Von der soliden Wirklichkeit des Bedingten bis nach Isselburg

Ein schöner Stadtpark schmückt Vreden. Macht den Ort einladend, der es eigentlich aber nicht ist.
Liebloser Ortskern!
Sei’s drum, es gibt ja den Park – mit Blick auf die Kirche.

Kontra Licht I

Kontra Licht I

Oder mit Blick auf einen alten Münsterländer Bauernhof.

Kontra Licht II

Kontra Licht II

Oder mit Blick auf einen eigenwilligen Hubschrauber-Notlandeplatz über dem Bächlein Brekel, das Vredel umfließt.

Notlandeplatz

Notlandeplatz

Die SOLIDE WIRKLICHKEIT DES BEDINGTEN haben die beiden Bildhauer ihr Helikopter-Denkmal betitelt.

Darüber grübelnd, was der Satz bedeuten könnte (ich hatte keinen Erfolg!), verließ ich Vreden gegen 9 Uhr.
Das Ziel: Isselburg. 39 km entfernt.

GPS-122-Vreden

GPS-Gesamtstrecke bis 122

Der Weg führte die meiste Zeit durch niederländisches Gebiet, nicht immer grenznah.

Kontra Licht III

Kontra Licht III

Als ich letzten Sommer an der Ostgrenze entlang wanderte, konnte ich das deutliche Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und seinen Nachbarn (Tschechien oder Polen) überhaupt nicht übersehen.
An dieser Westgrenze gibt es das nicht. Oder höchstens ein ganz klein wenig. Auf der niederländischen Seite ist alles noch eine Spur sauberer, aufgeräumter, geordneter, der Vorgarten gepflegter, die Fassaden immer wie frisch abgeschrubbt. Fast puppenstubenhaft.

Mal kein Gegenlicht

Mal kein Gegenlicht

Ein paar Kilometer hinter der Grenze ein kleines und äußerst nettes Städtchen: Winterswijk.

In Vorbereitung auf den Krönungstag: das ganze Zentrum geschmückt.

King in Town

King in Town

In zwei Tagen würde Königin Beatrix ihre Krone an ihren Sohn Willem Alexander weitergeben.

Devotionalien

Devotionalien

Um auf den Thron zu steigen, musste der immerhin nicht seine Mutter köpfen. (Wie es vielleicht der englische Prinz erwägen könnte.)

Krone statt Kopf

Krone statt Kopf

Niederländer scheinen Sonntags-Frühmuffel zu sein.
Um halb zwölf gehörte ich zu den ersten Café-Gästen am Kirchplatz.

Beschirmt und Bemützt

Beschirmt und Bemützt

Blumentöpfe auf Café-Tischen ist Standard hier. In der Lebenddekoration hatte sich ein weiteres holländisches Traumpärchen versteckt: Arjen und Marike.

Traumpaar

Traumpaar

Ich wollte mich mit ihnen unterhalten, sie über die Rolle des Königtums in den liberalen Niederlanden ausfragen oder was die Bürger davon halten, dass sich das Hochzeitspaar das Fest beinahe 20 Millionen Euro kosten lassen würde.
Arjen und Marike aber blieben stumm.
(Wahrscheinlich hätten sie mir sonst das gleiche gesagt, wie eine Holländerin am gestrigen Tag: „Eine bessere weltweite Werbekampagne für das Land gibt es nicht. So gesehen ist das noch billig.“)
Ich hatte Redebedarf und ärgerte mich über das schweigsame Pärchen. Kurzerhand packte ich es in meinen Rucksack und nahm es den weiteren Weg mit.

Kontra Licht IV

Kontra Licht IV

Am Stadtrand ein imposanter ehemaliger Wasserturm.

Imposant

Imposant

Gleich daneben ein jüdischer Friedhof. Nur 10% der ehemals großen jüdischen Gemeinde waren den Nazipogromen entkommen. Wenige Überlebende waren nach Kriegsende wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt.

Still

Still

Drei vier Stunden marschierte ich auf einem Radweg, der parallel zu einer Hauptverkehrsstraße verlief. Ich bedauerte, dass es keinen Wanderweg entlang der deutsch-niederländischen Grenze gibt. Die Landschaft scheint dafür nicht attraktiv genug.
Kaum Abwechslung, keine unberührte Natur, nur Kuhwiesen, Felder und Bauernhöfe, die nie weiter als ein paar Hundert Meter auseinander liegen.

Wolkenland Holland

Wolkenland Holland

Und alle zwei drei Stunden das nächste Kleinstädtchen.
Die allerdings sind attraktiv.
Immer herausgeputzt.

Aufgeräumt und geputzt

Aufgeräumt und geputzt

Aalten.

Kontra Licht V

Kontra Licht V

Ich hatte mir eine Blase gelaufen und die letzten Kilometer waren mühsam. Arjen und Marike dachten noch immer nicht daran, sich auf eine Konversation mit mir einzulassen. Ich wurde langsam muffelig.
(Hörte ich sie „Mof“ grummeln?)

In Dinxperlo querte ich wieder nach Deutschland. Über einen Kilometer verläuft die Grenze dort mitten durch eine belebte Straße. Der Westen (mit den Industrieanlagen) gehört zum Königreich, der Osten (mit den Wohnhäusern) zur Republik. Kurios.

