„Ras-Pudding“ will mich über die Grenze bis ins tschechische Marienbad schleusen

Ich habe mir eine heftige Erkältung zugezogen. Ich krächze mehr, als dass ich rede. Ich fragte meine Wirtin, ob es im Städtchen nicht eine Apotheke gäbe oder einen Heilkundler. Einen Dorf-Rasputin vielleicht. Sie wiederholte das Wort auf ganz eigene Weise: „Ras-Pudding“ und meinte gleich, der habe doch gestern die Russlandwahl gewonnen.

War zwar nur Putin (sie korrigierte sich und sprach ihn „Pudding“ aus), aber sie konnte mir nichts anderes anbieten als einen Tee.

Okay.

Ras-Pudding mit TeeSack

Keine Ahnung, ob ich Halluzinationen hatte (nach den langen Wandertagen wäre das nicht verwunderlich). Aber Ras-Pudding strunzte im Teeglas.

Auch wenn er mir höchst unsympathisch war, ich steckte ihn in meinen Rucksack (also doch keine Einbildung!). Ich hatte unterwegs bislang noch keiner Kreatur Beistand versagt.

Heute war es mehr eine Tour zum gemütlichen Auslaufen. Nach Marienbad in Tschechien. 23 km. Aufbruch um 10 Uhr. Sonnig, aber bitter kalt.

GPS-Gesamtstrecke bis 026

Die Grenzstation war nah und schnell durchschritten. (Der Blog-Titel stimmt ja überhaupt nicht. Ras-Pudding musste mich gar nicht irgendwohin schleusen. Wir leben in einem freien(!) Europa, auch wenn er als lupenreiner Demokrator das nicht verstehen will.)

Früher schlummerten hier Zöllner, heute die leeren Zollhäuschen

Ein bisschen der Landstraße folgen (das erste Gebäude auf tschechischer Seite war natürlich ein „Etablissement“), dann schnell weg von der Hauptstraße, links ab ins Gebüsch. Will sagen, in ein kleines, meist geteertes, oft auch etwas matschiges Sträßchen, das durch kleinste Dörfer Richtung Marienbad führte.

So in etwa sieht ein Böhmer-Wald Dorf aus

Ein paar liebevoll gepflegte Anwesen, neben vielen verlassenen und zerfallenen.

Bus-Haltestellen werden auch nicht wirklich instand gehalten.

Zwischendurch eines der in Tschechien eher seltenen Wegkreuze. Allerdings ohne Kreuz. Hatte Kuno, mein Ritter, also doch recht, dass es Weg-Kreuz-Wilderer gibt?

Sockel ohne Sinn

Oder ist der Gekreuzigte nach dem Krieg zusammen mit den Sudetendeutschen gleich mit vertrieben worden? (Der kannte die Geschichte der Vertreibung ja schon aus Erzählungen seiner Mutter.)

Ich setzte mich kurz in eine Wiese, um mir einen verdammten kleinen Splitter aus der linken Fußsohle zu ziehen. (Keine Ahnung, wo ich mir den eingefangen hatte).  Bei der Gelegenheit ließ ich Ras-Pudding einmal kurz Luft schnappen.

Und erneut glaubte ich einer Halluzination aufzusitzen. Plötzlich hatte mein Demokrator rote Haare:

Raspudding verkleidet sich gern

Ich musste blinzeln –  erst dann bemerkte ich den Trick. Ras-Pudding ist eigentlich ein Bajazzo. Nach vorne zeigt er Krawatte, aber im Kern ist er ein Kaiser ohne Kleider, ein alter Clown, der sich von noch älteren Narren steuern lässt.

Clown und Lehrmeister

Ich spürte, dass sich in meinem Rucksack etwas bewegte. Kuno, mein Ritter, suchte seinen Spieß. Offenbar wollte er Ras-Pudding ans Leder. Kuno hat eine altertümliche Vorstellung von Ehre und Aufrichtigkeit. Er ertrug dieses Schauspiel offensichtlich nicht. Ich schnürte den Sack zur  Sicherheit noch ein bisschen fester zu. Zoff konnte ich jetzt nicht gebrauchen.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich gemütlich schlendernd Mariánské Lázně (Marienberg). Ich unternahm nichts bis in die Nacht.

Putten, Buben, Mädchen, Geschlechtsneutral ?

Dann aber überwältigte mich Durst und Hunger.

Durst: Budweiser (gut wie immer) (1,40 Euro).

Hunger: Nadelspieß (= Am Spieß gegrillte Schweinelendchen, Speck, Schweinskarree, und Bratwurst). Schmeckte nach offenem Grill, deftig und war gut gewürzt. Mit Bratkartoffeln. Sehr zufrieden. 9 Euro.

Bis auf die letzte Faser verputzt !

Auf einmal ein Schrei! Ras-Pudding bekam sich nicht mehr ein.

Er war mir ins Restaurant gefolgt, ohne dass ich es gemerkt hätte. Und er wiederum hatte nicht mitbekommen, dass auch Kuno ihm aus dem Hotel nachgeschlichen war.

Kuno hatte sich, kaum dass ich angefangen hatte meinen Nadelspieß zu verputzen,  einen Zahnstocher gegrabscht und Ras-Pudding aufgespießt. Trug ihn wie ein Banner auf dem Tisch herum. Ganz offensichtlich hatte sich Kuno der Occupy-Bewegung angeschlossen und war kurz davor, die Zweite Russische Revolution auszurufen.

