Kai sucht den Teich der „Wandernden Augen“ und träumt sich durch bis Rostock

Gleich hinter Ahrenshoop, dem Nepp-Dorf, beginnt das Paradies.
Wie schnell war ich wieder versöhnt, wie rasend schossen mir Glückshormone durchs Blut, als ich das freie Feld betrat.
Unterwegs sah ich ein junges Pärchen, das wohl die Nacht zuvor den Feldweg zur Küste hinaufgefahren war und auf den Auto-Rücksitzen übernachtet hatte.
Sie, jetzt ziemlich verstruwwelt, putzte sich die Zähne. Er, ebenfalls ein wenig derangiert, versuchte Kleidungsstücke in einen Koffer zu stopfen.

Gleich danach: die Liliput-Steilküste.

stairways to beach

Auf dem Brückengeländer stand Kai. Schwer zu schätzen, wie alt er war. Ein Kind jedenfalls mit einem Eierkopf und blitzgescheiten Augen.

Komm mit mir kleiner Kapitän

Wenn du mich mitnimmst„, sprach er mich an, „zeige ich dir die Stelle, wo die Hirsche ins Meer gehen„.

Ich schaute ihn belämmert an, er errötete, versicherte jedoch: „Glaube mir, ich kenne die Stelle, ich habe sie markiert. Ich habe schon viele Hirsche im Meer gesehen.

Ich nahm ihn mit.
So ein Foto von einem Hirsch (blauer Hirsch?) in der Ostsee hatte wahrscheinlich noch kein Fotograf geschossen.

Gegen 9 Uhr hatte ich Kai vorsichtig in den Rucksack gesetzt. Ein aberwitziges Pensum lag vor mir. 45 km!
So weit war es bis Rostock. Ich wollte ausprobieren, ob meine Knie und meine Kondition dafür taugten.
Anders gesagt, ich hatte Lust mich zu quälen.

GPS-Gesamtstrecke bis 074.

Ein leichter Wind landeinwärts ließ die Strandhaferfelder im frühen Sonnenlicht zittern. Mich mit.

Strandhafer

Welch eine Wonne (warum gefallen mir alte Formulierungen so gut?), übers menschenleere Sandufer zu laufen. Immer dicht an der Wasserkante.

Der Hirsch war ich selber

Kai machte sich in meinem Rucksack bemerkbar. Ich holte ihn raus.
Hier, hier ist die Stelle„, behauptete er.
Eine Vogelfeder (Möwe?) hatte er in die Buhne gesteckt.

Kai an der Zauberbuhne

Ich versuchte ihm zu glauben, ich strengte meine Augen an, ich setzte mich hin und wartete. Aber es erschien kein Hirsch.

Gott sei Dank sahen uns nicht allzu viele Urlauber zu. Der Strand bereits herbstleer.

Der nahende Herbst leert die Strände

Du hattest eben einen Traum, tröstete ich Kai.
Nein!
Du siehst Nachtgespenster wie viele Kinder, behauptete ich.
Nein!

Wir verließen den Strand und entfernten uns immer mehr vom Meer. Hinein in den Wald. Richtung Rostock.
Noch 8 Stunden Marschieren vor uns.

Kai sagte, dass er den Wald gut kenne. Wenn ich wollte, könnte er mich zum Teich der „Wandernden Augen“ führen.
Lass das Gespinne vom Märchenwald, wies ich ihn an.
Aber es interessierte mich doch, was er damit meinte.

Er hub an (wieder so eine alte Formulierung, die mich sofort fesselt):

Jeder Urlauber hier bestellt sich Flunder, meist gebraten. Aber kaum jemand weiß, dass Flunderaugen wandern! Im Larvenalter wandert ein Auge auf die andere Körperseite, denn Flunder leben auf dem Meeresboden. Nur ihn müssen sie mit beiden Augen (auf einer Seite!) anschauen!

Bei dieser Augen-Wanderung fällt manchmal ein Auge aus der Spur und geht verloren. All diese verlorenen Flunderaugen treffen sich aber wieder an einem geheimen salzigen Tümpel im strandnahen Wald. So wie sich früher die Einäugigen und Blinden in Höhlen zu Diebesbanden zusammengerottet haben, so bilden die verlorenen Flunderaugen eine geheime Gesellschaft.

Mir reichte es, trotzdem folgte ich Kai immer tiefer in den Wald.

Nur: Einen salzigen Tümpel konnte ich nicht finden, lediglich knorrige Bäume in feuchten Wiesen.

Kais Zauberbaum

Wenn du willst …“ Ich stoppte Kai schon beim Versuch, mir eine neue Geschichte aufzutischen.

Ab jetzt war stures Laufen angesagt. Stunde für Stunde. Überwiegend einen asphaltierten Radweg entlang, vorbei an endlosen Maisfeldern, gezackerten Böden und irgendwelcher Wintersaat. Oder war es doch etwas anderes?

Flurschaden

Es scheinen nur Großbauern zu überleben hier. War ich noch in Vorpommern oder schon in Mecklenburg? Ich hatte mangelhafte Ost-Geografie-Kenntnisse.

Der Erschöpfung nah (die Sonne ebenfalls), erreichte ich Rostock.
Eintritt in eine Platte-Welt.
Aber statt Kälte, strahlte sie Heimatgefühle aus. Bunt selbst die Mülleimeranlage.

Bunte Platte

Ich verirrte mich beinahe in diesem Platten-Gestrüpp.

Futuristische Platte

Aufgehübschte Platte

Halb acht fand ich ein Hotel. Halb neun saß ich in einer der wenigen Montags-Offen-Restaurants und war dankbar für alles.

Das Tagesgericht: Frische Pfifferlinge mit Schweinemedaillons und Bratkartoffeln. 16,50 Euro.
Wie ein Staubsauger alles weggeputzt.

Zwar passte nichts zusammen. Nicht Pilz mit Fleisch und noch viel weniger mit den gekochten Kartoffeln. Und schon gar nicht die Soße. Für sich genommen, schmeckten aber die Einzelteile. Und genau so verdrückte ich sie, einzeln und nacheinander. 12,90 Euro.

Durst: Rostocker Pils. Ich weiß nicht ob es an meinem Durst lag. Aber es schmeckte mir ausgezeichnet. Ich bestellte ständig nach. 2,90 Euro (0,5 l).
(Rostocker Brauerei wurde 1878 gegründet, aber schon ab dem 13 Jahrhundert gab es in Rostock Bierlizenzen!)
Nur als Kai anfing „Willst du, dass …„, wurde ich kurz ungehalten. Laß uns morgen weiter träumen, meinte ich, und jag mir bitte heute keinen Nachtschreck in meinen Schlaf!

Unterkunft: 51 Euro (ohne Frühstück).

Übers Meer der Toten bis Hiddensee

Ich weiß nicht, warum mir Kreuzspinnen schon so viel Alpträume verursacht haben. Als kleiner Junge glaubte ich fest, dass sie supergiftig wären. Immer bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. So auch heute. Der Weg von Glowe zum Hafen von Breege war gesäumt von Kreuzspinnen, die in den Büschen auf mich lauerten.

Orden vom Heiligen Kreuz

Obwohl ich mir angelesen habe, dass diese Viecher gerade mal Mücken, Wespen (gut!!) oder fliegendes Kleinstgetier vergiften können und für Menschen völlig ungefährlich sind, blieb mir der Respekt. Ich halte Abstand!

(Dieses christliche Kreuz konnte mich in meiner Jugend ziemlich einschüchtern. Damn God!)

Um 9 war ich in Glowe aufgebrochen. Mein Ziel: das 9 km entfernte Breege. Von dort aus wollte ich mit der Fähre zur nächsten Insel, nach Hiddensee schippern. Ein kleines Eiland. Wenn das Wetter mitspielen würde, wollte ich noch den Norden der Insel erkunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 070

Breege erreichte ich gegen halb 12 Uhr. Die frühe Fähre war bereits weg. Alles noch geschlossen. Der Hafen so, wie fast alle Häfen hier aussehen. Mit Fördergeldern ausgebaut. Schmuck, grau, funktionstüchtig. Ein Tick zu groß für so ein kleines biederes Kaff.

Grauer Morgen mit Standardhafen

Gegen Mittag Abfahrt.

Electronic Dragon

Kleinst-Ansiedlungen driften vorbei.

Vorbeitreibende Dörfer

Die Saison herbstete bereits, will sagen: kaum Fahrgäste. Dafür aber ein interessantes älteres Ehepaar.

Bird Spotter

Die Augen des älteren Herrn sprühten Leben. Und doch sprach er vom Sterben.
Ich erhielt eine weitere Deutschstunde.

Ist die Ostsee das Meer der Toten?

Die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grezposten erschossen wurden, wurden alle von der BRD registriert. Aber wer – fragte mich der Herr – hat die vielen Toten gezählt, die hier auf See erschossen wurden oder im Meer ertrunken sind? Bürger, die das Leben in Unterdrückung nicht mehr aushielten und weg wollten. Die sich mit einem Boot oder mit Schwimmringen oder großen Pneus in der Nacht aufs Wasser wagten.
Und die von Spezialeinheiten der DDR-Marine abgefangen wurden.

Vor 25 Jahren hätten sie als potentielle Republikflüchtinge ihr Leben riskiert

Nach einer halben Stunde Fahrt zeigte mir der Herr ein Dörfchen, das steuerbord am Horizont in der Sonne aufblitze:
Dranske. Dort saß die Spezial Marine-Flotille mit ihren Super-Schnellbooten. Die fingen damals alles ab, was sich unregistriert in DDR-Gewässern bewegte.

Drankse sei immer noch ein Ort der Hundertfünfzigprozentigen. Heute noch im Osten verschrien oder auch gefürchtet – (und nun sprach der Herr leise, tuschelte fast verschwörerisch). Die dächten alle wie Margot Honecker: Keine Spur des Bedauerns.
Vor der Wende habe der Ort 4000 Einwohner gehabt, jetzt nur noch knapp tausend. Immerhin würden sie also weniger.

Noch im Frühjahr 1989, erzählte der Herr, wurde hier im Südzipfel Rügens eine Leiche angeschwemmt. Ein Republikflüchtling, der es nicht geschafft hatte. „Ertrunken“ – so die offizielle Version.
Aber wer habe sie alle gezählt – die offiziell Ertrunkenen? Die Toten der Ostsee?

Dann wechselte der Herr urplötzlich das Thema. Sprach von der Schönheit Hiddensees, davon dass der Küstenstreifen immer weiter versande und sich kleine Inselchen („Haken“) bildeten: Ein Paradies für Zugvögel. Und nun kam er ins Schwärmen, hob sein Fernglas wieder an die Augen und versank in Stille.

Ankunft in Hiddensee gegen 14 Uhr.

Ausgewachsenes Idyll

Meinen Rucksack in einem Hotel abgestellt und in den Norden des Inselchens aufgebrochen.

Light my fire

In der Nähe des Insel-Wahrzeichens, dem Leuchtturm, saß Ronny in einem Biergarten. Reichlich angeheitert.
Mit einer Rosenblüte als Kappe. Aus irgendeinem Grund machte er sich über die Inselbewohner lustig und gluckste vor sich hin. Für noch einen Schnaps würde er sein Geheimnis verraten, versprach er mir und ich nahm ihn mit.

Ronny hütet (noch) sein Geheimnis

Die Steilküste runter zum Steinstrand.

Wings never get dry

Eine halbe Völkerwanderung bewegte sich im Schneckentempo an der Wasserkante. Alle den Blick stier nach unten gerichtet.

Kieselstein Spotter ?

Manche gruben im Schotter.

Steine zu Schmuck Konverter

Ich fragte, nach was all die erwachsenen Menschen wühlten?
„Donnerkeile“, war die Antwort. Stolz zeigte mir einer seine Fundstücke.

Donnerkeile

Donnerkeile gelten ihnen mal als Heilmittel, göttliche germanische Kraft oder dienten als Amulett, das sich zu wunderschönem Schmuck verarbeiten lässt.

Wonderful powers in a wonder full world

Donnerkeile sind biologisch gesehen das Rostrum (vulgo: Rüssel) eines ausgestorbenen Urtiers, das dem heutigen Kalamar ähnelte.

Versteinerte Schnauzen also nach denen die Menschen hier gruben. Und sie machten ziemlich viel mystischen Wind.

Hiddensee: ein überschaubares Eiland und hoffnungslos von Touristen überlaufen. Die Häuser (fast) alle aufpoliert.
Nur ein, zwei Oldtimer, die der wind of (capitalism) change noch nicht (oder nur wenig) verändert hatte.

Nur noch wenig „Originales“

Wenigstens gab es noch eine gute alte Fischerkneipe mit einigen fishermens friends.

Unter sich = Zuhause

Hier bestellte ich Ronny das versprochene Gläschen Rum. Immer noch kichernd berichtete er mir von seinem „Coup“:

Der Herr der Anzeigen

Der Lokalanzeiger sei diese Woche doppelt so dick wie üblich: Vor allem die Suche-Kontakt-Seite.
Dort suche ein „Leuchtturm“ seine „Badenixe“.
Eine „Peppige Perle“ warte auf einen netten „Fischkopp“.
Eine „musikalische Muschel“ wünsche sich einen starken „Matrosen“.
Eine „charmante Schillerlocke“ wolle einen „Lotsen“ in ihren Hafen locken.
Eine „flotte Fregatte“ wünsche sich einen „Steuermann“.
Ein toller „Hecht“ suche etwas zum Anbeißen.
Ein „knackiger Kapitän“ ersehne sich eine „mutige Meerjungfrau“.
Usw..
(Was für ein einfallsloses gestanztes Seemannsvokabular.)

Die Hälfte der Anzeigen habe er, Ronny, geschrieben, und nun wisse er über die bereits erhaltenen Antworten, wer alles auf Hiddensee wen suche. Das reiche für die nächsten Wochen, um sich mit Rum über Wasser zu halten, Niemand wolle schließlich, dass er sein Wissen laut dahersage. Und er prustete mir seinen Schnapsatem ins Gesicht.

Ich kehrte mit der untergehenden Sonne zu meinem Hotel zurück, vorbei an einem schmucken, noch nicht restaurierten Schlösschen.

Verfallende Schönheit

Durst: Hiddenseer Pils. Geschmackloses von der Privatbrauerei Eibau (Lausitz) (seit 1810). Das Bier wurde schal bevor es hingestellt war. Aber wenigstens mal der Versuch einer Abwechslung.

Hunger: Ostseelachs gebraten. Unter einer Parmesan-Petersilienkruste auf Limonensauce. Dazu Petersilienkartoffeln. 17,90 Euro.
Gut zubereitet. Verschiedene Geschmacksnuancen. Parmesan nicht dominant. Fisch hatte immer noch Eigenaroma. Insgesamt nicht ganz so fein wie in meinen Lieblingsrestaurant in Zinnowitz.

Noch immer erstaunt mich, wie hochpreisig hier an der Küste alles ist.

Ronny störte das nicht. Er ließ sich ja aushalten und plapperte lustig seine intimen Dorf-Geheimnisse aus.

Ronny findet keinen Punkt zum Aufhören

Unterkunft: teuer.

Geschafft!

Butje spielt Pirat und macht Faxen bis nach Glowe

Frohgemut (wie alt klingt das Wort) aufgestanden. Mit Vorfreude auf die heutige Wanderung zu den berühmten Kreidefelsen Rügens.

Um 9 Uhr brannte mir bereits die Sonne in den Rücken und trieb mich zum schnelleren Gehen an. Gut 26 km sollte ich heute laufen. An der Steilküste entlang bis zum Dörfchen Glowe.

GPS-Gesamtstrecke bis 069

Kieselsteinstrand (wie schön klingt die Alliteration).

Die ersten weißen Kalkfelsen ließen mich anstandslos passieren, ohne mit Geröll nach mir zu werfen.
(Jede Menge Hinweisschilder warnten vor der Gefahr des Hangabbruchs und Steinschlags.)

Kieselsteinbucht

Ein aus der Zeit gefallener Typ machte mit einer Art lautem Kichern auf sich aufmerksam und strampelte dazu mit den Füßen, als wollte er Wind machen.

Butje tickt nur kopfüber richtig

Butje nannte er sich. Er spielte Pirat. Ich fragte ihn, warum er denn einen Flaschenöffner im Kopf habe.

Einen „Saufunfall“ gab er als Begründung an.

Eigentlich sei er Schauspieler. Mitglied des Störtebeker Ensembles, das auf Rügen den ganzen Sommer Piratengeschichten aufführte.

Bei einem Thekenstreit habe ihm ein Kollege den Flaschenöffner in den Kopf gerammt (nachdem er ihm einen Bierkrug über den Schädel gezogen hatte). Jetzt trage er eben das Ding mit sich herum und sei – bekannte er freibeuterisch – auch ein bisschen plemplem.

(Die Störtebeker Festspiele sind für den Norden so etwas ähnliches wie die Karl May Festspiele. Störtebeker war ein berühmter Pirat.)

Butje mag’s nicht wirklich aufrecht

Gleich drauf buddelte Butje einen Feuerstein aus. Mit Loch wurden sie hier oben „Hühnergötter“ genannt. Und Butje lebte vom Verkauf der Glücksbringer an ältere pensionierte esoterisch angehauchte ewig-verwitwete Lehrerinnen.

Butje sagte, dass es gar nicht ungefährlich sei, am Strand nach Steinen zu graben. Viele suchten etwa nach Bernstein. Der war aber leicht mit Resten von Phosphorbomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu verwechseln, die immer wieder an die Küste angeschwemmt würden. Erstmal getrocknet entzündeten sich die Phosphorstückchen (etwa in der Hosentasche) von selbst. Jedes Jahr zögen sich Touristen schwere Verbrennungen zu.

Seltsam, bald 70 Jahre nach Ende der Krieges, ist der Krieg immer noch anwesend.

Mittlerweile hatte ich den Strandweg verlassen und war auf dem Höhenwanderweg angelangt.

Buchenwald mit Ausblick

Die Strecke war einigermaßen beschwerlich. Ein ständiges Auf und Ab, manchmal über langgezogene Holztreppen.

Butje interessierte sich nicht für die Caspar David Friedrich Motive. Da ich seinen ständigen Plappereien keinerlei Beachtung schenkte, unterhielt er sich eben selbst mit seinem albernen Kichern.

Butje tanzt an einem Treppenpfosten

Zum Nachdenken kam ich überhaupt nicht. Ständig eine andere grandiose Sicht.

Caspar David hätte Stunden hier verbracht

Ich musste aufpassen, dass mir die Kamera nicht ans Auge anwuchs, zu überwältigend waren die Ausblicke im Minutentakt.

Mit jedem Schritt wird die Kreideküste noch schöner

Ich kann mich nicht erinnern, auf all meinen Reisen durch die Welt, jemals eine schönere Küste gesehen zu haben.

Verweile doch, der Anblick ist so schön

Caspar David hat mit seinem Pinsel übers Foto gestrichen

Am frühen Nachmittag hatte das Wunder schließlich ein Ende.

Weiß, das blendet

Von nun an ging‘s bergab. Runter in die Touristenwirklichkeit Rügens.
Es fiel mir schwer, in dieser für den Touristen konfektionierten Ferienlandschaft etwas (Ein)Heimisches zu entdecken.

Glowe, ein Dörfchen, in dem vermutlich nicht ein einziges Haus keine Feriengäste beherbergt.

Das Übliche: Strand.
(Ein Hefeweizen kostete in einem Küstenlokal 4,50 Euro!!!!)

Strandleben

Ein bisschen Hafen.

Hafenleben

Dorfleben, das keines ist: Auch diese alten Reethäuser sind zu mieten.

Dorfleben

Überhöhte Zimmerpreise und – leider – diesmal ziemlich schlechtes Essen.

Gegen vier Uhr hatte ich endlich ein Bett in einer Pension gefunden.

Hunger: Dorschfilet gebraten mit hausgemachter Remoulade und Bratkartoffeln. 12,90 Euro.

Schmeckte wie zu groß geratene Iglu-Stäbchen. Nämlich nach nichts.

Butje gab mir dafür den Ratschlag, das Ganze mit zwei ausgepressten Zitronen zu würzen. Dann würde das wenigstens ein wenig nach Limonade munden. Witzbold! (Fast hätte ich ihm noch ‚was in den Schädel gerammt!)

Unterkunft: Total überteuert.
Aber meine kleinen Begleiter schliefen gut. (Wenn auch Knut immer noch schnarchte. Wachte der denn nie mehr aus seinem Rausch auf?)

Kapitän Smut ist ein Hochstapler und bettelt sich durch bis Sassnitz

Ein windiger Tag kündete sich an. Die Bootsmasten der Segler im Peenemünder Hafen wippten wie alte Baumkronen und knarzten altersschwach. Das Gewitterlicht gab den Hochstapler und tauchte den ungastlich DDR-grauen Ort in etwas Farbe.

Großes Tor zur kleinen Welt

13 Euro verlangte der Bootsmann für die Überfahrt von Peenemünde zur Insel Rügen. Und ich blechte nochmal 13 Euro für Smut, der mich vor dem Steg angesprochen hatte. Er wollte seinen Sohn in Sassnitz auf Rügen besuchen. Doch ihm fehlte das nötige Kleingeld.

Smut – so nannten ihn die Matrosen auf der Fähre. Sie kannten ihn. Smut – so nennt man die Köche auf kleinen Schiffen, aber auch die Schmuddelkinder. Doch mein Smut behauptete, er sei früh-pensionierter Kapitän, dem nur die Ost-Rente nicht bis zum Monatsende reichte. Heute sei ja schließlich schon der 27. des Monats.
Noch ein Hochstapler am frühen Morgen.

Big Smut is watching you

Die Fähre legte um 9 Uhr ab und sollte gegen 11 Uhr in Göhren (Rügen) an der Seebrücke anlegen. Von dort wollte ich ins etwa 29 km entfernte Sassnitz wandern. Smut stöhnte schon jetzt. Er sei keine Landratte, fluchte er.

GPS-Gesamtstrecke bis 067

Die Fähre mühte sich durch das Flüsschen Peene zum offenen Meerausgang.

Peene penetriert offenes Meer

Aber kann man die Ostsee als Meer bezeichnen?
Das Schiff suchte fast schon verzweifelt befahrbare Fahrrinnen, so flach war die See.

Erst später dann Wellen, die Smut und mich schaukeln ließen, aber noch zu schwach, um mich an die Reeling zu treiben. Auch wenn mir ab und zu die Gischt aufs Gesicht und die Kameralinse spuckte (ich werde schnell seekrank).

Ostsee=Kaltsee

Kapitän Smut berichtete von seinen Abenteuern. Ich achtete nicht auf ihn. Trotzdem blieben mir ein paar Wörter hängen:
Schot, schalende Brise, Wind, der Wasser schuppt, Backskiste, Peilbaken, Kühlungsborn, Schiebeluke, Kadetrinne.
Was für ein Sirenengesang der Sprache. Wohlklingende, musikalische Wörter, die ich in meinem zerebralen süddeutschen Wörterbuch beim besten Willen noch nicht abgespeichert hatte.

Der Wind raute noch mehr auf. An den Stränden Rügens keine Badenden. Nur Frierende auf dem Landungssteg, mitten im Sommer und trotz Jack Wolfskins Outdoor Outfit. (Was für ein Siegeszug dieser Marke in Deutschland!)

Stürmischer Empfang

Bereits auf dem Landungssteg trompetete die DLRG aus den Lautsprechern, dass heute an diesem Küstenabschnitt Badeverbot herrsche – weil zu starker Wind – weil Lebensgefahr. (Wann hat eigentlich die Deutsche Lebensrettungs Gemeinschaft die ehemalige DDR als Bay-Watch Monopolist erobert? Und wer gibt ihr irgendein Recht, irgendetwas zu verbieten?)

Von Göhren nahm ich den Höhenweg entlang der Steilküste (so nennt sich das hier, auch wenn es kaum HUNDERT Meter hochgeht).

Sandige Steilküste

In greifbarer Ferne bereits die Seebrücke von Sellin mit ihrer Taucherglocke!

Badeverbot wg. Sturmwarnung

Das Seebad selbst eine Augenweide. Holztreppen, die die Besucher wie in einer Gala-Show gut gelaunt nach unten schweben ließen.

Prachtvoll

Strandkörbe, die niemanden erwarteten, die sich nur für einen Augenschmaus aufstellten.

Suchbild

Und die Strandgesellschaft langweilte sich ein wenig mit dem Kinderchor, der gleich in der Kurpark-Muschel auftreten durfte/musste/sollte.

In Erwartung des musikalischen Grauens

Schon nach ein paar Kilometern legte Kapitän Smut seine Pfeife weg, schnaufte demonstrativ und setzte sich zur Rast. Von dem bisschen Laufen schien er wie im Zeitraffer gealtert.

Nach zwei Stunden am Strand entlang, bog ich einmal kurz ab. Hinter Bäumen versteckt lag der kilometerlange Häuserkomplex Prora.

KDF, NVA, DDR, BRD

Von den Nationalsozialisten hingeklotzt als KdF-Ferienheim für 20 Tausend Gefolgsleute. Später von den Russen und der NVA übernommen. Mittlerweile weitgehend zerfallen, bis auf ein paar Jugendherbergs- und museale Inseln.

Neutral = Nicht Negativ

Das Plakat behauptet, die Ausstellung über die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR sei „neutral“ und nicht „negativ“.
Denn Sinn dieser Worte verstand ich nicht.
Kein Mensch, der sich mit Geschichte, Politik oder Zeitgeschehen auseinandersetzt, kein Ausstellungsmacher und kein Journalist dieser Welt, der auch nur ein Funken kritisch sein will, kann gleichzeitig „neutral“ sein. Immer hat er einen gedanklichen archimedischen Punkt, von dem aus er die Verhältnisse (Unrecht, Unwahrheit) aushebeln will.

Ich musste mich entscheiden, entweder die Ausstellung zu besuchen oder mein heutiges Ziel (Sassnitz) nicht zu erreichen. Es war schon 16 Uhr und ich hatte immer noch drei bis vier Stunden zu marschieren.

Ich ging weiter. Mit einem immer lauter stöhnenden Kapitän Smut an meiner Seite. Nur die schönen Plakatjungfrauen, die jeden Abend in die größte Diskothek Rügens einluden, konnten ihn ihm – vorübergehend – ein gewisses Hochgefühl erzeugen.

In ist = Wer drin ist

Ein Motorradrowdy vertrieb uns mit lautem Motorengeheule von der Straße.
Nichts ist unmöglich in dieser Gegend. Ein junger Schwede fuhr mit Eisernem Kreuz durch ehemaliges Nazi-Gelände. Auch ein Bekenntnis! War das normal hier?

In ist = wer mit Eisernem Kreuz durchs ehemalige KDF Gelände der Nazis fährt

Gegen halb acht endlich Sassnitz erreicht. Geduscht, Zähne geputzt und wieder angezogen in weniger als 5 Minuten. Und ab an den Hafen, auf der Suche nach einem Esslokal.

Sehnsuchtsort

Schon beim Fotografieren war mir klar: Das wird ein Bild der Sehnsucht.

Warum nur funktioniert die Blaue Stunde so gut als Sehnsuchtserzeuger? Und noch mehr die Vintage-Fotos, die auf alt und vergilbt gemachten Bilder, als seien sie von vielen Händen über Jahrzehnte speckig gegriffen worden?
Warum liegt die Sehnsucht immer im Vergangenen und nicht in der Zukunft?
Warum kann man Utopie nicht fotografieren?

Durst:
Störtebeker Pils: 3,90 Euro (0,5 l).
Stolzer Preis – aber auch klasse Bier. Endlich mal wieder ein Regionalbier! Brauerei sitzt in Stralsund (seit 1827) und versorgte früher fast exklusiv die mondänen Seebäder Rügens.
Deutlicher Hopfengeschmack, eine Spur zu bitter. Aber ein Bier mit Eigenart, das leicht unter der Masse der industriellen Gerstensäfte herauszuschmecken ist. Langer Nachhall!

Hunger:
Zanderfilet in Kartoffelkruste auf Orangen-Senf-Kohl mit Butterkartoffeln: 16,90 Euro.

Das Essen jeden Cent wert! Irres Geschmackserlebnis. Die Kruste knackig ohne den Fischgeschmack zu erschlagen. Der Orangen-Senf-Geschmack des Kohls dezent, aber spürbar. Verdammt gute Kombination.
Das Einzige, das nicht passte, waren die zusätzlichen Butterkartoffeln (mit Petersilie). Ich putze mit ihnen danach dennoch den Teller. Der blieb wie gespült zurück. Keinerlei Essensspuren!

Sogar Smut war gut drauf, bestellte sich auf meine Rechnung ein Bier nach dem andern und lutschte noch den Schaum aus dem Inneren des Glases.

Noch lange in der Nacht gesessen!

Unterkunft 50 Euro (Mit Hafenblick! und Frühstück).

Knut schlief immer noch seinen Rausch aus, die zweite Nacht in Folge