Mit blasphemischer Chuzpe nach Garmisch-Partenkirchen

Wespenalarm!
Morgens um 9!
Ein in Schutznetze eingehüllter Beamter kam mir auf dem Ammeruferweg fuchtelnd entgegen und bat mich, einen großen Umweg zu machen.
Sie würden gerade das Nest aggressiver Wespen ausheben. Es sei zu gefährlich weiter zu gehen.
Ein einheimischer Radler und Grantler protestierte. Das sei doch alles Unfug. Die Ammer flösse durch ein Naturschutzgebiet. Wie könne man da Wespen töten. Der Radler radelte weiter und ich machte einen Umweg.
Ich hatte anscheinend zuviel Respekt vor der wilden Natur!

eingefasst

eingefasst

Mein Weg heute: von Unterammergau nach Garmisch-Partenkirchen. Etwa 21 km.

GPS-180-Unterammergau

GPS-Gesamtstrecke bis 180

Trotz Umweg: Oberammergau war schnell erreicht.
Durch die Passionsspiele weltberühmt, ist es in Wahrheit ein eher langweiliger Ort.
Wäre da nicht der bayerische Sinn für Theatralik und barocke Bühnenbilder.

Kaum ein Haus ohne Giebelkreuz.

Grüß Gott

Grüß Gott

Kaum eine Fassade ohne ausschweifende Bemalung.

Giebel-Kunst

Giebel-Kunst

Ich fragte mich, in welche Inszenierung ich da geraten und welche Rolle mir zugedacht war?

Triptichon

Triptichon

Die Jesus Passion als Comic-Strip, Golgotha in die Ammergauer Alpen verlegt. Buben, die vor dem Gekreuzigten Schuhplattler tanzen. Die Monte Pythons hatten bei weitem nicht so viel Phantasie und blasphemische Chuzpe wie bayerische Lüftlmaler und Holzschnitzer.

Nirgendwo feiert sich das bajuwarische Klischee dermaßen ungeniert wie auf diesem Streckenabschnitt meiner Tour.

Gar lustig sind die ...Buam

Gar lustig sind die …Buam

Die Ammer jetzt rauer, nur manchmal hob sich der Nebelschleier und ich konnte ahnen, dass ich durch Gebirge wanderte.

Bach oder Fluss?

Bach oder Fluss?

Akt II der Inszenierung begann: Kloster Ettal. Eine mächtige Benediktiner-Abtei. Kein Ort der Stille. Japaner und vor allem Chinesen bevölkerten das Areal. Klar gibt es eine berühmte Basilika. Klar ist es ein Wallfahrtsort. Aber was suchen all die Menschenmassen selbst im Nebel hier?

Es ist das Gesamtkunstwerk bayerischer Mönche! Zum Kloster gehören große Bierschenken, Klosterbrauereien, Destillerien und eine Vielzahl von Souvenirläden. Vorgeführt wird das bajuwarische Lebensgefühl und die bayerische Sicht auf die Welt.

Gran Dios

Gran Dios

Ich sah mir die Basilika an.

Zangengriff

Zangengriff

Erst jetzt, als ich beim Anblick der Kuppelfresken das Wort „grandios“ murmelte, fiel mir etwas auf.
Ich musste verdammt alt werden, um so etwas Simples und Naheliegendes zu bemerken, dass „grandios“ nichts anderes bedeutet als „Großer Gott“ („Gran Dios“). Hijo, warum lauf ich nur so verblödet in der Welt herum.

Hinter dem Kloster folgte der Wanderweg einem alten Saumpfad, dem Kienbergweg. Schon im 14. Jahrhundert eine wichtige, aber auf diesem Abschnitt gefürchtete Handelsverbindung zwischen Venedig und Augsburg. Ein gefährlicher Pfad noch heute. Breit und gut begehbar ist er nur am Anfang. Danach wird er eng, steinig, steil und rutschig.

Go down

Go down

Teil III der Inszenierung: der Kreuzweg.

Obwohl hier sicher keine Rentner, nicht einmal im Senioren-Sommer, auch keine Japaner und Chinesen den Hang hinunter rutschen: Es war eine schlichte, aber beeindruckende Via Dolorosa. Ausdruck von Volksfrömmigkeit, die nicht auf das große Publikum zielt.
Aber eine Landschaft, ein versteckter Winkel ohne eine Inflation religiöser Symbole: in Bayern kaum erlebt.

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Auf halber Strecke ins Tal: ein alter Grabstein.

„Hier starb
mitten in seiner rastlosen Tätigkeit
am 15. August 1875
Herr Franz Xaver Hauser
Steinmetzmeister aus München
geboren am 15. April 1812
Zu Binswang in Tirol.

Er wurde duch das Umstürzen
der zur Oberammergauer Kreuzigungs
Gruppe gehörigen Johanes Figur
deren Transport er leitete
getötet.“

Pech gehabt

Pech gehabt

Am Ende des Kreuzweges das Loisach-Tal.
Ich konnte die Feld-, Weg- und Fluss-Kreuze nicht mehr zählen, an denen ich heute vorbei gewandert war.

Platzhalter

Platzhalter

Nach 6 Stunden Garmisch-Partenkirchen erreicht.

Ludwigstrasse

Ludwigstrasse

Die Geschichte fing wieder von vorne an: Hausmalereien, Kreuze, Passionswege, Bajuwaren-Kitsch.

Augen Blick

Augen Blick

Ich hatte genug.
Ich setzte mich in ein Lokal und schloss die Augen. Ich wollte keine Dirndl, keinen Janker, Gambsbart, keine Lederhose oder Tracht, keine nach Luft schnappende Touristen und eigentlich überhaupt nichts mehr sehen. Ich war erschöpft.

