Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.

Auf Erinnerungswegen nach Winterspelt

Es waren keine konkreten Kindheitserinnerungen, aber beständig pulste ein Gefühl des Bekannten in mir.
Ich war hier schon einmal!

Durchblick

Durchblick

Gestern, als ich abgekämpft durch den Torbogen der Burganlage zum Hotel gegangen war, hatte mich diese Ahnung beschlichen.

Nicht dass ich mich an diese fantastischen Türheiligen erinnerte.

Shivering outside

Shivering outside

Mit 6,7 Jahren sind einem solche Verzierungen ziemlich Wurst.

never shivers

never shivers

Und auch die kunstvolle Art Jesus immer wieder aufs Neue an Stein zu nageln, um die Kreuze dann an den schönsten Plätzen der Anlage aufzurichten, interessiert einen Erstklässler reichlich wenig.

always on the bright side of life

always on the bright side of life

Woran ich mich erinnerte war, dass ich vor über 50 Jahren einige Male mit meinem Patenonkel, meiner Tante und meinem zwei Jahre jüngeren Cousin Ferien in der Eifel verbracht hatte. Seitdem war ich nie wieder in die Eifel zurückgekehrt.
Gestern Abend rief ich meine (inzwischen über 80jährige) Tante an und fragte sie aus, wo wir denn damals gewesen seien.
Es war Kronenburg.

Meine Tante war hier geboren und durch diese Tür sind wir damals in das Haus ihrer Familie gegangen.

1603 !!!

1603 !!!

Der Onkel meiner Tante wohnte hier im Haus mit den rosa Türen.

Shivering inside

Shivering inside

Und gleich nebenan dessen Schwester. In diesem Garten tollte ich als Kind 3 Wochen lang!

Mein Ferienhaus

Mein Ferienhaus

Viele Erinnerungen habe ich nicht mehr an diese Zeit. Eigentlich nur noch eine konkrete: Ich hatte damals meinem jüngeren und staunenden Cousin nachdrücklich versichert, dass es weder einen wirklichen Nikolaus gäbe noch einen realen Osterhasen der Geschenke brächte. Und für diese Desillusionierung seines Sprösslings hat mir mein Onkel eine ziemlich schmerzhafte Ohrfeige verpasst.
Dieser Vorfall hat mir die Eifel für lange unsympathisch gemacht.

Die Tante meiner Tante wurde übrigens gesegnete 105 Jahre alt. Die letzten lange Jahre musste sie in einem Pflegeheim verbringen, was ihr Vermögen auffraß, das im Wesentlichen aus dem Haus bestand.
Auch die restlichen Häuser der Familie meiner Tante (alle in der Burganlage) sind längst verkauft.

Die Neu-Besitzer: vermögende Unternehmer aus Bonn, Köln oder Aachen. Sie haben Kronenburg zu einer Wochenend-Ferien-Residenz gemacht.

Jetzt verstand ich auch, warum in den Straßen dieser wunderschönen Anlage keine Bewohner zu sehen waren.
Kein Wochenende!

Museumsstille!

Mehr als ein Hügel

Mehr als ein Hügel

Es hatte mich am Morgen einige Zeit gekostet, eine Einheimische aufzutreiben, die sich an meine Tante und die Geschichte ihrer Familie in Kronenburg erinnerte und die mir auch die Häuser zeigen konnte, dich ich natürlich nicht mehr kannte.
Eine freundliche zufriedene Frau, die so gar nicht zu meinem Vorurteil der knorrigen, ruppigen und in sich gekehrten Eifeler passte.

Um halb 11 verabschiedete ich mich von ihr und nahm mein eigentliches Tagesziel ins Visier: Winterspelt. 32 km entfernt.

GPS-138-Kronenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 138

Der kürzeste Weg nach Winterspelt führte über Belgien.

Auf dem Weg dahin kein Horizont ohne Windspargel. Sie machten ziemlich Lärm!

Wind Wind, lautes Kind!

Wind Wind, lautes Kind!

Kurz hinter Kronenburg war es vorbei mit Nordrhein-Westfalen. RHEINLAND PFALZ begann. Meine Heimat! (Wenn ich mich auch mehr als Pfälzer fühle denn als Rheinlandpfälzer (mit den Rheinländern habe ich wenig am Hut).)

Der erste Ort: Hallschlag. Unwirtlich, rau, kalt, abweisend.

