Gipfelglück auf dem Weg nach Lingenau

Das ganze Haus schmaler als eine Haustür breit. 57 cm!
Hätte mich ja schon interessiert, einen Blick hinter die Fassade zu werfen.

small is beautiful

small is beautiful

Über 200 Jahre ist das Bregenzer Anwesen alt. Spindeldürr scheint es nur auf der Eingangsseite, nach hinten weitet sich das Gebäude.
Anyway: Das ändert nichts daran, dass es wohl die schmalste Hausfassade in Europa ist.

Aus Bregenz fand ich zügig raus. Mein Ziel: durch den Bregenzer Wald bis nach Lingenau. Ein 26 km langes Hoch Tief-Unternehmen.

GPS-175-Bregenz

GPS-Gesamtstrecke bis 175

Von Bregenz bis in den den Vorort Wolfurt ging es nur mäßig bergauf.

Schon im Wald - und sieht doch nicht so aus

Schon im Wald – und sieht doch nicht so aus

Ab dann eine stete Berg- und Talfahrt. Mal schnell 300 Meter hoch, dann rasant nach unten, um gleich wieder heftig anzusteigen.

Alpen eben! Schon nach 2 Stunden war ich völlig durchgeschwitzt.

Ich versuchte der Beschilderung zu folgen. War trotzdem oft orientierungslos. Ab und zu stieg ich einfach Bergwiesen hinauf, in der Hoffnung, oben wieder Wege zu finden.

Navi-Wege!

Navi-Wege!

Oben dann die überraschende Belohnung: das Gasthaus „Dreiländerblick“. An klaren Tagen ein Wahnsinnspanorama. Heute konnte ich Bodensee, Rheinmündung, Schweiz und Deutschland nur schemenhaft erahnen.

Fängt nicht an, hört nicht auf

Fängt nicht an, hört nicht auf

Gott sei Dank hatte ich mir in Lindau einen Alpen-Wanderführer besorgt. Bei der Vielzahl der sich kreuzenden Wege wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen.

Mein Navi hilflos.

Meine Wegekarte

Meine Wegekarte

Ich schaffte es auf den ersten Gipfel. Noch nicht wahnsinnig alpin: Schlappe 1.180 m. Reichte aber für intensive Glücksgefühle.

Angekommen

Angekommen

Man sieht dem Brüggele-Kopf nicht an, welche Anstrengung es kostete, ihn zu erklimmen. Extrem steile, knieschädigende und rutschige Pfade. An zwei Stellen sogar kurze Seilsicherung. 5 1/2 Stunden war ich von Bregenz jetzt ohne nennenswerte Pause unterwegs.

OnTop of the hill

On top of the hill

Runter war einfach. Wirtschaftswege und Schotterpisten!

Who goes up must go down

Who goes up must go down

Schöne Postkarten!

Immer!

Immer!

Schindel-Hannes wohnt hier.

Aber beim Runtergehen, geht's manchmal auch wieder hoch

Aber beim Runtergehen geht’s manchmal auch wieder hoch

Minigipfel mit Gipfelkreuz.

Keine Details!

Keine Details!

Die Bregenzer Alpen sind manchmal sehr lieblich.

Immer nur Totalen!

Immer nur Totalen!

Ich hatte bislang überhaupt keine Zeit gehabt, über irgendetwas nachzudenken. Die ganze Tagestour war ich nur darauf fixiert, meine Beine am Laufen, meinen Atem und Puls gleichmäßig zu halten und nicht aus dem Tritt zu kommen.

Mein Wasser und Essbedarf stieg derweil dramatisch. Wo immer es eine Bergwirtschaft gab, trank ich beinahe literweise Wasser, Apfelschorle und Bier.
Wo immer es etwas zu Essen gab, schlug ich zu.

Hunger:
(In Alberschwende – vor dem Aufstieg zum Brüggele-Kopf.) Frische Pfifferlinge mit Semmelknödel. Äußerst fein. 12,90 Euro.

T175-Essen-01

(Berggasthof Brüggele.) Zwetschgen-Datschi mit Sahne. Leicht warm und köstlich. 3,50 Euro.

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(Gasthof in Lingenau.) Bregenzwälder Käsespätzle. 12 Euro. Exzellent! Nicht penetrant und doch kräftig. Klasse Käsegeschmack.

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Die Wirtin erklärte mir, dass ihre Küche einen sehr feinen Bergkäse für die Spätzle benutzen würde. Ich gratulierte ihr für den Geschmack.

