Schleichenweg nach Vorderrieß

Ein fantastischer Tag kündete sich an.
Schon von meinem Hotelfenster konnte ich früh die Zugspitze sehen.

Kaum aus Garmisch draußen, türmte sich das Massiv komplett (mit Alpsitze, Zugspitze etc.) vor mir auf.

The heights of Germany

The heights of Germany

Mein heutiges Ziel: Vorderrieß im Isartal. Ca. 31 km zu gehen.

GPS-182-Garmisch

GPS-Gesamtstrecke bis 182

Abseits der viel befahrenen Bundesstraße schöne Dörfer.

Kamera mit automatischer Motiv-Suche

Kamera hatte auf automatische Motiv-Suche gestellt

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Hausfassaden mehr abzufotografieren. Die letzten zwei Tage waren der Overkill gewesen.
Aber Kitsch verführt doch zum Hinschauen.

Reizend oder Aufreizend?

Reizend oder Aufreizend?

Vor dem Haus stand Paule. Gestern war er auf dem Oktoberfest in München gewesen und hatte sich beim Fingerhakeln die Hand gebrochen.
Trotzdem hielt er eine Maß hoch und bot an, mich ins Isartal zu begleiten. Ich willigte ein.

Im Handumdrehen

Im Handumdrehen

Ich fragte Paule, warum hier die jungen Leute so anders seien als im Rest der Republik. Wieso sie sich mit Lederhose und Janker oder Dirndl genauso kleideten wie ihre Eltern? Warum sie klaglos die Familienbetriebe übernähmen, in den Wirtschaften kellnerten und Abends mit am Stammtisch säßen? Spielen sie nur Tradition? Oder hatten sie auch etwas davon? Wirtschaftlich vielleicht?

Paule verstand nicht recht, worauf ich hinauswollte. Ich vertagte das Thema.
Wir stärkten uns mit Weißwurst, süßem Senf, Brezel und einem Weißbier.

T182-Essen-02

Und zogen weiter.

Kein Gemecker

Kein Gemecker

Über einen kleinen Berg und schon war ich in einer anderen Gegend. Karwendel-Gebirge!

Bayerisch Idyll 1

Bayerisch Idyll 1

Diese Felsen musste ich umlaufen. Sie markierten ziemlich genau die Grenze mit Österreich.

Bayerisch Idyll 2

Bayerisch Idyll 2

Nach 4 Stunden schließlich in das Obere Isartal eingebogen.

Yosemite Bavariae

Yosemite Bavariae

Auf Hangwegen begleitete ich den Fluss, der hier – wenn nicht gerade Schneeschmelze ist – eher ein Flüsschen ist.

Auf nach München

Auf nach München

Paule brauchte immer wieder eine Pause. Er kühlte sich seine gebrochene Hand im Isarwasser.

T182-Paule-02-imp

Ich versuchte noch einmal etwas aus ihm heraus zu locken. Wollte wissen, warum Bayern so anders funktioniert? Warum es für viele junge Menschen hier selbstverständlich ist, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilzunehmen? Warum sie dem Hüttenzauber und Jodelquatsch nicht überdrüssig würden? Warum …. ?

Paule antwortete einfach nicht, trat dafür nach einer Schleiche am Wegesrand.

Schleich Di !

Schleich Di !

Der Wanderweg meist eine breite Sandstraße.

Yosemite Bavariae 2

Yosemite Bavariae 2

Selten kamen ein paar Radfahrer vorbei. Die Isar schwoll ein wenig an. Klitzeklar das Wasser.

Herbst blättert ab

Herbst blättert ab

Nach 9 Stunden, die zwar anstrengend waren, aber doch eher einem Spaziergang glichen, erreichte ich Vorderrieß. Kaum mehr als 3, 4 Häuser am Isarufer.

Der Weg ist am Ziel

Der Weg ist am Ziel

Aber einen Gatshof gab es, in den ich mich einquartierte.

Hunger: Krustenbraten mit Kartoffelsalat. Ordentlich. 9, 50 Euro.

T182-Essen-01

Paules Hand hatte sich nun gänzlich selbständig gemacht. Zapfte unablässig ein Bier.
Ich half ihm beim Trinken.

T182-Paule-03-imp

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Mit blasphemischer Chuzpe nach Garmisch-Partenkirchen

Wespenalarm!
Morgens um 9!
Ein in Schutznetze eingehüllter Beamter kam mir auf dem Ammeruferweg fuchtelnd entgegen und bat mich, einen großen Umweg zu machen.
Sie würden gerade das Nest aggressiver Wespen ausheben. Es sei zu gefährlich weiter zu gehen.
Ein einheimischer Radler und Grantler protestierte. Das sei doch alles Unfug. Die Ammer flösse durch ein Naturschutzgebiet. Wie könne man da Wespen töten. Der Radler radelte weiter und ich machte einen Umweg.
Ich hatte anscheinend zuviel Respekt vor der wilden Natur!

eingefasst

eingefasst

Mein Weg heute: von Unterammergau nach Garmisch-Partenkirchen. Etwa 21 km.

