Mürrisch aufgewacht und euphorisch gewandert an der Zauberwaldküste bis Kühlungsborn

Das schöne Wetter wandert mir. Sogar wenn ich schlecht gelaunt bin.

Morgendlicher Hafentrip

Um 9 Uhr in Rostock den Fuß vor die Tür gesetzt und beim zweiten Schritt war mir bereits klar, dass es eine anstrengende Tour werden würde.
Ich hätte den gestrigen Abend nicht so lumpen sollen. Die Beine waren schwer.

Im langgezogen Stadthafen lag ein Jugendherbergsschiff, das in mir sentimentale Gefühle weckte.

Sentimentale Erinnerung

In einer Koje dieses Riesenkahns hatte ich vor genau 20 Jahren einmal geschlafen. Als Reporter, der für die ARD Sendung „REPORT aus Baden-Baden“ von den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Lichtenhagen und den rechtsextremen Hintergründen berichtete.

Genau an Lichtenhagen vorbei legte ich meine Tagesroute, die mich bis ins 35 km entfernte Seebad Kühlungsborn führen sollte.

GPS-Gesamtstrecke bis 076

On the road again. Dieser Ostalgie-Wagen war allerdings nur ein Ausstellungsstück. Trabis waren in den Straßen so gut wie nicht mehr zu sehen.

läuft nicht mehr

Nach 2 1/2 Stunden erreichte ich die Rostocker Vorstadt Lichtenhagen. Ein Plattenbau neben dem anderen. Seltsamerweise bewegten sich kaum Menschen vor den Türen, in den Höfen oder auf den Gehsteigen. Obwohl sie es nicht waren, wirkten die Anlagen völlig entmietet.

Ende nach oben

Noch Kilometer entfernt, doch konnte ich bereits das Sonnenblumen-Haus sehen.

Sonnenblume abgebrannt

Vor zwanzig Jahren stand ich hier, in der Nacht, und konnte kaum fassen, was um mich herumpassierte. Grölende Rechtsextreme, applaudierende biedere Bürger, Jugendliche, die Molotow-Cocktails auf das Sonnenblumenhaus warfen, in dem Asylbewerber untergebracht waren.

Neben Hoyerswerda die schlimmsten Ausschreitungen der jüngeren deutschen Geschichte.

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an diese pogromartigen Nächte des Jahres 1992. Nicht einmal eine Gedenktafel (zumindest konnte ich keine entdecken).

Jeden Abend würde ich versuchen die falsche Tür aufzuschließen

Ab Lichtenhagen drehte ich Richtung Westen, passierte das Städtchen Elmenhorst.

Reetdächer:

Würde ich meine Linse ab und zu putzen, gäbe es nicht so viele Reflexionen

An einer Fassade das Alphabet des biedermeierlichen Deutschtums:
Schäferhund, Reh (immerhin kein röhrender Hirsch) und Auerhahn.

dog ville

Ab dem Ostseebad Nienhagen säumte eine sagenhafte Küste die Ostsee. Zauberwald!

Und owbwohl der Tag ins Grau gedreht, Meer und Himmel unansehnlich gemacht hatte, hatte ich Anfälle von Euphorie.

Das muss ein Zauberland für C.D.F. gewesen sein

Welch überwältigende Küste selbst bei grauestem Wetter

Bis mir die Farbe ausging

Warum in die Bretagne fahren, wenn … ?

Nur noch 6 km fehlten mir bis zum Tagesziel. Noch aber musste ich (neben Lichtenhagen) einen zweiten geschichtsträchtigen Ort durchqueren. Das Seeheilbad Heiligendamm!

An ein paar Stellen konnte man sich noch in DDR Zeiten zurückversetzen: verfallene Villen.

DDR, Kuba, Nordkorea Charme

International berühmt wurde Heiligendamm aber, weil sich hier 2007 die G8 Gruppe mit George W. Bush zwei schöne Tage gemacht hatte. Dachten Präsidenten und Regierungschefs. 80 Tausend Demonstranten und schwere Krawalle vermiesten ihnen den Aufenthalt.

Das Gastgeber-Hotel immer noch aufgemotzt, aber wohl vor der Pleite.

