Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Ich lass Fürst Pückler links liegen und verschwinde schnell nach Forst in der Lausitz

Trotzdem ich schleunigst weg aus dem Kurheim Bad Muskau wollte, dieser kurze Abstecher musste noch sein: ins Weltkulturerbe Fürst-Pückler Park samt Schlösschen.

Fürstliche Ästhetik

Die Sonne war mit mir aufgestanden, wurde aber rasch müde und ruhte sich hinter dicken Wolken aus. Den ganzen Tag.
29 km lang bis Forst in der Unterlausitz. Ich brach um 9 Uhr auf.

GPS-Gesamtstrecke bis 051

Die Neiße floss wie gestern vor sich hin, schön anzuschauen. Aber das Bild kannte ich ja schon.

Da Wasser fließt auch oben in den Wolken

Mit anderen Worten, an diesem Tag tat sich einfach nichts. Das einzig nennenswerte Ereignis war mein Übertritt vom Bundesland Sachsen ins Bundesland Brandenburg. (Da wo ich  lief sprachen sie fast schon Berlinerisch.)

Also marschierte ich (nichts denkend und leicht rammdösig) vor mich hin. Und hoffte, noch vor dem großen Regen anzukommen.

Da baut sich was auf

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich Forst. Ein Städtchen, das Null Charme ausstrahlte (es sei denn, man liebt Plattenbauten), dessen Zentrum ich vergeblich suchte und in dem ich nur mit äußerster Mühe eine Unterkunft fand. (35 Euro mit Frühstück.)

Die gleiche Not hatte ich am Abend. Kaum Restaurants und nichts Einheimisches. Bin bei einem Griechen gelandet und habe mein Urteil verfestigt: Griechen können nicht kochen. Das Mousakas war eine einzige Pampe.

Schweigeengel Eugenie hält das Wort bis Görlitz

Klösterlicher Dunstschleier

Früh aufgestanden, um einen jungfräulichen Blick vom Kalvarienberg auf das Kloster zu werfen.
Schön wie das monasterio daliegt! Nur die Nonnen suchen selten dieses Vergnügen. So gut wie nie verlassen sie die Klostermauern.

Gut: Ich hatte den jungfräulichen Ausblick und die Schwestern ihre Jungfräulichkeit hinter beschützenden Mauern.

Dann noch ein Klosterfrühstück (von Männern serviert) für 7 Euro (Bio!).

Vom Orden der Schweigeengel

Er stand auch auf meinem Tisch: Glücksengel Eugenie. Ich wollte ihn eigentlich übersehen.
(Warum sage ich immer „er“/“der“ Engel, wenn es doch eine „sie/die“ ist?)
Er/Sie war beharrlich.

„Schau“, sprach er/sie mich an: „Ich habe das Hufeisen, das du gestern geschenkt bekamst, auf Mini geschmolzen. So wiegt es nichts. Ich tat es für dich!“

Okay. Gewonnen. Eingepackt und mitgenommen. Aber ich nahm ihm/ihr noch eine Schweigegelübde ab. Nix reden(!) bis Görlitz. Dahin wollte ich auf meiner heutigen Tagestour. Gegen 9 Uhr lief ich los. 22 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 048.

Mir klangen noch die Worte der Bedienung in der Klosterschänke (von gestern Abend) nach.
Selbst sie bekäme die Nonnen fast nie zu sehen.
Einmal im Jahr verließen die Schwarz-Weiß-Verhüllten ihre Burg und vesperten im Biergarten der Schänke. Das sei ein Spektakel für die anwesenden Gäste.
Die älteste der Betschwestern gehe auf die 84 Jahre zu und habe bis vor kurzem in der klostereigenen Bäckerei gearbeitet. Die jüngste sei wohl Mitte Zwanzig. Insgesamt wohnten da unten ein wenig mehr als ein Dutzend Gottesanbeterinnen.

Die Bedienung bezeichnete sich selbst als Nicht-Gläubige. Sie war Angestellte des Klosters und hatte damit kein Problem.

