Vergeltungswaffen, Zwiebelsuppe und Deutsche Soldatenfriedhöfe zum Abendessen in Dassow

Brüder zur Sonne zum Bier!

Richtig geärgert habe ich mich. Über mich selbst! Den ganzen gestrigen Tag bin ich durch die Altstadt Wismars geschlendert, habe bei Trödlern und Souvenirhändlern nachgefragt, ob nicht irgendwer ein DDR-Andenken, eine Plakette, eine Honecker-Büste, eine FDJ-Devotionalie oder ein Geldschein im Angebot habe. Nichts!

Wie verschwunden das DDR-Andenken.

Und dann laufe ich beim Verlassen Wismars an einer Kneipe mit dem Namen „Volkskammer“ vorbei, die bis an die Decke mit allem Tand zugekleistert war, den der DDR-Sozialismus je hervorgebracht hat.
Niemand hatte mir einen Tipp gegeben.

Fluchtkoffer mit DDR-Währung

Ab 9 Uhr war Wandern angesagt. Ziel war, in die Nähe von Travemünde zu kommen. Gepackt habe ich es bis Dassau. 41 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 079

Mir war klar, dass es mein vorletzter Tag auf ehemaligem DDR Gebiet war. Ich wollte ein wenig über die Wiedervereinigung nachdenken, über immer noch bestehende Unterschiede, Missverständnisse, Unverständliches, Narben. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, es gelang mir aber nicht. Meine Knie, meine Beine funktionierten, mein Kopf keineswegs. Er kam nicht in Gang.

Ich marschierte größtenteils auf Fahrradwegen, die wenig befahrene Straßen begleiteten. Ich wunderte mich, dass immer wieder getunte Opels an mir vorbei rauschten.

tiefer gelegt

Als ich Wohlenhagen an der Ostsee erreichte, wusste ich warum: Jahrestreffen der Opel-Fan-Vereine!
Tausende (im Ernst: Tausende) Mantas und Opel-Popel waren wie auf einem riesigen Campingplatz wie glitzernde Blech-Perlen nebeneinander aufgereiht.

Das Chassis niemals höher als die Grasnarbe

Die Fahrer und Beifahrer teils tiefer gelegt als ihre Karren.

Gemeinsam durch Dick und DÜnn

Der Aufbau Ost floss bei diesen Jugendlichen ausschließlich in das Tuning.
Einen Manta (war das ein Manta?) mit Flügeltüren hatte ich jedenfalls noch nicht gesehen.

Opel verleiht Flügel

Radkappen, Ablagen und Steuerknüppel aus Katzengold.

Golden Trophy

Schade, dass ich Musik nicht fotografieren kann. Aus diversen Lautsprechern dröhnte prollige Tussi-Busen-Arsch-Musik. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Fans damit nicht selbst verballhornten oder ob das das tatsächliche Niveau beschrieb. Assi-Toni lässt grüßen.

Deswegen gibt es Keinohrhasen, weil Opelaner die Löffel geklaut haben.

Ich verließ jetzt die Küste und lief landeinwärts Richtung Klütz. Mein Reiseführer versprach einen Ort der Ruhe und die schönste Barockanlage Norddeutschlands.
Mag stimmen, aber als ich ankam, war das Schloss komplett eingerüstet, ein Teil des Parkes umgegraben. Pech.

Entschädigt wurde ich auf dem weiteren Weg durch schöne, fast liebliche Kulturlandschaft.

Kultur=Landschaft

Landschaft=Kultur

KUH-Ltur

Als ich die Kühe auf mein digitales Zelluloid bannen wollte und nach einem Filter wühlte, entdeckte ich IHN in meiner Hosentasche!

Alle Alte Schweden heißen „Alter Schwede“

Ich fragte den Alten Schweden, was das solle, wieso er sich in meiner Hosentasche versteckt hatte?
„Wie soll ich mich sonst aus Wismar fortbewegen. Ich habe ja schließlich keine Beine!“
Er benutzte mich also als sein Wirtstier, das ihn durch die Welt tragen sollte.