Schon als ich nach nach 9 1/2 Stunden reichlich erschöpft nach Lingenau hineingewandert war, hatte ich mir draußen rasch die Speisekarten der drei, vier Gasthäuser angeschaut. Alle hatten das gleiche Programm: Wiener Schnitzel, Jägerschnitzel, Grill-Teller, Bregenzer Käsespätzle.

Ich fragte mich, ob die Österreicher hier einfach nichts anderes essen oder ob die Touristen für die krasse Verarmung der Speisekarten sorgten.

Ich hatte nicht ahnen können, dass ein guter Koch auch phantasielosen Gast-Ansprüchen trotzen kann.
Mein zweites Gipfelglück heute.

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Pausengang nach Bregenz

Lindau unter einer Dunstglocke.

Nicht scharf zu kriegen

Nicht scharf zu kriegen

Meine Rückenmuskeln signalisierten mir, dass ich eine Wanderpause machen sollte. Ich gehorchte.
10 Kilometer trotzte ich dennoch meinem Körper ab. 2 1/2 Stunden von Lindau nach Bregenz.

GPS-174-Lindau

GPS-Gesamtstrecke bis 174

Auf dem gemütlichen Spaziergang nach Österreich ein paar Graffiti.

Heino-Frisur

Heino-Frisur

Anonymos kann sprayen!

Claudia Roth Frisur

Claudia Roth Frisur

Und er hat Sinn für leuchtende Farben.

Lauda Käppi

Lauda Käppi

In Bregenz eine dichte Nebeldecke.
Erst gegen Abend lichtete sich der Nebel etwas.

Mit der Pfänderbahn fuhr ich auf den Bregenzer Hausberg.

Aus dem Nebel in den Dunst

Aus dem Nebel in den Dunst

Morgen werde ich mir einen dieser Berge aussuchen. Dann geht es in die Alpen!

Höhere Sphären

Höhere Sphären

Hunger.
Vorspeise: Rheintaler Mostsuppe mit Gemüsestreifen. Sehr schmackhaft! 4,60 Euro.

T174-Essen-01

Hauptgericht: Wiener Schnitzel (Kalb). Viel und gut. 18,90 Euro.

T174-Essen-02

Unterkunft: 80 Euro (mit Frühstück).

Uneingeschränkt zufrieden erreiche ich Konstanz und noch mehr

Kalt! Aber Frühsonne. Halb neun.

Im Mittel ziemlich alt

Im Mittel ziemlich alt

Ich beschloss von Stein aus auf der nördlichen Rheinseite weiterzulaufen. Also zuerst auf der deutschen Seite.
Ich wollte bis Konstanz kommen. 24 km. Nicht so weit.

GPS-171-Stein

GPS-Gesamtstrecke bis 171

In Null Komma Nix die Schweiz wieder verlassen und Deutschland betreten. (Hätte ich meinen Pass stempeln lassen müssen, wäre er nur auf dieser Tour voll geworden. So viele Grenzübertritte an zwei, drei Tagen. Aber Pässe – was war das nochmal in Europa?)

Der Rhein gab sich unnahbar.

Fern und doch nah

Fern und doch nah

Und der Rheinuferweg entfernte sich immer mehr vom Ufer. „KEIN DUCHGANG!“, „PRIVAT!“.
Deutschland! Zugebaut! 90 Prozent des Ufervermögens befinden sich in der Hand von 5 Prozent der Uferlos-Vermögenden!
Da wird man noch wider Willen zum Marxisten!
Kampf für den Freien Uferblick!

Nah und doch so fern

Nah und doch so fern

Villa nach Villa mit exklusivem Strandzugang.
Die Zweitwagen passen nicht mehr in die Garagen.

Nahverkehr der Anlieger

Nahverkehr der Anlieger

Öffentlichen Zugang zum Rhein gab es auf dieser Strecke nur, wo es auch eine öffentliche Toilette gab.
Anyway – nicht so kleinkariert denken! Dort, wo der Rhein sich für die Sterblichen blicken ließ, zeigte er sich von seiner malerischen Seite.

T171-Rheinblick-01-imp

Dabei zweifelte ich manchmal, ob das noch der Rhein oder schon der Bodensee war.

(H)öffentlich

(H)öffentlich

Sicher war nur: Auf der gegenüberliegenden Seite lag die Schweiz und ich lief in Deutschland umher.

On the other side

On the other side

Aber war dieser Fischer jetzt Schweizer oder Deutscher? War er Bodensee- oder Rheinfischer? Was sagte die Europäische Union dazu?