Ich fragte sie nach der Befindlichkeit der Ostdeutschen. Immerhin liefe ich durch eine Gegend, der auch der „Hartz-IV Gürtel“ genannt wurde. Einer der ärmsten Regionen Deutschlands.
Nur, sagte ich ihr, ich sähe davon nichts. Alles, selbst die kleinsten Dörfer, wirke sehr proper, aufgeräumt.

„Ja!“ bestätigte die Bedienung. „Vor ein paar Jahren fuhr ich in die Oberpfalz (zu einer Kloster-Tagung). Es war schrecklich. So viel zerfallen dort, schmuddelig und unordentlich!“

In unseren Dörfern – fuhr sie fort – achteten die Leute auf ihren Vorgarten. Das Private wäre ihnen immer schon wichtiger als das Öffentliche gewesen. Am Abend oder am Wochenende packe der Mann seinen Blaumann aus, jäte das Unkraut, putze das Auto, kehre den Gehweg.

Schöner Tetzlaff-Osten.
(Schon seit geraumer Zeit hegte ich den Verdacht, dass es hier manchmal noch eine Spur spießiger und kleinbürgerlicher ist als in den Westdörfern).

Egal. Ich musste weiterkommen.
Ich lief im Prinzip immer den ausgeschilderten Neiße-Radweg entlang. Mal betoniert, mal (selten) unbefestigt. Den Fluss bekam ich selten zu sehen, meist plätscherte er hinter Dämmen versteckt. Wenigstens hörte ich ihn.

Ab und zu: Winzdörfer auf der polnischen Seite.

Unspektakulär

Auf sächsischer Seite ebenfalls Winzsiedlungen. Ich achtete besonders auf die Vorgärten. Immerhin, einige hatten Witz:

Schöner Gag

Früher war hier Braunkohle-Abbau. Stillgelegt nach der Wende. Nur in Polen buddeln sie weiter.
Aber die Erinnerung bleibt:

Wenn ich als Kind so einen Bagger geschenkt bekommen hätte - ich wäre immer Sandkastensieger gewesen!

Viele Friedhöfe auf dem Weg. Noch einen Tick aufgeräumter als die Vorgärten.

Blumen für mein Grab

Am frühen Nachmittag erreichte ich Görlitz. Die Stadt der Latte Macchiato Rentner. Für mich war es die Stadt der Türme.

Babel in Görlitz

Eine fantastisch restaurierte Altstadt, durch die heute der Wind kalt und eisig pfiff, wenn auch die Sonne schien.

Dicker Turm in Görtlitz

Ich bin bereit, noch ewig den Soli zu bezahlen (den löhnen die Ossis ja auch!), wenn Stadterneuerung so aussieht.
Immerhin sollte zu DDR-Zeiten selbst die (damals heruntergekommene) Altstadt abgerissen werden, um Braunkohlebaggern Platz zu machen.

Babelsberger Kulisse in Görlitz

Früh ging ich essen. Ich hatte verdammt Hunger.

Hunger: Schlesisches Himmelreich (Kasseler und Backobst in Sahne, mit böhmischen Knödeln). 11,90 Euro.
War überraschend gut, auch wenn mir das Backobst auf Dauer zu dominant war.

Und Eugenie hatte Wort gehalten. Während der gesamten Wanderung war kein Wort über ihre Lippen gekommen. Mir imponieren eingehaltene Versprechen. Ich gab ihr die Hälfte meines Tellers ab.

Durst: Das Übliche: Landskron. Ist das sächsische Nationalbier.

Zur blauen Stunde ging ich noch einmal in den kalten Wind: den Dicken fotografieren.

Dick und Schön: Kein Widerspruch

Nachtruhe für alle!

Zwei haben sich selig

Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Von Fritzens (Junior) Bunga Bunga Burg bis zur (lebenden) Toten Stadt Sebnitz

Was für eine atemberaubende Sicht auf die Elb-Schleife und welch eine Riesen-Enttäuschung! Diesig! Ich wartete zwei Stunden, doch die Sicht klärte sich nicht! Im Gegenteil.

