354 über 352 bis 339 (Plittersdorf)

As ships go by

As ships go by

Abschied von der Pfalz. Habe sie auf der anderen Seite des Rheins gelassen. Bin jetzt im Badischen gestrandet. Der Unterschied kam mir gewaltig vor. Einmal mit der Fähre den Fluss gequert und Deutschland fühlt sich anders an! Diese Sprache! Dazu der badische Akkusativ. Kann man sich daran gewöhnen?

Ja ich weiss, auch die Vorderpfälzer haben einen eigenartigen Singsang. Aus nordpfälzer Sicht (da, wo ich herkomme) hört sich das sehr nach verweichlichten Südländern an.

Das Badische klingt zwar verwandt, aber doch irgendwie einen Zacken eckiger, kantiger, knarziger, effektiver.

Im Biergarten des ehemaligen Zollhauses an der Anlegestelle der Fähre trank ich in einem Zug eine große Apfelschorle, zahlte und machte mich auf den Weg. Rund 19 km bis Plittersdorf lagen vor mir. 30 Grad schon am Morgen.

GPS-155-Neuburg

GPS-Gesamtstrecke bis 155

Der Rhein glich mehr einem überdimensionierten Kanal als einem Fluss. Tulla, der badische Ingenieur, hat in der Oberrheinischen Tiefebene ganze Arbeit geleistet.

Entlang der Altrheinarme große Kieswerke – auf deutscher und französischer Seite.

Der Kieselsteinschatz

Der Kieselsteinschatz

Der Himmel verbarrikadiert.

Kieselsteinübergang

Kieselsteinübergang

Kilometertafeln takteten meinen Weg. Noch 352 km bis zur Rheinquelle.

Route 352

Route 352

Der Strom floss schnurstracks, aber meine Route verlief alles andere als geradlinig. Ich musste mehr den verschlungenen Altrheinadern folgen und durchwanderte eine unter der Hitze ächzende Auenlandschaft.

Grad und Krumm

Grad und Krumm

Mückenschwärme vernebelten bisweilen die Sicht.
Ich mutierte zum Zappelphilipp und suchte den offenen Boxkampf mit der Plage.

Wenn ich Ruhe fand, teilte ich sie mit blauen Libellen.

Tulla-Libelle

Tulla-Libelle

Warum sinken eigentlich gewässerte Boote nicht?
Werden sie von Blicken gehalten?
Oder nageln sie die Fotografen mit Wasserstiften einfach fest? Fotokulisse für den nächsten Schnappschüssler, der kommt?

Das Grade wird krumm

Das Gerade wird krumm

Romantisch ist der Rhein auf dieser Strecke wirklich nicht.

Tullas Geraden-Tick

Tullas Geraden-Tick

Aber interessant.

Zuschauer über Zuschauer, die es sich auf Kiesinseln, Sandbänken und Uferbefestigungen bequem machten. Und dem Strom der vorbeifahrenden Lastkähne das Geleit gaben.

Fluss fließt, Zeit steht

Fluss fließt, Zeit steht

Immer wieder musste ich die Rheinauen kurz verlassen, um einen Zufluss (diesmal die Murg) zu queren.

Im Dörfchen Steinmauern feierte der Bulldogverein sein Jahresfest. Die Mitglieder nennen sich selbst „Landmaschineninfizierte“ und konservieren altes landwirtschaftliches Gerät.
Und wie beim Keinohrhasenzüchterverein oder sonst einem eingetragenen Club steht vor dem Spaß die Registratur. Wir sind in Deutschland!

Ordnung beim Feiern

Ordnung beim Feiern

Castingshow für alte Trecker, Bulldogs, Zugmaschinen.

Maschinen-Registratur

Maschinen-Registratur

Das Meiste aus den 50er Jahren.

Maschine und Handarbeit

Maschine und Handarbeit

Good Old Germany. Die Nachkriegs- und Aufbaugeneration feiert sich noch einmal selbst.

The last German Cowboy

The last German Cowboy

Kein Miniaturspielzeugtraktor kommt an das Original ran!

Bulldog für Rechtshänder

Bulldog für Rechtshänder

Nach 6 Stunden endlich in Plittersdorf angekommen. Ich kannte den Namen bisher nur aus den Verkehrsnachrichten. Etwa wenn Hoch- oder wahlweise Niedrigwasser den Fährbetrieb behindert.

Come together

Come together

Ich lernte, dass es Gierseilfähren gibt. Dass „Gier“ nicht immer nur ein sehr menschliches Verlangen beschreibt, sondern auch einen technischen Vorgang!

Plittersdorf lud am Abend zum Dorffest ein. Die lokale Feuerwehr feierte.

Meister des schlechten Geschmacks

Meister des schlechten Geschmacks

Das Unterhaltungsprogramm: ein grottenschlechtes Gesangsudo.

