Von der soliden Wirklichkeit des Bedingten bis nach Isselburg

Ein schöner Stadtpark schmückt Vreden. Macht den Ort einladend, der es eigentlich aber nicht ist.
Liebloser Ortskern!
Sei’s drum, es gibt ja den Park – mit Blick auf die Kirche.

Kontra Licht I

Kontra Licht I

Oder mit Blick auf einen alten Münsterländer Bauernhof.

Kontra Licht II

Kontra Licht II

Oder mit Blick auf einen eigenwilligen Hubschrauber-Notlandeplatz über dem Bächlein Brekel, das Vredel umfließt.

Notlandeplatz

Notlandeplatz

Die SOLIDE WIRKLICHKEIT DES BEDINGTEN haben die beiden Bildhauer ihr Helikopter-Denkmal betitelt.

Darüber grübelnd, was der Satz bedeuten könnte (ich hatte keinen Erfolg!), verließ ich Vreden gegen 9 Uhr.
Das Ziel: Isselburg. 39 km entfernt.

GPS-122-Vreden

GPS-Gesamtstrecke bis 122

Der Weg führte die meiste Zeit durch niederländisches Gebiet, nicht immer grenznah.

Kontra Licht III

Kontra Licht III

Als ich letzten Sommer an der Ostgrenze entlang wanderte, konnte ich das deutliche Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und seinen Nachbarn (Tschechien oder Polen) überhaupt nicht übersehen.
An dieser Westgrenze gibt es das nicht. Oder höchstens ein ganz klein wenig. Auf der niederländischen Seite ist alles noch eine Spur sauberer, aufgeräumter, geordneter, der Vorgarten gepflegter, die Fassaden immer wie frisch abgeschrubbt. Fast puppenstubenhaft.

Mal kein Gegenlicht

Mal kein Gegenlicht

Ein paar Kilometer hinter der Grenze ein kleines und äußerst nettes Städtchen: Winterswijk.

In Vorbereitung auf den Krönungstag: das ganze Zentrum geschmückt.

King in Town

King in Town

In zwei Tagen würde Königin Beatrix ihre Krone an ihren Sohn Willem Alexander weitergeben.

Devotionalien

Devotionalien

Um auf den Thron zu steigen, musste der immerhin nicht seine Mutter köpfen. (Wie es vielleicht der englische Prinz erwägen könnte.)

Krone statt Kopf

Krone statt Kopf

Niederländer scheinen Sonntags-Frühmuffel zu sein.
Um halb zwölf gehörte ich zu den ersten Café-Gästen am Kirchplatz.

Beschirmt und Bemützt

Beschirmt und Bemützt

Blumentöpfe auf Café-Tischen ist Standard hier. In der Lebenddekoration hatte sich ein weiteres holländisches Traumpärchen versteckt: Arjen und Marike.

Traumpaar

Traumpaar

Ich wollte mich mit ihnen unterhalten, sie über die Rolle des Königtums in den liberalen Niederlanden ausfragen oder was die Bürger davon halten, dass sich das Hochzeitspaar das Fest beinahe 20 Millionen Euro kosten lassen würde.
Arjen und Marike aber blieben stumm.
(Wahrscheinlich hätten sie mir sonst das gleiche gesagt, wie eine Holländerin am gestrigen Tag: „Eine bessere weltweite Werbekampagne für das Land gibt es nicht. So gesehen ist das noch billig.“)
Ich hatte Redebedarf und ärgerte mich über das schweigsame Pärchen. Kurzerhand packte ich es in meinen Rucksack und nahm es den weiteren Weg mit.

Kontra Licht IV

Kontra Licht IV

Am Stadtrand ein imposanter ehemaliger Wasserturm.

Imposant

Imposant

Gleich daneben ein jüdischer Friedhof. Nur 10% der ehemals großen jüdischen Gemeinde waren den Nazipogromen entkommen. Wenige Überlebende waren nach Kriegsende wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt.

