Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!

Durch Kodachrome braune Landschaft nach Ústí nad Labem

Hat alle Stürme überstanden und zeigt seine Wunden

Ich hatte sie schon vermisst: die Wegkreuze. Lange waren sie meine treuen Begleiter gewesen. Seit dem Grenzübertritt nach Sachsen waren sie aber verschwunden. Jetzt war ich erneut in Tschechien und das erste, was mir vor die Linse kam (nach den Asia-Markt-Buden selbstverständlich!), war dieses verwaschene (besseres Deutsch wäre „verwittertes“) Wegkreuz. Es stand in Cínovec, das früher einmal Zinnwald hieß. Also wieder mitten drin in der Sudetendeutschen/Tschechischen Geschichte.

Auf dem weiteren Weg passierte ich immer wieder Steinstümpfe ohne eisernes Kruzifix. Vandalen sind diese Strecke schon vor mir abgegangen.

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen (irgendwie ist das „meine“ Zeit geworden) und hatte 34 km vor mir bis nach Ústí nad Labem (Aussig).

GPS-Gesamtstrecke bis 040

Beim Grenzübergang wurde ich von zwei Bundespolizistinnen kontrolliert. Sie waren auf der Suche nach illegal eingereisten Ausländern oder Schleusern. Ich erkundigte mich nach den Hauptproblemen an der Grenze: „Drogen“ (aus den Asia-Märkten), „grenzüberschreitende Kriminalität“ (Einbrüche, Diebstahl). Das normale Sortiment. Zuständig dafür waren aber Zoll und Landespolizei. Die Bundespolizistinnen schienen etwas unterbeschäftigt. Aber sie waren sehr freundlich. Bin ja schließlich auch nicht illegal ausgereist! (Geht das überhaupt? Illegal ausreisen. Früher (DDR) ja? Aber heute?)

Auf der tschechischen Seite tappte ich den Bergkamm entlang. Fast 800m hoch. Es wehte ein frischer bis eisiger Wind. Aber die Sonne begleitete mich. Kleine (noch kahle) Birkenwälder auch.

Birken warten auf Birkenblüte

Aus den Wäldern draußen: fast amerikanische Weiten in Kodachrome-Braun.

Auf fast 800m Höhe weitet sich die Landschaft

Windbäume mit Windrädern

Nach 2 Stunden ging es den Berg runter. In steilen Serpentinen. Spektakuläre Aussichten auf das Tal, die ich aber nicht fotografieren konnte, weil der Dunst da unten alles einsuppte. Ich war sauer ob der verpassten Gelegenheit (dabei hätte ich froh und stolz müssen, dass das menschliche Auge (noch) der besten Kameralinse um das Millionenfache überlegen ist!).

Da ich nicht knipsen konnte, hatte ich Zeit Gedanken nachzuhängen. Ich weiß nicht mehr warum, aber mir fiel der Skinhead ein, den ich vor über einer Woche kurz vor Aš gesehen hatte. Ein junger Mann mit extrem grobschlächtigem Gesicht, mit prekärem und aggressivem Blick. Ich dachte damals: Es ist die schlichte Dummheit, der IQ von unter 80, der ihn zum Skinhead gemacht hat (ich weiß, es gibt intelligente Skins). Das Verlangen, irgendwie zu irgendwem zu gehören.

Jetzt stellte ich mir die Frage: Kann jemand, der in allem, was er tut, „grob“ ist: wie er geht, wie er sich benimmt, wie er spricht, wie er wütet, wie er blickt, wie er spricht – kann so jemand auch „fein“ fühlen?
Jedem Hund, jeder Katze, billigen wir schnell Feinfühligkeit zu. Aber einem Grobschlächter?

Ich grübelte darüber, ob lediglich das fühlbar, was auch ausdrückbar ist?
Kann ein Proll auch galant sein? Klingt das paradox?

