Pause in Salzburg

Wolfgang A. am Mozartsteg getroffen. Er fror. Temperatursturz in Salzburg. Auf den Hügeln ringsum Schnee.

Wolfgang A. ein wenig grün im Gesicht.

Wolfgang A. ein wenig grün im Gesicht.

Ich durchstreifte mit ihm die nasskalte Altstadt. Wir hielten uns vorwiegend in Caféhäusern und Weinbars auf, die schon beheizt waren. Wolfgang A. schien ein wenig abgelenkt und hyperaktiv. Immer wieder unterbrach er unsere Unterhaltung und trällerte schnell eine Melodie in sein Diktafon. Scheint talentiert zu sein der junge Kerl.

Ich trank derweil weiter an meinem Grünen Veltliner. Er schmeckt mir, auch wenn es draußen kalt ist.

Spaziergang wie durch einen Jahrmarkt – bis Friedrichshafen

Bodennebel beschwerte den See.
Und wohl auch das Vogelgefieder.
Kaum ein Federvieh in der Luft.

Bodensee-Zaun

Bodensee-Zaun

Gestern war ich mit der Fähre schon auf die andere Bodensee-Seite gefahren. Heute also nur eine Kurzetappe. 19 km von Meersburg nach Friedrichshafen.
(Da ich schon in der Zeppelinstadt gelandet war, lief ich den Weg umgekehrt – und fuhr am Abend mit dem Bus zurück).

GPS-172-Konstanz

GPS-Gesamtstrecke bis 172

Ich war zum ersten Mal ohne meinen schweren Rucksack unterwegs.
Es klingt komisch: Ich spürte im Kreuz einen Phantomschmerz. Mir fehlte Gewicht.

Manche Wege führten ins Nichts.

Tor zu was?

Tor zu was?

Nur langsam verschob sich der Horizont in die Weite, wanderte der Himmel nach oben, wurde die Luft leichter und färbte sich der See marineblau.

Kann Himmel mit Erde (Bodensee) konkurrieren?

Kann Himmel mit Erde (Bodensee) konkurrieren?

In den Stranddörfern See- und Winzerfeste. Trachtengruppen bliesen in die Hörner, Trompeten und Posaunen was das Zeug hielt.

Give me an "A"!

Give me an „A“!

In Saxophone auch.

Shout it out

Shout it out

Beliebtestes Soloinstrument: die Quetschkommode.

(Quetsch) Kommod !

(Quetsch) Kommod !

Ein Spaziergang wie durch einen Jahrmarkt.

Spiel mir das Lied vom ...

Spiel mir das Lied vom …

Wunderschöner Herbstanfang!

Kann so ein Weinbau funktionieren?

Kann so ein Weinbau funktionieren?

Weingrüne Hügel vor Meersburg.

Oder so?

Oder so?

Die Weingüter gut gefüllt. Süßer Wein (Federweißer) floss hektoliterweise. Zwiebelkuchen wurde tonnenweise verputzt.

Große Besenwirtschaft

Große Besenwirtschaft

Meersburg sah nur aus der Ferne still und ruhig aus. Innendrinnen brodelte es. Ein Bus nach dem anderen pumpte die Innenstadt mit Gästen voll.

Kann man im Meer eine Burg bauen?

Kann man im Meer eine Burg bauen?

Ruhe fand an diesem Tag nur der Weingutsbesitzer: Er versteckte sich hinter dicken Gemäuern.

Warum nicht ne Nummer kleiner?

Warum nicht ne Nummer kleiner?

Hunger: Hausgemachte Maultaschen. 9,50 Euro. Köstlich.

T172-Essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Zur Befreiung der Bratwurst nach Lottstetten

Waldshut mit Sonnenstrahlen im Kreuz verlassen.

Tor zur kleinen Welt

Tor zur kleinen Welt

Halb zehn durch das (untere? oder obere?) Stadttor geschritten. Ziel: weit kommen. Dass es 38 km werden würden und ich in Lottstetten Rast machen würde, konnte ich nicht wissen.

GPS-169-Waldshut

GPS-Gesamtstrecke bis 169

Der Rhein hatte sich noch nicht dem Wetterumschwung angepasst, führte statt himmelblauem Wasser immer noch eine wolkentrübe Brühe mit sich.

Nicht rein der Rhein

Nicht rein der Rhein

Meist folgte ich einem kleinen Trampelpfad am deutschen Ufer. Nicht allzu häufig durchwanderte ich kleine Ortschaften.
Manche mit beeindruckenden Häusern.

Mächtig

Mächtig

Einige mit alemannischen Narrenbrunnen.