GPS-180-Unterammergau

GPS-Gesamtstrecke bis 180

Trotz Umweg: Oberammergau war schnell erreicht.
Durch die Passionsspiele weltberühmt, ist es in Wahrheit ein eher langweiliger Ort.
Wäre da nicht der bayerische Sinn für Theatralik und barocke Bühnenbilder.

Kaum ein Haus ohne Giebelkreuz.

Grüß Gott

Grüß Gott

Kaum eine Fassade ohne ausschweifende Bemalung.

Giebel-Kunst

Giebel-Kunst

Ich fragte mich, in welche Inszenierung ich da geraten und welche Rolle mir zugedacht war?

Triptichon

Triptichon

Die Jesus Passion als Comic-Strip, Golgotha in die Ammergauer Alpen verlegt. Buben, die vor dem Gekreuzigten Schuhplattler tanzen. Die Monte Pythons hatten bei weitem nicht so viel Phantasie und blasphemische Chuzpe wie bayerische Lüftlmaler und Holzschnitzer.

Nirgendwo feiert sich das bajuwarische Klischee dermaßen ungeniert wie auf diesem Streckenabschnitt meiner Tour.

Gar lustig sind die ...Buam

Gar lustig sind die …Buam

Die Ammer jetzt rauer, nur manchmal hob sich der Nebelschleier und ich konnte ahnen, dass ich durch Gebirge wanderte.

Bach oder Fluss?

Bach oder Fluss?

Akt II der Inszenierung begann: Kloster Ettal. Eine mächtige Benediktiner-Abtei. Kein Ort der Stille. Japaner und vor allem Chinesen bevölkerten das Areal. Klar gibt es eine berühmte Basilika. Klar ist es ein Wallfahrtsort. Aber was suchen all die Menschenmassen selbst im Nebel hier?

Es ist das Gesamtkunstwerk bayerischer Mönche! Zum Kloster gehören große Bierschenken, Klosterbrauereien, Destillerien und eine Vielzahl von Souvenirläden. Vorgeführt wird das bajuwarische Lebensgefühl und die bayerische Sicht auf die Welt.

Gran Dios

Gran Dios

Ich sah mir die Basilika an.

Zangengriff

Zangengriff

Erst jetzt, als ich beim Anblick der Kuppelfresken das Wort „grandios“ murmelte, fiel mir etwas auf.
Ich musste verdammt alt werden, um so etwas Simples und Naheliegendes zu bemerken, dass „grandios“ nichts anderes bedeutet als „Großer Gott“ („Gran Dios“). Hijo, warum lauf ich nur so verblödet in der Welt herum.

Hinter dem Kloster folgte der Wanderweg einem alten Saumpfad, dem Kienbergweg. Schon im 14. Jahrhundert eine wichtige, aber auf diesem Abschnitt gefürchtete Handelsverbindung zwischen Venedig und Augsburg. Ein gefährlicher Pfad noch heute. Breit und gut begehbar ist er nur am Anfang. Danach wird er eng, steinig, steil und rutschig.

Go down

Go down

Teil III der Inszenierung: der Kreuzweg.

Obwohl hier sicher keine Rentner, nicht einmal im Senioren-Sommer, auch keine Japaner und Chinesen den Hang hinunter rutschen: Es war eine schlichte, aber beeindruckende Via Dolorosa. Ausdruck von Volksfrömmigkeit, die nicht auf das große Publikum zielt.
Aber eine Landschaft, ein versteckter Winkel ohne eine Inflation religiöser Symbole: in Bayern kaum erlebt.

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Auf halber Strecke ins Tal: ein alter Grabstein.

„Hier starb
mitten in seiner rastlosen Tätigkeit
am 15. August 1875
Herr Franz Xaver Hauser
Steinmetzmeister aus München
geboren am 15. April 1812
Zu Binswang in Tirol.

Er wurde duch das Umstürzen
der zur Oberammergauer Kreuzigungs
Gruppe gehörigen Johanes Figur
deren Transport er leitete
getötet.“

Pech gehabt

Pech gehabt

Am Ende des Kreuzweges das Loisach-Tal.
Ich konnte die Feld-, Weg- und Fluss-Kreuze nicht mehr zählen, an denen ich heute vorbei gewandert war.

