Zum Zither Maxl nach Bayrischzell

Schön und traditionell sehen die Bauernhäuser immer noch aus.
Doch wo einst der Kuhstall war, ist eine Küche, die Platz für eine ganze Kochbrigade bereit hält.
Wo einst die ausladenden Familientische aus Eiche standen, sind riesige Gastzimmer entstanden.
Bauern, die in den 80ern oder 90ern schlau waren, konnten sich ein noch größeres Haus erkochen.

Mehrgenerationenhäuser sind das nicht mehr. In den Zimmern der Opa-Omas, der Kinder-Kindeskinder, der Mägde-und-Knechte schlafen heute Touristen aus aller Herren Länder.

Schlaubauernhäuser

Schlaubauernhäuser

Töchter und Sohn helfen nur aus, wenn sie mal selbst ein Wochenende im Elternhaus verbringen.
Die Bedienungen mittlerweile international.

Nur: Deutsch müssen sie sprechen können. Wie Edda es tut! Fast akzentfrei.

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Edda – so erzählte sie mir gestern Abend – stammt aus Siebenbürgen. Sie spricht rumänisch und italienisch. Und natürlich Hochdeutsch. Vor drei Jahren verließ sie Rumänien. Erst jobbte sie in Italien. Die Wirtschaftskrise dort verschlug sie schließlich nach Bayern. Viele Deutsch sprechende Rumänen und Bulgaren arbeiteten heute als Servicekräfte in der bayerischen Gastronomie.

Edda hatte mitbekommen, dass ich nach Österreich gehen wollte. Sie fragte, ob ich sie mitnehmen könnte. In den Tiroler Feriengebieten würde man noch besser als hier verdienen.
Ich packte sie in meinen Rucksack und zog los.

Mein Tagesziel heute: Bayrischzell. Ca. 22 km zu laufen. Nahe an der österreichischen Grenze.

GPS-184-Rottach-Egern

GPS-Gesamtstrecke bis 184

Der schweißtreibende Anstieg gleich zu Beginn: 500 Höhenmeter hochgekämpft und sofort wieder die Höhe verloren. Runter bis zu den Fischerhäuschen am Schliersee.

Privatsteg

Privatsteg

Augenblicklich Hunger und Durst gestillt.
Zu Weißwürsten mit Brez’n ein anständiges Hefeweizen.
Es schmeckte saugut. (Wenn ich es richtig auf dem Bierdeckel gelesen habe, geht die Brautradition von Arco auf das Jahr 1630 zurück!)

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Dann wieder hoch (beliebtes Alpenspiel). Schöne Weiler. Oder Aussiedlerhöfe. Einsam jedenfalls.

Grün-Idyll

Grün-Idyll

Wäre ich Pilzkundler, würde ich unterwegs nicht verhungern.

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Edda hatte beim Anblick eines Fliegenpilzes eine Idee. Sie würde gerne Dirndl im Fliegenpilzmuster entwerfen. Das sei sicher ein gutes Geschäft, da ja heute alle jungen Mädels Dirndl als Partykleidung kauften.
Ich ließ sie träumen.

Drugs, Alcohol and Dirndl

Drugs, Alcohol and Dirndl

Am Wegrand Bildstöcke. Mit Maria in einem rotweißen fliegenpilzähnlichen Tuch.
„Siehst Du!“ rief Edda.

Drugs, Religion and Dirndl

Drugs, Religion and Dirndl

Stele

Stele

Ziemlich genau gegenüber eine Gedenktafel für den 1878 verunglückten Dorfpfarrer. Hatte er zu viel rotweißen Röcken nachgeschaut, statt auf den Weg zu achten?

Gottes Zorn trifft auch die Frommen

Gottes Zorn trifft auch die Frommen

Wer hat heute noch Erinnerung an diesen Gottesdiener? Und warum wird immer noch seiner gedacht? Nach 140 Jahren.
Niemand antwortete mir.

Es regnete. Mal stark, mal schwach. Der Wendelstein befreite sich kurz von den Wolken und simulierte Sonnenherbst.

Zeig Dich!

Zeig Dich!

In den Dörfern trieben Bäuerinnen derweil die Kühe von der Weide in den Stall.

Cows and Cowgirl

Cows and Cowgirl

Der Tag graute mächtig.
Nach 7 Stunden in Bayrischzell eingelaufen. Langweiliges Kaff.

Der verlorene Charme der bayerischen Bourgeoisie

Der verlorene Charme der bayerischen Bourgeoisie

Riesenhunger:
Kraftbrühe mit Brätnockerl. Klasse! 3,50 Euro.

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Schweinsleber in Majoransauce mit Salz-Kartoffeln. Sensationell gut. 9,50 Euro. (Und verdammt viel.)

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Die Bedienung outete sch als nostalgischer Verehrer von Prinzregent Luitpold, der um die Jahrhundertwende (1900) das Schicksal Bayerns bestimmte.

Offenbar gibt es immer noch Monarchisten in diesem bayerischen Winkel.

Zum Essen gab’s Stub’nmusi. Genialer Zitherspieler. Er erfüllte mir den Wunsch: „Hary-Lime-Thema“ von Anton Karas. „Der Dritte Mann“.
Er ließ sich in Euro, aber noch lieber in Naturalien zahlen. Vorzugsweise Averna oder ein lokaler Kräuterschnaps.