Schalk

Schalk

Der Rhein übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus, so träge wie er mir entgegen floss. Stunden konnte ich laufen, ohne mich in Gedanken zu verlieren.

Gegen drei Uhr zeigte sich am Schweizer Ufer die Rheinsiedlung Kaiserstuhl.

Rheinuferbeherrscher

Rheinuferbeherrscher

Mächtige Patrizierhäuser. Nicht alle restauriert.

Glanz der alten Tage

Glanz der alten Tage

Der Ort war menschenleer. Ebenso das Ausflugsboot am Ufer.

Dichterboot

Dichterboot

Nicht einmal das alte Zollhaus auf der deutschen Seite war besetzt. Wie oft sich wohl Touristen in diese Kulissen verirren?

Zoll-Burg

Zoll-Burg

Weinberge auf der deutschen Seite kündeten den Weiler Hohentengen an. Das südlichste Weingebiet Deutschlands.
Eigentlich wollte ich hier meine Etappe beenden und testen, ob der Wein auch trinkbar ist. Halb vier war es mittlerweile geworden.

In Hohentengen gibt es aber keine Pension und kein Hotel, nur private Ferienwohnungen. Darauf hatte ich heute keine Lust.
Obwohl schon reichlich müde, setzte ich meinen Weg fort.

Ob der gut ist ?

Ob der gut ist ?

Noch einmal mindestens 3 Stunden!

Ich entfernte mich ein wenig vom Flusslauf, suchte jetzt den direkten Weg nach Lottstetten, in dem es Unterkünfte geben sollte.
Die kaum befahrene Straße führte durch die Schweiz.

Unaufgeregte Landschaft

Unaufgeregte Landschaft

Unterwegs immer wieder Plakate, die zu einer Volksabstimmung aufriefen.
„Bratwürste legalisieren!“

Völker hört die Signale. Die Schweiz befindet sich offenbar im letzten Gefecht! Oder war das ein feiner, versteckter Kommentar zur zeitgleich (22. September) stattfindenden Bundestagswahl in Deutschland?

Ich konnte mir jedenfalls keinen Reim drauf machen.

Hört die Signale!

Hört die Signale!

Mit brennenden Fußsohlen und von der Last des Rucksacks reichlich buckel-krumm erreichte ich in der Dämmerung gegen halb acht endlich Lottstetten.

Hunger: Schweinegeschnetzeltes. 14 Euro. Versalzen.

T169-Essen-01

Der Koch war ein in die Jahre gekommener Freak, mit Zwirbel-Ziegen-Bart und voller Tattoos.
Ich fragte ihn nach der merkwürdigen Bratwurst-Abstimmung. Er wusste auch nichts darüber, kam aber sehr schnell auf das Thema „Legalize it!“ und damit auf sein Lieblingsthema: Ami-Bashing! Die Amis hatten es ihm seit seinem letzten Urlaub angetan. Sie waren selbstverständlich an allem schuld. Weltweit. Dabei seien sie völlig „kulturlos“ – und das war noch der harmloseste Ausdruck.
Des Kochs Erweckungserlebnis: Er hatte irgendwo in den Staaten gesehen, wie ein Autofahrer nach dem anderen in eine Seitenstraße abbog und an einer Kasse 2 Dollar bezahlte. Das hatte seine Neugier geweckt, er hatte sich gefragt, was es da wohl zu sehen gäbe und war der Autoschlange gefolgt. Kaum bezahlt, sah er einen gigantischen Mammutbaum vor sich, aus dem ein ebenso riesiges Loch herausgehauen worden war, durch das die Straße durchführte.
Die Besucher zahlten also 2 Dollar dafür, um mit ihrem Auto durch einen Baum durchzufahren.
Der Koch konnte sich kaum noch beruhigen.

Ich ging noch ein Bier trinken. Vielleicht waren es auch zwei oder drei.

T169-Bier-01

Fürstenberg ist neben Rothaus (Tannenzäpfle) mein Favorit in Sachen Bier aus Ba-Wü. Ganz nebenbei einer der ältesten Gerstensäfte Deutschlands. Unternehmen 1283 gegründet!!!! Werde das tausendjährige Jubiläum leider nicht mehr erleben.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

T165-Bursche-01-imp

Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

T165-Nico-02

Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Auf Kaisers Stuhl bis Breisach

Kaiserstuhl!

Wow!

Wow!

Vom Elsässer Weinland ins Badische Weinparadies.

Um 9 Uhr in Sasbach aufgebrochen. Ich hatte vor rund 19 km zu wandern. Durch Weingärten bis nach Breisach.

GPS-163-Sasbach

GPS-Gesamtstrecke bis 163

Der Morgenhimmel über den Weindörfern noch mit Schlafdreck verschmiert.