Fischt nicht im Trüben

Fischt nicht im Trüben

Wie auch immer. Ein Zeppelin zeigte mir an, dass ich mich in Bodenseenähe bewegte.

brennt nicht

brennt nicht

In Hemmenhofen bestieg ich eine Fähre, um mich auf die Schweizer Seite zu beamen. Zum einen, um mich anständig von den Eidgenossen zu verabschieden. Zum anderen war es der einzige Weg, um heute noch Konstanz zu Fuß zu erreichen.

Im Rheindörfchen Steckborn könnte man gut Venedig Filme doubeln.

Canale Grande

Canale Grande

Spätestens bei Berlingen weitete sich der Rhein zum Bodensee. Grandios! Schwäbisches Meer!

Blick weiten

Blick weiten

Ich beobachtete einen älteren Herren mit weißem knautschigen Schlapphut, wie er locker ein Speedboot zu sich heranzog und zum Ausflug sattelte.

„Gute Fahrt“ rief ich ihm hinterher. Er drehte sich um und öffnete sein Herz:

Maurer habe er gelernt. Dann habe er sich spezialisiert und sich selbständig gemacht. 35 Jahre habe er so malocht.
Jetzt, mit 73 sei es Zeit zu genießen.

Satisfy your mind

Satisfy your mind

Mit einer Hand wies er zum Ufer und zeigte mir sein Haus, auf dessen Balkon seine Frau stand und ihm zuwinkte.

Kein schöner Land als hier!

Mit seinem Speedboot fuhr er zu seinem eigentlichen Schiff, das weiter draußen im Wind schaukelte.

Ein herzliches "Auf Wiedersehen!"

Ein herzliches „Auf Wiedersehen!“

Die uneingeschränkte Zufriedenheit dieses Mannes mit sich und seinem Leben beeindruckte mich.

Das Schweizer Ufer – anders als in Deutschland – öffentlich zugänglich. Der Uferweg meist dicht am Wasser, nur ganz am Schluss entfernte er sich und führte durch Bio-Äcker zur deutschen Grenze.

Bio bis zum Horizont

Bio bis zum Horizont

Moderne Kartoffelbauern haben keine Schwielen mehr an den Händen.

Kartoffelgräber

Kartoffelgräber

An der Stadtgrenze zu Konstanz: ein verlassenes Zollhaus.
Wie liebe ich Schengen!

Exit Schweiz

Exit Schweiz

Nach 7 Stunden das Zentrum Konstanz‘ erreicht.

Die Stadt wegen Überfüllung geschlossen.

Have fun

Have fun

Messen, Indian Summer Wochenende, Oktoberfest.

Hicks

Hicks

Kein Zimmer! Zig Hotels besucht. Zigzig Hotels angerufen. Nix!
Ich musste die schöne Konstanzer Kurtisane Imperia verlassen!

Big breasted woman

Big breasted woman

Mit dem superschnellen Katamaran setzte ich ans andere Ufer über.

I'd rathe go wild

She’d rather go wild

Nach Friedrichshafen. Dort fand ich Quartier.

Hunger: Wildgulasch. Richtig klasse!

T171-essen-01

Angenehme Unterkunft. Gasthof von Familie in 4. Generation geführt.

65 Euro (mit (super) Früstück).

Durch Ex- und Enklaven nach Stein am Hochrhein

Obst-, Gemüsebauernhöfe und Brennereien zuhauf: der Klettgau ist ein kulinarischer Landstrich.

Wagen voller Halloween-Kürbisse

Wagen voller Halloween-Kürbisse

Gegen halb zehn brach ich in Lottstetten auf. Mein Tagesziel: Stein am Hochrhein. 34 km entfernt.

GPS-170-Lotstetten

GPS-Gesamtstrecke bis 170

Im Viertelstundentakt vorbeisausende Züge der Schweizerischen Bundesbahn ließen mich glauben, ich befände mich auf eidgenössischem Gebiet. Aber gefehlt: Ich durchlief den Jestetter Zipfel. Das Gebiet ist fast vollständig von der Schweiz eingeschlossen. Obwohl deutsch, ist es wirtschaftlich eng mit dem Nachbarn verflochten. Dessen Regionalzüge halten hier. Zahlungsmittel ist der Franken.

There's a train ...

There’s a train …

Auf halbem Weg zur Grenze, unmittelbar neben dem Schienenweg und mitten auf einer Kuhwiese: eine Marienkapelle.

Ring them bells

Ring them bells

Die Dame, die gerade den Boden wienerte, verspürte einen fast schon religiösen Drang, mir in aller Ausführlichkeit die Geschichte der kleinen privaten Kultstätte zu erläutern.