Das (Ritter)Volk weht sich !

Ich hatte Mühe, die beiden wieder zu trennen und mit mir zurück ins Hotel zu bringen.

Komischerweise konnten sie dann doch einigermaßen friedlich einschlafen

Kilometer machen bis Flossenbürg

Dritter Tag der neuen Etappe und kein Tag für schöne Fotos. Englisches Wetter.
Also nahm ich mir vor, mal ein paar Kilometer auf meinem Grenzgang zu machen. Dass es am Ende gut 41 km wurden, war nicht geplant. War sogar idiotisch. Ich kam an die Grenzen meiner Kraft. Aufgebrochen war ich um 9 Uhr in der Früh.

GPS-Gesamtstrecke bis 024

Nach Eslarn ging es noch relativ leicht. Ein bisschen Landstraße, dann ein Wanderweg durch den Wald, ein paar Lichtungen mit Einödhöfen. Nochmal Landstraße und schließlich das kleine Marktstädtchen. Reichlich heruntergekommen. Das eigentliche Ortszentrum: ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzuges gegen die Franzosen aus den Jahren 1870/71.

Wer ist der Krieger ? Tilly himself ?

So konnte man nur vor Hitler texten: "In Treue fest"

Sinnigerweise steht das Denkmal am Tilly-Platz. Tilly war ein (grausamer) katholischer Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.

Ich habe mich am Platz kurz hingesetzt und darüber sinniert, wieweit wohl die tatsächliche Erinnerung eines Menschen oder eines Dorfes/einer Gesellschaft zurückreicht. Wieso treffe ich auf meiner Wanderung so zahlreich Denkmäler für Ritter (Mittelalter), Feldherren (beginnende Neuzeit) und angebliche Helden (1. und 2. Weltkrieg). Ist in irgendeiner Form eines kollektiven Bewusstseins die Ritterzeit noch vorhanden? Oder ist es nur romantische Verklärung? Haben sich die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges irgendwo eingeritzt? In irgendein Vorbewußtes? (Wie die Angst der Deutschen vor der Inflation – was ja fast etwas Genetisches hat.)

Mein Opa (geb. 1903) erzählte mir einmal von seinem Großvater (mütterlicherseits). Der habe im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft. Was dieser erlebt hatte, darüber hatte er nur andeutungsweise gesprochen. Der Großvater des Großvater hatte einen wertvollen Säbel mit nach Hause gebracht. Die Waffe diente nachfolgenden Generationen lange als Geldanlage. Nach dem Ersten Weltkrieg habe, so erzählte mir Opa, seine Mutter sie aber schließlich versilbern müssen, um überleben zu können.

Wenn man so will, reicht meine persönliche Erinnerung (das direkt Erzählte) also bis 1870 zurück.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter sortieren und schlenderte noch ein wenig durch den Ort. Trostlos. Zahlreiche Gebäude mitten im Zentrum verlassen, Geschäfte heruntergekommen und geschlossen. Ein Ort zum Abbruch freigegeben.

50er Jahre Klinker ...

Aber die fetten Jahre sind vorbei

Gestern Abend in Schönsee saß ich noch kurz am Stammtisch mit ein paar netten Kerlen. Einer (ein Geodät) erklärte mir, dass in der Oberpfalz offiziell die Arbeitslosenstatistik gar nicht so düster ausschaue. In Wirklichkeit gäbe es aber so gut wie keine Jobs. Die Mehrheit müsse pendeln, oft bis nach Nürnberg oder Regensburg. Und viele denken dann schließlich ans Wegziehen, der Arbeit nach. Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien und der ehemaligen DDR ist wohl immer noch Zonenrandgebiet. Vergessen.

Ich zog ebenfalls weiter. Mehr oder weniger an der Grenze entlang.
Passierte wieder zahlreiche Wegkreuze. Einige lobten den Spender (sich selbst also) mehr als den Herrn, den sie zu preisen vorgaben.

Ehre klein geschrieben

Dann: ein fantastischer Ort für ein Wegkreuz!

Wer erkennt sofort, was das für Bäume sind ?

Nach 2 (?) Stunden gedankenlosen Laufens wieder ein Städtchen: Waldhaus. Ich sah den ersten Imbiss während meiner Wanderung. Täuscht meine Erinnerung oder gab es früher tatsächlich in jedem Kaff eine Fressbude – mit Currywurst, Hähnchen und Pommes?

Die hier war eine Dönerbude. Endlich ein Hauch von Leben im Dorf!

orientalisch bunt !

Auch in Waidhaus leerstehende Geschäfte und eine Schließung der skurrilen Art.

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Ich hatte vor, bis Georgenberg zu wandern und mir dort eine Unterkunft zu suchen. Es war schon später Nachmittag. Etwas zu schlafen fand ich allerdings dort nicht. Also beschloss ich – auch um den Preis, dass die Nacht anbrechen würde –  bis nach Flossenbürg weiter zu laufen. Das war immerhin ein kleines Städtchen. Es mußte dort etwas geben. Ich wußte, dass das Weitermarschieren weh tun würde. Es ging ziemlich bergauf.