Gegenlicht verschönert

Gegenlicht verschönert

Auf den Friedhöfen ist Platz. Entweder wollen die Leut‘ nicht mehr sterben. Oder es gibt neben der Landflucht auch eine Friedhofsflucht. (Friedwald? Urnen? Seebestattung?)

Pflanz  Blumen auf meinem Grab

Pflanz Blumen auf mein Grab

Dörfer mit klingenden Namen: Achkarren, Bickensohl, Ihringen, Bischoffingen, Burkheim.
Einige meiner Lieblingsweingüter liegen hier. Dr. Heger, Huber, Johner …

Kaiser's Stuhl?

Kaiser’s Stuhl?

Landwirtschaft ist hier immer noch Familienbetrieb. Kleine Hektarzahlen.

Konzentriert

Konzentriert

Dieser Landwirt bot mir einen Sack seiner Früchte an. Ich hatte aber schon genug zu tragen. So aß ich im Stehen zwei drei Zwetschgen und hörte mir das typische Jammern eines Bauern an. Klimawandel. Lange kein Regen, dann zuviel auf einmal. Handelsketten, die den Preis diktierten. Ich unterbrach sein Lamento und wollte wissen, wie man hier denn mit den Franzosen auskomme.
Seine Antwort: Ich solle mal im Ort in den Aldi und Lidl gehen. Nur Franzosen, die einkauften. Denen ginge es überhaupt nicht gut, also suchten sie sich in Deutschland die Billigheimer. Und überhaupt: Die würden so schlecht Deutsch sprechen, obwohl sie doch Elsässer seien.
Danach bekamen auch noch polnische Saisonarbeiter ihr Fett ab.

Auch bei der Sache

Auch bei der Sache

Schließlich erklärte der Bauer die Welt für verrückt. Manche seiner Kollegen würden übergroße Zwetschgen (oder sagte er Pflaumen?) züchten, die überhaupt nicht für den Verzehr bestimmt seien. Nur zur Dekoration.

Sein Sohn schüttelte dazu – auf der Leiter – ungläubig den Kopf.

Der Sohn will höher hinaus

Der Sohn will höher hinaus

Ich verabschiedete mich höflich und zog weiter durch das Herz des Kaiserstühler Weinlandes.

Die Dörfer schnörkelos, bei weitem nicht so herausgeputzt wie im Elsass.

Alles eine Spur kleiner

Alles eine Spur kleiner

Ich bedauerte, dass die Besenwirtschaften erst am späten Nachmittag aufmachten.

Wie gerne hätte ich jetzt einen Weiß- oder Grauburgunder getrunken.
Der Kaiserstuhl ist Burgunderland.

Wie kommt die Traube ins Glas?

Wie kommt die Traube ins Glas?

Höllenlärm in den steilen Weinbergen. Einige Winzer sensten mit lauten Maschinen die Blätter von den Reben. Die Weintrauben sollten jetzt im Spätsommer noch einmal schattenfrei Sonne tanken.

Blattputzteufel

Blattputzteufel

Grand Canyon des Kaiserstuhls. Unten fließt der Wein-River!

Badischer Grand Canyon

Badischer Grand Canyon

Weinliebhaber sind nicht zwangsläufig gute Dichter.
An manchen Winzerhöfen eher schlichte Reime:

Land der Dichter

Land der Dichter

Der Tag hatte sich von mausgrau zu sonnengelb entwickelt.
Zumindest bis zum frühen Nachmittag.

Sonnenkraftwerk

Sonnenkraftwerk

Als ich gegen 15 Uhr 30 in Breisach ankam, drehte sich bereits das Wetter. Kurz vor Sonnenuntergang stoppte dann der Nieselregen und ich konnte über das Städtchen hinweg weit weit hinüber in die Vogesen schauen.

Über den Dächern von Breisach

Über den Dächern von Breisach

Durst: Spätburgunder von der Sasbacher Winzergenossenschaft. Einfach, aber angenehm.
Danach: ein Kaiserstühler Roter Cuvée (Landerer). Nix hängengeblieben.

Hunger: Stubenkücken auf Zucchini aus dem eigenen Garten. Von viel zu schwerer Soße erschlagen.

T163-Essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Mon Dieu

Der eigentliche Grund, warum ich mich ziemlich weit weg von der Grenze bewegt und einen Abstecher in die Vogesen gemacht hatte, war die unselige Geschichte Natzwillers.

Im Seitental versteckt

Im Seitental versteckt

In den Bergen oberhalb des Dorfes errichteten die Nazis während der Besatzung ein Konzentrationslager. Dort, wo ehemals ein Wintersportort wohlhabende Franzosen zum Skifahren lockte.