Ihr Mann und sie hätten – statt eine Weltreise zu unternehmen – die Kapelle vor über 3 Jahrzehnten gebaut.
Aus Dankbarkeit. Ihr Mann habe mit einem „Lastwagen“ angefangen, heute hätten sie über 100 Angestellte in ihrem Unternehmen.

Der Teufel steckt im Detail

Der Teufel steckt im Detail

  • Die Kapelle sei sehr gut besucht. Immer wieder gebe es „Begebenheiten“! So sei etwa eine junge Frau, die „in Erwartung“ gewesen und von ihrem Freund verlassen worden sei, kurz vor der geplanten Abtreibung hierher gekommen. Sie habe die ganze Nacht auf Knien vor der „Muttergottes“ gebetet und eine Antwort erhalten. Sie habe das Kind behalten.
  • Aber es gäbe auch Neider. So habe jemand einmal Maria aus der Kapelle herausgerissen und vor den Zug der SBB geworfen. Am nächsten Tag hätten Schaffner und Polizisten den Körper geborgen, an dem die Hände abgebrochen waren. Der Pfarrer habe ihr später gesagt: „Wo Maria den Fuß hinsetze, komme der Teufel auch“.

Vor dem Teufel, so bedeutete mir die Dame, müsse man sich hüten.

  • Ein Zugführer der SBB habe ihr einmal anvertraut, immer wenn er Frühschicht habe und an der Kapelle vorbeiführe, würde er laut auch für die Fahrgäste das Morgengebet sprechen.
Der Teufel ist bisweilen ein Putzteufel

Der Teufel ist bisweilen ein Putzteufel

Ich hatte Mühe, das Ironie-Teufelchen in mir zu zügeln und die von ihren religiösen Gefühlen beseelte Dame in Ruhe ausreden zu lassen.
Beim dritten oder vierten Versuch gelang es mir, mich zu verabschieden.

Kaum entkommen, fing mich ein Gartenheckenschneider ein. Der gemütliche und rundliche Herr, der gerade seine wuchernde Hecke mit einer Kettensäge stutzte, hatte ebenfalls viel Zeit. Er gab mir eine kleine Geschichtslektion:

  • Nach dem Krieg wurden die Bewohner des Jestetter Zipfels in den Schwarzwald evakuiert. Die Franzosen boten den Schweizern an, sich das deutsche Gebiet einzuverleiben, wenn sie im Gegenzug einige Gemeinden bei Genf an die Franzosen abtreten würden. Aber die Genfer wehrten sich und so blieb der Jestetter Zipfel deutsch.
  • Alle Deutschen hier arbeiteten in Schweizer Unternehmen. Sie verdienten dort besser. Der deutsche Fiskus kassiere jedoch kräftig ab.
  • Er zahle gleichwohl gerne mehr Steuern. Was sei das für ein kleiner Preis angesichts von bald 70 Jahren Friede in Europa.

Ich zog weiter. Die Grenze zur Schweiz war nah.

Der Rhein bog plötzlich um die Kurve. Ich spürte, dass ich langsam Rhein-süchtig wurde. Ich freute mich, ihn zu sehen.

Goethe war hier nicht. Also auch kein Gedicht. (Er kam nur bis Sessenheim.)

Goethe war hier nicht. (Er kam nur bis Sessenheim.)

Den Rheinfall konnte ich schon lange vorher hören.

Stein frisst Fluss

Stein frisst Fluss

Das Wasserfalldröhnen allerdings beeindruckender als die Optik. Der Wolkengott hatte keine Erbarmen, ließ keine Sonnenstrahlen durch.

Iss schon okay

Iss schon okay

Lange hielt ich mich nicht bei diesem Schauspiel auf. Zu viele Touristen, deren Geschrei noch lauter rauschte als der Wasserfall.

Schaffhausen protzt mit einer entzückenden mittelalterlichen Altstadt und mit erstaunlich jungen Bewohnern.

Echt Antik

Echt Antik

Gestärkt von Schoko-Croissant und Kaffee und um viele Franken ärmer, fand ich den Weg hinaus aus der Stadt.

Echt modern

Echt modern

Über ein, zwei Kilometer folgte ich dem schönsten Uferabschnitt am Hochrhein.

Echt schön

Echt schön

Die Rheindörfer wie hingemalt.

Lass Vater Rhein doch in Ruh!

Lass Vater Rhein doch in Ruh!

Samt Liebespaar vor mittelalterlicher Staffelage.

Rhein ist nur Kulisse

Rhein ist nur Kulisse

Zum ersten Mal seit Tagen ließ sich die Sonne nicht lumpen. Ich hatte das Gefühl, ganz ganz weit im Süden zu laufen.

