Ein Seemann kann Django heißen und mit mir über Land gehen bis Oldenburg

Ich hatte es mir vorgenommen, endlich einmal wirklich früh zu starten.
Wieder bin ich gescheitert.
Frühstück, Packen, Sich Anschirren – das kostet Zeit.
Also wieder erst um 9 Uhr die Tür zur Straße aufgemacht.

Eigentlich wollte ich die Küste entlang gehen. Es kam anders. Es wurden 34 km bis Oldenburg.

GPS-Gesamtstrecke bis 081

Zwei Stunden folgte ich dem Fahrradweg entlang der Landstraße 501.
Welch mythische Zahl.
Einer, der um die Wirkung von Mythen wusste, hatte hier seine Scheune im Vintage-Western-Stil dekoriert.

Far West / Highway 501

„Django“ war der Besitzer, aber er sah so gar nicht nach Wild West aus. Eher wie ein ausgemusterter Seemann, seinen Sack Habseligkeiten hinter sich herziehend.

Django oder doch Seemann ?

Ich fragte Django, warum er denn bei diesem herrlichen Sonnentag wie bei einer winterlichen Springflut angezogen sei.
Er raunzte, ich würde das noch sehen. Das Wetter würde heute noch drehen. Regen und Kälte sagte er voraus und ich meinte diese Prognose schon in seiner Stimme klirren zu hören.

Ich packte ihn in meinen Rucksack und bog Richtung Küste ab.

Grömitz, ein Senioren-Badeort. Oder zumindest war jetzt SeniorenSaison.

Die Mauer von Grömitz

Ein Hauch Abschied vom Sommer lag über dem Ort (hatte Django doch recht?). Selbst Verkäuferinnen standen in den Ladentüren und genossen die letzten Sonnenstrahlen (woher wusste Django das?).

Sonnenhunger

Eine herrlich klare Sicht in Grömitz. Ich konnte kilometerweit sehen und entdeckte nichts anderes als Strandpromenade: links Cafés und Buden; rechts: Sand und Strandkörbe.

Die Ostseeferienlandschaft fing an mich zu langweilen. Ich beschloss ins Hinterland abzubiegen. Vielleicht konnte ich der weiß(Strand)-blauen(Meer) Eintönigkeit für eine Zeit entkommen.

Windstill war es im Hinterland (was für ein schönes Wort: „Hinter-Land“), trotz vieler Windmacher an fast jeder Ecke. Energiewende ist schön, aber auch ästhetisch? Na ja.

Verspargelung

Über mir plötzlich ein Schwarm Greifvögel. Ich hatte das noch nie gesehen. Wie Geier kreisten sie über irgendetwas. Ein Dutzend, vielleicht sogar mehr. Fotoscheu waren sie allerdings.

Majestätisch

Ich hatte mir ziemlich dicke Blasen an der linken Ferse und am rechten kleinen Zeh gelaufen. In einem kleinen Dörfchen, das immerhin einen Döner-Imbiss hatte, kühlte ich meine Schmerzen mit zwei frischen Bieren.

Füße brannten vom vielen Gehen und ich löschte das Feuer

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung hörte ich Musik. Bob Dylan hatte ein neues Album veröffentlicht und ich besorgte mir auf Youtube einen Ausschnitt.

Auf dem weiteren Weg idyllische Orte mit Bilderbuch-Häusern.

Bilderbuch

Seltsame Namen trugen manche Weiler.

„Grüner Hirsch“!
Ich versuchte mir das vorzustellen.
Die Huichol Indianer im Norden Mexikos verehren eine Gottheit: Den „Blauen Hirsch“.
Den sehen sie aber nur, wenn sie Peyote-Pilze schlucken, eine extrem halluzinogene Droge.
Gab es in diesem Dorf auch irgendein Dope?
Mein Begleiter Django wusste keine Antwort.
Aber was sahen die Bewohner hier, wenn sie von einem grünen Hirschen sprachen?

Die Gegend wurde mir ein wenig ungeheuer. Zumal ich gleich darauf an einem Anwesen vorbei wanderte, auf dessen Türschild geschrieben stand: „Geistiger und energetischer Heiler für Mensch und Tier“.

Holsteiniches Heiler Haus

Macht Einsamkeit verrückt?

Immer noch hatte ich ein paar Stunden vor mir und meine Füße, vor allem meine Sohlen, schmerzten immer heftiger.
Vielleicht schaute ich deswegen mehr nach unten auf den Boden.

Alle paar hundert Meter ein überfahrenes Kleintier. (Wie schaffen Fahrradfahrer das nur? Ich lief ja immer noch auf einem Fahrradweg.)

