Pause in Kiel

Kiel ist nicht schön.
Im Krieg zerstört, schrecklich wieder aufgebaut. Die Bausünden schrecken heutige Architekten immer noch nicht ab. Es geht gerade so weiter.

Den ganzen Tag nichts anderes getan als Wunden pflegen, Sohlen heilen, Blasen-Pflaster kaufen, Wäsche mit Rei in der Tube waschen (Wundermittel!), Schleswig-Holstein Führer in Büchereien durchblättern, Zeitung zerpflücken, Kaffee trinken und möglichst wenig gehen!

Am Abend kurz das Kieler Bier getestet in einem Brauhaus (sah innen dem Münchner Hofbäuhaus ähnlich). Brauhaus gibt es seit 1980 (wie auch das dazugehörige Bier).
Busladungen von Touristen kamen rein und fingen gleich an Shanties und Seemannslieder zu grölen.
(Grölen eigentlich nur Touristen oder manchmal auch Einheimische?)

Kieler Bier: naturtrüb, leicht süßlicher Ton (sehr malzig), aber geschmacksstark. 3,00 Euro (0,4 ).

Hunger: Holsteiner Sauerfleisch mit Remoulade und Bratkartoffeln, 12,90 Euro.
Große Portion, ordentlich.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Ein Seemann kann Django heißen und mit mir über Land gehen bis Oldenburg

Ich hatte es mir vorgenommen, endlich einmal wirklich früh zu starten.
Wieder bin ich gescheitert.
Frühstück, Packen, Sich Anschirren – das kostet Zeit.
Also wieder erst um 9 Uhr die Tür zur Straße aufgemacht.

Eigentlich wollte ich die Küste entlang gehen. Es kam anders. Es wurden 34 km bis Oldenburg.

GPS-Gesamtstrecke bis 081

Zwei Stunden folgte ich dem Fahrradweg entlang der Landstraße 501.
Welch mythische Zahl.
Einer, der um die Wirkung von Mythen wusste, hatte hier seine Scheune im Vintage-Western-Stil dekoriert.

Far West / Highway 501

„Django“ war der Besitzer, aber er sah so gar nicht nach Wild West aus. Eher wie ein ausgemusterter Seemann, seinen Sack Habseligkeiten hinter sich herziehend.

Django oder doch Seemann ?

Ich fragte Django, warum er denn bei diesem herrlichen Sonnentag wie bei einer winterlichen Springflut angezogen sei.
Er raunzte, ich würde das noch sehen. Das Wetter würde heute noch drehen. Regen und Kälte sagte er voraus und ich meinte diese Prognose schon in seiner Stimme klirren zu hören.

Ich packte ihn in meinen Rucksack und bog Richtung Küste ab.

Grömitz, ein Senioren-Badeort. Oder zumindest war jetzt SeniorenSaison.

Die Mauer von Grömitz

Ein Hauch Abschied vom Sommer lag über dem Ort (hatte Django doch recht?). Selbst Verkäuferinnen standen in den Ladentüren und genossen die letzten Sonnenstrahlen (woher wusste Django das?).

Sonnenhunger

Eine herrlich klare Sicht in Grömitz. Ich konnte kilometerweit sehen und entdeckte nichts anderes als Strandpromenade: links Cafés und Buden; rechts: Sand und Strandkörbe.

Die Ostseeferienlandschaft fing an mich zu langweilen. Ich beschloss ins Hinterland abzubiegen. Vielleicht konnte ich der weiß(Strand)-blauen(Meer) Eintönigkeit für eine Zeit entkommen.

Windstill war es im Hinterland (was für ein schönes Wort: „Hinter-Land“), trotz vieler Windmacher an fast jeder Ecke. Energiewende ist schön, aber auch ästhetisch? Na ja.

Verspargelung

Über mir plötzlich ein Schwarm Greifvögel. Ich hatte das noch nie gesehen. Wie Geier kreisten sie über irgendetwas. Ein Dutzend, vielleicht sogar mehr. Fotoscheu waren sie allerdings.

Majestätisch

Ich hatte mir ziemlich dicke Blasen an der linken Ferse und am rechten kleinen Zeh gelaufen. In einem kleinen Dörfchen, das immerhin einen Döner-Imbiss hatte, kühlte ich meine Schmerzen mit zwei frischen Bieren.

Füße brannten vom vielen Gehen und ich löschte das Feuer

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung hörte ich Musik. Bob Dylan hatte ein neues Album veröffentlicht und ich besorgte mir auf Youtube einen Ausschnitt.

Auf dem weiteren Weg idyllische Orte mit Bilderbuch-Häusern.

Bilderbuch

Seltsame Namen trugen manche Weiler.

„Grüner Hirsch“!
Ich versuchte mir das vorzustellen.
Die Huichol Indianer im Norden Mexikos verehren eine Gottheit: Den „Blauen Hirsch“.
Den sehen sie aber nur, wenn sie Peyote-Pilze schlucken, eine extrem halluzinogene Droge.
Gab es in diesem Dorf auch irgendein Dope?
Mein Begleiter Django wusste keine Antwort.
Aber was sahen die Bewohner hier, wenn sie von einem grünen Hirschen sprachen?

Die Gegend wurde mir ein wenig ungeheuer. Zumal ich gleich darauf an einem Anwesen vorbei wanderte, auf dessen Türschild geschrieben stand: „Geistiger und energetischer Heiler für Mensch und Tier“.

Holsteiniches Heiler Haus

Macht Einsamkeit verrückt?

Immer noch hatte ich ein paar Stunden vor mir und meine Füße, vor allem meine Sohlen, schmerzten immer heftiger.
Vielleicht schaute ich deswegen mehr nach unten auf den Boden.

Alle paar hundert Meter ein überfahrenes Kleintier. (Wie schaffen Fahrradfahrer das nur? Ich lief ja immer noch auf einem Fahrradweg.)

Getrocknete und gepresste Pflanzen bilden ein Herbarium.
Wie nennt man eine Sammlung plattgefahrener und getrockneter Tiere?
„Viecharium?“

Um halb acht endlich in Oldenburg gelandet. Menschenleere kleine Fußgängerzone. Zum Glück ein Hotel gefunden.

Drei Gaststätten hatten auf. Ein Grieche, ein Türke (Döner) und ein Italiener.
Ich wählte Pizza und ich hätte es nicht tun sollen.
Selten so eine schlechte plattgefahrene Pizza gegessen. 8,50 Euro.
(Dafür wäre der Wirt in Italien gesteinigt worden! Ich schwöre es!)

Danach zum Griechen, um wenigsten für mich (und Django) einen Uzo zu ordern.
Aber auch der war grottenschlecht.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Wilhelmine wünscht sich den Kaiser zurück und läuft mit mir am Strand bis Zinnowitz

Seebrücken führen immer ins Unendliche

Am Morgen im Seebad Heringsdorf angekommen. Die Gemeinde hatte den Gesundheitstag ausgerufen und dazu einen Männerchor engagiert. Der durfte schon Samstag früh in der Kurmuschel dilletieren.
Seemannslieder scheinen die Venen zu weiten und das Blut flüssiger zirkulieren zu lassen. Die vorwiegend ältere Kundschaft schunkelte bereits um 11 Uhr.

Aber müssen hier alle wie Kapitän Smutje aussehen?

So schmachtend wie Freddy Q sang niemand mehr

11 Uhr 30 lief ich von der Seebrücke los ins 26 km entfernte Zinnowitz.

GPS-Gesamtstrecke bis 065

Der Tag begann grau und warm. Bald sollte er ins Blaue und Heiße drehen.

Baywatch

Noch buddelten sich kaum Badegäste in den feinen Sand, auch wenn Heringsdorf vor Leuten fast überquoll. Einzig eine selbstbewusste Mittvierzigerin mit vornehmen Damenbauch fand sich am Textilstrand und sammelte Kieselsteine.

Wilhelmine zeigt ihren Damenbauch

„Wilhelmine“ bot mir gleich das „Du“ an. Sie wollte wissen, warum ich mit so schwerem Rucksack an der Ostsee unterwegs sei und wo ich denn meine Badesachsen („sachsen“?) hätte.

Ich erklärte ihr, dass gerade die vierte Etappe meiner Deutschlandumwanderung begonnen hätte, dass ich im Mai schon einmal hier an der Heringsdorfer Seebrücke gestanden hätte, damals aber meine Tour abbrechen musste. Ich hatte mir einen Ermüdungsbruch im linken Knie zugezogen und konnte erst jetzt – 3 Monate später – die Wanderung wieder aufnehmen.
Ob denn mein Knie „nun heile“ sei? wollte Wilhelmine wissen.
„Ich hoffe“ sagte ich.

Wilhelmine beschloss, mich eine Zeit lang auf meinem Spaziergang zu begleiten. Ganz offensichtlich suchte sie einen Gesprächspartner.

Kilometerlanger weißfeiner Sandstrand.

Strandläufer mit Strandgut

Auf einmal eine sterbende Möwe am Ufer. In sich gekauert im Sand. Sie hatte die Flügel zu Kissen gefaltet, bettete sich in ihren letzten Minuten weich in aufgeplusterten Daunen, atmete schwer, die Augen schon glasig. Eine Frau stand neben ihr und weinte, aber sie fasste das sterbende Tier nicht an. (Ich traute mich nicht zu fotografieren!)

Ich war irritiert. Warum konnte sie den Vogel nicht so sterben lassen wie er wollte. Allein, zurückgezogen, unbeobachtet. Warum starrte sie ihn an? Warum litt sie so, dass sie sogar schluchzte?

