In Laufen hat das Laufen einen Anfang und ein Ende

Um halb neun meinen letzten „Braunen“ getrunken und Tschüss gesagt.

Abgeschlossen

Abgeschlossen

Salzburg erwachte gerade. Die Sonne durchstach an manchen Stellen pfeilscharf die Wolkendecke.

Ich hatte 20 Kilometer zu laufen. Bis ins deutsche Laufen an der Salzach.

GPS-192-Salzburg

Der Weg immer entlang des Flusses. Bis auf eine Ausnahme. Wegen einer kaputten Brücke musste ich einen 2 Kilometer langen Umweg gehen.

Das Ferne ist nah

Das Ferne ist nah

Außerhalb der Stadt die Strecke meist schnurgerade. Meist vollständig von Wald eingewattet.

Grenztunnel mit Licht am Ende

Grenztunnel mit Licht am Ende

Auf meiner gesamten Wanderung hatte ich so gut wie nie Angst gehabt – obwohl ich immer alleine unterwegs war, auch in Dunkelheit, auch an einsamsten Stellen.

Aber heute war mir irgendwie bang. Als könnte mich kurz vor Schluss meiner Wanderung noch irgendein Unglück anfallen. Ein verrückter Waldmensch, ein verzweifelter Dieb, ein Hirnschlag, die Faust Gottes. Irgendwas.
Ich traute der Stille nicht, schaute mich mehrmals um.

Entdeckte nichts, außer eines dieser für mich nicht entschlüsselbaren Graffiti unter einer Bahnbrücke.

Last picture

Last picture

Ich lief meinen Fünferschritt. 5 Kilometer die Stunde. Stoppte selten. Es gab eh kaum Fotomotive.

Kurz vor meinem Ziel blieb ich stehen. Hielt inne und schnaufte durch. Hinter mir die Alpen im Schnee.

Goodbye

Goodbye

Vor mir die Salzachbrücke.

Letzte Brücke

Letzte Brücke

100 Schritte noch.
Und meine Grenzwanderung war vorbei.

Nie mehr laufen

Nie mehr laufen

Um halb eins Laufen betreten.

Zu meiner Überraschung wurde ich erwartet. Von Resi.

Miss Germany hat gewartet

Miss Germany hat gewartet

Exakt an der Stelle, an der ich vor gut zwei Jahren, am 29.November 2011, meine Reise begonnen hatte.

Ich umarmte sie. Resi freute sich und sagte, dass sie stolz auf mich sei.

913 Kilometer war ich auf meiner jetzigen Etappe (in den letzten 5 Wochen) gewandert. Jetzt war ich am Ziel. Mein Ziel war der Anfang.

Ein klein wenig Statistik:

Insgesamt 192 Tage gelaufen. 4.571 Kilometer zurückgelegt. Einmal Deutschland komplett umrundet.

Ostgrenze: 1.492
Nordgrenze: 1.183
Westgrenze: 1.234
Südgrenze: 662

GPS-Gesamtstrecke-S

Ich aß einen Schweinsbraten (exzellent und reichlich), trank ein Hefeweizen.

The last Schweinsbraten

The last Schweinsbraten

Und setzte mich in den Zug: homeward bound!

Pause in Zittau

Nichts gemacht, außer die beiden Fastentücher lange angeschaut (dafür ist Zittau berühmt), meine Füße saniert, ausgiebig Zeitung gelesen und am Abend gegessen und getrunken.

Durst: Zittauer Bürgerbräu. 2,40 Euro (0,4l). Standard Bier. Schmeckt, aber hat nichts Besonderes

Hunger:
Gebratene Rippe (vom Schwein) und Stupperle (= Dicke Rippe in Schwarzbier Honigtunke). Dazu Sauerkraut und Kartoffelklöße. 9,10 Euro.

Wie gestern Abend auch: Wieder gutes Wirtshausessen. Jeder Student würde sich freuen und würde satt.

Ein namenloses Wesen begleitet mich nach Aigen

Immerhin ein Warn-Stein!

Warnstein in Braunau

Hier, in diesem Haus hinter dem Stein, wurde nicht der Nationalsozialismus geboren, aber der größte Verbrecher der Neuzeit.

Das Geburtshaus des Großen Diktators scheint weitgehend unbehaust zu sein.
(Wer könnte mit so einem Gespenst zusammen wohnen?)

Die Braunauer tun mir leid. So wie ein Dachauer immer wird begründen müssen, wie er in seiner Stadt mit solch einer Vergangenheit wohnen kann, so werden auch die Braunauer den Spuk niemals los.

Ich fand keinen einzigen Souvenir-Laden in der Stadt. Welches Andenken will man auch hier verkaufen? An was soll man sich hier gern erinnern?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so gruselig fühlen würde. Tut mir leid Braunauer, der Abstecher über die Grenze war eine schlechte Idee. Ich will schnell wieder zurück auf die andere Seite.

Auf dem Weg zurück passierte ich noch in Braunau einen Mini-Weihnachtsmarkt. Ein Engerl zwinkerte mir zu, signalisierte, dass er auch schnell weg möchte. Ich nahm in mit. Weil er ein sympathischer österreichischer (rot-weißer / oder besser rosa-weißer) Seraph war.

Namenloser Cherub

Namenlos, bei diesem Namen beließ ich es gleich. Ich gebe zu, ich war froh, dass das Engerl in einem Glashaus gefangen war.