Still

Still

Drei vier Stunden marschierte ich auf einem Radweg, der parallel zu einer Hauptverkehrsstraße verlief. Ich bedauerte, dass es keinen Wanderweg entlang der deutsch-niederländischen Grenze gibt. Die Landschaft scheint dafür nicht attraktiv genug.
Kaum Abwechslung, keine unberührte Natur, nur Kuhwiesen, Felder und Bauernhöfe, die nie weiter als ein paar Hundert Meter auseinander liegen.

Wolkenland Holland

Wolkenland Holland

Und alle zwei drei Stunden das nächste Kleinstädtchen.
Die allerdings sind attraktiv.
Immer herausgeputzt.

Aufgeräumt und geputzt

Aufgeräumt und geputzt

Aalten.

Kontra Licht V

Kontra Licht V

Ich hatte mir eine Blase gelaufen und die letzten Kilometer waren mühsam. Arjen und Marike dachten noch immer nicht daran, sich auf eine Konversation mit mir einzulassen. Ich wurde langsam muffelig.
(Hörte ich sie „Mof“ grummeln?)

In Dinxperlo querte ich wieder nach Deutschland. Über einen Kilometer verläuft die Grenze dort mitten durch eine belebte Straße. Der Westen (mit den Industrieanlagen) gehört zum Königreich, der Osten (mit den Wohnhäusern) zur Republik. Kurios.

Deutsch-Niederländische-Strasse

Deutsch-Niederländische-Strasse

Noch stand die Sonne am Himmel über Isselburg, als ich um 19 Uhr endlich die Gemeinde betrat.
Das erste Gebäude, das mir auffiel, war eine Moschee! Im Industriegebiet.

Der Muezzin ruft in Isselburg

Der Muezzin ruft in Isselburg

Das Gotteshaus durch einen dicken Drahtzaun geschützt. (Vor wem?)

Später sollte mir eine Wirtshaus-Bedienung erzählen, dass die Moschee von einem wohlhabenden marokkanischen Geschäftsmann gestiftet wurde, der bereits seit 40 Jahren in der Gegend lebte. Randale habe es wegen der Moschee noch nicht gegeben, aber viele Einwände und Vorbehalte von Seiten der Bevölkerung.
Es stünde ja bereits eine große Moschee nicht weit weg, in Bocholt. In Isselburg gäbe es – so die Dame – ein beachtliches Problem mit türkischstämmigen Harz-IV Familien.

Im Stadtzentrum dann ein weiteres Gotteshaus, diesmal ohne Zaun.
(Aber mit einem Wachturm.)

Kirche als Trutzburg

Kirche als Trutzburg

Ziemlich entkräftet nach 10 Stunden Wanderung und 39 Kilometern ließ ich mich im Hotelrestaurant stante pede an einem Tisch nieder.

Hunger.
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Pesto; Blattsalaten und Früchten. (8,90 Euro). Ausgezeichnet gewürzt.
Auch Arjen und Marike langten kräftig zu, auch wenn sie immer noch kein Wort an mich verloren.

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Hauptspeise: Gebratener Wels mit Kartoffelgratin, mediterranem Gemüse und Pesto. Der Koch muss einen ziemlich schlechten Tag erwischt haben. Es schmeckte so wie es aussah: verkocht und ledern zugleich. Schade.

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Unterkunft: 57 Euro (mit Frühstück).

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Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Ein Tag zum Verlieben schön, der erst in Eckernförde dämmert

Wie wenig es braucht, um den Tag zu beschwingen.

Um 9 Uhr vom Hotel losgezogen, Stadt auswärts, schon halb draußen ein wunderschönes kleines Café gerochen. Dem Duft gefolgt und ein Italien-Juwel entdeckt.
Sophia Loren Bilder, Mastroianni Fotos, Fernandel Porträts. Und die beste Tasse Kaffee Kiels.

(Warum finde ich solche Pretiosen immer erst beim Verlassen einer Stadt?!)