Warum überhaupt kam keine andere Möwe, um der Sterbenden beizustehen und diese unsägliche Dame zu vertreiben? Mit ein paar Schnabelhieben? Mit einem Regen aus Kot?

Ich ging weiter. Ein ziemlich lebendiger Hund sprang mich an.

Strandläufer

Ich dachte über das Seelen- und Gefühlsleben von Tieren nach. Menschenkinder spielen ausgelassen miteinander. Hundebabies auch, Affen-, Katzen-, Delphinbabies.
Aber hatte ich schon mal junge Vögel beim Spielen beobachtet? Oder junge Fische? Spielen Würmer miteinander? Ameisen, Spinnen, Krebse, Schmetterlinge, Skorpione?
Haben Schwarmtiere genügend Individualität, um Persönlichkeit zu entwickeln?
Persönlichkeit entwickelt sich nur übers Spielen? Intelligenz auch? Trauer ebenfalls?

Ich war in einem GedankenLabyrinth gefangen und fand nicht mehr heraus. Ich verließ den Strand und begab mich in den nahen Wald, um ein bisschen herunter zu kühlen. Das Meer noch in Sichtweite.

Kamera malt statt zu fotografieren

Meine Begleiterin bat, in den Dünen eine kleine Rast zu machen zu dürfen.

Ich fragte sie, warum ihre Mutter sie ausgerechnet „Wilhelmine“ getauft hatte.
„Nicht meine Mutter, meine Großmutter wollte das so“, entgegnete mir die Grazie.

Wilhelmine im Dünenschilf

Ihre Großmutter war schon als junges Ding in Usedom angelandet. Jeden Sommer, wenn der damalige deutsche Kaiser im Seebad Heringsdorf Zwischenstation machte, um mit der schönen Konsuls-Witwe Staudt einen Nachmittagstee zu trinken, pilgerte sie nach Heringsdorf. Mit Hunderten von Schaulustigen versuchte die Großmutter einen Blick auf Kaiser Wilhelm zu werfen. Im Jahr 1911 musste sie sogar 10 Pfennige zahlen, um in die erste Reihe zu kommen und hatte Erfolg. Tatsächlich konnte sie von der Ferne den sommerlich weiß behosten Kaiser auf der Veranda der Villa erkennen. Von dem Tag an war ihr klar, dass ihre Tochter und ihre Enkelin und überhaupt jede erstgeborene weibliche Nachkommenschaft „Wilhelmine“ heißen musste.

Und überhaupt wolle sie den Kaiser zurück!

Damals seien die Kaiserbäder in Usedom noch vornehm gewesen, heute seien es eher „Plebsbäder“.

Die Sonne hatte die Wolken weggekehrt und brannte nun erbarmungslos. Urplötzlich bevölkerte sich der Strand. Erst fast unsichtbar hinter Stoffbahnen, die wohl noch aus dem DDR-Biedermeier stammten. (Lagen da eigentlich FKK-Jünger dahinter?)

Biedermeier am Strand

Dann wurden auch die Strandkörbe überflutet von Menschen, die ihre Strandkörper mit einem schrecklich ranzigen (Kokus?) Sonnenöl eingerieben hatten.

Strandgut

Luft, Sand und Salzwasser kosten nichts

Oben im Küstenwald blieben die Wohnmobile verwaist zurück.
Darunter eine Rarität: ein VW-Campingbus! (Baujahr 68 – sagte mir ein Nachbar.)

Raumschiff Orion in Usedom

Noch gibt es kein App um seltene Autos zu identifizieren

Fortan bewegte ich mich nur noch im Schatten, sprich Wald.
Passierte Koserow mit seinen hübschen (musealen) reetgedeckten Salzhäuschen.

Bis zum Giebel schön

Gegen halb sieben strandete ich endlich in Zinnowitz in einem kleinen schlechtbürgerlichen Gästehaus.
Dafür ging ich aber gleich in Zentrumsnähe gutbürgerlich essen.

Hunger: Scholle Finkenwerder Art = paniert, in Speck ausgelassen mit Kartoffelpüree. 15,90 Euro.

Ein fantastisch zubereiteter Fisch. Frisch, die Panade kaum spürbar, das Schollenfleisch saftig, zart, zurückhaltend gesalzen und gepfeffert. Der Speck nicht fettig aber ungemein würzig. Das Püree ebenfalls mit Speck und ein wenig Brühe. Ausgezeichnet. Absolut das Geld wert. Selbst das Krumbacher Pils gut gezapft. Ein Genuss!

Schließlich noch die Zinnowitzer Nacht getestet:

Seebrücke mit Taucherglocke im letzten Dämmerlicht.

Wie ein Cover eines Jules Verne Romans

Marionettentheater von zwei sympathischen jungen Gauklern in die Nacht gespielt.

Strandtheater

Ganz spät: die Strandkörbe von der Brücke aus gezählt.

Mit den Augen einer Katze fotografiert

Unterkunft: 35 Euro (ohne Frühstück).