Durchs Tal der Ahnungslosen nach Zittau

Die nette Wirtin verabschiedete mich mit den Worten: „Na dann gehen sie ja jetzt durch das Tal der Ahnungslosen„.
So wurde die Gegend um Großschönau zu DDR Zeiten spöttisch genannt.
Westfernsehen war hier nicht zu empfangen gewesen. Nur der Schwarze Kanal!

Dann lief ich also nach Zittau.

Ein historischer Meilenstein kündigte an: „1 Meile“ (also 7,5 km).

1 Meile sind 7,5 km

In Wahrheit waren es knapp 12 km Wanderweg.

GPS-Gesamtstrecke bis 045

Ich würde sie in Rekord-Tempo laufen müssen. Denn, auch das verriet mir die Wirtin zu meinem Schreck, selbst in Zittau schlössen die Geschäfte samstags Punkt 12 Uhr Mittag. Ich musste aber unbedingt etwas kaufen.

Also rannte ich ab 9 Uhr mehr, als dass ich wanderte.

Da geh‘ ich nicht rüber !

Gott sei Dank lag das Zittauer Gebirge (das kleinste Mittelgebirge Deutschlands) nicht auf meiner Strecke.

Halb 12 erreichte ich das 28.000 SeelenStädtchen.
Eine halbe Stunde Zeit blieb mir, zwei Bücher über die Oberlausitz und Polen zu kaufen. Das würde meine nächste Wander-Etappe sein.

Zittau liegt im Dreiländereck Sachsen, Polen, Tschechien. Letzteres hatte ich jetzt endgültig hinter mir gelassen.

Zittau ist eine Kleinstadt mit Mini-Universität und Theater.

Um die städtischen Bühnen gibt es offensichtlich Ärger. Am Nachmittag zog – mit höllischem Lärm – ein bunter Protestzug durch die engen Straßen, um gegen eine mögliche Schließung zu protestieren.

Schöner Protest

Immer noch schöner Protest

Die volle Dröhnung

Ich setzte mich in ein Café. Trank ein Bier, sonnte mich und schaute Alt und Jung (die gab es auch!) zu.
Es war ein schöner Frühlingstag.

Sonne, Rauch, Genuss

Durst:

Landskron Premium Pils. 3,10 Euro (0,5l). Gutes Pils. (Aus Görlitz / Brauerei seit 1869.)

Danach ein Zwickel St. Marienthaler, 3,20 Euro (0,5l). Klasse. Würziges Export.
(Privatbrauerei Eibau, seit 1810.)

Hunger:
Schweinekrustenbraten aus dem Schwarzbiersud mit gebräunten Semmelknödeln und dazu Speckbohnen. 11,20 Euro.
Sehr gutes Wirtshausessen.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Pause in Annaberg

Ruhe-Ort in ruhiger Stadt

Annabergs Zentrum ist wunderschön restauriert. Es gibt gut gemachte Museen (Bergbaugeschichte), Besucherbergwerke, eine sagenhaft schöne Kirche (spätgotische Hallenkirche) , eine fantastische Berglage (Toskana Dörfer könnten neidisch werden), tolle Kunsthandwerksgeschäfte, sogar ein, zwei wirklich gute Restaurants.

Dennoch ist Annaberg völlig tot.

Ich bin morgens auf den Marktplatz gegangen: Leer. Ich habe die kleine Fußgängerzone abgelaufen: Niemand in der Straße. Ich habe mich in Cafés gesetzt: Ich blieb allein. Das gleiche mit den Restaurants. Ab 8 Uhr abends sind alle entvölkert. Manche schließen sogar um diese Zeit.

Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Ich habe Kellnerinnen, Geschäftsleute, Museumsführer befragt. Alle meinten, es läge nicht an wirtschaftlicher Not. Die Leute gingen einfach nicht aus. Und zum Einkaufen führen sie in die großen Malls am Rand der Stadt. Die einzige Kundschaft seien Touristen, die sich aber auch nicht in großer Zahl nach Annaberg verirrten.

Seltsames Erzgebirge.

Personal Feelings

Hunger: Wiesentholer Pelzflasch (Schweinebraten mit gebratenen Pilzen, Sauerkraut und böhmischen Knödeln). 9,80 Euro.
Schmeckte zu Beginn überraschend gut. Mit der Dauer verlor die ungewöhnliche Zusammenstellung aber ihren Reiz und wurde geschmacklich eher langweilig.
Trotzdem gut, dass überhaupt Neues riskiert wurde.

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).