Bush was here – it smellt like hell

Pitto Pitto Pittoresk

Abgekämpft erreichte ich um 7 Uhr Kühlungsborn. Das größte und mondänste Seebad an der Ostküste der Ostsee.

Hunger: Trüffel Tortellini mit Serrano Schinken. 15,90 Euro. Geschmack gut, Menge überschaubar.

Durst: Rostocker Pils. (0,5l) 3,50 Euro. Hat wieder geschmeckt.

Unterkunft: 65 Euro (diesmal völlig okay. Preis / Leistung stimmte).

Butje spielt Pirat und macht Faxen bis nach Glowe

Frohgemut (wie alt klingt das Wort) aufgestanden. Mit Vorfreude auf die heutige Wanderung zu den berühmten Kreidefelsen Rügens.

Um 9 Uhr brannte mir bereits die Sonne in den Rücken und trieb mich zum schnelleren Gehen an. Gut 26 km sollte ich heute laufen. An der Steilküste entlang bis zum Dörfchen Glowe.

GPS-Gesamtstrecke bis 069

Kieselsteinstrand (wie schön klingt die Alliteration).

Die ersten weißen Kalkfelsen ließen mich anstandslos passieren, ohne mit Geröll nach mir zu werfen.
(Jede Menge Hinweisschilder warnten vor der Gefahr des Hangabbruchs und Steinschlags.)

Kieselsteinbucht

Ein aus der Zeit gefallener Typ machte mit einer Art lautem Kichern auf sich aufmerksam und strampelte dazu mit den Füßen, als wollte er Wind machen.

Butje tickt nur kopfüber richtig

Butje nannte er sich. Er spielte Pirat. Ich fragte ihn, warum er denn einen Flaschenöffner im Kopf habe.

Einen „Saufunfall“ gab er als Begründung an.

Eigentlich sei er Schauspieler. Mitglied des Störtebeker Ensembles, das auf Rügen den ganzen Sommer Piratengeschichten aufführte.

Bei einem Thekenstreit habe ihm ein Kollege den Flaschenöffner in den Kopf gerammt (nachdem er ihm einen Bierkrug über den Schädel gezogen hatte). Jetzt trage er eben das Ding mit sich herum und sei – bekannte er freibeuterisch – auch ein bisschen plemplem.

(Die Störtebeker Festspiele sind für den Norden so etwas ähnliches wie die Karl May Festspiele. Störtebeker war ein berühmter Pirat.)

Butje mag’s nicht wirklich aufrecht

Gleich drauf buddelte Butje einen Feuerstein aus. Mit Loch wurden sie hier oben „Hühnergötter“ genannt. Und Butje lebte vom Verkauf der Glücksbringer an ältere pensionierte esoterisch angehauchte ewig-verwitwete Lehrerinnen.

Butje sagte, dass es gar nicht ungefährlich sei, am Strand nach Steinen zu graben. Viele suchten etwa nach Bernstein. Der war aber leicht mit Resten von Phosphorbomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu verwechseln, die immer wieder an die Küste angeschwemmt würden. Erstmal getrocknet entzündeten sich die Phosphorstückchen (etwa in der Hosentasche) von selbst. Jedes Jahr zögen sich Touristen schwere Verbrennungen zu.

Seltsam, bald 70 Jahre nach Ende der Krieges, ist der Krieg immer noch anwesend.

Mittlerweile hatte ich den Strandweg verlassen und war auf dem Höhenwanderweg angelangt.

Buchenwald mit Ausblick

Die Strecke war einigermaßen beschwerlich. Ein ständiges Auf und Ab, manchmal über langgezogene Holztreppen.

Butje interessierte sich nicht für die Caspar David Friedrich Motive. Da ich seinen ständigen Plappereien keinerlei Beachtung schenkte, unterhielt er sich eben selbst mit seinem albernen Kichern.

Butje tanzt an einem Treppenpfosten

Zum Nachdenken kam ich überhaupt nicht. Ständig eine andere grandiose Sicht.

Caspar David hätte Stunden hier verbracht

Ich musste aufpassen, dass mir die Kamera nicht ans Auge anwuchs, zu überwältigend waren die Ausblicke im Minutentakt.