Deutsch-Niederländische-Strasse

Deutsch-Niederländische-Strasse

Noch stand die Sonne am Himmel über Isselburg, als ich um 19 Uhr endlich die Gemeinde betrat.
Das erste Gebäude, das mir auffiel, war eine Moschee! Im Industriegebiet.

Der Muezzin ruft in Isselburg

Der Muezzin ruft in Isselburg

Das Gotteshaus durch einen dicken Drahtzaun geschützt. (Vor wem?)

Später sollte mir eine Wirtshaus-Bedienung erzählen, dass die Moschee von einem wohlhabenden marokkanischen Geschäftsmann gestiftet wurde, der bereits seit 40 Jahren in der Gegend lebte. Randale habe es wegen der Moschee noch nicht gegeben, aber viele Einwände und Vorbehalte von Seiten der Bevölkerung.
Es stünde ja bereits eine große Moschee nicht weit weg, in Bocholt. In Isselburg gäbe es – so die Dame – ein beachtliches Problem mit türkischstämmigen Harz-IV Familien.

Im Stadtzentrum dann ein weiteres Gotteshaus, diesmal ohne Zaun.
(Aber mit einem Wachturm.)

Kirche als Trutzburg

Kirche als Trutzburg

Ziemlich entkräftet nach 10 Stunden Wanderung und 39 Kilometern ließ ich mich im Hotelrestaurant stante pede an einem Tisch nieder.

Hunger.
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Pesto; Blattsalaten und Früchten. (8,90 Euro). Ausgezeichnet gewürzt.
Auch Arjen und Marike langten kräftig zu, auch wenn sie immer noch kein Wort an mich verloren.

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Hauptspeise: Gebratener Wels mit Kartoffelgratin, mediterranem Gemüse und Pesto. Der Koch muss einen ziemlich schlechten Tag erwischt haben. Es schmeckte so wie es aussah: verkocht und ledern zugleich. Schade.

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Unterkunft: 57 Euro (mit Frühstück).

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Mit Bulldogs nach Bruuns…büddel

Horizontal und Vertikal: Dunst

Letzter Tag meiner Kurzetappe. In Friedrichskoog-Spitze (so heißt der Ort!) um 9 Uhr losgelaufen.
Kann nicht ganz verstehen, warum das nach Sankt-Peter-Ording und Büsum der drittbeliebteste Ferienort an der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste sein soll. Ein kleines künstlich angelegtes Dorf aus der Tourismus-Retorte.

Ich hatte mich fehl entschieden. Ich hätte gestern noch eine Schippe drauflegen und vier Kilometer weiter laufen sollen bis zum Hafen Friedrichskoog. Krabbenfischern zuschauen! Ich war zu müde gewesen. Egal.

Das heutige Tagesziel: Brunsbüttel. Schierer Klang der Name (und nicht nur wegen des Kernkraftwerkes!). „BRUUNS…BÜDDDEL…“

Gut 30 km Wegstrecke.

Kohl-Land! Sonst bin ich viel an Maisfeldern entlang gelaufen. Heute begleitete mich nur Kohl. Rot und Weiß.

Sind’s Polen oder Tschechen?

Die Kohl-Pflücker (pflückt man Kohl?) schrien mir in einer fremder Sprache zu. Wollten wohl wissen, ob sie morgen in der Bildzeitung zu sehen sein würden. Ich schrie in einer – für sie – fremden Sprache zurück. (Das ist Völkerverständigung! Sich gegenseitig Unverständliches zuschreien!)

Handball mit Kohl

Ich folgte einem Fahrradweg, der wiederum der Hauptstraße folgte. Wenn es überhaupt Verkehr gab, dann waren es große Bulldogs, die Gemüsekisten zogen.
(Schwer einzuschätzen für mich, ob heute noch irgendjemand versteht, was ein Bulldog ist? Als Kinder sagten wir nie Trecker, Schlepper oder Traktor. Das waren Bulldogs für uns.)

Kohl auf Rädern

Ich freute mich auf das Ende der Etappe. Gegen 16 Uhr erreichte ich BRUUNS…BÜDDEL. Hier mündete der Nord-Ostsee-Kanal in die Elbe und dann ins offene Meer.
Gigantische Schleusen.
Der Abendregen verschmierte mir sogar meine Fotos.
Aber ich war angekommen!

Eingeschleust!

241 km in 9 Tagen zurückgelegt. Ich kalkulierte kurz durch. Insgesamt waren das jetzt 2.373 Kilometer, die ich bei meiner Tour um Deutschland herum abgeschritten hatte. Wenn ich mich nicht irre, ist jetzt Halbzeit!

Weiter geht es um Weihnachten herum!

Pause und Etappenschluss in Ahlbeck (Ostsee)

Die Saison beginnt Pfingsten

Welch Sonnen-Tag. Der Strand für mich. Der Wind auch.
(„Stärke 6, in Böen 7 bis 8“ (verkündete am Morgen die bluesherbe weibliche RadioStimme des Küstendienstes).)

Sand Bier Sand Bier – das ist der Rhythmus

Textilfrei traut sich noch niemand.
Nicht mal alte Stasi-FKKler.
(Und ich bilde mir ein, sie doch in ihren pepita-verdrucksten und dann wieder großkotzigen Abendgesprächen zu erkennen.)

Bekleidete-, Nackte-, Hunde – Apartheid

Der Strand akkurat unterteilt.