52.000 Deportiere mussten diesen Eingang durchschreiten. 22.000 Menschen wurden dahinter zu Tode gequält.

Gottloser Ort

Gottloser Ort

Einige Baracken stehen noch. Auch der Galgen am Ende des Weges.

Jesus kam nicht bis Struthof

Jesus kam nicht bis Struthof

Den Gefangenen wurde der Strick fest um den Hals gelegt und gestrafft, so dass beim langsamen Öffnen der Falltür das Genick nicht brach, sondern der Häftling baumelnd langsam erstickte.

Henkersplatz

Henkersplatz

Unvorstellbares mussten die erleiden, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die mit flüssigem Senfgas und anderen Giftgasen traktiert, mit Typhus-Erregern infiziert wurden, die langsam zu Tode gequält und auf diesem Tisch seziert wurden.

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Im Museum gab es Fotos dazu, die ich mir nicht anschauen konnte.

Im Krematorium wurden den Toten Gold- und Silberkronen herausgebrochen.
Manchmal wurden Häftlinge hinter dem Verbrennungsofen an Fleischerhaken zu Tode stranguliert und gleich eingeäschert.

Das Grab vieler Unbekannter

Das Grab vieler Unbekannter

Nicht wenige, die nach Natzweiler-Strurhof deportiert wurden, waren Widerstandskämpfer.

Welchen Mut müssen französische Frauen und Männer gehabt haben, während der deutschen Besatzung im Untergrund zu arbeiten. Sie wussten, welches Schicksal sie erwartete, sollten sie auffliegen.

Helden (Ist das das richtige Wort?)

Helden (Ist das der angemessene Begriff?)

Als ich mich entschied, auf meiner Grenzwanderung auch das KZ Natzweiler-Struthof aufzusuchen, dachte ich, das sei unerlässlich, wollte ich das Verhältnis von Deutschen und Franzosen verstehen.

Aber als ich schon lange aus der Gedenkstätte draußen war und stumm den Vogesenwald hinunterlief, rumorte in mir gänzlich anderes.
Ich fragte mich wie viele vor mir, wo Gott in dieser Zeit der grauenhaften Verbrechen war? Warum er die Menschen verlassen hatte?
Und ich merkte, dass dies für einen Nichtreligiösen eine komische Frage war.

Und je weiter ich mich von Natzweiler-Struthof entfernte, umso mehr dachte ich darüber nach, wieso aus einem kapitalen Versagen des Menschen (oder des Menschlichen) so schnell ein Versagen Gottes gemacht wird. Als sei Mensch und Gott das gleiche.
Als existiere der eine nicht ohne den anderen.
Wenn Gott (vorausgesetzt er existiert) aber sein Schicksal an den Menschen geknüpft hat, dann Gnade ihm Gott (denn Mensch ist gnadenlos – siehe Natzweiler-Struthof).

Ich verfing mich im Dickicht der Gottes-Beweise und Gegenbeweise.

Und ich kam zu der Überzeugung, dass Gott (wenn er existiert), sich erst durch den Menschen erschaffen hat. Es gibt ein Geburtsdatum Gottes! Ohne Bewusstsein in der Welt würde er nicht existieren. Gott braucht den Menschen (oder Bewusstsein), er wird mit dem letzten Menschen sterben oder sich wieder in Milchstraßen, Galaxien, in Sternennebel auflösen.

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr stoppen. Sie entglitten mir.
Etwas fragte mich, wen Gott wohl sehen würde, schaute er in einen Spiegel?
Zarathustra? Buddha? Einen bärtigen Christus? Mohammed? Laotse? Konfuzius? Zeus? Thor? Ganesha? Mich? Mich Mensch? Nichts?
Gott schaut nicht in spiegelnde Seen, in Glas, weil er sich selbst nicht erkennen kann? Weil er sich höchstens im Menschen spiegelt?

Ich schloss den Gedanken-Irrgarten, aus dem ich nicht mehr herausfand. Und konzentrierte mich darauf, mein Tagesziel zu erreichen.

Um 9 Uhr war ich in Natzwiller aufgebrochen. Ich wollte heute noch ins Tal kommen. Ich wusste noch nicht, dass es 9 1/2 Stunden dauern sollte, bis ich in Blienschwiller an der elsässischen Weinstraße ein Hotelzimmer finden würde.

GPS-161-Natzwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Gott hatte ich abgeschüttelt. Eine Burgruine auf dem Bergkamm holte mich aus dem Ewigen und Unsterblichen zum Irdischen und Vergänglichen zurück.

