Mit blasphemischer Chuzpe nach Garmisch-Partenkirchen

Wespenalarm!
Morgens um 9!
Ein in Schutznetze eingehüllter Beamter kam mir auf dem Ammeruferweg fuchtelnd entgegen und bat mich, einen großen Umweg zu machen.
Sie würden gerade das Nest aggressiver Wespen ausheben. Es sei zu gefährlich weiter zu gehen.
Ein einheimischer Radler und Grantler protestierte. Das sei doch alles Unfug. Die Ammer flösse durch ein Naturschutzgebiet. Wie könne man da Wespen töten. Der Radler radelte weiter und ich machte einen Umweg.
Ich hatte anscheinend zuviel Respekt vor der wilden Natur!

eingefasst

eingefasst

Mein Weg heute: von Unterammergau nach Garmisch-Partenkirchen. Etwa 21 km.

GPS-180-Unterammergau

GPS-Gesamtstrecke bis 180

Trotz Umweg: Oberammergau war schnell erreicht.
Durch die Passionsspiele weltberühmt, ist es in Wahrheit ein eher langweiliger Ort.
Wäre da nicht der bayerische Sinn für Theatralik und barocke Bühnenbilder.

Kaum ein Haus ohne Giebelkreuz.

Grüß Gott

Grüß Gott

Kaum eine Fassade ohne ausschweifende Bemalung.

Giebel-Kunst

Giebel-Kunst

Ich fragte mich, in welche Inszenierung ich da geraten und welche Rolle mir zugedacht war?

Triptichon

Triptichon

Die Jesus Passion als Comic-Strip, Golgotha in die Ammergauer Alpen verlegt. Buben, die vor dem Gekreuzigten Schuhplattler tanzen. Die Monte Pythons hatten bei weitem nicht so viel Phantasie und blasphemische Chuzpe wie bayerische Lüftlmaler und Holzschnitzer.

Nirgendwo feiert sich das bajuwarische Klischee dermaßen ungeniert wie auf diesem Streckenabschnitt meiner Tour.

Gar lustig sind die ...Buam

Gar lustig sind die …Buam

Die Ammer jetzt rauer, nur manchmal hob sich der Nebelschleier und ich konnte ahnen, dass ich durch Gebirge wanderte.

Bach oder Fluss?

Bach oder Fluss?

Akt II der Inszenierung begann: Kloster Ettal. Eine mächtige Benediktiner-Abtei. Kein Ort der Stille. Japaner und vor allem Chinesen bevölkerten das Areal. Klar gibt es eine berühmte Basilika. Klar ist es ein Wallfahrtsort. Aber was suchen all die Menschenmassen selbst im Nebel hier?

Es ist das Gesamtkunstwerk bayerischer Mönche! Zum Kloster gehören große Bierschenken, Klosterbrauereien, Destillerien und eine Vielzahl von Souvenirläden. Vorgeführt wird das bajuwarische Lebensgefühl und die bayerische Sicht auf die Welt.

Gran Dios

Gran Dios

Ich sah mir die Basilika an.

Zangengriff

Zangengriff

Erst jetzt, als ich beim Anblick der Kuppelfresken das Wort „grandios“ murmelte, fiel mir etwas auf.
Ich musste verdammt alt werden, um so etwas Simples und Naheliegendes zu bemerken, dass „grandios“ nichts anderes bedeutet als „Großer Gott“ („Gran Dios“). Hijo, warum lauf ich nur so verblödet in der Welt herum.

Hinter dem Kloster folgte der Wanderweg einem alten Saumpfad, dem Kienbergweg. Schon im 14. Jahrhundert eine wichtige, aber auf diesem Abschnitt gefürchtete Handelsverbindung zwischen Venedig und Augsburg. Ein gefährlicher Pfad noch heute. Breit und gut begehbar ist er nur am Anfang. Danach wird er eng, steinig, steil und rutschig.

Go down

Go down

Teil III der Inszenierung: der Kreuzweg.

Obwohl hier sicher keine Rentner, nicht einmal im Senioren-Sommer, auch keine Japaner und Chinesen den Hang hinunter rutschen: Es war eine schlichte, aber beeindruckende Via Dolorosa. Ausdruck von Volksfrömmigkeit, die nicht auf das große Publikum zielt.
Aber eine Landschaft, ein versteckter Winkel ohne eine Inflation religiöser Symbole: in Bayern kaum erlebt.

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Auf halber Strecke ins Tal: ein alter Grabstein.

„Hier starb
mitten in seiner rastlosen Tätigkeit
am 15. August 1875
Herr Franz Xaver Hauser
Steinmetzmeister aus München
geboren am 15. April 1812
Zu Binswang in Tirol.

Er wurde duch das Umstürzen
der zur Oberammergauer Kreuzigungs
Gruppe gehörigen Johanes Figur
deren Transport er leitete
getötet.“

Pech gehabt

Pech gehabt

Am Ende des Kreuzweges das Loisach-Tal.
Ich konnte die Feld-, Weg- und Fluss-Kreuze nicht mehr zählen, an denen ich heute vorbei gewandert war.

Platzhalter

Platzhalter

Nach 6 Stunden Garmisch-Partenkirchen erreicht.

Ludwigstrasse

Ludwigstrasse

Die Geschichte fing wieder von vorne an: Hausmalereien, Kreuze, Passionswege, Bajuwaren-Kitsch.

Augen Blick

Augen Blick

Ich hatte genug.
Ich setzte mich in ein Lokal und schloss die Augen. Ich wollte keine Dirndl, keinen Janker, Gambsbart, keine Lederhose oder Tracht, keine nach Luft schnappende Touristen und eigentlich überhaupt nichts mehr sehen. Ich war erschöpft.

Hunger: Ochsenbäckchen mit Kohlrabi und Semmelknödeln. 14 Euro. Naja.

T180-Essen-01

Unterkunft: 68 Euro (mit Frühstück).

Lauf,lauf,lauf bis Immenstadt

Lingenau im Tiefschlaf.
So früh war ich doch gar nicht aufgebrochen. Halb neun. Und doch hatte ich das Gefühl, das ganze Dorf sei noch beim Frühstück.
Kein Bauer im Hof oder im Feld, keine Magd Milch schleppend, keine verrotzten Kinder auf dem Schulweg. Nicht mal Touristen, die ihre Autos warm laufen ließen.

Selige Stille.

Nur manchmal hatte ich das Gefühl, die Luft knirsche. Ich musste mich getäuscht haben.

Schlafende Häuser

Schläfrige Häuser

Mein Tagesziel: irgendein Dorf in Bayern erreichen. Es wurde lang und weit. 41 km am Ende – bis ich Immenstadt erreichen sollte.

GPS-176-Lingenau

GPS-Gesamtstrecke bis 176

Regen war angesagt. Gewitterwarnung. An Bergbesteigungen nicht zu denken. Bisweilen packte es doch ein Sonnenstrahl Täler und Bergkämme zu verschönern.

Schläfrige Dörfer

Schläfrige Dörfer

Wie laut ein harmloser Bach sein kann, wenn er nur über ein paar größere Kieselsteine holpert.

Permanentes Spülgeräusch

Permanentes Spülgeräusch

Die meisten Häuser im Bregenzer Wald im traditionellen Schindel-Stil.
Die neuen waren hellbraun, die älteren bevorzugten runzeliges Schwarzbraun als Farbton.