Rheindorf

Rheindorf

T170-Vogelhäuser-01

Mal durchlief ich Schweizer, mal Deutsches Staatsgebiet.

T170-Exklave-02

Der Grenzverlauf so zickzackig, dass ich es aufgab, die Anzahl meiner heutigen Grenzübertritte zu zählen.

T170-Exklave-01

Kurios: Die deutsche Gemeinde Büsingen ist eine echte Exklave. Deutsches Hoheitsgebiet vollständig von Schweizer Staatsgebiet umschlossen.

Durch die Wälder, durch die Auen

Durch die Wälder, durch die Auen

Herrliche Kultur-Landschaft.

Wow!

Wow!

Um halb acht, schon im Abendgrauen, erreichte ich das Schweizer Städtchen Stein.

Fürstlich

Fürstlich

Die Hotels ausgebucht. Mit Glück doch noch ein Zimmer gefunden.

Hotel- und Gaststättenpreise unfassbar hoch.
Richtig ärgerlich!

Durst: Falkenbier. Süffig, wenn auch etwas dünn.(Einzige unabhängige Brauerei der Region. Seit 1799.)

T170-Bier-01

Vorspeise: Wildsuppe (mit altem Portwein). Gut

T170-Essen-01

Hauptspeise: Bodensee-Eglifilet gebacken, Tartarsauce, Kartoffeln.
Kann man besser machen.

T170-Essen-02

Zur Befreiung der Bratwurst nach Lottstetten

Waldshut mit Sonnenstrahlen im Kreuz verlassen.

Tor zur kleinen Welt

Tor zur kleinen Welt

Halb zehn durch das (untere? oder obere?) Stadttor geschritten. Ziel: weit kommen. Dass es 38 km werden würden und ich in Lottstetten Rast machen würde, konnte ich nicht wissen.

GPS-169-Waldshut

GPS-Gesamtstrecke bis 169

Der Rhein hatte sich noch nicht dem Wetterumschwung angepasst, führte statt himmelblauem Wasser immer noch eine wolkentrübe Brühe mit sich.

Nicht rein der Rhein

Nicht rein der Rhein

Meist folgte ich einem kleinen Trampelpfad am deutschen Ufer. Nicht allzu häufig durchwanderte ich kleine Ortschaften.
Manche mit beeindruckenden Häusern.

Mächtig

Mächtig

Einige mit alemannischen Narrenbrunnen.

Schalk

Schalk

Der Rhein übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus, so träge wie er mir entgegen floss. Stunden konnte ich laufen, ohne mich in Gedanken zu verlieren.

Gegen drei Uhr zeigte sich am Schweizer Ufer die Rheinsiedlung Kaiserstuhl.

Rheinuferbeherrscher

Rheinuferbeherrscher

Mächtige Patrizierhäuser. Nicht alle restauriert.

Glanz der alten Tage

Glanz der alten Tage

Der Ort war menschenleer. Ebenso das Ausflugsboot am Ufer.

Dichterboot

Dichterboot

Nicht einmal das alte Zollhaus auf der deutschen Seite war besetzt. Wie oft sich wohl Touristen in diese Kulissen verirren?

Zoll-Burg

Zoll-Burg

Weinberge auf der deutschen Seite kündeten den Weiler Hohentengen an. Das südlichste Weingebiet Deutschlands.
Eigentlich wollte ich hier meine Etappe beenden und testen, ob der Wein auch trinkbar ist. Halb vier war es mittlerweile geworden.

In Hohentengen gibt es aber keine Pension und kein Hotel, nur private Ferienwohnungen. Darauf hatte ich heute keine Lust.
Obwohl schon reichlich müde, setzte ich meinen Weg fort.

Ob der gut ist ?

Ob der gut ist ?

Noch einmal mindestens 3 Stunden!

Ich entfernte mich ein wenig vom Flusslauf, suchte jetzt den direkten Weg nach Lottstetten, in dem es Unterkünfte geben sollte.
Die kaum befahrene Straße führte durch die Schweiz.

Unaufgeregte Landschaft

Unaufgeregte Landschaft

Unterwegs immer wieder Plakate, die zu einer Volksabstimmung aufriefen.
„Bratwürste legalisieren!“

Völker hört die Signale. Die Schweiz befindet sich offenbar im letzten Gefecht! Oder war das ein feiner, versteckter Kommentar zur zeitgleich (22. September) stattfindenden Bundestagswahl in Deutschland?

Ich konnte mir jedenfalls keinen Reim drauf machen.

Hört die Signale!

Hört die Signale!