Ich atmete wieder frei.

Nach Luft schnappen

Nach Luft schnappen

Am Ausgang der Vogesen: Andlau.
Ein Weinort, in der zweiten Reihe der Weinstraße gelegen. Nicht so herausgeputzt und darum schön.

Einfahrt ins Weinland

Einfahrt ins Weinland

Eigentlich war ich reif für ein Hotel, für ein Viertel Weißburgunder. Ich war müde. Aber ich beschloss weiter zu gehen. Das Abendlicht übt auf mich keinen guten Einfluss aus!

Weinwelt

Weinwelt

Ich wanderte durch die Rebanlagen, Wingerte, Weingärten. Und an jeder schönen Weggabelung traf ich ihn: den Gekreuzigten.
MON DIEU! Warum steigt er nicht endlich herab und bekennt sich zu dem was er ist: ein gequälter Mensch.

Was tut er hier?

Was tut er hier?

Uff: nicht schon wieder im Gedanken-Irrgarten verlaufen!
Memento Mori. Wie sehr drängt auf diesen Wanderwegen das Mittelalter ins Heute.

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Landschaft ist hier nicht nur Landschaft. Auf Weinwegen, in Ortszentren, in Straßengabelungen, auf exponierten Hügeln: Die Wegkreuze verwandeln das elsässische Rebland in einen Jesus-Erlebnispark. Die ältesten Inschriften, die ich gesehen habe, bezeugen, dass der Allmächtige hier schon seit dem 18. Jahrhundert festgenagelt ist.
Warum erlöst ihn niemand?

Wer hilft den Göttern?

Wer hilft den Göttern?

Wunderschöne (Wunder?) Weinbergwege.

Straße ins Weinglück

Road to happiness

Mathilde sonnte sich im Abendlicht. Auf einer Spätburgundertraube. Fast wäre ich an ihr vorbeigegangen. So versunken war ich in meine Sophistereien.

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Ich fragte sie, ob sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen könnte und sie versprach mir, mich zu ihrer Lieblingsköchin zu führen.

Eine Stunde dauerte es noch, dann erreichten wir gegen halb sieben Blienschwiller. Ein kleiner, eher unscheinbarer Ort auf der sehr sonst sehr touristischen Weinstrasse. Im Weindorf: nur ein Hotel und nur ein Restaurant. Keine Busse, keine Massen. Stille.

Im Restaurant kämpfte ich zuerst mit einem Bier gegen das Verdursten an: Fischer Tradition. Köstlich!!!
(Wie ärgerlich, dass die elsässische Traditionsbrauerei von Heineken übernommen wurde.)

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Mathilde freute sich sichtlich über mein Bier-Vergnügen.

T161-Madame-01

Dann erst bestellte ich. Die Speise- und Wein-Karte exquisit. Ohne es zu ahnen, war ich in einem Gourmet-Lokal gelandet.
Mon Dieu! Warum wohnt Gott in Frankreich?
Noch nie habe ich in Frankreich so gut gegessen und getrunken wie an diesem Abend.

Durst:
1) Als Aperitif: Gewürztraminer (Grand Cru). Sensationell.
2) Riesling trocken (Steinacker 2011): Mineralisch, fein, herb. Für einen Alltagswein sehr gut.
3) Pinot Noir (2012) . Jung und trotzdem langer Nachhall. Überraschend schwergewichtig für einen Elsässer Spätburgunder.
4) Corbière. Domaine Calvel. Fast tintig schwarz. Konzentriert. Grandios.

Hunger.
Überraschungsmenue: 45 Euro. 5 Gänge. Die Köchin (sie wurde Silvie? gerufen) eine Gewürz-Expertin. Eine Aromen-Zauberin.

1) Willkomensgruß: Muscheln im Sud.

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2) Hausgemachte Entenleber mit verschiedenen Salzen, Joghurt-Dip und Himbeervinaigrette.

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3) Makrele auf Toastbrot mit Tomaten und Olivencreme. Dazu Rucola-Salat mit Rotem Pfeffer.

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4) Rinderfilet auf Kartoffeln und verschiedenen Karotten. (Ich wusste bisher nicht, dass es weiße Karotten gibt!)

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5) Drei verschiedene Käse. Ziegenkäse mit Kräutern / Camembert mit Calvados / Tête de Moine.

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6) Dessert: Tiramisu mit in Pinot Noir eingelegten Süßen Kirschen und einem Sorbet.

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Hinter jeden Gang hätte ich nur Worte des Entzückens stammeln können. Es war einfach sensationell.

Unterkunft: 55 Euro.