Der Dritte Mann

Der Dritte Mann

Danach gab er mir einen Volkshochschulkurs: Herzog Maximilian von Bayern war einst ein großer Förderer des Zitherspielens. Zither-Maxl nannte ihn der Volksmund.

Der Mann an der Zither spielte besser als er erzählen konnte.
Was für ein Abend!

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Edda kümmerte sich in der Nacht rührend um die gebrochene Hand von Paule.

Wahre Liebe ist ....

Wahre Liebe ist ….

Schleichenweg nach Vorderrieß

Ein fantastischer Tag kündete sich an.
Schon von meinem Hotelfenster konnte ich früh die Zugspitze sehen.

Kaum aus Garmisch draußen, türmte sich das Massiv komplett (mit Alpsitze, Zugspitze etc.) vor mir auf.

The heights of Germany

The heights of Germany

Mein heutiges Ziel: Vorderrieß im Isartal. Ca. 31 km zu gehen.

GPS-182-Garmisch

GPS-Gesamtstrecke bis 182

Abseits der viel befahrenen Bundesstraße schöne Dörfer.

Kamera mit automatischer Motiv-Suche

Kamera hatte auf automatische Motiv-Suche gestellt

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Hausfassaden mehr abzufotografieren. Die letzten zwei Tage waren der Overkill gewesen.
Aber Kitsch verführt doch zum Hinschauen.

Reizend oder Aufreizend?

Reizend oder Aufreizend?

Vor dem Haus stand Paule. Gestern war er auf dem Oktoberfest in München gewesen und hatte sich beim Fingerhakeln die Hand gebrochen.
Trotzdem hielt er eine Maß hoch und bot an, mich ins Isartal zu begleiten. Ich willigte ein.

Im Handumdrehen

Im Handumdrehen

Ich fragte Paule, warum hier die jungen Leute so anders seien als im Rest der Republik. Wieso sie sich mit Lederhose und Janker oder Dirndl genauso kleideten wie ihre Eltern? Warum sie klaglos die Familienbetriebe übernähmen, in den Wirtschaften kellnerten und Abends mit am Stammtisch säßen? Spielen sie nur Tradition? Oder hatten sie auch etwas davon? Wirtschaftlich vielleicht?

Paule verstand nicht recht, worauf ich hinauswollte. Ich vertagte das Thema.
Wir stärkten uns mit Weißwurst, süßem Senf, Brezel und einem Weißbier.

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Und zogen weiter.

Kein Gemecker

Kein Gemecker

Über einen kleinen Berg und schon war ich in einer anderen Gegend. Karwendel-Gebirge!

Bayerisch Idyll 1

Bayerisch Idyll 1

Diese Felsen musste ich umlaufen. Sie markierten ziemlich genau die Grenze mit Österreich.

Bayerisch Idyll 2

Bayerisch Idyll 2

Nach 4 Stunden schließlich in das Obere Isartal eingebogen.

Yosemite Bavariae

Yosemite Bavariae

Auf Hangwegen begleitete ich den Fluss, der hier – wenn nicht gerade Schneeschmelze ist – eher ein Flüsschen ist.

Auf nach München

Auf nach München

Paule brauchte immer wieder eine Pause. Er kühlte sich seine gebrochene Hand im Isarwasser.

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Ich versuchte noch einmal etwas aus ihm heraus zu locken. Wollte wissen, warum Bayern so anders funktioniert? Warum es für viele junge Menschen hier selbstverständlich ist, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilzunehmen? Warum sie dem Hüttenzauber und Jodelquatsch nicht überdrüssig würden? Warum …. ?

Paule antwortete einfach nicht, trat dafür nach einer Schleiche am Wegesrand.

Schleich Di !

Schleich Di !

Der Wanderweg meist eine breite Sandstraße.

Yosemite Bavariae 2

Yosemite Bavariae 2

Selten kamen ein paar Radfahrer vorbei. Die Isar schwoll ein wenig an. Klitzeklar das Wasser.

Herbst blättert ab

Herbst blättert ab

Nach 9 Stunden, die zwar anstrengend waren, aber doch eher einem Spaziergang glichen, erreichte ich Vorderrieß. Kaum mehr als 3, 4 Häuser am Isarufer.

Der Weg ist am Ziel

Der Weg ist am Ziel

Aber einen Gatshof gab es, in den ich mich einquartierte.

Hunger: Krustenbraten mit Kartoffelsalat. Ordentlich. 9, 50 Euro.

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Paules Hand hatte sich nun gänzlich selbständig gemacht. Zapfte unablässig ein Bier.
Ich half ihm beim Trinken.

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Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Der Horizontdurchbruch bei Neuenburg am Rhein

Trüb der Morgenhimmel über Breisach.

Himmelspforte

Himmelspforte

Nass das Städtchen zu Füßen des Münsters.

Aufgetürmt

Aufgetürmt

Eifrig kauften die Bewohner den kleinen Markt leer. Um schnell in ihre warmen Stuben zurückzukehren. Der Herbst drohte mächtig.

