Deutschland erst gelängst, jetzt auch gequert!

Look up!

Schön das Ostfriesen-Städtchen Leer.

Don’t look up

Aber wo sind die Friesen? In der Mittagspause?

Ich hatte mir jedenfalls eine Pause verdient. Mit dem gestrigen Tag habe ich Deutschland endgültig gequert! Geschafft!

Dabei hatte ich gründlich unterschätzt, wie breit Deutschland ist. 1.183 km bin ich überwiegend an Küsten (Ost- und Nordsee) entlang marschiert. Nicht viel weniger als ich dafür gebraucht hatte, Deutschland im Osten zu „längsen“. Das waren 1.492 km gewesen.

Jetzt geht es wieder Richtung Süden. Erst einmal entlang der deutsch-niederländischen Grenze.

South – Here I come!

I got it

Ich schlenderte an meinem Pausentag durch das Städtchen.

Die Leeraner bauten in ihrer Altstadt langsam den Weihnachtsbudenzauber ab.
Auch das Riesenrad hing nur noch vor sich hin.

It’s over

Am Abend ein Restaurant gesucht, um meinen Festtag (Querung!) zu feiern.

Undefinierbar.               ↑

Ambitioniert / Fehlte aber Salz.         ↑

Geglückt / Machte auch satt.       ↑

Magenschließer / Zu gut gemeint.              ↑

Im Einzelnen:

  • Amuse Gueule: Ente in Nudelspeckmantel mit Rosinen und (den Rest habe ich vergessen (und auch nicht geschmeckt)).
  • Vorspeise: Gebratene Jakobsmuschel auf Apfel-Mohn-Püree und Lardo Speck.
  • Hauptgericht: Gebratener Label-Rouge Kapaun mit Praline, Maronenpüree, Kräuter-Seitlingen und Orangen-Ingwer-Jus.
  • Desert: Hausgemachte Rumkugel mit Kumquats.

Bilanz:

Nach Amuse Guele und Vorspeise war ich nahe dran zu verzweifeln. Das Häppchen zum Entrée war undefinierbar im Geschmack. Bei der Vorspeise geizte der Koch mit Salz. Verspielt, verzettelt, nicht auf den Punkt (Geschmack) gebracht. Nichts ergänzte sich.

Das Hauptgericht dafür klassische Festtagsküche: prima Fleisch, klasse Sauce, Pilze sehr schmackhaft, Maronenpüree ein Gedicht. Und alles harmonierte.

Desert: zu viel und zu schwer.

Hätte ich nicht Wein von einem meiner Lieblingsgüter bekommen (Dr. Heger / Kaiserstuhl), wäre es ein unschöner (und auch gefühlt zu teurer) Abend geworden.

So halbwegs versöhnt.

Ab morgen wieder Currywurst und Schmalhans!

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück).

Dänen sind nicht anders, auch nicht in Tønder

Viertel nach acht auf der Straße. Flensburg menschenleer. Gassen mittelalterlich.

Filmreif (Dog of Flensburg?)

Ein Rum-Geschäft nannte sich „Hökerei“.
Welch schönes Wort. Wie lange es noch im deutschen Wortschatz verbleibt?

Fenster der aussterbenden Wörter

Am Hafen warf ich einen letzten Blick auf die Ostsee.
Drei Wochen hatte ich ihr Ufer abgelaufen. Am Schluss war ich sogar etwas vor ihr geflohen. Zu vieles hatte sich wiederholt. Über weite Strecken hatte sich die schöne See als eine gleichförmige Touristenbetriebsanlage präsentiert.

Jetzt begab ich mich auf den Weg zur großen Schwester, zur Nordsee. Zwei Tage würde ich brauchen, um sie zu erreichen.

Schwierig war es, mein heutiges Tagesziel festzulegen. Unterwegs gab es kaum Gasthöfe oder Pensionen, weder auf deutscher, noch auf dänischer Seite. Mein Grobziel war in etwa Tønder in Dänemark.
Aber das schien unerreichbar weit weg. Ca. 52 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 088

Außerhalb des Flensburger Zentrums, in einem kleinen verwilderten Pärkchen, gedachte ein Gedenkstein den Gefallenen der Revolutionswirren von 1848.

Lebte in Flensburg noch irgendeine Familie, die sich eines Toten mit vollem Namen erinnerte?
Noch irgendeiner, der seinen Urgroßvater von seinem gefallenen Großpapa hat sprechen hören?
Also gab es noch irgendeine Spur eines lebendigen Erinnerns?

Unleserlich aber auch unsterblich ?

Ich schlängelte mich durch kleine Wege in den Außenbezirken Flensburgs bis ich endlich die dänische Grenze erreichte.
Fast hätte ich sie nicht bemerkt.
Lediglich ein Fahrradschild („Graenseruten“) zeigte an, dass ich beim deutschen Nachbarn im Norden angekommen war.

Dänen ohne Pomp

Padborg: ein kleines schmuckloses Industriestädtchen mit vielen Lagerhallen und überbreiten Straßen, die von langen Sattelschleppern einfach zu befahren waren. Padborg scheint hauptsächlich von großen Speditionsunternehmen besiedelt.

Dänen ohne Schmuck

Ansonsten änderte sich mit meinem Grenzübertritt nicht viel. Die gleichen endlos weiten Maisfelder (Biogas?). Der Horizont besetzt von Windmühlen.

Same procedure as in Germany

Nur: Alles schien mir noch einen Tick größer zu sein als in Deutschland.

Lieber Groß statt Klein

Mittlerweile war ich schon Stunden gelaufen, hatte etwa 25 km zurück gelegt. Ich musste mich entscheiden, auf welcher Seite ich weitermachen wollte.