Ich packte ihn wieder ein und lief noch stundenlang weiter bis die Sonne verschwand.

Hin und wieder wollte der Alte Schwede raus aus der Tasche. Nörgelte schrecklich. Hatte einen Kommandoton, wie ihn nur ein Alter Schwede haben konnte. Ich setzt ihn daraufhin auf eine Schnecke und drohte ihm, ihn mit seinem Transporttier allein zu lassen. Vielleicht käme er so in einigen Jahren an sein Ziel.

Mein Ziel Dassau erreichte ich gegen halb acht Uhr. Ein kleiner Ort in einer winzigen Bucht, an dem der Ostseeboom bisher vollständig vorbeigegangen ist.
Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Pension. Und auch ein offenes Restaurant. Das einzige.

Hunger: Dassauer Fischsüppchen. 5,90 Euro.
Ausgesprochen feiner Geschmack.

Das Hauptgericht Steak (ich hatte zum ersten Mal wieder Fleischhunger) war nicht der Rede wert.

Als ich das Gasthaus fast schon verlassen wollte, hatte ich eine ungewöhnliche Begegnung.

Ein älterer Herr, der sich trotz Gehstock sehr wackelig bewegte, fragte, ob ich er sich an meinen Tisch setzen könnte.
Er hieß Jan. Er war Belgier, 84 Jahre alt, sprach ausgezeichnet Deutsch, lebte seit zwei Jahren in einem Altersheim in Antwerpen und hatte sich vor zwei Tagen kurzentschlossen ein Auto gemietet, um nach Peenemünde in Usedom aufzubrechen. Er wollte unbedingt das Museum mit der V1 und V2 Rakete besuchen.

Das waren Waffen, die mich fast getötet hätten!

Jan war ehemaliger Architekt. „Kein Künstler“, sagte er, „ich bin praktisch. Zuerst der Zweck, dann die Schönheit!

Seine Tochter fand, er sei zu alt und gebrechlich, um so eine lange Reise allein zu unternehmen. Mehr als 900 km.

Doch Jan hatte sich durchgesetzt. Er wollte ihr und sich beweisen, dass
er das noch konnte. Außerdem wartete er noch auf die Antwort auf eine Frage, die er sich seit bald 70 Jahren stellte.

„Vergeltungswaffen“

Ich habe sie fliegen gesehen, wie ein Mini-Flugzeug sah sie aus: die Vergeltungswaffe 1. Als sie das erste Mal in Antwerpen einschlug (1943?), wusste niemand woher sie kam. Wie kann eine Bombe auf die Stadt niedergehen, über die kein deutsches Flugzeug geflogen war?
Erst langsam lernten wir, dass das eine neue Waffe der Deutschen war, ein unbemanntes Flugzeug, das gleichzeitig Bombe war. Immer und immer wieder schlug sie in Antwerpen ein.
Ich war 16 Jahre. Trotz der Gefahr, die von der V1 ausging, ich wollte sie fliegen sehen. Fasziniert habe ich ihren Lauf verfolgt.
Beinahe hätte sie mir den Tod gebracht. Ich wollte in keinen Bunker und wenige hundert Meter von meinem Platz entfernt, von dem ich den Himmel beobachtete, schlug sie wieder ein. Splitter, Steine, ein Knall. Mir war nichts passiert.

Später kam die Vergeltungswaffe 2 dazu. Eine Rakete. Mit ungleich höherer Sprengkraft. Meine Schwester ist richtig traumatisiert von ihr. Heute noch. Die V2 erzeugte immer zwei Explosionen.
Die erste, wenn der Sprengkopf mit aller Wucht einschlug und detonierte. Die zweite unmittelbar danach. Sie kam aus der Luft, aus dem Himmel. Die Treibstofftanks der Rakete explodierten über der Stadt. Dieses Geräusch war es, das meine Schwester hysterisch werden ließ.