Zupackende Hände

Zupackende Hände

Ich hatte lange geschlafen, brach erst um 10 Uhr auf. Ins 29 km entfernte Neuenburg am Rhein.

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GPS-Gesamtstrecke bis 164

Bevor ich losging, stärkte ich mich in einem Café mit einer Schwarzwälder Kirschtorte. Serviert von einem bezaubernden Schwarzwaldmädel. Ich fragte sie nach ihrem Namen. Sie stellte sich mit „Fräulein Himmelsbach“ vor.
„Schöner Name“, log ich.
„Himmelsbach heißen fast alle im Schwarzwald“, entgegnete sie spitz.

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Heute im Café, gestern im Restaurant: Überall tragen die Bedienungen wieder Tracht.
Die Bayern vermarkten sich seit jeher genial – mit Dirndl und Lederhosen. Die Schwarzwälder sind dabei, im Vermarktungswettbewerb mächtig aufzuholen: Bollenhut, Trachtenschürze, Schwarzwälder Kirsch und Kuckucksuhr.

Ich zog los und hatte Glück. Die Wolkendecke riss immer wieder mal auf. Ließ einen silbrigen Schimmer Licht durch.

Kraftvoll

Kraftvoll

Ich nahm mir Zeit nichts zu tun. Dem Rhein nachzuschauen.

Nah fokussieren

Nah fokussieren

Wildwuchs am Ufer.

Uferbewuchs

Uferbewuchs

Meist war das Ufer so dicht bewachsen, dass der Fluss hinter Bäumen, Gebüsch und Gestrüpp gänzlich verschwand.

Wege mit Grünstich

Wege mit Grünstich

Der Dammweg krümmte sich nur manchmal, führte meist geradeaus, Kilometer für Kilometer, durchbrach irgendwann den Horizont und ließ mich nach 8 Stunden Wanderung in Neuenburg ankommen. Ich hatte mich müde und in eine dämmrige Stimmung gelaufen.

Durst: Lasser Pils. Hopfiger Geschmack. 3,30 Euro (0,4l). Gut. Privatbrauerei aus Lörrach. Seit 1850.

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Hunger:
Flädlesuppe. 3,50 Euro. So lala.

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Forelle in Butter gebraten, mit Mandeln. Fett – sowohl Fisch als auch die Butter. Zu fett. Schade. 19,50 Euro. Überteuert.

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Ich verließ das Traditions-Gasthaus und sucht mir am Abend in Neuenburg eine nette Kneipe.
Und traf Fräulein Himmelsbach wieder. Morgens jobte sie einem Café in Breisach. Abends kellnerte sie ihrem Heimatstädtchen Neuenburg.

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Sie empfahl mir einige lokale Weine. Aus dem Markgräflerland. Es wurde ein langer und redseliger Abend.

Unterkunft: 56 Euro (mit Frühstück).

Die schöne Nadine begleitet mich zurück zur Grenze nach Sasbach am Kaiserstuhl

Gut gelaunt aufgewacht. Den Ortsname Blienschwiller muß ich mir merken. Herausragende Köchin, die im einzigen Lokal des Dorfes geradezu zaubert.

Guter Landschaftsarchitekt!

Guter Landschaftsarchitekt!

Ich werde wiederkommen. Und das bald!

Aber heute wollte ich erst einmal nach Deutschland zurück. Ich war jetzt lange genug in Fronkreisch.

33 lange Kilometer warteten auf mich. Bis Sasbach am Kaiserstuhl.

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GPS-Gesamtstrecke bis 161

Die Wegkreuzdichte in diesem Teil des Elsass ist verblüffend.

On the bright sight

On the bright side

Selbst Straßen führen direkt zum Kirchenaltar.

Last Exit

Last Exit

Als ich auf einer Obstwiese einen Apfel pflücken wollte, traf ich Nadine.
Sie machte gerade Rast und war ebenfalls auf dem Weg nach Deutschland.

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Sie stammte aus dem Süden der Republik und wollte zu einem Trachtenfest im Schwarzwald.
Ich bot ihr an, sie mitzunehmen und sie willigte gerne ein.

Von der Weinstraße ging es sehr schnell in den flachen Oberrheingraben.

Beim Abschieds-Blick zurück sah ich die Burg Ortenberg. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden zerstört.

In die Wolken gebaut

In die Wolken gebaut

Gleich nebenan, von Wolken fast vollständig eingehüllt, das Schloss Haut-Kœnigsbourg. Auch diese Anlage wurde von den Schweden geschleift (was haben die hier eigentlich gesucht?).
Kaiser Wilhelm ließ sie Anfang des 20. Jahrhunderts mit Millionenaufwand restaurieren. Zum Spaß. Bezahlen mussten allerdings die Elsässer selbst. Heute profitieren sie wenigstens davon. 500.000 Besucher jährlich!

Hoch hinaus

Hoch hinaus

Mangels Karte folgte ich wieder meinem Handy-Navi. Ich wollte über das Städtchen Sélestat zur Grenze. Aber mein Smartphone zeigte mir beharrlich „Schlettstadt“ an. Zuerst glaubte ich, es handele sich um einen Vorort. Ich brauchte noch eine Weile um zu begreifen, dass dies der deutsche Name Sélestats war.
Ich fragte mich, wer eigentlich das Google-Kartenprogramm programmiert? Und wieso er nicht die offiziellen Namen der Dörfer und Städte benutzt? War da ein Deutschtümler am Werk?