Wenn aber ich nur das fühlen, was ich (und sei es nonverbal) aussprechen kann, folgt daraus zwingend, dass Gefühle im Kern Gedanken sind – also Illusionen und bloße Konstrukte? (Will ich das glauben?)

Bevor ich weiter philosophieren konnte, erreichte ich Krupka (Graupen). Ein altes ehemals bedeutendes Bergbaustädtchen in Nordböhmen. Fast alle Bewohner (weil Deutsch-Böhmen) wurden nach dem Krieg vertrieben. Die leeren Häuser wurden an Familien aus dem tschechischen Landesinnern vergeben, die nie zuvor diese Gegend betreten hatten. (Ob sie mittlerweile Wurzeln geschlagen haben?)

Buntes Sudetendorf

Und immer noch führte der Serpentinenweg steil nach unten. Bis ich es endlich geschafft hatte. Von fast 800m Höhe auf 130m.

Die Berge lagen fürs Erste hinter mir.

Als wärn's die Rocky Mountains

Braun die Stoppelfelder, aber die Knospen der Weiden öffneten sich bereits. Weidenkätzchen würden bald ins Feld springen. Ich konnte es fühlen.

Vor mir dir Vorboten der Stadt Ústí nad Labem. Fast Hunderttausend Einwohner benötigen Energie und Trinkwasser. Hier gab es beides: Wasserspeicher und Kraftwerk.

Cote d'Azur Blau

Zwei Stunden fehlten noch, dann hatte ich die outskirts von Ústí nad Labem erreicht. Der Eintritt in die Stadt wie die Einfahrt in ein Chemiewerk.

Orangene Stadt

An den Werksmauern Graffiti, die ich nicht deuten konnte. (Immer schlecht, wenn Bilder nicht für sich sprechen – oder fehlt mir einfach der kulturelle Hintergrund ? Bin ja schließlich kein Tscheche!)  Wer ist dieser einokulare Mensch ? Guckt er grimmig, wütend, gerissen, nachdenklich, dreist, wissend, draufgängerisch, gleich losschlagend, resigniert?

Sag mir, was soll das bedeuten !

Aber eins begriff ich (obwohl ich noch keinen interkultureller Deutsch-Tschechisch-Kurs gemacht hatte) sofort: Guck hier in den Straßen immer nach unten! Jede zweite Gullyabdeckung fehlte. Einbruch-Gefahr!

Blick nie nach oben richten !

In der Stadtperipherie unzählige Armensiedlungen (nicht Slums wie in Lateinamerika, aber äußerst heruntergekommene Straßenzüge).

Trotzdem Lebensfreude!

Hinterhofspaß

Zusammen hat einer allein mehr Freunde

Ankunft im Stadtzentrum gegen 17 Uhr 30.

Durst: Pilsener Urquell, wie fast immer – und wie immer gut und billig.

Hunger: Da kein einheimisches Lokal geöffnet hatte (Montag?), bin ich in ein kubanisches Restaurant gegangen. Ich war der einzige Gast. Auf der Karte gab es ein einziges kubanisches Gericht. Aber dafür lief ständig Buena Vista Social Club als Blubbermusik.

Essen sollte sein: „Pollo santiaguero“ – war aber ein in Ketchupsauce ertränktes rachitisches Industrie-Hühnchen. Immerhin mit kubanischem Bohnenreis („Congris“) – wenn auch zu nass. (9 Euro.)

Kubanisch ist nur das Congris

Unterkunft: Leider viel zu teuer (hatte auf die Schnelle kein anderes Hotel gefunden als das einer amerikanischen Kette).

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).

„Ras-Pudding“ will mich über die Grenze bis ins tschechische Marienbad schleusen

Ich habe mir eine heftige Erkältung zugezogen. Ich krächze mehr, als dass ich rede. Ich fragte meine Wirtin, ob es im Städtchen nicht eine Apotheke gäbe oder einen Heilkundler. Einen Dorf-Rasputin vielleicht. Sie wiederholte das Wort auf ganz eigene Weise: „Ras-Pudding“ und meinte gleich, der habe doch gestern die Russlandwahl gewonnen.