Und dann diese thüringische Bedienung.

Morgenstund mit Lächeln

Ein Lächeln, ein kurzes Gespräch: Der ganze beschwerliche Tag wurde mir leicht.
Die folgenden Stunden spürte ich kein Gewicht auf meinem Buckel, der (sonst so schwer drückende) Rucksack lastete über Kilometer nicht.
(Ein Phänomen, das mich immer wieder irritiert. In der Millisekunde des Glücks gibt es keine Körperlichkeit. Und lange danach auch nicht. Die Einbildung schafft sich eine eigene Welt. Der Schein bestimmt das (Schwer/Leicht) Sein.)

Und es wurde erneut ein langer Tag. 35 km bis Eckernförde.

GPS-Gesamtstrecke bis 084

Navi, Google-Map (und weiß nicht welche Quellen ich noch konsultierte) sagten mir, es gäbe nur eine Möglichkeit, nach Norden zu Fuß zu gehen, indem ich den Eider-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal) überquerte. Das schien mir komisch, denn ich musste mich weit von der Küste weg bewegen. Doch ich wurde entschädigt.

Kanal Voll

Das hatte ich bisher nur bei einer Elbbrücke in Tschechien gesehen: Schlösser am Brückenzaun. Treueschwüre für den Geliebten, Glücksversprechen für die Angehimmelte, eine Geste am Valetinstag.

love and chain

Obwohl ich wußte, wieviel Strecke noch vor mir lag, hielt ich mich eine geraume Zeit auf der Brücke auf. Meiner Kameralinse präsentierten sich so viele Motive auf kleinstem Raum wie selten zuvor.

Alte Stahlkonstruktionen sind unschlagbar schön.

Vielleicht hätte ich die Schärfe doch auf die endenden Linien legen sollen und nicht auf die Schrift.

Noch Stunden hätte ich mich austoben können, doch ich mußte weiter. Eine Straßenunterführung – und dann wieder freien Blick.

Ich bin eine Kanalratte

Noch immer wogen die 16 Kilogramm meines Rucksack nichts. Ich fühlte nicht einmal die Tragriemen.
Ich fragte mich, wie das sein konnte.
Noch kurz nach dem Aufstehen hatte ich mich unter höllischen Schmerzen bewegt. Meine Füße brannten, die Schuhe anzuziehen war ein Qual, die Blasen am (rechten) kleinen Zeh und an der (linken) Ferse machten es zur Tortur, selbst Strümpfe überzuziehen.
Ich weiß, um Schmerzen zu überwinden, muss man gegen den Schmerz anlaufen. Irgendwann vergisst der Körper, dass da etwas weh tat (tut).
Doch der Körper vergisst nichts – es ist der Kopf, der vergisst.

Ich kam immer tiefer ins Philosophieren, nahm die schöne Holsteinische Landschaft um mich herum kaum wahr. Es war Nachmittag geworden und ich bewegte mich bei Noer entlang der Eckernförder Bucht.

Die Förde fest im Blick

Wie ein bloßes Glücksgefühl bewirkt, dass körperliche Strapazen nicht wahr genommen werden, noch immer war ich beim Thema.
Ich verstieg mich in den Gedanken, dass der Körper im schlechtesten Fall nur ein Störenfried für das Empfinden ist (dann, wenn die Knochen sich doch mit ihren Schmerzen zurückmelden und das Empfinden „erden“). Im besten Fall aber benutzt das Glücksgefühl den Körper wie ein Werkzeug zur Steigerung seiner selbst. Es geht immer weiter nach oben.
Das Glück himmelt gerne.
(Was für ein schönes Wort: „himmeln“. Gibt es das schon? Muss ich die Duden-Redaktion verständigen?)

Meerwiesen

Ich hatte Durst und Gottseidank lag zur richtigen Zeit eine Gaststätte am Wegrand.
„Der grüne Förster“.

Ein Prosit der Jagd!