Am Ortsausgang von Georgenberg ein altes Forsthaus (?) zum Verkauf – mit einem für die Gegend typischen Wandgemälde.

Schießt Robin Hood nicht auf Kreuze ?

Ich wüßte zu gerne, was die Auftraggeber solcher Kitsch-Schinken denken? Haben sie irgendeine Vorstellung vom Mittelalter? Welcher Wert soll hier vermittelt werden? ODER IST ES EINFACH NUR SCHLECHTER COMIC-GESCHMACK? Vielleicht lesen sie ständig irgendwelche Historienwälzer?

Auf dem Bergrücken ein paar kleine Ortschaften mit seltsamen Namen: „Hinterbrünst“ z.B..

Brünstige Hintern ? Was ist das ?"

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich das schon im Dunkeln dämmernde Städtchen Flossenbürg. Eisig kalt und mit einer heftigen Überraschung.

Dunkel, eisig kalt - aber spektakulär gelegen

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem einzigen Gasthof. Der war allerdings  zu. Nicht ein Restaurant oder eine Frittenbude gab es im Ort, wo ich wenigstens nach einem Taxi hätte fragen können. Nach fast 10 Stunden Laufen und 41 km Wegstrecke konnte ich nicht mehr. Ich wäre mit einem Taxi in die nächste Stadt gefahren, um irgendwo ein Hotel zu finden.
In meiner Verzweiflung klopfte ich an ein beleuchtetes Fenster eines Wohnhauses. Die Hausherrin (mit Kochschürze!!!; nach frischem Braten duftend!!!) zeigte sich besorgt, gab mir den Tipp, in den Hinterhof des Gasthofes zu gehen und zu klingeln. Manchmal mache der Besitzer doch auf.

Ich folgte ihrem Rat und das ersparte mir viel Ärger in dieser Nacht. Tatsächlich öffnete der Pächter, zeigte sich ob meines etwas verwirrten Verhaltens verwundert und erklärte, dass er sowieso um 20 Uhr die Vordertür aufgeschlossen hätte. Dann nämlich kämen die Mitglieder des Schützenvereins, die ihre Jahreshauptversammlung bei ihm abhielten.

Die Auflösung: Der Gasthof öffnete seine Pforten nur noch zu wenigen Anlässen (für Auswärtige nicht erkennbar) und ich hatte Glück, noch ein warmes Bett zu finden.

Riesendurst!! Einige Helle Mönchsbräu. (Mein Urteil bestätigte sich: Äußerst süffig und mit einer eigenen Note.) 2,20 Euro.

Hunger: Zwiebelrostbraten mit Pommes (Ich schweige lieber / kann verstehen, daß alles aus der Gefriertruhe kommt und nur kurz zubereitet wird. Ich war viel zu dankbar um zu meckern). 8,50 Euro.

Ging runter

Ich fragte den Wirt, warum denn bei dieser spektakulären Lage des Dorfes mit der über allem thronenden Burgruine keine Touristen bei ihm anklopften. Ich wollte wissen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß Flossenbürg im Dritten Reich Standort eines Konzentrationslagers gewesen war und die Leute deswegen nicht kommen wollen?
Seine knappe Antwort: „Wahrscheinlich!“

Also doch so etwas wie kollektive Scham?

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).

Ritter Kuno geleitet mich schwer bewaffnet bis nach Treffelstein

Stadt im Drachenland

So präsentierte sich Furth im Wald gestern Nacht bei meiner Ankunft: Mittelalterlich verwunschen. Menschenleer. Heute Morgen, als ich um halb 9 Uhr loslief, war das Städtchen immer noch weitgehend entvölkert. Vereinzelt fuhren Autos raus, aber kaum eines rein. Arbeit scheint es woanders zu geben. Die ganze Stadt und Region pendelt (bis nach Nürnberg).

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Further sich überwiegend als Ritter fühlen und für die ist nun mal jede Umschulung sinnlos.

Im Zentrum gibt es einen Shop für Ritterausrüstung. Es gibt Drachentöterbrunnen, Riiterdenkmäler, Ritterfestspiele (Drachenstich genannt) und einen Ritterbund. Alle Further wollen das ganze Jahr nur eines: einen Drachen killen.

Diese Tierart überlebt nicht lange in Furth im Wald

Der erste Wandertag begann für mich allerdings mit einer kleinen Lehrstunde in Real-Geschichte. Der Wirtshausbesitzer, der mir das Frühstück servierte, ist gebürtiger Kroate. Seit über 40 Jahre lebt er in dem Grenzstädtchen zur Tschechei. Er spricht fast einheimisch bayerisch,nur an einem ganz leichten Akzent ist seine Herkunft zu erraten.
Auch wenn er noch hundert Jahre hier leben würde, sagte er resigniert, niemand würde ihn als Further akzeptieren. Ausländer bleibt Ausländer.
Dann vertraute er mir an, wieso er überhaupt hierher gekommen war: Seine Mutter mußte kurz nach Kriegsende fliehen, weil ihr Freund die SS Runen unter einer Achsel eintätowiert hatte und die einheimische Bevölkerung Jagd auf ihn machte. Auch der floh später nach Deutschland, wurde hier im Schnellverfahren entnazifiziert (einige Wochen Gefängnis und dann frei) und lebte forthin unbehelligt irgendwo in der Bundesrepublik.