War zwar nur Putin (sie korrigierte sich und sprach ihn „Pudding“ aus), aber sie konnte mir nichts anderes anbieten als einen Tee.

Okay.

Ras-Pudding mit TeeSack

Keine Ahnung, ob ich Halluzinationen hatte (nach den langen Wandertagen wäre das nicht verwunderlich). Aber Ras-Pudding strunzte im Teeglas.

Auch wenn er mir höchst unsympathisch war, ich steckte ihn in meinen Rucksack (also doch keine Einbildung!). Ich hatte unterwegs bislang noch keiner Kreatur Beistand versagt.

Heute war es mehr eine Tour zum gemütlichen Auslaufen. Nach Marienbad in Tschechien. 23 km. Aufbruch um 10 Uhr. Sonnig, aber bitter kalt.

GPS-Gesamtstrecke bis 026

Die Grenzstation war nah und schnell durchschritten. (Der Blog-Titel stimmt ja überhaupt nicht. Ras-Pudding musste mich gar nicht irgendwohin schleusen. Wir leben in einem freien(!) Europa, auch wenn er als lupenreiner Demokrator das nicht verstehen will.)

Früher schlummerten hier Zöllner, heute die leeren Zollhäuschen

Ein bisschen der Landstraße folgen (das erste Gebäude auf tschechischer Seite war natürlich ein „Etablissement“), dann schnell weg von der Hauptstraße, links ab ins Gebüsch. Will sagen, in ein kleines, meist geteertes, oft auch etwas matschiges Sträßchen, das durch kleinste Dörfer Richtung Marienbad führte.

So in etwa sieht ein Böhmer-Wald Dorf aus

Ein paar liebevoll gepflegte Anwesen, neben vielen verlassenen und zerfallenen.

Bus-Haltestellen werden auch nicht wirklich instand gehalten.

Zwischendurch eines der in Tschechien eher seltenen Wegkreuze. Allerdings ohne Kreuz. Hatte Kuno, mein Ritter, also doch recht, dass es Weg-Kreuz-Wilderer gibt?

Sockel ohne Sinn

Oder ist der Gekreuzigte nach dem Krieg zusammen mit den Sudetendeutschen gleich mit vertrieben worden? (Der kannte die Geschichte der Vertreibung ja schon aus Erzählungen seiner Mutter.)

Ich setzte mich kurz in eine Wiese, um mir einen verdammten kleinen Splitter aus der linken Fußsohle zu ziehen. (Keine Ahnung, wo ich mir den eingefangen hatte).  Bei der Gelegenheit ließ ich Ras-Pudding einmal kurz Luft schnappen.

Und erneut glaubte ich einer Halluzination aufzusitzen. Plötzlich hatte mein Demokrator rote Haare:

Raspudding verkleidet sich gern

Ich musste blinzeln –  erst dann bemerkte ich den Trick. Ras-Pudding ist eigentlich ein Bajazzo. Nach vorne zeigt er Krawatte, aber im Kern ist er ein Kaiser ohne Kleider, ein alter Clown, der sich von noch älteren Narren steuern lässt.

Clown und Lehrmeister

Ich spürte, dass sich in meinem Rucksack etwas bewegte. Kuno, mein Ritter, suchte seinen Spieß. Offenbar wollte er Ras-Pudding ans Leder. Kuno hat eine altertümliche Vorstellung von Ehre und Aufrichtigkeit. Er ertrug dieses Schauspiel offensichtlich nicht. Ich schnürte den Sack zur  Sicherheit noch ein bisschen fester zu. Zoff konnte ich jetzt nicht gebrauchen.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich gemütlich schlendernd Mariánské Lázně (Marienberg). Ich unternahm nichts bis in die Nacht.

Putten, Buben, Mädchen, Geschlechtsneutral ?

