Zum Himmel über Berchtesgaden

Blau ist er nicht: der Himmel über Ramsau.

Himmelsdach

Himmelsdach

Auch nicht voller Putenengel und Bergfeen.

Kleiner als gesehen

Kleiner als gesehen

Er wirkt eher schmerzerfüllt, leidend, gequält. Nicht wirklich ein Paradies. Würde ich gerne in den Ramsauer Himmel wollen?

Größer als gedacht

Größer als gedacht

Unten auch nicht besser. Da liegt eine Leiche! Einfach so an der Straße.

Täglich laufen an ihr Dutzende Kinder vorbei. Warum werden sie nicht traumatisiert? Ist das christliche Leiden derart als Puppenspiel akzeptiert, dass der tägliche Anblick eines gefolterten Menschen nicht einmal ein kleines Kind aufregt?

Auch Knirpse durchschauen also den Theatereffekt der katholischen Inszenierungen?

Größer als winzig

Größer als winzig

Merkwürdiges Ramsau.

Schon immer hatte mich der Name des Ortes fasziniert. Der Dorfkern winzig. Aber in den Hügeln: Hunderte von Ferienhäusern im Alpenstil.
Äußerst beliebt.

Ich hatte Zeit heute. Wollte „nur“ ins nahe Berchtesgaden gehen, mit dem unbedeutenden Umweg über den Königssee. Kaum mehr als 15 Kilometer insgesamt.

GPS-189-Ramsau

GPS-Gesamtstrecke bis 189

Ein bisschen Berg.

Was rieselt ist ein Riesling?

Was rieselt ist ein Riesling?

Ansonsten langweilige Siedlungsstraßen. Fast jedes Haus bot Ferienzimmer an.

Bald war ich am Königssee. Einer der mythischen Orte in Deutschland.

Der kleine Hafen natürlich überlaufen. Lange zögerte ich, ob ich mich in eines der überfüllten Boote begeben sollte. Kälte, keine Sicht, Hunderte Chinesen und noch mehr fußlahme, aber laute deutsche Senioren sprachen dagegen.

Ich fuhr dennoch nach Sankt Bartholomä.

Der Schicksalsberg Watzmann nicht zu sehen. Nebel hing/floss ins Tal.

Entensee?

Entensee?

Mystical sea

Mystical sea

Take a photograph of me

Take a photograph of me

Purple Rain

Purple Rain

Ich betrat weder XL-Restaurant, noch Fischstube, weder Schänke noch Wallfahrtskapelle.
Ich ließ die Horden in Ruhe.

Und tuckerte mit der Masse zurück.

Crowded

Crowded

Nach Berchtesgaden nicht mehr weit zu gehen.
In der kleinen malerischen Altstadt keine Lust gehabt, Fotos zu machen. Völlig überfüllte Straßen. Trotz Regentag.
Das war nicht Bayern. Das war Disney-County.

Durst: Wieninger Bier. Fast süßlich. Schmeckte mir nicht. (Privatbrauerei. Seit 1813.)

T189-Bier01

Hunger: Im Ganzen gebratener Saibling. Ordentlich. (Zu teuer.)

T189-Essen-01-01

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück.)

Lauf,lauf,lauf bis Immenstadt

Lingenau im Tiefschlaf.
So früh war ich doch gar nicht aufgebrochen. Halb neun. Und doch hatte ich das Gefühl, das ganze Dorf sei noch beim Frühstück.
Kein Bauer im Hof oder im Feld, keine Magd Milch schleppend, keine verrotzten Kinder auf dem Schulweg. Nicht mal Touristen, die ihre Autos warm laufen ließen.

Selige Stille.

Nur manchmal hatte ich das Gefühl, die Luft knirsche. Ich musste mich getäuscht haben.

Schlafende Häuser

Schläfrige Häuser

Mein Tagesziel: irgendein Dorf in Bayern erreichen. Es wurde lang und weit. 41 km am Ende – bis ich Immenstadt erreichen sollte.

GPS-176-Lingenau

GPS-Gesamtstrecke bis 176

Regen war angesagt. Gewitterwarnung. An Bergbesteigungen nicht zu denken. Bisweilen packte es doch ein Sonnenstrahl Täler und Bergkämme zu verschönern.

Schläfrige Dörfer

Schläfrige Dörfer

Wie laut ein harmloser Bach sein kann, wenn er nur über ein paar größere Kieselsteine holpert.

Permanentes Spülgeräusch

Permanentes Spülgeräusch

Die meisten Häuser im Bregenzer Wald im traditionellen Schindel-Stil.
Die neuen waren hellbraun, die älteren bevorzugten runzeliges Schwarzbraun als Farbton.

Würd gern die Schindeln zählen

Würd‘ gern die Schindeln zählen

Malerwinkel zuhauf.

Kirchturm als Wolkenpiekser

Kirchturm als Wolkenpiekser

Ich lief Wirtschafts- und Feldwege entlang. Und trotzdem erklomm ich wieder Serpentinen folgend Bergpässe. Einmal, kurz vor der Grenze zu Deutschland, zeigte meine höhenmessende Uhr 1.050 Meter an.

Mitten auf einer Almwiese das güldene Hoheitszeichen der Bundesrepublik D.

Orange-Gold

Orange-Gold

Die Dörfer auf der bayerischen Seite nicht anders als die auf der österreichischen. Irgendwann waren die ja auch mal eins.

Dampftäler

Dampftäler

Mittlerweile regnete es stark. Es hörte erst auf, als ich gegen Viertel vor zwei Oberstaufen erreichte. Das Zentrum leer, die Touristen saßen beim Mittagsmahl. Vorwiegend Senioren-Paare, die sich verständnisvoll anschwiegen.

So sind Zentren halt

So sind Zentren halt

In und um Oberstaufen zeigten zahlreiche Gebäude wie kreuzkatholisch deren Besitzer waren. Prachtvolle und fast schon genüsslich ausmodellierte Kreuzigungsszenen knapp unterhalb der Hausgiebel. (Jetzt erst verstand ich den Sinn des Wortes „Kreuz“-Katholisch!)

Verspielt

Verspielt

Seriös

Seriös

Irgendetwas trieb mich weiter. Schon seit zwei, drei Tagen hatte ich an (in?) mir eine innere Unruhe bemerkt. Ich war nicht mehr aufmerksam den Menschen gegenüber, denen ich begegnete, aber auch nicht mehr mir gegenüber. Ich hatte kaum Geduld, einen Gedanken weiter zu spinnen, ein wenig vor mich hin zu träumen. Es schien, als sei alles in mir darauf gerichtet, endlich anzukommen, meine Grenzwanderung zu beenden. Viel fehlte ja auch nicht mehr. Noch zwei Wochen, 350 Kilometer vielleicht. Meine ganze Energie war darauf gerichtet, meinen Körper lauffähig zu halten. Und ich lief und lief und lief.

Schöne Wanderwege.

Aussichtsreich

Aussichtsreich

Kurz hielt ich inne an einem kleinen Wasserfall.

Kein Spülgeräusch - klingt eher nach Rieseln

Kein Spülgeräusch – klingt eher nach Rieseln

Kurz vor 18 Uhr erreichte ich den Alpsee. Hundemüde schon, aber die Wolkendecke brach gerade auf. Die Sonne legte für einige Sekunden ein surreales Milchlicht über die Landschaft.

Vision-Art 1

Vision-Art 1

Vision Art 2

Vision Art 2

Am liebsten wäre ich hier geblieben, hätte mir gerne eine Unterkunft in Bühl am Alpsee genommen.
Fehlanzeige.

Don't be afraid

Don’t be afraid

Bis Immenstadt musste ich gehen, um ein Hotel zu finden. Halb acht unterschrieb ich den Gast-Zettel. Knallte mich in die Gaststube und ließ mich verwöhnen.

Durst: Allgäuer Büble Bier. Schmackhaft. Ging runter wie nix! (Allgäuer Brauhaus – seit 1888 / mittlerweile zur Radeberger Gruppe gehörend.)

T176-Bier-01

Hunger.
Vorspeise: Tafelspitz-Suppe mit Brätstrudel. Ging auch runter wie nix! 3,50 Euro.

T176-Essen-01

Hauptspeise: Zwiebelrostbraten mit Allgäuer Spätzle. Fleisch war vom heimischen Weiderind. Sehr schmackhaft. Spätzle gut. Ging ebenfalls runter wie nix! 18,90 Euro.

T176-Essen-02

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück). Sehr anständig.

Ein Seemann kann Django heißen und mit mir über Land gehen bis Oldenburg

Ich hatte es mir vorgenommen, endlich einmal wirklich früh zu starten.
Wieder bin ich gescheitert.
Frühstück, Packen, Sich Anschirren – das kostet Zeit.
Also wieder erst um 9 Uhr die Tür zur Straße aufgemacht.

Eigentlich wollte ich die Küste entlang gehen. Es kam anders. Es wurden 34 km bis Oldenburg.

GPS-Gesamtstrecke bis 081

Zwei Stunden folgte ich dem Fahrradweg entlang der Landstraße 501.
Welch mythische Zahl.
Einer, der um die Wirkung von Mythen wusste, hatte hier seine Scheune im Vintage-Western-Stil dekoriert.

Far West / Highway 501

„Django“ war der Besitzer, aber er sah so gar nicht nach Wild West aus. Eher wie ein ausgemusterter Seemann, seinen Sack Habseligkeiten hinter sich herziehend.

Django oder doch Seemann ?

Ich fragte Django, warum er denn bei diesem herrlichen Sonnentag wie bei einer winterlichen Springflut angezogen sei.
Er raunzte, ich würde das noch sehen. Das Wetter würde heute noch drehen. Regen und Kälte sagte er voraus und ich meinte diese Prognose schon in seiner Stimme klirren zu hören.

Ich packte ihn in meinen Rucksack und bog Richtung Küste ab.

Grömitz, ein Senioren-Badeort. Oder zumindest war jetzt SeniorenSaison.

Die Mauer von Grömitz

Ein Hauch Abschied vom Sommer lag über dem Ort (hatte Django doch recht?). Selbst Verkäuferinnen standen in den Ladentüren und genossen die letzten Sonnenstrahlen (woher wusste Django das?).

Sonnenhunger

Eine herrlich klare Sicht in Grömitz. Ich konnte kilometerweit sehen und entdeckte nichts anderes als Strandpromenade: links Cafés und Buden; rechts: Sand und Strandkörbe.

Die Ostseeferienlandschaft fing an mich zu langweilen. Ich beschloss ins Hinterland abzubiegen. Vielleicht konnte ich der weiß(Strand)-blauen(Meer) Eintönigkeit für eine Zeit entkommen.

Windstill war es im Hinterland (was für ein schönes Wort: „Hinter-Land“), trotz vieler Windmacher an fast jeder Ecke. Energiewende ist schön, aber auch ästhetisch? Na ja.

Verspargelung

Über mir plötzlich ein Schwarm Greifvögel. Ich hatte das noch nie gesehen. Wie Geier kreisten sie über irgendetwas. Ein Dutzend, vielleicht sogar mehr. Fotoscheu waren sie allerdings.

Majestätisch

Ich hatte mir ziemlich dicke Blasen an der linken Ferse und am rechten kleinen Zeh gelaufen. In einem kleinen Dörfchen, das immerhin einen Döner-Imbiss hatte, kühlte ich meine Schmerzen mit zwei frischen Bieren.

Füße brannten vom vielen Gehen und ich löschte das Feuer

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung hörte ich Musik. Bob Dylan hatte ein neues Album veröffentlicht und ich besorgte mir auf Youtube einen Ausschnitt.

Auf dem weiteren Weg idyllische Orte mit Bilderbuch-Häusern.

Bilderbuch

Seltsame Namen trugen manche Weiler.

„Grüner Hirsch“!
Ich versuchte mir das vorzustellen.
Die Huichol Indianer im Norden Mexikos verehren eine Gottheit: Den „Blauen Hirsch“.
Den sehen sie aber nur, wenn sie Peyote-Pilze schlucken, eine extrem halluzinogene Droge.
Gab es in diesem Dorf auch irgendein Dope?
Mein Begleiter Django wusste keine Antwort.
Aber was sahen die Bewohner hier, wenn sie von einem grünen Hirschen sprachen?

Die Gegend wurde mir ein wenig ungeheuer. Zumal ich gleich darauf an einem Anwesen vorbei wanderte, auf dessen Türschild geschrieben stand: „Geistiger und energetischer Heiler für Mensch und Tier“.

Holsteiniches Heiler Haus

Macht Einsamkeit verrückt?

Immer noch hatte ich ein paar Stunden vor mir und meine Füße, vor allem meine Sohlen, schmerzten immer heftiger.
Vielleicht schaute ich deswegen mehr nach unten auf den Boden.

Alle paar hundert Meter ein überfahrenes Kleintier. (Wie schaffen Fahrradfahrer das nur? Ich lief ja immer noch auf einem Fahrradweg.)

Getrocknete und gepresste Pflanzen bilden ein Herbarium.
Wie nennt man eine Sammlung plattgefahrener und getrockneter Tiere?
„Viecharium?“

Um halb acht endlich in Oldenburg gelandet. Menschenleere kleine Fußgängerzone. Zum Glück ein Hotel gefunden.

Drei Gaststätten hatten auf. Ein Grieche, ein Türke (Döner) und ein Italiener.
Ich wählte Pizza und ich hätte es nicht tun sollen.
Selten so eine schlechte plattgefahrene Pizza gegessen. 8,50 Euro.
(Dafür wäre der Wirt in Italien gesteinigt worden! Ich schwöre es!)

Danach zum Griechen, um wenigsten für mich (und Django) einen Uzo zu ordern.
Aber auch der war grottenschlecht.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Pause in Marienbad

Beeindruckende Kolonnaden

Pause. Muss Klamotten waschen, Füße entspannen, Schnupfen bearbeiten, mal meinen Blog weiter pflegen. Ansonsten nichts tun. Nichtmal wirklich fotografieren.

Außerdem war es schweinekalt. Nicht viele Gäste und noch weniger Kurschatten in den Straßen.

Ein paar Frauen in Nerz.

Nicht ganz stilsicher

Ein paar Frauen lustig angezogen.

Ziemlich stilsicher. Sie weiß, wie sie ausschauen will

Ein paar Paare Hand in Hand.

Haben gerade einePackung bekommen

Ansonsten: Altersheim mit fast ausschließlich deutschen Insassen (über 70!), die ausnahmslos dem Arzt ein Symptom verschweigen (was mich aber nervt): Tippelschritt.

Habe 12 Jahre Baden-Baden genossen, warum also nicht auch einen Tag hier.

Essen:
Konfitierter halber Fasan auf altböhmische Art mit Apfelrotkraut-Marmelade und böhmischen Knödelvariationen. (15 Euro.)

Nach 5 Minuten sah der Teller so aus!

Davor schon: Hummercapuccino mit Riesengarnele dekoriert und mit Brandy beduftet. (11 Euro.)

Dazu 3 Budweiser.

Ich geb zu, ich war in einem Feinschmeckerlokal. War richtig gut. (Nur die böhmischen Knödel haben mir ziemlich im Magen gelegen. Die hauen einfach rein.)