Die Einrichtung grün, das Bier hell und natürlich fehlte nicht die Bestie überm Türrahmen.

Holsteinischer Wolpertinger

Ich wollte von der Bedienung wissen, ob das Viech denn auch einen Namen habe, hier hoch im Norden Deutschlands. Sie wusste nicht recht, was ich meinte.
Ich bohrte nach, ob diese Mini-Monster hier oben denn auch wie im Bayerischen „Wolpertinger“ genannt würden.
Sie wusste es nicht.

Mich würde überhaupt einmal interessieren, aus welchen Elementen ein Tierausstopfer so ein Ungetüm herstellt: Dachskopf? Katzenkörper? Fuchsschwanz?
Ich muss das mal recherchieren.

Langsam ließ mein Endorphinausstoß nach und mein Körper meldete sich zurück. Ich quälte mich die letzte Stunde bis Eckernförde. Die ersten Werftanlagen waren bereits zu sehen.

Denkmalwürdige Industrieanlage

So ziemlich genau mit Sonnenuntergang, Viertel nach sieben, lief ich über die Brücke des alten Hafens.

VielfarbenHafen

Was für ein Farben-Kaleidoskop boten die sich spiegelnden Kutter und Boote:

Hundert Wasser Hundert Farben

Mehr Glückslinien als auf einer Hand

Die Glückshormome hatten wieder zu tun.

Ich fand ein ausgesprochen nettes und bezahlbares Hotel am Hafen.

Hunger: Butt gebraten. (Sehr gut, zartes Fleisch, noch leicht glasig. Gut gewürzt.) / Dazu Salzkartoffeln und ein sehr großer gemischter Salat. Später noch ein Apfelstrudel mit Walnusseis. Alles zusammen 15,90 Euro.

Durst: Kakabellenbier. Eine Eckernförder Spezialität. Eine Art Zwickel. Naturtrüb. Guter Geschmack, der aber schnell nachläßt. Herrliche Flasche!

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Pause und Etappenschluss in Ahlbeck (Ostsee)

Die Saison beginnt Pfingsten

Welch Sonnen-Tag. Der Strand für mich. Der Wind auch.
(„Stärke 6, in Böen 7 bis 8“ (verkündete am Morgen die bluesherbe weibliche RadioStimme des Küstendienstes).)

Sand Bier Sand Bier – das ist der Rhythmus

Textilfrei traut sich noch niemand.
Nicht mal alte Stasi-FKKler.
(Und ich bilde mir ein, sie doch in ihren pepita-verdrucksten und dann wieder großkotzigen Abendgesprächen zu erkennen.)

Bekleidete-, Nackte-, Hunde – Apartheid

Der Strand akkurat unterteilt.

  • Textil:     Mondäner Gründerzeit-Hintergrund mit Strandpromenade
  • FKK:      Dünenlandschaft als Schutzwall
  • Hunde:  Richtung Polen

Polen war tatsächlich in Spuckweite: Den Strand entlang und schon öffnete sich die Bucht von Świnoujście (Swinemünde).

Nur oben an der Straße war noch so etwas wie „alte Grenze“ zu sehen.

Eine Art Andacht ergriff mich.
Als stünde ich vor einem historischen Schlachtfeld.
Ich setzte mich an den Rand und schaute und bohrte mich minutenlang in dieses Bild hinein.

Wie aus fernen Zeiten

An der Demarkationslinie zwischen den einstigen Bruderstaaten DDR und Polen gab es keine Toten (vermute ich). Aber es gab auch keine „Froindschaft“ (wie Honecker so gern haspelte).

Noch heute herrscht an der Grenze ziemliches gegenseitiges Unverständnis.
Die deutschen Udesdom-Touristen kommen in Scharen, um billig zu shoppen, billig zu essen und noch billiger zu trinken.
Kaum in ihren Bettenburgen zurück, lästern sie über den „unfertigen“ Nachbarn, dem die deutsche Gründlichkeit und Sauberkeit abgehe.