Hunger: Ochsenbäckchen mit Kohlrabi und Semmelknödeln. 14 Euro. Naja.

T180-Essen-01

Unterkunft: 68 Euro (mit Frühstück).

An Rentnernistplätzen vorbei nach Lindau

Bodensee weckt MEERGefühle.

Der See aber still, will nicht plätschern. Kein Wellenanschlag am Ufer. Das Wasser schon kalt.

Im Herbst baden nur noch Schwäne.

Swansee

Swansee

Um halb zehn hab‘ ich mich von der netten Hotelwirtin verabschiedet. 27 km hatte ich heute zu gehen. Bis Lindau.

GPS-173-Friedrichshafen

GPS-Gesamtstrecke bis 173

Die erste Stunde führte der Pfad durch das Eriskircher Ried. Rückzugs-, Brutgebiet und Zwischenlandeplatz von Zugvögeln.

Das Moor tut seine Schuldigkeit

Das Moor tut seine Schuldigkeit

Noch hat der herbstliche Vogelzug nicht begonnen. Auch der Greif wird langsam ungeduldig.

T173-Greif-01-imp

Statt Vögel haben allerdings Fahrradfahrer den Bodensee zu ihrem herbstlichen Nistplatz gemacht. In riesigen Schwärmen fallen sie über Trampelpfade, Seitenstrassen und Wanderwege her.

High High High-Tech Society

High High High-Tech Society

Unendlich viele Rentner unterwegs. Wer von ihnen nicht mehr laufen kann, besitzt zumindest ein E-Bike.
So außerordentlich schön der Bodensee ist, die Radfahrer machen ihn für jeden Wanderer zur Hölle.
Ein ständiges Klingeln, Rufen, aus dem Weg Scheuchen. Vor allem die Alten mit ihrem an Supermarkt-Kassen eingeübten Dauerdrängeln ließen mich ernsthaft über Kung Fu-Techniken, Stock in Speichen Schlagen und heimlich Reiszwecken in die Fahrbahn ausstreuen nachdenken.

Massen-Migration

Massen-Migration

Der Weg nach Lindau ist anscheinend besonders beliebt. Dabei war nicht einmal Wochenende. Senioren-Sommer eben!

Ich setzte mich entnervt kurz ans „Malereck“ und ließ die Horde mit ihren Elektromotoren hinter mir vorbeisummen und -klingeln.

Guter Landschaftsarchitekt

Guter Landschaftsarchitekt

Bei Nonnenborn zum letzten Mal auf meiner Tour das Bundesland gewechselt! Wieder in Bayern!

Unübersehbar. Sofort Bildstöcke am Wegrand.

Es wird bayerisch

Es wird bayerisch

Nach 8 Stunden die Schein-Insel Lindau über die erste Landbrücke betreten.
Biergartenwetter.

Linda

Linda

Durst: Leibinger Hefeweizen. Ist verdammt gut die Kehle hinunter gelaufen. (Ravensburger Brauerei, seit 1894.)

T173-Bier-01

Hunger:
Zander mit Zitronensauce und Kapern. Gut zubereitet. 17,50 Euro.

T173-Essen-01

Den Tag erst am Hafen, dann in einer Musikkneipe ausklingen lassen. Eine Vietnamesin sang klassischen Pop und Folk.
Sie hatte ein ansteckendes Lachen.

Capri kann nicht schöner sein

Capri kann nicht schöner sein

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Ein Schaf ist keine blöde Kuh und der Süden liegt im Norden

Frostig

Drei Grad unter Null. Der erste richtig kalte Herbstmorgen. Mein schönes Gasthaus am kleinen Kanal wirkte noch heimeliger.

Gestern Abend hatte ich zwei Hamburger als Tischnachbarn. Zwei Pensionäre, die die Welt bereisten und sich in Bongsiel eines dieser traditionellen Bauernhäuser gekauft hatten. Für die langen Winterabende.
Gleich in der ersten Woche hatten sie’s zappenduster: Strom weg. Dafür strahlten sie.

Klasse Paar.
Sie: weißhaarig, hochgewachsen, feine Gesichtszüge, (jahrzehntelang die Haut gekonnt gepflegt), außerordentlich schön, ohne Alter.
Er: Typ Harley-Davidson Rocker (aber gespielt), Haarzopf, Lederwams (obligatorisch), schnelles Duzen, sofort Fraternisieren, gekonnt derb sein, aber Grips und Geld vorhanden – bei beiden.

Ihre nächsten Ziele: Spanien, Spiekeroog, – den Rest habe ich vergessen.
Sie schwärmten von der Schönheit ihrer neuen Heimat und von der Kneipe, in der wir saßen. Ein Traditionslokal, in dem seit gut einem Jahrhundert immer wieder Künstler sich die Kante gegeben und manche Maler ihre Rechnung mit Gemälden beglichen haben. Zwei Emil Nolde hängen dort (eher duster, langweilig).

Hätte mich gerne länger mit den beiden unterhalten.

Damenloses Fahrrad

Ich fror. Ich war zu dünn angezogen, hatte nicht mit Temperaturstürzen gerechnet.
Selbst Fahrräder eingefroren.
Selbst Friesen schlotterten.

Warum fährt er bloß so schnell davon ?

Um 9 Uhr aus der Gasthaus-Tür getreten. Mein Tagesziel: die Halbinsel Nordstrand. Dass es das Örtchen „Süden“ wurde, wusste ich am Morgen noch nicht. Immerhin würde ich das denn gelernt haben, dass „Süden“ im Hohen Norden liegt.
27 Kilometer zu laufen.

GPS-Gesamtstrecke bis 092

Eine Zeit lang unten am Deich (landeinwärts) gewandert, dann mit der Sonne – die langsam die Luft und meinen Körper wärmte – nach oben auf den Deichkamm geklettert.

Der Teich vorm Deich

Oben wie üblich Schafherden. (Gehen die da nie weg?)

Dammwild oder Deichschaf ?

Ein Schaf blökte mich an und wollte nicht vom schmalen Kammweg weichen, obwohl ich forsch auf es zulief.

„Blöde Kuh!“ schalt ich das Viech. Und musste laut auflachen, ob der animalischen Verwechslung.

Mein Spruch musste für die Schafherde allerdings eine Beleidigung gewesen sein. Hunderte Augenpaare wandten sich mir urplötzlich zu, glotzen mich ungläubig an und ein wild anschwellender Bockgesang trieb mich vom Deich herunter.

Ich war froh, als ich die Schafssperre (eine Holztür) hinter mir einrasten ließ und Ruhe wieder einkehrte.

Schafssperre

Landeinwärts: Stoppelfelder, gezackerte Äcker, Brachland, Wiesen, Teiche und alle paar Meter: hochgeschossene schlanke Windräder, deren Summ-Lärm hier oben Gottseidank nicht zu hören war.

Optimierte Landschaft

Seewärts: eine Landschafts-Promenaden-Mischung; halb von Menschenhand erzwungen, halb von Natur behauptet.

Schöne Landschaft

Grandiose Panoramen.

Wegkreuz

Wasserkreuz

Am (aufm) Horizont erneut die Halligen. Sie wandern mit mir mit.

Kleine „Mont-Saint-Michelles“ im Meer.
(Allerdings die bäuerliche Variante: keine fürstlich in die Höhe geschraubte Burgen, sondern bäuerliche Trutzbauten gegen den „Blanken Hans“.)

Achsen

Schönes Wort: „Warft“!

Gemeinsam einsam

Vögel schnabelten sich durch das Watt.

Wattfresser

Die Nordsee zog sich zurück und ich strandete am Norderhafen im Nordwesten Nordstrands. (Ortsangaben sind hier immer alliteratorisch!)

Alle Pensionen geschlossen, die meisten Gaststätten auch (manche behaupteten, sie empfingen eine „Geschlossene Gesellschaft“, dabei waren sie nach der langen Saison einfach gastmüde!).

Ich zog weiter Richtung Inselmitte.

Fünf-Häuser-Dörfer strunzten rot im untergehenden Licht.

What a fire

Im Ort „Süden“ endlich ein offenes Hotel gefunden. Der Restaurantbetrieb war jedoch eingestellt. Ich hatte verdammten Hunger und ringsum gab es – wie mir die Hotelwirtin sagte – nichts. Einfach nichts.
Die nette Dame erbarmte sich und fuhr mich zurück nach Norderhafen. Dort hatte tatsächlich noch ein Restaurant offen (ich hatte es übersehen).

Hunger: Gulascheintopf. Typ Irish Stew. Sehr ordentlich. 12,90 Euro.

Das Nachtmeer hatte sich zurückgezogen. (Bis wohin eigentlich? Bis nach Australien? Ans Ende der Welt? Down under?)

Der Himmel klar, obwohl der Vollmond (es fehlte nur ein Tag) das Firmament milchig einsuppte.

Ich lief im Mondlicht wieder 3 1/2 Kilometer zurück nach Süden.
Ich schlief gut.
Ich zahlte 53 Euro für Unterkunft und Frühstück.

Ein Seemann kann Django heißen und mit mir über Land gehen bis Oldenburg

Ich hatte es mir vorgenommen, endlich einmal wirklich früh zu starten.
Wieder bin ich gescheitert.
Frühstück, Packen, Sich Anschirren – das kostet Zeit.
Also wieder erst um 9 Uhr die Tür zur Straße aufgemacht.

Eigentlich wollte ich die Küste entlang gehen. Es kam anders. Es wurden 34 km bis Oldenburg.

GPS-Gesamtstrecke bis 081

Zwei Stunden folgte ich dem Fahrradweg entlang der Landstraße 501.
Welch mythische Zahl.
Einer, der um die Wirkung von Mythen wusste, hatte hier seine Scheune im Vintage-Western-Stil dekoriert.

Far West / Highway 501

„Django“ war der Besitzer, aber er sah so gar nicht nach Wild West aus. Eher wie ein ausgemusterter Seemann, seinen Sack Habseligkeiten hinter sich herziehend.

Django oder doch Seemann ?

Ich fragte Django, warum er denn bei diesem herrlichen Sonnentag wie bei einer winterlichen Springflut angezogen sei.
Er raunzte, ich würde das noch sehen. Das Wetter würde heute noch drehen. Regen und Kälte sagte er voraus und ich meinte diese Prognose schon in seiner Stimme klirren zu hören.

Ich packte ihn in meinen Rucksack und bog Richtung Küste ab.

Grömitz, ein Senioren-Badeort. Oder zumindest war jetzt SeniorenSaison.

Die Mauer von Grömitz

Ein Hauch Abschied vom Sommer lag über dem Ort (hatte Django doch recht?). Selbst Verkäuferinnen standen in den Ladentüren und genossen die letzten Sonnenstrahlen (woher wusste Django das?).

Sonnenhunger

Eine herrlich klare Sicht in Grömitz. Ich konnte kilometerweit sehen und entdeckte nichts anderes als Strandpromenade: links Cafés und Buden; rechts: Sand und Strandkörbe.

Die Ostseeferienlandschaft fing an mich zu langweilen. Ich beschloss ins Hinterland abzubiegen. Vielleicht konnte ich der weiß(Strand)-blauen(Meer) Eintönigkeit für eine Zeit entkommen.

Windstill war es im Hinterland (was für ein schönes Wort: „Hinter-Land“), trotz vieler Windmacher an fast jeder Ecke. Energiewende ist schön, aber auch ästhetisch? Na ja.

Verspargelung

Über mir plötzlich ein Schwarm Greifvögel. Ich hatte das noch nie gesehen. Wie Geier kreisten sie über irgendetwas. Ein Dutzend, vielleicht sogar mehr. Fotoscheu waren sie allerdings.

Majestätisch

Ich hatte mir ziemlich dicke Blasen an der linken Ferse und am rechten kleinen Zeh gelaufen. In einem kleinen Dörfchen, das immerhin einen Döner-Imbiss hatte, kühlte ich meine Schmerzen mit zwei frischen Bieren.

Füße brannten vom vielen Gehen und ich löschte das Feuer

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung hörte ich Musik. Bob Dylan hatte ein neues Album veröffentlicht und ich besorgte mir auf Youtube einen Ausschnitt.

Auf dem weiteren Weg idyllische Orte mit Bilderbuch-Häusern.

Bilderbuch

Seltsame Namen trugen manche Weiler.

„Grüner Hirsch“!
Ich versuchte mir das vorzustellen.
Die Huichol Indianer im Norden Mexikos verehren eine Gottheit: Den „Blauen Hirsch“.
Den sehen sie aber nur, wenn sie Peyote-Pilze schlucken, eine extrem halluzinogene Droge.
Gab es in diesem Dorf auch irgendein Dope?
Mein Begleiter Django wusste keine Antwort.
Aber was sahen die Bewohner hier, wenn sie von einem grünen Hirschen sprachen?

Die Gegend wurde mir ein wenig ungeheuer. Zumal ich gleich darauf an einem Anwesen vorbei wanderte, auf dessen Türschild geschrieben stand: „Geistiger und energetischer Heiler für Mensch und Tier“.

Holsteiniches Heiler Haus

Macht Einsamkeit verrückt?

Immer noch hatte ich ein paar Stunden vor mir und meine Füße, vor allem meine Sohlen, schmerzten immer heftiger.
Vielleicht schaute ich deswegen mehr nach unten auf den Boden.

Alle paar hundert Meter ein überfahrenes Kleintier. (Wie schaffen Fahrradfahrer das nur? Ich lief ja immer noch auf einem Fahrradweg.)

Getrocknete und gepresste Pflanzen bilden ein Herbarium.
Wie nennt man eine Sammlung plattgefahrener und getrockneter Tiere?
„Viecharium?“

Um halb acht endlich in Oldenburg gelandet. Menschenleere kleine Fußgängerzone. Zum Glück ein Hotel gefunden.

Drei Gaststätten hatten auf. Ein Grieche, ein Türke (Döner) und ein Italiener.
Ich wählte Pizza und ich hätte es nicht tun sollen.
Selten so eine schlechte plattgefahrene Pizza gegessen. 8,50 Euro.
(Dafür wäre der Wirt in Italien gesteinigt worden! Ich schwöre es!)

Danach zum Griechen, um wenigsten für mich (und Django) einen Uzo zu ordern.
Aber auch der war grottenschlecht.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.

Diotima flieht vor lüsternen Greisen mit mir nach Bad Muskau

Fesch und dynamisch die neue Landarztgeneration

Diotima nannte sich die Ärztin und wollte nur noch raus aus Rothenburg. Ich hatte sie um 9 Uhr morgens zufällig vor der Apotheke getroffen. Meine Knie schmerzten immer noch und ich hatte mir Voltaren besorgen wollen. Aber vor mir drängelten sich tippelnd zwei Dutzend greiser Menschen, deren erster Gang sie morgens nicht zum Bäcker führt, sondern in die Apotheke.

Blutdrucksenker, Blasenteststreifen, Cholesterinsenker, Pillen gegen Panikanfälle, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Windeln wg. Inkontinenz … und ich kam und kam nicht dran.

Also drehte ich um und Diotima sprach mich plötzlich auf der Straße an, was ein junger Mann (sie war wohlerzogen!) denn in der Alten-Apotheke wolle? „Voltaren!“ sagte ich – „und dann schnell weg von hier“.

„Genau wie ich“, stimmte sie ein, „schnell weg! Nimm mich mit!“

Okay. Ich tat es.

Unterwegs fragte ich sie, warum sie denn so fluchtartig Rothenburg verlasse.

Sie bedeutete mir, dass sie seit 3 Jahren hier als Landärztin arbeite. Sie habe es gemacht, um überhaupt eine Praxis eröffnen zu können. Sie habe aber nicht geahnt, dass sie es ausschließlich mit Greisen zu tun haben würde – und mit lüsternen noch dazu. Jede zweite Woche bekäme sie einen Heiratsantrag von einem Methusalem und der wolle gleich noch einen Freifahrschein für Viagra.
Jetzt sei es genug!

Ich verstand.

Wir liefen zusammen los. 41 km weit, bis nach Bad Muskau. Immer links der Neiße.

GPS-Gesamtstrecke bis 050

In ihrem Unterlauf wurde der Grenzfluss ansehnlicher, manchmal richtig schön. Nur das Wetter war es nicht.

Auch sie mäandert

Der Himmel verhangen, der Wind kalt, als würde es herbsten und nicht Frühling werden. Ich war wieder dick eingepackt.

Schöne Waldwege

Bisweilen verließ der gut ausgebaute Wander und Fahrrad-Weg den Neiße-Damm und führte mal durch Nadel-, mal durch Mischwald. Absolute Stille bis auf gelegentliches (kurz und gepresstes) Vogelgezwitscher (Kohlmeisen?).

Manchmal kam Wind auf, dann rauschte es im Wald. Aber was rauschte da?
„Blätterrauschen“ konnte es nicht sein – die Bäume waren kahl.
„Nadelrauschen“ der Tannen? Nee.
Einige Laubbäume zeigten die ersten Triebe. Also „Triebrauschen“?
Das Wort gefiel mir. Ich muss unbedingt im Duden nachschlagen, ob es den Ausdruck schon gibt, wenn nicht, werde ich mir die Urheberrechte sichern.

Es behagte mir, allein durch den Wald zu strolchen. Es muss ein deutsches Gen für Genuss von Waldeinsamkeit geben. Ich besaß es wohl ebenfalls.
Auch wenn es ein Allerwelts-Wald war, ich schritt fast andächtig durch ihn durch.

Mir kam eine Passage aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in den Sinn, in der sich eine schwärmerisch veranlagte junge Dame namens „Diotima“ (sie hieß so wie meine Ärztin – welch ein Zufall) besonders poetisch und romantisch ausdrücken will:
„Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben“ ?!
Der sinngemäße Kommentar ihres Begleiters Ullrich: „Die staatliche Forstindustrie“!

Geschenkt, ich war trotzdem ergriffen.

Und ich stellte mir eine unsinnige Frage. Kann ein Wald Sonnenbrand bekommen? Mein Nadelwald, den ich gerade durchlief, war jedenfalls im oberen Stammbereich intensiver braun gefärbt als im unteren.

Können Wälder Sonnenbrand haben ?

Noch etwas war eigenartig in diesem Wald. Alle paar Meter sah ich Baumstämme wie Totempfähle. Irgendjemand macht irgendwas mit der Rinde. (Rindenschnitzer? Rindendiebe? Baumschänder?)

War Winnetou hier ?

Gut, ich geb‘ zu, ich phantasiere. Vielleicht tut Waldeinsamkeit nicht jedem gut.

Aber kaum aus dem Wald raus, erregte in einem kleinen Dorf schon wieder etwas meine Phantasie: ein Denkmal, dem 1870/71 Krieg gewidmet. Die Widmung endet mit: den „gebliebenen Kriegern“

Wessen Erinnerung geht zurück bis 1871 ?

Welch ein Wort: „Krieger“: Das klingt nach Samurei, Komantsche, Kreuzritter, nach Ernst Jünger.
Jedenfalls ehrlicher als „Soldat“! (Als würde der nur wegen des Solds in den Krieg ziehen.)

Ganz nebenbei fragte ich meine Diotima (die Ärztin), ob sie nicht ein wenig Voltaren dabei habe, immer noch schmerzten mich meine Knie. Ich hatte meinen „Fünfer-Schritt“ drauf: Fünf Kilometer pro Stunde. Aber es war erst die Hälfte der Strecke geschafft: 21 km seit Rothenburg. 20 km noch bis Bad Muskau.

Halbe Wegstrecke

Ich bat Diotima dringlich mir keinesfalls mit einer Therapie zu kommen, die da lautet, weniger Bier zu trinken und Fleisch zu essen (wie Gabi mir neulich in einem Blog-Beitrag vorgeschlagen hatte).

Diotima musste lachen, kramte Voltaren aus ihrer Tasche und rieb mir die (jetzt frierenden) Knie ein.

Langsam bekam ich Hunger, hatte aber das Pech (wie eigentlich immer auf meiner Wanderung), mich am falschen Tag, zur falschen Uhrzeit oder außerhalb der Saison zu bewegen. Zwei Uhr schlug die Kirchturmglocke – und dieser Krämerladen würde erst in einer Stunde öffnen. Tante Emma schlief wohl noch.
Also hungrig weiter!

Zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort

Begleitet von Häme.

Und dann noch blasierte Blicke kassieren!

Das Wetter schlug endgültig um. Orkanartige Windböen, sogar kleine Schneeflocken mischten sich in den immer stärker nervenden Regen. Trotz frierender Hände musste ich noch ein Foto einer ungewöhnlichen Kapelle machen: Eine Fachwerkkapelle, das hatte ich noch nicht gesehen.

Fachwerksschönheit

Ab jetzt hieß es: gegen Gegenwind und Regen anlaufen.

Verdammt nass !

Diotoma fror und wurde immer schweigsamer. (Bereute sie ihre Entscheidung?)

Falsch gewandet

Gegen halb sechs erreichten wir endlich Bad Muskau. Völlig platt. Aber meine Knie hatten gehalten.

Die einfachen Gasthöfe waren geschlossen (noch keine Saison!). Die einzige offene Unterkunft, die ich im Zentrum fand, war ein Kurhotel.

Durst: Landskron Pils. Es gibt tatsächlich seit langem nichts mehr anderes. Die Bierbrauer-Dichte nimmt bedenklich ab.

Hunger:
Vorspeise: Schlesische Biersuppe mit Graubrot (4,50 Euro). Interessant. Auf Schwarzbiergrundlage. Leicht süßlicher Grundton. Eigentlich mag ich keine gebundenen Suppen, aber die war fein.

Hauptgericht: Klittener Karpfenfilet unter einer Traube-Speck-Kruste mit Kräuterkartoffeln und Champagnerkraut. (14,50 Euro). Klang besser, als es schmeckte. Die Kruste überdeckte völlig den Fischgeschmack.

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar, das sich die ganze Zeit anschwieg. Nur die Dame schien telepathische Fähigkeiten zu haben und die Gedanken ihres Mannes lesen zu können. Alle paar Sekunden stimmte sie ihm mit einem bestimmten und gut hörbaren „hmmm!“ – zu.
Das „hmmm!“ so kurz und knarzend herausgepresst, fast wie ein „Ja!“.

Ich war erst irritiert, weil ihr Ehepartner ja nichts äußerte, aber das „hmmm!“ kam so regelmäßig, dass ich an mir zweifelte und genau aufpasste, ob ihr Mann nicht doch irgendwie zu ihr sprach.

„hmmm!“

Ich konnte nichts feststellen. Er schwieg. Aber sie stimmte ihm ständig zu.
„hmmm!“

Auf Dauer machte mich das kirre. Ich war froh, wenn draußen ein Auto (besser ein Lastwagen) vorbeifuhr, um dieses „hmmm!“ zu ersticken.

Und ich hörte es doch!

Ich bat Diotima um Q-Tips, um wenigstens mein Abendessen ungestört genießen zu können, aber Diotomia verstand mich nicht, sie hatte sich schon die Stöpsel ihres Stethoskops in die Ohren gesteckt.

„hmmm!“

Um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen, verlangte ich die (zu teure) Rechnung und verabschiedete mich Richtung Bett.

Kaum geduscht und unter der Decke, drang aus dem Nachbarzimmer ein herzhaftes und bestimmtes „hmmm!“ zu mir.

Mir wurde klar, dass das eine furchtbare Nacht werden würde. Und zum erstmal während meiner Wanderschaft befiel mich der Blues.
„O Lord, O Lord have mercy!“ summte ich mich in den Schlaf (frei nach Janis Joplin).

„hmmm!“

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Schweigeengel Eugenie hält das Wort bis Görlitz

Klösterlicher Dunstschleier

Früh aufgestanden, um einen jungfräulichen Blick vom Kalvarienberg auf das Kloster zu werfen.
Schön wie das monasterio daliegt! Nur die Nonnen suchen selten dieses Vergnügen. So gut wie nie verlassen sie die Klostermauern.

Gut: Ich hatte den jungfräulichen Ausblick und die Schwestern ihre Jungfräulichkeit hinter beschützenden Mauern.

Dann noch ein Klosterfrühstück (von Männern serviert) für 7 Euro (Bio!).

Vom Orden der Schweigeengel

Er stand auch auf meinem Tisch: Glücksengel Eugenie. Ich wollte ihn eigentlich übersehen.
(Warum sage ich immer „er“/“der“ Engel, wenn es doch eine „sie/die“ ist?)
Er/Sie war beharrlich.

„Schau“, sprach er/sie mich an: „Ich habe das Hufeisen, das du gestern geschenkt bekamst, auf Mini geschmolzen. So wiegt es nichts. Ich tat es für dich!“

Okay. Gewonnen. Eingepackt und mitgenommen. Aber ich nahm ihm/ihr noch eine Schweigegelübde ab. Nix reden(!) bis Görlitz. Dahin wollte ich auf meiner heutigen Tagestour. Gegen 9 Uhr lief ich los. 22 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 048.

Mir klangen noch die Worte der Bedienung in der Klosterschänke (von gestern Abend) nach.
Selbst sie bekäme die Nonnen fast nie zu sehen.
Einmal im Jahr verließen die Schwarz-Weiß-Verhüllten ihre Burg und vesperten im Biergarten der Schänke. Das sei ein Spektakel für die anwesenden Gäste.
Die älteste der Betschwestern gehe auf die 84 Jahre zu und habe bis vor kurzem in der klostereigenen Bäckerei gearbeitet. Die jüngste sei wohl Mitte Zwanzig. Insgesamt wohnten da unten ein wenig mehr als ein Dutzend Gottesanbeterinnen.

Die Bedienung bezeichnete sich selbst als Nicht-Gläubige. Sie war Angestellte des Klosters und hatte damit kein Problem.

Ich fragte sie nach der Befindlichkeit der Ostdeutschen. Immerhin liefe ich durch eine Gegend, der auch der „Hartz-IV Gürtel“ genannt wurde. Einer der ärmsten Regionen Deutschlands.
Nur, sagte ich ihr, ich sähe davon nichts. Alles, selbst die kleinsten Dörfer, wirke sehr proper, aufgeräumt.

„Ja!“ bestätigte die Bedienung. „Vor ein paar Jahren fuhr ich in die Oberpfalz (zu einer Kloster-Tagung). Es war schrecklich. So viel zerfallen dort, schmuddelig und unordentlich!“

In unseren Dörfern – fuhr sie fort – achteten die Leute auf ihren Vorgarten. Das Private wäre ihnen immer schon wichtiger als das Öffentliche gewesen. Am Abend oder am Wochenende packe der Mann seinen Blaumann aus, jäte das Unkraut, putze das Auto, kehre den Gehweg.

Schöner Tetzlaff-Osten.
(Schon seit geraumer Zeit hegte ich den Verdacht, dass es hier manchmal noch eine Spur spießiger und kleinbürgerlicher ist als in den Westdörfern).

Egal. Ich musste weiterkommen.
Ich lief im Prinzip immer den ausgeschilderten Neiße-Radweg entlang. Mal betoniert, mal (selten) unbefestigt. Den Fluss bekam ich selten zu sehen, meist plätscherte er hinter Dämmen versteckt. Wenigstens hörte ich ihn.

Ab und zu: Winzdörfer auf der polnischen Seite.

Unspektakulär

Auf sächsischer Seite ebenfalls Winzsiedlungen. Ich achtete besonders auf die Vorgärten. Immerhin, einige hatten Witz:

Schöner Gag

Früher war hier Braunkohle-Abbau. Stillgelegt nach der Wende. Nur in Polen buddeln sie weiter.
Aber die Erinnerung bleibt:

Wenn ich als Kind so einen Bagger geschenkt bekommen hätte - ich wäre immer Sandkastensieger gewesen!

Viele Friedhöfe auf dem Weg. Noch einen Tick aufgeräumter als die Vorgärten.

Blumen für mein Grab

Am frühen Nachmittag erreichte ich Görlitz. Die Stadt der Latte Macchiato Rentner. Für mich war es die Stadt der Türme.

Babel in Görlitz

Eine fantastisch restaurierte Altstadt, durch die heute der Wind kalt und eisig pfiff, wenn auch die Sonne schien.

Dicker Turm in Görtlitz

Ich bin bereit, noch ewig den Soli zu bezahlen (den löhnen die Ossis ja auch!), wenn Stadterneuerung so aussieht.
Immerhin sollte zu DDR-Zeiten selbst die (damals heruntergekommene) Altstadt abgerissen werden, um Braunkohlebaggern Platz zu machen.

Babelsberger Kulisse in Görlitz

Früh ging ich essen. Ich hatte verdammt Hunger.

Hunger: Schlesisches Himmelreich (Kasseler und Backobst in Sahne, mit böhmischen Knödeln). 11,90 Euro.
War überraschend gut, auch wenn mir das Backobst auf Dauer zu dominant war.

Und Eugenie hatte Wort gehalten. Während der gesamten Wanderung war kein Wort über ihre Lippen gekommen. Mir imponieren eingehaltene Versprechen. Ich gab ihr die Hälfte meines Tellers ab.

Durst: Das Übliche: Landskron. Ist das sächsische Nationalbier.

Zur blauen Stunde ging ich noch einmal in den kalten Wind: den Dicken fotografieren.

Dick und Schön: Kein Widerspruch

Nachtruhe für alle!

Zwei haben sich selig

Pastorensöhnchen Achim will den wilden Frühling durchs Land tragen und predigt mich platt bis St. Marienthal

Es musste sein! Ich verabschiedete mich von meiner Rasselbande. Fast vier Wochen bin ich nun mit ihnen unterwegs und sie rumpeln dermaßen im Rucksack, dass ich sie fast nicht mehr (er)tragen kann. Also ging ich zur Post, kaufte mir einen Karton, packte meine Wintersachen (vorbei! vorbei! ) hinein und oben drauf  MY FAMILY.

Die Rotzjungs und -mädchen jammerten fürchterlich, aber ich beruhigte sie: Wir würden uns an Ostern wiedersehen. Zumindest Ostermontag würde auch ich Zuhause feiern.
Ich versprach, ihnen noch einige „Brüder und Schwestern“ mitzubringen. Ein wenig konnte ich sie damit zähmen und sie verabschiedeten sich freundlich.

They were not amused

Zurück auf der Post wog mir eine Angestellte das Paket: 3,7 Kilogramm, die ich weniger zu tragen hatte!
Mal gespannt, ob jetzt meine Knie abschwellen würden, sie waren schon bedenklich dick und schmerzten. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne meiner Kniekehlensehnenscheiden zu spüren.

Ich verließ gegen Mittag (endlich allein!) Zittau, folgte zunächst dem Bach Mandau, der am Stadtrand in die Neiße mündete.

Zwei Bächlein treffen sich

Neiße: Das klang nach Ostverträgen, ideologischem Kampf auf Spitz und Knopf im Bundestag um eine neue Ostpolitik. Und der Bach – mehr war es noch nicht – dümpelte so unspektakulär vor sich hin, dass ich lange auf meinem Weg gar nicht begriff, dass ich an der Grenze zwischen Deutschland und Polen entlang schlich.

Mein Tagesziel war das Kloster St. Marienthal bei Ostritz. Ca. 19 km entfernt. (Mehr ließen meine Knie im Moment nicht zu.)

GPS-Gesamtstrecke bis 047

Nur: Allein blieb ich nicht lange. Am Neißeufer, direkt unter einer Brücke, die nach Polen führte, fand ich den traurigen Achim.

Mit Angeln Brücken bauen

Ich erkundigte mich, was für eine Art Angel er in seinen Händen hielt.
„Keine Angel, das ist ein Blumenstil!“
Und wo ist die Blüte?

Der gelbe Blütenkelch war ihm abgebrochen und er konnte ihn nicht finden.
Achim war untröstlich, er hatte den Frühling ins Land hinaustragen wollen und stand nun mit leeren Händen da.

Ich nahm ihn mit.
(Was im Nachhinein ein Fehler war. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines berühmten Pastoren war und seinen Vater in der Kunst der Predigt (einer redet, alle hören zu) noch zu übertreffen trachtete.)

Die Neiße floss träge, was mir Zeit gab, einen kleinen Abstecher nach Dittelsdorf zu machen, ein Weiler mit für die Oberlausitz typischen Umgebindehäusern.

Schöner als in Werbeprospekten

Mit Stolz gezeigt

In einem dieser Wunderfachwerkhäuser wurstelte Herr Arnold vor sich hin. Ein Pensionär der galanten Sorte. Schmied in der vierten Generation und noch immer musste er täglich in seiner Werkstatt sein, auch wenn er nur noch „zum Vergnügen“ arbeitete.

Wunderwelt einer nie aufgeräumten Werkstatt

Herr Arnold erteilte mir eine weitere Deutschstunden-Lektion.

  • Nach dem Krieg gab es auch in der DDR urplötzlich keine Nazis mehr. Und nach der Wende auf einmal keine Kommunisten. Damit diese armen Burschen nicht völlig in der geschichtlichen Versenkung verschwänden, habe er sie an seiner Wand verewigt.

  • Zumindest die Jugend sollte sich dieser lupenreinen Herren noch erinnern. Aber das sei eigentlich zwecklos. Es gäbe ja keine Jugend mehr im Dorf. Alles weg in den Westen. Gleich nach der Wende. Seine eigene Werkstatt werde bald das Tor für immer zumachen. Auch sein Sohn wolle hier nicht arbeiten.
  • Ganz schlimm sei es in Görlitz. Die Hälfte der Bevölkerung sei abgehauen. Fast alle Jungen. Die Stadt sei wunderschön restauriert. Und die Regierung unternehme viel, damit die Wohnungen nicht zu teuer würden, um Familien in der Stadt zu halten. Jetzt kämen aber die edlen Wessi-Rentner und würden alles wegmieten oder gleich wegkaufen. Weil es ja so schön billig sei.

Weil Herr Arnold nicht wie ein Kind von Traurigkeit aussah, fragte ich ihn nach meinem Lieblingsthema. Warum es hier in den sächsischen Dörfern keine Stammtische gäbe?

  • „Doch!“, widersprach er, „die gab es“. Nicht in jedem Dorf, aber in manchem. „Wir hatten in Dittelsdorf mehrere Kneipen mit Stammtischen. Ein Stammtischbruder heißt bei uns SAUFSCHNAUZE und davon gab‘s ne Menge. Früher!“

Zum Schluss schenkte mir Herr Arnold noch einen kleinen Glücksbringer, ein selbstgeschmiedetes Mini-Hufeisen. „Weil wir ja so schön gesprochen haben“.

Ich bedankte mich aufrichtig, auch wenn mein Rucksack bereits wieder anfing, schwerer zu werden.

Die Neiße, die ich inzwischen wieder erreicht hatte, war ein bisschen breiter geworden, rutschte aber immer noch träge durch die (liebliche) Landschaft. Ein schöner Wanderweg lief parallel zur deutschen Uferseite (und damit auch zur polnischen).

Zahmes Friedensflüsschen

Beim Stichwort „polnisch“ fing mein Pastorensohn im Rucksack erneut an zu quasseln. Wie wichtig es sei, dass Grenzen überwunden würden und dass auch die Schlesier ….

Ich hielt mir die Ohren zu. Nicht schon wieder die Vertriebenen-Problematik. Gerade hatte ich das Sudeten-Thema hinter mir.

Der kahle Winterwald machte bald den Blick frei für St. Marienthal

Warum nur finden Äbte oder Äbtissinnen immer die schönst möglichen Stellen für ein Kloster ?

Bevor wir in das Heiligtum eintraten, entdeckte ich eine Klosterschänke außerhalb der Mauern und bestellte mir ein Hefeweizen. Zwar nicht von hier. (Die Klosterbrauerei war ausgelagert.) Dafür aus dem bayerischen Kloster Andechs. Spiritueller Genuss garantiert!

Allein, meinem Pastorensohn missfiel der Zwischenstopp. Er wollte gleich in das Kloster, auch wenn es ein katholisches war. Er trank (Protestant!) nichts.

Zisterzienserinnen bevorzugen dicke Mauern

St. Marienthal ist von Nonnen bewohnt, die dem Zisterzienser Orden angehören. Ein sehr zurückgezogen lebender Konvent.
Es ist das älteste ununterbrochen bewohnte Frauenkloster Deutschlands (seit 1234). Es hat ein Dutzend Kriege, die Reformation, Überfälle, Hochwasser, die Nazis, die DDR und den Unglauben überlebt.

In den Außengebäuden vermieten die Nonnen (ohne selbst aufzutauchen!) Zimmer für Wanderer, Pilger und Ungläubige wie mich.

Meine Unterkunft war in der ehemaligen Mühle (deren Mauern ebenfalls Jahrhunderten getrotzt haben).

Als ich eintrat und das kleine Plastiktütchen auf dem Bett sah, dachte ich unwillkürlich an Hotels in Lateinamerika, in denen selbstverständlich Kondome auf den Laken lagen.

Entsetzt (ob meiner blasphemischen Assoziation) schrie mein Pastorensöhnchen auf und spießte das Säckchen auf seinen Blumenstil – als Beweis, dass es sich nur um harmlose Gottschalk-Bärchen handelte.

Ohne meinen spaßfeindlichen Pastorensohn zog ich noch einmal los in die Klosterschänke.

Hunger:
Lammbraten nach Klosterart mit Kartoffelklößen. 9,80 Euro. Im Prinzip gut, gewöhnungsbedürftig war der geriebene Käse auf dem Fleisch. Hab‘ aber mit klösterlicher Milde darüber hinweg gesehen.

Unterkunft: 38 Euro (ohne Frühstück).

Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!