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Senfbäuche, Krauts und Europa-Referenten überfüllen Obernai

Sehr früh von meinem Hotel in Kehl in die Innenstadt von Strasbourg gefahren, dem Endpunkt meiner gestrigen Etappe.
Der Bus voller Franzosen, die offenbar auf der deutschen Seite wohnten und auf der elsässischen arbeiteten.

Kehl wirkt wie ein Vorort von Strasbourg.

Die elsässische Hauptstadt in schmeichelndem Morgenlicht.

Pittoresk

Pittoresk

Um Viertel nach neun brach ich in der Nähe des Münsters Richtung Obernai auf. 27 km entfernt.

GPS-159-Strasbourg

GPS-Gesamtstrecke bis 159

Die ersten zwei Stunden endloses Gehen, um aus den Vororten Strasbourgs heraus zu gelangen. Danach schmucke Örtchen.

Fachwerk satt

Fachwerk satt

Ich bemerkte an mir eine seltsame Unlust, durch elsässische Bilderbuchdörfer zu schlendern. Ich redete mit niemanden. Ich wanderte gedankenverloren und meine Erinnerungen gingen weit zurück.

Als ich in den 1990er Jahren in Baden-Baden wohnte, kannte ich einen in die Jahre gekommenen Lebemann. Ich nenne ihn „K“. Sein Geld verdiente er damals, indem er, immer gut angezogen und mit mediterraner Bräune im Gesicht, betagte reiche Witwen durch die Kurstadt chauffierte. Unter einem Rolls Royce tat er es nicht. Wie weit sein Service ging, war mir nicht bekannt. Aber seine Kurschattendienste erlaubten ihm auf reichlich großem Fuß zu leben. „K“ war spendabel, nie protzig (trotz Goldkettchen und Golduhren), unterhaltsam, schwätzte ein breites Badisch und hatte immer eine Geschichte parat.
Eine handelte von seinem Vater, einem Franzosen.
Dieser war Offizier und führte am Ende des Zweiten Weltkrieges das Kommando über ein kleines badisches Städtchen.
Der deutsche Bürgermeister des Ortes war ein bekannter Judenhasser gewesen. Er hatte eine attraktive junge Frau. Der französische Offizier ließ den deutschen Bürgermeister wegen (tatsächlicher) Kriegsverbrechen hinrichten, umwarb die schöne Witwe, schwängerte sie und zog nach einem Jahr – allein – in sein Heimatland zurück.
„K“ erfuhr erst als 18jähriger von seinem Vater, machte sich auf die Suche, fand ihn, wurde aber aus dessen Haus gejagt.
Ich habe nie an der Echtheit dieser Geschichte gezweifelt. Auch wenn „K“ in der Folge zu einem kleinen vaterlosen, vagabundierenden Banditen geworden war, schon sein erstes Geld mit Gaunereien gemacht hatte und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden überaus erfinderisch war. Er war ein sympathischer Belmondo-Typ.

Ich durchlief die elsässische Sauerkraut-Region. Die Choucroute-Barone zeigen ihren Reichtum mit prächtigen Häusern im traditionellen Fachwerk-Stil.

Show the way you live

Show the way you live

Ausgedehnte Riedlandschaften. Tabakanbau, auch Hopfen, Mais, Weißkohl.

Die wahren Krauts!

Die wahren Krauts!

Man sieht dem Kraut nicht an, welch Köstlichkeit es ist, wenn es gut gesäuert wird.

Krautkopp

Krautkopp

Merkwürdig, dass dieser Landstrich, der unmittelbar an Strasbourg angrenzt, touristisches Niemandsland ist.

Hauptstadt der Krauts

Hauptstadt der Krauts

Der Hopfen fast reif. Man riecht ihn aber nicht, wenn man an den Feldern vorbeischlendert. Der Geschmack und Geruch fest verschlossen in den Zapfen.

Hopfen und Malz - Gott erhalt's

Hopfen und Malz – Gott …

Fast alle Dörfer bunt beblumt.

Light my flower

Light my flower

Auf den Fluren Wegkreuze aus dem frühen 19. Jahrhundert.

O Jesus! Was machst du über Jahrhunderte da oben?

O Jesus!
Was machst du über Jahrhunderte da oben?

Am Horizont die Vogesen und erste Weindörfer.

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Nach 6 1/2 Stunden erreichte ich Obernai. Ein Stätdtchen mit 10 Tausend Einwohnern. „Senfbäuche“ werden diese von den Nachbargemeinden genannt. „Zanefbieche“ auf Elsässer-Deutsch.

Anziehungskraft 1

Anziehungskraft 1

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier im Viertelstundentakt Besuchergruppen durch die Straßen zogen und selbst Autos die Durchfahrt blockierten.

