Zum Himmel über Natzwiller

Auch Heilige sind bisweilen umnebelt. Jedenfalls war von der Heiligen Odilia, der Schutzpatronin des Elsass‘, die auf der Bergkuppe thront, nichts zu sehen.

Die Heilige umnebelt

Die Heilige umnebelt

Frühnebel – als ich gegen 9 Uhr losging.
Von der reinen Kilometerzahl war mein heutiges Ziel eigentlich leicht zu erreichen. Gerade mal 23 km. Trotzdem wurde es ein ellenlanger Tag.

GPS-160-Obernai

GPS-Gesamtstrecke bis 160

Das Winzernest Ottrott ließ sich erst ein wenig mit Regen bestäuben, dann wieder zeigte es sich sonnig einladend.

Geklonte Orte

Geklonte Orte

Im Dorfzentrum traf ich Frédéric. Freundlich, gestriegelt, auf höflichen Umgang mit Touristen geschult. Er bot mir seine Hilfe als Fremdenführer an.

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Da er einen Schirm mit sich trug und ich auch vor den nahen Vogesen einigen Respekt hatte, nahm ich die Offerte an.
Gemeinsam zogen wir los.

Trampelpfade führten uns immer tiefer in den Wald hinein.

Ausgetrampelt

Ausgetrampelt

Eine Karte trug ich nicht mit mir. Ich verließ mich ganz auf mein Handy-Navi und hoffte, dass der Empfang nicht allzu oft gestört werden würde.

Steinwald

Steinwald

Schon zu Beginn ging es steil bergan. Mein Navy machte es sich leicht, zeigte meist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten an.
Mal musste ich weglos durch das Unterholz tappen, mal kletterte ich klitschige Schneisen hoch, die sonst wohl als Rutschen für Baumstämme dienen.

Der Weg ist eine Schneise

Der Weg ist eine Schneise

Gründunkel die vorherrschende Waldfarbe. Wäre da nicht ab und zu ein Farbtupfer namens Fliegenpilz.

Pilzerkrankung

Pilzerkrankung

Immer wieder tröpfelte Regen durchs undichte Walddach.
Mein kleiner Frédéric entpuppte sich als Schönwetter-Fremdenführer.
Drohte Regen, suchte er Schutz unter Pilzen. Ansonsten jammerte er über die schlechten Wege und die körperliche Anstrengung.
Kurzerhand packte ich ihn in meinen Rucksack und ließ ihn dort weiter jammern.

Schutzschirm

Schutzschirm

Ich verfluchte die 16 Kilogramm auf meinem Buckel.

Der Wald öffnete sich nur selten und wenn, lud das, was ich sah, nicht zum Weitergehen ein. Ein Gewitter nahte.

Düstere Aussichten

Düstere Aussichten

Ich verlor das Gefühl für Zeit. War nur noch konzentriert nach oben zu kommen. Hatte mich bereits über 1.000 m hochgearbeitet. Das zeigte zumindest der Höhenmeter meiner Uhr an: 1.007 Meter.

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Irgendwann erreichte ich den Bergkamm. Und wurde belohnt. Herrliche Sicht.

On Top

On Top

Ich legte mich schwer schnaufend kurz ins nasse Gras. Nass geschwitzt war ich eh schon.

Ruhepunkt

Ruhepunkt

Dann rutschte ich auf glitschigen Wegen hinunter ins Tal. Zum Bergdorf Natzwiller, in 550 m Tiefe.
Ich hatte nicht mehr die Kraft zu fotografieren.

Durst: literweise Wasser und dann eine Karaffe elsässischen Weißburgunder. Ausgezeichnet.

Frédérdic war so kaputt, dass er statt zu trinken sich in sein leeres Weinglas bettete und laut ratzte.

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Hunger.
Vorspeise: Pfifferlinge. Fantastisch gebraten. Klasse gewürzt.

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Hauptspeise: Gebratenes Täubchen. Auf Sauerkraut und mit Morcheln. 23 Euro.
Das Fleisch unfassbar zart und schmackhaft. Sauerkraut und Morcheln top. Ich war begeistert.

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Unterkunft: teuer.

Heul wie ’ne Wuzz und du kommst nach Ludwigswinkel

Herrliche Wege durch die Pfalz.

Pälzer Sunn

Pälzer Sunn

Ich wollte den Sonnentag auskosten, lief bereits Viertel vor 9 los. Ungefähres Ziel: Ludwigswinkel. 35 km entfernt.

GPS-152-Hornbach

GPS-Gesamtstrecke bis 152

Gestern Abend hatte ich mir noch schnell meine Wäsche gewaschen und mich rasiert. Ich hatte das Gefühl, „ordentlich“ durch meine Heimat laufen zu müssen.

Kleine Dörfer mit imposanten Häusern.

massiv

massiv

Mit alten steinernen Wegkreuzen.

was war nochmal 1763?

was war nochmal 1739?

Mit witzigen Hausnummern.