Polnische Freiheiten

Wie langweilig und spießig und überaltert Ahlbeck.

Wie frisch, lebendig und fast schon exotisch bunt dagegen die Promenade und der Polen-Markt in Świnoujście (Swinemünde).

Miss Amercia

Gutes Bier für 1, 20 Euro! Und viel Sonne.

Entspannt

Ebenfalls entspannt

Und plötzlich war sie doch da: die, die ich die letzten zwei Wochen schmerzlich vermisst hatte.
Natalia. Schöne blaue Augen.

Polnisch Blau

Ich machte ihr Vorwürfe, dass sie erst jetzt auftauchte und mich um ein Bier bat.
Wie gerne hätte ich sie auf meiner Etappe dabeigehabt und über Polen ausgefragt.

Warum auf der deutschen Seite ihre Landsleute einen so schlechten Leumund hätten?
Wie oft hatte ich auf meiner Grenzwanderung im deutschen Grenzland gehört: „Tschechen klauen Buntmetall und Polen stehlen Autos“. (Als sei das das Unterscheidungsmerkmal der beiden Völker.)

Ich fragte Natalia, was sie denn Ehrrühriges über ihre deutschen Nachbarn zu erzählen hätte.
Natalia verrollte ihre Augen und schwieg.

Ich nahm sie mit nach Ahlbeck.
Setzte mich dort in ein kleinen Fischimbiss.

Trank ein gutes Bier (Lübzer Pils). (3,20 Euro.)
(Endlich mal wieder eine Regionalbrauerei. Die mecklenburgische Brauerei wurde 1877 gegründet.)

Aß hervorragenden gebratenen Hering (fangfrisch). (9 Euro.)

Ich freute mich jetzt schon auf die nächste Etappe.
Wenn ich beginnen würde, Deutschland ganz oben zu queren.
Im Spätsommer!

Geschafft! Für einen Augenblick auf dem Horizont (Im Ostseebad Ahlbeck)

Die Ostsee erreicht!
Mit der untergehenden Sonne.
Den Ahlbecker Strand im letzten Tageslicht betreten.
Ich fühl‘ mich wie auf dem Horizont.
Für einen langen Augenblick.

Das Wahrzeichen!

Geschafft!
Ca. 1490 km zu Fuß!
63 Tage gewandert.
Einmal Deutschland längs durchackert.

Ich bin stolz.

Die polnische, tschechische und österreichische Grenze liegen hinter mir. Ab jetzt beginnt ein neues Kapitel.
Immer der Küste folgend. Als Strandläufer. Ohne direkte Nachbarn. Ohne Grenzgeschichten.
Ich bin selbst gespannt. Aber das wird eine ganz neue Etappe sein. Ab Herbst vielleicht.

Uecker Fahrt

Der Weg heute: ein letztes Zipfelchen Uecker mit der Fähre.

Die Münde im Blick

Mittags mit dem Flüsschen in das Stettiner Haff getrieben.
Unterwegs erzählte mir der Matrose, dass die Geschäfte seit einiger Zeit nur schleppend verliefen. Sein Reeder hätte schon viele Boote und Schiffe verkaufen müssen.
Mit dem Eintritt Polens in den Schengener Raum seien auch die Butterfahrten kaputt gegangen. Zollfreies Einkaufen war vorbei. Das habe Tausenden (soll ich das glauben?) den Job gekostet.

Allein der Fahrradtourismus halte die deutsche Grenzregion wirtschaftlich am Leben.
Wobei: Unter den Radlern gäbe es viele Geizhälse. Selbst auf der Fähre kauften sie nichts.

Welch schönes Wort: Korkengeld!

Wer die eigene Flasche entkorkt, zahlt Korkengeld!

Hügeldörfchen am Strand

Gegen 16 Uhr in Kamminke auf Usedom angelegt. Einmal quer durch die Insel und ich würde die Ostsee sehen. Rund 13 km fehlten mir noch.