Schläge hallen

Schläge hallen

Abgekoppelt von der Welt. Selbst die Eisenbahnschienen wurden entfernt.

Ausrangiert

Ausrangiert

Früher, das heißt vor dem Schengener Abkommen, gab es außerhalb Hallschlags Zollhäuser, direkt an der belgischen Grenze.
In einem arbeitete (und wohnte) mein Patenonkel, dem ich meinen zweiten Vornamen verdanke: „Alois“ (pfälzisch ausgesprochen und auf dem ersten Vokal betont: „Allwis“).

Von seinem Arbeitsplatz konnte er sein Einsatzgebiet ins Visier nehmen. Das deutsch-belgische Grenzgebiet.

Grenzen sind schön

Grenzen sind schön

Mir klingen noch seine Erzählungen im Ohr, wie er hier heldenhaft Schmuggler gejagt und bis 1985 (Schengen!) hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Nur was genau damals geschmuggelt wurde, das wusste ich nicht mehr.

Zum letzten Mal durchquerte ich auf meiner Grenzwanderung kleine belgische Dörfer. Allesamt mehrheitlich bewohnt von der deutschsprachigen Minderheit.

Ganz unten im Tal sprang ich von Belgien nach Deutschland zurück.

Über Brücken musst du geh'n

Über Brücken musst du geh’n

Ob mein Onkel auch auf diesem Brückchen Schmuggel-Halunken gejagt hatte?

Eine halbe Stunde weiter oben – auf einem (ziemlich mühsam zu bewältigenden) Hügel – lag Auw.
Hungrig und durstig betrat ich die Dorfgaststube. Ich bat um Wasser (Sprudel) und Bier (Bitburger) und um eine Suppe.

Die Wirtin fragte, ob ich ihre Brennnesselsuppe probieren möchte. Die habe sie eigentlich nur für die Familie gekocht.
Warum nicht.

T138-Essen-02

„Geschnitten, nicht püriert“!

Das, so erklärte mir die Wirtin, sei extrem wichtig für den guten Geschmack! Sie schneide die jungen Brennnesseln mit der Schere in die Brühe. Püriert schmecke das ganz anders und längst nicht so intensiv.

Ich fragte sie, ob sie die Brennnesseln selbst ernte und wie sie das mache ohne sich ständig zu verätzen.
Sie meinte, sie fasse die Pflanzen mit bloßen Händen an, das mache ihr überhaupt nichts.
Mutig!

Ich fragte sie, ob sie sich an die Schmugglerzeiten hier erinnere?
Und wie!

Geschmuggelt wurde in den 50er und 60er Jahren vor allem Kaffee! Die Männer aus den Dörfern gingen in das nahe Belgien und kauften dort säckeweise Kaffee, der in Deutschland als extremer Luxus galt.
Wie oft waren sie von den unbarmherzigen Zöllnern ertappt worden und hatten ihre vollen Kaffe-Säcke in das Grenzbächlein werfen müssen.
Geschmuggelt wurde damals auch viel Tabak. Überwiegend Pfeifentabak, den man noch selbst zurecht schneiden musste.

Später kamen dann Zigaretten und Alkohol dazu.

Sie hatte feuchte Augen als sie von der Vergangenheit sprach.

Ich bezahlte, bedankte mich für Suppe und Auskunft und ging meinen Weg weiter.

Schneifelhaus

Schneifelhaus

Ich durchlief die Schnee-Eifel. Berühmt dafür, dass man hier auch im Sommer friert. Die Häuser robust. Der Wind schob die Wolken über die Bergdörfer. Dort hatten sie Gelegenheit sich auszuregnen.

Himmel drückt

Himmel drückt

Selbst steinerne Wegkreuze hingen windschief in den Feldern.

Windschief

Windschief

Die Höhe hatte mich ausgekühlt und die gelegentliche Sonne vermochte mich nicht aufzuwärmen. Nach bald 9 Stunden Wandern sehnte ich mich nach einer Unterkunft!

Welch eine Gemeinheit, dass ich noch einmal – kurz vor Schluss – einen heftigen Anstieg vor mir hatte.

Es gibt kein Ende!

Es gibt kein Ende!

Selbst Straßentunnel mussten in der Schnee-Eifel massiv gebaut werden, um nicht vom Wind weggeweht zu werden.

Door to what ?

Door to what ?

Winterspelt um halb acht erreicht.