Hausnummer

Hausnummer

Endlose Höhenstrassen. Von denen einige leider auch gerade „verspargelt“ werden.

Don't let it be

Don’t let it be

Kurz vor dem Horizont hielt ein Nahverkehrsbus neben mir. Der Fahrer fragte mich, ob ich ein Stückchen mitfahren möchte. („Willsch a Sticksche mit?“) Ich verneinte und bedankte mich.
Der Chauffeur tuckerte mit seinem leeren Bus noch eine Weile neben mir her und wir unterhielten uns angeregt, fast berauscht, über die Schönheiten der Pfalz. Dann brauste er los.

Ich hatte die Aussicht für mich allein.

Blick nach links

Blick nach links

Gleich in welche Richtung ich schaute, ob nach Frankreich oder ins Pfälzer Hinterland: eine überwältigende Landschaft.

Nie hatte ich das Gefühl eine Grenze entlang zu laufen.

Blick nach rechts

Blick nach rechts

Auch ein Postbote hielt mit seinem gelben VW und wollte mich mitnehmen. Erneut lehnte ich ab.
In der Pfalz wirst du schneller angesprochen als du „Guten Tag“ sagen kannst.
Die Menschen sind neugierig.

Es ging auf und ab. Es wurde anstrengend.

Bergdorf

Bergdorf

Diesem Dorf sieht man nicht an, dass ich – aus dem Wald kommend – erst einmal 150 Höhenmeter runter und dann das Gleiche sofort wieder hochsteigen musste.

Von nun an ging das stetig so. Nach einigen Stunden lag das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas vor mir: der Pfälzer Wald.
Von oben wirkte er fast unheimlich und unbewohnt. Würde ich dort wieder herausfinden?

Soll ich da rein ?

Soll ich da rein ?

Mal waren die Forstwege gut ausgebaut, mal schmal und mit vielen Stolperfallen.

Noch der einfachere Weg

Noch der einfachere Weg

Bevor ich in den Wald hinabstieg, hatte ich mich in einer Wirtschaft erkundigt, ob es Abkürzungen zu meinem Ziel gebe. Ein Gast meinte ja, aber dass sie einigermaßen schwer zu finden seien und ich mich leicht verirren könne. Ein zweiter sagte, das würde nichts machen. Ich solle mich an einer Straße in die Kurve stellen und „heulen wie ne Wuzz“ (weinen wie die Sau). Dann würde sich schon jemand erbarmen und mich im Auto mit nach Ludwigswinkel nehmen.
Auch eine Möglichkeit.

Ich liebe meine Pfälzer und deren Gosch!

Bunt-Sand-Stein

Bunt-Sand-Stein

Ich fand die Abkürzung. Und erreichte nach 9 Stunden mühsamen Wanderns die ersten Teiche im Seengebiet Ludwigswinkel.

Grünteich

Grünteich

Durst: Park-Bier (Pils). Pirmasenser Brauerei. Schmeckte gut, hopfig. 2,70 Euro (0,5 l).

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Hunger: Markklößchensuppe. (3,80 Euro). Gut.

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Pfälzer Saumagen mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. (9,60 Euro). Deftige Hausmannskost.

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Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Larsens Weihwasser-Wallfahrt nach Goch

Hügel fühlen sich schon mit 50 Höhenmeter wie Berge an.
Offenbar bin ich zu lange im Flachland gelaufen. Kam heftig ins Schnaufen, als ich Nijmegen Richtung Süden verließ und die ersten Bodenwellen überwinden musste.

50 Meter Giganten

50 Meter Giganten

„Berg en Dal“ hieß anfänglich die Straße, die mich von Nijmegen Richtung Goch (Deutschland) führte, 35 km entfernt.

GPS-126-Nijmegen

GPS-Gesamtstrecke bis 126

Wie schön, mal nicht zu sehen, was mich auf den nächsten Kilometern landschaftlich erwartete. Es ging hügelig weiter.

In einer Kurve überholte ich Lars.

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Wohin er mit seinen leeren Eimer ginge?, neugierte ich.
Nach Deutschland – nach Goch„. (Ausgesprochen wie „noch“ nur mit „g“.)
Was er da wolle?
Weihwasser holen!

Warum und wieso, das erzählte mir der Junge nicht. Lars redete nicht gerne.
Ich wusste, dass Goch erst vor wenigen Jahren mit päpstlichem Segen zu einem neuen katholischen Wallfahrtsort aufgestiegen war. Viel mehr aber auch nicht.

In den Vororten Nijmegens auffallend häufig Verkaufsschilder vor den Häusern. (Niederländer sagen „zu kaufen“ (anpreisend!), während Deutsche etwas „zu verkaufen“ (wertlos geworden!) haben.)

Ausverkauf

Ausverkauf

Immerhin das erklärte mir Lars. In den Niederlanden sei es sehr leicht, an Bankkredite zu kommen. Häuser werden häufig zu hundert Prozent über Kredite finanziert (Als Sicherheit bürge das Objekt selbst). Nach Scheidung oder Jobverlust könnten viele Niederländer die Raten nicht mehr zahlen. Das sei gerade ziemlich schlimm.

