringsfilet). 13,90 Euro.
Preis reichlich übertrieben. Aber die Heringe waren gut. Die Bratkartoffeln allerdings zu fettig (fast triefend).

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

(Jungs (und Mädels) – der Osten ist teuer!)

Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).