In Ladelund (Deutschland) gab es eine Gedenkanlage. Ein ehemaliges KZ, in dem vor allem politische Häftlinge (viele Widerstandskämpfer aus Holland) grausam ermordert wurden. Ich hatte im Internet einiges darüber gelesen und interessierte mich stark dafür.

Dagegen sprach aber, dass es wohl keine Unterkunft gab. Außerdem war mein (Handy)-Navi hier im Grenzgebiet ausgefallen.
Und die Beschilderung Richtung Tønder (Dänemark) war besser.
Also entschied ich mich für Tonder.

Noch einmal gut 25 km lagen vor mir. Ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde.
Aber ich riskierte es.

Schöne bäuerliche Kulturlandschaft. Durchzogen von kleinen Bächlein und Kanälen.

Wär‘ lieber dem Bächlein gefolgt

Einsame Wanderer werden hier bestaunt.

Irgendetwas interessierte sie an mir …

Ich weiß nicht warum, aber das Laufen fiel mir heute auch ab dem vierzigsten Kilometer nicht besonders schwer.
Klar schleppte ich mich am Schluss, klar brannten mir die Füße, klar hatte ich Durst.
(Unterwegs hatte es kein einziges Geschäft gegeben. Aber eine freundliche Bäuerin hatte mich mit einer kleinen Flasche Sinalco versorgt).

Ankunft in Tønder bereits bei Dunkelheit.
Sehr schnell ein Hotel gefunden.

Die nette Rezeptionistin hatte ich nach einem Restaurant befragt und nach einem empfehlenswerten typischen dänischen Gericht.
„Hackbraten“ sagte sie. „Der Rest ist zu teuer. Dänen zahlen 25 Prozent Mehrwertsteuer auf alles! Frischen Fisch essen wir in Deutschland. Hier kostet er über 30 Euro“.

Durst: Newcastle Brown! Enfach ein fantastisches Bier. (Mit einem Phantasiepreis! 8,50 Euro! Die spinnen, die Dänen!)

Hunger.
Vorspeise: Marinierter Fenchel mit geräuchertem Lachs. Sehr fein.

Hauptgericht: Hackbraten mit Ofenkartoffeln. Normal. Etwas trocken.

Beides zusammen: 25 Euro.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück). Die Wirtin hatte mir einen Sonderpreis gemacht.

Auf Rekordkurs bis Flensburg

Kappeln wärmte sich früh in der Sonne.
Halb neun Uhr morgens: Die alte Holländermühle modelte bereits für Touristen.

Ich konnte mich nicht entscheiden:
lieber so?

Der Kreisende Holländer

Oder doch so?

Der Kreisende Holländer II

Es sollte ein Tag des Rekordes werden.
Längste Strecke, die ich vor mir hatte, bisher. 46 km bis Flensburg.
(Es wär‘ auch ein wenig kürzer gegangen, dann aber zu weit weg von der Küste!)
Die Holländer-Mühlen gaben mir den nötigen Rückenwind!

GPS-Gesamtstrecke bis 086

Ich hatte wieder meinen 5er Schritt drauf. 5 km die Stunde.

Nach zweieinhalb Stunden erreichte ich Gelting und wenig später die Ostsee. Der Weg verlief kurz parallel zu ihr. Nur große Felder trennten mich vom Wasser.

Meer weg

Ab und zu kleine Sporthäfen. Die Urlaubssaison war mehr oder weniger vorbei. Abreisende Wasserratten packten ihre Schiffchen wieder ein.

Boot weg

Der Tag konnte sich nicht entscheiden, sollte er Regen schicken oder doch die Sonne am Himmel lassen.
Farbenfrohe herbstliche Stimmung.

Sommer weg

Viele Häuser hatten Schilder, die leere Ferienwohnungen anzeigten.

Gäste weg

Dann erschrak ich mich heftig. Nach drei Stunden (und 14 km) Gehen, zeigte ein Schild noch 35 km bis Flensburg an.

Das Schild spielte mir einen Streich. In Wahrheit fehlten noch 32 km! Das macht einen gewaltigen Unterschied. Die letzten Kilometer (und seien es nur 3!) können tödlich sein.

Es passierte anschließend nicht mehr viel.
Tapfer hielt ich meinen 5er Rhythmus durch, machte nur kurze Pausen. Gaststätten gab es eh keine auf meinem Weg. Geschäfte auch nicht. Immerhin hatte ich diesmal eine Wasserflasche dabei.

Schöne Häuser. Waren sie von Bauern bewohnt oder von Städtern?

Sonne auch weg

Sonne immer noch weg

Herbst kommt

Die Füße brannten nahezu unerträglich. Aber ich hatte durchgehalten. Nach 11 Stunden und 46 km erreichte ich das Zentrum Flensburgs.

(Der Stadtname wurde übrigens auch in Dänisch angezeigt! Die Grenze nicht mehr weit!)

Hunger: Ich war so kaputt, dass ich noch nicht einmal anständig essen wollte. Ich wählte eine Tapas Bar und verschlang Pimientos de Padrón.
Zu ölig und zu salzig (obwohl sie viel Meersalz benötigen!). 4,20 Euro.

Unterkunft: viel zu teuer. Aber Flensburg war seltsamerweise fast ausgebucht. Viele Dänen traf ich im Hotel.

Back West – bis nach Neustadt in Holstein

Zuerst dachte ich, ein Herde Rehe auf dem Feld zu sehen. Dann entdeckte ich im Kameraokular den Widder (oder ist es ein Mufflon?). Also Schafe?

Wär‘ ich bloß ein wenig zoologisch geschult

War das das „Grüne Band“, der ehemalige Grenzstreifen, in dem Tiere während des Kalten Krieges überlebten, Menschen aber nicht?