Ich, in einer der schönsten Gegenden meiner Wanderung (wenn nicht Deutschlands), und nun das!

Ein braun-verwaschenes-Unfoto!
Und die vielen schönen Tafelberge im Hintergrund: Unsichtbar!

Fischauge war wachsam aber trübe

Was scherte mich die Geschichte der Burg, auf der ich ausharrte. Nicht Einzigartigkeit, Pest-Kasematten, Verteidigungslinien, Besitzer-Wechsel reizten meine Aufmerksamkeit: Ich wollte wie ein kleiner zorniger Junge mein Foto! Meine Trophäe!

Nada!

Einzig Fritz (Junior) gelang es, meine eingetrübte Stimmung etwas aufzuheitern, als er mich frech ansprach.
Ob ich wirklich nicht hören wollte, welch frivole Spielchen er in dem Barock-Türmchen hinter ihm getrieben hätte?
Früher, als das noch nicht Bunga Bunga genannt wurde

Welche Trophäe hält er in seinen Händen ?

Er erzählte von Miedern, Leibchen, Liebestötern, Fesselspielen, kitzelndem Perückenpuder und aphrodisierendem französischen Parfum, von transparenten weißen Körpern und erotisch aufgemalten Muttermalen. Fritz Junior schwelgte.
Ich fragte ihn, ob seine heimlichen Burgfräuleins nur aufstiegswillige Noblessen oder auch Landpomeranzen gewesen seien, fesche Mädchen aus Böhmen. Und wer ihm überhaupt all die schuldigen und unschuldigen Seelen zugeführt habe? Gab es damals schon einen grenzüberschreitenden Prostitutionsring?

Bei diesem Wort zuckte Fritz Junior zusammen. Er entschuldigte sich, dass er nun doch etwas anderes zu tun hätte und schickte sich an zu gehen. Nur eine neugierige Frage, die ihn offensichtlich quälte, hielt ihn von seinem Vorsatz zurück. Er wollte wissen, ob er sich verhört habe, dass aus meinem Rucksack schöne wohlgeformte junge Frauenstimmen zu vernehmen seien.

Ich packte den Lüstling, steckte ihn zu meiner Entourage und setzte meine Wanderung fort.

12 Uhr Mittags war es mittlerweile geworden und ich hatte noch 20 Kilometer bis Sebnitz vor mir. Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz.

GPS-Gesamtstrecke bis 043

Und wieder übermannte mich der Zorn. Ich lief durch Caspar David Friedrich Landschaften, hatte die Mond-Malereien, das weiche Licht, das sich durch die Tannen bricht, die Tafelberge, Sandstein-Minarette und Herkulessäulen, die dunklen Kamine und verwitterten Schluchten vor Augen – und bekam den Dunst nicht los.

Wie Blei drückte er auf die Landschaft.

Fotos, die ich schoss, waren reine Frust-Bilder. Mein rechter Zeigefinger betätigte selbständig den Auslöser.

Taugt nicht mal für einen Scherenschnitt

Wie schön hätte das werden können, das erste zarte Grün!

Caspar David hat das besser gemalt !

Und wie zum Hohn brach sich am späten Nachmittag die Sonne Bahn (kurz zumindest), als ich den Nationalpark schon hinter mitgelassen hatte.

Bunte Republik

Früher, ich will damit sagen, als ich jung war, vor 30 Jahren: Also früher, da waren in Deutschland alle Häuser weiß und die Dächer entweder ziegelsteinrot oder pechschwarz.
Jetzt fiel mir auf, dass nicht nur hier in Sachsen, auch in der Oberpfalz, die ich zuvor durchwandert hatte, die Fassaden kunterbunt angemalt sind.

Häsuer in Mexikanisch Blau, in Christopher-Street-Gay Pink, in Zitronengelb, Holländer-Orange, Katholisch-Purpur und Evangelisch-Lila. Die Republik wird immer bunter!
(Die Leute reisen offenbar viel und weit und bringen Farben mit!)