Bis heute stelle ich mir die Frage, wie schafften es die deutschen Ingenieure damals, mit einfachen Mitteln erst die fliegende Bombe V1 und dann die Rakete V2 ins Ziel zu steuern?

Deswegen wollte Jan also ins Museum nach Peenemünde. Er wollte sich Gewissheit verschaffen, auf welch technischem Niveau die Ingenieure um Wernher von Braun 1943/44 gewesen waren.

Ich fragte ihn, ob er die Deutschen hasse?

Nein“, seine knappe Antwort, „aber das ist eine lange Geschichte“.

„Schwäbische Zwiebelsuppe“

Als die Deutschen sich in Belgien auf die Angriffe der britischen Invasionsarmee vorbereiteten, gruben sie sich in unseren Feldern ein. Kilometerlang buddelten sie Schützengräben aus.

Das Haus meiner Schwester war von den Deutschen beschlagnahmt worden und meine Schwester musste für sie kochen. Unter den Deutschen befand sich ein Schwabe, er kam aus Stuttgart. Beim Ausheben der Schützengräben hatte er immer und immer wieder reife Zwiebeln auf seiner Schippe. Er brachte es nicht fertig, sie alle wegzuwerfen.

So kam er eines Tages mit einer Tasche voller frischer Zwiebeln zu meiner Schwester und bat sie, für ihn eine Zwiebelsuppe zu kochen. Wir kennen das eigentlich nicht in Belgien. Aber er brachte es meiner Schwester bei.
Seitdem isst unsere gesamte Familie immer wieder Zwiebelsuppe.

Wenn meine Schwester vom Ursprung dieses leckeren Gerichtes erzählt, muss sie stets weinen – heute noch. Wir wissen nicht, ob sie wegen des Schwaben weint oder wegen des Zwiebelschneidens. Sie verrät es uns nicht.

Ich fragte Jan, ob er Flame sei.
Ja“ antwortete er, „aber das tut nichts zur Sache. Die Flamen standen damals auf der falschen Seite.

Jan erzählte einfach weiter.

„Deutsche Soldatenfriedhöfe“

Dort, wo ich wohne, gibt es viele Soldatenfriedhöfe. Der britische ist sehr pompös. Jedes Jahr kommen englische Veteranen, blasen Trompete, machen Zinnober.
Wir haben einen französischen und belgischen Soldatenfriedhof. Der schönste aber ist der deutsche. Ich glaube sogar, es ist der größte deutsche Soldatenfriedhof außerhalb Deutschlands. Ein ästhetischer Ort. Einfach, direkt, würdig, sehr gut gepflegt.

Jedes Jahr im Herbst laufe ich durch die Anlage. Ich will dann in Ruhe über den Krieg nachdenken. Krieg ist schrecklich. Immer.

Ich sah Jan lange ins Gesicht: Schöne wache Augen, eine Stirn mit erstaunlich wenig Falten, die Mundwinkel spöttisch angezogen, die Lippen schmal. Ein Mann, der viel Sympathie aussandte.

Ich fragte Jan noch einmal, warum er denn die Deutschen nicht hasse?
Er antwortete nicht.

Stattdessen verabschiedete er sich von mir, griff mit der rechten Hand seine Gehhilfe und stützte sich mit der Linken auf den Stuhllehnen, um die Balance beim Gehen nicht zu verlieren.

In den folgenden Tagen kaufte ich die Ostsee-Zeitung und las aufmerksam die lokalen Unfall-Nachrichten. Keine Meldung über einen verunglückten Belgier!
Ich atmete auf.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Schwierige Entscheidungen bis Ueckermünde

Ein schwieriger Tag mit schwierigen Entscheidungen.
Abbrechen, weil das Knie einfach nicht mehr mitmacht? Noch einmal versuchen?
Ich entschied mich zunächst fürs Versuchen.
Also los, morgens um 9 Uhr. Richtung Ueckermünde. Deutlich über 35 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 062

Das Wetter unentschlossen, mal sprühte eine Wolke etwas Regen nach unten, mal brach die Sonne für Sekunden durch.
Kalt war es geworden. 10 Grad schätzungsweise.

