Frühlingsbotin Rika will mit mir nur einen Ausflug nach Cheb unternehmen

Frühlingsbotin  (spärlich bekleidet für die Jahreszeit)

Rika stand einigermaßen ratlos da, mit leicht dümmlichem Gesichtsausdruck und auf jeden Fall overdressed (will sagen, für die Jahreszeit hatte sie definitiv zu wenig an). Sie hatte – genauso wenig wie ich – damit gerechnet, dass oberhalb von Marienbad noch Schnee lag. Dabei wollte sie nur schnell zu einer vornehmen Pension in den Bergen oberhalb des Zentrums spazieren. Nun stand sie da, schlotternd vor Kälte, aber immer noch bella figura machend.

Ich lud sie ein, mit mir zugehen. Zum einem gefielen mir ihre Sprossen im Sommergesicht, zum anderen hatte es ja Tradition, sich in einem berühmten Kurort wie Mariendbad einen Kurschatten zuzulegen.

Schon Johann Wolfgang  war (damals 72jährig!) mehrmals hierher gereist, um seine neueste Flamme (eine 17jährige (!)  mit Namen Ulrike von Levetzov) zu beglücken.

Der Weg aus Marienbad heraus schraubte sich erst einmal durch den Wald bis auf rund 800m hoch. Mit reichlich Schnee.

Wenigstens war geräumt

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen und hatte vor, durch das Egerland bis nach Cheb zu wandern. Rund 37 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 028

Die ersten 2 Stunden ging es durch Fichten-Wald einen Höhenweg entlang. Danach führte das Forststräßchen ziemlich entschlossen runter ins Egerland. Der Schnee schmolz dahin.

Schöne Alleen.

Wenn ich nicht bald mal lerne, Bäume an ihren Stämmen zu bestimmen! Platanen ?

Dazu ein Schloss des Fürsten Metternich

Königlich gelegen des Fürsten Schloss

Schließlich kleine Ortschaften in welliger Landschaft.

Um die Kirche drängt’s sich

Neben Ackerbau, sehr viel Viehwirtschaft. Was Nika überhaupt nicht gefiel. Seit wir das Schloss Kynžvart (früher: Schloss Königswart) der Metternichs verließen, stank es für sie in der Gegend nur ziemlich heftig nach Gülle. Als ich sie dann noch – weil ich ein paar Schafe fotografieren wollte – an einem Kuhstall abstellte, war das Maß für sie voll.

Prinzessin auf der Erbse

Sie erklärte, dass sie sofort zurück nach Marienbad wolle.
Ich fragte sie, was sie dort eigentlich mache?
Den Tag verbringen“, deutete sie an – und meinte, auf den reichen Prinzen warten.
Aber Marienbad sei doch todlangweilig, entgegnete ich: “Nur sieche Alte”. Und die hätten kaum Geld. Ich argumentierte, dass die Stadt lediglich mit ihrem früheren Glanz prahlte, von den Goethes, Metternichs und dem Geldadel. Jetzt aber sei die deutsche Mittelschicht und der deutsche Handwerker (der es als Selbständiger zu etwas gebracht hatte und seine Rente hier ausgab) eingezogen – und beide seien 1) knausrig 2) kleinbürgerlich bis spießig 3) nicht zu prinzlicher Großmut erzogen worden.

Trotzdem war sie kaum zu beruhigen – bis ich ihr versprach, dass wir morgen Franzensbad ansteuern würden, ein fast so bekannter Kurort wie ihr Marienbad. Das beruhigte sie vorübergehend.

Ach ja: die Schafe. Ich freu’ mich schon auf das Osterlamm. Mal gespannt, ob die Sachsen (denn bei denen werde ich die Festtage vermutlich sein), das schmackhaft zubereiten können.

Geschmorte Lammschulter mit reichlich Knoblauch !

Nach mehreren Stunden Wanderung durchschritten wir ein kleines verträumtes Tal. Mit dem Weiler Salajna (früher Konradsgrün).

Beschauliches Dorf mit bewegter Geschichte

Der Großteil des Dorfes ist eher baufällig. Doch werden einige Gehöfte mittlerweile renoviert und strahlen fast schon wieder im alten bäuerlichen Glanz. Beeindruckende Fachwerkhäuser.

Beinahe mediterrane Farben

Giebel-Kruzifix

Paarweise wohnt es sich besser

Welch eine filigrane Pracht die an sich groben Ornamente ausstrahlen können. Fachwerk ist wohl das Sinnbild für “Tradition”. Und die Egerländer beherrschten dieses Handwerk aus dem f.f..

Ich kann schon verstehen, dass man um eine solche Heimat trauert, selbst wenn die Vertreibung schon über 6 Jahrzehnte zurückliegt.
(Auch wenn mir stets die meisten Vertrieben-Funktionäre (mit ihrem Revanchismus) mächtig auf den Keks gegangen sind und immer noch gehen.).

Langsam näherte ich mich Cheb (Eger). Am Rande eines vorgelagerten Sees. Ermüdende Kilometer-Rackerei. Schrebergarten reiht sich an Schrebergarten. Tausende kleine Datschen klumpen sich am Ufer.

Zwergenhäuser an der Eger

18:30 Uhr. Endlich Ankunft in Cheb. Mit brennenden Füßen. Die Stadt wie ausgestorben. Aber wunderschön.

Warum verkriechen sich alle hinterm Ofen und warten dort bis der Frühling kommt ?

Durst: Budweiser.

Hunger: Entenbrust mit Honig und Rosmarin. Dazu Knödel 9 (Euro). Sehr gut! Klasse gewürzt, selbst die Knödel hatten zum ersten Mal einen Eigengeschmack (und mussten ihn nicht erst durch die Soße auftanken).

Kein Zicklein auf dem Teller, aber eine Zicke auf dem Tisch

Nur Rika zickte wieder einmal herum. Ente mit Knödel war für sie derb bäuerliche Küche. Sie hätte gerne etwas Mediterranes bestellt. Languste oder Rotbarbe oder so. Ich hatte genug von dem Gemeckere und schmiss mit Salatblättern nach ihr.

Rika könnte damit in Ascot Aufsehen erregen

Ich muss gestehen. Sie trug es mit Würde. Selbst das Blattgrün stand ihr gut!

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

In den Armen Ras-Puddings war sie erstaunlich brav