Spät, noch schimmerte der Himmel ein wenig blau, fand ich ein Hotel am Marktplatz in Sebnitz. Eine Große Kreisstadt. Ich hatte mich gewundert, dass die Straßen menschenleer waren, als ich ankam. Und als ich das Abendbrot verschlang, war immer noch niemand zu sehen: draußen nicht.

Blaue Stunde ohne Menschen

Und drinnen genauso wenig. Niemand! Um es noch einmal deutlich auszusprechen: niemand!

Dass es mal jemand glaubt!

Ich fühlte mich wie in einer Totenstadt.

Durst: zur Abwechslung einen Wein. Ein Dornfelder aus der Pfalz. Wenigstens war er trocken! Was besseres kann ich leider nicht von ihm sagen. Nur: Fritz Junior störte das überhaupt nicht. Er wollte mir von seinen netten Erlebnissen in meinem Rucksack erzählen, von böhmischen Mädchen in Trachten und seltsamen russischen Puddings. Ich ließ ihn. Er war sichtlich angetrunken, plumpste kichernd in die Karaffe!

Hunger: Steak mit Kräuterbutter und Bratkartoffeln. War gut, aber völlig überteuert.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Links der Elbe nach bis nach Sächsisch Königstein

Manche werfen Geldmünzen in Trevi-Brunnen, andere ketten Schlösser an Flussbrückengeländer. Und alle wollen einen Traum nie zu Ende austräumen: „love that never ends“.

Angekettet

Aber wie viele dieser Geschichten von „Traummann“ findet „Traumfrau“ enden mit der ersehnten „Traumhochzeit“?

Wer hat den Schlüssel, wenn es auseinandergeht ?

Ein aufgebrochenes Schloss habe ich auf der Elbbrücke in Děčín nicht entdeckt. Was ich im übrigen normal gefunden hätte, dass irgendein(e) Nebenbuhler(in) eine kleine Voodoo-Hexerei versucht haben könnte. Wenn schon Magie, dann aber richtig!

Gegen 9 Uhr brach ich auf, vorbei an der beeindruckenden Auffahrt zum Stadtschloss.
Wenn schon die Liebe nicht unendlich sein kann, so treffen sich wenigstens zwei Parallelen im (fast) Unendlichen. Hier ist der bildliche Beleg:

Wirkt wie ein optischer Trick!

Der Weg führte mich 26 km entlang der Lame/Elbe bis nach Sächsisch Königstein.

GPS-Gesamtstrecke bis 042

Eine relativ leichte Tour, linksseitig die Elbe entlang. Nur noch selten Kleinindustrie. Ab und zu ein Lastkahn.

Gemütlich

Allerdings donnerten unentwegt Güterzüge vorbei. Wobei deutlich mehr Züge Ladung nach Tschechien transportierten. Die, die nach Deutschland fuhren, hatten ausschließlich Skodas auf den Waggons.

Endlich häuften sich auch die schönen Flussansichten.

Die Elbe schlängelt sich durch Sandsteingebirge und drängt Häuser an die Steilwände

Legoland ist nicht abgebrannt

Ich registrierte es nicht mehr, als ich die tschechisch-deutsche Grenze überschritt. Welch eine fantastische EU-Normalität!

Bad Schandau im Dunst lag bereits hinter mir.

Wer sagt, dass es nur am Rhein märchenhafte Landschaften gibt ?

Königstein mit dem markanten Tafelberg „Lilienstein“ (ebenfalls im Dunst) eine Stunde entfernt:

Das Ziel vor Augen

Gegen 16 Uhr stand ich im Zentrum des kleinen Städtchens. Das übliche Spiel begann: Zimmersuche. Zwei ausgeschilderte Pensionen hatten (für immer) geschlossen. Mehrere Unterkünfte reklamierten einen „Ruhetag“ für sich (es sei ihnen gegönnt!) und das einzige noch in Frage kommende Gasthaus schloss erst um 17 Uhr auf. Die Saison würde angeblich erst um Ostern beginnen, sagte der Wirt mir später halb entschuldigend.

(Seit ich laufe, renne ich irgendeiner Saison hinterher (oder voraus?). Erst der Winter- und Weihnachtssaison, jetzt ist es Ostern. Bin mal gespannt, wie das noch weitergeht.)