Mit brennenden Fußsohlen und von der Last des Rucksacks reichlich buckel-krumm erreichte ich in der Dämmerung gegen halb acht endlich Lottstetten.

Hunger: Schweinegeschnetzeltes. 14 Euro. Versalzen.

T169-Essen-01

Der Koch war ein in die Jahre gekommener Freak, mit Zwirbel-Ziegen-Bart und voller Tattoos.
Ich fragte ihn nach der merkwürdigen Bratwurst-Abstimmung. Er wusste auch nichts darüber, kam aber sehr schnell auf das Thema „Legalize it!“ und damit auf sein Lieblingsthema: Ami-Bashing! Die Amis hatten es ihm seit seinem letzten Urlaub angetan. Sie waren selbstverständlich an allem schuld. Weltweit. Dabei seien sie völlig „kulturlos“ – und das war noch der harmloseste Ausdruck.
Des Kochs Erweckungserlebnis: Er hatte irgendwo in den Staaten gesehen, wie ein Autofahrer nach dem anderen in eine Seitenstraße abbog und an einer Kasse 2 Dollar bezahlte. Das hatte seine Neugier geweckt, er hatte sich gefragt, was es da wohl zu sehen gäbe und war der Autoschlange gefolgt. Kaum bezahlt, sah er einen gigantischen Mammutbaum vor sich, aus dem ein ebenso riesiges Loch herausgehauen worden war, durch das die Straße durchführte.
Die Besucher zahlten also 2 Dollar dafür, um mit ihrem Auto durch einen Baum durchzufahren.
Der Koch konnte sich kaum noch beruhigen.

Ich ging noch ein Bier trinken. Vielleicht waren es auch zwei oder drei.

T169-Bier-01

Fürstenberg ist neben Rothaus (Tannenzäpfle) mein Favorit in Sachen Bier aus Ba-Wü. Ganz nebenbei einer der ältesten Gerstensäfte Deutschlands. Unternehmen 1283 gegründet!!!! Werde das tausendjährige Jubiläum leider nicht mehr erleben.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Deutsch-Schweizer Uferlauf bis Waldshut

Grau – Die vorherrschende Farbe.
Ich hatte klein Glück mit dem Wetter.

long bridge

long bridge

In der langen Bad Säckinger Holzbrücke hatte ich noch um halb zehn morgens das Gefühl, ich durchliefe die Nacht. Zum Fürchten d unkel. Aber diesmal kamen mir wenigstens keine wilden Kerle entgegen.

Mein Tagesziel: Waldshut. 25 km entfernt.

GPS-168-Bad Saeckingen

GPS-Gesamtstrecke bis 168

Auf der Schweizer Seite fand ich Claudia, die sich auf einer Uferbank aus ihrem Schlafsack wickelte.
Sie hatte gestern Abend kein Zimmer gefunden und sich für den Nachthimmel als Schlafdecke entschieden.

T168-Claudia-01

Wir hatten den gleichen Weg und liefen eine ganze Weile stumm nebeneinander.

Auf der Schweizer Flussseite das gleiche Bild wie auf der Deutschen: schöne und gepflegte Anwesen.

Rasierte Vorgärten

Rasierte Vorgärten

Auf der Schweizer Seite vielleicht noch etwas geldiger. Und auf jeden Fall ohne Gartenzwergmuff.
(Stimmt nicht ganz – auch in der Schweiz gab es vereinzelt Liebhaber der Zwergenkultur.)

Hier wohnten jedenfalls auch Liebhaber der feinen Ironie!

Schweizer Arbeitsmoral

Schweizer Arbeitsmoral

Der Wanderweg meist sehr nah am Ufer, manchmal ging es durch Gestrüpp. Gut getarnt alte Bunker, mit denen die Schweiz wohl gegen die Nazis verteidigt werden sollte.

Schweizer Unbesiegbarkeit

Schweizer Unbesiegbarkeit

Nur selten ein größerer Ort. Der Hochrhein ist nicht wirklich dicht besiedelt.
Laufenburg: die Schweizer Variante.

Großes Tor zur kleinen Welt

Großes Tor zur kleinen Welt

Laufenburg: die Deutsche Seite.

Seitenwechsel

Seitenwechsel

Beide Städtchen glichen sich aufs Haar. Überhaupt war von Grenze überhaupt nichts zu spüren.
Deutsche und Schweizer wechselten die Seiten, als bewegten sie sich in ihrem eigenen Vorgarten.
Nicht einmal die Sprache trennte das eine Ufer vom anderen. Auf beiden Seiten der gleiche krachkehlige Dialekt.
„DanKKKKe“.