Am Schluss gibt's immer 'ne Kirche

Am Schluss gibt’s immer ’ne Kirche

Hunger: Wiener Schnitzel mit Pommes. (Ich war in einem gutbürgerlichen Restaurant gelandet. Ich hätte auch noch Jäger-Schnitzel oder Schnitzel Hawaii wählen können). 9 Euro.

T138-Essen-01

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Larsens Weihwasser-Wallfahrt nach Goch

Hügel fühlen sich schon mit 50 Höhenmeter wie Berge an.
Offenbar bin ich zu lange im Flachland gelaufen. Kam heftig ins Schnaufen, als ich Nijmegen Richtung Süden verließ und die ersten Bodenwellen überwinden musste.

50 Meter Giganten

50 Meter Giganten

„Berg en Dal“ hieß anfänglich die Straße, die mich von Nijmegen Richtung Goch (Deutschland) führte, 35 km entfernt.

GPS-126-Nijmegen

GPS-Gesamtstrecke bis 126

Wie schön, mal nicht zu sehen, was mich auf den nächsten Kilometern landschaftlich erwartete. Es ging hügelig weiter.

In einer Kurve überholte ich Lars.

T126-Wallfahrer-01

Wohin er mit seinen leeren Eimer ginge?, neugierte ich.
Nach Deutschland – nach Goch„. (Ausgesprochen wie „noch“ nur mit „g“.)
Was er da wolle?
Weihwasser holen!

Warum und wieso, das erzählte mir der Junge nicht. Lars redete nicht gerne.
Ich wusste, dass Goch erst vor wenigen Jahren mit päpstlichem Segen zu einem neuen katholischen Wallfahrtsort aufgestiegen war. Viel mehr aber auch nicht.

In den Vororten Nijmegens auffallend häufig Verkaufsschilder vor den Häusern. (Niederländer sagen „zu kaufen“ (anpreisend!), während Deutsche etwas „zu verkaufen“ (wertlos geworden!) haben.)

Ausverkauf

Ausverkauf

Immerhin das erklärte mir Lars. In den Niederlanden sei es sehr leicht, an Bankkredite zu kommen. Häuser werden häufig zu hundert Prozent über Kredite finanziert (Als Sicherheit bürge das Objekt selbst). Nach Scheidung oder Jobverlust könnten viele Niederländer die Raten nicht mehr zahlen. Das sei gerade ziemlich schlimm.

Droht da dem nächsten Land eine Immobilienblase?

Lars war überhaupt ziemlich klug für sein Alter.

Die deutsche Seite war rasch erreicht. Nette kleine Grenzorte.

Dicker Turm

Dicker Turm

Ich war mir nicht sicher, ob ich immer noch durch das Münsterland lief. Auf jeden Fall, die Gegend war ziemlich katholisch. Und sie zeigte es!

Jeder, der Kranenburg betrat oder befuhr, musste erst einmal zu Kreuze kriechen.
(Oder zumindest um das Riesending am Stadteingang herumkommen).

Dem Kreuz entkommt niemand

Dem Kreuz entkommt niemand

Hinter dem Städtchen ging’s ab in den „Reichswald“. Ein Staatsforst. Wohl das größte zusammenhängende Waldgebiet Nordrhein-Westfalens.

Frühlingsbegrünung

Frühlingsbegrünung

Welch ein Genuss, nach Deichlandschaften, Sand, flachen Schafsweiden und Bodenwellen mit ein paar Heidebüschen wieder durch Baumlandschaften zu spazieren!
WALD!!!

Hätte ich die Gabe vorbeiflatternde Schmetterlinge zu fotografieren, diese Seite wäre voll damit!
„Hüpfendes Laub“ nannte Lars die Flugkünstler, die in der Tat kaum von welken und heruntergefallenen Herbstblättern zu unterscheiden waren. Nur, dass sie eben in der Luft tanzten.

Welch ein Genuss, wieder geschnittenes Holz zu riechen!

Wenn man Bilder riechen könnte

Wenn man Bilder riechen könnte

Am frühen Nachmittag sah ich zwei ältere Herren einigermaßen orientierungslos um einen Haufen fauliger Blätter herumlaufen.
Es waren niederländische Pensionäre, die, wie sie mir in schönem Rudi-Carell-Deutsch erklärten, eine GPS-Schnitzeljagd unternahmen.