War’s wegen der Heiligen Odilie, die hier geboren wurde?

Anziehungskraft 2

Anziehungskraft 2

Jedenfalls war es gar nicht leicht, ein Hotelbett aufzutreiben.
Meine Wirtin erklärte mir dann, dass das nicht nur an den Touristen läge (viele kämen nur zu einem Tagesbesuch), sondern daran, dass der Europarat und das Europäische Parlament Sitzungswoche in Strasbourg hätten. Dort gäbe es nicht genügend Zimmer für alle Abgeordnete, Referenten, Angestellte, Lobbyisten usw, die für 5 Tage von Brüssel ins Elsass umsiedelten. Also suchten sich viele Logis sogar in der elsässischen Weinstraße. 30, 40 km vom Sitzungsort entfernt.

Anziehungskraft 3

Anziehungskraft 3

Durst: Pinot Noir (rouge). Halber Liter. 11,20 Euro. Gekühlt und angenehm zu trinken. Ohne Nachhall, aber guter Schoppenwein.

T159-Essen-01

Hunger: Baeckeoffe. 17 Euro.

Eine elsässische Spezialität. Ein Eintopf, der in einer Terrine stundenlang im Ofen brutzeln muss. Kartoffeln decken das Eintopfgericht ab.

T159-Essen-02

Unter der Kartoffelschicht: 3 Sorten Fleisch (Rind, Schwein, Lamm). Dazu Schweinsfüße. Das Fleisch wird einen halben Tag in Weißwein mariniert und danach mit Lauch und Karotten gegart.

Herrlicher Geschmack! Der Eintopf war seinen Preis wert!

T159-Essen-03

Unterkunft: 42 Euro (ohne Frühstück). Die Wirtin hatte mir das letzte Zimmer gegeben. Ein Winzling, aber immerhin mit Dusche.

Durchs reblausgrüne Schwarzwaldvorland nach Scherzheim

Wie jede Etappe fing auch diese mit dem Entgiften an.
Tag-Bewusstsein entgiften. In den Rhythmus finden. Arbeit wegschieben, Probleme gleich mit.

Es gelang nicht wirklich.
Es gelingt eigentlich nie am ersten Tag einer längeren Tour!

Auch wenn die Landschaft mir mit schönen Panoramen half.

Green Green Home

Green Green Home

Baden-Baden mündet an den Rändern immer ins Reblausgrün.

Ich war um halb zehn aufgebrochen. Die Kurstadt befand sich zu der Zeit noch im Vollschlaf. 22 km lagen vor mir bis nach Scherzheim, nahe am Rhein.

GPS-157-Baden-Baden

GPS-Gesamtstrecke bis 157

Eigentlich wollte ich über die Yburg ins Rheintal wandern, um ein wenig Schwarzwald zu schnuppern. Ich irrte mich aber im Weg und mäanderte rasch ins Rebland.

Hatte schon am Morgen Lust auf einen Riesling!

Vinothek!

Vinothek!

Manche Höfe boten ihre Ernte (frisch oder eingemacht) am Straßenrand feil.

Don't shake my peaches

Don’t shake my peaches

Es war Samstag. Die Geschäfte schlossen früh. Doch es reichte ein Griff, um sich unterwegs den Magen voll zu schlagen.
(Wobei: Äpfel sättigen nicht! Saure schon gleich gar nicht!)

Mundraub

Mundraub

Das Rheintal ist eine Hochgeschwindigkeits-Trasse.

On a train, on a train, on a train

On a train, on a train, on a train

Mein Hirn arbeitete dagegen so langsam, dass ich bisweilen dachte, es sei in der Lage auf 0 Bit/Sekunde herunterzufahren.
(Ist das der intellektuelle Tod? Kurz vor dem klinischen?)

Die Dörfer auffallend sauber gekehrt, manchmal sogar ein wenig schmuck.

Ein anderes Gesicht im Spiegel

Schau nicht in den Spiegel, du siehst immer einen anderen!

Und dieser Heiland hing mal nicht an einem klobigen Holzkreuz, sondern klebte an einer Hauswand.

Er weiß den Weg

Er weiß den Weg

Es war der erste Tag einer mehrwöchigen Etappe (hoffentlich). Ich merkte, dass ich noch nicht geübt war. Meine Beinmuskeln schmerzten früh, meine Füße liefen noch nicht automatisch. Ich beeilte mich, ein Gasthaus zu finden.

Kleider machen Junge Leute

Kleider machen Junge Leute

Gegen halb vier erreichte ich Scherzheim.

