Schleichenweg nach Vorderrieß

Ein fantastischer Tag kündete sich an.
Schon von meinem Hotelfenster konnte ich früh die Zugspitze sehen.

Kaum aus Garmisch draußen, türmte sich das Massiv komplett (mit Alpsitze, Zugspitze etc.) vor mir auf.

The heights of Germany

The heights of Germany

Mein heutiges Ziel: Vorderrieß im Isartal. Ca. 31 km zu gehen.

GPS-182-Garmisch

GPS-Gesamtstrecke bis 182

Abseits der viel befahrenen Bundesstraße schöne Dörfer.

Kamera mit automatischer Motiv-Suche

Kamera hatte auf automatische Motiv-Suche gestellt

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Hausfassaden mehr abzufotografieren. Die letzten zwei Tage waren der Overkill gewesen.
Aber Kitsch verführt doch zum Hinschauen.

Reizend oder Aufreizend?

Reizend oder Aufreizend?

Vor dem Haus stand Paule. Gestern war er auf dem Oktoberfest in München gewesen und hatte sich beim Fingerhakeln die Hand gebrochen.
Trotzdem hielt er eine Maß hoch und bot an, mich ins Isartal zu begleiten. Ich willigte ein.

Im Handumdrehen

Im Handumdrehen

Ich fragte Paule, warum hier die jungen Leute so anders seien als im Rest der Republik. Wieso sie sich mit Lederhose und Janker oder Dirndl genauso kleideten wie ihre Eltern? Warum sie klaglos die Familienbetriebe übernähmen, in den Wirtschaften kellnerten und Abends mit am Stammtisch säßen? Spielen sie nur Tradition? Oder hatten sie auch etwas davon? Wirtschaftlich vielleicht?

Paule verstand nicht recht, worauf ich hinauswollte. Ich vertagte das Thema.
Wir stärkten uns mit Weißwurst, süßem Senf, Brezel und einem Weißbier.

T182-Essen-02

Und zogen weiter.

Kein Gemecker

Kein Gemecker

Über einen kleinen Berg und schon war ich in einer anderen Gegend. Karwendel-Gebirge!

Bayerisch Idyll 1

Bayerisch Idyll 1

Diese Felsen musste ich umlaufen. Sie markierten ziemlich genau die Grenze mit Österreich.

Bayerisch Idyll 2

Bayerisch Idyll 2

Nach 4 Stunden schließlich in das Obere Isartal eingebogen.

Yosemite Bavariae

Yosemite Bavariae

Auf Hangwegen begleitete ich den Fluss, der hier – wenn nicht gerade Schneeschmelze ist – eher ein Flüsschen ist.

Auf nach München

Auf nach München

Paule brauchte immer wieder eine Pause. Er kühlte sich seine gebrochene Hand im Isarwasser.

T182-Paule-02-imp

Ich versuchte noch einmal etwas aus ihm heraus zu locken. Wollte wissen, warum Bayern so anders funktioniert? Warum es für viele junge Menschen hier selbstverständlich ist, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilzunehmen? Warum sie dem Hüttenzauber und Jodelquatsch nicht überdrüssig würden? Warum …. ?

Paule antwortete einfach nicht, trat dafür nach einer Schleiche am Wegesrand.

Schleich Di !

Schleich Di !

Der Wanderweg meist eine breite Sandstraße.

Yosemite Bavariae 2

Yosemite Bavariae 2

Selten kamen ein paar Radfahrer vorbei. Die Isar schwoll ein wenig an. Klitzeklar das Wasser.

Herbst blättert ab

Herbst blättert ab

Nach 9 Stunden, die zwar anstrengend waren, aber doch eher einem Spaziergang glichen, erreichte ich Vorderrieß. Kaum mehr als 3, 4 Häuser am Isarufer.

Der Weg ist am Ziel

Der Weg ist am Ziel

Aber einen Gatshof gab es, in den ich mich einquartierte.

Hunger: Krustenbraten mit Kartoffelsalat. Ordentlich. 9, 50 Euro.

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Paules Hand hatte sich nun gänzlich selbständig gemacht. Zapfte unablässig ein Bier.
Ich half ihm beim Trinken.

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Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Selbstportät mit Vogelscheuche unterwegs nach Carolinensiel

Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass es schneien sollte.
Es kam also nicht überraschend.

Wilhelmshaven tat es wenigstens gut: Die Stadt wechselte die Farbe von grau zu grauweiß. Immerhin.

Mein Hotel grenzte an die Fußgängerzone. Allerwelts-Allerlei-Architektur.
(Wer bringt endlich mal diese Städteplaner vor den Kadi?)

Graue Stadt geweißelt

Extrafrüh aufgestanden. Doch ich trödelte beim Frühstück (die redeselige Bedienung war schuld!), so kam ich erst gegen halb neun los. Es wurde gerade hell.

Mein heutiges Ziel: Carolinensiel. 38 km weit weg. Mir war klar, dass es verdammt anstrengend werden würde.

GPS-Gesamtstrecke bis 106

Rutschpartie. In und außerhalb der Stadt.
Die Gehwege meistens geräumt – und deshalb spiegelglatt! Matsch, der sofort überfror.

Gerade mit Schlangenlinien

Unterwegs langweilige Dörfchen, ab und zu mal eine wuchtige Friesenkirche.

Wuchtige Friesenkirche

Die Felder jetzt vogelleer. Dafür aber lustige Gestalten an Scheunen und auf der Flur.

KingKong vom Straßenbauamt

Mit Selbstauslöser schoss ich ein Foto von mir (Wer knipst mich sonst? Keine Menschenseele unterwegs!).

Selbstporträt

Irgendwann tauchte Hooksiel auf.

Hafen, weihnachtlich mit Puderzucker bestreut

Herausgeputzter kleiner Stadtkern.

Sagt man hier „schnuckelig“ ?

Mein Kreislauf bereitete mir Probleme, ich hatte letzte Nacht schlecht geschlafen, auf jeden Fall zu wenig. Ich überhitzte jetzt, das Atmen fiel mir schwer.
Ich beschloss, in eine Gaststätte zu gehen und eine kräftige Suppe zu essen. Obwohl mir eigentlich die Zeit fehlte.

Das Gasthaus: ein Traditionslokal, in dem es einen Stammtisch gab.
Um die Mittagszeit natürlich leer.
(Natürlich? Es war schließlich Samstag! Da wo ich herkomme sind die Stammtische an diesem Wochentag und zu dieser Uhrzeit besetzt!)