Der Hoch-Rhein meist idyllisch in viel Natur eingebettet, aber immer wieder auch industriell. Wasserkraftwerke machen aus dem Fluss einen Energiepark.

Ausgebeuteter Rhein

Ausgebeuteter Rhein

Ich näherte mich langsam meinem Ziel. Ich fragte Claudia, die unbedingt eine Tasse Kaffee trinken wollte, ob sie sich vorstellen könnte, noch ein zwei Stunden weiter zu laufen. Ich fühlte mich fit.

T168-Claudia-02

Claudia hatte keine Lust. Sie wollte endlich ein Zimmer mit Dusche. Also stoppten wir unsere Wanderung in Waldshut.
Als wir um 17 Uhr ankamen, brach zum ersten Mal ein wenig Sonne durch.

Glanzlichter

Glanzlichter

Durst: Tannenzäpfle. Badische Staatsbrauerei Rothaus. (Seit 1791.) Unschlagbar gut. Eines meiner absoluten Lieblingsbiere.

T168-Bier-01

Hunger: Tessiner Rösti. 12 Euro. Hätte ich besser in der Schweiz probieren sollen.

T168-Essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Durch den Seniorensommer nach Bad Säckingen

Weil am Rhein ist eine eigenartig unwirtliche Stadt. Das Zentrum wie ein lang gezogenes Straßendorf mit Einkaufszentren.
Die Restaurant-Dichte ist erstaunlich, aber es gibt fast ausschließlich Imbiss-Fast-Food. Türkisch, Chinesisch, Italienisch (alles zum Mitnehmen). Dazu eine Auswahl an 1 Euro Läden.

Viele Migrationshintergrund-Gesichter in den Straßen.
Viele Arbeiter-Gesichter. Gesichter, die andeuten, dass die Menschen nur kurz hierher kommen wollten und dann doch geblieben sind. Seit Jahrzehnten schon.
Sie haben Weil zur Grenzstadt gemacht. Unfreiwillig Deutschgewordene. Bald wohl die einzigen Sprecher des lokalen Dialektes. Herrlich ihr Badisch! Sie beherrschen selbst den kehligen Krachlaut der Schweizer.

Vom Zentrum Weils zur eidgenössischen Grenze ist es ein Katzensprung.

Seit die Schweizer ebenfalls Schengener geworden sind, gehören auch Zollhäuser zu den Immobilienleerständen.

Nutzlos

Nutzlos

Um 8 Uhr den Rucksack geschultert. 33 km lang war die Tagesetappe. Das Ziel: Bad Säckingen.

GPS-167-Weil

GPS-Gesamtstrecke bis 167

Der Grenzverlauf in der Weiler Gegend ist reichlich zickzackig.

Schon bald verließ ich wieder die Schweiz. Das letzte Haus vor der Grenze in Riehen: ein Museum, von dem ich bislang noch nichts gehört hatte.
Eigentlich eine Gedenkstätte. Für Juden, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und von dort wieder nach Hitler-Deutschland zurückgeschickt worden waren.

Sehr spät bekennt sich die Schweiz zu ihrer Schuld am Tod von jüdischen Bürgern.

Sinnvoll

Sinnvoll

Das Museum hatte so früh am Morgen noch nicht geöffnet. Schade. Ich zog weiter Richtung Rhein.

Die Landschaft wurde hügelig. Basel und Weil verschmolzen aus der Ferne zu einer Stadt.

Nah und Fern

Nah und Fern

Obwohl nur 500 m hoch, fühlte ich mich manchmal wie auf Almen.

Der Berg ruft

Der Berg ruft

Der Schwarzwald ächzte unter der Last der Gewitterwolken.

Schwarzer Wald

Schwarzer Wald

Wieder im Tal, machte ich eine kurze Pause im Garten des Beuggener Wasser-Schlosses.

Sinksicher

Unsinkbar

Im Dorf Schilder vor Bäckerläden, die ich nicht verstand.
Was um Himmelswillen sind Waie? Oder Ziebele?

Ist das Alemannisch?

Ich versteh kein Ausländisch

Ich versteh kein Ausländisch

Auf dem Weg zum Rhein ein außergewöhnliches Kriegsdenkmal.
Aus dem Jahr 1815!

Martialisch

Martialisch

„Hier ruhen 3000 tapfere österreichische Krieger der Schwarzenbergischen Armee, zusammen mit Bayern, Sachsen, Preussen, Württembergern. Welche nach ruhmvollen Kämpfen in den Befreiungskriegen 1813-1815 im K.K. Feldspital Beuggen an ihren Wunden und am Nervenfieber den Heldentod starben.
Wer so wie wir den grossen Schwur gelöst! Wer so für Gott und Vaterland gefallen, der lebt im Herzen seines Volkes fort.“

Grenzgebiet! Und die Narben werden sichtbar! Auch hier an der Grenze mit der Schweiz.

Der Rhein trennt (und vereint) beide Nationen.

Uferbebauung

Uferbebauung

Endlich hatte ich wieder den Grenzfluss erreicht.
Ein Süßwasserkapitän steuerte sein Ausflugsboot genau auf der Grenzlinie.

Grenzdampfer

Grenzdampfer

Bis hierhin war der Rhein beidseitig dicht bebaut. Hinter Rheinfelden dann immer wieder kurze Naturufer-Einsprengsel.

Klein der Weg, groß der Fluss

Klein der Weg, groß der Fluss

Der Fluss wurde richtig schön.
Schwäne haben ihn kolonialisiert und Mensch und Schiff vertrieben.

Schwanengesang 1

Schwanengesang 1

Schwanengesang 2

Schwanengesang 2

Schwanengesang 4

Schwanengesang 3

Schwanengesang 4

Schwanengesang 4

Abgekämpft und reichlich durstig erreichte ich um halb sieben Bad Säckingen.

Die längste überdachte Holzbrücke Europas überspannt den Rhein nach Stein in der Schweiz.

bridge over water

bridge over water

Über die Brücke kamen auch diese wilden Kerle und machten mir gleich Probleme.
Gerade hatte ich dieses Foto geschossen, kam ihr Anführer auf mich zu und belehrte mich über das Presserecht. Kein Foto ohne Einwilligung!
Aber er ließ mir einen Ausweg: Mit einem „kleinen“ Beitrag könnte ich das Copyright am Foto erwerben.

I'm a hobo

I’m a hobo

Ich kaufte mich mit einer Spende und später mit einer Runde Bier frei und die Gesellen ließen mich noch zwei weitere Schnappschüsse machen.

Me hobo too

Me hobo too

Mindestens – so erklärten mit die jungen Dachdecker – drei Jahre und 1 Tag müsse man auf die Walz. Wenigstens einen Tag länger als die Ausbildung dauere. Das sei Tradition.

  • Auch Frauen zögen immer häufiger mit. Unterwegs hätten sie Schäferinnen, Kirchenmalerinnen, Steinmetze getroffen.
  • Die meisten seien mittlerweile weltweit auf der Walz. Ein Flugticket lasse man sich vom Arbeitgeber statt Lohn bezahlen.
  • Geschlafen hätten sie letzte Nacht im Eingang eines Supermarktes. Nicht immer finde man Meister oder Menschen, die einem Unterschlupf böten. Geld hätten sie eigentlich nie.
  • Dass Dachdecker und andere Berufsgruppen auf die Walz gingen, hinge damit zusammen, dass früher die Meister nicht genügend Arbeit für ihre Lehrlinge hatten und diese daraufhin in der Region herumschickten. Daraus sei diese Wanderbewegung entstanden.

Während wir uns unterhielten, kritzelten einige etwas in sehr dicke Tagebücher.
Wanderbuch“ stand auf den Klappen. Ich fragte, ob ich mir eines einmal anschauen könnte. Sie waren entsetzt. Das ist das Heiligste was sie hatten und das Intimste.
In den Wanderbüchern führen sie die Zeugnisse, Empfehlungen, Widmungen ihrer vielen Arbeitgeber mit. Auf den Buchseiten verewigen sie aber auch ihre Liebschaften, ihren Kummer und ihre Dummheiten.

Als ich mich von der Gruppe verabschiedete, bekam ich gerade noch mit, wie zwei miteinander ernsthaft verhandelten und dann etwas tauschten: eine fast leere Zahnpastatube gegen einen großen Wamsknopf.

Über das Gespräch mit den bunten Vögeln hatte ich fast vergessen, mir eine Unterkunft zu besorgen. Als ich von Hotel zu Hotel zog, wurde mir klar, dass diese Stadt völlig überbucht war.
Mit viel Glück fand ich doch noch ein freies Zimmer. Ich fragte den Portier was denn heute los sei?
„Wieso heute?“ antwortete er. Die Schul-Ferien seien zwar vorbei, aber jetzt habe eine andere Saison begonnen: der Seniorensommer!

Durst. Eines meiner Lieblingsbiere: Tannenzäpfle der Rothausbrauerei Freiburg. Nur Klasse!

T168-Bier-01

Hunger: Gebratene Forelle mit Couscous- und Kartoffelsalat. 12 Euro. Naja!

T168-Essen-01

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

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Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

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Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!