Fitte Senioren

Fitte Senioren

Mittels eines GPS-Gerätes und vorher im Internet recherchierter Koordinaten suchten sie einen Behälter, den jemand hier irgendwo versteckt hatte und der eine für sie bedeutende Nachricht enthielt.
„Geocoaching“ nannte sich dieser Zeitvertreib wohl. (Ganz begriffen habe ich es noch nicht).
Die beiden Senioren schienen glücklich damit.

Ein GPS-Gerät hätte ich bei meiner Wanderung durch den Klever Staatswald gut gebrauchen können. Es gab nämlich keine ausgeschilderten Wege durch den Forst.

Mehrmals stand ich überraschend vor Hindernissen, die ich nicht einfach niedertrampeln wollte!

No Go

No Go

Also musste ich einige Male Umwege gehen, um offene Gatter zu finden.

Renaturiert

Renaturiert

Der Wald wird vom Flüsslein Niers begrenzt.
Ein ehemals begradigter Bach, jetzt aber wieder mit viel Aufwand renaturiert.
Die Biber freut’s.

Lumber for Biber

Lumber for Biber

Stadt, Feld, Fluss: abwechslungsreich die Landschaft im Westfälischen.

1000 Furchen führen zum Ziel

1000 Furchen führen zum Ziel

Gegen 18 Uhr erreichten Lars und ich endlich Goch. Der Niersbach führte uns direkt zur Wallfahrtskirche.

Beeindruckend schlicht

Beeindruckend schlicht

Lars erklärte mir, dass Goch der jüngste Wallfahrtsort in Deutschland sei. 2003 war der Missionar Arnold Jannsen, der in dieser Kirche getauft worden war, von Papst Johannes Paul II heilig gesprochen worden. Das Städtchen Goch wurde dann 2008 zum Wallfahrtsort erhoben.

Heiliges Eck

Heiliges Eck

Seitdem kamen (an Seele oder Körper) gebrechliche Menschen hierher, um sich durch ein Wunder heilen zu lassen.

Ob das Weihwasser wirklich solche Kraft hat?
Lars bejahte das. Er sollte es schließlich für seine kranke Mutter holen. (Immerhin, dieses Motiv seiner Wallfahrt nannte er mir!)

Holy Water

Holy Water

Ich hatte genug von derlei Geschichten und außerdem Hunger. Lars durfte auswählen.

Er bestellte Wiener Schnitzel mit Pommes. (Wie alle Niederländer die nach Deutschland reisten, sagte er!) (Qualität: Na ja!)

T126-Wallfahrer-02

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Anstrengungslos drehte sich die Erde unter mir weiter bis Nordhorn

Um 9 Uhr mit dem Zug nach Meppen zurückgekehrt.
Um 10 Uhr die Kreisstadt verlassen.
Irgendwann die Ems überquert.

Breit und träge

Breit und träge

Auf dem Weg nach Nordhorn. 36 Kilometer zeigte mein Handy-Navi an.

GPS-118-Meppen

GPS-Gesamtstrecke bis 117

Ich wusste, ich würde heute nichts erleben, nichts denken, nichts tun und nichts vermissen.
Tage verlaufen bisweilen so.

Wohlig, ruhig, diesig und doch angenehm sonnig.
Ein ig-Tag, wie es ihn nur im Frühling gibt.

Ich brauchte nicht einmal zu gehen, meine Füße zu bewegen. Der Tag ging für mich.
Ich begriff es schnell.
Ich setzte mich auf einen Luftstuhl und ließ die Erde sich unter mir weiterdrehen.
Ich war mir sicher, sie würde mich an meinem Ziel absetzen.
Ich vertraute ihr.

Höfe zogen an mir vorbei.

Aufgeräumte Höfe

Aufgeräumte Höfe

Gehöfte, so aufgeräumt wie Puppenstuben aus dem letzten Jahrhundert.

Aufgereihte Höfe

Aufgereihte Höfe

Birken mit grünblättrigem Mai-Ausschlag tanzten vorüber und zogen umgepflügte Felder nach sich.

Tanzende Bäume

Tanzende Bäume

Gülledüfte, modriger Moor- und nasser Feldgeruch wirbelten vorbei. Geräusche wie gackernde Hühner in Riesenschwärmen aus Riesenfabriken stoben auf und wieder weg.

Never ending story

Never ending story

Manchmal war ein Furzen und Blähen zu hören – als käme es aus Riesen-Biogasanlagen. (Oder war es nur mein Magen, in dem die Hunger-Warnleuchte verdächtig aufblinkte?)