Liedzeilen, wie: „Mit meiner Balalaika bin ich der König auf Jamaika„.
Zwischenmoderationen á la: „Gott schütze uns vor Hagel, Sturm und Wind und Lieder, die der Hansi Hinterseer singt„.
Ungenierte Schwulenwitze, die sich immer auf „After nun“ reimten.

Niemand lachte, niemand tanzte, die meisten gähnten, die Festhalle halb leer.

Wohin war ich nur geraten?

Ist das die badische Provinz? Im Jahr 2013?

Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Etappenschluss in Wissembourg

Das ist die Pfalz: Burgenland, Waldland, Weinland, Weites Land, Elwedrischeland.

Pfalzblick

Pfalzblick

Der Reihe nach: beim Frühstück aus dem Hotel-Fenster gesehen. Der Mühlweiher in Ludwigswinkel („Saarbacherhammer“) pelzig, fröstelig. Wieder Regen.

Kein Schatz im Silbersee

Kein Schatz im Silbersee

Um 9 Uhr aufgebrochen. Nach Wissembourg im Elsass. 27 Kilometer zu laufen. Das war zu schaffen. Es wurde aber ein langer und anstrengender Tag.

GPS-153-Ludwigswinkel

Selbst Kälte gewohnte Dörfer wie Schönau fröstelten in der Nässe.

Pfalzidyll

Pfalzidyll

Die meisten Fachwerkhäuser frisch renoviert. Nur wenige Fassaden mit dem Charme der Vergänglichkeit.

abgetakelt

abgetakelt

Von Schönau aus nahm ich Anlauf zur höchstgelegenen Burgruine der Pfalz. Die Wegelnburg; 572 m hoch thront sie.

Der Anstieg zunächst sanft durch ein schönes Tal.

Seitental

Seitental

Dann wurde es steil. In kürzester Zeit waren 350 Höhenmeter zu klettern.

Fotografenhorst

Fotografenhorst

Was für ein Blick!
Aber nur für Sekunden. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Kamera aus der Hülle zu ziehen. Ich schoss das Foto mehr oder weniger aus der Hüfte.
Sekunden später (und das ist keine Übertreibung!) tobte bereits ein gnadenloses Unwetter über mir und der Burg.

Schutzlos

Ausgeliefert

Ich suchte Schutz unter Steingewölben. Riss die Wolkendecke einmal kurz auf, war die nächste Burg zu erahnen.

Nebelburg

Eingenebelt

Ich beeilte mich, von der Festung herunterzukommen. Die Waldwege waren matschig, rutschig, durch umgefallene Bäume schwer passierbar geworden.

Ab jetzt lief ich stur einen Radweg im Tal entlang, der kleinen Bächen ins Elsass folgte.

Ich hatte das Gefühl, dem Zorn Gottes entkommen zu sein. Hier unten war es nicht mehr ganz so gewitterdunkel wie in den Bergen.

Und plötzlich fiel mir auch ein, worüber ich unterwegs lange gegrübelt hatte.
Wenn es einen speziellen Pfälzer Charakter gab, worin lag das Besondere? Es war der Zorn!

Natürlich sind die Pfälzer so, wie sie oft beschrieben werden: leutselig, gemütlich, manchmal ein wenig provinziell, neugierig und offen. Das Besondere aber ist ihr Zorn. Sie können sich sehr schnell aufregen. Ich selbst wurde als Kind immer wieder „Zornickel“ gerufen. Das ist kein Schimpfwort. Es ist eher ein Staunen über den Urzorn, der schon früh einen kleinen Bankert erfassen kann.

Zorn ist eine Gottes-Tugend (Heiliger Zorn) und nicht wie der Jähzorn eine der Sieben Todsünden.
Vom Zornickel zum Revoluzzer ist es in der Pfalz nicht weit. (Und nicht nur wegen 1848!)

Aber ich war zunächst einmal im Begriff, meine Heimat zu verlassen. Über eine schmale Fahrradbrücke formlos nach Frankreich.

Über Brücken musst du gehen

Über Brücken musst du gehen

Auch Lothringen lag jetzt hinter mir. Ich hatte gerade das Elsass betreten.

Und wurde in Wissembourg neugierig empfangen.

Neugier

Neugier

Ich war angekommen!

Sogar die Sonne lugte kurz durch die Wolken.

A bientôt

A bientôt

Schluss der Etappe!

923 Kilometer in den letzten 6 Wochen gewandert.
Von Papenburg im Norden bis ins Elsass.

3582 Kilometer insgesamt inzwischen zurückgelegt.

GPS-Gesamtstrecke

Viel fehlt nicht mehr, um meine Deutschlandumrundung im Schneckengang zu beenden.