  • Textil:     Mondäner Gründerzeit-Hintergrund mit Strandpromenade
  • FKK:      Dünenlandschaft als Schutzwall
  • Hunde:  Richtung Polen

Polen war tatsächlich in Spuckweite: Den Strand entlang und schon öffnete sich die Bucht von Świnoujście (Swinemünde).

Nur oben an der Straße war noch so etwas wie „alte Grenze“ zu sehen.

Eine Art Andacht ergriff mich.
Als stünde ich vor einem historischen Schlachtfeld.
Ich setzte mich an den Rand und schaute und bohrte mich minutenlang in dieses Bild hinein.

Wie aus fernen Zeiten

An der Demarkationslinie zwischen den einstigen Bruderstaaten DDR und Polen gab es keine Toten (vermute ich). Aber es gab auch keine „Froindschaft“ (wie Honecker so gern haspelte).

Noch heute herrscht an der Grenze ziemliches gegenseitiges Unverständnis.
Die deutschen Udesdom-Touristen kommen in Scharen, um billig zu shoppen, billig zu essen und noch billiger zu trinken.
Kaum in ihren Bettenburgen zurück, lästern sie über den „unfertigen“ Nachbarn, dem die deutsche Gründlichkeit und Sauberkeit abgehe.

Polnische Freiheiten

Wie langweilig und spießig und überaltert Ahlbeck.

Wie frisch, lebendig und fast schon exotisch bunt dagegen die Promenade und der Polen-Markt in Świnoujście (Swinemünde).

Miss Amercia

Gutes Bier für 1, 20 Euro! Und viel Sonne.

Entspannt

Ebenfalls entspannt

Und plötzlich war sie doch da: die, die ich die letzten zwei Wochen schmerzlich vermisst hatte.
Natalia. Schöne blaue Augen.

Polnisch Blau

Ich machte ihr Vorwürfe, dass sie erst jetzt auftauchte und mich um ein Bier bat.
Wie gerne hätte ich sie auf meiner Etappe dabeigehabt und über Polen ausgefragt.

Warum auf der deutschen Seite ihre Landsleute einen so schlechten Leumund hätten?
Wie oft hatte ich auf meiner Grenzwanderung im deutschen Grenzland gehört: „Tschechen klauen Buntmetall und Polen stehlen Autos“. (Als sei das das Unterscheidungsmerkmal der beiden Völker.)

Ich fragte Natalia, was sie denn Ehrrühriges über ihre deutschen Nachbarn zu erzählen hätte.
Natalia verrollte ihre Augen und schwieg.

Ich nahm sie mit nach Ahlbeck.
Setzte mich dort in ein kleinen Fischimbiss.

Trank ein gutes Bier (Lübzer Pils). (3,20 Euro.)
(Endlich mal wieder eine Regionalbrauerei. Die mecklenburgische Brauerei wurde 1877 gegründet.)

Aß hervorragenden gebratenen Hering (fangfrisch). (9 Euro.)

Ich freute mich jetzt schon auf die nächste Etappe.
Wenn ich beginnen würde, Deutschland ganz oben zu queren.
Im Spätsommer!

Geschafft! Für einen Augenblick auf dem Horizont (Im Ostseebad Ahlbeck)

Die Ostsee erreicht!
Mit der untergehenden Sonne.
Den Ahlbecker Strand im letzten Tageslicht betreten.
Ich fühl‘ mich wie auf dem Horizont.
Für einen langen Augenblick.

Das Wahrzeichen!

Geschafft!
Ca. 1490 km zu Fuß!
63 Tage gewandert.
Einmal Deutschland längs durchackert.

Ich bin stolz.

Die polnische, tschechische und österreichische Grenze liegen hinter mir. Ab jetzt beginnt ein neues Kapitel.
Immer der Küste folgend. Als Strandläufer. Ohne direkte Nachbarn. Ohne Grenzgeschichten.
Ich bin selbst gespannt. Aber das wird eine ganz neue Etappe sein. Ab Herbst vielleicht.

Uecker Fahrt

Der Weg heute: ein letztes Zipfelchen Uecker mit der Fähre.

Die Münde im Blick

Mittags mit dem Flüsschen in das Stettiner Haff getrieben.
Unterwegs erzählte mir der Matrose, dass die Geschäfte seit einiger Zeit nur schleppend verliefen. Sein Reeder hätte schon viele Boote und Schiffe verkaufen müssen.
Mit dem Eintritt Polens in den Schengener Raum seien auch die Butterfahrten kaputt gegangen. Zollfreies Einkaufen war vorbei. Das habe Tausenden (soll ich das glauben?) den Job gekostet.

Allein der Fahrradtourismus halte die deutsche Grenzregion wirtschaftlich am Leben.
Wobei: Unter den Radlern gäbe es viele Geizhälse. Selbst auf der Fähre kauften sie nichts.

Welch schönes Wort: Korkengeld!

Wer die eigene Flasche entkorkt, zahlt Korkengeld!

Hügeldörfchen am Strand

Gegen 16 Uhr in Kamminke auf Usedom angelegt. Einmal quer durch die Insel und ich würde die Ostsee sehen. Rund 13 km fehlten mir noch.

Grün die vorherrschende Farbe.

Chlorophyll-Produktion auf Usedom

Golfgrün manchmal.
Mit protzigen Vereinshäusern. Ich war auf einer teuren Insel gestrandet.

Angebote für den Geldbeutel

Gegen 20 Uhr humpelnd in Ahlbeck angekommen. In allen kleineren Pensionen und einfacheren Hotels war die Rezeption nicht mehr besetzt.