Droht da dem nächsten Land eine Immobilienblase?

Lars war überhaupt ziemlich klug für sein Alter.

Die deutsche Seite war rasch erreicht. Nette kleine Grenzorte.

Dicker Turm

Dicker Turm

Ich war mir nicht sicher, ob ich immer noch durch das Münsterland lief. Auf jeden Fall, die Gegend war ziemlich katholisch. Und sie zeigte es!

Jeder, der Kranenburg betrat oder befuhr, musste erst einmal zu Kreuze kriechen.
(Oder zumindest um das Riesending am Stadteingang herumkommen).

Dem Kreuz entkommt niemand

Dem Kreuz entkommt niemand

Hinter dem Städtchen ging’s ab in den „Reichswald“. Ein Staatsforst. Wohl das größte zusammenhängende Waldgebiet Nordrhein-Westfalens.

Frühlingsbegrünung

Frühlingsbegrünung

Welch ein Genuss, nach Deichlandschaften, Sand, flachen Schafsweiden und Bodenwellen mit ein paar Heidebüschen wieder durch Baumlandschaften zu spazieren!
WALD!!!

Hätte ich die Gabe vorbeiflatternde Schmetterlinge zu fotografieren, diese Seite wäre voll damit!
„Hüpfendes Laub“ nannte Lars die Flugkünstler, die in der Tat kaum von welken und heruntergefallenen Herbstblättern zu unterscheiden waren. Nur, dass sie eben in der Luft tanzten.

Welch ein Genuss, wieder geschnittenes Holz zu riechen!

Wenn man Bilder riechen könnte

Wenn man Bilder riechen könnte

Am frühen Nachmittag sah ich zwei ältere Herren einigermaßen orientierungslos um einen Haufen fauliger Blätter herumlaufen.
Es waren niederländische Pensionäre, die, wie sie mir in schönem Rudi-Carell-Deutsch erklärten, eine GPS-Schnitzeljagd unternahmen.

Fitte Senioren

Fitte Senioren

Mittels eines GPS-Gerätes und vorher im Internet recherchierter Koordinaten suchten sie einen Behälter, den jemand hier irgendwo versteckt hatte und der eine für sie bedeutende Nachricht enthielt.
„Geocoaching“ nannte sich dieser Zeitvertreib wohl. (Ganz begriffen habe ich es noch nicht).
Die beiden Senioren schienen glücklich damit.

Ein GPS-Gerät hätte ich bei meiner Wanderung durch den Klever Staatswald gut gebrauchen können. Es gab nämlich keine ausgeschilderten Wege durch den Forst.

Mehrmals stand ich überraschend vor Hindernissen, die ich nicht einfach niedertrampeln wollte!

No Go

No Go

Also musste ich einige Male Umwege gehen, um offene Gatter zu finden.

Renaturiert

Renaturiert

Der Wald wird vom Flüsslein Niers begrenzt.
Ein ehemals begradigter Bach, jetzt aber wieder mit viel Aufwand renaturiert.
Die Biber freut’s.

Lumber for Biber

Lumber for Biber

Stadt, Feld, Fluss: abwechslungsreich die Landschaft im Westfälischen.

1000 Furchen führen zum Ziel

1000 Furchen führen zum Ziel

Gegen 18 Uhr erreichten Lars und ich endlich Goch. Der Niersbach führte uns direkt zur Wallfahrtskirche.

Beeindruckend schlicht

Beeindruckend schlicht

Lars erklärte mir, dass Goch der jüngste Wallfahrtsort in Deutschland sei. 2003 war der Missionar Arnold Jannsen, der in dieser Kirche getauft worden war, von Papst Johannes Paul II heilig gesprochen worden. Das Städtchen Goch wurde dann 2008 zum Wallfahrtsort erhoben.

Heiliges Eck

Heiliges Eck

Seitdem kamen (an Seele oder Körper) gebrechliche Menschen hierher, um sich durch ein Wunder heilen zu lassen.

Ob das Weihwasser wirklich solche Kraft hat?
Lars bejahte das. Er sollte es schließlich für seine kranke Mutter holen. (Immerhin, dieses Motiv seiner Wallfahrt nannte er mir!)

Holy Water

Holy Water

Ich hatte genug von derlei Geschichten und außerdem Hunger. Lars durfte auswählen.

Er bestellte Wiener Schnitzel mit Pommes. (Wie alle Niederländer die nach Deutschland reisten, sagte er!) (Qualität: Na ja!)

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Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Etappenschluss in Papenburg

Frühaufsteher oder Nacht-Durchhänger?

Cool-Blogger

Bis auf zwei Hup-Hopper-Simultanten und mir war niemand in der Leerer Innenstadt – Sonntag Morgen, 9 Uhr 30.
Zumindest ich hielt mich nicht länger auf. Bewegte mich schnurstracks Richtung Papenburg.
21 km weg.

GPS-Gesamtstrecke bis 114

Eine Eisenbahnbrücke führte mich auf einer schmalen Fußgängerspur über die Ems.

Cool Bridge

Ich war dankbar für die paar in die Landschaft gestreuten kleinen Wäldchen, die ich allesamt andächtig durchschritt.
Meisengezwitscher statt Möwengeschrei, Bachplätschern statt Meeresrauschen. Ich genoss es.

Cool forest

Das Meer lag hinter mir, die niederländische Grenze war nah, auch wenn ich sie auf dieser Etappe nicht mehr erreichen würde.
Ich hatte beschlossen, diese Tour in Papenburg zu beenden.
Ein geschwollenes Knie, ein entzündetes Auge (blutrot) und Regenkleidung, die einfach nicht mehr dicht war, machten mir die Entscheidung leicht.

Es regnete oft und stark. Nur kurze Erholungspausen für den Himmel und für mich.

Die Landschaft unspektakulär. Flach – natürlich. Ein paar Höfe, ab und zu ein paar Gegenstände am Wegrand.

Cool tyres

Cool Chair

Gegen 15 Uhr erreichte ich Papenburg.

Völlig durchnässt nahm ich den nächsten Zug nach Hause.

Hunger: DB-Standard-Verpflegung.

Cold sausages

Die nächste Etappe beginnt voraussichtlich im Mai (2013).

Ein gutes Neues Jahr!

Vorboten Hollands weisen mir den Weg nach Emden

Kräftig gefrühstückt, obwohl der Weg, den ich mir heute vorgenommen hatte, nicht lang war.
Die Bedienung hatte mir ein extra weiches Frühstücksei hingestellt (ich tunke gerne!).

Die Kellnerin wirkte seltsam aufgekratzt. Ich fragte sie, wie sie so früh so hellwach sein könne.
Sie musste lachen.
Sie arbeite bereits seit vielen Stunden.
Sie trage im Dunkeln Zeitungen aus. (Sie habe ein großes Revier zu bestellen.)
Die Arbeit im Hotel sei ihr Zweitjob! Frühstücksdienst. Ab 7 Uhr.
Ihr Mann sei Konditor – aber arbeitslos. Er sei vor kurzem wg. Krankheit aus einer Großbäckerei entlassen worden (welche Sauereien es immer noch gibt!).

Ich dankte ihr für ihr Engagement (weiches Frühstücksei) und wünschte ihr alles Gute im kommenden Jahr.
„Das wird schon werden“ lachte sie zur Antwort.

Gegen halb 10 Uhr machte ich mich auf die Socken. Ziel: Emden. Ca. 20 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 111

Am Dorfrand zwei Holländer.

Twin-Tower

Es fehlte nicht mehr viel und ich würde die Niederlande erreichen. Zwei Tage noch?

Historisch betrachtet, befand ich mich vielleicht schon auf (ehemals) holländischem Boden?
Holländische Mühleningenieure müssen jedenfalls schon einmal hier durchgekommen sein.

Canale Grande in Friesland

Sah es am Morgen noch nach Regen aus, änderte sich das Wetter allmählich. Die Sonne durchbrach die Wolkenbarrieren.

When the sun comes in

Ich lief Kilometer für Kilometer und die Landschaft änderte sich einfach nicht. Und schlagartig wurde mir klar, was mich gestern in diese seltsam lustlose Stimmung gezogen hatte. Ich vermisste tatsächlich etwas: Wald, Berge, eine Überraschung nach einem Hügel.
Ich hatte genug von Meer, Deichen, Kutterhafen und plattem Land!

Meine Geduld wurde strapaziert und ich wusste, dass Geduld nicht zu meinen Stärken zählt.

Lieber stellte ich die Welt auf den Kopf!

Emden überflutet

Ankunft in Emden um halb drei. Schon auf den ersten Blick ein sympathisches Städtchen. Hier fehlte endlich mal keine Generation. Viel Jugend in den Straßen, ein paar Szenenkneipen. Das sah einladend aus.

Geduscht, Wäsche ausgewaschen, Drogeriemarkt (Duschgel und Rasierer), Apotheke (Augentropfen gegen Bindehautentzündung), „Die Zeit“ gekauft und beim Friseur halb gelesen, Restaurant gesucht (Pech gehabt).

Hunger: Wildschweinbraten mit Waldpilzen und Rosenkohl. 17 Euro (überteuert).

In Sauce ertränkter Braten ohne Geschmack. (Wieso ist das Gros deutscher Regionalköche immer noch so umambitioniert?)

Diotima flieht vor lüsternen Greisen mit mir nach Bad Muskau

Fesch und dynamisch die neue Landarztgeneration

Diotima nannte sich die Ärztin und wollte nur noch raus aus Rothenburg. Ich hatte sie um 9 Uhr morgens zufällig vor der Apotheke getroffen. Meine Knie schmerzten immer noch und ich hatte mir Voltaren besorgen wollen. Aber vor mir drängelten sich tippelnd zwei Dutzend greiser Menschen, deren erster Gang sie morgens nicht zum Bäcker führt, sondern in die Apotheke.

Blutdrucksenker, Blasenteststreifen, Cholesterinsenker, Pillen gegen Panikanfälle, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Windeln wg. Inkontinenz … und ich kam und kam nicht dran.

Also drehte ich um und Diotima sprach mich plötzlich auf der Straße an, was ein junger Mann (sie war wohlerzogen!) denn in der Alten-Apotheke wolle? „Voltaren!“ sagte ich – „und dann schnell weg von hier“.

„Genau wie ich“, stimmte sie ein, „schnell weg! Nimm mich mit!“

Okay. Ich tat es.

Unterwegs fragte ich sie, warum sie denn so fluchtartig Rothenburg verlasse.

Sie bedeutete mir, dass sie seit 3 Jahren hier als Landärztin arbeite. Sie habe es gemacht, um überhaupt eine Praxis eröffnen zu können. Sie habe aber nicht geahnt, dass sie es ausschließlich mit Greisen zu tun haben würde – und mit lüsternen noch dazu. Jede zweite Woche bekäme sie einen Heiratsantrag von einem Methusalem und der wolle gleich noch einen Freifahrschein für Viagra.
Jetzt sei es genug!

Ich verstand.

Wir liefen zusammen los. 41 km weit, bis nach Bad Muskau. Immer links der Neiße.

GPS-Gesamtstrecke bis 050

In ihrem Unterlauf wurde der Grenzfluss ansehnlicher, manchmal richtig schön. Nur das Wetter war es nicht.

Auch sie mäandert

Der Himmel verhangen, der Wind kalt, als würde es herbsten und nicht Frühling werden. Ich war wieder dick eingepackt.

Schöne Waldwege

Bisweilen verließ der gut ausgebaute Wander und Fahrrad-Weg den Neiße-Damm und führte mal durch Nadel-, mal durch Mischwald. Absolute Stille bis auf gelegentliches (kurz und gepresstes) Vogelgezwitscher (Kohlmeisen?).

Manchmal kam Wind auf, dann rauschte es im Wald. Aber was rauschte da?
„Blätterrauschen“ konnte es nicht sein – die Bäume waren kahl.
„Nadelrauschen“ der Tannen? Nee.
Einige Laubbäume zeigten die ersten Triebe. Also „Triebrauschen“?
Das Wort gefiel mir. Ich muss unbedingt im Duden nachschlagen, ob es den Ausdruck schon gibt, wenn nicht, werde ich mir die Urheberrechte sichern.

Es behagte mir, allein durch den Wald zu strolchen. Es muss ein deutsches Gen für Genuss von Waldeinsamkeit geben. Ich besaß es wohl ebenfalls.
Auch wenn es ein Allerwelts-Wald war, ich schritt fast andächtig durch ihn durch.

Mir kam eine Passage aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in den Sinn, in der sich eine schwärmerisch veranlagte junge Dame namens „Diotima“ (sie hieß so wie meine Ärztin – welch ein Zufall) besonders poetisch und romantisch ausdrücken will:
„Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben“ ?!
Der sinngemäße Kommentar ihres Begleiters Ullrich: „Die staatliche Forstindustrie“!

Geschenkt, ich war trotzdem ergriffen.

Und ich stellte mir eine unsinnige Frage. Kann ein Wald Sonnenbrand bekommen? Mein Nadelwald, den ich gerade durchlief, war jedenfalls im oberen Stammbereich intensiver braun gefärbt als im unteren.

Können Wälder Sonnenbrand haben ?

Noch etwas war eigenartig in diesem Wald. Alle paar Meter sah ich Baumstämme wie Totempfähle. Irgendjemand macht irgendwas mit der Rinde. (Rindenschnitzer? Rindendiebe? Baumschänder?)

War Winnetou hier ?

Gut, ich geb‘ zu, ich phantasiere. Vielleicht tut Waldeinsamkeit nicht jedem gut.

Aber kaum aus dem Wald raus, erregte in einem kleinen Dorf schon wieder etwas meine Phantasie: ein Denkmal, dem 1870/71 Krieg gewidmet. Die Widmung endet mit: den „gebliebenen Kriegern“

Wessen Erinnerung geht zurück bis 1871 ?

Welch ein Wort: „Krieger“: Das klingt nach Samurei, Komantsche, Kreuzritter, nach Ernst Jünger.
Jedenfalls ehrlicher als „Soldat“! (Als würde der nur wegen des Solds in den Krieg ziehen.)

Ganz nebenbei fragte ich meine Diotima (die Ärztin), ob sie nicht ein wenig Voltaren dabei habe, immer noch schmerzten mich meine Knie. Ich hatte meinen „Fünfer-Schritt“ drauf: Fünf Kilometer pro Stunde. Aber es war erst die Hälfte der Strecke geschafft: 21 km seit Rothenburg. 20 km noch bis Bad Muskau.

Halbe Wegstrecke

Ich bat Diotima dringlich mir keinesfalls mit einer Therapie zu kommen, die da lautet, weniger Bier zu trinken und Fleisch zu essen (wie Gabi mir neulich in einem Blog-Beitrag vorgeschlagen hatte).

Diotima musste lachen, kramte Voltaren aus ihrer Tasche und rieb mir die (jetzt frierenden) Knie ein.

Langsam bekam ich Hunger, hatte aber das Pech (wie eigentlich immer auf meiner Wanderung), mich am falschen Tag, zur falschen Uhrzeit oder außerhalb der Saison zu bewegen. Zwei Uhr schlug die Kirchturmglocke – und dieser Krämerladen würde erst in einer Stunde öffnen. Tante Emma schlief wohl noch.
Also hungrig weiter!

Zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort

Begleitet von Häme.

Und dann noch blasierte Blicke kassieren!

Das Wetter schlug endgültig um. Orkanartige Windböen, sogar kleine Schneeflocken mischten sich in den immer stärker nervenden Regen. Trotz frierender Hände musste ich noch ein Foto einer ungewöhnlichen Kapelle machen: Eine Fachwerkkapelle, das hatte ich noch nicht gesehen.

Fachwerksschönheit

Ab jetzt hieß es: gegen Gegenwind und Regen anlaufen.

Verdammt nass !

Diotoma fror und wurde immer schweigsamer. (Bereute sie ihre Entscheidung?)

Falsch gewandet

Gegen halb sechs erreichten wir endlich Bad Muskau. Völlig platt. Aber meine Knie hatten gehalten.

Die einfachen Gasthöfe waren geschlossen (noch keine Saison!). Die einzige offene Unterkunft, die ich im Zentrum fand, war ein Kurhotel.

Durst: Landskron Pils. Es gibt tatsächlich seit langem nichts mehr anderes. Die Bierbrauer-Dichte nimmt bedenklich ab.

Hunger:
Vorspeise: Schlesische Biersuppe mit Graubrot (4,50 Euro). Interessant. Auf Schwarzbiergrundlage. Leicht süßlicher Grundton. Eigentlich mag ich keine gebundenen Suppen, aber die war fein.

Hauptgericht: Klittener Karpfenfilet unter einer Traube-Speck-Kruste mit Kräuterkartoffeln und Champagnerkraut. (14,50 Euro). Klang besser, als es schmeckte. Die Kruste überdeckte völlig den Fischgeschmack.

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar, das sich die ganze Zeit anschwieg. Nur die Dame schien telepathische Fähigkeiten zu haben und die Gedanken ihres Mannes lesen zu können. Alle paar Sekunden stimmte sie ihm mit einem bestimmten und gut hörbaren „hmmm!“ – zu.
Das „hmmm!“ so kurz und knarzend herausgepresst, fast wie ein „Ja!“.

Ich war erst irritiert, weil ihr Ehepartner ja nichts äußerte, aber das „hmmm!“ kam so regelmäßig, dass ich an mir zweifelte und genau aufpasste, ob ihr Mann nicht doch irgendwie zu ihr sprach.

„hmmm!“

Ich konnte nichts feststellen. Er schwieg. Aber sie stimmte ihm ständig zu.
„hmmm!“

Auf Dauer machte mich das kirre. Ich war froh, wenn draußen ein Auto (besser ein Lastwagen) vorbeifuhr, um dieses „hmmm!“ zu ersticken.

Und ich hörte es doch!

Ich bat Diotima um Q-Tips, um wenigstens mein Abendessen ungestört genießen zu können, aber Diotomia verstand mich nicht, sie hatte sich schon die Stöpsel ihres Stethoskops in die Ohren gesteckt.

„hmmm!“

Um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen, verlangte ich die (zu teure) Rechnung und verabschiedete mich Richtung Bett.

Kaum geduscht und unter der Decke, drang aus dem Nachbarzimmer ein herzhaftes und bestimmtes „hmmm!“ zu mir.

Mir wurde klar, dass das eine furchtbare Nacht werden würde. Und zum erstmal während meiner Wanderschaft befiel mich der Blues.
„O Lord, O Lord have mercy!“ summte ich mich in den Schlaf (frei nach Janis Joplin).

„hmmm!“

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Auf hohen Umwegen bis Spiegelau

Ich wollte noch einmal probieren, auf einem Höhenweg des Bayerischen Waldes – und ziemlich nah an der tschechischen Grenze – zu wandern. Bin gegen halb neun aufgebrochen. Ziel war auf jeden Fall, abends in Spiegelau aufzuschlagen.