Größtenteils lief ich eine viel befahrene Landstraße entlang. Mit Absicht hielt ich mich in der Nähe von Dörfern auf. Ich wollte nichts riskieren.
Ein Storch schaute mir zu.

Adebar ist schwindelfrei

Die Siedlungen fast menschenleer.

Wenn Idylle nicht oft so langweilig wäre

Nach vielleicht 12, 13 km merkte ich, dass es nicht mehr ging. Nicht mein Herz, das Knie pulste.
Ich beschloss, nicht nach Norden weiterzugehen, sondern Richtung Pasewalk. Dort gab es einen Bahnhof.
Humpelnd versuchte ich mich eine Stunde mit Autostopp. Niemand hielt.
Also weiterlaufen.
Gegen 14 Uhr erreichte ich endlich das kleine hässliche Städtchen.

Buntes Grau

Eine halbe Stunde dann noch bis zum Bahnhof. Für die 19 km hatte ich 6 1/2 Stunden gebraucht.

Ich kaufte ein Ticket nach Ueckermünde. Ich war traurig. So kurz vor meinem ersten großen Ziel, musste ich zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen. Hilflose Gedanken schwirrten mit durch den Kopf. Ich schwor, auf meiner nächsten Etappe eine „Strafrunde“ zu laufen, um diese „geschenkten“ 25 km reinzuholen.

Im Zug fasste ich mich wieder. Freute mich auf das Hafenstädtchen.

Wettergebräu über der Uecker

An einem Fischstand kaufte ich mir ein Brötchen mit Rollmops. Es gibt so Tage! Ich biss rein – und mein Zahn fiel raus!
Der linke Schneidezahn – ein Stiftzahn. Natürlich war auch Wochenende und weit und breit kein Zahnarzt in Sicht.
What a shit: Knie kaputt! Zahn raus! Auge entzündet!
Ich brauche wohl bald ein Ersatzteillager.

In Ueckermünde ein Hotel genommen.

Durst: Ueckermünder Brauhaus (Stadtkrug) Bier. Selbstgebrautes im gleichnamigen Restaurant. Hatte einen seltsam künstlichen Nachgeschmack. Ob dieses Bier dem Reinheitsgebot folgte? Ich hatte meine Zweifel.

Zahnloses Bier

Essen: Rib Eye Steak mit Folienkartoffel. Steak war fein, gut gebraten. Aber deutlich überteuert.

Unverschämter Preis für verschämtes Steak

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

(Ueckermünde ist für so ein kleines Kaff extrem hochpreisig.)

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.

Von Fritzens (Junior) Bunga Bunga Burg bis zur (lebenden) Toten Stadt Sebnitz

Was für eine atemberaubende Sicht auf die Elb-Schleife und welch eine Riesen-Enttäuschung! Diesig! Ich wartete zwei Stunden, doch die Sicht klärte sich nicht! Im Gegenteil.

Ich, in einer der schönsten Gegenden meiner Wanderung (wenn nicht Deutschlands), und nun das!

Ein braun-verwaschenes-Unfoto!
Und die vielen schönen Tafelberge im Hintergrund: Unsichtbar!

Fischauge war wachsam aber trübe

Was scherte mich die Geschichte der Burg, auf der ich ausharrte. Nicht Einzigartigkeit, Pest-Kasematten, Verteidigungslinien, Besitzer-Wechsel reizten meine Aufmerksamkeit: Ich wollte wie ein kleiner zorniger Junge mein Foto! Meine Trophäe!

Nada!