Mit jedem Schritt wird die Kreideküste noch schöner

Ich kann mich nicht erinnern, auf all meinen Reisen durch die Welt, jemals eine schönere Küste gesehen zu haben.

Verweile doch, der Anblick ist so schön

Caspar David hat mit seinem Pinsel übers Foto gestrichen

Am frühen Nachmittag hatte das Wunder schließlich ein Ende.

Weiß, das blendet

Von nun an ging‘s bergab. Runter in die Touristenwirklichkeit Rügens.
Es fiel mir schwer, in dieser für den Touristen konfektionierten Ferienlandschaft etwas (Ein)Heimisches zu entdecken.

Glowe, ein Dörfchen, in dem vermutlich nicht ein einziges Haus keine Feriengäste beherbergt.

Das Übliche: Strand.
(Ein Hefeweizen kostete in einem Küstenlokal 4,50 Euro!!!!)

Strandleben

Ein bisschen Hafen.

Hafenleben

Dorfleben, das keines ist: Auch diese alten Reethäuser sind zu mieten.

Dorfleben

Überhöhte Zimmerpreise und – leider – diesmal ziemlich schlechtes Essen.

Gegen vier Uhr hatte ich endlich ein Bett in einer Pension gefunden.

Hunger: Dorschfilet gebraten mit hausgemachter Remoulade und Bratkartoffeln. 12,90 Euro.

Schmeckte wie zu groß geratene Iglu-Stäbchen. Nämlich nach nichts.

Butje gab mir dafür den Ratschlag, das Ganze mit zwei ausgepressten Zitronen zu würzen. Dann würde das wenigstens ein wenig nach Limonade munden. Witzbold! (Fast hätte ich ihm noch ‚was in den Schädel gerammt!)

Unterkunft: Total überteuert.
Aber meine kleinen Begleiter schliefen gut. (Wenn auch Knut immer noch schnarchte. Wachte der denn nie mehr aus seinem Rausch auf?)

Schmierbauch Knut verweigert mir das Gespräch und schnarcht sich durch bis Peenemünde

Schon früh am Morgen war die Spätsommersonne erstaunlich kraftvoll. Die Planken der Zinnowitzer Seebrücke bereits gut aufgeheizt.

Prächtige Bäderarchitektur

Mir brannten noch die Oberschenkel von der gestrigen Wanderung. Ich konnte es heute langsam angehen lassen.

Aufbruch 9 Uhr 30, Ziel: Peenemünde am äußersten Westzipfel Usedoms. Kaum 15 km Weg, überwiegend am Strand entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 066

Die Badestrände nicht mehr so überfüllt. Diese Ecke der Insel nicht so überlaufen. Dennoch, allein mit mir war ich selten.

Famiienurlaub

Die Ostsee erstaunlich flach, die Badenden standen manchmal noch hundert Meter vom Ufer entfernt kaum knöcheltief im Wasser.

Flachgewässer

Knut hatte sich in seine selbstgebaute Sandburg gelegt und ließ sich den Bierbauch rot braten. Er roch nach Bier, schnarchte. Und schlief noch, als ich ihn einpackte und einfach mitnahm. Ich weiß selbst nicht warum, vielleicht hatte ich Lust zu reden. Je mehr Menschen unterwegs waren, umso schwerer fiel es mir, mit jemandem ins Gespräch zu kommen.

Prachtvoller Wanst

Gegen Mittag wurde mir die Hitze zuviel und ich suchte Schatten im Wald.

Flucht in den Schatten

Vorbei an einer kleiner Ferienhaussiedlung in Karlshagen im traditionellen Stil. Reetgedeckte Dächer.

Reetidyll

Reetidyll dicht an dicht

Auf dem Weg nach Peenemünde alle 100 Meter ein Warnschild: „Munitionsbelastetes Gebiet. Lebensgefahr“.

Nicht Ost-Zone, sondern Sperr-Zone

Ich fragte Knut, ob er wisse, welche Munition da herumlag und von wem die tödliche Hinterlassenschaft stammte?
Seine Antwort: schnarchen. Er schlief weiter seinen Rausch aus.

Offenbar war das Gelände von den Briten 1943 großflächig mit einem Bombenteppich ausgelegt worden (wie niedlich das klingt, muss mal bei OBI nachfragen, ob es dort auch Bombenteppiche im Angebot gibt).