Meine Strecke heute: von Furth im Wald bis Treffelstein (eine kleine Ortschaft mit einem – was wohl? – Drachenturm natürlich!).

GPS-Gesamtstrecke bis 022

Nach 2 Monaten Pause fiel mir das Laufen schwer. 15 kg auf dem Rücken, 2 kg am Gürtel. Und das für die nächsten 5 Wochen. So lange soll diesmal mein neuerlicher Grenzgang gehen. Mal sehen, ob ich’s bis zur polnischen Grenze packe (rund 700 km).

Das Wetter war nicht zum Fotografieren. Nebelig, versuppt, Landschaft ohne Kontraste und ohne erkennbaren Reiz. Nur Wegkreuze.

Auf einmal eine seltsame Figur: ein Ritterlein in voller Montur. Kampfbereit. Obwohl kein Drache weit und breit zu sehen war.

Will er das Herz Jesu stehlen oder bewachen ?

Es kostete mich einige Mühe, den widerspenstigen Rittersmann vom Kreuz zu holen, ohne mir Stichverletzungen zuzufügen. Was er da oben gewollt hatte, fragte ich ihn. „Den Herrn beschützen“ war seine herausgepresste, schmallippige Antwort. Hier im Grenzgebiet gäbe es zu viele Diebe, die in den Kruzifixen nur Alteisen sähen und sie abbrächen. Dieses Kruzifix hier wollte er beschützen. Ich sagte ihm, er solle keinen Unsinn reden, noch nie hätte ich von Wegkreuz-Wilderern gehört. Und wie er denn überhaupt heiße? „Kuno“, seine knappe Antwort.

Ich nahm ihn mit.

Unterwegs kleine Ortschaften mit veralteten Fabrikanlagen.

Hat hier das Bauhaus gebaut ?

Und Weiler mit seltsamen Kindsbeschwörungen. (Sehe aber nur Alte in den Straßen. Wollen die noch Babies von Gevatter Storch?)

Da hat sich wohl was Archaisches ins Katholische eingeschlichen

Leichter Nieselregen, wenigstens war es nicht kalt. Im Tal roch es nach Frühling. Einen Ausflug in die Berge zum Glaskreuz (Reiseck – mit herrlicher Aussicht) hatte ich bei 850 Metern abgebrochen. Knietief war ich im Schnee versunken. Nur 100 Meter fehlten zum Gipfel. Also wanderte ich nun weiter unten. Kleine Ortschaften, viel Landwirtschaft und noch mehr Einödhöfe.

Plötzlich ein schreckliches Gemetzel: Ritter Kuno hatte in einem (von mir) unbeaufsichtigten Moment einen Bauernjungen enthauptet.

Seppl ohne Sepplhut

Bevor Kuno noch weiter Unheil anrichten konnte, steckte ich ihn in meinen Rucksack und machte mich (mit ihm zusammen) vom Acker. Zurück blieb die traurige Liesl, die um ihren Seppl weinte.

Zerstörtes Idyll

Kurz vor meinem Etappenziel, an einem stillen Winkel, eine Ansammlung von ungewöhnlichen Wegkreuzen.

Was für eine fast schon exotische Huldigung

Auf jeder einzelnen der weißen Tafeln eine außergewöhnliche Huldigung von Verstorbenen.

Tugendsam

Tugendsam“! – Was für herrliche alte Begriffe: „Ehrengeachte Bäuerin!“

Ehrengeachtet

Hätte die Bäuerin gerne kennengelernt. „Ausnahmsbäuerin„!

Ausnahmsbäuerin

Nach 7 1/2 Stunden Marschieren endlich am Ziel. 29 km zurückgelegt. Und verdammt durstig.

Mönchshof-Bier: 2,30 Euro. Sehr süffiges, würziges Bier. Der Geschmack hält sehr lange.
Die Mönchshof-Brauerei wurde inzwischen vom Kulmbacher-Riesen aufgekauft. Firmiert noch unter eigenem Etikett. Aber wenigstens wissen die Kulmbacher, wie man Hopfen und Malz verarbeitet.

Kuno lässt sich leicht provozieren

Wieder ein Tohuwabohu: Kuno mag keine Pfaffensäcke. Er griff den Dicken auf dem Etikett an. Mein kleiner Drachentöter scheint ein schlichtes Gemüt zu haben. Er geht reflexhaft in Kampfpose.

Essen: Reine Enttäuschung. Die Karte gab kaum mehr her als Schnitzelvariationen und Schweinsfilet mit Schwammerlsoße. Ich entschied mich für letzteres. War ein einziger See mit schwimmenden Fleischstücken. 7,90 Euro.

Soßen-See mit schwimmenden Filets

Tot ins Bett gefallen. 23 Uhr. Nur mein Ritter war noch hell wach. Wollte einfach seine Rüstung nicht ablegen und kämpfte die halbe Nacht mit seinem Wurfdings gegen die Musik an.

Bett mit Instrumentenkasten

Übernachtung: 22 Euro (mit gutem Frühstück).

Marie unternimmt mit mir einen Marathon bis Vseruby

Mal wieder früh aufgebrochen. Halb neun. Die Sonne konnte sich nicht entscheiden Licht oder Schatten zu schicken. Zelezna Ruda im Tiefschlaf. Die Berge eingeschneit. Der Schnee allerdings nass. Er lastete bleischwer auf den Feldern und auch auf mir. Seltsam, dass ein Landschaftseindruck sofort auf‘s Gemüt schlägt. Sehen die Augen vielleicht gar nicht, sondern fühlen?