Brüder zum Bier zum Stammtisch

Äußerst eigenartig, dass in diesem gutbürgerlichen (was ist das eigentlich?) Lokal ein leicht bekleidetes Pin-up-Girl die Wand zierte.
Hier tritt bestimmt kein Katholik ein, um sein Samstagsbier zu leeren.

Brüder zur Sonne zum Strammtisch

Als ich das Restaurant verließ, rief mir jemand zu: „Ist er jetzt vorbei?
Wer? wollte ich erfahren.
Der Weltuntergang!

My friend!

Peer war Nachtwächter und hatte gestern den Auftrag erhalten, ein Boot im Hooksieler Hafen zu bewachen. Irgendwelche Spinner hatten herumgetönt, dass in der Nacht die Welt untergehen würde (Maya Hokusposkus); und ein paar weitere Esoteriker aus der Gegend – so behauptete der Besitzer – gedachten einen Kutter zu kapern, um ihn als Flucht-Arche zu benutzen.
Weder der Untergang kam vorbei, noch tauchten die befürchteten Spinner auf.

Ja, es ist vorbei! antwortete ich Peer und erlöste ihn. Ich packte ihn in meinen Rucksack (der immer schwerer wurde) und setzte meinen Weg fort.

Es würde ein langer Tag werden!

Schnee, Schneeregen, überfrierende Nässe, ständiges Rutschen auf den spiegelglatten Wander- und Fahrradwegen, Autos, die mich böse anhupten, wenn ich auf den Land-Straßen (die waren gestreut und nicht so rutschig) vor mich hinstapfte und schließlich die Nacht, die unerbittlich bereits am frühen Nachmittag das Licht ausknipste (Viertel vor fünf!). Ab und zu wiesen mir Auto-Scheinwerfer in der Dunkelheit den Weg nach Carolinensiel.

Dort schwamm mir ein beleuchteter Weihnachtsbaum durch den Alten Hafen entgegen.

Lichter Lametta

Ich muss furchtbar ausgesehen haben, als ich nach 38 Kilometern gegen 18 Uhr ausgemergelt, nass, durstig und hungrig an eine Hotelpforte klopfte.

Aber ich war stolz auf mich.

Durst: Jever Bier.
(Gesprochen „Jefer“! Im Friesischen ist ein „v“ ein „f“!)
Habe nicht gezählt, wie oft ich „Jefer“ bestellte.

Hunger: Cordon Bleu von Baby-Steinbutt. Gefüllt mit Räucherlachs und Käse, auf Rucola Spaghetti. Mit gemischtem Salat.
Teuer!

(Gut. Aber die Kombination passte eigentlich nicht wirklich: Parfümierte Spaghetti und Fisch harmonierten nicht.)

Peer machte sich derweil über die erzgebirgischen Nussknacker lustig.

Spaßvogel

Invasive Kultur!“ plapperte er.
Wo hatte er das aufgeschnappt?

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).

Pause in Rostock zusammen mit alter Rostocker Elite

Shanty in die Jahre gekommen

Ich dachte über den gestrigen Abend nach.

Beim Abendessen (besser Nachtmahl) hatte ich zum ersten Mal seit ich im Osten unterwegs bin einen Stammtisch als Nachbarn. Fast alles Honoratioren der ehemaligen DDR. Allesamt pensioniert. Um die 70. Nicht dass sie dem von der Geschichte verschluckten Regime hinterher trauerten.
Aber sie redeten seltsame Dinge. Es ging um das Bildungssystem Deutschlands. Sie meinten, es gehöre zentralisiert. Es müsste bundeshoheitlich werden. Es könne nicht angehen, dass Mecklenburg-Vorpommern schlechter beleumundet sei als andere Bundesländer. Und überhaupt sollten sich die Parteien einiger sein. Zuviel Streit schade dem Ziel.

Ich war nahe dran, mich einzumischen, zu erklären, dass das Wesen von Demokratie „Wahl“ sei, „Streit“ um den richtigen Weg, das „Suchen“ nach Alternativen, das „Opponieren“, mithin nicht das Konforme, Einheitliche, sondern das Schwierige, Tastende.

Dann sprachen die OPAS und OMAS von ihren Enkeln. Jeder/Jede glaubte mindestens ein Genie als Nachkommen zu haben. Und sie forderten Eliteschulen für ihre Liebsten. Dass sie sich nicht gemein machen müssten mit Minderbegabten.

Als sie gegangen waren, fragte ich die Bedienung, wer diese Rostocker Bürger gewesen seien.

Ehemaliger Chefarzt, Schuldirektor, Theaterchef usw..

Alte DDR Elite.

Sie haben gut gespeist.
Wie ich auch.

Das war gestern.

Heute irrte ich ein wenig durch Rostock.

Petri Kirche:

Horizont ist nicht immer gerade!

Am Abend mal einer Restaurant Empfehlung aus dem Reiseführer gefolgt.
Sehr erfolgreich!

Vorspeise: Gebratene Leber vom Zicklein (auf verschiedenen Blattsalaten).

Hauptspeise: Krebsnase mit Klösen von Hecht und Schlei. Dazu Ratatouille und gedünsteter Spinat (hab ich das richtig geschmeckt?). Exzellent gewürzt. Aber nicht immer eine Harmonie bildend.

Preis verrate ich nicht.
Ich hab‘ es mir verdient.

Mit GingGanzGut-Gefühl nach Gartz

Oder passes slowly

Nach drei Tagen Unterbrechung hatte sie mich wieder: die Oder.

Eigentlich sah ich aber nur Seitenarme und Kanäle. Der Weg führte am westlichen Rand der Oderauen entlang. Die Oder selbst und ihre Vogelwelt wurde nationlaparkgemäß geschützt.

Gegen 12 Uhr war ich vom Schwedter Bahnhof losgezogen.
Ca. 20 km hatte ich mir vorgenommen Das sollte bis Gartz reichen.

Das Wetter grau, meine Seelenlage auch.
Das linke Knie hörte nicht auf weh zu tun, nicht mal Voltaren konnte es überzeugen, einfach nur zu funktionieren.
Ich zweifelte, ob ich diese Tour zu Ende laufen konnte, freute mich über jede schmerzfreie Minute und autosuggerierte mir, dass es doch ganz gut ginge.