Beginning story

Beginning story

Klar, irgendwelche unsichtbaren Hände schoben Kulissen mit aufgemalten Wegkreuzen an mir vorbei. Dutzende. Aber das war das Thema von gestern. Auch wenn mir ein besonderes Kreuz (eine Kreuzplatte!) in Erinnerung bleiben sollte. Von Zeit und Rost angefressen – aus dem Jahr 1746! – mit einer Inschrift, die ich nicht mehr entziffern konnte, so schnell huschte sie vorüber.

Yesterday's story

Yesterday’s story

Auf die Erde war Verlass. Sie stoppte ihre Rotation, kurz, und ließ mich wie verabredet um 19 Uhr wieder festen Boden unter den Füßen spüren.
Nach 36 km.

Wissenschaftler wollen mir weismachen, dass mein Planet Erde die 36 km in 1,296 Minuten dreht. In Wahrheit waren es heute exakt 9 Stunden. Soviel brauchte sie, um mich von Meppen nach Nordhorn zu transportieren.

Die Wissenschaft weiß nicht, dass Zeit nur in einem zeitfühlenden Subjekt existiert. Also nur in mir.
Die Wahrheit liegt im Fühlen!

Ich fragte mich allerdings, warum mir meine Knie so schmerzten und warum ich so erschöpft war?

Vom Nachdenken? Klar! Ich hatte schließlich Zeit!

Durst: 3 Königs-Pils. Gut wie immer.

Hunger: Tintenfisch mit Pesto. Hervorragend. Klasse gewürzt. Tintenfisch superzart.

T118-Essen-01

Unterkunft: 57 Euro.

Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

T117-Bier-01

Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

T117-Essen-02

Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

T117-Juliana-02

Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

T117-Juliana-03

Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

Warmlaufen bis ins niederländische Bourtange

Smutje ist immer vorher schon da

Smutje ist immer vorher schon da

Gestern Abend in Papenburg angekommen – und das Erste, was ich sah, war wieder Smutje, das Nordsee-Klischee.
Keine Kneipe ohne Matrosen-Kult.

Am Morgen schließlich um Viertel vor 9 Uhr losgelaufen. Das Ziel: Bourtange in den Niederlanden. Rund 22 km entfernt.
Ich wollte die neue Etappe vorsichtig angehen.

GPS-115-Papenburg

Frostig der Morgen. Obwohl die Sonne sich schon früh frisch gemacht hatte. 4-5 Grad. Der Hauptkanal Papenburgs glitzerte kaltblau.

(Sehr) Klein Venedig

(Sehr) Klein Venedig

Der Tag lief sich allerdings schnell warm und ich mich mit. (Als ich losging, trug ich 3 Schichten Klamotten – als ich ankam, schwitzte ich das T-Shirt nass.)

Am Stadtausgang Papenburgs völlig überraschend ein Wegkreuz. Im protestantisch/evangelischen Norden Deutschlands hatte ich auf den letzten Etappen nie eines vor die Kameralinse bekommen.

Hier mussten Katholiken in der Diaspora leben.

Diaspora Wegkreuz

Diaspora Wegkreuz

Auf dem Weg zur holländischen Grenze weitere mächtige steinerne Kreuze. Hat das was mit den Niederlanden zu tun?

Das nächste Kreuz sicher nicht:

Ein Kreuz für den Bäckermeister

Ein Kreuz für den Bäckermeister

Fuß-Text:
„Am 17. April 1945 starben hier im ‚Behnes Busch‘ bei einem alliierten Fliegerangriff die Volkssturmangehörigen Bäckermeister Gerhard Figge und Revierförster Wilhelm Rensing … und 7 Soldaten der deutschen Wehrmacht. Ihnen zum Gedächtnis … November 1988“

Ich wundere mich, dass Lokalbehörden ein Kreuz mit solch einem Text noch vor 25 Jahren genehmigten. Der Volkssturm unterstand unmittelbar Himmler, die Wehrmacht alles andere als ein unbescholtener Verein. Und die Grenze zu den Niederlanden zum Spucken nah. Die Alten dort können sicher noch einiges erzählen über das Wüten der Wehrmacht.
Merkwürdig.

Und bald schon das nächste religiöse Monument am Wegrand. Eine kleine Marienkapelle.
Auf Steinplatten die eingemeißelten Namen verstorbener (Mit)Arbeiter der ADO Gardinenwerke.
(Ohne Goldkante).