Durst: Hefeweizen. Süffig, leicht würzig. 3 Euro. Brauerei Wagner.
Sie gehört zur Kronenbrauerei. Ein privates regionales Unternehmen, das 1847 gegründet wurde. Dessen Pils schmeckt leider überhaupt nicht.

T157-Bier-01

Hunger: Gesottenes Rinderbugblatt mit Meerrettich. 11,20 Euro. Ausgesprochen saftiges Fleisch, gut gewürzt. Solide Hausmannskost.

T157-Essen-01

Unterkunft: 45 Euro.

Etappenschluss in Wissembourg

Das ist die Pfalz: Burgenland, Waldland, Weinland, Weites Land, Elwedrischeland.

Pfalzblick

Pfalzblick

Der Reihe nach: beim Frühstück aus dem Hotel-Fenster gesehen. Der Mühlweiher in Ludwigswinkel („Saarbacherhammer“) pelzig, fröstelig. Wieder Regen.

Kein Schatz im Silbersee

Kein Schatz im Silbersee

Um 9 Uhr aufgebrochen. Nach Wissembourg im Elsass. 27 Kilometer zu laufen. Das war zu schaffen. Es wurde aber ein langer und anstrengender Tag.

GPS-153-Ludwigswinkel

Selbst Kälte gewohnte Dörfer wie Schönau fröstelten in der Nässe.

Pfalzidyll

Pfalzidyll

Die meisten Fachwerkhäuser frisch renoviert. Nur wenige Fassaden mit dem Charme der Vergänglichkeit.

abgetakelt

abgetakelt

Von Schönau aus nahm ich Anlauf zur höchstgelegenen Burgruine der Pfalz. Die Wegelnburg; 572 m hoch thront sie.

Der Anstieg zunächst sanft durch ein schönes Tal.

Seitental

Seitental

Dann wurde es steil. In kürzester Zeit waren 350 Höhenmeter zu klettern.

Fotografenhorst

Fotografenhorst

Was für ein Blick!
Aber nur für Sekunden. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Kamera aus der Hülle zu ziehen. Ich schoss das Foto mehr oder weniger aus der Hüfte.
Sekunden später (und das ist keine Übertreibung!) tobte bereits ein gnadenloses Unwetter über mir und der Burg.

Schutzlos

Ausgeliefert

Ich suchte Schutz unter Steingewölben. Riss die Wolkendecke einmal kurz auf, war die nächste Burg zu erahnen.

Nebelburg

Eingenebelt

Ich beeilte mich, von der Festung herunterzukommen. Die Waldwege waren matschig, rutschig, durch umgefallene Bäume schwer passierbar geworden.

Ab jetzt lief ich stur einen Radweg im Tal entlang, der kleinen Bächen ins Elsass folgte.

Ich hatte das Gefühl, dem Zorn Gottes entkommen zu sein. Hier unten war es nicht mehr ganz so gewitterdunkel wie in den Bergen.

Und plötzlich fiel mir auch ein, worüber ich unterwegs lange gegrübelt hatte.
Wenn es einen speziellen Pfälzer Charakter gab, worin lag das Besondere? Es war der Zorn!

Natürlich sind die Pfälzer so, wie sie oft beschrieben werden: leutselig, gemütlich, manchmal ein wenig provinziell, neugierig und offen. Das Besondere aber ist ihr Zorn. Sie können sich sehr schnell aufregen. Ich selbst wurde als Kind immer wieder „Zornickel“ gerufen. Das ist kein Schimpfwort. Es ist eher ein Staunen über den Urzorn, der schon früh einen kleinen Bankert erfassen kann.

Zorn ist eine Gottes-Tugend (Heiliger Zorn) und nicht wie der Jähzorn eine der Sieben Todsünden.
Vom Zornickel zum Revoluzzer ist es in der Pfalz nicht weit. (Und nicht nur wegen 1848!)

Aber ich war zunächst einmal im Begriff, meine Heimat zu verlassen. Über eine schmale Fahrradbrücke formlos nach Frankreich.

Über Brücken musst du gehen

Über Brücken musst du gehen

Auch Lothringen lag jetzt hinter mir. Ich hatte gerade das Elsass betreten.

Und wurde in Wissembourg neugierig empfangen.

Neugier

Neugier

Ich war angekommen!

Sogar die Sonne lugte kurz durch die Wolken.

A bientôt

A bientôt

Schluss der Etappe!

923 Kilometer in den letzten 6 Wochen gewandert.
Von Papenburg im Norden bis ins Elsass.

3582 Kilometer insgesamt inzwischen zurückgelegt.

GPS-Gesamtstrecke

Viel fehlt nicht mehr, um meine Deutschlandumrundung im Schneckengang zu beenden.

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.