Die ersten zwei Stunden ging es nur bergauf. Immer der Straße folgend (auf denen nur wenige Autos fuhren). Bis auf einen Pass in etwa 1.150m Höhe.

Behmischer Wald so scheen wie Bairischer Wald

Ab dann führte der Weg steil bergab.

Von nun an ging’s bergab

Eigentlich hatte ich mir zum Ziel gesetzt, etwa bis Mittag zu wandern und mir dann eine Herberge zu suchen. Aber der Tag wurde zunehmend schöner, das Marschieren fiel mir ausgesprochen leicht und ich lief einfach drauf los, bis es plötzlich keine Unterkünfte mehr gab (weil kein Touristengebiet) und sich die Tour zur bisher längsten meiner Grenzwanderung auswuchs. Am Ende (sich quälend hinziehende) 41 km bis Vseruby.

GPS-Gesamtstrecke bis 020

Das Tal tief eingeschnitten. Auf niederen 550 m praktisch kein Schnee mehr. Kahle Felder. Sonst nichts. Aber schöne weite Blicke.

Farben am grauen Tag

Und Gartenzwerg-Idylle. Eigenartig, dass es offenbar nichts Europäischeres gibt als Gartenzwerge. Auf all meinen Wegen (Österreich, Bayern, Tschechien) sind sie mir bisher begegnet. Europa als Zwergenvereinigung.

Wo die ganzen Zwerge nur geboren werden ?

Die Weiler unterwegs winzig. Ein paar Höfe. In einem dieser Dörfchen: Ein fast verschämtes Gedenken an das Leid, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg über Böhmen gebracht hatten.

Verschämtes Gedenken

Welch ein Kontrast zum großspurigen, triumphalistischen „Helden“-Gedenken in vielen Ortschaften des Bayerischen Waldes. Dort: Immer noch feinst gepflegteste Kriegs-Denkmal-Anlagen. Hier: Trauriges und verschämtes Vergessen des eigenen Leids. Vergessen die Opfer.

Die Deutschen werden gebraucht. Die tschechische Wirtschaft boomt, aber sie hängt symbiotisch von der deutschen ab. Die Nachbarn bringen das Geld. Auch in kleine Grenzdörfer.

Wieder eines dieser Lust-Häuser mitten in der böhmischen Pampa.

House of the rising sun

House of the fallen girls

Das Grenzgebiet gleicht einem großen Service-Gelände für Verdruckste, die sich Zuhause schämen und hier gutbayerisch und hemmungslos die Sau rauslassen.

Marie, die mich in einem Asia-Shop angesprochen und die ich einfach mitgenommen hatte, hatte ich vorsorglich die Augen verbunden. Wollte sie nicht allzu sehr schocken. Sie hatte mit ihrem Leiergesang auch etwas von der Heilsarmee.

House of hope

In jedem bayerischen Souvenirshop findet man traditionelle Figürchen wie den Sepp mit Sepplhut, die Resi als Oktoberfestbedienung mit einem halben Dutzend Maß Bier usw.. Diese Souvenirs sind (nicht nur für Touristen) so etwas wie Charakterbilder des Deutschen. (Auch wenn diese Figuren manchmal wie Karikaturen wirken.) Auf tschechischer Seite nichts dergleichen. Nur internationaler Kitsch-Klimbim (in Asien gefertigt). Bin noch nicht schlau geworden, über was sich in dieser Gegend Tradition und Selbstverständnis manifestiert (außer über das allgegenwärtige „Pilsner Urquell“).

Noch ein Unterschied. Die Wegkreuze. Es gibt sie auch im vorwiegend atheistischen Tschechien. Aber in jämmerlichem Zustand. Seit Jahrzehnten offenbar nicht mehr gepflegt.

Wegkreuz

Die Nacht kam schneller als erwartet. Plötzlich ein langer gemeiner Anstieg, der mir die Luft nahm.

Gemeiner Anstieg

Wetterleuchten in der Ferne um das Arber-Massiv auf deutscher Seite.

Tag lehnt sich gegen Nacht auf!

Hier erst wurde mir klar, dass ich nun den Bayerischen bzw. Böhmischen Wald endgültig überwunden und den (beginnenden) Winter bezwungen hatte. Ich näherte mich dem Ende meiner ersten großen Etappe. Auch wenn das Tagesziel, Vseruby, immer noch weit entfernt lag. Anstrengende zweieinhalb Stunden weg.

Tag verliert gegen Nacht

In schwärzester Dunkelheit kam ich dort gegen 18 Uhr 30 an.
Durst: Ein sehr gutes Budweiser! (Das Echte !) Erfrischend. 1,50 Euro.

Und noch eins!

Hunger: Teufelsklaue (Schweinegeschnetzeltes mit sehr scharfer Sauce und Bratkartoffeln). Fantastischer Geschmack. Gut gewürzt. Große Portion. 5,50 Euro.

Unterkunft: 22 Euro (mit Riesen-Frühstück). Was hatte ich ein Glück, mitten in der Nacht eine einzig verfügbare Herberge gefunden zu haben. Und noch so eine gute!

