Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Von der soliden Wirklichkeit des Bedingten bis nach Isselburg

Ein schöner Stadtpark schmückt Vreden. Macht den Ort einladend, der es eigentlich aber nicht ist.
Liebloser Ortskern!
Sei’s drum, es gibt ja den Park – mit Blick auf die Kirche.

Kontra Licht I

Kontra Licht I

Oder mit Blick auf einen alten Münsterländer Bauernhof.

Kontra Licht II

Kontra Licht II

Oder mit Blick auf einen eigenwilligen Hubschrauber-Notlandeplatz über dem Bächlein Brekel, das Vredel umfließt.

Notlandeplatz

Notlandeplatz

Die SOLIDE WIRKLICHKEIT DES BEDINGTEN haben die beiden Bildhauer ihr Helikopter-Denkmal betitelt.

Darüber grübelnd, was der Satz bedeuten könnte (ich hatte keinen Erfolg!), verließ ich Vreden gegen 9 Uhr.
Das Ziel: Isselburg. 39 km entfernt.

GPS-122-Vreden

GPS-Gesamtstrecke bis 122

Der Weg führte die meiste Zeit durch niederländisches Gebiet, nicht immer grenznah.

Kontra Licht III

Kontra Licht III

Als ich letzten Sommer an der Ostgrenze entlang wanderte, konnte ich das deutliche Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und seinen Nachbarn (Tschechien oder Polen) überhaupt nicht übersehen.
An dieser Westgrenze gibt es das nicht. Oder höchstens ein ganz klein wenig. Auf der niederländischen Seite ist alles noch eine Spur sauberer, aufgeräumter, geordneter, der Vorgarten gepflegter, die Fassaden immer wie frisch abgeschrubbt. Fast puppenstubenhaft.

Mal kein Gegenlicht

Mal kein Gegenlicht

Ein paar Kilometer hinter der Grenze ein kleines und äußerst nettes Städtchen: Winterswijk.

In Vorbereitung auf den Krönungstag: das ganze Zentrum geschmückt.

King in Town

King in Town

In zwei Tagen würde Königin Beatrix ihre Krone an ihren Sohn Willem Alexander weitergeben.

Devotionalien

Devotionalien

Um auf den Thron zu steigen, musste der immerhin nicht seine Mutter köpfen. (Wie es vielleicht der englische Prinz erwägen könnte.)

Krone statt Kopf

Krone statt Kopf

Niederländer scheinen Sonntags-Frühmuffel zu sein.
Um halb zwölf gehörte ich zu den ersten Café-Gästen am Kirchplatz.

Beschirmt und Bemützt

Beschirmt und Bemützt

Blumentöpfe auf Café-Tischen ist Standard hier. In der Lebenddekoration hatte sich ein weiteres holländisches Traumpärchen versteckt: Arjen und Marike.

Traumpaar

Traumpaar

Ich wollte mich mit ihnen unterhalten, sie über die Rolle des Königtums in den liberalen Niederlanden ausfragen oder was die Bürger davon halten, dass sich das Hochzeitspaar das Fest beinahe 20 Millionen Euro kosten lassen würde.
Arjen und Marike aber blieben stumm.
(Wahrscheinlich hätten sie mir sonst das gleiche gesagt, wie eine Holländerin am gestrigen Tag: „Eine bessere weltweite Werbekampagne für das Land gibt es nicht. So gesehen ist das noch billig.“)
Ich hatte Redebedarf und ärgerte mich über das schweigsame Pärchen. Kurzerhand packte ich es in meinen Rucksack und nahm es den weiteren Weg mit.

Kontra Licht IV

Kontra Licht IV

Am Stadtrand ein imposanter ehemaliger Wasserturm.

Imposant

Imposant

Gleich daneben ein jüdischer Friedhof. Nur 10% der ehemals großen jüdischen Gemeinde waren den Nazipogromen entkommen. Wenige Überlebende waren nach Kriegsende wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt.

Still

Still

Drei vier Stunden marschierte ich auf einem Radweg, der parallel zu einer Hauptverkehrsstraße verlief. Ich bedauerte, dass es keinen Wanderweg entlang der deutsch-niederländischen Grenze gibt. Die Landschaft scheint dafür nicht attraktiv genug.
Kaum Abwechslung, keine unberührte Natur, nur Kuhwiesen, Felder und Bauernhöfe, die nie weiter als ein paar Hundert Meter auseinander liegen.

Wolkenland Holland

Wolkenland Holland

Und alle zwei drei Stunden das nächste Kleinstädtchen.
Die allerdings sind attraktiv.
Immer herausgeputzt.

Aufgeräumt und geputzt

Aufgeräumt und geputzt

Aalten.

Kontra Licht V

Kontra Licht V

Ich hatte mir eine Blase gelaufen und die letzten Kilometer waren mühsam. Arjen und Marike dachten noch immer nicht daran, sich auf eine Konversation mit mir einzulassen. Ich wurde langsam muffelig.
(Hörte ich sie „Mof“ grummeln?)

In Dinxperlo querte ich wieder nach Deutschland. Über einen Kilometer verläuft die Grenze dort mitten durch eine belebte Straße. Der Westen (mit den Industrieanlagen) gehört zum Königreich, der Osten (mit den Wohnhäusern) zur Republik. Kurios.

Deutsch-Niederländische-Strasse

Deutsch-Niederländische-Strasse

Noch stand die Sonne am Himmel über Isselburg, als ich um 19 Uhr endlich die Gemeinde betrat.
Das erste Gebäude, das mir auffiel, war eine Moschee! Im Industriegebiet.

Der Muezzin ruft in Isselburg

Der Muezzin ruft in Isselburg

Das Gotteshaus durch einen dicken Drahtzaun geschützt. (Vor wem?)

Später sollte mir eine Wirtshaus-Bedienung erzählen, dass die Moschee von einem wohlhabenden marokkanischen Geschäftsmann gestiftet wurde, der bereits seit 40 Jahren in der Gegend lebte. Randale habe es wegen der Moschee noch nicht gegeben, aber viele Einwände und Vorbehalte von Seiten der Bevölkerung.
Es stünde ja bereits eine große Moschee nicht weit weg, in Bocholt. In Isselburg gäbe es – so die Dame – ein beachtliches Problem mit türkischstämmigen Harz-IV Familien.

Im Stadtzentrum dann ein weiteres Gotteshaus, diesmal ohne Zaun.
(Aber mit einem Wachturm.)

Kirche als Trutzburg

Kirche als Trutzburg

Ziemlich entkräftet nach 10 Stunden Wanderung und 39 Kilometern ließ ich mich im Hotelrestaurant stante pede an einem Tisch nieder.

Hunger.
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Pesto; Blattsalaten und Früchten. (8,90 Euro). Ausgezeichnet gewürzt.
Auch Arjen und Marike langten kräftig zu, auch wenn sie immer noch kein Wort an mich verloren.

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Hauptspeise: Gebratener Wels mit Kartoffelgratin, mediterranem Gemüse und Pesto. Der Koch muss einen ziemlich schlechten Tag erwischt haben. Es schmeckte so wie es aussah: verkocht und ledern zugleich. Schade.

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Unterkunft: 57 Euro (mit Frühstück).

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