Die Angriffe galten den Peenemünder Raketenforschern und Bombenbauern. Unter dem Waldboden soll es noch von Phosphorgranaten wimmeln.

Peenemünde selbst ist nur eine Ansammlung weniger schmuckloser Häuser samt einem kleineren Hafen. Dominiert von einem alten Sowjet-U-Boot, das hier wie ein gestrandeter Wal auf die Ausschlachtung wartet.

Russische Hinterlassenschaft

Die Russen sind mittlerweile weg. Die Bildzeitung hat sie 1989 vertrieben!

BRD Hinterlassenschaft

BILD als „täglicher Bedarf“? Hat es dafür die Wende gebraucht?

Am Hafen ein paar Souvenirshops und mittenmang immer wieder Broschüren über „Wernher von Braun“. Es überraschte mich doch, dass er immer noch als „Vater der modernen Raumfahrt“ gilt. Selbst hier in Peenemünde, wo die Einwohner es besser wissen müssten.

Immer noch Held und nicht Teufel

Wernher von Braun war ein Mann, der die Bombe liebte.

Er leitete hier die Heeresversuchsanstalt. Er war ein Pionier der Raketentechnik und stellte sein Können in den Dienst der Nazis. Er ließ von tausenden KZ-Arbeitern die ersten Cruise Missiles der Geschichte herstellen. Dann auch noch die V2 Rakete. London und Antwerpen wurden von den „German Wunderwaffen“ teilweise in Schutt und Asche gebombt.

In Peenemünde erinnert nicht viel an die Untaten des deutschen Jekyll und Hyde.
Am Ortseingang ein zerfallenes Gebäude, in dem Braun einst flüssigen Sauerstoff für seine Raketen fertigen ließ. Hunderte vo Zwangsarbeiter wurden bei der teilweise in unterirdische Stollen verlegten Rüstungsproduktion zu Tode gequält.

Gewünschter Zerfall

Eigentlich skandalös, dass in Peenemünde nicht großflächig eine Mahnstätte eingerichtet wird. Stattdessen ein paar „verdruckste“ Erinnerungsstücke auf dem Gelände des technischen Museums.

Die V2-Rakete ragt in den Himmel als pure Touristenattraktion.

Vorläufer der Mondrakete und Englandbomber

Solche Raketen wurden am Ende des Krieges auf England abgeschossen.

Todesengel

Laut Hinweisschild ist diese leichtbekleidete Dame Teil der Originalbemalung der Rakete.
Wurde der orangene Engel ebenfalls auf London losgeschossen?
Perfide, perfide.

Fliegende Bombe

Höllenhund nannten die Nazis diesen ersten Marshflugkörper der Geschichte. Ein weiteres „Kunststück“ aus der Hand Wernher von Brauns.

Ich hatte dringenden Gesprächsbedarf, aber Knut hatte es sich auf der Abschußrampe der V1 bequem gemacht und sonnte sich immer noch laut schnarchend.

Bombenbauch

Ihn interessierten diese „ollen Kamellen“ einfach nicht. Ich war wütend. Beinahe hätte ich die Rampe aktiviert und Knut in den Orcus befördert. Aber nicht einmal in der Hölle wäre er aufgewacht.

Als ich 13 Jahre alt war, noch im gleichen Monat der ersten Mondlandung, schrieb ich einen Autogrammwunsch an die amerikanische Weltraumbehörde NASA. Ich wollte unbedingt die Unterschrift eines gewissen Wernher von Braun. Er wurde damals verehrt als Begründer der bemannten Raumfahrt. Er hatte für die Amis die Saturn-Rakete entwickelt.

Nazi geht zur NASA

12 Monate später hatte ich das Autogramm

Erst Jahre später wurde mir klar, dass ich einen Massenmörder um ein Autogramm gebeten hatte.
Von Braun war der typische opportunistische „deutsche Wissenschaftler“, der den Bund mit dem Teufel eingegangen war und selbst zum Teufel mutierte. Erst im Dienst für die Nazis, dann im Dienst für die USA.

Peenemünde ein Ort zum Gruseln.

Hunger: Flunderfilet Finkenwerder Art. 11,50 Euro.

Ich hätte den Rat Heraklits befolgen sollen: Verspeiß nicht zweimal das gleiche Essen.
Wie grauenhaft die Panade (feucht und penetrant), triefend die Speckstippen, ersoffen die Bratkartoffeln.
Welch ein Unterschied zur gestrigen Scholle auf Finkenwerder Art. Der Koch gehört entlassen!

Unterkunft zudem total überteuert.
O Peenemünde!

Wilhelmine wünscht sich den Kaiser zurück und läuft mit mir am Strand bis Zinnowitz

Seebrücken führen immer ins Unendliche

Am Morgen im Seebad Heringsdorf angekommen. Die Gemeinde hatte den Gesundheitstag ausgerufen und dazu einen Männerchor engagiert. Der durfte schon Samstag früh in der Kurmuschel dilletieren.
Seemannslieder scheinen die Venen zu weiten und das Blut flüssiger zirkulieren zu lassen. Die vorwiegend ältere Kundschaft schunkelte bereits um 11 Uhr.

Aber müssen hier alle wie Kapitän Smutje aussehen?

So schmachtend wie Freddy Q sang niemand mehr

11 Uhr 30 lief ich von der Seebrücke los ins 26 km entfernte Zinnowitz.

GPS-Gesamtstrecke bis 065

Der Tag begann grau und warm. Bald sollte er ins Blaue und Heiße drehen.

Baywatch

Noch buddelten sich kaum Badegäste in den feinen Sand, auch wenn Heringsdorf vor Leuten fast überquoll. Einzig eine selbstbewusste Mittvierzigerin mit vornehmen Damenbauch fand sich am Textilstrand und sammelte Kieselsteine.

Wilhelmine zeigt ihren Damenbauch

„Wilhelmine“ bot mir gleich das „Du“ an. Sie wollte wissen, warum ich mit so schwerem Rucksack an der Ostsee unterwegs sei und wo ich denn meine Badesachsen („sachsen“?) hätte.

Ich erklärte ihr, dass gerade die vierte Etappe meiner Deutschlandumwanderung begonnen hätte, dass ich im Mai schon einmal hier an der Heringsdorfer Seebrücke gestanden hätte, damals aber meine Tour abbrechen musste. Ich hatte mir einen Ermüdungsbruch im linken Knie zugezogen und konnte erst jetzt – 3 Monate später – die Wanderung wieder aufnehmen.
Ob denn mein Knie „nun heile“ sei? wollte Wilhelmine wissen.
„Ich hoffe“ sagte ich.

Wilhelmine beschloss, mich eine Zeit lang auf meinem Spaziergang zu begleiten. Ganz offensichtlich suchte sie einen Gesprächspartner.

Kilometerlanger weißfeiner Sandstrand.

Strandläufer mit Strandgut

Auf einmal eine sterbende Möwe am Ufer. In sich gekauert im Sand. Sie hatte die Flügel zu Kissen gefaltet, bettete sich in ihren letzten Minuten weich in aufgeplusterten Daunen, atmete schwer, die Augen schon glasig. Eine Frau stand neben ihr und weinte, aber sie fasste das sterbende Tier nicht an. (Ich traute mich nicht zu fotografieren!)

Ich war irritiert. Warum konnte sie den Vogel nicht so sterben lassen wie er wollte. Allein, zurückgezogen, unbeobachtet. Warum starrte sie ihn an? Warum litt sie so, dass sie sogar schluchzte?

Warum überhaupt kam keine andere Möwe, um der Sterbenden beizustehen und diese unsägliche Dame zu vertreiben? Mit ein paar Schnabelhieben? Mit einem Regen aus Kot?

Ich ging weiter. Ein ziemlich lebendiger Hund sprang mich an.

Strandläufer

Ich dachte über das Seelen- und Gefühlsleben von Tieren nach. Menschenkinder spielen ausgelassen miteinander. Hundebabies auch, Affen-, Katzen-, Delphinbabies.
Aber hatte ich schon mal junge Vögel beim Spielen beobachtet? Oder junge Fische? Spielen Würmer miteinander? Ameisen, Spinnen, Krebse, Schmetterlinge, Skorpione?
Haben Schwarmtiere genügend Individualität, um Persönlichkeit zu entwickeln?
Persönlichkeit entwickelt sich nur übers Spielen? Intelligenz auch? Trauer ebenfalls?

Ich war in einem GedankenLabyrinth gefangen und fand nicht mehr heraus. Ich verließ den Strand und begab mich in den nahen Wald, um ein bisschen herunter zu kühlen. Das Meer noch in Sichtweite.

Kamera malt statt zu fotografieren

Meine Begleiterin bat, in den Dünen eine kleine Rast zu machen zu dürfen.

Ich fragte sie, warum ihre Mutter sie ausgerechnet „Wilhelmine“ getauft hatte.
„Nicht meine Mutter, meine Großmutter wollte das so“, entgegnete mir die Grazie.

Wilhelmine im Dünenschilf

Ihre Großmutter war schon als junges Ding in Usedom angelandet. Jeden Sommer, wenn der damalige deutsche Kaiser im Seebad Heringsdorf Zwischenstation machte, um mit der schönen Konsuls-Witwe Staudt einen Nachmittagstee zu trinken, pilgerte sie nach Heringsdorf. Mit Hunderten von Schaulustigen versuchte die Großmutter einen Blick auf Kaiser Wilhelm zu werfen. Im Jahr 1911 musste sie sogar 10 Pfennige zahlen, um in die erste Reihe zu kommen und hatte Erfolg. Tatsächlich konnte sie von der Ferne den sommerlich weiß behosten Kaiser auf der Veranda der Villa erkennen. Von dem Tag an war ihr klar, dass ihre Tochter und ihre Enkelin und überhaupt jede erstgeborene weibliche Nachkommenschaft „Wilhelmine“ heißen musste.

Und überhaupt wolle sie den Kaiser zurück!

Damals seien die Kaiserbäder in Usedom noch vornehm gewesen, heute seien es eher „Plebsbäder“.

Die Sonne hatte die Wolken weggekehrt und brannte nun erbarmungslos. Urplötzlich bevölkerte sich der Strand. Erst fast unsichtbar hinter Stoffbahnen, die wohl noch aus dem DDR-Biedermeier stammten. (Lagen da eigentlich FKK-Jünger dahinter?)

Biedermeier am Strand

Dann wurden auch die Strandkörbe überflutet von Menschen, die ihre Strandkörper mit einem schrecklich ranzigen (Kokus?) Sonnenöl eingerieben hatten.

Strandgut

Luft, Sand und Salzwasser kosten nichts

Oben im Küstenwald blieben die Wohnmobile verwaist zurück.
Darunter eine Rarität: ein VW-Campingbus! (Baujahr 68 – sagte mir ein Nachbar.)

Raumschiff Orion in Usedom

Noch gibt es kein App um seltene Autos zu identifizieren

Fortan bewegte ich mich nur noch im Schatten, sprich Wald.
Passierte Koserow mit seinen hübschen (musealen) reetgedeckten Salzhäuschen.

Bis zum Giebel schön

Gegen halb sieben strandete ich endlich in Zinnowitz in einem kleinen schlechtbürgerlichen Gästehaus.
Dafür ging ich aber gleich in Zentrumsnähe gutbürgerlich essen.

Hunger: Scholle Finkenwerder Art = paniert, in Speck ausgelassen mit Kartoffelpüree. 15,90 Euro.

Ein fantastisch zubereiteter Fisch. Frisch, die Panade kaum spürbar, das Schollenfleisch saftig, zart, zurückhaltend gesalzen und gepfeffert. Der Speck nicht fettig aber ungemein würzig. Das Püree ebenfalls mit Speck und ein wenig Brühe. Ausgezeichnet. Absolut das Geld wert. Selbst das Krumbacher Pils gut gezapft. Ein Genuss!

Schließlich noch die Zinnowitzer Nacht getestet:

Seebrücke mit Taucherglocke im letzten Dämmerlicht.

Wie ein Cover eines Jules Verne Romans

Marionettentheater von zwei sympathischen jungen Gauklern in die Nacht gespielt.

Strandtheater

Ganz spät: die Strandkörbe von der Brücke aus gezählt.

Mit den Augen einer Katze fotografiert

Unterkunft: 35 Euro (ohne Frühstück).