Würd gern die Schindeln zählen

Würd‘ gern die Schindeln zählen

Malerwinkel zuhauf.

Kirchturm als Wolkenpiekser

Kirchturm als Wolkenpiekser

Ich lief Wirtschafts- und Feldwege entlang. Und trotzdem erklomm ich wieder Serpentinen folgend Bergpässe. Einmal, kurz vor der Grenze zu Deutschland, zeigte meine höhenmessende Uhr 1.050 Meter an.

Mitten auf einer Almwiese das güldene Hoheitszeichen der Bundesrepublik D.

Orange-Gold

Orange-Gold

Die Dörfer auf der bayerischen Seite nicht anders als die auf der österreichischen. Irgendwann waren die ja auch mal eins.

Dampftäler

Dampftäler

Mittlerweile regnete es stark. Es hörte erst auf, als ich gegen Viertel vor zwei Oberstaufen erreichte. Das Zentrum leer, die Touristen saßen beim Mittagsmahl. Vorwiegend Senioren-Paare, die sich verständnisvoll anschwiegen.

So sind Zentren halt

So sind Zentren halt

In und um Oberstaufen zeigten zahlreiche Gebäude wie kreuzkatholisch deren Besitzer waren. Prachtvolle und fast schon genüsslich ausmodellierte Kreuzigungsszenen knapp unterhalb der Hausgiebel. (Jetzt erst verstand ich den Sinn des Wortes „Kreuz“-Katholisch!)

Verspielt

Verspielt

Seriös

Seriös

Irgendetwas trieb mich weiter. Schon seit zwei, drei Tagen hatte ich an (in?) mir eine innere Unruhe bemerkt. Ich war nicht mehr aufmerksam den Menschen gegenüber, denen ich begegnete, aber auch nicht mehr mir gegenüber. Ich hatte kaum Geduld, einen Gedanken weiter zu spinnen, ein wenig vor mich hin zu träumen. Es schien, als sei alles in mir darauf gerichtet, endlich anzukommen, meine Grenzwanderung zu beenden. Viel fehlte ja auch nicht mehr. Noch zwei Wochen, 350 Kilometer vielleicht. Meine ganze Energie war darauf gerichtet, meinen Körper lauffähig zu halten. Und ich lief und lief und lief.

Schöne Wanderwege.

Aussichtsreich

Aussichtsreich

Kurz hielt ich inne an einem kleinen Wasserfall.

Kein Spülgeräusch - klingt eher nach Rieseln

Kein Spülgeräusch – klingt eher nach Rieseln

Kurz vor 18 Uhr erreichte ich den Alpsee. Hundemüde schon, aber die Wolkendecke brach gerade auf. Die Sonne legte für einige Sekunden ein surreales Milchlicht über die Landschaft.

Vision-Art 1

Vision-Art 1

Vision Art 2

Vision Art 2

Am liebsten wäre ich hier geblieben, hätte mir gerne eine Unterkunft in Bühl am Alpsee genommen.
Fehlanzeige.

Don't be afraid

Don’t be afraid

Bis Immenstadt musste ich gehen, um ein Hotel zu finden. Halb acht unterschrieb ich den Gast-Zettel. Knallte mich in die Gaststube und ließ mich verwöhnen.

Durst: Allgäuer Büble Bier. Schmackhaft. Ging runter wie nix! (Allgäuer Brauhaus – seit 1888 / mittlerweile zur Radeberger Gruppe gehörend.)

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Hunger.
Vorspeise: Tafelspitz-Suppe mit Brätstrudel. Ging auch runter wie nix! 3,50 Euro.

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Hauptspeise: Zwiebelrostbraten mit Allgäuer Spätzle. Fleisch war vom heimischen Weiderind. Sehr schmackhaft. Spätzle gut. Ging ebenfalls runter wie nix! 18,90 Euro.

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Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück). Sehr anständig.

Die schöne Nadine begleitet mich zurück zur Grenze nach Sasbach am Kaiserstuhl

Gut gelaunt aufgewacht. Den Ortsname Blienschwiller muß ich mir merken. Herausragende Köchin, die im einzigen Lokal des Dorfes geradezu zaubert.

Guter Landschaftsarchitekt!

Guter Landschaftsarchitekt!

Ich werde wiederkommen. Und das bald!

Aber heute wollte ich erst einmal nach Deutschland zurück. Ich war jetzt lange genug in Fronkreisch.

33 lange Kilometer warteten auf mich. Bis Sasbach am Kaiserstuhl.

GPS-162-Blienschwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Die Wegkreuzdichte in diesem Teil des Elsass ist verblüffend.

On the bright sight

On the bright side

Selbst Straßen führen direkt zum Kirchenaltar.

Last Exit

Last Exit

Als ich auf einer Obstwiese einen Apfel pflücken wollte, traf ich Nadine.
Sie machte gerade Rast und war ebenfalls auf dem Weg nach Deutschland.

T162-Tracht-02

Sie stammte aus dem Süden der Republik und wollte zu einem Trachtenfest im Schwarzwald.
Ich bot ihr an, sie mitzunehmen und sie willigte gerne ein.

Von der Weinstraße ging es sehr schnell in den flachen Oberrheingraben.

Beim Abschieds-Blick zurück sah ich die Burg Ortenberg. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden zerstört.

In die Wolken gebaut

In die Wolken gebaut

Gleich nebenan, von Wolken fast vollständig eingehüllt, das Schloss Haut-Kœnigsbourg. Auch diese Anlage wurde von den Schweden geschleift (was haben die hier eigentlich gesucht?).
Kaiser Wilhelm ließ sie Anfang des 20. Jahrhunderts mit Millionenaufwand restaurieren. Zum Spaß. Bezahlen mussten allerdings die Elsässer selbst. Heute profitieren sie wenigstens davon. 500.000 Besucher jährlich!

Hoch hinaus

Hoch hinaus

Mangels Karte folgte ich wieder meinem Handy-Navi. Ich wollte über das Städtchen Sélestat zur Grenze. Aber mein Smartphone zeigte mir beharrlich „Schlettstadt“ an. Zuerst glaubte ich, es handele sich um einen Vorort. Ich brauchte noch eine Weile um zu begreifen, dass dies der deutsche Name Sélestats war.
Ich fragte mich, wer eigentlich das Google-Kartenprogramm programmiert? Und wieso er nicht die offiziellen Namen der Dörfer und Städte benutzt? War da ein Deutschtümler am Werk?

Kleine Stadt ganz groß

Kleine Stadt ganz groß

Das Zentrum nett, betulich, verwinkelt, die Häuser mit ein wenig Patina.

Ich setzte mich zusammen mit Nadine in ein Straßencafé und bestellte ein Bier.

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Ich fragte sie, warum sie denn diesen langen beschwerlichen Weg aus Südfrankreich in den Schwarzwald unternehme.
Wortreich versuchte sie mir zu erklären, dass in Frankreich selbst Jugendliche wieder Tracht trügen. Und sie suche eine Gelegenheit, sich mit anderen über Grenzen hinweg über Tradition und Brauchtum zu verständigen. Sie habe gelesen, dass auch in Deutschland wieder viel Dirndl und Lederhosen getragen würden.
Ich erwiderte, dass das nur eine modische Verkleidung von Jugendlichen sei. Eine Art permanentes Oktoberfest. Komasaufen inklusive.
Nadine verzog ihr schönes Gesicht.
Sie hatte keinen Sinn für Ironie.