Einzig Fritz (Junior) gelang es, meine eingetrübte Stimmung etwas aufzuheitern, als er mich frech ansprach.
Ob ich wirklich nicht hören wollte, welch frivole Spielchen er in dem Barock-Türmchen hinter ihm getrieben hätte?
Früher, als das noch nicht Bunga Bunga genannt wurde

Welche Trophäe hält er in seinen Händen ?

Er erzählte von Miedern, Leibchen, Liebestötern, Fesselspielen, kitzelndem Perückenpuder und aphrodisierendem französischen Parfum, von transparenten weißen Körpern und erotisch aufgemalten Muttermalen. Fritz Junior schwelgte.
Ich fragte ihn, ob seine heimlichen Burgfräuleins nur aufstiegswillige Noblessen oder auch Landpomeranzen gewesen seien, fesche Mädchen aus Böhmen. Und wer ihm überhaupt all die schuldigen und unschuldigen Seelen zugeführt habe? Gab es damals schon einen grenzüberschreitenden Prostitutionsring?

Bei diesem Wort zuckte Fritz Junior zusammen. Er entschuldigte sich, dass er nun doch etwas anderes zu tun hätte und schickte sich an zu gehen. Nur eine neugierige Frage, die ihn offensichtlich quälte, hielt ihn von seinem Vorsatz zurück. Er wollte wissen, ob er sich verhört habe, dass aus meinem Rucksack schöne wohlgeformte junge Frauenstimmen zu vernehmen seien.

Ich packte den Lüstling, steckte ihn zu meiner Entourage und setzte meine Wanderung fort.

12 Uhr Mittags war es mittlerweile geworden und ich hatte noch 20 Kilometer bis Sebnitz vor mir. Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz.

GPS-Gesamtstrecke bis 043

Und wieder übermannte mich der Zorn. Ich lief durch Caspar David Friedrich Landschaften, hatte die Mond-Malereien, das weiche Licht, das sich durch die Tannen bricht, die Tafelberge, Sandstein-Minarette und Herkulessäulen, die dunklen Kamine und verwitterten Schluchten vor Augen – und bekam den Dunst nicht los.

Wie Blei drückte er auf die Landschaft.

Fotos, die ich schoss, waren reine Frust-Bilder. Mein rechter Zeigefinger betätigte selbständig den Auslöser.

Taugt nicht mal für einen Scherenschnitt

Wie schön hätte das werden können, das erste zarte Grün!

Caspar David hat das besser gemalt !

Und wie zum Hohn brach sich am späten Nachmittag die Sonne Bahn (kurz zumindest), als ich den Nationalpark schon hinter mitgelassen hatte.

Bunte Republik

Früher, ich will damit sagen, als ich jung war, vor 30 Jahren: Also früher, da waren in Deutschland alle Häuser weiß und die Dächer entweder ziegelsteinrot oder pechschwarz.
Jetzt fiel mir auf, dass nicht nur hier in Sachsen, auch in der Oberpfalz, die ich zuvor durchwandert hatte, die Fassaden kunterbunt angemalt sind.

Häsuer in Mexikanisch Blau, in Christopher-Street-Gay Pink, in Zitronengelb, Holländer-Orange, Katholisch-Purpur und Evangelisch-Lila. Die Republik wird immer bunter!
(Die Leute reisen offenbar viel und weit und bringen Farben mit!)

Spät, noch schimmerte der Himmel ein wenig blau, fand ich ein Hotel am Marktplatz in Sebnitz. Eine Große Kreisstadt. Ich hatte mich gewundert, dass die Straßen menschenleer waren, als ich ankam. Und als ich das Abendbrot verschlang, war immer noch niemand zu sehen: draußen nicht.

Blaue Stunde ohne Menschen

Und drinnen genauso wenig. Niemand! Um es noch einmal deutlich auszusprechen: niemand!

Dass es mal jemand glaubt!

Ich fühlte mich wie in einer Totenstadt.