Durst: Wernesgrüner Pils (2,80 Euro (0,5l).)

Hunger: Königsteiner Festungsschmaus. (Drei Natursteaks mit Grillwürstchen, Speck und grünen Bohnen. Dazu Bratkartoffeln.)
War reichlich und ordentlich. (12,60 Euro.)

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Durch Kodachrome braune Landschaft nach Ústí nad Labem

Hat alle Stürme überstanden und zeigt seine Wunden

Ich hatte sie schon vermisst: die Wegkreuze. Lange waren sie meine treuen Begleiter gewesen. Seit dem Grenzübertritt nach Sachsen waren sie aber verschwunden. Jetzt war ich erneut in Tschechien und das erste, was mir vor die Linse kam (nach den Asia-Markt-Buden selbstverständlich!), war dieses verwaschene (besseres Deutsch wäre „verwittertes“) Wegkreuz. Es stand in Cínovec, das früher einmal Zinnwald hieß. Also wieder mitten drin in der Sudetendeutschen/Tschechischen Geschichte.

Auf dem weiteren Weg passierte ich immer wieder Steinstümpfe ohne eisernes Kruzifix. Vandalen sind diese Strecke schon vor mir abgegangen.

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen (irgendwie ist das „meine“ Zeit geworden) und hatte 34 km vor mir bis nach Ústí nad Labem (Aussig).

GPS-Gesamtstrecke bis 040

Beim Grenzübergang wurde ich von zwei Bundespolizistinnen kontrolliert. Sie waren auf der Suche nach illegal eingereisten Ausländern oder Schleusern. Ich erkundigte mich nach den Hauptproblemen an der Grenze: „Drogen“ (aus den Asia-Märkten), „grenzüberschreitende Kriminalität“ (Einbrüche, Diebstahl). Das normale Sortiment. Zuständig dafür waren aber Zoll und Landespolizei. Die Bundespolizistinnen schienen etwas unterbeschäftigt. Aber sie waren sehr freundlich. Bin ja schließlich auch nicht illegal ausgereist! (Geht das überhaupt? Illegal ausreisen. Früher (DDR) ja? Aber heute?)

Auf der tschechischen Seite tappte ich den Bergkamm entlang. Fast 800m hoch. Es wehte ein frischer bis eisiger Wind. Aber die Sonne begleitete mich. Kleine (noch kahle) Birkenwälder auch.

Birken warten auf Birkenblüte

Aus den Wäldern draußen: fast amerikanische Weiten in Kodachrome-Braun.

Auf fast 800m Höhe weitet sich die Landschaft

Windbäume mit Windrädern

Nach 2 Stunden ging es den Berg runter. In steilen Serpentinen. Spektakuläre Aussichten auf das Tal, die ich aber nicht fotografieren konnte, weil der Dunst da unten alles einsuppte. Ich war sauer ob der verpassten Gelegenheit (dabei hätte ich froh und stolz müssen, dass das menschliche Auge (noch) der besten Kameralinse um das Millionenfache überlegen ist!).

Da ich nicht knipsen konnte, hatte ich Zeit Gedanken nachzuhängen. Ich weiß nicht mehr warum, aber mir fiel der Skinhead ein, den ich vor über einer Woche kurz vor Aš gesehen hatte. Ein junger Mann mit extrem grobschlächtigem Gesicht, mit prekärem und aggressivem Blick. Ich dachte damals: Es ist die schlichte Dummheit, der IQ von unter 80, der ihn zum Skinhead gemacht hat (ich weiß, es gibt intelligente Skins). Das Verlangen, irgendwie zu irgendwem zu gehören.

Jetzt stellte ich mir die Frage: Kann jemand, der in allem, was er tut, „grob“ ist: wie er geht, wie er sich benimmt, wie er spricht, wie er wütet, wie er blickt, wie er spricht – kann so jemand auch „fein“ fühlen?
Jedem Hund, jeder Katze, billigen wir schnell Feinfühligkeit zu. Aber einem Grobschlächter?