So blieb nur ein Großhotel.

Um 21 Uhr auf der Strandpromenade etwas gegen Hunger und Durst gesucht. Fast alles geschlossen. Die älteren Kurgäste gingen eben früh schlafen.
Mit Ach und Krach einen Italiener aufgetrieben. Bekam ein Becks und eine Pizza.
Wenig später rauschten schon Spül-, Kaffee- und sonstwelche Maschinen, um mich letzten Gast sanft hinaus zu komplimentieren.

Ich war trotzdem gut gelaunt. Ich hatte mein Ziel erreicht!

Emmas Tanten kehren im Kleinlader nach Löcknitz zurück

Von mir unbemerkt, habe ich irgendwo auf meiner heutigen Tour Brandenburg verlassen und Vorpommern betreten.
Die Ostsee zum Riechen nah.

Auf den Wegen lagen ab und zu zerbrochene Schalen von Miesmuscheln. (Ob See-Möwen sie heruntergespuckt hatten? Oder Enten, die sie ja angeblich in Flussmündungen auch als Delikatesse verspeisen?)

Kirchen am Wegrand mit aufgesetzten Holztürmchen.

Imposante Bauwerke

Um 9 Uhr war ich in Penkun aufgebrochen.

Penkun hatte nichts zu bieten außer einer guten Apotheke (Eisspray für mein Knie und Voltaren).
Ich bewegte mich schnurstracks Richtung Norden. Den Oder-Neiße Fahrradweg hatte ich verlassen und schlug mich, schmalen Straßen folgend, durchs flache Land (stimmt gar nicht – es wurde langsam wellig!).
Ca. 21 km bis Löcknitz.

GPS-Gesamtstrecke bis 061

Die Dörfer immer kleiner und verlassener. Aber stets proper aufgeräumt, die Vorgärten wie aus dem Zwergenparadies, der Mini-Rasen völlig Unkraut frei.
Wer Stille sucht zum Sterben, sollte sich hier einquartieren. (Nur jäten, das muss jeder, in jedem Alter!)

Typisches Vorpommern Dorf: Still, leise, ruhig

Wenn einmal Verkehr, dann Fahrradfahrer. Aber nicht die High-Speed-Rennfahrer-Touristen, sondern Omis und Opis. Ziemlich sicher unterwegs zu ihrem Mittagstisch.

Großmutter hat immer Vorfahrt

Noch immer (oder wieder?) gab es in manchen Ortschaften Gaststätten, die einen Mittagstisch anboten.
Ein Minimenü für 4 Euro. Kein Wirtshausbesucher, keine Wirtin unter 60.

Alten- und Puppenstube

In dieser Stube gehörten nicht nur die (imitierten) Hummel-Figuren zum Inventar, sondern auch die Gäste. Witzige Alte, die sich gegenseitig mit Späßen aufzogen.
Jureks (schätzungsweise 70) Tischgenossin (schätzungsweise 75) wollte ihrer Freundin (ähnliches Alter) etwas heimlich zuflüstern, was Jurek aber ärgerte. Er riet seiner Tischgenossin: „Geh doch gleich in den Sarg, da hört dich niemand!“

Das Dörfchen Glasow war Bäcker, Metzger und Tante Emma frei. Nichts gab es, außer einem kleinen überdachten Rastplatz. So sonnenbeschirmt, wartete ein älterer Herr, mir freundlich und interessiert zulächelnd.

Warten auf Godot (den Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler)

Vor seiner Pensionierung war er Schweinehirt. Jetzt lebte er allein und gelassen in den Tag hinein. Er sprach zufrieden. Er erklärte mir, dass er jeden Freitag um die Mittagszeit auf dieser Bank saß und wartete. Auf Tante Emmas rollenden Kaufladen. Bald würden auch noch ein paar in die Jahre gekommene Damen mitwarten.

Das rollende Einkaufszentrum

Gegen 1 Uhr rollte dann ein Konvoi von 3 Kleinlastern an. Ein Bäcker, ein Metzger und ein Obst- und Gemüsehändler. Eine halbe Stunde Aufenthalt und dann würde der Versorgungskonvoi zur nächsten stillen Ortschaft aufbrechen.

Fleischer und Altenflüsterer

Ich fragte den jungen Fleischermeister, ob sich das für ihn rentieren würde? „Klar“! war seine Antwort. Die Herrschaften würden sehr viel kaufen – für die ganze Woche. Das Geschäft laufe hervorragend. Ein netter junger Mann, der auch gerne den sich wiederholenden Geschichten seiner Kundschaft zuhörte. Die Käufer mochten ihren Altenflüsterer.

Polen lag nicht weit weg, aber doch war überhaupt nichts von einem Grenzland zu spüren. Die Menschen lebten eingesponnen ihn ihren kleinen Welten. Was über dem nächsten Hügel lag, interessierte die meisten eher wenig.

Die Landschaft nun nicht mehr rapsgelb, eher weizen- und roggengrün.

Grün als Flächenfarbe ist eher langwelig

Wer aufmerksam schaut, sieht die Kirchturmspitze am Horizont. Das nächste verschlafene Nest nicht mehr weit.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich Löcknitz. Es fing an zu regnen und ich verließ das Hotel (am See) nicht mehr.

Durst: das übliche Radeberger Bier.