Es bestand also keine Gefahr, dass er entfleuchen und irgendeinen Unsinn wie Loisl anstellen konnte. Bei den Österreichern weiß man ja nie.
Und zudem: Er führte ein wenig Schnee mit! Während es draußen so um die 6 bis 8 Grad PLUS waren. Kälte, Schnee, Winter – vielleicht im Himmel. Auf Erden aber nicht.

Seltsame Jahreszeit.

Blühende Landschaften im Dezember:

Winterblüte

Braunau lag rasch hinter uns. Auch wenn Namenlos mich ein wenig aufgehalten hatte und ich erst gegen halb neun loskam, hatten wir doch das Ziel bis am Abend in Aigen am Inn zu sein. Schätzungsweise 27 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Noch auf der österreichischen Seite: wunderschöne Innlandschaften, Auen, Schilf. Die Route folgt einem internationalen Fern-Rad-Weg.

Inn Idylle

Schlösschen Hagenau

Acker und Au

Bei Frauenstein bringt mich Namenlos zurück nach Bayern. Empfangen von einem Wegkreuz. Eines von vielen auf meinem Weg.

Ziemlich katholische Gegend

Sumpf. Kaum begehbare Wege die ersten zwei Kilometer.

Auenwald am Inn

Schmaler Trampelpfad ins Nichts

Schatten und Original:

Ich, der Schatten

Ich, das Original

Wie viele Kilometer ich dann geradeaus auf dem Damm gehen mußte, erinnere ich nicht mehr. Nur noch daran, wie unendlich anstrengend es ist, sich auf den „rechten“ Weg zu begeben. Wenn das Ziel immer gleich entfernt bleibt, der Horizont sich keinen Millimeter nähert, unendlich unendlich bedeutet. Wieviel motivierender ist es, wenn man Haken schlagen, Umwege laufen kann. Ich glaube, daß die Geometrie irrt, wenn sie behauptet, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei die Gerade. In der Landschaft stimmt das nicht. Der schnellste Weg führt über Umwege. Davon gab es reichlich. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Blick nur nicht nach vorn zu richten, sondern ständig meinen Füßen zuzuschauen, wie sie sich selbständig bewegten, einen Schritt vor den andern setzten. Die Gedanken richteten sich nach diesem Rhythmus, ein Gedankensplitter folgte dem andern.

Aber ich will nicht jammern: Stille, nur leichtes Windrauschen, ab und zu das heißere Gekrächze eines Raben oder das Geschnatter einiger Donau-Enten (schmeckt eigentlich Wildenten-Fleisch? Mit Orangensauce?). Ganz nebenbei: Ich bin ornithologisch und – was Natur anbelangt – sprachlich ungebildet. Schnattern eigentlich Enten oder schnattern Gänse oder beide? Krächzen Raben und was machen dann Krähen? Oder Schwäne, Graureiher gar? Es gibt Sprachen, für die noch kein Wörterbuch geschrieben wurde.

Weg in die Unendlichkeit

Links und Rechts Augenweiden

Ankunft in Aigen mit „night falls“.

Nette kleine Pension in einem alten Bauernhof. Die Gaststätte füllte sich ab 18 Uhr rasch. Kaum Einheimische. Fast nur Kurgäste. Aus dem 10 Kilometer entfernten Bad Füssing. Der Gasthof war anscheinend berühmt für seine Speisekarte und für zünftige Unterhaltung. Unter den Gästen alles, was einem Pathologen Spaß macht: Fußkranke, Athrotische, Halb-Gelähmte, Schüttelgelähmte, Sprachgelähmte, Krankhaftlacher, Fangoanwender, Berufspensionäre mit eingewickeltem Dackel, alles, nur keine Kassenpatienten. Eine Gaststätte als Sanatorium. Die Gespräche kreisten nicht um Gott und die Welt, sondern ausschließlich um Tod und Kur. Schließlich kam auch noch der ehemalige Pfarrer aus Bad Füssing, der in dieser Gaststätte seinen Lebensabend verbringt und kein Wort spricht. Er ist ja auch nicht mehr im Innen-Dienst.

Ab 19 Uhr dann Volksmusik. Sympathische Dorfband. Schien ein Familienunternehmen zu sein.  Bayerische Gassenhauer. Holzfällerbub’n und so weiter. Der ältere Musikant benutzte ein Rhythmus-Instrument, das ich nicht kenne. Eine Art Ratsche? Schnarre?

Durst: Wolferstetter Helles (Traditionsbrauerei aus Vilshofen). Sehr schmackhaft, mit schön dezenter Würze. 2,80 Euro.

Auch Namenlos ruft Halleluja beim ersten Bier

Hunger: Gitti’s Bras’l in der Rain / Schwein’s und Surbrat’l mit Semmel- und Kartoffelknödel, dazu Sauerkraut (9,80 Euro). So war’s im Original geschrieben. Und es schmeckte fantastisch. Auf den Punkt gewürzt! Kompliment.

(Surbaten, das hab ich nun gelernt, ist leicht gepökeltes Fleisch.)

Saftig

Müde und kaputt um 23 Uhr schlafen gelegt. Es war gut, dass Namenlos in seiner Glasglocke blieb. Der österreichische Engel konnte so die kleinen Gemeinheiten des bayerischen Kollegen Loisl gut ignorieren, dem es langsam auf den (Heiligen) Geist ging, ständig die Gosch verbunden zu haben. Er krächzte etwas wie ein heißerer Rabe (?? krächzt der ??).

Familienbett

Unterkunft: 38 Euro ( mit Frühstück).