Dann aber überwältigte mich Durst und Hunger.

Durst: Budweiser (gut wie immer) (1,40 Euro).

Hunger: Nadelspieß (= Am Spieß gegrillte Schweinelendchen, Speck, Schweinskarree, und Bratwurst). Schmeckte nach offenem Grill, deftig und war gut gewürzt. Mit Bratkartoffeln. Sehr zufrieden. 9 Euro.

Bis auf die letzte Faser verputzt !

Auf einmal ein Schrei! Ras-Pudding bekam sich nicht mehr ein.

Er war mir ins Restaurant gefolgt, ohne dass ich es gemerkt hätte. Und er wiederum hatte nicht mitbekommen, dass auch Kuno ihm aus dem Hotel nachgeschlichen war.

Kuno hatte sich, kaum dass ich angefangen hatte meinen Nadelspieß zu verputzen,  einen Zahnstocher gegrabscht und Ras-Pudding aufgespießt. Trug ihn wie ein Banner auf dem Tisch herum. Ganz offensichtlich hatte sich Kuno der Occupy-Bewegung angeschlossen und war kurz davor, die Zweite Russische Revolution auszurufen.

Das (Ritter)Volk weht sich !

Ich hatte Mühe, die beiden wieder zu trennen und mit mir zurück ins Hotel zu bringen.

Komischerweise konnten sie dann doch einigermaßen friedlich einschlafen

Mönch Augustus badet in Bier und geht nur widerwillig mit nach Schönsee

Ein Turm so hoch wie ein Drachenhals

Nebel und Nieselregen nach dem ersten Rausgehen um halb 9. Das Wetter wie gemalt für ein echtes Drachenabenteuer. „Drachenturm“ heißt der Mittelpunkt des Örtchens Treffelstein in der Oberpfalz. Nur, ich fand dort kein schnaufendes Ungetüm vor, sondern einen vor Kälte zitternden, halb nackten Mönch. (Auch wenn „Augustus“ wie ein Engel aussah: In seinem irdischen Leben war er ein fetter prassender Betbruder gewesen.)

Auch aus Mönchen werden Engerl

Ich wärmte ihn in der Tasche meiner Regenjacke und stiefelte los. Ab nach Schönsee, immer dicht an der tschechischen Grenze entlang. Am Ende wurden es wieder einmal rund 29 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 023

Nach ein paar Stunden erreichte ich Schwarzach. Direkt an der tschechischen Grenze. Schöne bäuerliche Kulturlandschaft mit einem Hauch von Frühling.

Wolkenspiel über Scholle

Im verschlafenen Grenzstädtchen: ein Kaufhaus, wie aus der Zeit gefallen. Stammt wohl noch aus der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders und wurde baulich nie verändert.

Diese Fassade erzählt Wirtschaftsgeschichte

Die Tür war zu. Aber wenigstens eine Telefonnummer war angegeben.

Wie praktisch, dass Frau Vogl so nah wohnt.

Frau Vogl kam auch gleich und führte mich in ihr Zauberland. Drinnen im Kaufladen: unfassbar schöne Stoffe in allen Größen. Alles aufwändigste filigrane Klöppelarbeiten. Leider ließ die Hausherrin mich nicht fotografieren, gestattete mir jedoch, die Schaufenster abzulichten.