Grün die vorherrschende Farbe.

Chlorophyll-Produktion auf Usedom

Golfgrün manchmal.
Mit protzigen Vereinshäusern. Ich war auf einer teuren Insel gestrandet.

Angebote für den Geldbeutel

Gegen 20 Uhr humpelnd in Ahlbeck angekommen. In allen kleineren Pensionen und einfacheren Hotels war die Rezeption nicht mehr besetzt.

So blieb nur ein Großhotel.

Um 21 Uhr auf der Strandpromenade etwas gegen Hunger und Durst gesucht. Fast alles geschlossen. Die älteren Kurgäste gingen eben früh schlafen.
Mit Ach und Krach einen Italiener aufgetrieben. Bekam ein Becks und eine Pizza.
Wenig später rauschten schon Spül-, Kaffee- und sonstwelche Maschinen, um mich letzten Gast sanft hinaus zu komplimentieren.

Ich war trotzdem gut gelaunt. Ich hatte mein Ziel erreicht!

Kurzer Schnupperausflug nach Polen und ein langer Weg nach Rothenburg

Auf der deutsch-polnischen Brücke: Blick zur Altstadt von Görlitz.
(Wie ist eigentlich der Genitiv von Görlitz? Görlitz‘? Görlitzes? Görlitzs?)

Über diese Brücke musst du geh’n!

Grandios wie diese Stadt daliegt. Früher gehörte der jetzt polnische Teil auch dazu. Nach dem Krieg waren sämtliche deutschen Bewohner „ausgesiedelt“ worden (DDR-Sprech).

Auf der jetzt polnischen Seite wird gerade kräftig restauriert. Die Uferzeile wird sehr schön werden. Zgorzelec heißt die Stadt.

Über 7 Brücken verfügt Görlitz nicht. Aber es reicht zur Völkerverständigung.

Mit dem deutschen Tempo kommen die Polen allerdings nicht mit. Haben ja auch keinen „Soli“ zum Aufbau West zur Verfügung. Weiter drinnen in Zgorzelec sieht es eher trist aus.

Dennoch, schon beim Gang über die Brücke ist zu spüren, dass hier etwas zusammenwächst. Mich beschlich eine eigenartige Stimmung. Ich hatte das Gefühl, ohne Polen bislang wirklich betreten zu haben, dass diese Grenze viel weniger trennt als die deutsch-tschechische. Ich kann nicht erklären, warum. Beide Grenzen existieren im praktischen Sinne nicht mehr. Aber in Tschechien ist sie doch jederzeit wie eine unsichtbare Barriere spürbar. Hier empfand ich nichts Vergleichbares.
Vielleicht war ich aber einfach nur gut drauf.

Aus der Görlitzer Seite riefen mir 2 Arbeiter Grüße zu. Sie waren gerade dabei Sprenglöcher in einen alten baufälligen Industrieschornstein zu bohren. Bald wird das Monument fallen.

Könnte jetzt über Männlichkeits-Symbolik dozieren…

„Görlitz hat die schöne Altstadt (samt Rentner), aber Zgorzelec die Jugend.“ Dieser viel zitierte Satz scheint zu stimmen. Auch wenn ich von der polnischen Jugend an diesem Morgen (9 Uhr) noch wenig sah. Mein Tagesziel war Rothenburg, 29 km entfernt. Den Großteil der Strecke wollte ich auf polnischer Seite gehen.

GPS-Gesamtstrecke bis 049

Niederschlesien, so hieß die Gegend früher, ist sehr dünn besiedelt. Die Dörfer klein, nicht arm, aber doch ärmlich.
Kein Vergleich mit den manchmal geschleckten Ortschaften westlich der Neiße.

Could have been nicer an der Neiße!

Ich liebe Verfall!

Der Blick „rüber“ auf die Westseite zeigt das Wohlstandsgefälle sofort. Drüben ist zumindest die Fassade poliert.