Ich grübelte darüber, ob lediglich das fühlbar, was auch ausdrückbar ist?
Kann ein Proll auch galant sein? Klingt das paradox?

Wenn aber ich nur das fühlen, was ich (und sei es nonverbal) aussprechen kann, folgt daraus zwingend, dass Gefühle im Kern Gedanken sind – also Illusionen und bloße Konstrukte? (Will ich das glauben?)

Bevor ich weiter philosophieren konnte, erreichte ich Krupka (Graupen). Ein altes ehemals bedeutendes Bergbaustädtchen in Nordböhmen. Fast alle Bewohner (weil Deutsch-Böhmen) wurden nach dem Krieg vertrieben. Die leeren Häuser wurden an Familien aus dem tschechischen Landesinnern vergeben, die nie zuvor diese Gegend betreten hatten. (Ob sie mittlerweile Wurzeln geschlagen haben?)

Buntes Sudetendorf

Und immer noch führte der Serpentinenweg steil nach unten. Bis ich es endlich geschafft hatte. Von fast 800m Höhe auf 130m.

Die Berge lagen fürs Erste hinter mir.

Als wärn's die Rocky Mountains

Braun die Stoppelfelder, aber die Knospen der Weiden öffneten sich bereits. Weidenkätzchen würden bald ins Feld springen. Ich konnte es fühlen.

Vor mir dir Vorboten der Stadt Ústí nad Labem. Fast Hunderttausend Einwohner benötigen Energie und Trinkwasser. Hier gab es beides: Wasserspeicher und Kraftwerk.

Cote d'Azur Blau

Zwei Stunden fehlten noch, dann hatte ich die outskirts von Ústí nad Labem erreicht. Der Eintritt in die Stadt wie die Einfahrt in ein Chemiewerk.

Orangene Stadt

An den Werksmauern Graffiti, die ich nicht deuten konnte. (Immer schlecht, wenn Bilder nicht für sich sprechen – oder fehlt mir einfach der kulturelle Hintergrund ? Bin ja schließlich kein Tscheche!)  Wer ist dieser einokulare Mensch ? Guckt er grimmig, wütend, gerissen, nachdenklich, dreist, wissend, draufgängerisch, gleich losschlagend, resigniert?

Sag mir, was soll das bedeuten !

Aber eins begriff ich (obwohl ich noch keinen interkultureller Deutsch-Tschechisch-Kurs gemacht hatte) sofort: Guck hier in den Straßen immer nach unten! Jede zweite Gullyabdeckung fehlte. Einbruch-Gefahr!

Blick nie nach oben richten !

In der Stadtperipherie unzählige Armensiedlungen (nicht Slums wie in Lateinamerika, aber äußerst heruntergekommene Straßenzüge).

Trotzdem Lebensfreude!

Hinterhofspaß

Zusammen hat einer allein mehr Freunde

Ankunft im Stadtzentrum gegen 17 Uhr 30.

Durst: Pilsener Urquell, wie fast immer – und wie immer gut und billig.

Hunger: Da kein einheimisches Lokal geöffnet hatte (Montag?), bin ich in ein kubanisches Restaurant gegangen. Ich war der einzige Gast. Auf der Karte gab es ein einziges kubanisches Gericht. Aber dafür lief ständig Buena Vista Social Club als Blubbermusik.

Essen sollte sein: „Pollo santiaguero“ – war aber ein in Ketchupsauce ertränktes rachitisches Industrie-Hühnchen. Immerhin mit kubanischem Bohnenreis („Congris“) – wenn auch zu nass. (9 Euro.)

Kubanisch ist nur das Congris

Unterkunft: Leider viel zu teuer (hatte auf die Schnelle kein anderes Hotel gefunden als das einer amerikanischen Kette).

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Fräulein Erich streitet mit mir bis Zwota über Rotkraut

East-German Gemütlichkeit

Bevor ich um 10 Uhr aufbrach, trank ich noch schnell einen Kaffee in einem typischen Kaffeehaus in Bad Elster.
Ich musste Selbstgespräche führen, so allein war ich, sogar der Wirt hielt sich stetig versteckt. Er war wohl auf der Suche nach Gästen. Sonntag!