GPS-Gesamtstrecke bis 015

Durch den Wald bei Neuschönau, über das Hochmoor bei Altschönau hoch zu dem winzigen Bergdorf Waldhäuser. Auf etwa 1.050 m Höhe. Ganz früher war das mal eine Übernachtungsstation für „Säumer“. Säumer waren Transporteure, die mit Tragetieren (Säumtiere) hier im Bayerischen Wald vor allem Salz über Pässe runter zu den wohlhabenden Städtern brachten.

Haus im Dorf Waldhäuser

Waldhäuser wird heute von wichtigen Wanderrouten gekreuzt. U.a. vom berühmten Goldenen Steig.

Goldener Steig

Wie mir eine Parkwächterin noch unten im Tal sagte, werden aber die meisten Wanderrouten im Winter für Wanderer nicht geräumt. Deshalb auch, um die Reviere der Auerhähne zu schützen. Das Vorankommen auf dem Höhenweg erwies sich als extrem mühsam. Ständiges Einsacken. Ich gab den Plan rasch auf, auf dem Höhenweg weiterzukommen und stieg wieder Richtung Tal ab. Der Schnee wurde weniger. Die Bäume allerdings ebenfalls. Manchmal sieht hier der Wald eher bemitleidenswert aus. Extremer Windbruch und der fresssüchtige Borkenkäfer sorgen für apokalyptische Stimmungen.

Apokalypse Wald

Nach insgesamt rund 17 km Fußmarsch kam ich gegen 15 Uhr in Spiegelau an. Eigentlich ein bekannter Ort im Bayerischen Wald, berühmt für seine einstigen Glashütten. Selten aber so ein totes und abweisendes Dorf erlebt. Ich steuerte zielstrebig auf ein Landgasthaus zu. Es war offen, fand sogar eine „Rezeptionistin“. Sie erklärte mir, dass sie mir kein Zimmer vermieten könne, obwohl alle Räume leer standen. Begründung: Die Zimmer seien schon für die Weihnachtsgäste hergerichtet, die in einer Woche kommen würden. Da könne sie jetzt keine „Unordnung mehr gebrauchen“.

Da war wieder diese niederbayerische Mentalität, die, vorsichtig umschrieben, als mindestens  unflexibel zu charakterisieren wäre.

Es kostete mich eine geschlagene Stunde eine Unterkunft zu finden. Die restlichen 2 oder 3 Pensionen des Ortes waren noch geschlossen (bis Weihnachten). In einem Privathaus fand ich schließlich eine Gästezimmer-Bleibe.

Durst im besagten Landgasthaus gelöscht. Ich war der einzige Gast (wohl auch im ganzen Dorf). Klasse Helles: Langanhaltender Geschmack! Brauerei Aldersbacher. Urkundlich zum ersten Mal 1268 erwähnt! Also mindestens 743 Jahre Brauereiwissen in diesem Bier!!! (Gehörte natürlich lange den Mönchen, heute den Freiherren von Aretin.) 2,50 Euro.

Essen: Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln. War deftig und gut. 10,80 Euro.

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).

Mit Schutzengel Loisl zu Besuch beim Nachbarn

Loisl hab ich ihn genannt. Jemand hat mir für die Wanderung einen Schutzengel geschickt, einen weiß-blauen Schluri. Ein anderer Name fiel mir nicht ein. Gabriel, Uriel, Michael: Das klingt so gar nicht nach Bayern. Also: Erzengel Loisl! Ein Schlitzohr, aber netter und geselliger Kerl, mit seltsamen Neigungen allerdings. Doch das sollte ich erst später bemerken.

Loisl will mich heute begleiten, wenn es rüber geht zu den Nachbarn, zu den Österreichern.

Die haben rot-weiß in ihrer Flagge. Da ist weiß-blaue Unterstützung vielleicht nicht das Verkehrteste.

Loisl auf Austria-Farben

Beim Wandern taumeln mir manchmal die Gedanken weg. So habe ich mich die ganze Wegstrecke über gefragt, ob wir beim Eintritt ins Paradies das Geschlecht verlieren. Und welchen Sinn es dann macht, dass Dschihad-„Märtyrer“ sich ins Elysium zu sprengen (wegen der Jungfrauen, sagen sie), wenn sich  – na ja – so gar nichts mehr regt.

Bei Loisl konnte ich das nicht überprüfen. Die Hose ist angewachsen und sie lässt sich nicht lupfen. Oder ist es doch ein Hosenröckchen?

Wenn ich zurück bin, veranlasse ich mal ’ne Röntgenuntersuchung.

Loisl jedenfalls war heute mehr fürs Bummeln als fürs Losmarschieren. Erst um halb neun wollte er starten, über die Grenzbrücke – an seiner Chefin vorbei – ins Österreichische.

Maria bewacht die deutsch österreichische Grenze

Obwohl jetzt beim Nachbarn, ging der Blick erst einmal zurück. Unglaubliches Panorama von BURGhausen.

Die größte Burg Europas ?

Burghausen mit Salzach Brücke

Burghausen

Loisls Ursprungsidee war, entlang der Salzach nach Braunau zu wandern.