Sichtbares Wohlstandsgefälle

Hier – auf der polnischen Seite – ist das Hinterland noch erkennbar „ländlicher“.

Polnischer Cowboy stellt um auf Ackerbau

Witzig das Briefkastensystem. Der Postbote kommt nicht ins Haus. Nur in die Straße!

Ordnung ist das halbe Leben.

Ein etwas größeres Dörfchen leistet sich ein verkehrsberuhigtes Zentrum.

I ride my bicycle

Noch dominiert die Plattenbau-Ästhetik.

So klein der Mensch gegenüber der Architektur

Auf halber Strecke querte ich die Neiße wieder zurück nach Deutschland. (Auf polnischer Seite gab es keine Übernachtungsmöglichkeiten, sonst wäre ich dort geblieben.)

Der Grenzfluss schwamm behaglich vor sich hin und wärmte sich in der Märzsonne.

Neiße-Alltag

Nach 7 Stunden Durchmarschieren lag Rothenburg vor mir. Inmitten riesiger industriell bestellter Felder. Latifundien mit dazugehörigen Dörfern.

Grün eingebettet

Das Kaff war so tot, wie der Tod gar nicht sein kann. Es hatte aber ein fantastisches Restaurant inmitten eines extrem weitläufigen Sozial-Zentrums (für behinderte und benachteiligte Menschen).
(Verdient der gehobene Sozialdienst doch so gut?)

Fantastisch gegessen (wenn auch ziemlich teuer). Antipasti und dann ein exzellent zubereitetes Lamm.
Den Preis verrate ich nicht. (War ja auch noch ein guter Wein (Morellino di Scansano) dabei.

Hab‘ gut geschlafen.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Durchs Tal der Ahnungslosen nach Zittau

Die nette Wirtin verabschiedete mich mit den Worten: „Na dann gehen sie ja jetzt durch das Tal der Ahnungslosen„.
So wurde die Gegend um Großschönau zu DDR Zeiten spöttisch genannt.
Westfernsehen war hier nicht zu empfangen gewesen. Nur der Schwarze Kanal!

Dann lief ich also nach Zittau.

Ein historischer Meilenstein kündigte an: „1 Meile“ (also 7,5 km).

1 Meile sind 7,5 km

In Wahrheit waren es knapp 12 km Wanderweg.

GPS-Gesamtstrecke bis 045

Ich würde sie in Rekord-Tempo laufen müssen. Denn, auch das verriet mir die Wirtin zu meinem Schreck, selbst in Zittau schlössen die Geschäfte samstags Punkt 12 Uhr Mittag. Ich musste aber unbedingt etwas kaufen.

Also rannte ich ab 9 Uhr mehr, als dass ich wanderte.

Da geh‘ ich nicht rüber !

Gott sei Dank lag das Zittauer Gebirge (das kleinste Mittelgebirge Deutschlands) nicht auf meiner Strecke.

Halb 12 erreichte ich das 28.000 SeelenStädtchen.
Eine halbe Stunde Zeit blieb mir, zwei Bücher über die Oberlausitz und Polen zu kaufen. Das würde meine nächste Wander-Etappe sein.

Zittau liegt im Dreiländereck Sachsen, Polen, Tschechien. Letzteres hatte ich jetzt endgültig hinter mir gelassen.

Zittau ist eine Kleinstadt mit Mini-Universität und Theater.

Um die städtischen Bühnen gibt es offensichtlich Ärger. Am Nachmittag zog – mit höllischem Lärm – ein bunter Protestzug durch die engen Straßen, um gegen eine mögliche Schließung zu protestieren.

Schöner Protest

Immer noch schöner Protest

Die volle Dröhnung

Ich setzte mich in ein Café. Trank ein Bier, sonnte mich und schaute Alt und Jung (die gab es auch!) zu.
Es war ein schöner Frühlingstag.