Hunger: Schnitzel mit Spargel. In Ordnung. Mit 13,90 Euro aber ziemlich überteuert.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Durch die Büscherie bis Penkun

Sonnengelb, Rapsgelb, Gelb!
Welch eine Farbe!

Alle Wege führen zum Horizont

„Blame it on a simple twist of fate“.
Hier könnte sich das für mich ereignen: ein Sekundentod der Gedanken und eine 180-Grad Wende (egal zu was) -angesichts des optischen overkills.

Landart (Gottseidank muss das Däniken nicht mehr interpretieren)

O Lord – ich mag Gelb eigentlich nicht besonders (und schon gar nicht das muffelnde Rapsgelb). Aber das hier war göttlich. Wie gerne hätte ich hier den Sonnenuntergang abgewartet. Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie das hätte aussehen können: der untergehende orangene Ball in einem solchen Feld.
Aber ich – wie ein neoliberales Arschloch getrieben von irgendetwas – setzte meine Wanderung einfach fort.

Weiß zürnt Blau zürnt Gelb

Wie hätte ich empfunden angesichts eines RiesenRotenMohnFeldes? Einer BlauBlühendenKornblumenWiese? Eines endlos WeitenWeißMargeritenAckers?
Bewirkt Gelb etwas anderes? Aber was?

Breite deine Arme aus und sing‘ Halleluja!

Jedenfalls passt hier draußen nur Miles-Davisens Cool Jazz. Nix sonst.
Doch was würde ich drinnen in solch einem Häuschen hören? Mit all der übermächtigen Natur, die dich hier nur duldet? (Haitianische Trommeln? Karibische Maracas? Bayerische Ratschen? Jedenfalls jedes Instrument, das Lärm macht! Da bin ich mir sicher!)

Beschützte Behausung

Lärm macht auch so ein Instrument: ein RiesenWindRad. Es brummt konstant gegen die gelbe Optik an!

Gelbe Windkraft (oder witchcraft ?)

Und was sonst noch geschah:

Bin zur selben Uhrzeit aufgebrochen wie fast immer. Gegen 9 Uhr.
Habe mich ein wenig in Gartz umgesehen, um dann gegen 10 tatsächlich loszulaufen.
Eigentlich hatte ich vor ins polnische Szczecin (Stettin) zu wandern. 38 lange Kilometer weg. Ich merkte jedoch schnell, dass mein lädiertes linkes Knie eine so intensive Wanderung nicht mitmachen würde. Also änderte ich den Plan und beschloss in Mescherin, auf deutscher Seite weiter zu gehen. Ziel: Penkun ca. 23 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 060

Unmerklich entfernte ich mich von der Oder, die jetzt auch nicht mehr Grenzfluss war, sondern auf polnischer Seite dem Meer entgegenfloss.

Ich konnte mich noch nicht einmal anständig von ihr verabschieden.

Wenn ich einmal nicht Rapsfelder sah, dann seltsame Kirchen mit Windrad als Turmkreuz:

Windschnittige Kirche

Auf den Straßen immer wieder Nattern (Ringelnatter? Schlingnatter?), die sich sonnten und warteten, überfahren zu werden.

ungiftig

Unterwegs Winzdörfer: Brandenburgische Pampa. In einem fand ich gegen Mittag ein offenes Lokal (selten genug!). Eine Landfleischerei mit angeschlossener Kantine für Arbeiter und Schornsteinfeger. (Der saß tatsächlich schwarz verrußt auf einem Stuhl mit Spezialkissen!) Ein Neugierer wollte wissen, warum ich durch die „Büscherie“ laufen würde und wohin überhaupt.
Ich erklärte es ihm und konzentrierte mich auf mein Essen.
Der Mittagstisch 3,50 Euro!! Sülze mit Bratkartoffeln (hausgemacht! Klasse!).

Gegen 17 Uhr 30 erreichte ich Penkun. Ein schöner Ort mit Schlösschen.

Wäe‘ so gern‘ mal Schlossherr

Und sogar mit einer Art Zentrum. Jedenfalls, in der Nähe der Kirche entdeckte ich ein überaus nettes und gutes Wirtshaus. Die Wirtin sehr besorgt um mich, versorgte mich mit allerhand Eiswürfel und Zeugs, um mein Knie zu kühlen, gab mir später ein Gefrieraggregat, um die Behandlung fortzusetzen. Wollte mich überreden, zum Arzt zu gehen. Ich hab‘ mich herzlich bedankt.

Durst: 1 Flasche Pfälzer St. Laurent (klasse Burgunder-Traube!).

Hunger: Spargelzeit! Also Zanderfilet mit Spargel (13,90 Euro). Sehr fein zubereitet!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Götter ist das schön! Der Dammweg nach Hohenwutzen!

30 Grad! In Tropenkleidung unterwegs! 4. Mai!

So far away so close to home

Mein Tagesziel: Hohenwutzen. 29 km entfernt. Immer auf dem Damm entlang. Gegen 9 Uhr aufgebrochen.

(Was für ein Ortsname: Hohenwutzen!
„Wutz“ bedeutet im Pfälzischen „Sau“ – auch im Märkischen? Also ein Dorf, das die „Hohe Sau“ ehrt? Bin ja schließlich gestern auch schon durch „Kuhbrücke“ gelaufen.)

Auf polnischer Seite geschützte Auenlandschaft, auf deutscher ebenfalls.