Wochen dauert es so ein kleines Kunstwerk herzustellen

Puppenstube mit Spindel und Klöppelzeug

Frau Vogl war eine freundliche ältere Dame, die schnell auf ihr Lebensthema kam: die Vertreibung. Sie erklärte mir, dass ich mich gerade in Bayerisch Schwarzach befände. Auf der anderen Seite gab es einmal das sudetendeutsche Pendant: Böhmisch Schwarzach. Die Tschechen hätten das Dorf  nach dem Krieg und der Vertreibung der Sudetendeutschen platt gemacht. Wie so viele grenznahe Weiler. Sogar ein kleines Schlösschen hätten sie niedergewalzt, um alle Spuren einer ehemals deutschen Besiedlung zu beseitigen. Die geflohenen Sudeten hatten nicht viel mehr als ihr Kunsthandwerk mit auf die bayerische Seite gebracht. Hier hätten früher nur wenige Frauen geklöppelt. In den 50er und 60er Jahren habe es dann aber sogar mehrere Klöppelschulen gegeben. Mit dem Wirtschaftswunder habe sich dann alles wieder verändert. Das Handwerk sei mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Heutzutage könnten nur noch wenige Alte, so wie sie, einen komplizierten Stoff klöppeln. Es sei absehbar, dass diese Kunst auch in dieser Gegend bald aussterben würde.

Sprach’s und ließ mich zurück.

Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich. Meine Wanderung entlang der Grenzen Deutschlands hat neben allem Abenteuerlichen auch etwas eminent Politisches. Ich bekomme mehr und mehr die Narben unserer Geschichte zu sehen. Vielleicht liegt es an der „Grenze“. Grenzen trennen, wo vorher ein Ganzes war. Ein (geopolitischer) Strich genügt, um urplötzlich aus „Nah“ „Fern“ zu machen. Aus Nachbar wird: Ausländer, aus Familienmitglied: „Der da drüben“, aus Freund: Feind, aus Verständnis: Unverständnis. An den Grenzen eines Staates spielen sich die wesentlichen geschichtlichen (und familiären) Dramen ab. Hier – so merke ich immer mehr – ist die Vergangenheit wie mit einem Degenhieb eingehauen. Und hier erinnert man sich deutlich länger (als in den Städten im Bauch Deutschlands).

Wenn Grenzen einem Land die Kontur geben, so ist mein Heimatland ein schlecht vernarbtes, pockiges, immer noch nicht ausgeheiltes „scarface“.  „Scarface Deutschland“:  Das Bild gefällt mir.

Ich zog weiter mit meinem maulenden Mönch in der Tasche. Hatte aber keine Lust auf Unterhaltung. Ließ ihn nicht raus.

Erreichte um die späte Mittagszeit das Dörfchen Stadlern. Sympathisch kleiner Grenzort. Hatte nur Schwierigkeiten, etwas Wasser zu besorgen: (fast) alles geschlossen.

Dorfzentrum: natürlich die Kirche.

Sauber aufgeräumt - nur noch ein paar Schneekleckse

Weiter oben ein Kalvarienberg, wie ich ihn – für so ein kleines Kaff – noch nicht gesehen habe.

Gekonnte Aufstellung: Bäume mit Stelen

Will jetzt nicht Monte Python zitieren

Was für ein majestätischer Kulissenaufbau

In einiger Entfernung der, den sie „Gottvater“ nennen. Sein Blick! Ist er barmherzig, ist er streng, strafend,  ist er wissend oder verachtend? Ist er gütig, mitleidig, verzeihend oder nur egomanisch?

Ein Krieger oder ein Versöhner ?

Oder ist er – noch immer bewege ich mich im „Drachenland“ – lediglich ein ordinärer KreuzRitter. Dafür spräche ein anderes Denkmal im Zentrum der Ortschaft: ein ziemlich junges sogar aus dem Jahr 1990. Ein Ritter soll „Gott zur Ehr“ gereichen und den normalen Bürger beschützen.

Was soll das ? Heute ?

Beim Sinnieren über Ritter erinnerte ich mich an meine Gäste in der Hosentasche. Ich ließ Kuno und Augustus etwas Luft schnappen, während ich fotografierte. Auf einmal setzte ein grauenhaftes Geschrei an. Die beiden konnten einfach nicht miteinander. Kuno hatte Augustus das Krönchen vom Kopf gehauen und war kurz davor ihn mit seinem „Instrument“ zu kitzeln.

Kuno spießt einfach am liebsten auf

Ich befreite Augustus (eigentlich: Dummer August!) aus seiner Not, steckte beide wieder in die Hosentasche und marschierte los in die Oberpfälzer Berge.