Gestärkt mit diesem GingGanzGut-Gefühl, fing ich wieder an, den Blick von mir (und meinem Knie) zu lenken und die Umgebung zu beobachten.
Es gingganzgut rund auf den Oderkanälen.
Wer immer auch Fahrerlaubnisse hatte, hinterließ im Minutentakt Bugwellen.

St.Tropez an der Oder

Einzig die Kormorane schien der Lärm der Bootsmotoren nicht zu stören, sie ruhten sich am Ufer nach ihren Tauchgängen aus.

Big in Japan

Stören ließen sich auch nicht die Fischer. (Wieso darf man eigentlich in einem Nationalpark angeln?)

Kleiner Stammtisch am Oderufer

Je mehr ich mich Gartz näherte, umso häufiger kauerten sie auf Sandbänken.

Und plötzlich glaubte ich, dass sich mir ein Rätsel gelöst hatte.

Seit ich in den neuen Bundesländern unterwegs war, hatte ich mir die Frage gestellt, warum es in den Dorfkneipen keine Stammtische gab.

Hier lag die Antwort: Der Stammtisch war draußen, an den Ufern der Bäche, Flüsse, Seen und Tümpel. Die Ossis waren Angler. Aber keine einsamen. Sie gingen zusammen, manchmal mit einer Kiste Bier, zu ihren Stammplätzen. Nur dort konnte man die Seele eines Ortes erkunden.

Ich hatte lange gebraucht, das zu begreifen.

Gartz lag vor mir im Nachmittagslicht.

Punktuell schön

Bis vor dem Krieg war Gartz ein wunderschöner Oderhafen.
Dann war auch hier die Front.
Die Stadt wurde zerbombt. 80 % der Substanz verloren. Nie wieder hat sich der Ort von diesem Kahlschlag erholt.

Verbliebene Größe

Gegen 17 Uhr 30 fand ich eine kleine Pension (Unverschämt der Wirt: Er wollte mir nur ein Doppelzimmer vermieten, obwohl nicht ausgebucht!).

Durst: Schneider Weiße (eines meiner Lieblingsbiere!) und danach ein niedersächsisches Pils: Wittinger Bier. Gut. Süffig. (Seit 1429 im Familienbesitz und damit wohl eine der ältesten Privatbrauereien Deutschlands.)

Hunger: Kasseler mit Ei und Bratkartoffeln (9,50 Euro)

So wie es aussah, so schmeckte es: grauenhaft. Die Karte gab aber nicht viel mehr her . Ich hätte dazu noch gewarnt sein müssen. Schon bei der Bestellung roch es penetrant nach zu altem Frittieröl.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Götter ist das schön! Der Dammweg nach Hohenwutzen!

30 Grad! In Tropenkleidung unterwegs! 4. Mai!

So far away so close to home

Mein Tagesziel: Hohenwutzen. 29 km entfernt. Immer auf dem Damm entlang. Gegen 9 Uhr aufgebrochen.

(Was für ein Ortsname: Hohenwutzen!
„Wutz“ bedeutet im Pfälzischen „Sau“ – auch im Märkischen? Also ein Dorf, das die „Hohe Sau“ ehrt? Bin ja schließlich gestern auch schon durch „Kuhbrücke“ gelaufen.)

Auf polnischer Seite geschützte Auenlandschaft, auf deutscher ebenfalls.

Natur als Gemälde

Zwei Nationen im ökologischen Gleichschritt. Ein gemeinsamer Nationalpark? Grenzüberschreitend? Zweinationenpark? Das wäre europäisch!

Die Tiere sind jedenfalls den Menschen schon voraus. Haben sich hüben und drüben heimisch gemacht.

Je länger der Tag, umso unfassbarer (für einen Städter!) war, was mir im Oderbruch vor die Kameraflinte kam. Auch wenn meine Optik nicht für Tierfotografie ausgelegt ist, habe ich einfach den Auslöser gedrückt. Erst mit Verzögerung begriff ich, dass ich nicht im Zoo war, sondern den Viechern in freier Wildbahn unglaublich nah kam.

Was für ein Lippenstiftrot, selbst die Fußnägel im gleichen Ton! Ist das eine Störchin ?

Störche sind einfach schöne Vögel. Sie staksen auch nicht, sie flanieren stolz. Ihr Flug ist atemberaubend.

Anmutiger als der lauernde, gleichförmige und bedrohliche Schatten werfende Flug der Greifvögel.

Ein Fischadler erschrak sich vor mir und flüchtete aus einem Baum, an dem ich kurz Rast machen wollte.
Die Kamera konnte ich gerade noch hochreißen. Schon war er weg.

Habe einigen Einheimischen später das Foto gezeigt. Sie versicherten mir, dass ich tatsächlich einen Fischadler auf Zelluloid (klingt komisch im digitalen Zeitalter) gebannt hätte. Dann wollten sie wissen, ob ich auch den Seeadler gesehen hätte, den größten Greifvogel Europas. Ich musste passen. Selbst wenn, ich hätte ihn nicht erkannt.

Isses nun ein Fischadler ?

Kiebitze schossen pfeilschnell an mir vorbei.

bulletproof

Und Schwärme von Schwänen. Schwanschwärme. Schwanschwemme. Wie jetzt?

Schwäne ohne Wagnermusik geht überhaupt nicht

Nicht nur in der Luft ging’s zu wie in einem Taubenschlag. Auch am Boden.

Hätt' ich heute Abend gern' auf der Speisekarte!

Götter, hätt‘ ich nur ’ne Flinte statt ’ner Spiegelreflex, ich hätt‘ mir um mein Abendessen keine Sorgen machen müssen.

Mit Thymian und Knoblauch ? Oder doch eher klassisch ?

Dann gab es ja auch noch den Mikrobereich. Den ich nur in einer Laufpause wahrnehme, wenn ich meine müden Füße im Gras ausstrecke.

69er Stellung ?

Ob die beiden Schmetterlinge eine Kamasutra-Stellung ausprobierten?

Welch schöner Politik freier Tag, dachte (und genoss) ich – bis ich ein paar Fischer traf.

Ich such' nach dem Wort: Prollige Lusuxusfischer? (Bin noch nicht zufrieden.)

Eigentlich sah ich die fishermen fast in jeder Flussbiegung. Egal, ob auf polnischer oder brandenburgischer Seite. Wo es ein wenig seicht und sandig wurde, saßen sie, meist in Tarnuniform. (Muss das Belegfoto unbedingt noch nachliefern!) Ich fragte einen, was die militärische Tarnung sollte, die Fische würden ja schließlich nicht zurückschießen? Er verstand den Witz nicht so richtig und meinte nur, dass sie eben nicht von „außen“ erkannt werden könnten (Polizei? FischScheinÜberPrüfer?)
Und dann legte er richtig los.

1) Dass seit der Wende alles bürokratischer geworden sei. Jetzt müssten sie fürs Angeln überall bezahlen – Lizenzen kaufen und so weiter.

2) Dass die Wessis überhaupt keine Ahnung hätten, wie paradiesisch es hier sei. Und auch schon gewesen war. „Alles eine Familie“!

3) Dass es viele gute Dinge gab in der DDR.

4) Dass die Polen – na ja (auf einmal wurde er vorsichtig) – eben so seien wie sie seien. (Welchen Reim soll ich mir darauf machen?)

5) Und überhaupt!

Jetzt hatte ich ihn doch noch einmal getroffen: Den Jammerossi! Ich hatte ihn schon lange vermisst.

Es war nicht mehr weit zu meinem Zielort.
Das Laufen tat mir mittlerweile weh. Bei irgendeinem fotoshooting mit vorbeifliegendem Vogel hatte ich mir das Knie verdreht.

Ich schaffte es aber noch bis Hohenwutzen.
(Muss unbedingt mal googlen, woher dieser Name kommt!)

Gegen 17 Uhr bekam ich mein erstes Berliner Kindl für 3,50 Euro. (Es gibt einfach keine regionalen Brauereien in diesem Landstrich, wie schade.)

Hunger: Heringsplatte mit Bratkartoffeln. (Rollmops, Brathering, Rotweinheringsfilet). 13,90 Euro.
Preis reichlich übertrieben. Aber die Heringe waren gut. Die Bratkartoffeln allerdings zu fettig (fast triefend).

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

(Jungs (und Mädels) – der Osten ist teuer!)

Pastorensöhnchen Achim will den wilden Frühling durchs Land tragen und predigt mich platt bis St. Marienthal

Es musste sein! Ich verabschiedete mich von meiner Rasselbande. Fast vier Wochen bin ich nun mit ihnen unterwegs und sie rumpeln dermaßen im Rucksack, dass ich sie fast nicht mehr (er)tragen kann. Also ging ich zur Post, kaufte mir einen Karton, packte meine Wintersachen (vorbei! vorbei! ) hinein und oben drauf  MY FAMILY.

Die Rotzjungs und -mädchen jammerten fürchterlich, aber ich beruhigte sie: Wir würden uns an Ostern wiedersehen. Zumindest Ostermontag würde auch ich Zuhause feiern.
Ich versprach, ihnen noch einige „Brüder und Schwestern“ mitzubringen. Ein wenig konnte ich sie damit zähmen und sie verabschiedeten sich freundlich.

They were not amused

Zurück auf der Post wog mir eine Angestellte das Paket: 3,7 Kilogramm, die ich weniger zu tragen hatte!
Mal gespannt, ob jetzt meine Knie abschwellen würden, sie waren schon bedenklich dick und schmerzten. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne meiner Kniekehlensehnenscheiden zu spüren.

Ich verließ gegen Mittag (endlich allein!) Zittau, folgte zunächst dem Bach Mandau, der am Stadtrand in die Neiße mündete.

Zwei Bächlein treffen sich

Neiße: Das klang nach Ostverträgen, ideologischem Kampf auf Spitz und Knopf im Bundestag um eine neue Ostpolitik. Und der Bach – mehr war es noch nicht – dümpelte so unspektakulär vor sich hin, dass ich lange auf meinem Weg gar nicht begriff, dass ich an der Grenze zwischen Deutschland und Polen entlang schlich.

Mein Tagesziel war das Kloster St. Marienthal bei Ostritz. Ca. 19 km entfernt. (Mehr ließen meine Knie im Moment nicht zu.)

GPS-Gesamtstrecke bis 047

Nur: Allein blieb ich nicht lange. Am Neißeufer, direkt unter einer Brücke, die nach Polen führte, fand ich den traurigen Achim.

Mit Angeln Brücken bauen

Ich erkundigte mich, was für eine Art Angel er in seinen Händen hielt.
„Keine Angel, das ist ein Blumenstil!“
Und wo ist die Blüte?

Der gelbe Blütenkelch war ihm abgebrochen und er konnte ihn nicht finden.
Achim war untröstlich, er hatte den Frühling ins Land hinaustragen wollen und stand nun mit leeren Händen da.

Ich nahm ihn mit.
(Was im Nachhinein ein Fehler war. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines berühmten Pastoren war und seinen Vater in der Kunst der Predigt (einer redet, alle hören zu) noch zu übertreffen trachtete.)

Die Neiße floss träge, was mir Zeit gab, einen kleinen Abstecher nach Dittelsdorf zu machen, ein Weiler mit für die Oberlausitz typischen Umgebindehäusern.

Schöner als in Werbeprospekten

Mit Stolz gezeigt

In einem dieser Wunderfachwerkhäuser wurstelte Herr Arnold vor sich hin. Ein Pensionär der galanten Sorte. Schmied in der vierten Generation und noch immer musste er täglich in seiner Werkstatt sein, auch wenn er nur noch „zum Vergnügen“ arbeitete.

Wunderwelt einer nie aufgeräumten Werkstatt

Herr Arnold erteilte mir eine weitere Deutschstunden-Lektion.

  • Nach dem Krieg gab es auch in der DDR urplötzlich keine Nazis mehr. Und nach der Wende auf einmal keine Kommunisten. Damit diese armen Burschen nicht völlig in der geschichtlichen Versenkung verschwänden, habe er sie an seiner Wand verewigt.

  • Zumindest die Jugend sollte sich dieser lupenreinen Herren noch erinnern. Aber das sei eigentlich zwecklos. Es gäbe ja keine Jugend mehr im Dorf. Alles weg in den Westen. Gleich nach der Wende. Seine eigene Werkstatt werde bald das Tor für immer zumachen. Auch sein Sohn wolle hier nicht arbeiten.
  • Ganz schlimm sei es in Görlitz. Die Hälfte der Bevölkerung sei abgehauen. Fast alle Jungen. Die Stadt sei wunderschön restauriert. Und die Regierung unternehme viel, damit die Wohnungen nicht zu teuer würden, um Familien in der Stadt zu halten. Jetzt kämen aber die edlen Wessi-Rentner und würden alles wegmieten oder gleich wegkaufen. Weil es ja so schön billig sei.