Natur als Gemälde

Zwei Nationen im ökologischen Gleichschritt. Ein gemeinsamer Nationalpark? Grenzüberschreitend? Zweinationenpark? Das wäre europäisch!

Die Tiere sind jedenfalls den Menschen schon voraus. Haben sich hüben und drüben heimisch gemacht.

Je länger der Tag, umso unfassbarer (für einen Städter!) war, was mir im Oderbruch vor die Kameraflinte kam. Auch wenn meine Optik nicht für Tierfotografie ausgelegt ist, habe ich einfach den Auslöser gedrückt. Erst mit Verzögerung begriff ich, dass ich nicht im Zoo war, sondern den Viechern in freier Wildbahn unglaublich nah kam.

Was für ein Lippenstiftrot, selbst die Fußnägel im gleichen Ton! Ist das eine Störchin ?

Störche sind einfach schöne Vögel. Sie staksen auch nicht, sie flanieren stolz. Ihr Flug ist atemberaubend.

Anmutiger als der lauernde, gleichförmige und bedrohliche Schatten werfende Flug der Greifvögel.

Ein Fischadler erschrak sich vor mir und flüchtete aus einem Baum, an dem ich kurz Rast machen wollte.
Die Kamera konnte ich gerade noch hochreißen. Schon war er weg.

Habe einigen Einheimischen später das Foto gezeigt. Sie versicherten mir, dass ich tatsächlich einen Fischadler auf Zelluloid (klingt komisch im digitalen Zeitalter) gebannt hätte. Dann wollten sie wissen, ob ich auch den Seeadler gesehen hätte, den größten Greifvogel Europas. Ich musste passen. Selbst wenn, ich hätte ihn nicht erkannt.

Isses nun ein Fischadler ?

Kiebitze schossen pfeilschnell an mir vorbei.

bulletproof

Und Schwärme von Schwänen. Schwanschwärme. Schwanschwemme. Wie jetzt?

Schwäne ohne Wagnermusik geht überhaupt nicht

Nicht nur in der Luft ging’s zu wie in einem Taubenschlag. Auch am Boden.

Hätt' ich heute Abend gern' auf der Speisekarte!

Götter, hätt‘ ich nur ’ne Flinte statt ’ner Spiegelreflex, ich hätt‘ mir um mein Abendessen keine Sorgen machen müssen.

Mit Thymian und Knoblauch ? Oder doch eher klassisch ?

Dann gab es ja auch noch den Mikrobereich. Den ich nur in einer Laufpause wahrnehme, wenn ich meine müden Füße im Gras ausstrecke.

69er Stellung ?

Ob die beiden Schmetterlinge eine Kamasutra-Stellung ausprobierten?

Welch schöner Politik freier Tag, dachte (und genoss) ich – bis ich ein paar Fischer traf.

Ich such' nach dem Wort: Prollige Lusuxusfischer? (Bin noch nicht zufrieden.)

Eigentlich sah ich die fishermen fast in jeder Flussbiegung. Egal, ob auf polnischer oder brandenburgischer Seite. Wo es ein wenig seicht und sandig wurde, saßen sie, meist in Tarnuniform. (Muss das Belegfoto unbedingt noch nachliefern!) Ich fragte einen, was die militärische Tarnung sollte, die Fische würden ja schließlich nicht zurückschießen? Er verstand den Witz nicht so richtig und meinte nur, dass sie eben nicht von „außen“ erkannt werden könnten (Polizei? FischScheinÜberPrüfer?)
Und dann legte er richtig los.

1) Dass seit der Wende alles bürokratischer geworden sei. Jetzt müssten sie fürs Angeln überall bezahlen – Lizenzen kaufen und so weiter.

2) Dass die Wessis überhaupt keine Ahnung hätten, wie paradiesisch es hier sei. Und auch schon gewesen war. „Alles eine Familie“!

3) Dass es viele gute Dinge gab in der DDR.

4) Dass die Polen – na ja (auf einmal wurde er vorsichtig) – eben so seien wie sie seien. (Welchen Reim soll ich mir darauf machen?)

5) Und überhaupt!

Jetzt hatte ich ihn doch noch einmal getroffen: Den Jammerossi! Ich hatte ihn schon lange vermisst.

Es war nicht mehr weit zu meinem Zielort.
Das Laufen tat mir mittlerweile weh. Bei irgendeinem fotoshooting mit vorbeifliegendem Vogel hatte ich mir das Knie verdreht.

Ich schaffte es aber noch bis Hohenwutzen.
(Muss unbedingt mal googlen, woher dieser Name kommt!)

Gegen 17 Uhr bekam ich mein erstes Berliner Kindl für 3,50 Euro. (Es gibt einfach keine regionalen Brauereien in diesem Landstrich, wie schade.)

Hunger: Heringsplatte mit Bratkartoffeln. (Rollmops, Brathering, Rotweinheringsfilet). 13,90 Euro.
Preis reichlich übertrieben. Aber die Heringe waren gut. Die Bratkartoffeln allerdings zu fettig (fast triefend).

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

(Jungs (und Mädels) – der Osten ist teuer!)

Ein mit Frühling geschmückter Weg nach Groß Neuendorf

Zeige deine Hände

Ich habe schon verbrannte Menschenkörper gesehen (im Bürgerkrieg in Haiti) und diese angekokelten Handschuhe kamen dem sehr nah. Ich erschrak mich.

Das Bild passte zur Situation. An diesem Ort, an dem jemand kürzlich ein Lagerfeuer entzündet hatte, befand sich einst das historische Zentrum von Küstrin. Lange war Küstrin die Hauptstadt der Neumark gewesen. Mit wunderschönen Bauten.

Heute ist die Altstadt ein Trümmerfeld. Immer noch. Zu Kriegsende während einer 3monatigen Belagerung durch die Rote Armee vollständig zerschossen. Nach dem Krieg ließ dann die polnische Regierung die alten Steine nach Warschau karren, um mit ihnen die Hauptstadt wieder aufzubauen.

„Polnisches Pompeji“ wird Küstrin genannt. (Müsste es nicht „Deutsches Pompeji auf polnischem Boden“ heißen?)

Polnisches Pompeji

Ein paar Straßen sind wieder gepflastert. Gespenstisch die Stimmung. Wiesen und Bäume, wo einst mehrstöckige Häuser dicht an dicht klebten, Menschen an Geschäften vorbei flanierten und Autos knatterten.

Gras wächst über keiner Geschichte

Stehengeblieben sind nur einige wenige Teile der berühmten Festung (in der einst der Große Fritz inhaftiert war und sein Jugendfreund Katte hingerichtet wurde).
Zumindest die Fassade ist wieder restauriert.

Im Bombenfest bombenfest. (Der Kalauer musste sein!)

Um 10 Uhr morgens dann von der Trümmerlandschaft zu meinem Tagesziel aufgebrochen: Groß Neuendorf auf der deutschen Oder-Seite. Ca 28 km entfernt.
(Entlang des polnischen Ufers lag das nächste Dorf mit Unterkunft einfach zu weit weg.)

GPS-Gesamtstrecke bis 056

Der Morgen kämpfte noch mit Nebel und Wolken.

Welch herrlicher Fluss ist die Oder

Altarme (passt auch in anderem Sinn: alt und arm)

Aber schon bald wurde es fast hochsommerlich.
Der Frühling begleitete mich mit herrlichen Temperaturen.

Ich lief den Oder Damm entlang. Stundenlanges Geradeauslaufen. Ab und zu überholten mich – dort wo der Weg geteert war – ein paar Fahrradfahrer. Meist Paare. Entweder ein in die Jahre gekommenes Ehepaar (das dann später im Restaurant eine Anschweigetherapie machte) oder eine ca. 50jährige Frau mit ihrer über 70jährigen Mutter (die später im Restaurant unentwegt gesprächstherapeutisch schnatterten, um irgendetwas zu „klären“).

Auf der anderen Seite des Damms schöne Kulturlandschaften in Gelb getaucht.

Wenn nur der käsige Raps-Geruch nicht wäre

Fenster aufmachen und Lüften nutzt hier ja auch nichts!

Gegen 18 Uhr erreichte ich Groß-Neuendorf. Ein kleines ehemaliges Fischerdorf, das heute fast ausschließlich vom Fahrradweg Neiße-Oder und den Sommerfrischlern lebt. Sogar ein Hotel gibt es: ein altes Maschinenhaus, zur Bettenburg umgewidmet. Schön!

Ungewöhnlich

Durst: Erdinger Hefeweizen (3,50 Euro).

Hunger: Forelle Müllerin mit Kräuterkartoffeln. 12,50 Euro. (Forelle war frisch und auf den Punkt gegart. War mit Petersilie gefüllt, die erst zum Schluss ihr Aroma auf den Fisch übertrug. War insgesamt gut, hatte aber unterwegs schon bessere gegessen.)

Unterkunft: teuer!

(Ich war dabei.) Im Polenfeldzug nach Kostrzyn nad Odrą (Küstrin)

3 Frauen und 1 Männerkopf

Schon morgens Temperaturen über 20 Grad. Das Anfang Mai!
Ich hatte zuviel Wolle auf dem Kopf, die musste weg. Also ab nach Slubice auf der anderen Seite der Oder.

10 Minuten saß ich auf dem Stuhl, es ging zack zack. Meine Friseurin beherrschte das deutsche Haar-Vokabular aus dem ff: Kürzer, Ausdünnen, mit Maschine, mit Schere, Waschen, Föhnen, Gel, trocken, nass, glatt, kraus, Koteletten, rasieren. Auch die Zahlen („5 Euro!“) beherrschte sie perfekt. Und vor allem akzentfrei.

Erst als ich sie ein wenig über Polen ausfragen wollte, bemerkte ich, dass sie überhaupt kein Deutsch verstand.

Sie besaß eine praktische Intelligenz, sich das schnell anzueignen, was sie zur Ausübung ihres Handwerks brauchte. Im Übrigen sprachen die deutschen Frankfurt-Oder-Nachbarn ja auch kein polnisch.

Bis Ende des Zweiten Weltkrieges war Slubice nichts anderes als eine Gartenvorstadt von Frankfurt (Oder).

Drüben liegt Frankfurt (Oder) - Mit Brücke zum Billig-Paradies

Nach dem Krieg wurde sie zur selbständigen polnischen Kleinstadt. Heute ist Slubice wieder eine Vorstadt von Frankfurt (Oder). Quirlig, jung.

Slubices kleines Zentrum

Ab morgens 8 Uhr fallen die Deutschen ein. Alle zuerst zu den Friseurinnen. So wie ich.

Immerhin bekam ich aus meiner Haar-Domina heraus, dass in dem Städtchen (das kaum mehr als 15 Tausend Bürger beherbergte), 80 Friseurinnen eine Lizenz besaßen.

3 Frauen und 1 Charakterkopf

(Komisch: Gerade habe ich in meinen Laptop „Friseuse“ eingetippt, schon verbessert er meine Eingabe zu „Friseurin“. Sitzt in meinem Computer eine Sprachpolizei? – Ich muss ihn mal aufschrauben.)

Egal, ich war morgens um 8 Uhr aus meinem Hotel in Frankfurt (Oder) aufgebrochen. Mein Tagesziel: Kostrzyn nad Odrą, das frühere Küstrin. Ca. 35 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 055

Gestern Abend noch hatte ich mich mit einem Frankfurter unterhalten, der mir hinschnodderte, dass er seine deutschen Freunde, die ihn besuchten, immer auf den „Polenfeldzug“ schicke. Damit spielte er auf die polnischen Schnäppchenmärkte in Slubice oder Kostrzyn nad Odrą an.

In Slubice begriff ich erst richtig, was er meinte. Schon früh Hunderte von Deutschen in den Geschäften. Neben 80 Friseurinnen gab es mindestens genauso viele Spargelverkäufer (2 Euro das Kilo Gemüse), deutlich mehr Zigarettenläden (halber Preis), Dutzende von Apotheken (billige Generika), zahlreiche Tankstellen (Benzin 20 Cent weniger als in Deutschland), zahllose Alkoholläden und natürlich den „Polenmarkt“ am Stadtrand mit spottbilligen Textilien und Schuhen.

Slubice war alles andere als heruntergekommen, das Wohlstandsgefälle zu Frankfurt (Oder) dennoch jederzeit spürbar.

Kinosterben - Deutsche sprechen halt kein polnisch

Platte kann bunt sein

Polen sind Fenstergucker.
(Vielleicht sollte ich präzisieren : Slubicer sind Fenstergucker).
Keine Straße, kein Haus, aus dem nicht Jung/Alt das Geschehen unten auf der Gasse verfolgte.

was sie wohl über mich denken ?

Er war einfach nur cool.

Gegen 10 verließ ich endlich Slubice und folgte dem Oderdamm.
Ab und zu ein Schiffchen.

Träge Fluss und Boot

Hin und wieder ein deutsches Dörfchen auf der Westseite.

Lebus

Dann in sengender Hitze laufen und laufen. Nach einigen Stunden schmerzten mich die Füße. Ich roch förmlich wie sie schwitzten – dachte ich zumindest, bis ich gewahr wurde, dass ich Rapsfeldern entlang lief. Und nichts stinkt schrecklicher nach Käsfüßen als blühender Raps.

Mal sollte mal Uli Wickert fragen nach welchem Käse Raps muffelt!

Ich war mittlerweile von der Oder abgekommen und durchlief auf Landstraßen die polnische Provinz.

Unterwegs eine Erdölförderanlage. (Gibt tatsächlich Erdöl im Oderbruch!)

Seltsamerweise geruchsfrei !

Ankunft in Kostrzyn nad Odrą (Küstrin) gegen 18 Uhr.

Durst: Żywiec Bier (1,70 Euro).

Sehr gutes polnisches Bier. Leicht bitter. Lang anhaltender Nachgeschmack. Deutlich besser als das „Lech“-Bier, das ich später probierte.

Hunger: Hering nach kaschubischer Art mit Saurer Sahne. (3,50 Euro.)

Um es vorsichtig auszudrücken: Der Hering war nicht mehr der jüngste. Außerdem hab ich nicht ganz verstanden, was daran kaschubisch war. Meine Oma (Pfalz!) bereitete das früher genauso zu – nur mit deutlich säuerlicheren Äpfeln. Gibt dem Gericht eine feineren Akzent!

Unterkunft: 37 Euro.

Hobo goes to Frankfort (Oder)

858 km in dieser Etappe zurück gelegt. Jetzt ist Schluss! Letzter Wandertag. Um 9 Uhr auf die Straße gequält.

Noch einmal 27 km bis Frankfurt (Oder).

GPS-Gesamtstrecke bis 054

Mein Körper hat mir klar signalisiert: „Aufhören!“ Knie tun weh, nicht mehr weggehender Muskelkater in den Oberschenkeln, Kopf leer, Kreativität mit dem Wind verflogen, Augen sehen keine Motive mehr, Finger zittert, wenn er den Auslöser tippt.

Am liebsten wäre ich jetzt auf einen Güterzug aufgesprungen und hätte mich die letzten Kilometer wie ein Hobo transportieren lassen.

lonely hobo loves freigthtrains

Um 15 Uhr in Frankfurt (Oder) angekommen. Als erstes über das Denkmal für die gefallenen russischen Soldaten gestolpert.

Dank den Russen für die Befreiung

Mit einem Blick gesehen, dass das eine verdammt interessante Kleinstadt ist: Uni. Jung. Grenze. Gute Kneipen. Asiaten, Polen, Deutsche in den Straßen. Lebendige Szene.

Aber das ist für die nächste Etappe. Dann geht es endgültig auf der polnischen Seite die Grenze entlang.

Hunger: Matjes nach Hausfrauenart. 7,90 Euro.
Kann man nicht viel falsch machen.

Meine drei Begleiter ins Bett gebracht und selbst früh schlafen gegangen.

Zusammen ist eine(r) nie allein