Getrocknete und gepresste Pflanzen bilden ein Herbarium.
Wie nennt man eine Sammlung plattgefahrener und getrockneter Tiere?
„Viecharium?“

Um halb acht endlich in Oldenburg gelandet. Menschenleere kleine Fußgängerzone. Zum Glück ein Hotel gefunden.

Drei Gaststätten hatten auf. Ein Grieche, ein Türke (Döner) und ein Italiener.
Ich wählte Pizza und ich hätte es nicht tun sollen.
Selten so eine schlechte plattgefahrene Pizza gegessen. 8,50 Euro.
(Dafür wäre der Wirt in Italien gesteinigt worden! Ich schwöre es!)

Danach zum Griechen, um wenigsten für mich (und Django) einen Uzo zu ordern.
Aber auch der war grottenschlecht.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Kapitän Smut ist ein Hochstapler und bettelt sich durch bis Sassnitz

Ein windiger Tag kündete sich an. Die Bootsmasten der Segler im Peenemünder Hafen wippten wie alte Baumkronen und knarzten altersschwach. Das Gewitterlicht gab den Hochstapler und tauchte den ungastlich DDR-grauen Ort in etwas Farbe.

Großes Tor zur kleinen Welt

13 Euro verlangte der Bootsmann für die Überfahrt von Peenemünde zur Insel Rügen. Und ich blechte nochmal 13 Euro für Smut, der mich vor dem Steg angesprochen hatte. Er wollte seinen Sohn in Sassnitz auf Rügen besuchen. Doch ihm fehlte das nötige Kleingeld.

Smut – so nannten ihn die Matrosen auf der Fähre. Sie kannten ihn. Smut – so nennt man die Köche auf kleinen Schiffen, aber auch die Schmuddelkinder. Doch mein Smut behauptete, er sei früh-pensionierter Kapitän, dem nur die Ost-Rente nicht bis zum Monatsende reichte. Heute sei ja schließlich schon der 27. des Monats.
Noch ein Hochstapler am frühen Morgen.

Big Smut is watching you

Die Fähre legte um 9 Uhr ab und sollte gegen 11 Uhr in Göhren (Rügen) an der Seebrücke anlegen. Von dort wollte ich ins etwa 29 km entfernte Sassnitz wandern. Smut stöhnte schon jetzt. Er sei keine Landratte, fluchte er.

GPS-Gesamtstrecke bis 067

Die Fähre mühte sich durch das Flüsschen Peene zum offenen Meerausgang.

Peene penetriert offenes Meer

Aber kann man die Ostsee als Meer bezeichnen?
Das Schiff suchte fast schon verzweifelt befahrbare Fahrrinnen, so flach war die See.

Erst später dann Wellen, die Smut und mich schaukeln ließen, aber noch zu schwach, um mich an die Reeling zu treiben. Auch wenn mir ab und zu die Gischt aufs Gesicht und die Kameralinse spuckte (ich werde schnell seekrank).

Ostsee=Kaltsee

Kapitän Smut berichtete von seinen Abenteuern. Ich achtete nicht auf ihn. Trotzdem blieben mir ein paar Wörter hängen:
Schot, schalende Brise, Wind, der Wasser schuppt, Backskiste, Peilbaken, Kühlungsborn, Schiebeluke, Kadetrinne.
Was für ein Sirenengesang der Sprache. Wohlklingende, musikalische Wörter, die ich in meinem zerebralen süddeutschen Wörterbuch beim besten Willen noch nicht abgespeichert hatte.

Der Wind raute noch mehr auf. An den Stränden Rügens keine Badenden. Nur Frierende auf dem Landungssteg, mitten im Sommer und trotz Jack Wolfskins Outdoor Outfit. (Was für ein Siegeszug dieser Marke in Deutschland!)

Stürmischer Empfang

Bereits auf dem Landungssteg trompetete die DLRG aus den Lautsprechern, dass heute an diesem Küstenabschnitt Badeverbot herrsche – weil zu starker Wind – weil Lebensgefahr. (Wann hat eigentlich die Deutsche Lebensrettungs Gemeinschaft die ehemalige DDR als Bay-Watch Monopolist erobert? Und wer gibt ihr irgendein Recht, irgendetwas zu verbieten?)

Von Göhren nahm ich den Höhenweg entlang der Steilküste (so nennt sich das hier, auch wenn es kaum HUNDERT Meter hochgeht).

Sandige Steilküste

In greifbarer Ferne bereits die Seebrücke von Sellin mit ihrer Taucherglocke!

Badeverbot wg. Sturmwarnung

Das Seebad selbst eine Augenweide. Holztreppen, die die Besucher wie in einer Gala-Show gut gelaunt nach unten schweben ließen.

Prachtvoll

Strandkörbe, die niemanden erwarteten, die sich nur für einen Augenschmaus aufstellten.