Weil Herr Arnold nicht wie ein Kind von Traurigkeit aussah, fragte ich ihn nach meinem Lieblingsthema. Warum es hier in den sächsischen Dörfern keine Stammtische gäbe?

  • „Doch!“, widersprach er, „die gab es“. Nicht in jedem Dorf, aber in manchem. „Wir hatten in Dittelsdorf mehrere Kneipen mit Stammtischen. Ein Stammtischbruder heißt bei uns SAUFSCHNAUZE und davon gab‘s ne Menge. Früher!“

Zum Schluss schenkte mir Herr Arnold noch einen kleinen Glücksbringer, ein selbstgeschmiedetes Mini-Hufeisen. „Weil wir ja so schön gesprochen haben“.

Ich bedankte mich aufrichtig, auch wenn mein Rucksack bereits wieder anfing, schwerer zu werden.

Die Neiße, die ich inzwischen wieder erreicht hatte, war ein bisschen breiter geworden, rutschte aber immer noch träge durch die (liebliche) Landschaft. Ein schöner Wanderweg lief parallel zur deutschen Uferseite (und damit auch zur polnischen).

Zahmes Friedensflüsschen

Beim Stichwort „polnisch“ fing mein Pastorensohn im Rucksack erneut an zu quasseln. Wie wichtig es sei, dass Grenzen überwunden würden und dass auch die Schlesier ….

Ich hielt mir die Ohren zu. Nicht schon wieder die Vertriebenen-Problematik. Gerade hatte ich das Sudeten-Thema hinter mir.

Der kahle Winterwald machte bald den Blick frei für St. Marienthal

Warum nur finden Äbte oder Äbtissinnen immer die schönst möglichen Stellen für ein Kloster ?

Bevor wir in das Heiligtum eintraten, entdeckte ich eine Klosterschänke außerhalb der Mauern und bestellte mir ein Hefeweizen. Zwar nicht von hier. (Die Klosterbrauerei war ausgelagert.) Dafür aus dem bayerischen Kloster Andechs. Spiritueller Genuss garantiert!

Allein, meinem Pastorensohn missfiel der Zwischenstopp. Er wollte gleich in das Kloster, auch wenn es ein katholisches war. Er trank (Protestant!) nichts.

Zisterzienserinnen bevorzugen dicke Mauern

St. Marienthal ist von Nonnen bewohnt, die dem Zisterzienser Orden angehören. Ein sehr zurückgezogen lebender Konvent.
Es ist das älteste ununterbrochen bewohnte Frauenkloster Deutschlands (seit 1234). Es hat ein Dutzend Kriege, die Reformation, Überfälle, Hochwasser, die Nazis, die DDR und den Unglauben überlebt.

In den Außengebäuden vermieten die Nonnen (ohne selbst aufzutauchen!) Zimmer für Wanderer, Pilger und Ungläubige wie mich.

Meine Unterkunft war in der ehemaligen Mühle (deren Mauern ebenfalls Jahrhunderten getrotzt haben).

Als ich eintrat und das kleine Plastiktütchen auf dem Bett sah, dachte ich unwillkürlich an Hotels in Lateinamerika, in denen selbstverständlich Kondome auf den Laken lagen.

Entsetzt (ob meiner blasphemischen Assoziation) schrie mein Pastorensöhnchen auf und spießte das Säckchen auf seinen Blumenstil – als Beweis, dass es sich nur um harmlose Gottschalk-Bärchen handelte.

Ohne meinen spaßfeindlichen Pastorensohn zog ich noch einmal los in die Klosterschänke.

Hunger:
Lammbraten nach Klosterart mit Kartoffelklößen. 9,80 Euro. Im Prinzip gut, gewöhnungsbedürftig war der geriebene Käse auf dem Fleisch. Hab‘ aber mit klösterlicher Milde darüber hinweg gesehen.

Unterkunft: 38 Euro (ohne Frühstück).

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Oskar bläst mir den Geburtstagsmarsch bis Breitenbrunn

Gottseidank liegt das Trommelfell einigermaßen geschützt

Das war unsanft, wenn auch gut gemeint. Schlag 7 in der Früh hatte sich Oskar an mein Ohr geschlichen und mir ein Ständchen trompetet. Oskar war, wenn auch reichlich jung, ein Erzgebirgs-Bergmann der alten honorigen Schule. Er wünschte mir zum Geburtstag „Glück auf!“

Was für ein schöner Gruß! Ich erinnerte mich, dass mir in den USA die Begrüßungsformel „You’re welcome“ das Land für immer sympathisch gemacht hat. (Egal wie oberflächlich es auch gewesen sein mag.)

Erster Blick nach draußen: Die protestantische Dorfkirche von Carlsfeld in Nebel und Sprühregen. (Obwohl der Wetterdienst anderes versprochen hatte!) Kein Geburtstagswetter.

Viele Kirchen sehen so zwiebelig aus - was ist das für ein Stil ?

Welch ein Unterschied die einfache Ansprache macht. In den katholischen Kirchen ist auf Latein ins Portal gemeißelt: „Tue Buße!“ Da kann man nur gebückt über die Schwelle schleichen. Auf den Portalen der griechischen Tempeln wird der Eintretende mit den Worten umschmeichelt: „Du bist willkommen!„. Was für ein Versprechen, das sofort gute Laune macht!

Glück auf“ – Ein GuteLauneGruß!

Er klang mir nach, noch als ich nach ausgiebigem Frühstück nach draußen aufbrach und den Kampf mit den (kleinen) Naturgewalten wieder aufnahm.

GPS-Gesamtstrecke bis 034

24 km war die heutige Strecke.

Erzgebirge: Aber es wird kaum noch Erz abgebaut. Die meisten Zechen sind geschlossen.

"Glück auf" wird hier nicht mehr gesagt

Oskar war ein wenig älter als 20. Seit seiner Kindheit hatte er in einem Bergmanns-Orchester gespielt. Er trug gerne die Parade-Uniform, auch wenn er in seinem zivilen Leben Klempner war. Er war Fan von Erzgebirge Aue und fand zur Zeit keinen Job. Er lebte von Hartz IV und Gelegenheitsarbeiten. Und er sprach nicht gerne. Er zeigte mir dafür ein Foto von sich: Er habe auch einmal für den Lafontaine ein Ständchen geblasen!

Ist das wirklich "der" Oskar?

Auf dem Rücken des Fastenberges: Johanngeorgenstadt. Nach dem Krieg wurde hier Uran abgebaut und die Umwelt ziemlich kaputt gemacht. Nach der Wende haben viele Betriebe schließen müssen, wer konnte, hat das Städtchen verlassen.

Plattenbauten verschönert

Auch ich wollte bloß schnell durch. Nur: Das Städtchen zog sich und zog sich. Die letzten Ausläufer in einem kleinen Tal.

Stadt ohne Herz

Direkt an der tschechischen Grenze.

First Exit: Asia Market

Vor dem Kreisel ist Deutschland. Hinter dem Kreisel beginnt Asien.

Der perfekte Supermarkt

Unfassbar, was diese Vietnamesen auf sich nehmen, um aus jedem noch so kleinen Grenzübergang einen großen Asia-Markt zu machen. Mit dem immer gleichen Sortiment.

Es gibt nur das, was der (deutsche) Kunde wünscht

Ich war froh, als ich endlich aus Johanngeorgenstadt draußen war.

Ich fragte Oskar, ob er wisse, warum so viele Städtchen, die ich im Vogtländischen und im Erzgebirge durchwandert hatte, kein wirkliches Zentrum hätten.
Er verstand meine Frage nicht.

Ich erklärte es ihm: Wenn ich in Ober- oder Niederbayern eine Unterkunft suche, steuere ich zielsicher den schon von weiten sichtbaren Kirchturm an. Daneben ist
a) der Marktplatz und
b) ein Landgasthaus. Das wichtigste Gasthaus des Dorfes.
In der Gaststätte gibt es immer einen Stammtisch und ich kann damit rechnen, wenigstens mit ein zwei Menschen sprechen zu können. Hier aber gab es das nicht. Die Kirchen weit weg von der Ortsmitte. Neben der Kirche kein Gasthaus. Und einen Stammtisch suchte ich bisher auch vergebens.

Ich wollte von Oskar wissen, ob das mit der Religion zusammenhänge. Ob die Protestanten nach der Messe (zumindest früher) nicht ein Bier trinken wollten?
Oskar schaute mich einigermaßen konsterniert an. Er hatte keine Ahnung.

Oder – bohrte ich weiter – hatte es mit der DDR zu tun? Stammtische sind politisch, sind manchmal wie kleine Versammlungen. War das nicht gewünscht?
Oskar war zu jung, um darüber reden zu können und wurde langsam auch mürrisch.

Oder war es eine Mischung aus allem: Protestantismus, die Deutsche Demokratisch Republik, der „freie“ Menschenansammlungen suspekt waren, und eigenbrötlerisches Bergvolk?
Ja„, sagte Oskar plötzlich, wie um die einseitige Diskussion zu beenden: „Bergvolk!“ „Die Erzgebirgler sind knausrig, sie geben nicht gerne Geld aus. Deswegen gehen sie auch nicht in die Wirtschaft„.

Wäre zumindest eine Erklärung, warum die wenige Kneipen, die es gibt, auch noch leer sind.

Ich bog von der Straße ab in einen Waldweg. Seit langer Zeit konnte ich endlich wieder einen richtigen Wanderweg begehen. Obwohl fast 700m hoch, lag hier überraschenderweise kein Schnee mehr.

Schland undenkbar ohne Wald

Nach einigen Kilometern sah ich meinen Zielort: Breitenbrunn. Herrlich an einem Hang gelegen.

Ankunft gegen 16 Uhr.

würd' das gerne mal im Sommer sehen

Durst: Mauritius-Pils (2,40 Euro (0,5l). Schmackhaft, sehr süffig. (Zwickauer Privatbrauerei. Seit 1859.)

Hunger: Die Speisekarte gab leider kein wirkliches Geburtstagsmenu her. Also wählte ich das Typischste: Rindsroulade mit Rotkohl und Kartoffelklößen. (8,50 Euro.) War so „la la“. Immerhin spielte mir Oskar noch einmal auf. Das entschädigte mich. Zum Schluss schmiss ich eine Blutwurz-Runde für meine Rasselbande.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Sie waren hellwach und verlangten nach mehr Kräuterschnaps

Kilometer machen bis Flossenbürg

Dritter Tag der neuen Etappe und kein Tag für schöne Fotos. Englisches Wetter.
Also nahm ich mir vor, mal ein paar Kilometer auf meinem Grenzgang zu machen. Dass es am Ende gut 41 km wurden, war nicht geplant. War sogar idiotisch. Ich kam an die Grenzen meiner Kraft. Aufgebrochen war ich um 9 Uhr in der Früh.

GPS-Gesamtstrecke bis 024

Nach Eslarn ging es noch relativ leicht. Ein bisschen Landstraße, dann ein Wanderweg durch den Wald, ein paar Lichtungen mit Einödhöfen. Nochmal Landstraße und schließlich das kleine Marktstädtchen. Reichlich heruntergekommen. Das eigentliche Ortszentrum: ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzuges gegen die Franzosen aus den Jahren 1870/71.

Wer ist der Krieger ? Tilly himself ?

So konnte man nur vor Hitler texten: "In Treue fest"

Sinnigerweise steht das Denkmal am Tilly-Platz. Tilly war ein (grausamer) katholischer Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.

Ich habe mich am Platz kurz hingesetzt und darüber sinniert, wieweit wohl die tatsächliche Erinnerung eines Menschen oder eines Dorfes/einer Gesellschaft zurückreicht. Wieso treffe ich auf meiner Wanderung so zahlreich Denkmäler für Ritter (Mittelalter), Feldherren (beginnende Neuzeit) und angebliche Helden (1. und 2. Weltkrieg). Ist in irgendeiner Form eines kollektiven Bewusstseins die Ritterzeit noch vorhanden? Oder ist es nur romantische Verklärung? Haben sich die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges irgendwo eingeritzt? In irgendein Vorbewußtes? (Wie die Angst der Deutschen vor der Inflation – was ja fast etwas Genetisches hat.)

Mein Opa (geb. 1903) erzählte mir einmal von seinem Großvater (mütterlicherseits). Der habe im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft. Was dieser erlebt hatte, darüber hatte er nur andeutungsweise gesprochen. Der Großvater des Großvater hatte einen wertvollen Säbel mit nach Hause gebracht. Die Waffe diente nachfolgenden Generationen lange als Geldanlage. Nach dem Ersten Weltkrieg habe, so erzählte mir Opa, seine Mutter sie aber schließlich versilbern müssen, um überleben zu können.

Wenn man so will, reicht meine persönliche Erinnerung (das direkt Erzählte) also bis 1870 zurück.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter sortieren und schlenderte noch ein wenig durch den Ort. Trostlos. Zahlreiche Gebäude mitten im Zentrum verlassen, Geschäfte heruntergekommen und geschlossen. Ein Ort zum Abbruch freigegeben.

50er Jahre Klinker ...

Aber die fetten Jahre sind vorbei

Gestern Abend in Schönsee saß ich noch kurz am Stammtisch mit ein paar netten Kerlen. Einer (ein Geodät) erklärte mir, dass in der Oberpfalz offiziell die Arbeitslosenstatistik gar nicht so düster ausschaue. In Wirklichkeit gäbe es aber so gut wie keine Jobs. Die Mehrheit müsse pendeln, oft bis nach Nürnberg oder Regensburg. Und viele denken dann schließlich ans Wegziehen, der Arbeit nach. Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien und der ehemaligen DDR ist wohl immer noch Zonenrandgebiet. Vergessen.

Ich zog ebenfalls weiter. Mehr oder weniger an der Grenze entlang.
Passierte wieder zahlreiche Wegkreuze. Einige lobten den Spender (sich selbst also) mehr als den Herrn, den sie zu preisen vorgaben.

Ehre klein geschrieben

Dann: ein fantastischer Ort für ein Wegkreuz!

Wer erkennt sofort, was das für Bäume sind ?

Nach 2 (?) Stunden gedankenlosen Laufens wieder ein Städtchen: Waldhaus. Ich sah den ersten Imbiss während meiner Wanderung. Täuscht meine Erinnerung oder gab es früher tatsächlich in jedem Kaff eine Fressbude – mit Currywurst, Hähnchen und Pommes?

Die hier war eine Dönerbude. Endlich ein Hauch von Leben im Dorf!

orientalisch bunt !

Auch in Waidhaus leerstehende Geschäfte und eine Schließung der skurrilen Art.

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Ich hatte vor, bis Georgenberg zu wandern und mir dort eine Unterkunft zu suchen. Es war schon später Nachmittag. Etwas zu schlafen fand ich allerdings dort nicht. Also beschloss ich – auch um den Preis, dass die Nacht anbrechen würde –  bis nach Flossenbürg weiter zu laufen. Das war immerhin ein kleines Städtchen. Es mußte dort etwas geben. Ich wußte, dass das Weitermarschieren weh tun würde. Es ging ziemlich bergauf.

Am Ortsausgang von Georgenberg ein altes Forsthaus (?) zum Verkauf – mit einem für die Gegend typischen Wandgemälde.

Schießt Robin Hood nicht auf Kreuze ?

Ich wüßte zu gerne, was die Auftraggeber solcher Kitsch-Schinken denken? Haben sie irgendeine Vorstellung vom Mittelalter? Welcher Wert soll hier vermittelt werden? ODER IST ES EINFACH NUR SCHLECHTER COMIC-GESCHMACK? Vielleicht lesen sie ständig irgendwelche Historienwälzer?

Auf dem Bergrücken ein paar kleine Ortschaften mit seltsamen Namen: „Hinterbrünst“ z.B..

Brünstige Hintern ? Was ist das ?"

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich das schon im Dunkeln dämmernde Städtchen Flossenbürg. Eisig kalt und mit einer heftigen Überraschung.

Dunkel, eisig kalt - aber spektakulär gelegen

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem einzigen Gasthof. Der war allerdings  zu. Nicht ein Restaurant oder eine Frittenbude gab es im Ort, wo ich wenigstens nach einem Taxi hätte fragen können. Nach fast 10 Stunden Laufen und 41 km Wegstrecke konnte ich nicht mehr. Ich wäre mit einem Taxi in die nächste Stadt gefahren, um irgendwo ein Hotel zu finden.
In meiner Verzweiflung klopfte ich an ein beleuchtetes Fenster eines Wohnhauses. Die Hausherrin (mit Kochschürze!!!; nach frischem Braten duftend!!!) zeigte sich besorgt, gab mir den Tipp, in den Hinterhof des Gasthofes zu gehen und zu klingeln. Manchmal mache der Besitzer doch auf.

Ich folgte ihrem Rat und das ersparte mir viel Ärger in dieser Nacht. Tatsächlich öffnete der Pächter, zeigte sich ob meines etwas verwirrten Verhaltens verwundert und erklärte, dass er sowieso um 20 Uhr die Vordertür aufgeschlossen hätte. Dann nämlich kämen die Mitglieder des Schützenvereins, die ihre Jahreshauptversammlung bei ihm abhielten.

Die Auflösung: Der Gasthof öffnete seine Pforten nur noch zu wenigen Anlässen (für Auswärtige nicht erkennbar) und ich hatte Glück, noch ein warmes Bett zu finden.

Riesendurst!! Einige Helle Mönchsbräu. (Mein Urteil bestätigte sich: Äußerst süffig und mit einer eigenen Note.) 2,20 Euro.

Hunger: Zwiebelrostbraten mit Pommes (Ich schweige lieber / kann verstehen, daß alles aus der Gefriertruhe kommt und nur kurz zubereitet wird. Ich war viel zu dankbar um zu meckern). 8,50 Euro.

Ging runter

Ich fragte den Wirt, warum denn bei dieser spektakulären Lage des Dorfes mit der über allem thronenden Burgruine keine Touristen bei ihm anklopften. Ich wollte wissen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß Flossenbürg im Dritten Reich Standort eines Konzentrationslagers gewesen war und die Leute deswegen nicht kommen wollen?
Seine knappe Antwort: „Wahrscheinlich!“

Also doch so etwas wie kollektive Scham?

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).

Muck will nicht nur bis Neuschönau mit mir wandern

Tag 13 meiner Wanderung.

Habe mich längst daran gewöhnt, unterwegs niemanden zu treffen, mit keiner Seele zu sprechen. Genieße es sogar. Die Zeit ist einfach nicht danach: Zu nasskalt, zu unfreundlich. Deutschland im Winter eben. Abends mit ein paar Stammtischbrüdern das Immergleiche bequatschen ist okay. Wenngleich komischerweise nie über Politik gesprochen wird. Finanzkrise weit weg.  Da, wo ich gerade herumtappe, sind die Menschen mit sich eins. Obwohl gar nicht so weit entfernt von der Tschechischen Grenze, spüre ich überhaupt nichts von einer anderen „Färbung“ in der Mentalität. Alles ist echt niederbayerisch, langsam, verdruckst, ehrlich. Wenn ich mal auf einer Straße laufen muss, sehe ich nie tschechische Kennzeichen. Deutscher/Deutsche Mann/Frau ist hier unter sich – und wartet auf Weihnachten und auf die Touristen. Ich empfinde keine Heile Welt, sehe, dass hart gearbeitet wird (besser: höre, wenn abends in der Wirtschaft über das tägliche Geschäft gesprochen wird: Preise für den Ster Holz, den Quadratmeter Fliesen, den Reifenwechsel, den Hektar Land, sogar für die Weihnachtsgans). Frauen kommen nur in die Wirtschaft mit Familie oder in (Weihnachtsfeier-)Gruppen. Die meisten singen dann (Kirchenchöre scheinen hier das Nonplusultra der Unterhaltung zu sein). Die niederbayerische Kneipe ist männlich und ziemlich dickbäuchig.

Apropos Bauch: Meinen Wampenansatz hab‘ ich längst verloren. Der Körper weiß, woher er die Energie nehmen muss und saugt mir das Fett von den unteren Rippen. Gut so. Noch eine Woche mehr und ich hab mein altes Kampfgewicht wieder!

Das geht umso schneller, je mehr ich Wanderwege laufe, die entgegen den Verheißungen der Prospekte nicht Winter-geräumt sind. Schön, in zugeschneiter Natur zu laufen, aber auch heftig anstrengend.

Blauer Weihnachtsmann stapft durch den Wald

Seit Tagen das gleiche Bild:  Stämme im Schneenebeldunst samt Nieselregenschleier. Laufe durchschnittlich auf einer Höhe zwischen 800 und 900 Metern.

Ein Wald ist eine Ansammlung von Holz

Ich hatte mir wieder eine etwas kürzere Tour ausgesucht. Von Mauth nach Neuschönau. Eigentlich nur um die 12 km. Ich legte aber noch einen drauf. Das Seltsame ist mittlerweile: Unter 20 km fühle ich mich unterfordert. Eigentlich bescheuert, aber mein Körper will einfach weitergehen. Ich habe nie etwas zum Kauen dabei, manchmal vermisse ich etwas Wasser. Aber in der Regel frühstücke ich sehr gut und nehme erst am Abend wieder Nahrung und Flüssigkeit auf. Hab mich so programmiert.

GPS-Gesamtstrecke bis 013

Unterwegs im Weißflimmern (hab‘ dummerweise keine Sonnenbrille dabei und manchmal das Gefühl, ich würde schneeblind), sah ich erneut etwas Rotes, halb Erfrorenes. Natürlich dachte ich wieder an einen Nikolaus (Nikolaus-Leichen pflastern meinen Weg). War aber nicht. Er war ebenfalls rot und weiß, aber ein Nussknacker. Ein klassischer. Steckte in einem zugeschneiten Ameisenhügel fest. Er schaute dämlich drein (vielleicht schlurften ja gerade Ameisenweibchen an seinen Sohlen und sie brannten ihm ein wenig).

Zur Abwechslung mal kein erfrorener Nikolaus

Gut. Auch ihn befreite ich. Allerdings wollte ich wissen, was er hier treibe. Schließlich käme er doch aus dem Erzgebirge. Er widersprach heftig. ER sei das Original und die Nussknacker aus dem Erzgebirge nur billige Kopien. Die dortigen Schnitzer seien allerdings geschäftstüchtiger gewesen. Sie hätten schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass mit geschnitzten Spielzeugen und Nussknackerfiguren gute Taler zu verdienen waren. Aber geboren sei er hier. Im Bayerischen Wald. Er habe gehört, dass ich Richtung Norden wandere und er würde sich mir gerne anschließen. Er möchte endlich diese Plagiatoren kennenlernen. Wie er denn heiße, wollte ich wissen. „Muck“ sagte er sehr bestimmt.

Okay. Meine Familie wuchs mit jedem Tag.

Im Wald: Wenn ich zurück blickte, sah ich meine Fußstapfen. Wenn ich nach vorn schaute, sah ich Wild-Stapfen (Fährten). Hier muss ein reger Nacht-Verkehr herrschen.

Wär ich Lederstrumpf

könnt ich Fährten lesen

O James Fennimore, was hätt‘ ich dich jetzt gerne im Gepäck. Wie bewundere ich dich!

Allmählich näherte ich mich meinem Ziel: dem Dörfchen Neuschönau. Die Wege wurden einfacher, manche waren sogar zertrampelt (trotzdem niemandem begegnet – scheinen Geister gewesen zu sein).

In Dorfnähe wurde der Weg einfacher

Es war so um die Mittagszeit, vielleicht halb eins. Aber dann stiefelte ich zufällig bei dem Freigehege des Nationalparks vorbei. Eine Art Zoo in natürlicher Umgebung. Ich wollte endlich mal ein wildes (gefangenes) Tier fotografieren. Und folgte dem Rund-Spaziergang – 7 km. Hatte jedoch nicht viel Glück. Bekam z.B. den Luchs nur von weitem zu sehen.

Noch zu weit entfernt (selbst für ein 400er Tele)

Ich beschloss, am nächsten Tag eine Wanderpause einzulegen und wieder zu kommen. Gegen vier Uhr suchte ich mir eine Unterkunft. Das Gasthaus war weihnachtlich geschmückt. Komischerweise hatte ich bisher (in diesem so katholischen Landstrich) kaum etwas von der Adventszeit mitbekommen. Hier brannten die Kerzen und Kränze und auch beinahe mein kleiner Muck.

Ich befreite ihn aus dieser misslichen Situation. Kühlte seinen Kopf mit etwas Bierschaum.

Durst: Hacklberg Helles (2,60 Euro).

Hunger: Rehkeule in Wildrahmsauce mit Speck-Rosenkohl und Kroketten. Sehr gut (wenn auch offensichtlich aus der Mikrowelle). Besonders gelungen der Rosenkohl, bissfest, guter Geschmack, Speck richtig dosiert. 12 Euro.

Unterkunft: 35 Euro.

Nachtruhe (ist eigentlich ein Euphemismus: Die Rasselbande hält mich ganz schön lange wach).