Meine einzigen Begleiter bis nach Breitenberg sind Wegkreuze

Früh aufgestanden, aber spät gestartet. Das geht so zusammen:

Gestern, als ich Wegscheid betreten hatte, war mir ein Schild aufgefallen: „Handweberei“. Seit langem sammle ich schönes Kunsthandwerk.
Also ging ich heute morgen sehr früh zur Werkstatt. Und fand ein lebendiges Museum.
Wohl die letzte nicht industrielle Weberei im Bayerischen Wald.

Ein überaus sympathischer Kerl (einer der Brüder, die das Unternehmen leiten) gab mir eine kurze Einführung in die Weberei-Geschichte der Region.

Vor Jahren wurde in der Gemarkung in (fast) jedem Bauernhof gewebt. Das Wegscheider Leinen war europaweit begehrt. Nach dem Krieg starb das Handwerk praktisch aus. Bis auf diese Weberei. (Es gibt nur noch zwei, drei Frauen in der Gegend, die per Hand spinnen und auch privat weben.) In der Webfabrik arbeiten neben BruderUndBruder ein halbes Dutzend angelernter Frauen aus Wegscheid (halbtags). Sie produzieren fantastische Stoffe.

Weberinnen in Wegscheid

Fingerfertigkeit am Handwebstuhl

Feinste Handarbeit in Wegscheid

In der Weberei habe ich mir übrigens einen Kissenbezug (Schwedenstern-Muster) und einen Tischläufer gekauft. Faire Preise.

(Habe das Video mit meiner neuen Spiegelreflex gedreht, bekomm’s aber nicht gescheit konvertiert. Werde mich damit beschäftigen, wenn ich mal Pause mache.)

Mehr zur Geschichte der Webkunst auf der Webseite der Handweberei:

http://www.handweberei-moser.de/startseite.html

Hatte mir vorgenommen, heute bis nach Breitenberg zu gehen. Ca. 17 km. Halb zehn spazierte ich los. Der Weg führte größtenteils parallel zur österreichischen Grenze.

GPS-Gesamtstrecke bis 010

Mieses Wetter. Konnte sich nicht entscheiden zu regnen oder zu schneien. Ziemliches Rumgerutsche. Immer wieder Glatteis. Hatte ab und zu Angst um meine Fotoausrüstung (bei einem Sturz).

Nur selten kam mal etwas Sonne durch. Dann aber prächtige Stimmungen.

Blaue Flecken in Wolkenwand

Die treuesten Wegbegleiter – wie immer – Wegkreuze. Diesmal gab es ganz besondere Exemplare. Kunsthandwerklich anspruchsvoll.

Die ganze Bibel in einem Kreuz

(Wenn ich es recht verstehe, stehen all die Werkzeuge, die hier rund um den Gekreuzigten modelliert sind, für die Instrumente, mit denen Jesus gefoltert (Geißel), nach Golgotha geschleppt (Kette), ans Kreuz geschlagen (Leiter, Hammer) und gemeuchelt wurde (Schwert, Lanze). Plus die gesamte Verrats-Geschichte.

Kunstfertige Schnitzereien am Wegrand

Schön arrangiertes Wegkreuz mit Birken

Werde auf meinem Blog demnächst eine Seite (unter „Galerie“) einrichten, nur mit den Wegkreuzen, die ich passiere. Es sind viele und ich nehme jedes einzelne auf. Habe kaum Zeit, sie besonders abzulichten. Schnappschüsse, aber sie erzählen genug über die Volksfrömmigkeit in dieser Gegend.

Zur Abwechslung (wenn schon keine Menschen auf den Wegen) mal ein paar Viecher.

WeissBraunes Paar

Zahnpflegewerbung

Paartanz

Langsam wurde es Abend. Eine Polizeistreife hielt mich kurz vor Breitenberg auf. Ich machte mich durch bloßes Wandern verdächtig. Ist ja sonst niemand zu Fuß unterwegs. Die Beamten waren reichlich unhöflich, ließen mich aber wieder laufen – Pass war gültig und deutsch.

Noch einmal grandioses Landschaftsbild mit Häuserdach.

Weiss in Weiss mit Grau

15:30 Uhr Ankunft in Breitenberg.

Durst:
Erstes Bier ein Hutthurmer Helles (Brauerei im Bayerischen Wald, gegründet 1557!!!!). 2,40 Euro.

War gut. (Hab‘ allerdings langsam den Verdacht, dass in manchen Gasthäusern nicht richtig gezapft wird. Oft wirken die Biere abgestanden. Wissen die Wirte eigentlich, welchen Frevel sie begehen?)

Hunger:
Wildteller (Keule vom Wildkaninchen, Wildschwein- und Rehfleisch) mit Kroketten und Salat.

War okay. (Ich werd langsam bescheiden oder ich bin zu anspruchsvoll. Was könnte man nicht alles aus diesem Fleisch machen!) (16,90 Euro)

Dazu ein Wolferstetter Hefeweizen. (2,40 Euro.) Bitte Etikett beachten!!

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).

Glücksgefühl beim Verlassen von Gottsdorf

Glücksgefühl am Morgen. Schnee lag noch. Tolle Wetterstimmung beim Verlassen von Gottsdorf.