Heul wie ’ne Wuzz und du kommst nach Ludwigswinkel

Herrliche Wege durch die Pfalz.

Pälzer Sunn

Pälzer Sunn

Ich wollte den Sonnentag auskosten, lief bereits Viertel vor 9 los. Ungefähres Ziel: Ludwigswinkel. 35 km entfernt.

GPS-152-Hornbach

GPS-Gesamtstrecke bis 152

Gestern Abend hatte ich mir noch schnell meine Wäsche gewaschen und mich rasiert. Ich hatte das Gefühl, „ordentlich“ durch meine Heimat laufen zu müssen.

Kleine Dörfer mit imposanten Häusern.

massiv

massiv

Mit alten steinernen Wegkreuzen.

was war nochmal 1763?

was war nochmal 1739?

Mit witzigen Hausnummern.

Hausnummer

Hausnummer

Endlose Höhenstrassen. Von denen einige leider auch gerade „verspargelt“ werden.

Don't let it be

Don’t let it be

Kurz vor dem Horizont hielt ein Nahverkehrsbus neben mir. Der Fahrer fragte mich, ob ich ein Stückchen mitfahren möchte. („Willsch a Sticksche mit?“) Ich verneinte und bedankte mich.
Der Chauffeur tuckerte mit seinem leeren Bus noch eine Weile neben mir her und wir unterhielten uns angeregt, fast berauscht, über die Schönheiten der Pfalz. Dann brauste er los.

Ich hatte die Aussicht für mich allein.

Blick nach links

Blick nach links

Gleich in welche Richtung ich schaute, ob nach Frankreich oder ins Pfälzer Hinterland: eine überwältigende Landschaft.

Nie hatte ich das Gefühl eine Grenze entlang zu laufen.

Blick nach rechts

Blick nach rechts

Auch ein Postbote hielt mit seinem gelben VW und wollte mich mitnehmen. Erneut lehnte ich ab.
In der Pfalz wirst du schneller angesprochen als du „Guten Tag“ sagen kannst.
Die Menschen sind neugierig.

Es ging auf und ab. Es wurde anstrengend.

Bergdorf

Bergdorf

Diesem Dorf sieht man nicht an, dass ich – aus dem Wald kommend – erst einmal 150 Höhenmeter runter und dann das Gleiche sofort wieder hochsteigen musste.

Von nun an ging das stetig so. Nach einigen Stunden lag das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas vor mir: der Pfälzer Wald.
Von oben wirkte er fast unheimlich und unbewohnt. Würde ich dort wieder herausfinden?

Soll ich da rein ?

Soll ich da rein ?

Mal waren die Forstwege gut ausgebaut, mal schmal und mit vielen Stolperfallen.

Noch der einfachere Weg

Noch der einfachere Weg

Bevor ich in den Wald hinabstieg, hatte ich mich in einer Wirtschaft erkundigt, ob es Abkürzungen zu meinem Ziel gebe. Ein Gast meinte ja, aber dass sie einigermaßen schwer zu finden seien und ich mich leicht verirren könne. Ein zweiter sagte, das würde nichts machen. Ich solle mich an einer Straße in die Kurve stellen und „heulen wie ne Wuzz“ (weinen wie die Sau). Dann würde sich schon jemand erbarmen und mich im Auto mit nach Ludwigswinkel nehmen.
Auch eine Möglichkeit.

Ich liebe meine Pfälzer und deren Gosch!

Bunt-Sand-Stein

Bunt-Sand-Stein

Ich fand die Abkürzung. Und erreichte nach 9 Stunden mühsamen Wanderns die ersten Teiche im Seengebiet Ludwigswinkel.

Grünteich

Grünteich

Durst: Park-Bier (Pils). Pirmasenser Brauerei. Schmeckte gut, hopfig. 2,70 Euro (0,5 l).

T152-Bier-01

Hunger: Markklößchensuppe. (3,80 Euro). Gut.

T152-Essen-01

Pfälzer Saumagen mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. (9,60 Euro). Deftige Hausmannskost.

T152-Essen-02

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.

Pause in Trier

Wie man Karlchen heute bräuchte!

Wie man Karlchen heute bräuchte!

Ich stand vor seinem Geburtshaus. Wollte gerade die Museumstür aufdrücken. Es regnete stark. Ich prüfte mit einem Blick kurz die Straße und sah gegenüber ein Weinhaus, das die besten Tropfen des Mosel-Gebietes verhieß. Innerhalb einer Millisekunde mußte mein Körper eine Richtungsentscheidung treffen: Geschichte oder Genuß.

Ich wählte Van Volxem Riesling trocken.

Ich habe es später ein bisschen bereut. Pfälzer Spitzenrieslinge sind rebellischer, feuriger, lebendiger. Ich hätte geduldiger sein können.