Miarbeiterpflege

Mitarbeiterpflege

Hinter der Kapelle fließt träge der Dortmund-Ems-Kanal.

Dortmunder Kapitän unterwegs zur Nordsee

Dortmunder Kapitän unterwegs zur Nordsee

„Strompolizeilich“ ist verboten, das Betriebsgelände der Schleusen zu betreten.

Warnung an alle Stromer

Warnung an alle Stromer

Wusste gar nicht, dass es eine eigene „Strompolizei“ gibt.
(Leitet sich „Stromer“ etwa davon ab?)

In Spuckweite nun die niederländische Grenze. Der schmale Weg markiert ziemlich genau den Grenzverlauf.

Gfrenzweg

Grenzweg

Gegen zwei dann schließlich Bourtange erreicht. Ein historisches Festungsdorf.

Festung im Moor

Festung im Moor

Ursprünglich im Mittelalter mitten in einer beinahe unzugänglichen Sumpflandschaft errichtet, heute ein Museumsdorf, in dem Männer immer noch gerne Krieg spielen.

Als Oranje noch rot war

Als Oranje noch rot war

Und Frauen das lächelnd hinnehmen.

Schüchternes Lachen

Schüchternes Lachen

Kenner-Lachen

Kenner-Lachen

Pikeniere und Musketiere mit galanter Kriegskunst.

Männer spielen halt gern Krieg

Männer spielen halt gern Krieg

Am frühen Nachmittag Richtung Vlagtwedde weitergewandert, auf der Suche nach einem Hotel. Spät fündig geworden (völlig überteuert). Das dazugehörige Restaurant hatte zu. Also am Abend noch einmal 3 km weitergezogen.

Hähnchen-Kebab gegessen. Mit frittierten Industrie-Kartoffeln und türkischem Salat mit geschmacklosen Holland-Tomaten. 14 Euro.

T115-Essen-01
Sättigend. Mehr nicht.

Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Oma Gerda verliert die Orientierung und ich bringe sie bis nach Annaberg

Das erste Schneeglöckchen auf meiner Wanderung.

Tränenreicher Abschied von Breitenbrunn

Der Frühling kommt doch. Auch im Erzgebirge!

Aber welch eine Täuschung. Ich war um 9 Uhr aus Breitenbrunn losgelaufen. Richtung Rittersgrün. Und schon nach einer Stunde war ich wieder von Schnee umgeben. (Gar nicht zu reden vom Nebel und Sprühregen.)

Plötzlich sah ich Gerda. Sie saß am Wegrand und schien zu vespern. Auf jeden Fall hatte sie Kaffee und eine Brotzeit dabei.

Oma Gerda vespert

Sie machte einen etwas verwirrten Eindruck. Ich fragte, wie sie denn hierher gekommen sei. Sie erinnerte sich nicht recht daran, flüsterte nur, dass sie ihre Senioren-Reisegruppe verlassen habe und spazieren gegangen sei und nun nicht mehr zu ihrem Hotel zurückfände. Es gäbe ja auch keine Wegkreuze hier, wo sie sich orientieren könne. Das sei alles zu „protestantisch“ hier und überhaupt auch zu teuer.

Ich gab ihr recht. Ich hatte ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass zumindest Unterkunft und Bier deutlich höherpreisiger waren als in der Oberpfalz oder in Niederbayern etwa.

Gerda fragte mich, ob ich sie nicht in ihr Hotel zurückbringen könnte. Ich wollte keine Zeit verlieren und bot ihr an, sie bis Oberwiesenthal mitzunehmen und sie von dort mit dem Bus nach Breitenbrunn zurück zu schicken. Sie war einverstanden.

Es sollte meine bislang längste Wanderung werden. 43 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 035

Schon nach wenigen gemeinsamen Schritten mit Gerda fing diese an zu reden (und hörte nicht mehr auf bis….).

Ob ich wisse, dass hierzulande alle Kinder mit blauen Augen geboren würden?
Und dass Sterbende auch wieder blaue Augen bekämen?
Erst vor kurzem habe sie bei ihrer siechen Schwester gesehen, dass auch diese ihre Augenfarbe geändert habe – ins Blau. Kurz vor dem Tod.
Sie, Gerda, sei auch schon über 80.
Ob ihre Augen denn jetzt auch blau seien?
„Nein“, entgegnete ich, „Sie haben braune Augen!“
Das beruhigte sie ein wenig.

Ob ich wisse, fuhr sie fort, dass die Seele eine Haut habe? Diese Haut könne Narben bilden, bei Verletzungen. Sie fühle ihre Narben ganz deutlich.

Ich versuchte mir das vorstellen: Seele mit Akne, mit Neurodermitis, mit Geschwüren und kleinen Warzen, mit Hornhaut. Welche Berufsfelder, Industriezweige und Produkte könnten neu entstehen: Seelen-Dermatologe, Seelenhautcremes (für Tag und Nacht), Seelen-Sonnenschirme, Seelenhautkuren. Man könnte aus der Seelenhaut Stammzellen gewinnen, um ganze Seelen zu klonen.

Wir liefen zusammen philosophierend immer weiter in den dichten Nebel hinein.

Road to nowhere

Gerda gefiel meine Armbanduhr. Vor allem der Höhenmesser. Ich gab sie ihr, damit sie genauer die Anzeige studieren konnte, immerhin waren wir schon auf 1.093m Höhe angelangt.

Keine Schleichwerbung! Es geht um die Höhenanzeige!

Und es ging immer noch weiter bergauf. Wir waren am Fichtelberg. Der höchsten Erhebung des Erzgebirges.

Auf dem Pass imposante Schneeverwehungen.

Als wär

Unterwegs ein Berghof. Ein Junge hackte Brennholz und meinte lapidar: Auch wenn es im Tal schon 15 Grad habe, bis hier hoch komme der Frühling nicht so schnell.

Mit der Axt lässt sich kein Winter vertreiben

Schließlich erreichten wir Oberwiesenthal, die höchst gelegene Stadt Deutschlands. Berühmter Ski-Ort. DDR-Helden wurden hier geboren/berühmt. Ich sagte Oma Gerda, dass ich sie jetzt zum Bus zu bringen würde, mit dem sie zu ihrer Seniorengruppe zurück fahren könne. Aber Gerda fand mich nett, wollte bei mir bleiben.
So legten wir eine kleine Pause in einem schönen Café, das schon zu DDR Zeiten für seine Konditor-Kunst berühmt war, ein. Ich trank einen Grog und Gerda naschte den berühmten Spitzkuchen (Mandeln). „Wenigstens das können sie hier, die Protestanten!„, schnaufte sie.

Gerda knabbert sich wie ein Biber durch den Kuchen durch

Noch lag der anstrengendste Teil des Tages vor mir: 23 km bis Annaberg. Überwiegend an der tschechischen Grenze entlang. Sie war nur ein paar Meter entfernt. Ich packte Gerda in den Rucksack zu meinen anderen Gästen und marschierte los.

Ich hörte noch, wie Gerda Kuno fragte, ob er wisse ….

Ich schaltete innerlich ab und konzentrierte mich, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Es gab keine andere Möglichkeit, als an der Bundesstraße entlang zu laufen.

Unterwegs ein paar Straßendörfer und (erstaunlicherweise) immer wieder mittelständische Betriebe. Anscheinend rappelt sich die Gegend wirtschaftlich doch etwas auf.
Auch wenn man es vielen Fassaden nicht ansieht.

Alte Propaganda

Keine Ahnung, was da für ein ausgestopftes Tier rechts unten in der Garage stand. Auch bei näherem Hinschauen konnte ich es nicht identifizieren.

Wolpertinger ?

Um 19 Uhr traf ich endlich im ziemlich dunklen Annaberg ein. Obwohl nicht kalt, war so gut wie niemand in den Straßen.
Ein Hotel war schnell gefunden.

Durst: Pils von Braustolz (2,80 Euro (0,5 l)). Gut. Oma Gerda fand es sogar „ziemlich“ gut.
Brauerei aus Chemnitz (seit 1868). Mittlerweile von Kulmbacher übernommen.

Oma Gerda genießt gerade das Leben

Hunger:
Vorspeise: Mit Thymianhonig gratinierter Ziegenkäse auf Rucola-Tomate (6,50 Euro).

Hauptgang: Erzgebirgische Pilzpfanne mit Zwiebel und Knoblauch. Dazu Böhmische Knödel (8,50 Euro). Sehr schmackhaft.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Die Nächte werden langsam zu lebhaft – komm

(Ras-Pudding nähert sich langsam der Hüterin an, Kristyna ist erzürnt, Oma Gerda belabert Kuno und Oskar und Erika flöten sich an.)

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

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Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).