Platzhalter

Platzhalter

Nach 6 Stunden Garmisch-Partenkirchen erreicht.

Ludwigstrasse

Ludwigstrasse

Die Geschichte fing wieder von vorne an: Hausmalereien, Kreuze, Passionswege, Bajuwaren-Kitsch.

Augen Blick

Augen Blick

Ich hatte genug.
Ich setzte mich in ein Lokal und schloss die Augen. Ich wollte keine Dirndl, keinen Janker, Gambsbart, keine Lederhose oder Tracht, keine nach Luft schnappende Touristen und eigentlich überhaupt nichts mehr sehen. Ich war erschöpft.

Hunger: Ochsenbäckchen mit Kohlrabi und Semmelknödeln. 14 Euro. Naja.

T180-Essen-01

Unterkunft: 68 Euro (mit Frühstück).

Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

T165-Bursche-01-imp

Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

T165-Nico-02

Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
T165-Rasselbande-01

Der Horizontdurchbruch bei Neuenburg am Rhein

Trüb der Morgenhimmel über Breisach.

Himmelspforte

Himmelspforte

Nass das Städtchen zu Füßen des Münsters.

Aufgetürmt

Aufgetürmt

Eifrig kauften die Bewohner den kleinen Markt leer. Um schnell in ihre warmen Stuben zurückzukehren. Der Herbst drohte mächtig.

Zupackende Hände

Zupackende Hände

Ich hatte lange geschlafen, brach erst um 10 Uhr auf. Ins 29 km entfernte Neuenburg am Rhein.

GPS-164-Breisach

GPS-Gesamtstrecke bis 164

Bevor ich losging, stärkte ich mich in einem Café mit einer Schwarzwälder Kirschtorte. Serviert von einem bezaubernden Schwarzwaldmädel. Ich fragte sie nach ihrem Namen. Sie stellte sich mit „Fräulein Himmelsbach“ vor.
„Schöner Name“, log ich.
„Himmelsbach heißen fast alle im Schwarzwald“, entgegnete sie spitz.

T164-Mädel-04-imp

Heute im Café, gestern im Restaurant: Überall tragen die Bedienungen wieder Tracht.
Die Bayern vermarkten sich seit jeher genial – mit Dirndl und Lederhosen. Die Schwarzwälder sind dabei, im Vermarktungswettbewerb mächtig aufzuholen: Bollenhut, Trachtenschürze, Schwarzwälder Kirsch und Kuckucksuhr.

Ich zog los und hatte Glück. Die Wolkendecke riss immer wieder mal auf. Ließ einen silbrigen Schimmer Licht durch.

Kraftvoll

Kraftvoll

Ich nahm mir Zeit nichts zu tun. Dem Rhein nachzuschauen.

Nah fokussieren

Nah fokussieren

Wildwuchs am Ufer.

Uferbewuchs

Uferbewuchs

Meist war das Ufer so dicht bewachsen, dass der Fluss hinter Bäumen, Gebüsch und Gestrüpp gänzlich verschwand.

Wege mit Grünstich

Wege mit Grünstich

Der Dammweg krümmte sich nur manchmal, führte meist geradeaus, Kilometer für Kilometer, durchbrach irgendwann den Horizont und ließ mich nach 8 Stunden Wanderung in Neuenburg ankommen. Ich hatte mich müde und in eine dämmrige Stimmung gelaufen.

Durst: Lasser Pils. Hopfiger Geschmack. 3,30 Euro (0,4l). Gut. Privatbrauerei aus Lörrach. Seit 1850.

T164-Bier-01

Hunger:
Flädlesuppe. 3,50 Euro. So lala.

T164-Essen-01

Forelle in Butter gebraten, mit Mandeln. Fett – sowohl Fisch als auch die Butter. Zu fett. Schade. 19,50 Euro. Überteuert.

T164-Essen-02

Ich verließ das Traditions-Gasthaus und sucht mir am Abend in Neuenburg eine nette Kneipe.
Und traf Fräulein Himmelsbach wieder. Morgens jobte sie einem Café in Breisach. Abends kellnerte sie ihrem Heimatstädtchen Neuenburg.

T164-Mädel-02-imp

Sie empfahl mir einige lokale Weine. Aus dem Markgräflerland. Es wurde ein langer und redseliger Abend.

Unterkunft: 56 Euro (mit Frühstück).

Die schöne Nadine begleitet mich zurück zur Grenze nach Sasbach am Kaiserstuhl

Gut gelaunt aufgewacht. Den Ortsname Blienschwiller muß ich mir merken. Herausragende Köchin, die im einzigen Lokal des Dorfes geradezu zaubert.

Guter Landschaftsarchitekt!

Guter Landschaftsarchitekt!