GPS-003-Burghausen-Foto

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Doch schon nach einem Kilometer war Schluss. Der Weg hörte einfach auf. Fühlte mich wie vor den Kreidefelsen vor Dover.

Salzach Klippen

Ruhepause.

Ich

Die Wege in Österreich scheinen nicht so perfekt ausgeschildert wie bei meinen Landsleuten auf der anderen Seite. Alles ein bisschen mehr Laissez-faire. Quer durch den Wald schleppte mich Loisl dann Richtung Hauptstraße. Kein Mensch zu sehen. Der Wald allerdings ein rot-weißes Farbenmeer.

Rot-Weißer Wald

War da die Wehrsportgruppe Österreich unterwegs?

Grenzwertiges an der Grenze

Grenzwertig. So ein zur Schau gestellter Patriotismus wäre auf der deutschen Seite zum Glück unmöglich.

Haben die Österreicher eigentlich auch weltweit die Verbotsschilder und Wegschranken designt?

Austria-Design weltweit

Kurz vor Verlassen des Waldes war Loisl plötzlich verschwunden. Ich hatte ihn in der Hosentasche mitgeführt. Aber da war er nicht mehr. Hat eben Flügel. (Können Engel eigentlich schneller fliegen als Vögel? Haben sie Wanderrouten? Winterrastplätze?)

Schlug mich von nun an ohne göttlichen Beistand durch, stapfte stundenlang eine langweilige, Gott sei Dank aber wenig befahrene Bundesstraße Richtung Braunau entlang. Ab und zu ein paar Gartenzwerge und Spießerhäuschen.

Österreichischer Zwerg (rotweiß natürlich)

So gar nichts Anarchisches

Ein Weg hinunter zur Salzach gab es nicht. Schließlich ein grandioser Blick von oben: Zusammenfluß Salzach und Inn. Für die Kamera leider zu versuppt.

Zusammenfluss Salzach / Inn

Ab jetzt ging‘s wieder runter zum Wasser auf den Inn-Damm. Ab und zu Vögel, die sich nicht fotografieren lassen wollten. Waren einfach immer zu weit weg.

Erneut verschätzt. Die Nacht kam schneller als gedacht. Wieder zuviel gelaufen. Schätzungsweise 29 Kilometer. Vermisste meinen Loisl. Die letzt Stunde tat ziemlich weh. Spürte zum ersten Mal eine Blase am rechten Fuß.

Night Falls

In Dunkelheit zur Inn-Staustufe. Um 18 Uhr dann endlich am Ziel: Gasthaus Mayrbräu im Zentrum Braunaus.

Zu meiner Überraschung tauchte plötzlich Loisl wieder auf. Stand vor der Gasthof-Tür, hielt die Hand vor den Mund und druckste verlegen rum.

Ich fuhr ihn barsch an, er solle rausrücken, was los sei und er solle endlich die Hand von der Gosch wegnehmen.

Loisl gestand verschämt, daß er als Tourist zum Geburtshaus des Großen Diktators geflogen war (wohin gar nicht so wenige Deutsche pilgern) und sich entsprechend geschminkt hatte. Sollte ein Witz sein. Ein ziemlich geschmackloser jedenfalls. Er beteuerte, er habe nur Charlie Chaplin nachahmen wollen. Und jetzt bekam er das Oberlippen-Bärtchen nicht mehr ab.

Loisl am Hinterausgang des Geburtshauses des Großen Diktators

Rot-Weiß und Weiß-Blau gab bekanntlich mal die Farbmischung Braun. Der Große Diktator war österreichischer Bayer oder umgekehrt. Scheint weiterhin Sympathisanten zu haben. Nicht nur durch Österreichs (und auch Deutschlands) Wälder schleichen immer noch einige Braunhemd-Gruppen.

(Hat eigentlich schon mal jemand untersucht, wieso der Große Diktator ausgerechnet die Farbe Braun für seine BRAUNauer-Münchner Bewegung aussuchte? Billige Assoziation mit dem Namen seiner Heimatstadt?)

Loisl schämte sich jedenfalls für den schlechten Schmink-Gag, aber das Bärtchen blieb. Damit ich mit ihm, ohne einen Skandal zu provozieren, ausgehen konnte, mußte ich ihm das Maul samt Oberlippe verbinden.

Loisl schämt sich

Durst: Salzburger Stiegl Bier  (Goldbräu vom Fass). Allerweltsbier, rasch getrunken, ohne besonderen Nachgeschmack. 3,20 Euro.

Loisl kann heute nichts essen

Hunger: Wiener Tafelspitz mit Semmelkren, Röstkartoffeln und Marktgemüse. Fleisch: gute Hausmannskost. Röstkartoffeln allerdings wie eingeweicht. Kren (vulgo Meerrettich) zu sanft. Auch Fleisch hätte etwas Meersalz (vielleicht mit Kräutern?) vertragen. Koch hatte Angst vor Schärfe. 14,50 Euro.

A Rua iss !

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).