Um 9 Uhr die Pension verlassen.
Mein Tagesziel: Neustadt in Holstein. Drüben im ehemaligen Westen. 35 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 080

Die ersten zwei Stunden: ungestörtes Wandern entlang der Landstraße. Kaum ein Auto. Pötenitz, das nordwestlichste Dorf der DDR, ruhte noch im weichen Morgenlicht. Kein Haus ohne ein neues Dach. Schmuck und bieder.

Fast hätte ich den den Gedenkstein übersehen. Hier verlief vor etwas mehr als 20 Jahren die Innerdeutsche Grenze. Schluss mit lustig!

Zaun, Wachturm alles abgerissen.

Dann fiel die Mauer!

So long ago

Die freien Bürger konnten, wie ich heute, einfach den Weg (oder den Strand) weiterlaufen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten.

Noch 1 km bis zum Hafen von Priwall. Von dort geht eine Fähre ins schöne Städtchen Travemünde.

back in the west

Backsteinidylle.

West meets East

Natürlich hab‘ ich sofort nachgedacht: Sehe ich einen Unterschied zwischen Ost und West?
Ich bildete mir ein: ja! ein wenig!

Aber es fiel mir schwer, den Unterschied zu benennen. Ich sah es an den Vorgärten. Dort, wo ich gerade herkam, strahlten sie eine Biederkeit aus, etwas Kleinbürgerliches, fast Spießiges. Hier, wo ich gerade lief, war es auch bürgerlich, aber es hatte einen Stich ins Großbürgerliche. Die Gärten nicht so akkurat und auf den Millimeter gepflegt, eher nonchalant mit Wildwuchs dazwischen. Hier wohnten Bürger, die es sich leisten konnten, in den Bioladen zu gehen, um ihre Grundnahrungsmittel zu kaufen.

Hier wurde seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten Geld akkumuliert und nicht erst seit 20 Jahren.

Aber es war zu heiß (fast 30 Grad), um mir noch mehr den Kopf zu zerbrechen.

Ab jetzt lief ich immer den weißen Strand entlang. Richtung Norden, Richtung Dänemark. Bald würde ich auf meiner Wanderung wieder eine Grenze haben und nicht nur Meer!

Abertausende Sonnenhungrige in den Strandkörben.

Freiheit auf einem halben Quadratmeter

Altherrensommer!

Summertime 1

Altweibersommer!

Summertime 2

Spätsommer!

summertime 3

Gigolosommer!

summertime 4

Monroesommer!

summergirl

Oder gefällt mir Marilyn so besser?

summergirl 2

Ich konnte gar nicht so viel trinken wie ich herausschwitzte. An jeder Strandbar blieb ich hängen und schüttete eine Apfelschorle (ich schwör’s!) in mich hinein.

Am Timmendorfer Strand gab Udo ein kurzes, aber lautes Konzert.

An der Silhouete sollst du ihn erkennen

Am liebsten wär‘ ich auch diese Wasserrutsche hinunter geschleudert.
Witzig der Aufstiegsturm zur Rutsche. War es ein ehemaliger DDR-Wachturm? Ich fragte Kellner in den umliegenden Kneipen, keiner konnte mir dazu etwas sagen.

Wachturm mit Gedärm

Beinahe dehydriert (trotz Unmengen von Flüssigkeit, die ich zu mir genommen hatte), erreichte ich gegen halb acht Neustadt (Holstein).

Hunger: Gebratene Silbermaränen in Oliven-Tomaten-Sugo mit Bratkartoffeln und Salat. 14,50 Euro.
Guter Speisefisch. Festes und schmackhaftes Fleisch. Portion war reichlich.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Vergeltungswaffen, Zwiebelsuppe und Deutsche Soldatenfriedhöfe zum Abendessen in Dassow

Brüder zur Sonne zum Bier!

Richtig geärgert habe ich mich. Über mich selbst! Den ganzen gestrigen Tag bin ich durch die Altstadt Wismars geschlendert, habe bei Trödlern und Souvenirhändlern nachgefragt, ob nicht irgendwer ein DDR-Andenken, eine Plakette, eine Honecker-Büste, eine FDJ-Devotionalie oder ein Geldschein im Angebot habe. Nichts!

Wie verschwunden das DDR-Andenken.

Und dann laufe ich beim Verlassen Wismars an einer Kneipe mit dem Namen „Volkskammer“ vorbei, die bis an die Decke mit allem Tand zugekleistert war, den der DDR-Sozialismus je hervorgebracht hat.
Niemand hatte mir einen Tipp gegeben.

Fluchtkoffer mit DDR-Währung

Ab 9 Uhr war Wandern angesagt. Ziel war, in die Nähe von Travemünde zu kommen. Gepackt habe ich es bis Dassau. 41 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 079

Mir war klar, dass es mein vorletzter Tag auf ehemaligem DDR Gebiet war. Ich wollte ein wenig über die Wiedervereinigung nachdenken, über immer noch bestehende Unterschiede, Missverständnisse, Unverständliches, Narben. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, es gelang mir aber nicht. Meine Knie, meine Beine funktionierten, mein Kopf keineswegs. Er kam nicht in Gang.

Ich marschierte größtenteils auf Fahrradwegen, die wenig befahrene Straßen begleiteten. Ich wunderte mich, dass immer wieder getunte Opels an mir vorbei rauschten.

tiefer gelegt

Als ich Wohlenhagen an der Ostsee erreichte, wusste ich warum: Jahrestreffen der Opel-Fan-Vereine!
Tausende (im Ernst: Tausende) Mantas und Opel-Popel waren wie auf einem riesigen Campingplatz wie glitzernde Blech-Perlen nebeneinander aufgereiht.

Das Chassis niemals höher als die Grasnarbe

Die Fahrer und Beifahrer teils tiefer gelegt als ihre Karren.

Gemeinsam durch Dick und DÜnn

Der Aufbau Ost floss bei diesen Jugendlichen ausschließlich in das Tuning.
Einen Manta (war das ein Manta?) mit Flügeltüren hatte ich jedenfalls noch nicht gesehen.