Suchbild

Und die Strandgesellschaft langweilte sich ein wenig mit dem Kinderchor, der gleich in der Kurpark-Muschel auftreten durfte/musste/sollte.

In Erwartung des musikalischen Grauens

Schon nach ein paar Kilometern legte Kapitän Smut seine Pfeife weg, schnaufte demonstrativ und setzte sich zur Rast. Von dem bisschen Laufen schien er wie im Zeitraffer gealtert.

Nach zwei Stunden am Strand entlang, bog ich einmal kurz ab. Hinter Bäumen versteckt lag der kilometerlange Häuserkomplex Prora.

KDF, NVA, DDR, BRD

Von den Nationalsozialisten hingeklotzt als KdF-Ferienheim für 20 Tausend Gefolgsleute. Später von den Russen und der NVA übernommen. Mittlerweile weitgehend zerfallen, bis auf ein paar Jugendherbergs- und museale Inseln.

Neutral = Nicht Negativ

Das Plakat behauptet, die Ausstellung über die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR sei „neutral“ und nicht „negativ“.
Denn Sinn dieser Worte verstand ich nicht.
Kein Mensch, der sich mit Geschichte, Politik oder Zeitgeschehen auseinandersetzt, kein Ausstellungsmacher und kein Journalist dieser Welt, der auch nur ein Funken kritisch sein will, kann gleichzeitig „neutral“ sein. Immer hat er einen gedanklichen archimedischen Punkt, von dem aus er die Verhältnisse (Unrecht, Unwahrheit) aushebeln will.

Ich musste mich entscheiden, entweder die Ausstellung zu besuchen oder mein heutiges Ziel (Sassnitz) nicht zu erreichen. Es war schon 16 Uhr und ich hatte immer noch drei bis vier Stunden zu marschieren.

Ich ging weiter. Mit einem immer lauter stöhnenden Kapitän Smut an meiner Seite. Nur die schönen Plakatjungfrauen, die jeden Abend in die größte Diskothek Rügens einluden, konnten ihn ihm – vorübergehend – ein gewisses Hochgefühl erzeugen.

In ist = Wer drin ist

Ein Motorradrowdy vertrieb uns mit lautem Motorengeheule von der Straße.
Nichts ist unmöglich in dieser Gegend. Ein junger Schwede fuhr mit Eisernem Kreuz durch ehemaliges Nazi-Gelände. Auch ein Bekenntnis! War das normal hier?

In ist = wer mit Eisernem Kreuz durchs ehemalige KDF Gelände der Nazis fährt

Gegen halb acht endlich Sassnitz erreicht. Geduscht, Zähne geputzt und wieder angezogen in weniger als 5 Minuten. Und ab an den Hafen, auf der Suche nach einem Esslokal.

Sehnsuchtsort

Schon beim Fotografieren war mir klar: Das wird ein Bild der Sehnsucht.

Warum nur funktioniert die Blaue Stunde so gut als Sehnsuchtserzeuger? Und noch mehr die Vintage-Fotos, die auf alt und vergilbt gemachten Bilder, als seien sie von vielen Händen über Jahrzehnte speckig gegriffen worden?
Warum liegt die Sehnsucht immer im Vergangenen und nicht in der Zukunft?
Warum kann man Utopie nicht fotografieren?

Durst:
Störtebeker Pils: 3,90 Euro (0,5 l).
Stolzer Preis – aber auch klasse Bier. Endlich mal wieder ein Regionalbier! Brauerei sitzt in Stralsund (seit 1827) und versorgte früher fast exklusiv die mondänen Seebäder Rügens.
Deutlicher Hopfengeschmack, eine Spur zu bitter. Aber ein Bier mit Eigenart, das leicht unter der Masse der industriellen Gerstensäfte herauszuschmecken ist. Langer Nachhall!

Hunger:
Zanderfilet in Kartoffelkruste auf Orangen-Senf-Kohl mit Butterkartoffeln: 16,90 Euro.

Das Essen jeden Cent wert! Irres Geschmackserlebnis. Die Kruste knackig ohne den Fischgeschmack zu erschlagen. Der Orangen-Senf-Geschmack des Kohls dezent, aber spürbar. Verdammt gute Kombination.
Das Einzige, das nicht passte, waren die zusätzlichen Butterkartoffeln (mit Petersilie). Ich putze mit ihnen danach dennoch den Teller. Der blieb wie gespült zurück. Keinerlei Essensspuren!

Sogar Smut war gut drauf, bestellte sich auf meine Rechnung ein Bier nach dem andern und lutschte noch den Schaum aus dem Inneren des Glases.

Noch lange in der Nacht gesessen!

Unterkunft 50 Euro (Mit Hafenblick! und Frühstück).

Knut schlief immer noch seinen Rausch aus, die zweite Nacht in Folge