Gottsdorf in der Früh

Gottsdorf immer noch früh

Einsame Sträßchen, praktisch kein Verkehr. Immer wieder Grenzschilder: Österreich eine gute Spuckentfernung weg.

Grenze verläuft durch Innenhöfe von Bauernhöfen

Eher einfache Route heute: Von Gottsdorf (mit ein paar Umwegen) nach Wegscheid. Maximal 18 Kilometer. Keine schwierigen Höhenunterschiede.

GPS-Gesamtstrecke bis 009

Niemand zu sehen, nicht auf den Straßen, nicht in den Dörfern. (Was machen eigentlich Bauern im Winter? Euro-Subventions-Richtlinien studieren, am warmen Herd?). Immerhin rauchten fast alle Schornsteine. Es wird viel Holz verfeuert. Angenehmer Geruch nach Lagerfeuer.

Meine einzigen Begleiter: Wegkreuze.

Treue Begleiter: Wegkreuze

Und immer noch ein Glücksgefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Es hing wohl mit der Natur zusammen. Sie war nicht grandios. Doch zauberhaft still und anmutig (gar nicht wuchtig, wie ich für den Bayerischen Wald vermutet hätte).

Glück ist ein merkwürdiges Gefühl. Jedenfalls mehr als purer Endorphin-Ausstoß.

Ich weiß, das viele dazu neigen, angesichts eines überwältigenden Naturerlebnisses den Schöpfer zu bemühen und die Nichtigkeit des eigenen kleinen Wesens zu betonen. Und aus einem Glücksgefühl, aus einer Naturüberwältigung, gleich einen Gottesbeweis zu machen. Wieder so ein kultureller Reflex, der sich automatisch zwischen den Synapsen ereignet. 2000 Jahre Christentum haben den meisten von uns den Horror Vacui eingebleut. Die Angst vor dem absoluten Nichts. Nur weil wir den Abgrund des Nichts sehen, sollen wir an Gott glauben. Alles definiert sich demzufolge über sein Gegenteil, nichts existiert ohne sein Antonym. Das hat aber einen Haken. So würde Gott auch nur existieren, wenn es ebenfalls einen Teufel gäbe. Hat also Gott den Teufel geschaffen, um sich selbst zu erzeugen?
Wer den Teufel abschafft, vernichtet Gott?

Komisch, über was ich so nachdenke, wenn ich ständig an irgendwelchen Kruzifixen vorbeimarschiere und an seltsamen Nikolaus-Leichen.
Dieser Himmels-Postbote war offensichtlich erfroren: Wiederbelebung zwecklos. Schokolade auch nicht mehr genießbar.

Irgendetwas stimmt mit der Ausrüstung der Nikoläuse nicht

Danach ein plötzlicher Wetterumschwung. Mehr SchneeRegen als Schnee. Wind. Graupel. Ungemütlich. Wegscheid war allerdings nah. Und ein Landgasthof. Ankunft 15 Uhr 30. Pressspan-Möbel im 60er Jahre Stil. Rustikal-Charme. Knorriger (aber dennoch überaus freundlicher) Wirt. Zwei ältere Bauern am Stammtisch, die auch wieder über die ertrunkenen Angler diskutierten. Konnten aber auch nicht klären, warum sie nicht schwimmen konnten.

Durst: Innsstadt Helles. 2,20 Euro.

Hunger: Wildschweinbraten mit Knödel. Standard (Mehlschwitze ist hier wohl auch Standard). 10,80 Euro.

Mehlschwitze ist Saucen-Standard

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück). Klasse Preis.

Ein namenloses Wesen begleitet mich nach Aigen

Immerhin ein Warn-Stein!

Warnstein in Braunau

Hier, in diesem Haus hinter dem Stein, wurde nicht der Nationalsozialismus geboren, aber der größte Verbrecher der Neuzeit.

Das Geburtshaus des Großen Diktators scheint weitgehend unbehaust zu sein.
(Wer könnte mit so einem Gespenst zusammen wohnen?)

Die Braunauer tun mir leid. So wie ein Dachauer immer wird begründen müssen, wie er in seiner Stadt mit solch einer Vergangenheit wohnen kann, so werden auch die Braunauer den Spuk niemals los.

Ich fand keinen einzigen Souvenir-Laden in der Stadt. Welches Andenken will man auch hier verkaufen? An was soll man sich hier gern erinnern?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so gruselig fühlen würde. Tut mir leid Braunauer, der Abstecher über die Grenze war eine schlechte Idee. Ich will schnell wieder zurück auf die andere Seite.

Auf dem Weg zurück passierte ich noch in Braunau einen Mini-Weihnachtsmarkt. Ein Engerl zwinkerte mir zu, signalisierte, dass er auch schnell weg möchte. Ich nahm in mit. Weil er ein sympathischer österreichischer (rot-weißer / oder besser rosa-weißer) Seraph war.

Namenloser Cherub

Namenlos, bei diesem Namen beließ ich es gleich. Ich gebe zu, ich war froh, dass das Engerl in einem Glashaus gefangen war.

Es bestand also keine Gefahr, dass er entfleuchen und irgendeinen Unsinn wie Loisl anstellen konnte. Bei den Österreichern weiß man ja nie.
Und zudem: Er führte ein wenig Schnee mit! Während es draußen so um die 6 bis 8 Grad PLUS waren. Kälte, Schnee, Winter – vielleicht im Himmel. Auf Erden aber nicht.