Opel verleiht Flügel

Radkappen, Ablagen und Steuerknüppel aus Katzengold.

Golden Trophy

Schade, dass ich Musik nicht fotografieren kann. Aus diversen Lautsprechern dröhnte prollige Tussi-Busen-Arsch-Musik. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Fans damit nicht selbst verballhornten oder ob das das tatsächliche Niveau beschrieb. Assi-Toni lässt grüßen.

Deswegen gibt es Keinohrhasen, weil Opelaner die Löffel geklaut haben.

Ich verließ jetzt die Küste und lief landeinwärts Richtung Klütz. Mein Reiseführer versprach einen Ort der Ruhe und die schönste Barockanlage Norddeutschlands.
Mag stimmen, aber als ich ankam, war das Schloss komplett eingerüstet, ein Teil des Parkes umgegraben. Pech.

Entschädigt wurde ich auf dem weiteren Weg durch schöne, fast liebliche Kulturlandschaft.

Kultur=Landschaft

Landschaft=Kultur

KUH-Ltur

Als ich die Kühe auf mein digitales Zelluloid bannen wollte und nach einem Filter wühlte, entdeckte ich IHN in meiner Hosentasche!

Alle Alte Schweden heißen „Alter Schwede“

Ich fragte den Alten Schweden, was das solle, wieso er sich in meiner Hosentasche versteckt hatte?
„Wie soll ich mich sonst aus Wismar fortbewegen. Ich habe ja schließlich keine Beine!“
Er benutzte mich also als sein Wirtstier, das ihn durch die Welt tragen sollte.

Ich packte ihn wieder ein und lief noch stundenlang weiter bis die Sonne verschwand.

Hin und wieder wollte der Alte Schwede raus aus der Tasche. Nörgelte schrecklich. Hatte einen Kommandoton, wie ihn nur ein Alter Schwede haben konnte. Ich setzt ihn daraufhin auf eine Schnecke und drohte ihm, ihn mit seinem Transporttier allein zu lassen. Vielleicht käme er so in einigen Jahren an sein Ziel.

Mein Ziel Dassau erreichte ich gegen halb acht Uhr. Ein kleiner Ort in einer winzigen Bucht, an dem der Ostseeboom bisher vollständig vorbeigegangen ist.
Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Pension. Und auch ein offenes Restaurant. Das einzige.

Hunger: Dassauer Fischsüppchen. 5,90 Euro.
Ausgesprochen feiner Geschmack.

Das Hauptgericht Steak (ich hatte zum ersten Mal wieder Fleischhunger) war nicht der Rede wert.

Als ich das Gasthaus fast schon verlassen wollte, hatte ich eine ungewöhnliche Begegnung.

Ein älterer Herr, der sich trotz Gehstock sehr wackelig bewegte, fragte, ob ich er sich an meinen Tisch setzen könnte.
Er hieß Jan. Er war Belgier, 84 Jahre alt, sprach ausgezeichnet Deutsch, lebte seit zwei Jahren in einem Altersheim in Antwerpen und hatte sich vor zwei Tagen kurzentschlossen ein Auto gemietet, um nach Peenemünde in Usedom aufzubrechen. Er wollte unbedingt das Museum mit der V1 und V2 Rakete besuchen.

Das waren Waffen, die mich fast getötet hätten!

Jan war ehemaliger Architekt. „Kein Künstler“, sagte er, „ich bin praktisch. Zuerst der Zweck, dann die Schönheit!

Seine Tochter fand, er sei zu alt und gebrechlich, um so eine lange Reise allein zu unternehmen. Mehr als 900 km.

Doch Jan hatte sich durchgesetzt. Er wollte ihr und sich beweisen, dass
er das noch konnte. Außerdem wartete er noch auf die Antwort auf eine Frage, die er sich seit bald 70 Jahren stellte.

„Vergeltungswaffen“

Ich habe sie fliegen gesehen, wie ein Mini-Flugzeug sah sie aus: die Vergeltungswaffe 1. Als sie das erste Mal in Antwerpen einschlug (1943?), wusste niemand woher sie kam. Wie kann eine Bombe auf die Stadt niedergehen, über die kein deutsches Flugzeug geflogen war?
Erst langsam lernten wir, dass das eine neue Waffe der Deutschen war, ein unbemanntes Flugzeug, das gleichzeitig Bombe war. Immer und immer wieder schlug sie in Antwerpen ein.
Ich war 16 Jahre. Trotz der Gefahr, die von der V1 ausging, ich wollte sie fliegen sehen. Fasziniert habe ich ihren Lauf verfolgt.
Beinahe hätte sie mir den Tod gebracht. Ich wollte in keinen Bunker und wenige hundert Meter von meinem Platz entfernt, von dem ich den Himmel beobachtete, schlug sie wieder ein. Splitter, Steine, ein Knall. Mir war nichts passiert.

Später kam die Vergeltungswaffe 2 dazu. Eine Rakete. Mit ungleich höherer Sprengkraft. Meine Schwester ist richtig traumatisiert von ihr. Heute noch. Die V2 erzeugte immer zwei Explosionen.
Die erste, wenn der Sprengkopf mit aller Wucht einschlug und detonierte. Die zweite unmittelbar danach. Sie kam aus der Luft, aus dem Himmel. Die Treibstofftanks der Rakete explodierten über der Stadt. Dieses Geräusch war es, das meine Schwester hysterisch werden ließ.

Bis heute stelle ich mir die Frage, wie schafften es die deutschen Ingenieure damals, mit einfachen Mitteln erst die fliegende Bombe V1 und dann die Rakete V2 ins Ziel zu steuern?

Deswegen wollte Jan also ins Museum nach Peenemünde. Er wollte sich Gewissheit verschaffen, auf welch technischem Niveau die Ingenieure um Wernher von Braun 1943/44 gewesen waren.

Ich fragte ihn, ob er die Deutschen hasse?

Nein“, seine knappe Antwort, „aber das ist eine lange Geschichte“.

„Schwäbische Zwiebelsuppe“

Als die Deutschen sich in Belgien auf die Angriffe der britischen Invasionsarmee vorbereiteten, gruben sie sich in unseren Feldern ein. Kilometerlang buddelten sie Schützengräben aus.

Das Haus meiner Schwester war von den Deutschen beschlagnahmt worden und meine Schwester musste für sie kochen. Unter den Deutschen befand sich ein Schwabe, er kam aus Stuttgart. Beim Ausheben der Schützengräben hatte er immer und immer wieder reife Zwiebeln auf seiner Schippe. Er brachte es nicht fertig, sie alle wegzuwerfen.

So kam er eines Tages mit einer Tasche voller frischer Zwiebeln zu meiner Schwester und bat sie, für ihn eine Zwiebelsuppe zu kochen. Wir kennen das eigentlich nicht in Belgien. Aber er brachte es meiner Schwester bei.
Seitdem isst unsere gesamte Familie immer wieder Zwiebelsuppe.

Wenn meine Schwester vom Ursprung dieses leckeren Gerichtes erzählt, muss sie stets weinen – heute noch. Wir wissen nicht, ob sie wegen des Schwaben weint oder wegen des Zwiebelschneidens. Sie verrät es uns nicht.

Ich fragte Jan, ob er Flame sei.
Ja“ antwortete er, „aber das tut nichts zur Sache. Die Flamen standen damals auf der falschen Seite.

Jan erzählte einfach weiter.

„Deutsche Soldatenfriedhöfe“

Dort, wo ich wohne, gibt es viele Soldatenfriedhöfe. Der britische ist sehr pompös. Jedes Jahr kommen englische Veteranen, blasen Trompete, machen Zinnober.
Wir haben einen französischen und belgischen Soldatenfriedhof. Der schönste aber ist der deutsche. Ich glaube sogar, es ist der größte deutsche Soldatenfriedhof außerhalb Deutschlands. Ein ästhetischer Ort. Einfach, direkt, würdig, sehr gut gepflegt.

Jedes Jahr im Herbst laufe ich durch die Anlage. Ich will dann in Ruhe über den Krieg nachdenken. Krieg ist schrecklich. Immer.

Ich sah Jan lange ins Gesicht: Schöne wache Augen, eine Stirn mit erstaunlich wenig Falten, die Mundwinkel spöttisch angezogen, die Lippen schmal. Ein Mann, der viel Sympathie aussandte.

Ich fragte Jan noch einmal, warum er denn die Deutschen nicht hasse?
Er antwortete nicht.

Stattdessen verabschiedete er sich von mir, griff mit der rechten Hand seine Gehhilfe und stützte sich mit der Linken auf den Stuhllehnen, um die Balance beim Gehen nicht zu verlieren.

In den folgenden Tagen kaufte ich die Ostsee-Zeitung und las aufmerksam die lokalen Unfall-Nachrichten. Keine Meldung über einen verunglückten Belgier!
Ich atmete auf.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Plattgefahrene Pferde auf meiner Tour bis Wismar

Beeindruckend: Noch immer steht der Ostsee-Grenzturm. Eines der wenigen Zeugnisse der deutsch-deutschen Teilung, das die Wende überlebt hat.

Beeindruckend, dass gerade inmitten eines der nobelsten Badeorte der Ostsee dieser Gruselturm gelassen wurde. Von ihm aus wurde der Küstenstreifen nach potentiellen Republikflüchtigen abgescannt, Schnellboote der Grenzbrigade dirigiert.

Welch ein Horror-System!

Eintausendsechshundert Menschen starben bei Fuchtversuchen aus der DDR. Viele davon in der Ostsee.
Was für ein Regime, das seine Bürger einmauert und denjenigen umbringt, der nur das Land verlassen will.
„Grenzdurchruch!“ Welch verräterisches (perfides) Wort.

„Grenzdurchbruch“ ! Perfides Wort

Heute traute sich jedenfalls niemand aufs oder ins Wasser. Die Ostsee in Kühlungsborn ziemlich aufgewühlt.

Da hilft kein Strandkorb

Raue See

Um 9 Uhr in den Wind gegangen. Ließ mich die 39 Kilometer lang bis zur Hansestadt Wismar treiben. Fast immer in Küstennähe.

GPS-Gesamtstrecke bis 077

Unterwegs das immer gleiche Panorama.
Landeinwärts: Felder und Bauern, die ihre Äcker zackerten, begleitet von Möwenschwärmen.

Sie „picken dem Bauern die Würmer aus der Furche“

In Gehrichtung rechts: Küste. Manchmal mediterran koloriert.

Mediterran

Über irgendetwas nachzudenken, hatte ich heute keine Lust.
Um mir trotzdem die (gefühlte) Zeit zu verkürzen, köpfte ich wie ein Berserker Strandhafer und zählte die herausgebrochenen Körner.

Als mich das auch langweilte, las ich Möwenfedern auf und zerlegte sie in Kiel und Strahlen. Das war gar nicht so einfach, aber auch darin wurde ich im Lauf des Tages ebenso Experte wie im Strandhafer Köpfen.

Als dieses Spiel  irgendwann zu Ende gespielt war, hatte ich immer noch Stunden zu laufen.
Auf dem Fahrradweg sah ich eine tote Maus. Völlig plattgefahren, so platt wie ein Blatt. Ich fragte mich, kann ein Fahrradfahrer eine Maus überfahren?

Dann überlegte ich, wie wohl ein plattgefahrenes Pferd aussehen würde. So platt wie ein Baumblatt. Und welche Monstermaschine könnte das überhaupt? Eine Walze?
Ich verstieg mich immer tiefer in absurde Phantasien, die aber dem geschätzten Blogpublikum  nicht mehr erzählbar sind und erreichte selbst ziemlich platt mit dem letzten Tageslicht nach 39 langen km das Zentrum Wismars.

Hunger: Gebratener Dorsch nach Finkenwerder Art. 12,90 Euro.
Ich probierte erneut meine Lieblingszubereitung eines Dorsches. War diesmal aber nix. Fisch nicht frisch, sondern Gefrierschrankware, Speck zu fettig, Bratkartoffeln abgesoffen. Schade.

Durst: Wismarer Pilsener. (Seit 1452 gibt es das Brauhaus in Wismar mit eigenen Bieren.) Süffig, etwas leichtgewichtig. Keine besondere Note, aber nicht schlecht.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück).

Mürrisch aufgewacht und euphorisch gewandert an der Zauberwaldküste bis Kühlungsborn

Das schöne Wetter wandert mir. Sogar wenn ich schlecht gelaunt bin.

Morgendlicher Hafentrip

Um 9 Uhr in Rostock den Fuß vor die Tür gesetzt und beim zweiten Schritt war mir bereits klar, dass es eine anstrengende Tour werden würde.
Ich hätte den gestrigen Abend nicht so lumpen sollen. Die Beine waren schwer.

Im langgezogen Stadthafen lag ein Jugendherbergsschiff, das in mir sentimentale Gefühle weckte.

Sentimentale Erinnerung

In einer Koje dieses Riesenkahns hatte ich vor genau 20 Jahren einmal geschlafen. Als Reporter, der für die ARD Sendung „REPORT aus Baden-Baden“ von den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Lichtenhagen und den rechtsextremen Hintergründen berichtete.

Genau an Lichtenhagen vorbei legte ich meine Tagesroute, die mich bis ins 35 km entfernte Seebad Kühlungsborn führen sollte.

GPS-Gesamtstrecke bis 076

On the road again. Dieser Ostalgie-Wagen war allerdings nur ein Ausstellungsstück. Trabis waren in den Straßen so gut wie nicht mehr zu sehen.

läuft nicht mehr

Nach 2 1/2 Stunden erreichte ich die Rostocker Vorstadt Lichtenhagen. Ein Plattenbau neben dem anderen. Seltsamerweise bewegten sich kaum Menschen vor den Türen, in den Höfen oder auf den Gehsteigen. Obwohl sie es nicht waren, wirkten die Anlagen völlig entmietet.

Ende nach oben

Noch Kilometer entfernt, doch konnte ich bereits das Sonnenblumen-Haus sehen.

Sonnenblume abgebrannt

Vor zwanzig Jahren stand ich hier, in der Nacht, und konnte kaum fassen, was um mich herumpassierte. Grölende Rechtsextreme, applaudierende biedere Bürger, Jugendliche, die Molotow-Cocktails auf das Sonnenblumenhaus warfen, in dem Asylbewerber untergebracht waren.

Neben Hoyerswerda die schlimmsten Ausschreitungen der jüngeren deutschen Geschichte.

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an diese pogromartigen Nächte des Jahres 1992. Nicht einmal eine Gedenktafel (zumindest konnte ich keine entdecken).

Jeden Abend würde ich versuchen die falsche Tür aufzuschließen

Ab Lichtenhagen drehte ich Richtung Westen, passierte das Städtchen Elmenhorst.

Reetdächer:

Würde ich meine Linse ab und zu putzen, gäbe es nicht so viele Reflexionen

An einer Fassade das Alphabet des biedermeierlichen Deutschtums:
Schäferhund, Reh (immerhin kein röhrender Hirsch) und Auerhahn.

dog ville

Ab dem Ostseebad Nienhagen säumte eine sagenhafte Küste die Ostsee. Zauberwald!

Und owbwohl der Tag ins Grau gedreht, Meer und Himmel unansehnlich gemacht hatte, hatte ich Anfälle von Euphorie.

Das muss ein Zauberland für C.D.F. gewesen sein

Welch überwältigende Küste selbst bei grauestem Wetter

Bis mir die Farbe ausging

Warum in die Bretagne fahren, wenn … ?

Nur noch 6 km fehlten mir bis zum Tagesziel. Noch aber musste ich (neben Lichtenhagen) einen zweiten geschichtsträchtigen Ort durchqueren. Das Seeheilbad Heiligendamm!

An ein paar Stellen konnte man sich noch in DDR Zeiten zurückversetzen: verfallene Villen.

DDR, Kuba, Nordkorea Charme

International berühmt wurde Heiligendamm aber, weil sich hier 2007 die G8 Gruppe mit George W. Bush zwei schöne Tage gemacht hatte. Dachten Präsidenten und Regierungschefs. 80 Tausend Demonstranten und schwere Krawalle vermiesten ihnen den Aufenthalt.

Das Gastgeber-Hotel immer noch aufgemotzt, aber wohl vor der Pleite.

Bush was here – it smellt like hell

Pitto Pitto Pittoresk

Abgekämpft erreichte ich um 7 Uhr Kühlungsborn. Das größte und mondänste Seebad an der Ostküste der Ostsee.

Hunger: Trüffel Tortellini mit Serrano Schinken. 15,90 Euro. Geschmack gut, Menge überschaubar.

Durst: Rostocker Pils. (0,5l) 3,50 Euro. Hat wieder geschmeckt.

Unterkunft: 65 Euro (diesmal völlig okay. Preis / Leistung stimmte).

Kai sucht den Teich der „Wandernden Augen“ und träumt sich durch bis Rostock

Gleich hinter Ahrenshoop, dem Nepp-Dorf, beginnt das Paradies.
Wie schnell war ich wieder versöhnt, wie rasend schossen mir Glückshormone durchs Blut, als ich das freie Feld betrat.
Unterwegs sah ich ein junges Pärchen, das wohl die Nacht zuvor den Feldweg zur Küste hinaufgefahren war und auf den Auto-Rücksitzen übernachtet hatte.
Sie, jetzt ziemlich verstruwwelt, putzte sich die Zähne. Er, ebenfalls ein wenig derangiert, versuchte Kleidungsstücke in einen Koffer zu stopfen.

Gleich danach: die Liliput-Steilküste.

stairways to beach

Auf dem Brückengeländer stand Kai. Schwer zu schätzen, wie alt er war. Ein Kind jedenfalls mit einem Eierkopf und blitzgescheiten Augen.

Komm mit mir kleiner Kapitän

Wenn du mich mitnimmst„, sprach er mich an, „zeige ich dir die Stelle, wo die Hirsche ins Meer gehen„.

Ich schaute ihn belämmert an, er errötete, versicherte jedoch: „Glaube mir, ich kenne die Stelle, ich habe sie markiert. Ich habe schon viele Hirsche im Meer gesehen.

Ich nahm ihn mit.
So ein Foto von einem Hirsch (blauer Hirsch?) in der Ostsee hatte wahrscheinlich noch kein Fotograf geschossen.

Gegen 9 Uhr hatte ich Kai vorsichtig in den Rucksack gesetzt. Ein aberwitziges Pensum lag vor mir. 45 km!
So weit war es bis Rostock. Ich wollte ausprobieren, ob meine Knie und meine Kondition dafür taugten.
Anders gesagt, ich hatte Lust mich zu quälen.

GPS-Gesamtstrecke bis 074.

Ein leichter Wind landeinwärts ließ die Strandhaferfelder im frühen Sonnenlicht zittern. Mich mit.

Strandhafer

Welch eine Wonne (warum gefallen mir alte Formulierungen so gut?), übers menschenleere Sandufer zu laufen. Immer dicht an der Wasserkante.

Der Hirsch war ich selber

Kai machte sich in meinem Rucksack bemerkbar. Ich holte ihn raus.
Hier, hier ist die Stelle„, behauptete er.
Eine Vogelfeder (Möwe?) hatte er in die Buhne gesteckt.

Kai an der Zauberbuhne

Ich versuchte ihm zu glauben, ich strengte meine Augen an, ich setzte mich hin und wartete. Aber es erschien kein Hirsch.

Gott sei Dank sahen uns nicht allzu viele Urlauber zu. Der Strand bereits herbstleer.

Der nahende Herbst leert die Strände

Du hattest eben einen Traum, tröstete ich Kai.
Nein!
Du siehst Nachtgespenster wie viele Kinder, behauptete ich.
Nein!

Wir verließen den Strand und entfernten uns immer mehr vom Meer. Hinein in den Wald. Richtung Rostock.
Noch 8 Stunden Marschieren vor uns.

Kai sagte, dass er den Wald gut kenne. Wenn ich wollte, könnte er mich zum Teich der „Wandernden Augen“ führen.
Lass das Gespinne vom Märchenwald, wies ich ihn an.
Aber es interessierte mich doch, was er damit meinte.

Er hub an (wieder so eine alte Formulierung, die mich sofort fesselt):

Jeder Urlauber hier bestellt sich Flunder, meist gebraten. Aber kaum jemand weiß, dass Flunderaugen wandern! Im Larvenalter wandert ein Auge auf die andere Körperseite, denn Flunder leben auf dem Meeresboden. Nur ihn müssen sie mit beiden Augen (auf einer Seite!) anschauen!

Bei dieser Augen-Wanderung fällt manchmal ein Auge aus der Spur und geht verloren. All diese verlorenen Flunderaugen treffen sich aber wieder an einem geheimen salzigen Tümpel im strandnahen Wald. So wie sich früher die Einäugigen und Blinden in Höhlen zu Diebesbanden zusammengerottet haben, so bilden die verlorenen Flunderaugen eine geheime Gesellschaft.

Mir reichte es, trotzdem folgte ich Kai immer tiefer in den Wald.

Nur: Einen salzigen Tümpel konnte ich nicht finden, lediglich knorrige Bäume in feuchten Wiesen.

Kais Zauberbaum

Wenn du willst …“ Ich stoppte Kai schon beim Versuch, mir eine neue Geschichte aufzutischen.

Ab jetzt war stures Laufen angesagt. Stunde für Stunde. Überwiegend einen asphaltierten Radweg entlang, vorbei an endlosen Maisfeldern, gezackerten Böden und irgendwelcher Wintersaat. Oder war es doch etwas anderes?

Flurschaden

Es scheinen nur Großbauern zu überleben hier. War ich noch in Vorpommern oder schon in Mecklenburg? Ich hatte mangelhafte Ost-Geografie-Kenntnisse.

Der Erschöpfung nah (die Sonne ebenfalls), erreichte ich Rostock.
Eintritt in eine Platte-Welt.
Aber statt Kälte, strahlte sie Heimatgefühle aus. Bunt selbst die Mülleimeranlage.

Bunte Platte

Ich verirrte mich beinahe in diesem Platten-Gestrüpp.

Futuristische Platte

Aufgehübschte Platte

Halb acht fand ich ein Hotel. Halb neun saß ich in einer der wenigen Montags-Offen-Restaurants und war dankbar für alles.

Das Tagesgericht: Frische Pfifferlinge mit Schweinemedaillons und Bratkartoffeln. 16,50 Euro.
Wie ein Staubsauger alles weggeputzt.

Zwar passte nichts zusammen. Nicht Pilz mit Fleisch und noch viel weniger mit den gekochten Kartoffeln. Und schon gar nicht die Soße. Für sich genommen, schmeckten aber die Einzelteile. Und genau so verdrückte ich sie, einzeln und nacheinander. 12,90 Euro.

Durst: Rostocker Pils. Ich weiß nicht ob es an meinem Durst lag. Aber es schmeckte mir ausgezeichnet. Ich bestellte ständig nach. 2,90 Euro (0,5 l).
(Rostocker Brauerei wurde 1878 gegründet, aber schon ab dem 13 Jahrhundert gab es in Rostock Bierlizenzen!)
Nur als Kai anfing „Willst du, dass …„, wurde ich kurz ungehalten. Laß uns morgen weiter träumen, meinte ich, und jag mir bitte heute keinen Nachtschreck in meinen Schlaf!

Unterkunft: 51 Euro (ohne Frühstück).

Stilles VorSichHinWandern bis Ahrenshoop

Den schönen Barther Hafen um 11 Uhr verlassen und mit der Fähre nach Zingst auf die Halbinsel Darß übergesetzt.

GPS-Gesamtstrecke bis 073

Eine Stunde Bootsfahrt auf spiegelglattem Wasser. Von Zingst aus waren es 23 km bis Ahrenshoop, meinem Tagesziel.

Zingst selbst ist ein zweckdienliches Städtchen. Nicht schön. Kaum Altes. Viel Neues. Alles für den Sommerfrischler.

Der Damm, auf dem die Sicht auf das Meer durch Büsche und Bäume verdeckt ist, ist (nebem dem Strand) der Urlaubsmittelpunkt der Besucher. Mit dem Fahrrad rauf und mit dem Fahrrad wieder runter.

Fahrrad-Autobahn auf’m Deich

Alle haben das gleiche Ziel, die gleiche Geschwindigkeit und sind durch nichts aus ihrer geordneten Ruhe zu bringen.
Mittags um 12 werden dann die Lokale im Städtchen überschwemmt, abends um 18 Uhr noch einmal.

Gar nicht so häufig: eine einfache Strand-Fressbude.

Nur noch selten: Strandimbiss

Darßer Ferienwelt: Als wär’s der Mississippi.

Mississippi am Darßer Bodden

Klasse die vielen Räucherbuden entlang der Ostsee. Frisch geräucherter Fisch ist eine Delikatesse.
(Hat so gar nix mit dem Geschmack der Nordsee-Läden zu tun!)

Der Aal wird lang und länger

Gestern stand in der Lokalzeitung, dass die Immobilienpreise auf Darß schon seit Jahren nach oben schießen. Und das in Zeiten der Krise!
Es sind vor allem Berliner, die sich hier ihr Wochenenddomizil bauen lassen. Im traditionellen Stil.

Moderne Tradition

Überall wird gebaut.

Schöne neue Darßer Welt

Immerhin wird so ein beinahe untergegangenes Handwerk wieder beatmet: kunstvolle Tischlerei an den Eingangstüren.

Mich zog es weg vom Küsten-Einheits-Rummel in den Wald.
Für einige Stunden war ich allein. Ganz allein.

on a long trip

Erst kurz vor Ahrenshoop suchte ich wieder den Strand. Es wurde Abend. Die meisten Sonnenhungrigen schon beim Essen.

Ahrenshoop ist völlig überteuert. Sogar 3 Sterne Hotels, die „Romantik“ und „Wellness“ ihren Namen voran setzen, verlangen 120 und mehr Euros für eine Nacht.
Ich suchte fast eine Stunde lang, das billigste was ich für mich Einzelreisenden fand, war ein eher schäbiges Zimmer für 85 Euro. Unverschämte Preise.

Ich ging in ein nahe gelegenes Bistro, (es war bereits 9 Uhr) trank drei Gläser Wein und aß eine Darßer Wildplatte.
Schinken, Salami und Leberwurst vom Wildschwein, Reh oder sonstwas.
Schmeckte gut und der Preis war erträglich: 8,90 Euro.

Pause auf der Fähre nach Stralsund

Vitte ist überlaufen. Einheimische zu finden, ist eine Stecknadel-im-Heuhafen-Aufgabe.
Zwei, drei Fischer sind schon (noch?) früh an den Kais.

Verknotete Hände

Zu den Händen ein Gesicht

Den Morgen hab‘ ich vertrödelt. War eh zwischen grau und ganz grau. Die Fähre legte erst gegen 11 Uhr ab.

Bodden-Kutter

Ich wollte nach Stralsund. Zwar hätte es auch ein Schiff nach Zingst auf Darß gegeben, mein nächstes Etappenziel. Ich wollte mir aber unbedingt das Hansestädtchen Stralsund anschauen. 2 1/2 Stunden Fahrt. Selbst auf der Ostsee gibt es Distanzen!

Unterwegs nur der übliche Horizont. Und Wasser. Die Eintönigkeit ab und zu mal unterbrochen durch ein paar aufgestellte Fischnetze. (Ist die Ostsee tatsächlich überall so flach?)

Fisches Tod und meine (Essens) Freud

Wann ernten die Ostseefischer eigentlich? Morgens? Nachts?

Stralsund tauchte auf. Grandioses Panorama.

UNESCO grüßt die Welt

Ich saß längst schon bei einem Hefeweizen am Platz.

Kirchen mit gotischen Bullaugen

Hunger: Speicherteller (Dreierlei gebratener Fisch (Lachs, Zander, Kabeljau) mit Bratkartoffeln). 12,50 Euro.
Sehr ehrlich zubereitet. Ohne Schnickschnack. Richtig gut.

War in einem Hafenbistro gelandet. Hatten Bob Dylan im Bücherregal.

Master of universe

When I was so much older then, I’m younger than that now.

Danach (leicht schwankend) Gorch Fock im Hafen gucken gegangen (Klingt klasse: Gucken GeGegangen!)

Gorch not fort