Ich werde wiederkommen. Und das bald!

Aber heute wollte ich erst einmal nach Deutschland zurück. Ich war jetzt lange genug in Fronkreisch.

33 lange Kilometer warteten auf mich. Bis Sasbach am Kaiserstuhl.

GPS-162-Blienschwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Die Wegkreuzdichte in diesem Teil des Elsass ist verblüffend.

On the bright sight

On the bright side

Selbst Straßen führen direkt zum Kirchenaltar.

Last Exit

Last Exit

Als ich auf einer Obstwiese einen Apfel pflücken wollte, traf ich Nadine.
Sie machte gerade Rast und war ebenfalls auf dem Weg nach Deutschland.

T162-Tracht-02

Sie stammte aus dem Süden der Republik und wollte zu einem Trachtenfest im Schwarzwald.
Ich bot ihr an, sie mitzunehmen und sie willigte gerne ein.

Von der Weinstraße ging es sehr schnell in den flachen Oberrheingraben.

Beim Abschieds-Blick zurück sah ich die Burg Ortenberg. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden zerstört.

In die Wolken gebaut

In die Wolken gebaut

Gleich nebenan, von Wolken fast vollständig eingehüllt, das Schloss Haut-Kœnigsbourg. Auch diese Anlage wurde von den Schweden geschleift (was haben die hier eigentlich gesucht?).
Kaiser Wilhelm ließ sie Anfang des 20. Jahrhunderts mit Millionenaufwand restaurieren. Zum Spaß. Bezahlen mussten allerdings die Elsässer selbst. Heute profitieren sie wenigstens davon. 500.000 Besucher jährlich!

Hoch hinaus

Hoch hinaus

Mangels Karte folgte ich wieder meinem Handy-Navi. Ich wollte über das Städtchen Sélestat zur Grenze. Aber mein Smartphone zeigte mir beharrlich „Schlettstadt“ an. Zuerst glaubte ich, es handele sich um einen Vorort. Ich brauchte noch eine Weile um zu begreifen, dass dies der deutsche Name Sélestats war.
Ich fragte mich, wer eigentlich das Google-Kartenprogramm programmiert? Und wieso er nicht die offiziellen Namen der Dörfer und Städte benutzt? War da ein Deutschtümler am Werk?

Kleine Stadt ganz groß

Kleine Stadt ganz groß

Das Zentrum nett, betulich, verwinkelt, die Häuser mit ein wenig Patina.

Ich setzte mich zusammen mit Nadine in ein Straßencafé und bestellte ein Bier.

T162-Tracht-01-imp

Ich fragte sie, warum sie denn diesen langen beschwerlichen Weg aus Südfrankreich in den Schwarzwald unternehme.
Wortreich versuchte sie mir zu erklären, dass in Frankreich selbst Jugendliche wieder Tracht trügen. Und sie suche eine Gelegenheit, sich mit anderen über Grenzen hinweg über Tradition und Brauchtum zu verständigen. Sie habe gelesen, dass auch in Deutschland wieder viel Dirndl und Lederhosen getragen würden.
Ich erwiderte, dass das nur eine modische Verkleidung von Jugendlichen sei. Eine Art permanentes Oktoberfest. Komasaufen inklusive.
Nadine verzog ihr schönes Gesicht.
Sie hatte keinen Sinn für Ironie.

Der Weg bis zur Grenze langweilig. Ich lief einen Radweg, der eine viel befahrene Landstraße begleitete.

Vor dem Rhein kommt der Rheinseitenkanal oder der Grand Canal d’Alsace, wie er auf französisch heißt.
Die Grande Nation baut keine einfachen Kanäle. Es muss mindesten ein „Grand“ davor.
(Gibt es auch ein „Grand Pissoir?“)

Industriefluss

Industriefluss

Staustufe und Wasserkraftwerk Marckolsheim.

Lastenfluss

Lastenfluss

Dann erst kommt Vater Rhein.

Irgendwo zwischen Grand Canal und Rhein (oder auf der Rheinbrücke?) lag die Grenze zwischen BRD und FR.
Man kann sie nicht mehr bemerken. Das war vorvorvorgestern.

Feierabendfluss

Feierabendfluss

Nach 8 Stunden Sasbach am Kaiserstuhl erreicht. In einem Traditionsgasthaus untergekommen.

Durst: Sasbacher Chardonnay (4,20 Euro) und Sasbacher Weißburgunder (2,90 Euro).
Beides recht einfache Ausgaben, aber süffig.

Hunger:
Badischer Sauerbraten mit Nudeln. 15,20 Euro.
Was daran badisch war, hat sich mir nicht erschlossen. Es kann nichts mit den verwendeten Lebkuchengewürzen zu tun haben.
War o.k. Und war vor allem: extrem viel.