Jahrmillionen dauert es solche Gneis Formationen zu modellieren

Ab 600 Meter Schnee. Auf 800 Meter Höhe: Tiefschnee. Ich sank manchmal unangenehm tief ein. Der Aufstieg wurde zur Qual.

Sieht nett aus, war aber tierisch anstrengend

Noch immer fehlten 100 Meter bis zum Gipfel. Dort steht der Böhmerwald-Aussichtsturm. Ein Monstrum.

Auf 898 Meter Höhe geht es noch mal aufwärts

142 Treppen. Und was sieht man als erstes: den nächsten Turm!

Kein Plattenbau - Der Plattenberg !

Diesmal auf tschechischer Seite. Die ganze Grenze entlang ragen haufenweise mächtige Grenzlandtürme in den Himmel. Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Was immer man von dort beobachten konnte, es kann nicht wirklich interessant gewesen sein. Heute sind die meisten Grenzlandtürme tolle Aussichtsmöglichkeiten. Schwerter zu Pflugscharen!!!

Beim Abstieg (mit ziemlich aufgeweichten Hosen, hab doch gut gefroren!) machte ich noch einen kleinen Umweg. Nach Bügellohe. Direkt an der Grenze gelegen. Man konnte nach Tschechien spucken. Ein Geisterdorf. Zerfallen, von Wald überwuchert. Nur noch ein Haus nicht völlig eingestürzt.

Das Dach trotzt dem Winter seit 60 Jahren

1946 waren vertriebene Sudetendeutsche hierher geflohen, hatten Notunterkünfte errichtet, in der Hoffnung zurück kehren zu können, hatten bald bemerkt, dass das nicht möglich war und schufen eine Siedlung mit Massiv-Häusern. Allerdings ohne Strom, Wasser und öffentliche Verkehrswege. Nach und nach gaben die Neusiedler auf, zu unwirtlich die Höhe. Mitte der 70er verließ der Letzte das Dorf. Zurück blieb eine Geisterstätte.

Denkmal der Vertreibung

Ab ins Tal. Durchlaufen bis Schönsee. Tristes Kleinstädtchen. War extrem schwierig überhaupt eine Unterkunft zu finden. Viele Herbergen sind für immer geschlossen. Ich musste im Ort viel herumfragen, bis ich einen Gasthof fand, der zwar außen nicht beleuchtet, dafür aber offen war. 17:30 endlich am Ziel!

Durst: Mönch Augustus war mir zuvor gekommen. Hatte sich in das Glas gestürzt, als wollte er sich im Gerstensaft ersäufen. Ich hatte Mühe, ihn herauszuziehen. Er wehrte sich gewaltig.

Im himmlischen Delirium

Haberl-Bier. Saugut! Einige Minuten gezapft – wie ein Pils. Mit lang haltender Schaumkrone und noch länger nachhallendem Geschmack -und dazu weich am Gaumen! Respekt!

Der Wirt erzählte mir, dass sein Schwager diese Brauerei betrieb. Ein 3 Mann Unternehmen: Brauereimeister, Gehilfe und Ausfahrer. Aber wie alle Kleinbrauereien kämpfe der Schwager ums Überleben. Die Großen der Branche kauften nicht mehr – wie früher – die Kleinbetriebe auf, um die Konkurrenz zu erledigen. Heute warteten sie nur noch ab, bis die siechen Unternehmen still und leise dahinschieden. Ich wurde beinahe melancholisch.

Hunger: Schweinsbraten klassisch mit selbstgemachtem Semmelknödel und Salat. 8,50 Euro. Alles bestens.

Klassischer Schweinsbraten

Um Mitternacht in die Kiste! Merkwürdigerweise vertrugen sich Kuno und Augustus wenigstens im Schlaf.

Kuno schläft, auch wenn ein bisschen angespannt

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück).