Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!

Durch Kodachrome braune Landschaft nach Ústí nad Labem

Hat alle Stürme überstanden und zeigt seine Wunden

Ich hatte sie schon vermisst: die Wegkreuze. Lange waren sie meine treuen Begleiter gewesen. Seit dem Grenzübertritt nach Sachsen waren sie aber verschwunden. Jetzt war ich erneut in Tschechien und das erste, was mir vor die Linse kam (nach den Asia-Markt-Buden selbstverständlich!), war dieses verwaschene (besseres Deutsch wäre „verwittertes“) Wegkreuz. Es stand in Cínovec, das früher einmal Zinnwald hieß. Also wieder mitten drin in der Sudetendeutschen/Tschechischen Geschichte.

Auf dem weiteren Weg passierte ich immer wieder Steinstümpfe ohne eisernes Kruzifix. Vandalen sind diese Strecke schon vor mir abgegangen.

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen (irgendwie ist das „meine“ Zeit geworden) und hatte 34 km vor mir bis nach Ústí nad Labem (Aussig).

GPS-Gesamtstrecke bis 040

Beim Grenzübergang wurde ich von zwei Bundespolizistinnen kontrolliert. Sie waren auf der Suche nach illegal eingereisten Ausländern oder Schleusern. Ich erkundigte mich nach den Hauptproblemen an der Grenze: „Drogen“ (aus den Asia-Märkten), „grenzüberschreitende Kriminalität“ (Einbrüche, Diebstahl). Das normale Sortiment. Zuständig dafür waren aber Zoll und Landespolizei. Die Bundespolizistinnen schienen etwas unterbeschäftigt. Aber sie waren sehr freundlich. Bin ja schließlich auch nicht illegal ausgereist! (Geht das überhaupt? Illegal ausreisen. Früher (DDR) ja? Aber heute?)

Auf der tschechischen Seite tappte ich den Bergkamm entlang. Fast 800m hoch. Es wehte ein frischer bis eisiger Wind. Aber die Sonne begleitete mich. Kleine (noch kahle) Birkenwälder auch.

Birken warten auf Birkenblüte

Aus den Wäldern draußen: fast amerikanische Weiten in Kodachrome-Braun.

Auf fast 800m Höhe weitet sich die Landschaft

Windbäume mit Windrädern

Nach 2 Stunden ging es den Berg runter. In steilen Serpentinen. Spektakuläre Aussichten auf das Tal, die ich aber nicht fotografieren konnte, weil der Dunst da unten alles einsuppte. Ich war sauer ob der verpassten Gelegenheit (dabei hätte ich froh und stolz müssen, dass das menschliche Auge (noch) der besten Kameralinse um das Millionenfache überlegen ist!).

Da ich nicht knipsen konnte, hatte ich Zeit Gedanken nachzuhängen. Ich weiß nicht mehr warum, aber mir fiel der Skinhead ein, den ich vor über einer Woche kurz vor Aš gesehen hatte. Ein junger Mann mit extrem grobschlächtigem Gesicht, mit prekärem und aggressivem Blick. Ich dachte damals: Es ist die schlichte Dummheit, der IQ von unter 80, der ihn zum Skinhead gemacht hat (ich weiß, es gibt intelligente Skins). Das Verlangen, irgendwie zu irgendwem zu gehören.

Jetzt stellte ich mir die Frage: Kann jemand, der in allem, was er tut, „grob“ ist: wie er geht, wie er sich benimmt, wie er spricht, wie er wütet, wie er blickt, wie er spricht – kann so jemand auch „fein“ fühlen?
Jedem Hund, jeder Katze, billigen wir schnell Feinfühligkeit zu. Aber einem Grobschlächter?

Ich grübelte darüber, ob lediglich das fühlbar, was auch ausdrückbar ist?
Kann ein Proll auch galant sein? Klingt das paradox?

Wenn aber ich nur das fühlen, was ich (und sei es nonverbal) aussprechen kann, folgt daraus zwingend, dass Gefühle im Kern Gedanken sind – also Illusionen und bloße Konstrukte? (Will ich das glauben?)

Bevor ich weiter philosophieren konnte, erreichte ich Krupka (Graupen). Ein altes ehemals bedeutendes Bergbaustädtchen in Nordböhmen. Fast alle Bewohner (weil Deutsch-Böhmen) wurden nach dem Krieg vertrieben. Die leeren Häuser wurden an Familien aus dem tschechischen Landesinnern vergeben, die nie zuvor diese Gegend betreten hatten. (Ob sie mittlerweile Wurzeln geschlagen haben?)

Buntes Sudetendorf

Und immer noch führte der Serpentinenweg steil nach unten. Bis ich es endlich geschafft hatte. Von fast 800m Höhe auf 130m.

Die Berge lagen fürs Erste hinter mir.

Als wärn's die Rocky Mountains

Braun die Stoppelfelder, aber die Knospen der Weiden öffneten sich bereits. Weidenkätzchen würden bald ins Feld springen. Ich konnte es fühlen.

Vor mir dir Vorboten der Stadt Ústí nad Labem. Fast Hunderttausend Einwohner benötigen Energie und Trinkwasser. Hier gab es beides: Wasserspeicher und Kraftwerk.

Cote d'Azur Blau

Zwei Stunden fehlten noch, dann hatte ich die outskirts von Ústí nad Labem erreicht. Der Eintritt in die Stadt wie die Einfahrt in ein Chemiewerk.

Orangene Stadt

An den Werksmauern Graffiti, die ich nicht deuten konnte. (Immer schlecht, wenn Bilder nicht für sich sprechen – oder fehlt mir einfach der kulturelle Hintergrund ? Bin ja schließlich kein Tscheche!)  Wer ist dieser einokulare Mensch ? Guckt er grimmig, wütend, gerissen, nachdenklich, dreist, wissend, draufgängerisch, gleich losschlagend, resigniert?

Sag mir, was soll das bedeuten !

Aber eins begriff ich (obwohl ich noch keinen interkultureller Deutsch-Tschechisch-Kurs gemacht hatte) sofort: Guck hier in den Straßen immer nach unten! Jede zweite Gullyabdeckung fehlte. Einbruch-Gefahr!

Blick nie nach oben richten !

In der Stadtperipherie unzählige Armensiedlungen (nicht Slums wie in Lateinamerika, aber äußerst heruntergekommene Straßenzüge).

Trotzdem Lebensfreude!

Hinterhofspaß

Zusammen hat einer allein mehr Freunde

Ankunft im Stadtzentrum gegen 17 Uhr 30.

Durst: Pilsener Urquell, wie fast immer – und wie immer gut und billig.

Hunger: Da kein einheimisches Lokal geöffnet hatte (Montag?), bin ich in ein kubanisches Restaurant gegangen. Ich war der einzige Gast. Auf der Karte gab es ein einziges kubanisches Gericht. Aber dafür lief ständig Buena Vista Social Club als Blubbermusik.

Essen sollte sein: „Pollo santiaguero“ – war aber ein in Ketchupsauce ertränktes rachitisches Industrie-Hühnchen. Immerhin mit kubanischem Bohnenreis („Congris“) – wenn auch zu nass. (9 Euro.)

Kubanisch ist nur das Congris

Unterkunft: Leider viel zu teuer (hatte auf die Schnelle kein anderes Hotel gefunden als das einer amerikanischen Kette).

Bis Mähring nichts als Gehen und Nachdenken

Hinter diesen Mauern geschah täglich Unvorstellbares

Ich weiß nicht, aus wie vielen Steinen dieses ehemalige Nazi-Verwaltungsgebäude besteht. Aber jeden einzelnen haben Häftlinge aus dem Fels gehauen. Über 100.000 Menschen wurden hinter diesen Mauern durch die Hölle getrieben. 30.000 überlebten nicht. Getötet durch unmenschliche Arbeit, Giftspritzen, Erhängen, Folter.

Granit war das Wahrzeichen Flossenbürgs und aus dem Stein machten die Nazis Geld mit SS eigenen Wirtschaftsunternehmen. Später wurden hier Außenstellen von Rüstungsunternehmen wie Messerschmitt eingerichtet. Die Häftlinge sollten für den Krieg produzieren.
Als der schon verloren war, trieben die SS Wächter viele der verblieben Gefangenen auf Vernichtungsmärschen in den Tod. Unter den Opfern Juden, Homosexuelle, psychisch Kranke, Widerstandskämpfer aus Deutschland (wenige) und dem europäischen Ausland (viele) – auch aus dem nahen Tschechien.

Der Appellhof: Heute Gedenkstätte mit Dauer-Ausstellung.

Habe absichtlich unterbelichtet

Die Wächter dieses Turms überwachten den Zugang zu einer unterirdischen Rampe, über die die Toten in das Krematorium verfrachtet wurden.

Todesturm

Ich fragte mich, was wussten die damaligen Flossenbürger von der Menschenabschlachtung? Das KZ konnte jeder leicht einsehen. Ringsherum Berge, die Burg oben, die Häuser nicht weit entfernt! Was erzählten nach dem Krieg die Väter und Mütter ihren Kindern? Was denken die groß gewordenen Söhne und Töchter heute? Wollen sie vergessen? Warum bauen heute die Kinder der Kinder ihre neuen Häuser an den Rand des ehemaligen KZs?

Wie geht ein Ort mit einem so befleckten Namen um? Diese Frage hatte ich mir schon in Braunau gestellt. Das ist für jeden Einwohner, der selbst ja in keiner Weise verstrickt war, eine kaum auszuhaltende Last, vielleicht sogar eine tragische.
Ich könnte hier nicht leben. Auch nicht in Dachau. Nicht in Braunau, nirgends, wo mir solch eine Vergangenheit die Luft abschnüren würde.

Die Dauer-Ausstellung sehr beeindruckend. In all ihren schrecklichen Details! Gedenken entsteht!

Auf meinem Grenzgang werde ich noch öfters solche Orte kreuzen. Die Grenze verläuft dort, wo Geschichte weh tut !

Ich setzte meine Wanderung fort. Ich lief bis Mähring an der tschechischen Grenze. 32 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 025

Das Wetter entsprach meiner Stimmung: nasskalt, düster, unwirtlich.

Ich lief weitgehend entlang einer kaum befahrenen Landstraße. Berg rauf (bis auf 800 m), Berg runter (550 m). Das im ständigen Wechsel. Ermüdend.

Die Gegend ist bestimmt schön - im Frühjahr - mit Sonne!

Auf halber Strecke kreuzte ich Bärnau. Ich hatte mir kurz überlegt hier (obwohl es erst 14 Uhr war) zu übernachten. Ich fühlte mich kaputt. Vier Gasthöfe waren am Ortseingang ausgeschildert. Alle hatten geschlossen. Obwohl einst (und immer noch ein bisschen) Zentrum der Knopf-Produktion, kann man in diesem Markt-Städtchen dem rapiden Verfall zusehen. Überall Leerstände (so heißt das neudeutsch). Der Putz ist ab.

Noch 16 km zu gehen.

Langsam lugte die Sonne hinter den Wolken hervor. Die Landschaft wurde unten im Tal lieblicher. Irgendwann lag Mähring am Horizont.

Marktstädtchen - ohne Restaurant und ohne Gasthof (also mit nichts!)

Die Geschichte vom Vortag wiederholte sich. Ich mache es deswegen kurz.

Gegen 18 Uhr erreichte ich das Schild am Ortseingang: Landgasthof Sonnenbühl („Betten“ und „Gut Essen“). Was die Werbung nicht sagte: seit kurzem „Geschlossen!“. Ich fragte im Dorf, ob es eine Alternative gäbe. Nein, erklärten mir Etliche. Kein Gasthof, keine Kneipe. Nichts. Außerdem Sonntag. Kein Geschäft offen. Ich klingelte in zwei Privatwohnungen, die angeblich Fremdenzimmer vermieteten, die Damen waren jedoch nicht auf einen Gast vorbereitet und sagten mir ab. Entnervt lief ich zum geschlossenen Gasthof zurück. Dort war zumindest ein Zettel an der Tür mit der Telefonnummer des Besitzers. Ich erwischte ihn per Handy im Urlaub. Es tat ihm sichtlich leid, aber der Gasthof lief nun einmal nicht. Er hatte aufgeben müssen. Er riet mir, im Nachbarhaus zu klingeln. Dort gäbe es eine Ferienwohnung. Ich tat’s und traf eine alte Dame an, die mir helfen wollte – aber erst mit ihrer Tochter telefonieren musste, die a) auswärts weilte und b) entscheiden mußte, ob sie (die Oma) einen Fremden herein lassen könnte. Sie KONNTE !!!!

Das Problem Wohnung war gelöst. Aber ich hatte auch Durst und Hunger. Es war dunkel und es gab nichts im Dorf! Nicht einmal einen Krümel. Die alte Dame sagte mir, die einzige Chance wäre der Forellenhof. Zweieinhalb Kilometer entfernt. Direkt auf der Grenzlinie gelegen. Wenn er aufhabe.

Also nichts wie hin! Unterwegs fiel mir wieder der Stammtisch von Schönsee ein. Der Geodät hatte mir neben vielem auch erklärt, wieso es im Oberpfälzer Bergland touristisch so völlig tot war. Bis zur Wende hatte hier sprichwörtlich der Bär getobt. Die Berliner wollten damals ihrem geographischen Eingesperrtsein entfliehen und kamen jedes Jahr treu und scharenweise in die Oberpfalz. Zudem gab es sehr viele Sudetendeutsche, die in der Oberpfalz Zwischenstation machten auf ihrer Nostalgie-Kurzreise in die Tschechoslowakei – in ihre verlorene Heimat. Nach der Wende kam für die Oberpfalz die Katastrophe. Die Berliner hatten ab sofort Hinterland (Spreewald, Polen) und die Sudeten reisten direkt in die Tschechei. Seitdem gibt es das Gasthaus und Restaurant Sterben.

Ich erreichte den Forellenhof. Er war OFFEN! Und welch eine Offenbarung das Essen !

Der Wirt, ein knorriger, hinkender Alter, bot mir Schnitzel an. Ich fragte, ob es denn auch Forelle gäbe.
Du willst also Forelle„, sagte er , „dann hol ich dir eine„. Er meinte: Aus seinem Teich. Frisch. Er stiefelte los, fragte nicht, wie und mit was ich sie haben wollte. Kam nach einer halben Stunde wieder und stellte mir den toten Fisch auf den Tisch.

Wunderwelt Forelle

Auch wenn ich ausgehungert war und alles verschlungen hätte. Das war die beste gebratene Forelle, die ich bisher gegessen hatte. Die Haut (in Butter und Semmelbrösel) kross gebraten (ein Traum). Das Fleisch saftig, aromatisch und unglaublich zart.
Dazu ein Schmelz von Meerrettich und fein zerlassene Butter. Die Bratkartoffeln für Feinschmecker! 8,50 Euro.

Durst: Schels-Bier (aus Tirschenreuth – Familienunternehmen / mußte wohl aber kürzlich verkaufen). 2,20 Euro (Geschmack blieb mir nicht hängen – ich war aber auch noch mit dem Nachschmecken des Fischs beschäftigt).

Kann nicht schlecht gewesen sein.

Seit langem mal wieder gut gespeist. Die Rückkehr zu meiner „Ferienwohnung“ fiel mir leicht.

Unterkunft mit Frühstück: 25 Euro

Mönch Augustus badet in Bier und geht nur widerwillig mit nach Schönsee

Ein Turm so hoch wie ein Drachenhals

Nebel und Nieselregen nach dem ersten Rausgehen um halb 9. Das Wetter wie gemalt für ein echtes Drachenabenteuer. „Drachenturm“ heißt der Mittelpunkt des Örtchens Treffelstein in der Oberpfalz. Nur, ich fand dort kein schnaufendes Ungetüm vor, sondern einen vor Kälte zitternden, halb nackten Mönch. (Auch wenn „Augustus“ wie ein Engel aussah: In seinem irdischen Leben war er ein fetter prassender Betbruder gewesen.)

Auch aus Mönchen werden Engerl

Ich wärmte ihn in der Tasche meiner Regenjacke und stiefelte los. Ab nach Schönsee, immer dicht an der tschechischen Grenze entlang. Am Ende wurden es wieder einmal rund 29 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 023

Nach ein paar Stunden erreichte ich Schwarzach. Direkt an der tschechischen Grenze. Schöne bäuerliche Kulturlandschaft mit einem Hauch von Frühling.

Wolkenspiel über Scholle

Im verschlafenen Grenzstädtchen: ein Kaufhaus, wie aus der Zeit gefallen. Stammt wohl noch aus der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders und wurde baulich nie verändert.

Diese Fassade erzählt Wirtschaftsgeschichte

Die Tür war zu. Aber wenigstens eine Telefonnummer war angegeben.

Wie praktisch, dass Frau Vogl so nah wohnt.

Frau Vogl kam auch gleich und führte mich in ihr Zauberland. Drinnen im Kaufladen: unfassbar schöne Stoffe in allen Größen. Alles aufwändigste filigrane Klöppelarbeiten. Leider ließ die Hausherrin mich nicht fotografieren, gestattete mir jedoch, die Schaufenster abzulichten.

Wochen dauert es so ein kleines Kunstwerk herzustellen

Puppenstube mit Spindel und Klöppelzeug

Frau Vogl war eine freundliche ältere Dame, die schnell auf ihr Lebensthema kam: die Vertreibung. Sie erklärte mir, dass ich mich gerade in Bayerisch Schwarzach befände. Auf der anderen Seite gab es einmal das sudetendeutsche Pendant: Böhmisch Schwarzach. Die Tschechen hätten das Dorf  nach dem Krieg und der Vertreibung der Sudetendeutschen platt gemacht. Wie so viele grenznahe Weiler. Sogar ein kleines Schlösschen hätten sie niedergewalzt, um alle Spuren einer ehemals deutschen Besiedlung zu beseitigen. Die geflohenen Sudeten hatten nicht viel mehr als ihr Kunsthandwerk mit auf die bayerische Seite gebracht. Hier hätten früher nur wenige Frauen geklöppelt. In den 50er und 60er Jahren habe es dann aber sogar mehrere Klöppelschulen gegeben. Mit dem Wirtschaftswunder habe sich dann alles wieder verändert. Das Handwerk sei mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Heutzutage könnten nur noch wenige Alte, so wie sie, einen komplizierten Stoff klöppeln. Es sei absehbar, dass diese Kunst auch in dieser Gegend bald aussterben würde.

Sprach’s und ließ mich zurück.

Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich. Meine Wanderung entlang der Grenzen Deutschlands hat neben allem Abenteuerlichen auch etwas eminent Politisches. Ich bekomme mehr und mehr die Narben unserer Geschichte zu sehen. Vielleicht liegt es an der „Grenze“. Grenzen trennen, wo vorher ein Ganzes war. Ein (geopolitischer) Strich genügt, um urplötzlich aus „Nah“ „Fern“ zu machen. Aus Nachbar wird: Ausländer, aus Familienmitglied: „Der da drüben“, aus Freund: Feind, aus Verständnis: Unverständnis. An den Grenzen eines Staates spielen sich die wesentlichen geschichtlichen (und familiären) Dramen ab. Hier – so merke ich immer mehr – ist die Vergangenheit wie mit einem Degenhieb eingehauen. Und hier erinnert man sich deutlich länger (als in den Städten im Bauch Deutschlands).

Wenn Grenzen einem Land die Kontur geben, so ist mein Heimatland ein schlecht vernarbtes, pockiges, immer noch nicht ausgeheiltes „scarface“.  „Scarface Deutschland“:  Das Bild gefällt mir.

Ich zog weiter mit meinem maulenden Mönch in der Tasche. Hatte aber keine Lust auf Unterhaltung. Ließ ihn nicht raus.

Erreichte um die späte Mittagszeit das Dörfchen Stadlern. Sympathisch kleiner Grenzort. Hatte nur Schwierigkeiten, etwas Wasser zu besorgen: (fast) alles geschlossen.

Dorfzentrum: natürlich die Kirche.

Sauber aufgeräumt - nur noch ein paar Schneekleckse

Weiter oben ein Kalvarienberg, wie ich ihn – für so ein kleines Kaff – noch nicht gesehen habe.

Gekonnte Aufstellung: Bäume mit Stelen

Will jetzt nicht Monte Python zitieren

Was für ein majestätischer Kulissenaufbau

In einiger Entfernung der, den sie „Gottvater“ nennen. Sein Blick! Ist er barmherzig, ist er streng, strafend,  ist er wissend oder verachtend? Ist er gütig, mitleidig, verzeihend oder nur egomanisch?

Ein Krieger oder ein Versöhner ?

Oder ist er – noch immer bewege ich mich im „Drachenland“ – lediglich ein ordinärer KreuzRitter. Dafür spräche ein anderes Denkmal im Zentrum der Ortschaft: ein ziemlich junges sogar aus dem Jahr 1990. Ein Ritter soll „Gott zur Ehr“ gereichen und den normalen Bürger beschützen.

Was soll das ? Heute ?

Beim Sinnieren über Ritter erinnerte ich mich an meine Gäste in der Hosentasche. Ich ließ Kuno und Augustus etwas Luft schnappen, während ich fotografierte. Auf einmal setzte ein grauenhaftes Geschrei an. Die beiden konnten einfach nicht miteinander. Kuno hatte Augustus das Krönchen vom Kopf gehauen und war kurz davor ihn mit seinem „Instrument“ zu kitzeln.

Kuno spießt einfach am liebsten auf

Ich befreite Augustus (eigentlich: Dummer August!) aus seiner Not, steckte beide wieder in die Hosentasche und marschierte los in die Oberpfälzer Berge.

Jahrmillionen dauert es solche Gneis Formationen zu modellieren

Ab 600 Meter Schnee. Auf 800 Meter Höhe: Tiefschnee. Ich sank manchmal unangenehm tief ein. Der Aufstieg wurde zur Qual.

Sieht nett aus, war aber tierisch anstrengend

Noch immer fehlten 100 Meter bis zum Gipfel. Dort steht der Böhmerwald-Aussichtsturm. Ein Monstrum.

Auf 898 Meter Höhe geht es noch mal aufwärts

142 Treppen. Und was sieht man als erstes: den nächsten Turm!

Kein Plattenbau - Der Plattenberg !

Diesmal auf tschechischer Seite. Die ganze Grenze entlang ragen haufenweise mächtige Grenzlandtürme in den Himmel. Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Was immer man von dort beobachten konnte, es kann nicht wirklich interessant gewesen sein. Heute sind die meisten Grenzlandtürme tolle Aussichtsmöglichkeiten. Schwerter zu Pflugscharen!!!

Beim Abstieg (mit ziemlich aufgeweichten Hosen, hab doch gut gefroren!) machte ich noch einen kleinen Umweg. Nach Bügellohe. Direkt an der Grenze gelegen. Man konnte nach Tschechien spucken. Ein Geisterdorf. Zerfallen, von Wald überwuchert. Nur noch ein Haus nicht völlig eingestürzt.

Das Dach trotzt dem Winter seit 60 Jahren

1946 waren vertriebene Sudetendeutsche hierher geflohen, hatten Notunterkünfte errichtet, in der Hoffnung zurück kehren zu können, hatten bald bemerkt, dass das nicht möglich war und schufen eine Siedlung mit Massiv-Häusern. Allerdings ohne Strom, Wasser und öffentliche Verkehrswege. Nach und nach gaben die Neusiedler auf, zu unwirtlich die Höhe. Mitte der 70er verließ der Letzte das Dorf. Zurück blieb eine Geisterstätte.

Denkmal der Vertreibung

Ab ins Tal. Durchlaufen bis Schönsee. Tristes Kleinstädtchen. War extrem schwierig überhaupt eine Unterkunft zu finden. Viele Herbergen sind für immer geschlossen. Ich musste im Ort viel herumfragen, bis ich einen Gasthof fand, der zwar außen nicht beleuchtet, dafür aber offen war. 17:30 endlich am Ziel!

Durst: Mönch Augustus war mir zuvor gekommen. Hatte sich in das Glas gestürzt, als wollte er sich im Gerstensaft ersäufen. Ich hatte Mühe, ihn herauszuziehen. Er wehrte sich gewaltig.

Im himmlischen Delirium

Haberl-Bier. Saugut! Einige Minuten gezapft – wie ein Pils. Mit lang haltender Schaumkrone und noch länger nachhallendem Geschmack -und dazu weich am Gaumen! Respekt!

Der Wirt erzählte mir, dass sein Schwager diese Brauerei betrieb. Ein 3 Mann Unternehmen: Brauereimeister, Gehilfe und Ausfahrer. Aber wie alle Kleinbrauereien kämpfe der Schwager ums Überleben. Die Großen der Branche kauften nicht mehr – wie früher – die Kleinbetriebe auf, um die Konkurrenz zu erledigen. Heute warteten sie nur noch ab, bis die siechen Unternehmen still und leise dahinschieden. Ich wurde beinahe melancholisch.

Hunger: Schweinsbraten klassisch mit selbstgemachtem Semmelknödel und Salat. 8,50 Euro. Alles bestens.

Klassischer Schweinsbraten

Um Mitternacht in die Kiste! Merkwürdigerweise vertrugen sich Kuno und Augustus wenigstens im Schlaf.

Kuno schläft, auch wenn ein bisschen angespannt

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück).