Feiertagsblues und uninteressante Unterhaltungen in Greetsiel

Heute ist mein Namenstag!

Meine Großmutter hatte mir am 26. Dezember immer etwas geschenkt. Für sie war der Namenstag bedeutender als der Geburtstag. Mit dem Namenspatron wurde der namensgebende christliche Märtyrer geehrt, erinnert, verewigt.

Lang her.
Heute erinnert sich kaum einer dieser Sitte.

Wieso denke ich das? fragte ich mich.
Ich stand im Städtchen Norden vor einer dieser beeindruckenden Zeugnisse christlicher Kultur, der größten friesischen Kirche. Bald 800 Jahre alt. Ich gehöre keiner Religionsgemeinschaft an. Doch irgendetwas bewegte mich.
Werden diese Gotteshäuser bald nur noch Erinnerungsstätten vergangener christlicher Traditionen sein? Steinerne Monumente, Museen und nichts mehr?

Gott baut mächtig (oder war es ein Architekt ?)

In der Nähe der Kirche eine Bismarck-Statue. Was verehren die Deutschen an dem Eisernen Kanzler?
Allein beim Anblick der Pickelhaube befällt mich die Krätze.

Bismarck, ebenfalls mächtig

Der Norder Marktplatz ein Panoptikum der jüngeren Geschichte.
Ein unbekannter Soldat darf sich (als Steinerner Gast) seit Generationen an den Glockenturm der Ludgeri-Kirche anlehnen. Was ist das für ein martialisches Gedenken an die gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Keiner dieser zu gedenkwürdigen Helden erklärten Soldaten hat absichtlich, bestialisch und planmäßig gemordet? Sicher?

Mich nerven diese „Helden“-Gedenkstätten.

Heldendenkmal, auch mächtig

Ich machte mich gegen halb zehn auf den Weg. Das Ziel: Greetsiel, 16 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 110

Ich fühlte mich müde. Ich wusste nicht recht, was mir auf der Leber lag. Ich trottete lustlos vor mich hin. Vielleicht hatte mich der gestrige Tag erschöpft, das Ankämpfen gegen Dunkelheit, Nässe und Kälte.
Ich war gedankenmüde.

Nur die Sonne, die zum ersten Mal seit Tagen die Kraft hatte etwas länger die Wolken zur Seite zu schieben, heiterte mich ein wenig auf.

Against the mighty sun

Die Strecke war schnell geschafft. Nach drei Stunden konnte ich am Horizont bereits das Hafendörfchen Greetsiel sehen.

Horizont-Dorf

Ein aufgehübschtes Fischerdorf, nett herausgeputzt für die Feiertagstouristen.

Alt und herausgeputzt

Mein Namenstag hatte Hunderte in die picobello sauberen Gassen gelockt. Manche schlotzten sogar Eis.

Alt und nicht so alt die Feiertagsgäste

Die Krabben-Kutter prächtig aufgereiht im pittoresken Sielhafen.
Um halb zwei erreichte ich mein Ziel.

Grandios

Und trotzdem: Irgendetwas passte mir heute nicht. Ich sehnte mich nach irgendetwas anderem, ich konnte aber nicht entschlüsseln nach was.

Also setze ich mich an eine Bar, ignorierte die Unterhaltung neben mir (erst über Lebensversicherungen, dann über Karibik-Urlaube) und lenkte mich mit Jever-Pils ein wenig ab.
(Vielleicht hatte ich einfach nur den Blues.)

Hunger: Gebratene Skarntjes. Ein von Ostfriesen offenbar geliebter Plattfisch. Dazu Butterkartoffeln. 12,90 Euro.
Schmeckte nach Iglu.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.