Der Weg bis zur Grenze langweilig. Ich lief einen Radweg, der eine viel befahrene Landstraße begleitete.

Vor dem Rhein kommt der Rheinseitenkanal oder der Grand Canal d’Alsace, wie er auf französisch heißt.
Die Grande Nation baut keine einfachen Kanäle. Es muss mindesten ein „Grand“ davor.
(Gibt es auch ein „Grand Pissoir?“)

Industriefluss

Industriefluss

Staustufe und Wasserkraftwerk Marckolsheim.

Lastenfluss

Lastenfluss

Dann erst kommt Vater Rhein.

Irgendwo zwischen Grand Canal und Rhein (oder auf der Rheinbrücke?) lag die Grenze zwischen BRD und FR.
Man kann sie nicht mehr bemerken. Das war vorvorvorgestern.

Feierabendfluss

Feierabendfluss

Nach 8 Stunden Sasbach am Kaiserstuhl erreicht. In einem Traditionsgasthaus untergekommen.

Durst: Sasbacher Chardonnay (4,20 Euro) und Sasbacher Weißburgunder (2,90 Euro).
Beides recht einfache Ausgaben, aber süffig.

Hunger:
Badischer Sauerbraten mit Nudeln. 15,20 Euro.
Was daran badisch war, hat sich mir nicht erschlossen. Es kann nichts mit den verwendeten Lebkuchengewürzen zu tun haben.
War o.k. Und war vor allem: extrem viel.

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Unterkunft: 36 Euro (mit Frühstück).

Mon Dieu

Der eigentliche Grund, warum ich mich ziemlich weit weg von der Grenze bewegt und einen Abstecher in die Vogesen gemacht hatte, war die unselige Geschichte Natzwillers.

Im Seitental versteckt

Im Seitental versteckt

In den Bergen oberhalb des Dorfes errichteten die Nazis während der Besatzung ein Konzentrationslager. Dort, wo ehemals ein Wintersportort wohlhabende Franzosen zum Skifahren lockte.

52.000 Deportiere mussten diesen Eingang durchschreiten. 22.000 Menschen wurden dahinter zu Tode gequält.

Gottloser Ort

Gottloser Ort

Einige Baracken stehen noch. Auch der Galgen am Ende des Weges.

Jesus kam nicht bis Struthof

Jesus kam nicht bis Struthof

Den Gefangenen wurde der Strick fest um den Hals gelegt und gestrafft, so dass beim langsamen Öffnen der Falltür das Genick nicht brach, sondern der Häftling baumelnd langsam erstickte.

Henkersplatz

Henkersplatz

Unvorstellbares mussten die erleiden, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die mit flüssigem Senfgas und anderen Giftgasen traktiert, mit Typhus-Erregern infiziert wurden, die langsam zu Tode gequält und auf diesem Tisch seziert wurden.

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Im Museum gab es Fotos dazu, die ich mir nicht anschauen konnte.

Im Krematorium wurden den Toten Gold- und Silberkronen herausgebrochen.
Manchmal wurden Häftlinge hinter dem Verbrennungsofen an Fleischerhaken zu Tode stranguliert und gleich eingeäschert.

Das Grab vieler Unbekannter

Das Grab vieler Unbekannter

Nicht wenige, die nach Natzweiler-Strurhof deportiert wurden, waren Widerstandskämpfer.

Welchen Mut müssen französische Frauen und Männer gehabt haben, während der deutschen Besatzung im Untergrund zu arbeiten. Sie wussten, welches Schicksal sie erwartete, sollten sie auffliegen.

Helden (Ist das das richtige Wort?)

Helden (Ist das der angemessene Begriff?)

Als ich mich entschied, auf meiner Grenzwanderung auch das KZ Natzweiler-Struthof aufzusuchen, dachte ich, das sei unerlässlich, wollte ich das Verhältnis von Deutschen und Franzosen verstehen.

Aber als ich schon lange aus der Gedenkstätte draußen war und stumm den Vogesenwald hinunterlief, rumorte in mir gänzlich anderes.
Ich fragte mich wie viele vor mir, wo Gott in dieser Zeit der grauenhaften Verbrechen war? Warum er die Menschen verlassen hatte?
Und ich merkte, dass dies für einen Nichtreligiösen eine komische Frage war.

Und je weiter ich mich von Natzweiler-Struthof entfernte, umso mehr dachte ich darüber nach, wieso aus einem kapitalen Versagen des Menschen (oder des Menschlichen) so schnell ein Versagen Gottes gemacht wird. Als sei Mensch und Gott das gleiche.
Als existiere der eine nicht ohne den anderen.
Wenn Gott (vorausgesetzt er existiert) aber sein Schicksal an den Menschen geknüpft hat, dann Gnade ihm Gott (denn Mensch ist gnadenlos – siehe Natzweiler-Struthof).

Ich verfing mich im Dickicht der Gottes-Beweise und Gegenbeweise.

Und ich kam zu der Überzeugung, dass Gott (wenn er existiert), sich erst durch den Menschen erschaffen hat. Es gibt ein Geburtsdatum Gottes! Ohne Bewusstsein in der Welt würde er nicht existieren. Gott braucht den Menschen (oder Bewusstsein), er wird mit dem letzten Menschen sterben oder sich wieder in Milchstraßen, Galaxien, in Sternennebel auflösen.

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr stoppen. Sie entglitten mir.
Etwas fragte mich, wen Gott wohl sehen würde, schaute er in einen Spiegel?
Zarathustra? Buddha? Einen bärtigen Christus? Mohammed? Laotse? Konfuzius? Zeus? Thor? Ganesha? Mich? Mich Mensch? Nichts?
Gott schaut nicht in spiegelnde Seen, in Glas, weil er sich selbst nicht erkennen kann? Weil er sich höchstens im Menschen spiegelt?

Ich schloss den Gedanken-Irrgarten, aus dem ich nicht mehr herausfand. Und konzentrierte mich darauf, mein Tagesziel zu erreichen.

Um 9 Uhr war ich in Natzwiller aufgebrochen. Ich wollte heute noch ins Tal kommen. Ich wusste noch nicht, dass es 9 1/2 Stunden dauern sollte, bis ich in Blienschwiller an der elsässischen Weinstraße ein Hotelzimmer finden würde.

GPS-161-Natzwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Gott hatte ich abgeschüttelt. Eine Burgruine auf dem Bergkamm holte mich aus dem Ewigen und Unsterblichen zum Irdischen und Vergänglichen zurück.

Ich atmete wieder frei.

Nach Luft schnappen

Nach Luft schnappen

Am Ausgang der Vogesen: Andlau.
Ein Weinort, in der zweiten Reihe der Weinstraße gelegen. Nicht so herausgeputzt und darum schön.

Einfahrt ins Weinland

Einfahrt ins Weinland

Eigentlich war ich reif für ein Hotel, für ein Viertel Weißburgunder. Ich war müde. Aber ich beschloss weiter zu gehen. Das Abendlicht übt auf mich keinen guten Einfluss aus!

Weinwelt

Weinwelt

Ich wanderte durch die Rebanlagen, Wingerte, Weingärten. Und an jeder schönen Weggabelung traf ich ihn: den Gekreuzigten.
MON DIEU! Warum steigt er nicht endlich herab und bekennt sich zu dem was er ist: ein gequälter Mensch.

Was tut er hier?

Was tut er hier?

Uff: nicht schon wieder im Gedanken-Irrgarten verlaufen!
Memento Mori. Wie sehr drängt auf diesen Wanderwegen das Mittelalter ins Heute.

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Landschaft ist hier nicht nur Landschaft. Auf Weinwegen, in Ortszentren, in Straßengabelungen, auf exponierten Hügeln: Die Wegkreuze verwandeln das elsässische Rebland in einen Jesus-Erlebnispark. Die ältesten Inschriften, die ich gesehen habe, bezeugen, dass der Allmächtige hier schon seit dem 18. Jahrhundert festgenagelt ist.
Warum erlöst ihn niemand?

Wer hilft den Göttern?

Wer hilft den Göttern?

Wunderschöne (Wunder?) Weinbergwege.

Straße ins Weinglück

Road to happiness

Mathilde sonnte sich im Abendlicht. Auf einer Spätburgundertraube. Fast wäre ich an ihr vorbeigegangen. So versunken war ich in meine Sophistereien.

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Ich fragte sie, ob sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen könnte und sie versprach mir, mich zu ihrer Lieblingsköchin zu führen.

Eine Stunde dauerte es noch, dann erreichten wir gegen halb sieben Blienschwiller. Ein kleiner, eher unscheinbarer Ort auf der sehr sonst sehr touristischen Weinstrasse. Im Weindorf: nur ein Hotel und nur ein Restaurant. Keine Busse, keine Massen. Stille.

Im Restaurant kämpfte ich zuerst mit einem Bier gegen das Verdursten an: Fischer Tradition. Köstlich!!!
(Wie ärgerlich, dass die elsässische Traditionsbrauerei von Heineken übernommen wurde.)

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Mathilde freute sich sichtlich über mein Bier-Vergnügen.

T161-Madame-01

Dann erst bestellte ich. Die Speise- und Wein-Karte exquisit. Ohne es zu ahnen, war ich in einem Gourmet-Lokal gelandet.
Mon Dieu! Warum wohnt Gott in Frankreich?
Noch nie habe ich in Frankreich so gut gegessen und getrunken wie an diesem Abend.

Durst:
1) Als Aperitif: Gewürztraminer (Grand Cru). Sensationell.
2) Riesling trocken (Steinacker 2011): Mineralisch, fein, herb. Für einen Alltagswein sehr gut.
3) Pinot Noir (2012) . Jung und trotzdem langer Nachhall. Überraschend schwergewichtig für einen Elsässer Spätburgunder.
4) Corbière. Domaine Calvel. Fast tintig schwarz. Konzentriert. Grandios.

Hunger.
Überraschungsmenue: 45 Euro. 5 Gänge. Die Köchin (sie wurde Silvie? gerufen) eine Gewürz-Expertin. Eine Aromen-Zauberin.

1) Willkomensgruß: Muscheln im Sud.

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2) Hausgemachte Entenleber mit verschiedenen Salzen, Joghurt-Dip und Himbeervinaigrette.

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3) Makrele auf Toastbrot mit Tomaten und Olivencreme. Dazu Rucola-Salat mit Rotem Pfeffer.

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4) Rinderfilet auf Kartoffeln und verschiedenen Karotten. (Ich wusste bisher nicht, dass es weiße Karotten gibt!)

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5) Drei verschiedene Käse. Ziegenkäse mit Kräutern / Camembert mit Calvados / Tête de Moine.

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6) Dessert: Tiramisu mit in Pinot Noir eingelegten Süßen Kirschen und einem Sorbet.

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Hinter jeden Gang hätte ich nur Worte des Entzückens stammeln können. Es war einfach sensationell.

Unterkunft: 55 Euro.

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Senfbäuche, Krauts und Europa-Referenten überfüllen Obernai

Sehr früh von meinem Hotel in Kehl in die Innenstadt von Strasbourg gefahren, dem Endpunkt meiner gestrigen Etappe.
Der Bus voller Franzosen, die offenbar auf der deutschen Seite wohnten und auf der elsässischen arbeiteten.

Kehl wirkt wie ein Vorort von Strasbourg.

Die elsässische Hauptstadt in schmeichelndem Morgenlicht.

Pittoresk

Pittoresk

Um Viertel nach neun brach ich in der Nähe des Münsters Richtung Obernai auf. 27 km entfernt.

GPS-159-Strasbourg

GPS-Gesamtstrecke bis 159

Die ersten zwei Stunden endloses Gehen, um aus den Vororten Strasbourgs heraus zu gelangen. Danach schmucke Örtchen.

Fachwerk satt

Fachwerk satt

Ich bemerkte an mir eine seltsame Unlust, durch elsässische Bilderbuchdörfer zu schlendern. Ich redete mit niemanden. Ich wanderte gedankenverloren und meine Erinnerungen gingen weit zurück.

Als ich in den 1990er Jahren in Baden-Baden wohnte, kannte ich einen in die Jahre gekommenen Lebemann. Ich nenne ihn „K“. Sein Geld verdiente er damals, indem er, immer gut angezogen und mit mediterraner Bräune im Gesicht, betagte reiche Witwen durch die Kurstadt chauffierte. Unter einem Rolls Royce tat er es nicht. Wie weit sein Service ging, war mir nicht bekannt. Aber seine Kurschattendienste erlaubten ihm auf reichlich großem Fuß zu leben. „K“ war spendabel, nie protzig (trotz Goldkettchen und Golduhren), unterhaltsam, schwätzte ein breites Badisch und hatte immer eine Geschichte parat.
Eine handelte von seinem Vater, einem Franzosen.
Dieser war Offizier und führte am Ende des Zweiten Weltkrieges das Kommando über ein kleines badisches Städtchen.
Der deutsche Bürgermeister des Ortes war ein bekannter Judenhasser gewesen. Er hatte eine attraktive junge Frau. Der französische Offizier ließ den deutschen Bürgermeister wegen (tatsächlicher) Kriegsverbrechen hinrichten, umwarb die schöne Witwe, schwängerte sie und zog nach einem Jahr – allein – in sein Heimatland zurück.
„K“ erfuhr erst als 18jähriger von seinem Vater, machte sich auf die Suche, fand ihn, wurde aber aus dessen Haus gejagt.
Ich habe nie an der Echtheit dieser Geschichte gezweifelt. Auch wenn „K“ in der Folge zu einem kleinen vaterlosen, vagabundierenden Banditen geworden war, schon sein erstes Geld mit Gaunereien gemacht hatte und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden überaus erfinderisch war. Er war ein sympathischer Belmondo-Typ.

Ich durchlief die elsässische Sauerkraut-Region. Die Choucroute-Barone zeigen ihren Reichtum mit prächtigen Häusern im traditionellen Fachwerk-Stil.

Show the way you live

Show the way you live

Ausgedehnte Riedlandschaften. Tabakanbau, auch Hopfen, Mais, Weißkohl.

Die wahren Krauts!

Die wahren Krauts!

Man sieht dem Kraut nicht an, welch Köstlichkeit es ist, wenn es gut gesäuert wird.

Krautkopp

Krautkopp

Merkwürdig, dass dieser Landstrich, der unmittelbar an Strasbourg angrenzt, touristisches Niemandsland ist.

Hauptstadt der Krauts

Hauptstadt der Krauts

Der Hopfen fast reif. Man riecht ihn aber nicht, wenn man an den Feldern vorbeischlendert. Der Geschmack und Geruch fest verschlossen in den Zapfen.

Hopfen und Malz - Gott erhalt's

Hopfen und Malz – Gott …

Fast alle Dörfer bunt beblumt.

Light my flower

Light my flower

Auf den Fluren Wegkreuze aus dem frühen 19. Jahrhundert.

O Jesus! Was machst du über Jahrhunderte da oben?

O Jesus!
Was machst du über Jahrhunderte da oben?

Am Horizont die Vogesen und erste Weindörfer.

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Nach 6 1/2 Stunden erreichte ich Obernai. Ein Stätdtchen mit 10 Tausend Einwohnern. „Senfbäuche“ werden diese von den Nachbargemeinden genannt. „Zanefbieche“ auf Elsässer-Deutsch.

Anziehungskraft 1

Anziehungskraft 1

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier im Viertelstundentakt Besuchergruppen durch die Straßen zogen und selbst Autos die Durchfahrt blockierten.

War’s wegen der Heiligen Odilie, die hier geboren wurde?

Anziehungskraft 2

Anziehungskraft 2

Jedenfalls war es gar nicht leicht, ein Hotelbett aufzutreiben.
Meine Wirtin erklärte mir dann, dass das nicht nur an den Touristen läge (viele kämen nur zu einem Tagesbesuch), sondern daran, dass der Europarat und das Europäische Parlament Sitzungswoche in Strasbourg hätten. Dort gäbe es nicht genügend Zimmer für alle Abgeordnete, Referenten, Angestellte, Lobbyisten usw, die für 5 Tage von Brüssel ins Elsass umsiedelten. Also suchten sich viele Logis sogar in der elsässischen Weinstraße. 30, 40 km vom Sitzungsort entfernt.

Anziehungskraft 3

Anziehungskraft 3

Durst: Pinot Noir (rouge). Halber Liter. 11,20 Euro. Gekühlt und angenehm zu trinken. Ohne Nachhall, aber guter Schoppenwein.

T159-Essen-01

Hunger: Baeckeoffe. 17 Euro.

Eine elsässische Spezialität. Ein Eintopf, der in einer Terrine stundenlang im Ofen brutzeln muss. Kartoffeln decken das Eintopfgericht ab.

T159-Essen-02

Unter der Kartoffelschicht: 3 Sorten Fleisch (Rind, Schwein, Lamm). Dazu Schweinsfüße. Das Fleisch wird einen halben Tag in Weißwein mariniert und danach mit Lauch und Karotten gegart.

Herrlicher Geschmack! Der Eintopf war seinen Preis wert!

T159-Essen-03

Unterkunft: 42 Euro (ohne Frühstück). Die Wirtin hatte mir das letzte Zimmer gegeben. Ein Winzling, aber immerhin mit Dusche.

Heul wie ’ne Wuzz und du kommst nach Ludwigswinkel

Herrliche Wege durch die Pfalz.

Pälzer Sunn

Pälzer Sunn

Ich wollte den Sonnentag auskosten, lief bereits Viertel vor 9 los. Ungefähres Ziel: Ludwigswinkel. 35 km entfernt.

GPS-152-Hornbach

GPS-Gesamtstrecke bis 152

Gestern Abend hatte ich mir noch schnell meine Wäsche gewaschen und mich rasiert. Ich hatte das Gefühl, „ordentlich“ durch meine Heimat laufen zu müssen.

Kleine Dörfer mit imposanten Häusern.

massiv

massiv

Mit alten steinernen Wegkreuzen.

was war nochmal 1763?

was war nochmal 1739?

Mit witzigen Hausnummern.

Hausnummer

Hausnummer

Endlose Höhenstrassen. Von denen einige leider auch gerade „verspargelt“ werden.

Don't let it be

Don’t let it be

Kurz vor dem Horizont hielt ein Nahverkehrsbus neben mir. Der Fahrer fragte mich, ob ich ein Stückchen mitfahren möchte. („Willsch a Sticksche mit?“) Ich verneinte und bedankte mich.
Der Chauffeur tuckerte mit seinem leeren Bus noch eine Weile neben mir her und wir unterhielten uns angeregt, fast berauscht, über die Schönheiten der Pfalz. Dann brauste er los.

Ich hatte die Aussicht für mich allein.

Blick nach links

Blick nach links

Gleich in welche Richtung ich schaute, ob nach Frankreich oder ins Pfälzer Hinterland: eine überwältigende Landschaft.

Nie hatte ich das Gefühl eine Grenze entlang zu laufen.

Blick nach rechts

Blick nach rechts

Auch ein Postbote hielt mit seinem gelben VW und wollte mich mitnehmen. Erneut lehnte ich ab.
In der Pfalz wirst du schneller angesprochen als du „Guten Tag“ sagen kannst.
Die Menschen sind neugierig.

Es ging auf und ab. Es wurde anstrengend.

Bergdorf

Bergdorf

Diesem Dorf sieht man nicht an, dass ich – aus dem Wald kommend – erst einmal 150 Höhenmeter runter und dann das Gleiche sofort wieder hochsteigen musste.

Von nun an ging das stetig so. Nach einigen Stunden lag das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas vor mir: der Pfälzer Wald.
Von oben wirkte er fast unheimlich und unbewohnt. Würde ich dort wieder herausfinden?

Soll ich da rein ?

Soll ich da rein ?

Mal waren die Forstwege gut ausgebaut, mal schmal und mit vielen Stolperfallen.

Noch der einfachere Weg

Noch der einfachere Weg

Bevor ich in den Wald hinabstieg, hatte ich mich in einer Wirtschaft erkundigt, ob es Abkürzungen zu meinem Ziel gebe. Ein Gast meinte ja, aber dass sie einigermaßen schwer zu finden seien und ich mich leicht verirren könne. Ein zweiter sagte, das würde nichts machen. Ich solle mich an einer Straße in die Kurve stellen und „heulen wie ne Wuzz“ (weinen wie die Sau). Dann würde sich schon jemand erbarmen und mich im Auto mit nach Ludwigswinkel nehmen.
Auch eine Möglichkeit.

Ich liebe meine Pfälzer und deren Gosch!

Bunt-Sand-Stein

Bunt-Sand-Stein

Ich fand die Abkürzung. Und erreichte nach 9 Stunden mühsamen Wanderns die ersten Teiche im Seengebiet Ludwigswinkel.

Grünteich

Grünteich

Durst: Park-Bier (Pils). Pirmasenser Brauerei. Schmeckte gut, hopfig. 2,70 Euro (0,5 l).

T152-Bier-01

Hunger: Markklößchensuppe. (3,80 Euro). Gut.

T152-Essen-01

Pfälzer Saumagen mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. (9,60 Euro). Deftige Hausmannskost.

T152-Essen-02

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Mit lothringischem Kir euphorisiert, packe ich es bis Bouzonville

Wauw! Welch ein Empfang durch die Grande Nation.

echtes fake

echtes fake

Noch keinen Schritt nach Frankreich gesetzt und schon stand ich vor dem Eiffelturm. Pfiffige Marketingfachleute hatten eine Kopie des Stahlwerks direkt auf die Grenze zu Lothringen gesetzt. Nur einige Meter hoch. Aber mit pefekter Illusion.

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Um halb 10 das Hotel verlassen, mein Ziel war eigentlich, ein bisschen durch Lothringen zu stolpern und an Frankreich zu schnuppern, aber wieder auf deutsches Gebiet zu wechseln. Es kam anders. Ich lief völlig euphorisiert bis Bouzonville. 30 km weit.

GPS-146-Schengen

GPS-Gesamtstrecke bis 146

Schilder wiesen mich darauf hin, dass ich mich erneut auf dem Jakobsweg bewegte. Sierck-les-Bains an der lothringischen Mosel ist ein Pilger-Stopp.

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

In dem Städtchen traf ich zwei entnervte Deutsche auf Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die den tagelangen Dauer-Regen nicht mehr abkonnten und ans Aufgeben dachten.

Dabei hatte es der Wettergott heute gut mit uns gemeint. Kaum ein Tropfen, sogar ab und zu ein Sonnenstrahl.

Sierck war so wie ich mir lothringische Dörfer vorgestellt hatte: graubraun, ein wenig ungepflegt, urwüchsig, massiv, sogar ein bisschen trist.

gedrängt

gedrängt

Ich hatte zudem erwartet, eine eindeutige Sprachgrenze zu übertreten. Dass ich ab jetzt französisch würde sprechen müssen, das ich aber so gut wie nicht beherrsche.

Weit gefehlt. Schon als ich einen Espresso im ersten Café Siercks zu mir nahm, philosophierte eine gut gelaunte Wirtin mit mir in Deutsch übers Sauwetter: „Katastrophe!“ (Wie bezaubernd betont!)
Ich fragte die Dame, ob noch viele Lothringer Deutsch reden würden, ich hätte das Gegenteil gelesen.
Sie meinte, fast alle älteren Leute entlang der Grenze würden Lothringer Platt sprechen, ihre Generation der 50jährigen nur noch zum Teil.

Sierck war einst Sitz der lothringischen Herzöge. Mit Genießerblick überwachten sie von ihrer Burg aus den Moselverkehr.

at it's best

at it’s best

Das lothringische Grenzgebiet ist hügelig. Ständig wechselt Auf mit Ab. Doch immer hatte ich das Gefühl, mich in einer weiten, großzügigen Landschaft zu bewegen.
Auch wenn die Dörfer so angelegt waren, als würden sie an Hängen, in Mulden und Tälern Schutz suchen.

Fremden gegenüber machen sie sich größer und wuchtiger als sie sind.

Breitseite

Breitseite

Schon im ersten Dorf blieb ich hängen. Ich hörte Stimmen aus einer Gastwirtschaft und trat ein.
Ich bestellte mir zunächst ein Elsässer Bier. Dann sah ich, was der Wirt für seine Gäste mixte und bestellte es ebenfalls.

„Lothringischer Kir“ nannte er das Getränk!

Savoir vivre

Savoir vivre

Absolut köstlich. Ein kräftiger Schuss Mirabellenlikör, dazu Elsässer Crémant und eine lothringische eingelegte Mirabelle.

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Ich radebrechte erst ein bisschen Französisch, bis der Wirt Mitleid mit mir bekam und mich auf Deutsch ansprach.
Von ihm hörte ich die gleiche Geschichte wie schon bei Tagesbeginn.
Fast alle hier im Grenzgebiet sprächen Deutsch. Die Alten sowieso. Die Alten plapperten auch miteinander im lothringischen Platt. Seine Generation beherrsche das Platt ebenfalls, allerdings – und das sei der Unterschied zu früher – spreche man unter Freunden nur noch Französisch.

Aber auch die Jugend, zumindest im Grenzgebiet, lerne Deutsch, da viele in der Bundesrepublik arbeiten würden oder bei eine deutschen Firma in Luxemburg. Überhaupt, wer in Luxemburg arbeite, müsse sich zumindest einigermaßen auf Deutsch veständigen können.
In den Dörfer rings um würde von 3 Jugendlichen mindestens einer einen Job in Luxemburg haben.

(Ich bekam immer mehr Achtung vor dem kleinen Land, das nicht nur die Billigtanke, sondern auch der Arbeitgeber einer ganzen Grenzregion war.)

Euphorisiert von der angenehmen Unterhaltung und dem Mirabellen Kir durchstreifte ich Lothringen und verliebte mich in die Landschaft. Zumindest heute wollte ich nicht mehr nach Deutschland zurück.

love it

love it

Alles andere als eine reiche Gegend.

kein Fassadenbauernhof

kein Fassadenbauernhof

Aber authentisch.

bäuerlich

bäuerlich

Auf den Feld- und Waldwegen immer wieder Wegkreuze. Zum Teil aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts. Die meisten – egal ob aus Stein oder Stahl – verwittert.

Vor diesem Gott musste sich niemand fürchten. Es schien, als bräuchte er Schutz und Erlösung. Ergreifend, wie alleingelassen und verloren in der Zeit der sonst so Allmächtige wirkte.

Jesus auf Mooskissen

Jesus auf Mooskissen

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass diese alten Kreuze dem Spaziergänger, Bauern, Sünder (oder wem auch immer) keine Angst einjagen wollten. Sie übertrugen keine Furcht auf den Betrachter, Furcht vor Strafe, Fluch, Verdammnis.
Sie zeigten einfach Leid und die Sehnsucht nach Erlösung.

Zeit nagt

Zeit nagt

Ich dachte über das Wort Erlösung nach.
Ich weiß nicht, ob andere Religionen, ob Hellenen und Römer in ihrer Götterwelt einen Erlöser hatten.
Aber erlöst zu werden, ist ein genialer Gedanke.
Viel besser als wiedergeboren zu werden und dich von neuem abarbeiten zu müssen an irgendeinem anderen Leben (in christlicher Sprache wäre das wohl die Schuld).

Auf schwere Gedanken folgten beschwingte, fast heiter wirkende Frühlings-Landschaften.

Dreamland

Dreamland

Alle Grünnuancen, die der Mai anrühren konnte!

lothringisches Grün

lothringisches Grün

Über meiner Wanderung war es spät geworden, der Himmel hatte sich wieder bedenklich eingeschwärzt.

Nach 8 1/2 Stunden empfing mich das Kleinstädtchen Bouzonville mit einem ausgedehnten Friedhof.

Fürchte dich nicht

Fürchte dich nicht

Und in Sichtweite: eine für einen kleinen Ort reichlich mächtige Kirche.

Trutzkirche

Trutzkirche

Bouzonville hieß früher „Busendorf“. (Don’t make jokes with names!)

Es gab lediglich (oder immerhin) ein Hotel, das nicht leicht zu finden war. Ich fragte mich problemlos durch (bei älteren Herrschaften und auf Deutsch).

Hunger: Das Abendmenü (29 Euro).
Vorspeise: Weinbergschnecken. (O.K.)
Hauptspeise: Lachsfilet an Currysauce mit Orangen. (Sehr gut kombiniert, feiner Geschmack, gut gewürzt.)

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Der Clou: Dazu gab es hausgemachte Spätzle, die ebenfalls leicht mit Curry und Orangen aromatisiert waren. Schmeckte leicht und sehr gut.

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Nachspeise: Faisselle mit Kiwisauce. (Einfach zuzubereiten: Frischkäse mit Kiwipüree mischen. Köstlich!)

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Unterkunft: 63 Euro (mit Frühstück).

Ein grenzenlos schöner Tag bis Heinsberg

Glück gehabt gestern! Gelaufen, bis der ganze Körper nicht mehr konnte, und dann diese wunderschöne Unterkunft gefunden. Mit Ausblick zur Maas.

Blick nach vorn

Blick nach vorn

Mit Rücktür zur Burg.
Ein alter Wachturm aus dem 10. Jahrhundert ist der Kern der Anlage.
(Gibt es neben Wachtürmen auch Schlaftürme?)
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage zur Ruine geschossen.

Blick nach hinten

Blick nach hinten

Von der Frühstücksterrasse zum Ufer sind es ein paar Stufen.

Frühstücksblick

Frühstücksblick

Kurz nach 9 Uhr aufgebrochen. Mein heutiges Ziel: zurück nach Deutschland, nach Heinsberg.
33 Kilometer Fußweg.

GPS-130-Kessel

GPS-Gesamtstrecke bis 130

Die Maas wieder mit einer Fähre gequert (1 Euro).

Ping Pong Fähre

Ping Pong Fähre

Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass dieser niederländische Fluss so pittoresk sein konnte.

Maas Romantik

Maas Romantik

Am anderen Ufer umschloss mich die Farbe Weiß.

Weite Wege Weite Felder

Weite Wege Weite Felder

Kilometerlange Blütenallee.

Die Farbe der Reinheit

Die Farbe der Reinheit

Nichts machen die Niederländer „klein“. Alles ist „big“!

Gigantische Spargelfelder, nicht enden wollende Obstplantagen, Tulpengewächshäuser, die in den Horizont hineinwachsen, Kuhställe so groß wie Flugzeugterminals, Einkaufszentren mit mehr Fläche als Kleinstädte.

Die Niederlande ist ein Masse-Land.
Small is beautiful, but small is not here.
(Habe z.B. nirgendwo einen kleinen Biohof gesehen.)

Den Menschen, denen ich in den Dörfern begegnete, sah man keine bäuerliche Herkunft an, auch wenn sie in der Landwirtschaft arbeiteten. Das war mir eigentlich in der ganzen Region Limburg aufgefallen. Die Bewohner wirkten eher wie Kaufleute, Angestellte von mittelständischen Unternehmen, Dienstleister, nicht aber wie Ackerer, Landwirte, Knechte. Schwielen an den Händen sah ich keine.

Vielleicht hängt dies auch mit der Größe der Höfe zusammen, die eher wie Industriebetriebe geführt werden.

Eine eingezäunt Mühle aus dem 17.Jahrhundert. Erbaut 1604!

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Die Ortsdurchfahrten in den Niederlanden sind oft durch „Drempels“ geschützt.

Sprachschön

Sprachschön

In deutscher Behördensprache sind das „Bremsschwellen“ oder „Fahrbahnschwellen“.
Die schönste Bezeichnung stammt aus Belize: „sleeping policeman“.
In Frankreich: „dos d’âne“: Eselsrücken.
In Mexiko: „tope“.
In den USA: „Mexican bumps“.
In Peru: „rompe muela“: Backenzahnbrecher.
Im Westfälischen: „Bremshuppel“.
In der Bundeshauptstadt: „Berliner Kissen“.

In manchen Ortschaften fühlte ich mich beobachtet.

Wer hat Angst vor Virginia ?

Wer hat Angst vor Virginia ?

Zwischenstation in der Stadt Roermond.

Hier mündet die Rur (Roer) in die Maas. Roermond ist ein Einkaufszentrum mit einem enorm großen Outlet-Center. 2,8 Millionen Besucher kommen jährlich zum Shoppen. Die meisten aus dem nahen Deutschland.

Die Straßen wirken britisch.

Is it british?

Is it british?

Durst: Heineken. Stolzer Preis am Marktplatz: 4,70 Euro.

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Habe mir sämtlich erreichbaren Biere beim Nachbarn durch die Kehle laufen lassen: Heineken, Amstel, Grolsch, Brand.
Fast alle schmecken sehr ähnlich. Süffig, leicht konsumierbar. Wenig Nachhall. Kaum eigener Charakter. Auf Massengeschmack getrimmt.
Einzige Ausnahme: Jan Hertog!

Wegheilige und Wegkreuze hätte ich in den eigentlich calvinistischen Niederlanden nicht erwartet.
Aber sie gab es überall, in den Dörfern und besonders auch in den Städten.

Katholische Niederlande

Katholische Niederlande

(Ich hatte mich mal wieder geirrt. Die Katholiken bilden mittlerweile die größte Religionsgemeinschaft im Land.)

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Sint Odilienberg. Eine Abtei (aus dem 11. Jahrhundert !), von der aus die Christianisierung der Niederlande betrieben wurde.

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Kurz hinter Posterholt: die Grenze war erreicht.
Antje saß auf einer großen Fritten-Tüte, ziemlich genau auf der Grenzlinie.
Sie sagte, sie käme vom niederländischen Tourismusverband und wolle von mir gerne wissen, wie mir das Land gefallen habe. Jetzt, da ich es verließe.

Antje will's wissen

Antje will’s wissen

Ich erzählte Antje, dass ich mich entschieden hätte ihre Landleute wirklich zu mögen!
Ich hätte ausnahmslos nette, aufmerksame, kommunikative und sehr hilfsbereite Menschen erlebt.
Von Vorurteilen und Vorbehalten hätte ich nichts gespürt.

Ob mich denn wirklich gar nichts gestört hätte?

„Doch“, antwortete ich: „Eine Sache gab es! Die Rudelbildung. Wenn du alleine an einem Tisch im Biergarten oder auf einer Restaurant-Terasse sitzt, kann es sehr schnell passieren, dass du ungefragt von einer Herde gut gelaunter und sich laut unterhaltender Menschen umzingelt wirst. Sie nehmen einfach an deinem Tisch Platz. Etwas, was in Deutschland, Spanien oder Frankreich nie geschehen würde.“
Am Anfang hätte ich das rücksichtslos gefunden, mich dann aber gefragt, ob meine Wahrnehmung falsch sei. Vielleicht ist das einfach nur „unkompliziert“.
Antje lachte.

„Ich finde Euch cool!“ schmeichelte ich ihr und verabschiedete mich.

Zwei Stunden fehlten noch bis Heinsberg.
Meine Fußsohlen brannten und ich hätte Lust gehabt, meine Füße in einem der vielen Baggerseen abzukühlen.

Der Maianfang fühlte sich bereits wie Sommer an.

Sommer im Frühling

Sommer im Frühling

Spring in the city

Spring in the city

Ankunft nach 9 1/2 Stunden. Erschöpft.

Die Auswahl der Restaurants in Heinsberg schwankt zwischen türkisch, griechisch, italienisch und italienisch griechisch, türkisch.

Ich wählte griechisch.

Hunger: Gegrillter Schafskäse (in Flüssigform). Pikant gewürzt. Gut.

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Dazu etliche Biere (Veltins), um mich herunter zu kühlen.

Unterkunft: 47 Euro.

Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

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Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

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Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

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Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

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Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

Durch Kodachrome braune Landschaft nach Ústí nad Labem

Hat alle Stürme überstanden und zeigt seine Wunden

Ich hatte sie schon vermisst: die Wegkreuze. Lange waren sie meine treuen Begleiter gewesen. Seit dem Grenzübertritt nach Sachsen waren sie aber verschwunden. Jetzt war ich erneut in Tschechien und das erste, was mir vor die Linse kam (nach den Asia-Markt-Buden selbstverständlich!), war dieses verwaschene (besseres Deutsch wäre „verwittertes“) Wegkreuz. Es stand in Cínovec, das früher einmal Zinnwald hieß. Also wieder mitten drin in der Sudetendeutschen/Tschechischen Geschichte.

Auf dem weiteren Weg passierte ich immer wieder Steinstümpfe ohne eisernes Kruzifix. Vandalen sind diese Strecke schon vor mir abgegangen.

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen (irgendwie ist das „meine“ Zeit geworden) und hatte 34 km vor mir bis nach Ústí nad Labem (Aussig).

GPS-Gesamtstrecke bis 040

Beim Grenzübergang wurde ich von zwei Bundespolizistinnen kontrolliert. Sie waren auf der Suche nach illegal eingereisten Ausländern oder Schleusern. Ich erkundigte mich nach den Hauptproblemen an der Grenze: „Drogen“ (aus den Asia-Märkten), „grenzüberschreitende Kriminalität“ (Einbrüche, Diebstahl). Das normale Sortiment. Zuständig dafür waren aber Zoll und Landespolizei. Die Bundespolizistinnen schienen etwas unterbeschäftigt. Aber sie waren sehr freundlich. Bin ja schließlich auch nicht illegal ausgereist! (Geht das überhaupt? Illegal ausreisen. Früher (DDR) ja? Aber heute?)

Auf der tschechischen Seite tappte ich den Bergkamm entlang. Fast 800m hoch. Es wehte ein frischer bis eisiger Wind. Aber die Sonne begleitete mich. Kleine (noch kahle) Birkenwälder auch.

Birken warten auf Birkenblüte

Aus den Wäldern draußen: fast amerikanische Weiten in Kodachrome-Braun.

Auf fast 800m Höhe weitet sich die Landschaft

Windbäume mit Windrädern

Nach 2 Stunden ging es den Berg runter. In steilen Serpentinen. Spektakuläre Aussichten auf das Tal, die ich aber nicht fotografieren konnte, weil der Dunst da unten alles einsuppte. Ich war sauer ob der verpassten Gelegenheit (dabei hätte ich froh und stolz müssen, dass das menschliche Auge (noch) der besten Kameralinse um das Millionenfache überlegen ist!).

Da ich nicht knipsen konnte, hatte ich Zeit Gedanken nachzuhängen. Ich weiß nicht mehr warum, aber mir fiel der Skinhead ein, den ich vor über einer Woche kurz vor Aš gesehen hatte. Ein junger Mann mit extrem grobschlächtigem Gesicht, mit prekärem und aggressivem Blick. Ich dachte damals: Es ist die schlichte Dummheit, der IQ von unter 80, der ihn zum Skinhead gemacht hat (ich weiß, es gibt intelligente Skins). Das Verlangen, irgendwie zu irgendwem zu gehören.

Jetzt stellte ich mir die Frage: Kann jemand, der in allem, was er tut, „grob“ ist: wie er geht, wie er sich benimmt, wie er spricht, wie er wütet, wie er blickt, wie er spricht – kann so jemand auch „fein“ fühlen?
Jedem Hund, jeder Katze, billigen wir schnell Feinfühligkeit zu. Aber einem Grobschlächter?

Ich grübelte darüber, ob lediglich das fühlbar, was auch ausdrückbar ist?
Kann ein Proll auch galant sein? Klingt das paradox?

Wenn aber ich nur das fühlen, was ich (und sei es nonverbal) aussprechen kann, folgt daraus zwingend, dass Gefühle im Kern Gedanken sind – also Illusionen und bloße Konstrukte? (Will ich das glauben?)

Bevor ich weiter philosophieren konnte, erreichte ich Krupka (Graupen). Ein altes ehemals bedeutendes Bergbaustädtchen in Nordböhmen. Fast alle Bewohner (weil Deutsch-Böhmen) wurden nach dem Krieg vertrieben. Die leeren Häuser wurden an Familien aus dem tschechischen Landesinnern vergeben, die nie zuvor diese Gegend betreten hatten. (Ob sie mittlerweile Wurzeln geschlagen haben?)

Buntes Sudetendorf

Und immer noch führte der Serpentinenweg steil nach unten. Bis ich es endlich geschafft hatte. Von fast 800m Höhe auf 130m.

Die Berge lagen fürs Erste hinter mir.

Als wärn's die Rocky Mountains

Braun die Stoppelfelder, aber die Knospen der Weiden öffneten sich bereits. Weidenkätzchen würden bald ins Feld springen. Ich konnte es fühlen.

Vor mir dir Vorboten der Stadt Ústí nad Labem. Fast Hunderttausend Einwohner benötigen Energie und Trinkwasser. Hier gab es beides: Wasserspeicher und Kraftwerk.

Cote d'Azur Blau

Zwei Stunden fehlten noch, dann hatte ich die outskirts von Ústí nad Labem erreicht. Der Eintritt in die Stadt wie die Einfahrt in ein Chemiewerk.

Orangene Stadt

An den Werksmauern Graffiti, die ich nicht deuten konnte. (Immer schlecht, wenn Bilder nicht für sich sprechen – oder fehlt mir einfach der kulturelle Hintergrund ? Bin ja schließlich kein Tscheche!)  Wer ist dieser einokulare Mensch ? Guckt er grimmig, wütend, gerissen, nachdenklich, dreist, wissend, draufgängerisch, gleich losschlagend, resigniert?

Sag mir, was soll das bedeuten !

Aber eins begriff ich (obwohl ich noch keinen interkultureller Deutsch-Tschechisch-Kurs gemacht hatte) sofort: Guck hier in den Straßen immer nach unten! Jede zweite Gullyabdeckung fehlte. Einbruch-Gefahr!

Blick nie nach oben richten !

In der Stadtperipherie unzählige Armensiedlungen (nicht Slums wie in Lateinamerika, aber äußerst heruntergekommene Straßenzüge).

Trotzdem Lebensfreude!

Hinterhofspaß

Zusammen hat einer allein mehr Freunde

Ankunft im Stadtzentrum gegen 17 Uhr 30.

Durst: Pilsener Urquell, wie fast immer – und wie immer gut und billig.

Hunger: Da kein einheimisches Lokal geöffnet hatte (Montag?), bin ich in ein kubanisches Restaurant gegangen. Ich war der einzige Gast. Auf der Karte gab es ein einziges kubanisches Gericht. Aber dafür lief ständig Buena Vista Social Club als Blubbermusik.

Essen sollte sein: „Pollo santiaguero“ – war aber ein in Ketchupsauce ertränktes rachitisches Industrie-Hühnchen. Immerhin mit kubanischem Bohnenreis („Congris“) – wenn auch zu nass. (9 Euro.)

Kubanisch ist nur das Congris

Unterkunft: Leider viel zu teuer (hatte auf die Schnelle kein anderes Hotel gefunden als das einer amerikanischen Kette).