T162-Essen-01

Unterkunft: 36 Euro (mit Frühstück).

Mit einem alt gewordenen Lassie nach Emmerich am Rhein

Ich vermute, es war der Schlossherr höchst persönlich, der in der Früh etwas schlaftrunken, aber freundlich grüßend, an mir vorbei geschritten war. Groß gewachsen, mattweiße Haare, Seniorität ausstrahlender Blick, karamellfarbene Cordhose (grober Ripp), förster-grünes Wams, italienische Lederschuhe.
Die Aufmachung sah sehr nach der Standes-Tracht der Adligen aus.

Wunderschön gelegen: die Wasserburg Anholt (eigentlich ein Schloss). Stammsitz des Fürstengeschlechts der Salms.

Stein tanzt auf Wasser

Stein tanzt auf Wasser

Das gewöhnliche Publikum darf nicht die Innenräume der Burg (außer Museum und Waffensaal), sondern nur die Parkanlagen betreten. Und das erst ab 10 Uhr.
Ich stand jedoch schon um 9 Uhr vor der Anlage. Ich war extra früh aufgestanden und schon um kurz nach 8 Uhr in Isselburg losmarschiert.
Das Tagesziel: Emmerich am Rhein: Ziemlich genau 20 km entfernt.

GPS-123-Isselburg

GPS-Gesamtstrecke bis 123

Der Himmel färbte sich dunkelschwarz ein, dass ich nicht länger warten wollte, bis die Gartentore aufgeschlossen werden würden.

Ich begab mich auf den Grenzweg (so hieß der geteerte Feldweg tatsächlich). Meist duckte er sich flach unter dem Kommando niederländischer Verkehrsschilder. Aber tatsächlich wusste ich oft nicht, auf welcher Länder-Seite ich mich nun befand. Zu gleich die Landschaft, die Felderwirtschaft, die Bauernhöfe, die Gesichter der wenigen Menschen, die mir unterwegs begegneten. (Am „Hallo“ spürte ich dann doch den Unterschied. Die Niederländer betonen den Gruß auf der letzten Silbe!)

Ziemlich häufig ging es schnurstracks „Gerade aus!“.

Schnörkellos

Schnörkellos

Ich weiß nicht, warum: Aber ich freute mich riesig, heute Nachmittag den Rhein zu sehen, als wartete dort der Nibelungenschatz auf mich.
„Vater Rhein“: Seltsam, wie sich das Mythische in einem festgefressen hat.

Plötzlich ein Schatten neben mir. Zuerst erschrak ich mich, dass ein Hund sich so lautlos an meine Beine herangeschlichen hatte. Schnell war klar, dass er ein herrenloser Streuner war. Mich hatte er als sein neues Herrchen adoptiert und begleitete mich über fast zwei Stunden. Obwohl ich ihm mit heftigen Gesten mehrmals bedeutet hatte, sich davon zu trollen. Er ignorierte einfach meine Aufgeregtheit und wich nicht von meiner Seite.

Lassie, etwas gealtert

Lassie, etwas gealtert

Ich wußte nicht einmal, ob das Viech niederländisch oder deutsch verstand. Jedenfalls – es folgte folgte keiner meiner Anweisungen.

In meinem Blickfeld nur Felder. Und ab und zu Landwirte, die mit großen Traktoren irgendetwas bewerkstelligten.

Nicht immer verstand ich, was sie mit ihren Hochleistungsgeräten eigentlich machten.

Hochleistungstraktor

Hochleistungstraktor

So wie Lassie gekommen war, so verschwand er auch. In einem Vorort von Emmerich hatte ich kurz einen Supermarkt aufgesucht, um mir etwas Wasser zu kaufen. Prompt hatte sich mein hündischer Begleiter etwas von einem anderen Kunden erbettelt (Wurst?) und war – ohne mich eines Blickes zu würdigen oder sich gar von mir zu verabschieden – auf dem Hof des Supermarktes geblieben.

Emmerich ist nicht groß, hat dafür aber ein erstaunlich ausgedehntes Industriegebiet. Mehr als eine halbe Stunde brauchte ich, bis ich in das Zentrum des Kleinstädtchens vordrang und endlich! endlich! den Rhein erblickte.

Leere Promenade

Leere Promenade

„Warum ist es am Rhein so schön?“
Nun gut: Ganz stimmte das in Emmerich nicht. Das Städtchen mit seinen dunklen Klinkerbauten – das im Krieg fast vollständig zerstört und danach fast vollständig hässlich wieder aufgebaut wurde – ist nicht wirklich einladend.
Schon als ich den Stadtrand betrat, bin ich erst einmal durch Straßenzüge gelaufen, die ziemlich prekär wirkten. Vernachlässigt auf jeden Fall.

Mit dem Regen hatte sich zudem ein melancholischer Grauschleier über das Zentrum gelegt. Die Rheinpromenade völlig menschenleer.

Der Eindruck von Tristesse trog allerdings. Bald merkte ich, dass hinter den nüchternen Mauern ein ziemlich lebenslustiges und fröhliches Völkchen hauste.

Am Abend riss die Wolkendecke auf. Ich setzte mich auf die Rheinpromenade und sah dem unendlichen Strom der Frachtschiffe zu.

I will follow you

I will follow you

Zuvor war ich in einem menschenleeren Café versackt, dessen Inhaber mir nicht nur mehrere Gläser eines ausgezeichneten Weins kredenzte (Zitat: „Den verlangt eigentlich keiner mehr“), sondern mir auch noch eine Geschichtslektion in Sachen Verödung von Innenstädten hielt:

  • Mit dem Schengener Abkommen habe  Emmerich auf einen Schlag Hunderte von Zöllner verloren, die einst den Grenzverkehr (zu Schiff und auf dem Land) in die Niederlande kontrolliert hatten. Dann sei auch noch der Bundeswehrstandort und eine Kaserne aufgelöst worden. Konsequenz: Die Kaufkraft sei dramatisch zurückgegangen.
  • Gut ausgebildete Jugendliche verließen zudem die Stadt. Auch wenn es in in der Kleinstadt viele mittelständische Industriebetriebe gäbe, für Führungskräfte sei das Job-Angebot zu gering.
  • Der Ausländeranteil Emmerichs steige dafür drastisch. In der Regel seien es Arbeiter aus muslimisch geprägten Ländern. Deren Kaufkraft sei meist gering. Zudem stammten diese aus einem anderen Kulturkreis. („Die kommen nicht mal eben, um ein Viertel Wein bei mir zu trinken“.) Deren Kaufverhalten mache es den einheimischen Geschäftsleuten sehr schwer. Es gäbe z.B. im  Stadtgebiet eine Menge mongolischer, türkischer, griechischer, chinesischer Lokale, in denen der Teller ordentlich voll und für Gäste mit kleinem Budget bezahlbar sei. Restaurants mit einem guten Angebot an regionalen Spezialitäten gäbe es praktisch nicht mehr.
  • Immer weniger gelänge es Emmerich Touristen in die Innenstadt zu locken. Was sollten diese dort auch kaufen, was es nicht  in jeder Stadt schon bis zum Überdruss gäbe: Tschibo, C&A, H&M, Lidl, DM und so weiter. Regionales, gar Lokales: Fehlanzeige. Noch 2 Familienbetriebe existierten in der Innenstadt. Schon lange hätten die letzten Käsegeschäfte, Fischläden, Kaffeeröstereien …. geschlossen.
  • Wie raus aus dem Teufelskreis?  „Eigentlich bleibt als Lösung nur: Wegziehen“.

Hunger: Französische Crêpe mit Spinat gefüllt und mit Käse überbacken. O.k.

T123-Essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Von Fritzens (Junior) Bunga Bunga Burg bis zur (lebenden) Toten Stadt Sebnitz

Was für eine atemberaubende Sicht auf die Elb-Schleife und welch eine Riesen-Enttäuschung! Diesig! Ich wartete zwei Stunden, doch die Sicht klärte sich nicht! Im Gegenteil.

Ich, in einer der schönsten Gegenden meiner Wanderung (wenn nicht Deutschlands), und nun das!

Ein braun-verwaschenes-Unfoto!
Und die vielen schönen Tafelberge im Hintergrund: Unsichtbar!

Fischauge war wachsam aber trübe

Was scherte mich die Geschichte der Burg, auf der ich ausharrte. Nicht Einzigartigkeit, Pest-Kasematten, Verteidigungslinien, Besitzer-Wechsel reizten meine Aufmerksamkeit: Ich wollte wie ein kleiner zorniger Junge mein Foto! Meine Trophäe!

Nada!

Einzig Fritz (Junior) gelang es, meine eingetrübte Stimmung etwas aufzuheitern, als er mich frech ansprach.
Ob ich wirklich nicht hören wollte, welch frivole Spielchen er in dem Barock-Türmchen hinter ihm getrieben hätte?
Früher, als das noch nicht Bunga Bunga genannt wurde

Welche Trophäe hält er in seinen Händen ?