Kleine Stadt ganz groß

Kleine Stadt ganz groß

Das Zentrum nett, betulich, verwinkelt, die Häuser mit ein wenig Patina.

Ich setzte mich zusammen mit Nadine in ein Straßencafé und bestellte ein Bier.

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Ich fragte sie, warum sie denn diesen langen beschwerlichen Weg aus Südfrankreich in den Schwarzwald unternehme.
Wortreich versuchte sie mir zu erklären, dass in Frankreich selbst Jugendliche wieder Tracht trügen. Und sie suche eine Gelegenheit, sich mit anderen über Grenzen hinweg über Tradition und Brauchtum zu verständigen. Sie habe gelesen, dass auch in Deutschland wieder viel Dirndl und Lederhosen getragen würden.
Ich erwiderte, dass das nur eine modische Verkleidung von Jugendlichen sei. Eine Art permanentes Oktoberfest. Komasaufen inklusive.
Nadine verzog ihr schönes Gesicht.
Sie hatte keinen Sinn für Ironie.

Der Weg bis zur Grenze langweilig. Ich lief einen Radweg, der eine viel befahrene Landstraße begleitete.

Vor dem Rhein kommt der Rheinseitenkanal oder der Grand Canal d’Alsace, wie er auf französisch heißt.
Die Grande Nation baut keine einfachen Kanäle. Es muss mindesten ein „Grand“ davor.
(Gibt es auch ein „Grand Pissoir?“)

Industriefluss

Industriefluss

Staustufe und Wasserkraftwerk Marckolsheim.

Lastenfluss

Lastenfluss

Dann erst kommt Vater Rhein.

Irgendwo zwischen Grand Canal und Rhein (oder auf der Rheinbrücke?) lag die Grenze zwischen BRD und FR.
Man kann sie nicht mehr bemerken. Das war vorvorvorgestern.

Feierabendfluss

Feierabendfluss

Nach 8 Stunden Sasbach am Kaiserstuhl erreicht. In einem Traditionsgasthaus untergekommen.

Durst: Sasbacher Chardonnay (4,20 Euro) und Sasbacher Weißburgunder (2,90 Euro).
Beides recht einfache Ausgaben, aber süffig.

Hunger:
Badischer Sauerbraten mit Nudeln. 15,20 Euro.
Was daran badisch war, hat sich mir nicht erschlossen. Es kann nichts mit den verwendeten Lebkuchengewürzen zu tun haben.
War o.k. Und war vor allem: extrem viel.

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Unterkunft: 36 Euro (mit Frühstück).

Schafscheiße-Slalom bis Tossens

Dreckspatz

Deiche laufen ist wie Slalom durch Schafkot. Irgendwann tritts du rein. Und schon nach einer Stunde ist meine (am Vorabend handgewaschene) Hose wieder scheißbraun.

Ich wünschte mir Schnee für den heutigen Tag. Viel Schnee!
Saint Peter erhörte mich nicht!
Schon als ich am Morgen vor die Tür trat, wusste ich schlagartig, dass ich am Abend wieder am Handwaschbecken stehen würde!

Der Tag fing nicht gut an.
Punkt halb neun hatte ich das Bremerhavener Hotel verlassen und mich zur Weserfähre begeben.
Umsonst!

An der Weserüberquerung gescheitert!

Kupplungsschaden! Was immer das auch bei einer Fähre bedeutet? Jedenfalls Fährbetrieb eingestellt.

Eine Stunde Warten.

Im Fährenbauch

Endlich kam ein städtischer Bus. „Fährersatzverkehr“. Welch Wort-Getüm!

Der Fährersatzverkehrsbus brachte mich über Autobahn und Wesertunnel in einer Dreiviertelstunde ans andere Ufer, wozu die Fähre mal ganze 12 Minuten gebraucht hätte.

Weser graublau, Himmel graublau.

Während der Fahrt wurde mir klar, dass Flüsse immer noch die Reisefreiheit beeinträchtigen! Ich wäre ohne Bus und Autotunnel einfach nicht rübergekommen.

Also: Dann ging es los. Ab 10 Uhr! Westufer der Weser – nach Tossens. 28 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 103

Der Stadtstaat Bremen lag hinter, Niedersachsen vor mir. Besser: Friesland.
Typische Häuser.

Besitzer mit Geschmack

Ein traditionsbewusstes Völkchen die Friesen. (Wenn auch die Hälfte aller Häuser von Hamburgern aufgekauft sind.)

Gemalte Häuser

Häuser haben Seele und Gesicht!

Traurig guckendes Zipfelmützen-Haus

Das Land platt wie es flacher nicht mehr geht. Klar, mit Ausnahme der Deiche. Selbst von dieser geringen Höhe aus wirken fast alle Dörfer wie Miniaturortschaften.

Deich – mal ohne Schafskot

Ganz selten nur ein in die Landschaft eingestreuter Kutterhafen.
Dieser gehörte zur Ortschaft Fedderwaddersiel.
FEDDER-WADDER-SIEL!
(Ob’s darüber schon Lieder gibt? „FEDDER-WADDER-SIEL“.)

Kutter in Fedderwaddersiel

Unweit dieses seltsamen Ortes ein weiteres kurioses Dorf.
Kleine Blickmonster hinter Fensterscheiben.

Mini Erwachsene

Welch seltene Krankheit haben die?

Hexen in Kindskörpern ?

Wer hat sein komplettes Anwesen Mini-Monstern vermietet? Spukt es hier?

Eigenartig

Wiederum nur ein paar Schritte weiter saß eine kleine Person auf einem Zaun und wimmerte leise.

Ich fragte nach ihrem Namen:
„Timmy“
Warum sie weinte ?
Weihnachten!

Mit dieser Erklärung konnte ich nichts anfangen, also bohrte ich weiter.
Und?
Ich habe das Plätzchenversteck gefunden und meine Mama hat mich erwischt.
Dann eine lange Geschichte.
(Kurzfassung: Geschrei, Mutter rutscht Hand aus, Papa auch wütend, Eltern streiten sich, Papa geht mit Freunden Bier trinken, Mutter heult und schluchzt, schleudert Weihnachtsbaum aus Wohnzimmer, will auch Papa nie wieder hereinlassen, kreischt, Timmy haut ab.)

Ich nahm Timmy mit.

Es war nicht mehr weit zu meinem Tagesziel Tossens. Ziemlich genau um fünf Uhr (dunkel!) fand ich ein offenes Hotel (das einzige!).
Bevor ich aufs Zimmer ging, bestellte ich ein Bier.
Jever. Klassischer Geschmack. Gut.

Eike hatte mitbekommen, dass ich Timmy zum Essen eingeladen hatte. Im Nu war er aus dem Rucksack. Von der ersten Begegnungs-Sekunde an hatten beide Spaß miteinander.

Eigenartig, dass mir das erst jetzt auffiel: Eike und Timmy waren geschlechtsneutrale Namen. War Eike überhaupt ein Junge?

Egal. Hunger:
Wieder Grünkohl. Diesmal mit Kasseler und Kochwürsten. Viel und ordentlich. 12,90 Euro.

Die Nacht gehörte Eike und Timmy.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Der kleine Franz findet alles „Toll“ wahlweise auch „Uiuiuiuiui“ bis Barth

Um 9 Uhr aufgebrochen.
Stralsund noch einmal durchquert. Ein ausgesprochen sympathisches Städtchen. Der Stadt-Hafen noch nicht durchgestylt, schöne Blicke, normales Leben.
Die historische Altstadt wie auf einer kleinen Insel gelegen.
Wie hätten die Romantiker und Schwärmer einst gesagt: „allerliebst“.

Dazu einige teils naturbelassene Teiche noch in der Kernstadt.
Schön.

Stadt Land Teich

Die heutige Tour sollte mich bis Barth führen. 30 km etwa. Absichtlich lief ich durch das Hinterland der Küste. Ich suchte etwas Abwechslung. (Zumindest optisch.)

GPS-Gesamtstrecke bis 072

Stoppelfelder kündeten den Herbst an. Es roch strohig, leicht modrig.

Wohin rollen diese Strohwalzen?

Die Dörfer still, halb verlassen, nur (manchmal etwas eigenartige) Alte.

Blick ins Schwarze Loch

Es war Samstag, da zieht ein geborener Ossi den Blaumann an, schneidet den Rasen, pinselt oder putzt den Zaun oder säubert die Dachrinnen.

Blaumann

Schon lange will ich einmal nachfragen, warum fast alle, die vor dem Haus arbeiten, einen Blaumann tragen? Woher kommt diese Tradition?

Und warum sehen hier so viele Vorgärten aus wie eine Disney-Film-Kulisse?

Bambis Familie

Die erhoffte optische Abwechslung blieb aus. Stundenlanges Gehen in immer braun-grüner Landschaft. Maisfelder, Stoppelfelder, frisch gesäte Äcker.

Ab und zu mal ein übergroßer Pilz.

Doppeldecker

In einem quietsche etwas. Als ich näher kam, entdeckte ich Franz. Im Zentrum des Pilzes hatte sich Regenwasser gesammelt wie ein kleines Pfützchen und Franz planschte hörbar vergnügt.

Am PilzPool

Franz behauptete er sei der kleine Bruder der großen Schwimmerin Von Almsick und er bereite sich auf die nächsten Olympischen Spiele vor. „Super“ sei das. Und er werde bestimmt Gold holen, was seine Schwester ja leider nie geschafft hätte.
Ich packte ihn ein. „Toll“, „Toll“ – hörte ich ihn in meinem Rucksack quietschen.

Im nächsten Dorf überraschend ein kleines Bio-Café.
Den Beeren-Quark-Kuchen mit einem großen hungrigen Schluck verspeist. Samt Sahne.

KaffeePause

Ich wanderte weiter durch reichlich uninteressantes Gelände.
Nach einer Weile wurde mir das Gequietsche in meinem Rucksack zuviel. Ich ließ Franz noch einmal ‚raus, um sich in einer Schlammpfütze zu verlustigen.

Pool aus Schlammloch

„Uiuiuiuiui”, “Das freut mich jetzt total“. „Waaaahnsinnig toll geschwommen“.
(Irgendwie hatte ich dieses penetrante Gequassele in hoher Stimmlage schon einmal gehört. Kam das nicht von der ARD Kommentatorin Von Almsick bei den Londoner Olympischen Spielen?
Anscheinend ist der Wortschatz der Familie Almsick ziemlich begrenzt.)
„Uiuiuiuiui.”

Gegen 17:30 Barth erreicht. Ziemlich abgekämpft.

Zimmer mit Ausblick

Hunger: Gebratener Dorsch mit Bratkartoffeln und Schrimps. (12,90 Euro.)
Fisch war frisch und einfach, aber ehrlich zubereitet. Ok.

Durst: Lübzer Pils. Mecklenburgische Regionalbrauerei. 1977 gegründet.
Ein schmackhaftes Bier, wenn auch der Geschmack sehr schnell nachlässt. (Ein Weinkritiker würde sagen: Kein langer Abgang). 3,20 Euro (0,4 l).

Bierpool

Eh ich mich versah, war Franz vom Glasrand in den BierPool gesprungen: „Toll“, „Super“ hörte ich ihn tauchend blubbern.

Unterkunft mit Sicht auf den Hafen. „Uiuiuiuiui.”
Teuer.

Marie unternimmt mit mir einen Marathon bis Vseruby

Mal wieder früh aufgebrochen. Halb neun. Die Sonne konnte sich nicht entscheiden Licht oder Schatten zu schicken. Zelezna Ruda im Tiefschlaf. Die Berge eingeschneit. Der Schnee allerdings nass. Er lastete bleischwer auf den Feldern und auch auf mir. Seltsam, dass ein Landschaftseindruck sofort auf‘s Gemüt schlägt. Sehen die Augen vielleicht gar nicht, sondern fühlen?

Die ersten zwei Stunden ging es nur bergauf. Immer der Straße folgend (auf denen nur wenige Autos fuhren). Bis auf einen Pass in etwa 1.150m Höhe.

Behmischer Wald so scheen wie Bairischer Wald

Ab dann führte der Weg steil bergab.

Von nun an ging’s bergab

Eigentlich hatte ich mir zum Ziel gesetzt, etwa bis Mittag zu wandern und mir dann eine Herberge zu suchen. Aber der Tag wurde zunehmend schöner, das Marschieren fiel mir ausgesprochen leicht und ich lief einfach drauf los, bis es plötzlich keine Unterkünfte mehr gab (weil kein Touristengebiet) und sich die Tour zur bisher längsten meiner Grenzwanderung auswuchs. Am Ende (sich quälend hinziehende) 41 km bis Vseruby.

GPS-Gesamtstrecke bis 020

Das Tal tief eingeschnitten. Auf niederen 550 m praktisch kein Schnee mehr. Kahle Felder. Sonst nichts. Aber schöne weite Blicke.

Farben am grauen Tag

Und Gartenzwerg-Idylle. Eigenartig, dass es offenbar nichts Europäischeres gibt als Gartenzwerge. Auf all meinen Wegen (Österreich, Bayern, Tschechien) sind sie mir bisher begegnet. Europa als Zwergenvereinigung.

Wo die ganzen Zwerge nur geboren werden ?

Die Weiler unterwegs winzig. Ein paar Höfe. In einem dieser Dörfchen: Ein fast verschämtes Gedenken an das Leid, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg über Böhmen gebracht hatten.

Verschämtes Gedenken

Welch ein Kontrast zum großspurigen, triumphalistischen „Helden“-Gedenken in vielen Ortschaften des Bayerischen Waldes. Dort: Immer noch feinst gepflegteste Kriegs-Denkmal-Anlagen. Hier: Trauriges und verschämtes Vergessen des eigenen Leids. Vergessen die Opfer.

Die Deutschen werden gebraucht. Die tschechische Wirtschaft boomt, aber sie hängt symbiotisch von der deutschen ab. Die Nachbarn bringen das Geld. Auch in kleine Grenzdörfer.

Wieder eines dieser Lust-Häuser mitten in der böhmischen Pampa.

House of the rising sun

House of the fallen girls

Das Grenzgebiet gleicht einem großen Service-Gelände für Verdruckste, die sich Zuhause schämen und hier gutbayerisch und hemmungslos die Sau rauslassen.

Marie, die mich in einem Asia-Shop angesprochen und die ich einfach mitgenommen hatte, hatte ich vorsorglich die Augen verbunden. Wollte sie nicht allzu sehr schocken. Sie hatte mit ihrem Leiergesang auch etwas von der Heilsarmee.

House of hope

In jedem bayerischen Souvenirshop findet man traditionelle Figürchen wie den Sepp mit Sepplhut, die Resi als Oktoberfestbedienung mit einem halben Dutzend Maß Bier usw.. Diese Souvenirs sind (nicht nur für Touristen) so etwas wie Charakterbilder des Deutschen. (Auch wenn diese Figuren manchmal wie Karikaturen wirken.) Auf tschechischer Seite nichts dergleichen. Nur internationaler Kitsch-Klimbim (in Asien gefertigt). Bin noch nicht schlau geworden, über was sich in dieser Gegend Tradition und Selbstverständnis manifestiert (außer über das allgegenwärtige „Pilsner Urquell“).

Noch ein Unterschied. Die Wegkreuze. Es gibt sie auch im vorwiegend atheistischen Tschechien. Aber in jämmerlichem Zustand. Seit Jahrzehnten offenbar nicht mehr gepflegt.

Wegkreuz

Die Nacht kam schneller als erwartet. Plötzlich ein langer gemeiner Anstieg, der mir die Luft nahm.

Gemeiner Anstieg

Wetterleuchten in der Ferne um das Arber-Massiv auf deutscher Seite.

Tag lehnt sich gegen Nacht auf!

Hier erst wurde mir klar, dass ich nun den Bayerischen bzw. Böhmischen Wald endgültig überwunden und den (beginnenden) Winter bezwungen hatte. Ich näherte mich dem Ende meiner ersten großen Etappe. Auch wenn das Tagesziel, Vseruby, immer noch weit entfernt lag. Anstrengende zweieinhalb Stunden weg.

Tag verliert gegen Nacht

In schwärzester Dunkelheit kam ich dort gegen 18 Uhr 30 an.
Durst: Ein sehr gutes Budweiser! (Das Echte !) Erfrischend. 1,50 Euro.

Und noch eins!

Hunger: Teufelsklaue (Schweinegeschnetzeltes mit sehr scharfer Sauce und Bratkartoffeln). Fantastischer Geschmack. Gut gewürzt. Große Portion. 5,50 Euro.

Unterkunft: 22 Euro (mit Riesen-Frühstück). Was hatte ich ein Glück, mitten in der Nacht eine einzig verfügbare Herberge gefunden zu haben. Und noch so eine gute!

Hansi dudelt mir das Ohr voll auf dem langen Weg nach Passau

Hansi, so wollte er nach seinem großen Vorbild genannt werden, auch wenn er bürgerlich Martin hieß.

Hansi hatte mich gestern Nacht kurz nach dem Bezahlen meiner Rechnung abgepasst. Er war der jüngste der Volksmusik-Combo und fragte mich, ob er mich morgen begleiten könnte. Er hätte den gleichen Weg. Nach Passau. Dummerweise willigte ich ein.

Hansi weckte mich bereits kurz nach 7 Uhr, um nach dem Frühstück gleich mit mir loszumarschieren. Es sollte die längste Tour der letzten Tage werden. Rund 37 km. Verdammt lang. Verdammt hart.

Im Grunde ging es die ganze Zeit immer auf dem Inn-Damm entlang. Oft kerzengerade. Kilometer für Kilometer. Ganz selten ein kleines Kürvchen

Noch 2 Schritte bis zum Horizont

Ich war guter Laune – noch! -, hatte gut geschlafen, war erholt; ich lief wie von selbst. Hansi flötete leise vor sich hin. Auf irgendeine Weise hatte es ihm das österreichische Engerl angetan. Nur die Musik, mit der er es zu umgarnen versuchte, hatte gar nichts Himmlisches. Außerhalb einer bayerischen Traditionskneipe hört sich Volksmusik einfach nur wie Lärm an. Gleichwohl: Namenlos ertrug es leidlich, eine Weile jedenfalls.

Almdödler bezirzt Engerl

Also geradeaus. Immer den Inn entlang.

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Nach dem Sonnenaufgang grandiose Scherenschnitte links und rechts. Leichter Nebel, Schilf, Gebüsch, Auwald und spiegelndes Wasser.

Längster Scherenschnitt / Guinness verdächtig

Mit der Zeit glich sich alles, jede Spiegelung, jede Kurve, jeder Fernblick. Ich wollte nur noch Kilometer machen. Schritt für Schritt nach vorn.

Die Gedanken aber gingen zurück, Richtung gestern Nacht.

Unausgesprochen stand bei allen Gesprächen, denen ich im Gastzimmer meines Landgasthofes zugehört hatte, ein Thema im Mittelpunkt: das Sterben (auch wenn niemand dieses Unglückswort in den Mund genommen hatte). Die Kur, die die Gäste machten, diente nicht zur Heilung, sondern nur zur Linderung eines Schmerzes, der den Tod ankündigt. Noch gar nicht so alte Frauen, von Medikamenten aufgeschwemmt, entstellt. Nicht mehr junge Männer, in Rollstühlen, zentnerschwer. Aber alle aufblühend, solange die Musik schrammte, manche sangen sogar mit. Alle dankbar, dass sie noch atmeten. Die Musik gab ihnen ein Gefühl dabei zu sein, im Leben. Wenn auch am Rand.

Das Sterben hat mit dem Alter allerdings wenig zu tun. Außer dass es statistisch mit jedem Tag wahrscheinlicher wird.

Dem Sensemann ein Schnippchen schlagen, das wollen vor allem die, die das Alter als Krankheit mißverstehen. Auch davon gab es am gestrigen Abend reichlich Anhänger. Solche, die eine Kur gegen das Altern machten: liften, Fango packen, vegan ernähren (geht das in einer bayerischen Kneipe?). Siebzigjährige Zwillingsschwestern aus Hessen, Mittsechziger aus Köln: Niemand wollte mehr das Zauberberglein (das nahe Kurstädtchen Bad Füssing) verlassen, in der Hoffnung, die verewigte Jugend zu konservieren, aber ahnend, dass er/sie hier sterben würde. Und trotz aller echter Fröhlichkeit am gestrigen Volksmusikabend: Es lag doch eine spürbare Traurigkeit im Raum (oder in mir?).

Ich fing mit Hansi Streit an, ich hatte das ewige Gedudel satt. Wer will schon freiwillig ständig Bayerischen Rundfunk hören. Dieses Heimatgesülze wurde mir unerträglich. Während einer Pause packte ich schließlich die Ohrstöpsel meines Smartphones aus und verpaßte Hansi eine volle Dröhnung: Charles LLoyd, Trombone Shorty, Roland Schaeffer. Meine Lieblings-Jazzer und virtuose Blech-Bläser! Mit grandioser Musik.

Hansi bekommt Charles Lloyd zu hören

Hansi wurde vorlaut, meinte frech: Das sei Kunst. Die brauche er nicht zum Leben. Volksmusik sei etwas anderes. Da gehe es nicht um Erhabenes, Kunstfertiges, sondern um Geselligkeit. Deswegen funktioniere Volksmusik außerhalb der Wirtschaft und der Biergärten auch nicht richtig. Außerdem gingen jeden Tag in einem bayerischen Dorf mehr Menschen in die Wirtschaft als sonstwo in Deutschland in ein Jazz-Konzert. Und ich sei doch freiwillig nach Bayern gekommen, also müsse ich auch das Brauchtum und die traditionelle Musik aushalten.

Ab nun stopfte ich mir die Ohrstöpsel selbst in den Gehörgang, um diesen Quark nicht länger ertragen zu müssen und genoss die Fußball-Bundesliga Konferenzschaltung (auch wenn Kaiserslautern einfach nicht mehr siegen kann! Abstiegskandidat!).

FCK Ball im Wasser

Unterwegs ein Fisch-Lehrpfad, auf dem ich lernte, dass Hechte nicht nur Karpfen oder Wasservögel mögen. Sie haben sogar kleine Säugetiere, sofern sie sich im Wasser aufhalten, auf der Speisekarte. Hat das schon mal jemand gefilmt? Ein Hecht, der eine Wasserratte reißt? (Reißen Hechte? Oder schnappen sie?)

Deutsche wandern nicht nur einfach durch die Natur, sie lernen auch noch etwas dabei.

Auf einmal Ohren betäubender Lärm wie aus dem Nichts. Diesmal war es nicht Hansis Dauergedudele, sondern die nahe Inntal-Autobahn auf der österreichischen Seite, die bis an das Ufer heranführte.

Betonlandschaft Inn

Engel Namenlos fing nun auch an zu nerven. Hatte sich offenbar vom Dauer-Minne-Sänger Hansi betören lassen und jauchzte ununterbrochen „Hosianna“, so dass ich beschloss, auch Namenlos, sowie vorher Loisl, den Mund zu verbinden. Dazu war aber eine Engelzertrümmerung nötig:

Namenlos erschrak sich durch diese Aktion so sehr, dass es für eine Weile stumm blieb. So ersparte es sich die Mundbinde!

Befreiter aber stummer Engel

8 Stunden inzwischen gelaufen und immer noch 10 km zu gehen. Gut zwei Stunden fehlten noch bis Passau. Der Himmel graute schon. Noch ein paar schöne Fotos am wieder ruhigen, fast romantisch stillen Inn.

Herrliche Abendstimmung

Blaue Stunde auch für weiße Schwäne

Kaputt wie selten gegen 19 Uhr in Passau eingelaufen.

Hansi hörte endlich auf, die Flöte zu traktieren und rang sich sogar zu einem Lob durch. Das hätte er einem Städter wie mir nicht zugetraut. Mit 16 kg Gepäck fast 40 Kilometer zu marschieren. Das stimmt. Ich war selbst stolz auf mich. Nur – wiederholen möchte ich die Tor(Tour) so schnell nicht. Muss in Zukunft kürzere Strecken gehen.

Riesendurst: Helles von Hacklberg. Passauer Brauerei (seit 1618). Würzig, leicht süßliche Note. Gut (2,80 Euro). Hacklberg ist wohl im Besitz des Passauer Bistums. Also ein sehr katholisches Bier!

Gleich drauf: Ein Bio Bier / Helles.
Gutsbräu Straßkirchen (3 Euro). Deutlich besser als das Hacklberg. Würziger, das Malz nicht so süßlich. Bier hatte langen Abgang (wie der Weinkenner sagen würde). Hat wohl höheren Alkoholgrad. Muss das im Internet nachforschen.

Riesenhunger: Fisch mit Senfsauce, Brokkoli und Reisbällchen. Totaler Reinfall. War zwar Bio-Restaurant, schmeckte aber nach Iglu-Stäbchen. Donaufisch gab es eh nicht, also Scholle. Schlechter kann man nicht kochen, ohne Salz, ohne Gewürze, ohne Pfiff. Grauenhaft und überteuert (11,80 Euro). Hab mich seit langem mal wieder beschwert.

Mitternacht:

Es wird langsam eng im Bett

Unterkunft in der Altstadt: 55 Euro (mit Frühstück).