Fräulein Erich streitet mit mir bis Zwota über Rotkraut

East-German Gemütlichkeit

Bevor ich um 10 Uhr aufbrach, trank ich noch schnell einen Kaffee in einem typischen Kaffeehaus in Bad Elster.
Ich musste Selbstgespräche führen, so allein war ich, sogar der Wirt hielt sich stetig versteckt. Er war wohl auf der Suche nach Gästen. Sonntag!

Ich rief den Koch (der bereitete bereits das Mittagsmenu vor). Seltsamer Engel!

Nichts drunter unter der Platte ?

ER war eine SIE und Sie nannte sich Erich.
Jedenfalls, ich nahm beide (Sie und Ihn) mit. Ab in den Rucksack, Münzen für den Kaffee auf die Theke und los die Tages-Wanderung.

Ich wollte eigentlich bis Klingenthal kommen, schaffte es aber nur bis Zwota. Ca. 25 km. Trödeltag!

GPS-Gesamtstrecke bis 032

Klar war ich unterwegs auf der Suche nach Unterschieden zwischen Bayern und Sachsen. Oder sag ich’s offen: Ich wollte natürlich wissen, ob noch alte Ossi-Klischess erkennbar waren. Bei Regen und Kälte, wenn alle Sachsenbewohner sich in ihren eigenen vier Wänden wärmen, war das ein wenig schwierig. Ich sah niemanden unterwegs, nur ab zu weggeworfenes Begrüßungsgeld.

Ich verkneif mir jetzt jeden weiteren Titanic Kalauer ! Nicht wahr Gabi ?

Beim Anblick der Banane fing Köchin Erich an über typisch vogtländische Küche zu philosophieren. Eine Arme Leute Essen, deftig, mit viel Fleisch und immer mit Kartoffeln – vorwiegend als Klöße.
Ich meinte, sie habe etwas Entscheidendes vergessen: Rotkraut.
Apfelrotkraut, bitte“ korrigierte er.

Egal: Ich hatte Sauerbraten gegessen, natürlich mit Rotkraut. Rouladen mit Rotkraut. Wild mit Rotkraut. Und im letzten Restaurant habe ich sogar Karpfen mit Rotkraut auf dem Menü entdeckt. Das gehe entschieden zu weit, warf ich Köchin Erich hin. Und überhaupt, dieses Rotkraut-Zeugs klinge doch sehr nach böhmischem Essen.

Stimmt„, sagte Erich. „Es gibt da drüben ja auch das böhmische Vogtland.

Mein Gott, wie kompliziert diese Grenze. Hier sächsisches Vogtland, da drüben das böhmische. Wer hat das Ganze eigentlich getrennt?

Der Sprühregen wurde heftiger. Und in den Wäldern weiter oben lag immer noch ein halber Meter matschiger Schnee auf den Wegen, sodass ich die eins zwei Versuche Höhen-Wanderwege zu laufen schnell wieder abbrach. Ich lief stur die Landstraße entlang.

Der Himmel beschwert selbst die Dächer

Die Gegend ist bekannt für seine Instrumentenbauer. Wenn auch viele der großen Fabriken schließen mussten, spezialisierte Kleinbetriebe scheinen immer noch zu funktionieren. In fast jeder Dorfstraße gab es Hinterhof Handwerks Betriebe.

Musik ohne Worte

Berühmt sind die Harmonikas und Akkordeons aus der Region um Klingenthal. Und vor allem das Bandoneon (Tango!) aus dem Dörfchen Zwota.

Dort duschte ich schon gegen 16 Uhr.

Durst: Wernesgrüner Pils. Sehr süffig, feinherb. (2,40 Euro (0,4l).)
Wenn ich auch nicht verstehe, warum es in Gläsern serviert wird, in die eigentlich eine Halbe Export gehört.
(Die Wernesgrüner-Brauerei wurde inzwischen von Bitburger übernommen. Braugeschichte von Wernesgrün lässt sich bis 1436!!! zurückverfolgen.)

Hunger: Zarte Gänsebrust mit Apfelrotkohl und vogtländischen gebackenen Klößen (12,60 Euro). Gänsegeschmack hätte ruhig etwas deftiger ausfallen können. Sonst gut.

Erich liebt halt Rotkraut – Verzeihung – Apfelrotkraut

Unterkunft: 35 Euro mit Frühstück.

Pause in Marienbad

Beeindruckende Kolonnaden

Pause. Muss Klamotten waschen, Füße entspannen, Schnupfen bearbeiten, mal meinen Blog weiter pflegen. Ansonsten nichts tun. Nichtmal wirklich fotografieren.

Außerdem war es schweinekalt. Nicht viele Gäste und noch weniger Kurschatten in den Straßen.

Ein paar Frauen in Nerz.

Nicht ganz stilsicher

Ein paar Frauen lustig angezogen.

Ziemlich stilsicher. Sie weiß, wie sie ausschauen will

Ein paar Paare Hand in Hand.

Haben gerade einePackung bekommen

Ansonsten: Altersheim mit fast ausschließlich deutschen Insassen (über 70!), die ausnahmslos dem Arzt ein Symptom verschweigen (was mich aber nervt): Tippelschritt.

Habe 12 Jahre Baden-Baden genossen, warum also nicht auch einen Tag hier.

Essen:
Konfitierter halber Fasan auf altböhmische Art mit Apfelrotkraut-Marmelade und böhmischen Knödelvariationen. (15 Euro.)

Nach 5 Minuten sah der Teller so aus!

Davor schon: Hummercapuccino mit Riesengarnele dekoriert und mit Brandy beduftet. (11 Euro.)

Dazu 3 Budweiser.

Ich geb zu, ich war in einem Feinschmeckerlokal. War richtig gut. (Nur die böhmischen Knödel haben mir ziemlich im Magen gelegen. Die hauen einfach rein.)

Hosenlatztiroler Karl geht nur mit Keuschheitsgürtel nach Zelezna Ruda

Karl nannte ich ihn. Weiß nicht warum. Er sah auch nicht aus wie ein Bayer. Der Tracht nach zu urteilen (aber da kenne ich mich nicht wirklich aus), konnte er aus dem Schwarzwald stammen oder auch aus Tirol. Und Tiroler, die Lederhosen tragen, heißen nun mal Hosenlatztiroler.

Karl hat sich schick gemacht für die tschechischen Mädels

Auf die andere Seite zu gehen, war weniger als ein Katzensprung. Zelezna Ruda wird auch „Böhmisches Eisenstein“ genannt und liegt rund 3 1/2 km Fußweg von „Bayerisch Eisenstein“ entfernt. Eine Stunde gemütliches Schlurfen.

GPS-Gesamtstrecke bis 019

Der Grenzbahnhof: Ein bisschen wie ein Museum. Auf deutscher Seite: Ausrangierte Nostalgie-Waggons.

Nostalgie in Betrieb

Auf tschechischer Seite: Alte Loks noch in Betrieb.

Deutsch-Tschechische Grenze

Dass hier einmal der eiserne Vorhang herunter gelassen war, kann man kaum noch glauben. Ein kurzer Schritt und schon ist man „drüben“. Klasse dieses Europa.

Ich war vor rund 40 Jahren das erste und einzige Mal in der damaligen Tschechoslowakei. Ich gestehe, dass ich auch über das neue, moderne europäische Tschechien erschreckend wenig weiß. Mein nicht ganz vorurteilsfreies Basis(halb)Wissen: Roma-Diskriminierung, Rechtsextreme in Parlament und Verwaltung, ein einigermaßen skurriler Präsident (Klaus), der ab und zu beim Kugelschreiber-Klauen erwischt wird (kein Witz – es gibt Youtube-Videos!) und der längste Rotstrich der Welt entlang der deutschen/tschechischen Grenze.

Aus letzterem Grund war mein Klaus gekommen. Ich hatte ihn aber gewarnt, er solle sich benehmen!

Nach der Grenze zuerst ein Schild mit deutsch-tschechischem Sprachkurs!

Praktisches Wörterbuch für unterwegs

Dann gleich in voller Größe die Einstimmung für diesen Samstag.

100 Meter auf tschechische Gebiet

Ich machte mir Sorgen um Karl.

Das Dörfchen Zelezna Ruda deutlich belebter als sein bayerisches Pendant.
Cafés waren geöffnet, an jeder Ecke ein Spielkasino und überall Asia-Läden als kleine wilde Straßenmärkte. Und wie immer, egal wo auf der Welt, kaum ist der Fotoapparat gezückt, verschwinden die asiatischen Verkäufer als seien sie nur Schatten, die sich im Licht sofort auflösen. Die (AllerWeltsSehrBillig)Ware scheint wohl nicht ganz legal zu sein. (Weiter drin immer Zigaretten und Alkohol!)

Eigentlich waren hier 4 - 5 Vietnamesen (?), als ich die Kamera zückte

Zweitausend Einwohner bevölkern das Grenzstädtchen und, soweit ich gezählt habe, mindestens ein halbes Dutzend Puffs.

Erwerbszweig Tourismus

Ich fragte Karl wie viele Synonyme er für „Huren“ kenne.
Nutte, Prostituierte, Strichmädchen, Damen des horizontalen Gewerbes, Flittchen, leichtes Mädchen: Es sprudelte nur so aus ihm heraus.
Ich fragte ihn dann, wie viele Bezeichnungen er für „Freier“ kenne.
Schweigen.

Wir brachen das Gespräch ab.

Die Nacht graute. Frühe Ausgehzeit. Karl und ich beschlossen, einige der Etablissements zu besuchen. Aber zur Sicherheit band ich Karl einen rot-weißen (Tiroler !!!!) Keuschheitsgürtel um. Sein Protest nutzte nichts! Hinten zugeschweißt!

Unglücklicher Karl

Der Abend verlief wie so viele solcher Abende verlaufen. Warten, dass etwas geschieht.

Karl wurde immer unruhiger. Die Mädchen boten sich an. Die Hälfte von ihnen kamen aus der Ukraine. Ein Viertel irgendwo aus dem ferneren Osten und das andere Viertel aus Pilsen. Ungewöhnlich viele hatten schon einmal in Deutschland gearbeitet: München, Nürnberg, Stuttgart, Köln. Aber die Konkurrenz dort war zu stark, immer mehr jüngere zogen nach. Die, die in diesen Clubs waren, waren wieder zurück gezogen. Sie wurden älter. Hatten Kinder zu versorgen.

Die Freier: Ausschließlich Deutsche. Einige ältere Herren. Manch kleine Jugendgruppe, die mal schnell den Trip über die (nicht vorhandene) Grenze gemacht hatte. Diskos und Clubs gab es in ihren gottesfürchtigen niederbayerischen Dörfern ja nicht. Nur Tankstellen (selten) zum Vor- und Ausglühen.

Erst fiel der Eiserne Vorhang und dann die deutsche Hose!

Später in der Nacht wechselten Karl (frustriert) und ich in die einzige offene Kneipe, die
a) kein Casino und
b) kein Striplokal war.
Hier saßen nur Einheimische. Und nur tschechische Jugendliche und so gut wie nur Jungs.
Karl fiel auf, dass sie körperbetonter waren als seine deutschen Freunde. Ständig drückten sie sich an die Brust, küssten sich auf die Backe, kippten einen unbekannten Schnaps und lachten und grölten.
Manchmal warfen sich zwei von ihnen zwischen den Tischen mit dem Rücken auf den Boden und versuchten sich in Fußhakeln. Was in Bayern Armdrücken ist, ist in Zelezna Ruda anscheinend Beindrücken. Die Haxn werden ineinander verhakt und dann versucht einer des anderen Extremität auf den Boden zu drücken. Gegröle, Geschrei, noch ein Schnaps und noch ein Backenkuss mit einem Klitschko-Lächeln.

Durst: Pilsener Urquell (scheint landesweit Identitäts-stiftend zu sein). Gezapft. Süffig. 1,50 Euro.

Hunger: 1/4 gebratene Ente mit Knödelvariation (meinen ersten Brotknödel gegessen) und Rot- und Weißkraut. Gut. 6,50 Euro.

Unterkunft: 24 Euro (inkl. Frühstück – Rührei mit Speck).

Zum „Gans Ausspielen“ nach Mauth

Der Wetterbericht hatte zum wiederholten Mal Schneeregen angekündigt. Wieder kein Fototag. Darauf war ich eingestellt, als ich um 9 Uhr aufbrach. Schneeregen gab es tatsächlich und das im doppelten Sinn, natürlich und künstlich – sozusagen.

Oberhalb von Mitterfirmiansreut (was für ein Name) baut ein privater Förderverein eine Schneekirche.  Zum Gedenken an das legendäre Original, die die frommen Bauern vor genau hundert Jahren aus Eisblöcken konstruiert hatten –  als Protest gegen den verbonzten Pfarrer, der sich im harten Winter selten hatte blicken lassen.

Die immer noch frommen – aber nicht mehr so armen – Mitterfirmiansreuter investieren 160.000 Euro in diese vergängliche Konstruktion.

Rohbau der Schneekirche in Mitterfirmiansreut

Das Holzgerüst steht schon, seit gestern schieben Schneeraupen immer mehr Schnee an die Baustelle.

Schneeraupen schieben das Baumaterial herbei

Mit einer Schneefräse wird der verklumpte und vereiste Schnee dann pulverisiert und auf die Holzkonstruktion gesprüht.

Schneefräsen schleudern den Schnee auf den Rohbau

Etwa eine Woche lang wird so in Mitterfirmiansreut  ein künstlicher Schneeregen niedergehen. Bis Kirchturm und Halle vollständig umschlossen sind.

Ist alles schließlich vereist, wird der Holzkern entfernt und die Schneekirche wird selbsttragend sein – bis zur ersten Frühlingssonne.

Mein Weg heute: von Mitterfirmiansreut bis Mauth. Dort beginnt der Nationalpark Bayerischer Wald.  Mit Auto wären das etwa 8 – 9 Kilometer. Gewandert bis ich allerdings rund 16 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 012
Die Wanderwege im Wald fast unpassierbar. Bei jedem Schritt sackte man zwanzig, dreißig Zentimeter ein. Anstrengend.

Winter im Bayerischen Wald

So lief ich meist auf noch nicht gespurten Skiloipen, die einen besseren Halt gaben, mich allerdings auch häufig im Kreis führten.

Mühsame Wege

Mit jeder weiteren Stunde versuppte die Sicht.

Milchige Sicht

Zum ersten Mal auf meiner Tour dachte ich an gar nichts. Die Landschaft auf dem ganzen Weg weißgrau tapeziert. Es war still, kein Vogelgezwitscher, kein Warnruf irgendeines Tieres, nur ab und zu das Fallgeräusch eines besonders dicken SchneeRegenTropfens auf meinen Rucksack.

Gegen 14 Uhr 30 kam ich in Mauth an. Immerhin hatte dort ein Gasthaus offen. Auf mein Zimmer musste ich allerdings mehr als eine Stunde warten. Die Wirtin war einerseits mit Kochen für eine Abendveranstaltung (Weihnachtsfeier des Gesangvereins) beschäftigt und andererseits reichlich wortkarg.

Bier: LangBräu. Schon wiederholt getrunken, scheint in dieser Region weitverbreitet.

Essen: 1/4 Gans mit selbstgmachtem Kartoffelknödel und Blaukraut. Sensationell !! (15 Euro.)

(Irgendwie hatte sich meine Dreinamenshex KittiKattiKatharina schnell noch etwas von dem Gänsefett unter der knusprigen Haut gesichert. Zu was auch immer sie das noch brauchen würde.)

Dass ich Gans aß, war purer Zufall. Ich hatte meine Wirtin gefragt, was es denn am Abend zu Essen gäbe. Ihre mundfaule Antwort: Wiener Schnitzel mit Pommes. Ich erwiderte, dass ich aber gesehen hätte wie sie gerade einige Gänse zubereitet habe. Sie meinte, die seien reserviert für die „geschlossene“ Abendgesellschaft im Nebenzimmer. In der Vorweihnachtszeit spiele die das traditionelle „Gans Ausspielen“. (Dahinter verbirgt sich, dass 4 Kartenspieler (Schafkopf oder Watten) um die Gans spielen. Das ganze Feder-Vieh kostet 60 Euro. Der Gewinner (oder das Gewinnerpaar)  darf umsonst schlemmen.)  Die Wirtin fand offenbar Gefallen an meiner Hartnäckigkeit und versprach, mir ausnahmsweise ein Viertel einer Gans zurückzuhalten.

Und sie schmeckte köstlich. Knusprig die Haut, fast leicht das Fleisch, auf den Punkt gewürzt. Klasse die Soße, gut entfettet (ohne Mehlverdicker!!! endlich!!!). Die selbst gemachten Knödel ein Gedicht.

Am Schluss hab ich sogar die Knochen abgeknabbert und abgelutscht und mich gründlich überfressen.

Unterkunft: 34 Euro.