Er erzählte von Miedern, Leibchen, Liebestötern, Fesselspielen, kitzelndem Perückenpuder und aphrodisierendem französischen Parfum, von transparenten weißen Körpern und erotisch aufgemalten Muttermalen. Fritz Junior schwelgte.
Ich fragte ihn, ob seine heimlichen Burgfräuleins nur aufstiegswillige Noblessen oder auch Landpomeranzen gewesen seien, fesche Mädchen aus Böhmen. Und wer ihm überhaupt all die schuldigen und unschuldigen Seelen zugeführt habe? Gab es damals schon einen grenzüberschreitenden Prostitutionsring?

Bei diesem Wort zuckte Fritz Junior zusammen. Er entschuldigte sich, dass er nun doch etwas anderes zu tun hätte und schickte sich an zu gehen. Nur eine neugierige Frage, die ihn offensichtlich quälte, hielt ihn von seinem Vorsatz zurück. Er wollte wissen, ob er sich verhört habe, dass aus meinem Rucksack schöne wohlgeformte junge Frauenstimmen zu vernehmen seien.

Ich packte den Lüstling, steckte ihn zu meiner Entourage und setzte meine Wanderung fort.

12 Uhr Mittags war es mittlerweile geworden und ich hatte noch 20 Kilometer bis Sebnitz vor mir. Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz.

GPS-Gesamtstrecke bis 043

Und wieder übermannte mich der Zorn. Ich lief durch Caspar David Friedrich Landschaften, hatte die Mond-Malereien, das weiche Licht, das sich durch die Tannen bricht, die Tafelberge, Sandstein-Minarette und Herkulessäulen, die dunklen Kamine und verwitterten Schluchten vor Augen – und bekam den Dunst nicht los.

Wie Blei drückte er auf die Landschaft.

Fotos, die ich schoss, waren reine Frust-Bilder. Mein rechter Zeigefinger betätigte selbständig den Auslöser.

Taugt nicht mal für einen Scherenschnitt

Wie schön hätte das werden können, das erste zarte Grün!

Caspar David hat das besser gemalt !

Und wie zum Hohn brach sich am späten Nachmittag die Sonne Bahn (kurz zumindest), als ich den Nationalpark schon hinter mitgelassen hatte.

Bunte Republik

Früher, ich will damit sagen, als ich jung war, vor 30 Jahren: Also früher, da waren in Deutschland alle Häuser weiß und die Dächer entweder ziegelsteinrot oder pechschwarz.
Jetzt fiel mir auf, dass nicht nur hier in Sachsen, auch in der Oberpfalz, die ich zuvor durchwandert hatte, die Fassaden kunterbunt angemalt sind.

Häsuer in Mexikanisch Blau, in Christopher-Street-Gay Pink, in Zitronengelb, Holländer-Orange, Katholisch-Purpur und Evangelisch-Lila. Die Republik wird immer bunter!
(Die Leute reisen offenbar viel und weit und bringen Farben mit!)

Spät, noch schimmerte der Himmel ein wenig blau, fand ich ein Hotel am Marktplatz in Sebnitz. Eine Große Kreisstadt. Ich hatte mich gewundert, dass die Straßen menschenleer waren, als ich ankam. Und als ich das Abendbrot verschlang, war immer noch niemand zu sehen: draußen nicht.

Blaue Stunde ohne Menschen

Und drinnen genauso wenig. Niemand! Um es noch einmal deutlich auszusprechen: niemand!

Dass es mal jemand glaubt!

Ich fühlte mich wie in einer Totenstadt.

Durst: zur Abwechslung einen Wein. Ein Dornfelder aus der Pfalz. Wenigstens war er trocken! Was besseres kann ich leider nicht von ihm sagen. Nur: Fritz Junior störte das überhaupt nicht. Er wollte mir von seinen netten Erlebnissen in meinem Rucksack erzählen, von böhmischen Mädchen in Trachten und seltsamen russischen Puddings. Ich ließ ihn. Er war sichtlich angetrunken, plumpste kichernd in die Karaffe!

Hunger: Steak mit Kräuterbutter und Bratkartoffeln. War gut, aber völlig überteuert.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).

Nicht schon wieder: Auch Leopold will mit bis nach Obernzell!

Erster Nieseltag. Luft dauernass. Halb neun losgegangen. Froh, dass ich mal einen Tag wandern konnte, ohne einen neuen Begleiter. Meine Familie hatte ich in einem speziellen Fach im Rucksack verpackt. Die Quälgeister hatten es kommod. Ich hatte (endlich) meine Ruhe.

Wollte nicht zu weit gehen, knapp 17 km bis Obernzell an der Donau.

GPS-Gesamtstrecke bis 007

Der Weg entlang der schönen grauen Donau eher langweilig. Direkt neben einer Bundesstraße. Aber immerhin am Ufer entlang. Ab und zu tuckerte ein Frachter vorbei.