Seltsame Jahreszeit.

Blühende Landschaften im Dezember:

Winterblüte

Braunau lag rasch hinter uns. Auch wenn Namenlos mich ein wenig aufgehalten hatte und ich erst gegen halb neun loskam, hatten wir doch das Ziel bis am Abend in Aigen am Inn zu sein. Schätzungsweise 27 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Noch auf der österreichischen Seite: wunderschöne Innlandschaften, Auen, Schilf. Die Route folgt einem internationalen Fern-Rad-Weg.

Inn Idylle

Schlösschen Hagenau

Acker und Au

Bei Frauenstein bringt mich Namenlos zurück nach Bayern. Empfangen von einem Wegkreuz. Eines von vielen auf meinem Weg.

Ziemlich katholische Gegend

Sumpf. Kaum begehbare Wege die ersten zwei Kilometer.

Auenwald am Inn

Schmaler Trampelpfad ins Nichts

Schatten und Original:

Ich, der Schatten

Ich, das Original

Wie viele Kilometer ich dann geradeaus auf dem Damm gehen mußte, erinnere ich nicht mehr. Nur noch daran, wie unendlich anstrengend es ist, sich auf den „rechten“ Weg zu begeben. Wenn das Ziel immer gleich entfernt bleibt, der Horizont sich keinen Millimeter nähert, unendlich unendlich bedeutet. Wieviel motivierender ist es, wenn man Haken schlagen, Umwege laufen kann. Ich glaube, daß die Geometrie irrt, wenn sie behauptet, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei die Gerade. In der Landschaft stimmt das nicht. Der schnellste Weg führt über Umwege. Davon gab es reichlich. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Blick nur nicht nach vorn zu richten, sondern ständig meinen Füßen zuzuschauen, wie sie sich selbständig bewegten, einen Schritt vor den andern setzten. Die Gedanken richteten sich nach diesem Rhythmus, ein Gedankensplitter folgte dem andern.

Aber ich will nicht jammern: Stille, nur leichtes Windrauschen, ab und zu das heißere Gekrächze eines Raben oder das Geschnatter einiger Donau-Enten (schmeckt eigentlich Wildenten-Fleisch? Mit Orangensauce?). Ganz nebenbei: Ich bin ornithologisch und – was Natur anbelangt – sprachlich ungebildet. Schnattern eigentlich Enten oder schnattern Gänse oder beide? Krächzen Raben und was machen dann Krähen? Oder Schwäne, Graureiher gar? Es gibt Sprachen, für die noch kein Wörterbuch geschrieben wurde.

Weg in die Unendlichkeit

Links und Rechts Augenweiden

Ankunft in Aigen mit „night falls“.

Nette kleine Pension in einem alten Bauernhof. Die Gaststätte füllte sich ab 18 Uhr rasch. Kaum Einheimische. Fast nur Kurgäste. Aus dem 10 Kilometer entfernten Bad Füssing. Der Gasthof war anscheinend berühmt für seine Speisekarte und für zünftige Unterhaltung. Unter den Gästen alles, was einem Pathologen Spaß macht: Fußkranke, Athrotische, Halb-Gelähmte, Schüttelgelähmte, Sprachgelähmte, Krankhaftlacher, Fangoanwender, Berufspensionäre mit eingewickeltem Dackel, alles, nur keine Kassenpatienten. Eine Gaststätte als Sanatorium. Die Gespräche kreisten nicht um Gott und die Welt, sondern ausschließlich um Tod und Kur. Schließlich kam auch noch der ehemalige Pfarrer aus Bad Füssing, der in dieser Gaststätte seinen Lebensabend verbringt und kein Wort spricht. Er ist ja auch nicht mehr im Innen-Dienst.

Ab 19 Uhr dann Volksmusik. Sympathische Dorfband. Schien ein Familienunternehmen zu sein.  Bayerische Gassenhauer. Holzfällerbub’n und so weiter. Der ältere Musikant benutzte ein Rhythmus-Instrument, das ich nicht kenne. Eine Art Ratsche? Schnarre?

Durst: Wolferstetter Helles (Traditionsbrauerei aus Vilshofen). Sehr schmackhaft, mit schön dezenter Würze. 2,80 Euro.

Auch Namenlos ruft Halleluja beim ersten Bier

Hunger: Gitti’s Bras’l in der Rain / Schwein’s und Surbrat’l mit Semmel- und Kartoffelknödel, dazu Sauerkraut (9,80 Euro). So war’s im Original geschrieben. Und es schmeckte fantastisch. Auf den Punkt gewürzt! Kompliment.

(Surbaten, das hab ich nun gelernt, ist leicht gepökeltes Fleisch.)

Saftig

Müde und kaputt um 23 Uhr schlafen gelegt. Es war gut, dass Namenlos in seiner Glasglocke blieb. Der österreichische Engel konnte so die kleinen Gemeinheiten des bayerischen Kollegen Loisl gut ignorieren, dem es langsam auf den (Heiligen) Geist ging, ständig die Gosch verbunden zu haben. Er krächzte etwas wie ein heißerer Rabe (?? krächzt der ??).

Familienbett

Unterkunft: 38 Euro ( mit Frühstück).