Durst: zur Abwechslung einen Wein. Ein Dornfelder aus der Pfalz. Wenigstens war er trocken! Was besseres kann ich leider nicht von ihm sagen. Nur: Fritz Junior störte das überhaupt nicht. Er wollte mir von seinen netten Erlebnissen in meinem Rucksack erzählen, von böhmischen Mädchen in Trachten und seltsamen russischen Puddings. Ich ließ ihn. Er war sichtlich angetrunken, plumpste kichernd in die Karaffe!

Hunger: Steak mit Kräuterbutter und Bratkartoffeln. War gut, aber völlig überteuert.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Links der Elbe nach bis nach Sächsisch Königstein

Manche werfen Geldmünzen in Trevi-Brunnen, andere ketten Schlösser an Flussbrückengeländer. Und alle wollen einen Traum nie zu Ende austräumen: „love that never ends“.

Angekettet

Aber wie viele dieser Geschichten von „Traummann“ findet „Traumfrau“ enden mit der ersehnten „Traumhochzeit“?

Wer hat den Schlüssel, wenn es auseinandergeht ?

Ein aufgebrochenes Schloss habe ich auf der Elbbrücke in Děčín nicht entdeckt. Was ich im übrigen normal gefunden hätte, dass irgendein(e) Nebenbuhler(in) eine kleine Voodoo-Hexerei versucht haben könnte. Wenn schon Magie, dann aber richtig!

Gegen 9 Uhr brach ich auf, vorbei an der beeindruckenden Auffahrt zum Stadtschloss.
Wenn schon die Liebe nicht unendlich sein kann, so treffen sich wenigstens zwei Parallelen im (fast) Unendlichen. Hier ist der bildliche Beleg:

Wirkt wie ein optischer Trick!

Der Weg führte mich 26 km entlang der Lame/Elbe bis nach Sächsisch Königstein.

GPS-Gesamtstrecke bis 042

Eine relativ leichte Tour, linksseitig die Elbe entlang. Nur noch selten Kleinindustrie. Ab und zu ein Lastkahn.

Gemütlich

Allerdings donnerten unentwegt Güterzüge vorbei. Wobei deutlich mehr Züge Ladung nach Tschechien transportierten. Die, die nach Deutschland fuhren, hatten ausschließlich Skodas auf den Waggons.

Endlich häuften sich auch die schönen Flussansichten.

Die Elbe schlängelt sich durch Sandsteingebirge und drängt Häuser an die Steilwände

Legoland ist nicht abgebrannt

Ich registrierte es nicht mehr, als ich die tschechisch-deutsche Grenze überschritt. Welch eine fantastische EU-Normalität!

Bad Schandau im Dunst lag bereits hinter mir.

Wer sagt, dass es nur am Rhein märchenhafte Landschaften gibt ?

Königstein mit dem markanten Tafelberg „Lilienstein“ (ebenfalls im Dunst) eine Stunde entfernt:

Das Ziel vor Augen

Gegen 16 Uhr stand ich im Zentrum des kleinen Städtchens. Das übliche Spiel begann: Zimmersuche. Zwei ausgeschilderte Pensionen hatten (für immer) geschlossen. Mehrere Unterkünfte reklamierten einen „Ruhetag“ für sich (es sei ihnen gegönnt!) und das einzige noch in Frage kommende Gasthaus schloss erst um 17 Uhr auf. Die Saison würde angeblich erst um Ostern beginnen, sagte der Wirt mir später halb entschuldigend.

(Seit ich laufe, renne ich irgendeiner Saison hinterher (oder voraus?). Erst der Winter- und Weihnachtssaison, jetzt ist es Ostern. Bin mal gespannt, wie das noch weitergeht.)

Durst: Wernesgrüner Pils (2,80 Euro (0,5l).)

Hunger: Königsteiner Festungsschmaus. (Drei Natursteaks mit Grillwürstchen, Speck und grünen Bohnen. Dazu Bratkartoffeln.)
War reichlich und ordentlich. (12,60 Euro.)

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).