Donau Uferstraße

Donau-Verkehr

Unterwegs: Häuser wie eine Warnung: „Wenn du weitergehst, mach dich auf härtere Zeiten als bisher gefasst!“ Private Trutzburgen, in denen Menschen mit Panzerhäuten leben mussten, die sich maximal via Satelittenschüssel am sozialen Leben beteiligen. Selbst der Wind fühlte sich hier kälter an.

Trutzburgen mit Sat-Empfang

Kann wohnen schöner sein ?

Die Sonne brach noch einmal minutenkurz durch die Wolken. Eine Wegkreuzung und plötzlich stand Leopold da mit seiner Kuh. Ich wollte ihm ausweichen, er sah aus wie deppert: Mitten im Winter mit kurzen Lederhosen, Sepplhut und Kalb(?). Ich hatte allerdings Mitleid, half ihm über die Straße und das interpretierte er als Einladung mit mir zu ziehen.

Leopold will eigentlich Anzüge mit Krawatte tragen.

Ich fragte ihn nach seinem komischen Outfit, direkt wie aus einem Souvenirladen aus der nahen Stadt Passau. Leopold erwies sich als pfiffiges Bürschchen. Damit verdiene er sich ein paar Euros. Die Amerikaner wollten das so, sie zahlten auch gut für ein Foto. Eigentlich würde er lieber in einem Anzug herumlaufen wie ein Rechtsanwalt, ein Professor oder ein Banker. Aber er brauche Geld und mit seiner Tracht ließe sich doch einiges verdienen.

Ich fragte ihn, warum er überhaupt arbeite, warum er nicht zur Schule ginge und was seine Eltern dazu sagten.

Leopold erklärte mir dann das Übliche. Vater Bauer, der über „Bauer sucht Frau“ eine Maid gefunden hatte, die sich gut bezahlt schwängern ließ, nach der Geburt Fersengeld gab und zur nächsten Show pilgerte. Der Vater jetzt Alkoholiker, Assi-Poldi, der ihn schlug. Also sei er selbst abgehauen und habe sich im „Tourismus/Souvenirhandel“ selbständig gemacht. Sein Traum sei Arzt, Apotheker, Professor – auf jeden Fall irgendwas mit Anzug zu werden.

O.k.

Wieder ein Problem am Hals. Die Familie wuchs.

Obernzell kündigte sich mit den ersten Häusern an. So verlassen wie die ganze Dorfstraße.

Glanz vergangener (Geschäfts-)Jahre

Das Dörfchen hatte mal goldene Zeiten erlebt. Hier legten bis vor 200 Jahren die Donauschiffe aus dem Süden der K. und K. Zeit an. Hier stiegen die Passagiere auf Kutschen um. Goldene Epoche. „Es iss vorbeii, ois vorbei“ (Copyright Wolfgang Ambros).

Ich fand ein wunderbares ehemaliges K. und K. Hotel. Alte Post. Einstige KutschenumstiegsStation. Jetzt von zwei älteren Damen betrieben. Liebevoll konserviert. War der einzige Gast (für Leopold musste ich nicht extra zahlen, für die Kuh (Kalb?) auch nicht).

Im Dorf gibt es etwa ein halbes Dutzend Kneipen. Bis auf eine alle zu. Es war Montag und zudem keine Saison. (Saison ist Sommer, wenn tausende Fahrradfahrer über den internationalen Fernweg nach Süden rauschen.)

Mit Bier zieht man Kinder groß!

Durst:
Helles, Innstadt Brauerei (Passau) 2,40 Euro. Allerwelts-Helles, aber billig.

Ich war früh in Obernzell angekommen (so gegen 15 Uhr) und hatte Stunden damit verbracht, eine offene Gaststätte zu finden. Entsprechend groß war der Durst. Drei weitere Halbverdurstete im Gasthof. Sprachen die ganze Zeit über drei Angler, die gestern auf einem nahen Weiher in einem Boot bei etwas Wind verunglückt und zwei davon ersoffen waren. (Können Angler eigentlich nicht schwimmen?)

Der Hungrige verschlingt alles

Hunger: Waidlertopf mit Stockpilzen (Reh-, Hirsch- und Wildschweinfleisch mit Knödeln, Preiselbeeren und Gemüse), 11,60 Euro. Fürchterliche Mehlsauce. Fleischsorten waren nicht unterscheidbar. Aber egal. Riesenhunger und sonst gab es nichts im Dorf. Bin zufrieden in mein Privathotel getapert.

Brauch bald ein Doppelbett für meine Familie

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück und Gespräch mit zwei herrlichen älteren Damen, die aus München stammten, das Hotel aber seit Jahrzehnten(?) managten).