Sonne, Rauch, Genuss

Durst:

Landskron Premium Pils. 3,10 Euro (0,5l). Gutes Pils. (Aus Görlitz / Brauerei seit 1869.)

Danach ein Zwickel St. Marienthaler, 3,20 Euro (0,5l). Klasse. Würziges Export.
(Privatbrauerei Eibau, seit 1810.)

Hunger:
Schweinekrustenbraten aus dem Schwarzbiersud mit gebräunten Semmelknödeln und dazu Speckbohnen. 11,20 Euro.
Sehr gutes Wirtshausessen.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Links der Elbe nach bis nach Sächsisch Königstein

Manche werfen Geldmünzen in Trevi-Brunnen, andere ketten Schlösser an Flussbrückengeländer. Und alle wollen einen Traum nie zu Ende austräumen: „love that never ends“.

Angekettet

Aber wie viele dieser Geschichten von „Traummann“ findet „Traumfrau“ enden mit der ersehnten „Traumhochzeit“?

Wer hat den Schlüssel, wenn es auseinandergeht ?

Ein aufgebrochenes Schloss habe ich auf der Elbbrücke in Děčín nicht entdeckt. Was ich im übrigen normal gefunden hätte, dass irgendein(e) Nebenbuhler(in) eine kleine Voodoo-Hexerei versucht haben könnte. Wenn schon Magie, dann aber richtig!

Gegen 9 Uhr brach ich auf, vorbei an der beeindruckenden Auffahrt zum Stadtschloss.
Wenn schon die Liebe nicht unendlich sein kann, so treffen sich wenigstens zwei Parallelen im (fast) Unendlichen. Hier ist der bildliche Beleg:

Wirkt wie ein optischer Trick!

Der Weg führte mich 26 km entlang der Lame/Elbe bis nach Sächsisch Königstein.

GPS-Gesamtstrecke bis 042

Eine relativ leichte Tour, linksseitig die Elbe entlang. Nur noch selten Kleinindustrie. Ab und zu ein Lastkahn.

Gemütlich

Allerdings donnerten unentwegt Güterzüge vorbei. Wobei deutlich mehr Züge Ladung nach Tschechien transportierten. Die, die nach Deutschland fuhren, hatten ausschließlich Skodas auf den Waggons.

Endlich häuften sich auch die schönen Flussansichten.

Die Elbe schlängelt sich durch Sandsteingebirge und drängt Häuser an die Steilwände

Legoland ist nicht abgebrannt

Ich registrierte es nicht mehr, als ich die tschechisch-deutsche Grenze überschritt. Welch eine fantastische EU-Normalität!

Bad Schandau im Dunst lag bereits hinter mir.

Wer sagt, dass es nur am Rhein märchenhafte Landschaften gibt ?

Königstein mit dem markanten Tafelberg „Lilienstein“ (ebenfalls im Dunst) eine Stunde entfernt:

Das Ziel vor Augen

Gegen 16 Uhr stand ich im Zentrum des kleinen Städtchens. Das übliche Spiel begann: Zimmersuche. Zwei ausgeschilderte Pensionen hatten (für immer) geschlossen. Mehrere Unterkünfte reklamierten einen „Ruhetag“ für sich (es sei ihnen gegönnt!) und das einzige noch in Frage kommende Gasthaus schloss erst um 17 Uhr auf. Die Saison würde angeblich erst um Ostern beginnen, sagte der Wirt mir später halb entschuldigend.

(Seit ich laufe, renne ich irgendeiner Saison hinterher (oder voraus?). Erst der Winter- und Weihnachtssaison, jetzt ist es Ostern. Bin mal gespannt, wie das noch weitergeht.)

Durst: Wernesgrüner Pils (2,80 Euro (0,5l).)

Hunger: Königsteiner Festungsschmaus. (Drei Natursteaks mit Grillwürstchen, Speck und grünen Bohnen. Dazu Bratkartoffeln.)
War reichlich und ordentlich. (12,60 Euro.)

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!