Ich rief den Koch (der bereitete bereits das Mittagsmenu vor). Seltsamer Engel!

Nichts drunter unter der Platte ?

ER war eine SIE und Sie nannte sich Erich.
Jedenfalls, ich nahm beide (Sie und Ihn) mit. Ab in den Rucksack, Münzen für den Kaffee auf die Theke und los die Tages-Wanderung.

Ich wollte eigentlich bis Klingenthal kommen, schaffte es aber nur bis Zwota. Ca. 25 km. Trödeltag!

GPS-Gesamtstrecke bis 032

Klar war ich unterwegs auf der Suche nach Unterschieden zwischen Bayern und Sachsen. Oder sag ich’s offen: Ich wollte natürlich wissen, ob noch alte Ossi-Klischess erkennbar waren. Bei Regen und Kälte, wenn alle Sachsenbewohner sich in ihren eigenen vier Wänden wärmen, war das ein wenig schwierig. Ich sah niemanden unterwegs, nur ab zu weggeworfenes Begrüßungsgeld.

Ich verkneif mir jetzt jeden weiteren Titanic Kalauer ! Nicht wahr Gabi ?

Beim Anblick der Banane fing Köchin Erich an über typisch vogtländische Küche zu philosophieren. Eine Arme Leute Essen, deftig, mit viel Fleisch und immer mit Kartoffeln – vorwiegend als Klöße.
Ich meinte, sie habe etwas Entscheidendes vergessen: Rotkraut.
Apfelrotkraut, bitte“ korrigierte er.

Egal: Ich hatte Sauerbraten gegessen, natürlich mit Rotkraut. Rouladen mit Rotkraut. Wild mit Rotkraut. Und im letzten Restaurant habe ich sogar Karpfen mit Rotkraut auf dem Menü entdeckt. Das gehe entschieden zu weit, warf ich Köchin Erich hin. Und überhaupt, dieses Rotkraut-Zeugs klinge doch sehr nach böhmischem Essen.

Stimmt„, sagte Erich. „Es gibt da drüben ja auch das böhmische Vogtland.

Mein Gott, wie kompliziert diese Grenze. Hier sächsisches Vogtland, da drüben das böhmische. Wer hat das Ganze eigentlich getrennt?

Der Sprühregen wurde heftiger. Und in den Wäldern weiter oben lag immer noch ein halber Meter matschiger Schnee auf den Wegen, sodass ich die eins zwei Versuche Höhen-Wanderwege zu laufen schnell wieder abbrach. Ich lief stur die Landstraße entlang.

Der Himmel beschwert selbst die Dächer

Die Gegend ist bekannt für seine Instrumentenbauer. Wenn auch viele der großen Fabriken schließen mussten, spezialisierte Kleinbetriebe scheinen immer noch zu funktionieren. In fast jeder Dorfstraße gab es Hinterhof Handwerks Betriebe.

Musik ohne Worte

Berühmt sind die Harmonikas und Akkordeons aus der Region um Klingenthal. Und vor allem das Bandoneon (Tango!) aus dem Dörfchen Zwota.

Dort duschte ich schon gegen 16 Uhr.

Durst: Wernesgrüner Pils. Sehr süffig, feinherb. (2,40 Euro (0,4l).)
Wenn ich auch nicht verstehe, warum es in Gläsern serviert wird, in die eigentlich eine Halbe Export gehört.
(Die Wernesgrüner-Brauerei wurde inzwischen von Bitburger übernommen. Braugeschichte von Wernesgrün lässt sich bis 1436!!! zurückverfolgen.)

Hunger: Zarte Gänsebrust mit Apfelrotkohl und vogtländischen gebackenen Klößen (12,60 Euro). Gänsegeschmack hätte ruhig etwas deftiger ausfallen können. Sonst gut.

Erich liebt halt Rotkraut – Verzeihung – Apfelrotkraut

Unterkunft: 35 Euro mit Frühstück.

Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch