Pause in Salzburg

Wolfgang A. am Mozartsteg getroffen. Er fror. Temperatursturz in Salzburg. Auf den Hügeln ringsum Schnee.

Wolfgang A. ein wenig grün im Gesicht.

Wolfgang A. ein wenig grün im Gesicht.

Ich durchstreifte mit ihm die nasskalte Altstadt. Wir hielten uns vorwiegend in Caféhäusern und Weinbars auf, die schon beheizt waren. Wolfgang A. schien ein wenig abgelenkt und hyperaktiv. Immer wieder unterbrach er unsere Unterhaltung und trällerte schnell eine Melodie in sein Diktafon. Scheint talentiert zu sein der junge Kerl.

Ich trank derweil weiter an meinem Grünen Veltliner. Er schmeckt mir, auch wenn es draußen kalt ist.

Auf Mozarts Spuren nach Salzburg

Fort, fort von diesem Ort.

Nein, so schlimm war es nicht. Ich hätte mir in der Früh gerne die Altstadt von Berchtesgaden noch einmal angeschaut. Niemand war jetzt unterwegs.
Nur – auf irgendeine Weise war mein innerer Motor auf „Weitergehen“ programmiert. Ich sattelte meinen Rucksack, stieg automatisch hinunter ins Tal und bereute, nicht wenigstens ein Foto von Berchtesgaden gemacht zu haben.

(Ich erinnerte mich, wie ich vor jetzt 4 Jahrzehnten einmal eine Amerikanerin in einem Zug animiert hatte, den Ortsnamen auszusprechen. „Brchtesgaaarten“. Sie hätte mich fast dafür geohrfeigt. Zu schwierig für jeden ausländischen Mund. Selbst für einen schönen.)

Die Berchtesgadener Ache, ein paar markante Landschaftszeichen und ein Radweg lotsten mich Richtung Salzburg. „Mozart-Radweg“ hatten Tourismusplaner die Strecke betitelt.

Übergroßer Hinkelstein

Übergroßer Hinkelstein

Mein heutiges Tagesziel: 26 Kilometer entfernt.

GPS-190-Berchtesgaden

GPS-Gesamtstrecke bis 190

„Wandern an den Grenzen Deutschlands“. Ich dachte darüber nach, warum ich in den letzten Tagen, ja Wochen kaum das Gefühl hatte eine Grenze zu begehen. Mal trennten die Gebirgszüge der Alpen Österreich von Deutschland radikal, mal war in den Tälern die Grenze nicht einmal mehr im Winzigen spürbar, so ähnlich sind sich Tiroler und Oberbayern. Selbst das Essen und die Speisekarten kopieren sie sich gegenseitig.
Wenn ich eine Grenze in den letzten Wochen spürte, dann war es meine eigene. Das Auf- und Abwandern in den Bergen hatte mich müde gemacht. Ich war froh, dass die Tour bald zu Ende war.

Green River

Green River

Kürbisse am Wegrand kündeten Halloween an.

Schwieriges Rätsel: Was passt nicht in die Reihe?

Schwieriges Rätsel: Was passt nicht in die Reihe?

In den Bergen schneite es heute bereits. Ich aber war im noch grünen Salzburger Tal angekommen. Auf 420 Meter hinabgestiegen.

Greenland

Greenland

Obwohl erst früher Nachmittag, graute es bereits um das Schloss Hellbrunn.

Standard

Standard

Um 15 Uhr 30 über den Mozartsteg in die Altstadt rechts der Salzach eingebogen.

Salty River

Salty River

Zum ersten Mal auf der Tour steckte ich mir earphones ins Ohr und hörte mir im beginnenden Regen eine Mozart-Arie an.
Soviel Klischee musste sein.
„Ruhesanft, mein holdes Leben“, aus der Oper „Zaide“. Dirigiert von Nikolaus Harnoncourt.

Durst: Grüner Veltliner.

Hunger: Hochzeitssuppe (Brühe mit Fleisch, Griesnockerl, Gemüseeinlagen). 5,50 Euro. Gut und reichlich.

T190-Essen-01

Wildschweinschnitzel. Zu trocken gebraten. 16,50 Euro.

T190-Essen-02

Unterkunft: teuer.

An des Kaisers Nacktem Arsch vorbei nach Waidring

Der Wilde Kaiser zeigte sein altes Wolkenkleid. Ich hätte es ihm gerne ausgezogen, um seine nackte Pracht zu sehen.
Er sträubte sich – fast den ganzen Tag.

Dabei sieht der blanke Fels mit den markanten Zacken so großartig aus.
„Bergsteigers Grab“ wird ein Aufstieg genannt. Am Nackten rutschen viele aus.

Go Pink

Go Pink

Zufrieden hatte ich um 10 Uhr meine Unterkunft verlassen. „Glückshotel“ hatte sich der Betrieb genannt. Eine bleistiftschlanke Empfangsdame hatte mir gestern Abend einen Sonderpreis gemacht (Doppelzimmer ohne Einzelzimmerzuschlag) und sofort die Endorphinausschüttung in mir verdreifacht.
Am Frühstückstisch fand ich heute zudem einen Korb mit Wanderproviant vor (Flasche Sprudel, Snacks, vier Minitüten Gummibärchen und etwas Obst).
Ich merkte mit Erschrecken: Ich war emotional bestechlich.

Mein heutiges Ziel: Waidring. Ungefähr 26 Kilometer zu laufen.

GPS-187-Ellmau

GPS-Gesamtstrecke bis 187

Den zweiten Tag durchwanderte ich jetzt schon dieses Tal. Die meisten Häuser: reine Fassaden-Idyllen. Außen Bauernromantik. Innen Tourismusindustrie.

Und dennoch: Es gab die Erinnerung daran, wie es einmal war.
Blütenpracht auf den Balkonen.

Fleurop war hier

Fleurop war hier

Viele stattliche Häuser mit Giebelkreuz, Giebelhahn und Giebelglocke geschmückt.

Besser ein Hahn auf dem Dach

Besser ein Hahn auf dem Dach

Sogar noch bewirtschaftete Heuschober wirkten museal.

Alt geworden

Alt geworden

Was für ein Gefühl wäre es, so ein Haus das ganze Jahr zu bewohnen?

Balkonien

Balkonien

Oder so eines?

Sunny Side

Sunny Side

Oder vielleicht hier?

Traumlage

Traumlage

Wäre das Glück? Ein bisschen? (Oder ist Glück immer nur absolut und nie „ein bisschen“?)

Der Herbst schmierte seine Leuchtfarben verschwenderisch in die Blätterlandschaft.

Fallende Blätter = Fall

Fallende Blätter = Fall

„Blätter weg – Winter kommt“ sagte Wastl lakonisch. Fast hätte ich ihn überhört und ich war auch nicht sicher, ob er zu mir oder zu seiner Braut gesprochen hatte. Wastl war ein Tiroler Wetterfrosch, der aus allerlei kruden Anzeichen eine Klimaprognose erstellen konnte. Für übermorgen sagte er Schnee in den höheren Berglagen voraus und pustete aus vollen Backen schon mal ein paar Flocken hinaus.

T187-Wastl-01-imp

Ich packte Wastl samt Freundin in den Rucksack.Vielleicht konnte er mir noch nützlich sein.

Nach zweieinhalb Stunden stand ich im Zentrum von St. Johann in Tirol. Pittoresk.

Stadt-Bild

Stadt-Bild

Häuser wie Theaterkulissen.

Kunstvoll

Kunstvoll

Ich trank einen Grünen Veltliner und sah bestiefelten Damen zu, wie sie sich für den Winter präparierten (Mützenkauf!).

Danach erneut auf die Walz. Berg rauf, Tal runter. Aber meist einfaches Gehen.

Bequemer Weg

Bequemer Weg

Ab und zu fühlte ich mich beobachtet.

Big Cow is watching you

Big Cow is watching you

Mit der Landschaft war ich nun vertraut. Es gab kaum Abwechslung. Umso mehr weckten kleine „Kulturgüter“ mein Interesse. Wegkreuze. Oder Schilder wie dieses:

Gedenken

Gedenken

„Anno 1809, den 12. Mai, wurden Simon Stöckl, Witwer zu Bergstett,
Wofgang Oberhauser, Wirt zu Brixen, Christian Telfer,
Stefan Koller, Schickenlapp, Getraud Kogler, Dirn
am Weizenbichl, von Feindeshand hingemordet u. hier bestattet.
Vor der Geißel des Krieges bewahre uns o Herr! R.I.P.“

Einen Steinwurf weiter: Eine Kleinstkapelle mitten auf einer Wiese.

Gedenken 2

Gedenken 2

Erst als ich eintrat, entdeckte ich, dass sie den loalen Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmet war.

Ist diese Art von namentlicher Erinnerung an die Toten aus 2 Jahrhunderten mehr als nur Warnung vor dem Blutzoll eines Krieges?

Gedenken-3

Gedenken-3

Ich wollte Wastl nach dieser Art der Tiroler Vergangenheitskultur befragen, aber Wastl war in neckische Spiele mit seiner Braut vertieft. Er funktionierte mein volles Bierglas zu einem Spiegelkabinett um.

Breites Grinsen

Breites Grinsen

Ärgerlich zog ich den Wetterfrosch hinter dem Glas hervor und sah erst jetzt, dass er ein Paradetiroler war. Hosenlatz, feste Bergschuhe, Tiroler Hut.
Mir wurde klar, dass die Tiroler vielleicht noch bessere Image-Vermarkter sind als die Oberbayern.
Das Besondere an den Tirolern. Sie pflegen ihr Bild eines rebellischen Bergvolkes.

T186-Wastl-04

„Alles Quatsch“ – hörte ich Wastl murmeln.

Kaiserwetter am Nachmittag. Wohl der letzte Sonnentag für längere Zeit.

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Von der Ferne konnte ich plötzlich den Wilden Kaiser sehen. Er zeigte mir die Rückseite. Den nackten Arsch sozusagen. (Auf der Vorderseite war er war er wohl immer noch schamhaft verhüllt.)

Backside

Backside

Wiesen wie Meere, aus denen bewaldete Inseln aufstiegen.

Greenland

Greenland

Nach 7 1/2 Stunden erreichte ich Waidring. Das Dorf umgeben von Retortensiedlungen im Tiroler Landhausstil.

Retorten Dorf

Retorten Dorf

Durst: Ich blieb beim Grünen Veltliner.

Hunger: Geschmorter Wildschweinbraten mit Serviettenknödel, Rotkraut und Speckchips. Sehr gut. 12,90 Euro.

T187-Essen-01

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

T186-Wastl-05

Going fast nach Going

Kühe, Industrie, Berge.
Erfolgsrezept Österreichs.
Ziemlich reich das Land. Auch wenn ständig gemeckert wird.

City Limits

City Limits

Brückenwochenende für die Deutschen. Sie hatten über ihren Nationalfeiertag (3. Oktober) den Nachbarn kurzzeitig wieder besetzt (friedlich).

Jetzt – Sonntag – strömten sie zurück (nicht friedlich). Ich versuchte den Autopuls zu messen. 30 gesehene und gehörte Karossen pro Minute! Alle zwei Sekunden pusteten ein VW, Daimler, BWW, Skoda und auch ein paar Motorräder ihre Abgase in die Alpen.

Out of limit

Out of limit

Die Alpen sind zuallererst Wirtschaftsraum und graue Steine, wenn man in sie hineinbohrt.

Deep down

Deep down

Heute hatte ich mir Zeit gelassen. Ich war müde, schon beim Aufstehen. Es gibt solche Tage. Erst um halb zehn hatte ich mir den Rucksack aufgebunden. Ich hatte mir vorgenommen bis Going zu laufen. Ich schaffte es nicht, suchte kurz davor eine Unterkunft: in Ellmau.
24 Kilometer weit weg.

GPS-186-Kufstein

GPS-Gesamtstrecke bis 186

Unfreiwillig hatte ich den schwierigen Weg gewählt. An manchen Tagen gelingt mir wenig.

1904 schuf ein kaiserlicher Ingenieur eines der ersten Hochdruck Kraftwerke in den Alpen.

Up Up to the sky

Up Up to the sky

Dummerweise folgte ich den alten Röhren und musste über Leitern, herausgehauene Stiegen und mit Drahtseilen gesicherte Minipfade mich in die Höhe wuchten. Ich verfluchte meine Entscheidung.

Stairways

Stairways

Kam aber an. Mit klopfendem Puls.
Jesus!

Schön da oben.

Wish to be here

Wish to be here

Schon bald zeigte sich das Ziel des ganzen Kraftwerksaufwandes. Der Hintersteinersee. Ein eiszeitlicher Gebirgssee, aus dem in der Neuzeit Strom gewonnen wird.

Liegt wunderschön.

Sea Sight

Sea Sight

Vor dem Abstieg zu ihm stärkte ich mich in einer Almhütte mit Apfelschorle und Weißbier.
Dann runter.
Meist aber nahm mir der Wald die direkte Sicht auf das Wasser.

Wald-Zaun

Wald-Zaun

Nur selten freie Schussbahn für meine Kamera.

So?

So?

Ich versuchte den Fotoapparat gerade auszurichten.

Oder So?

Oder So?

Spät gelang es mir.

Oder doch so ?!

Oder doch so ?!

Am Uferwald ein Andachtsort.
Die Gottesmutter (eigenartig stilisiert) am Fuß eines mächtigen Baumes, umgeben von merkwürdig aufgeschichteten Kieseln.
Offenbar mischte da jemand christliche und germanische Motive.

Was nun?

Was nun?

Er war es nicht. Er schipperte mit seinem seltsamen Traktor lediglich die Genossenschaftsmilch an die Sammelstelle.

Er stand nicht Kopf

Er stand nicht Kopf

Um halb fünf entschied ich mich, mein Quartier in Ellmau aufzuschlagen.
Hundemüde war ich und hatte noch nicht einmal eine Erklärung dafür.

So normal

So normal

Durst: Gösser Bier. Wässrig, kaum Geschmack. Obwohl die Brauerei eine unglaubliche Tradition hat. Schon 1459 in Dokumenten erwähnt!!!

T186-Bier-01

Hunger:
Tiroler Bauernschmaus. Selchfleisch, Schweinefleisch, Würstl, Speck, Sauerkraut, Semmelknödel. Sättigend. 11,90 Euro.

T186-Essen-01

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Sehr zufrieden.

Alle Wege führen in den Nebel, nur einer nach Kufstein

Der heutige Tag begann wie der gestrige: der steile Anstieg sofort. Fünfhundert schweißtreibende Meter hoch gleich nach Frühstück. Dann ging es auf dem Bergkamm weiter.

Herbstalm

Herbstalm

Das Ziel: Österreich erreichen. Kufstein lag am nächsten. 25 Kilometer entfernt.

GPS-185-Bayrischzell

GPS-Gesamtstrecke bis 185

Um halb zehn aufgebrochen. Der Schlechtwettergott war aber früher aufgewacht und hatte den Wald schon eingenebelt. Er schickte mir Nieselregen als Dauerbegleiter.

Die Bauernhöfe am Berg massiv. Wie Trutzburgen. Aber doch auch elegant, stilvoll.

Wetterburg

Wetterburg

Alle Wege führten direkt in den Nebel hinein.

Nieselnebel

Nieselnebel

Egal, ob ich Berg hoch oder Berg runter lief.

Graunebel

Graunebel

Reichlich durchweicht erreichte ich eine (nicht sehr hoch liegende) Berghütte.
Der Kamin war bereits eingeheizt. Ich konnte meine Klamotten trocknen.
Die Wirtin servierte mir eine Flädle-Suppe. Das Fett schwamm in der Rindsbrühe. Schmeckte aber großartig.

In der Bauernstube wollten diesen Abend einige Volksmusiker eine Session veranstalten.

Bauernstube

Bauernstube

Ich bedauerte nicht dabei sein zu können.
Bei der wortkargen Stuben-Dame erkundigte ich mich, was das für ein merkwürdiges Instrument im Eck der Bauernstube sei.
„Teufelsgeige“ – die viersilbige Antwort.

Ich durfte sie fotografieren.

Teufelsgeige, Bettelgeige, Bumbass

Teufelsgeige, Bettelgeige, Bumbass

Ein Gaudi-Instrument, an dem gute Musiker allerdings verzweifeln. Bratpfanne, Blechbüchse, Ratsche, Becken, Schellen und sonstiger Kleinkram schicken ziemlich krachlederne Töne hinaus.

Den Berg hatte ich inzwischen überquert und ich stieg durch Wald nach Kiefersfelden ab. Die Baumkronen waren gegen Regen imprägniert und hielten ihn fern von mir.

Regendach

Regendach

Und plötzlich hatte ich ihn vor mir: den Inn!

Wie fotografiert man Luft?

Wie fotografiert man Luft?

Ich freute mich. Ein bisschen war es wie Heimkommen. Auf der allerersten Etappe meiner Grenzwanderung war ich dem Inn bereits ein gutes Stück gefolgt.

Verhüllter Zuckerhut

Verhüllter Zuckerhut

Der Kreis begann sich zu schließen. Ich war nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt, Deutschland einmal zu umrunden.
7, 8 Tage fehlten jetzt noch.

Ich freute mich auch auf Österreich.

Beim Grenzübertritt begrüßte mich ein Kilometerstein mit einer Null.

Kilometer-Eichung

Kilometer-Eichung

Ziemlich genau um 17 Uhr überquerte ich den Fluss und betrat Kufstein.

Finde die Brücke

Finde die Brücke

Durst: Grüner Veltliner.
Hunger: Ochsenfleisch mit Kren, Kartoffeln und Gemüseallerlei. Ordentlich (aber nicht fein). 12,50 Euro.

T185-Essen-01

Schleichenweg nach Vorderrieß

Ein fantastischer Tag kündete sich an.
Schon von meinem Hotelfenster konnte ich früh die Zugspitze sehen.

Kaum aus Garmisch draußen, türmte sich das Massiv komplett (mit Alpsitze, Zugspitze etc.) vor mir auf.

The heights of Germany

The heights of Germany

Mein heutiges Ziel: Vorderrieß im Isartal. Ca. 31 km zu gehen.

GPS-182-Garmisch

GPS-Gesamtstrecke bis 182

Abseits der viel befahrenen Bundesstraße schöne Dörfer.

Kamera mit automatischer Motiv-Suche

Kamera hatte auf automatische Motiv-Suche gestellt

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Hausfassaden mehr abzufotografieren. Die letzten zwei Tage waren der Overkill gewesen.
Aber Kitsch verführt doch zum Hinschauen.

Reizend oder Aufreizend?

Reizend oder Aufreizend?

Vor dem Haus stand Paule. Gestern war er auf dem Oktoberfest in München gewesen und hatte sich beim Fingerhakeln die Hand gebrochen.
Trotzdem hielt er eine Maß hoch und bot an, mich ins Isartal zu begleiten. Ich willigte ein.

Im Handumdrehen

Im Handumdrehen

Ich fragte Paule, warum hier die jungen Leute so anders seien als im Rest der Republik. Wieso sie sich mit Lederhose und Janker oder Dirndl genauso kleideten wie ihre Eltern? Warum sie klaglos die Familienbetriebe übernähmen, in den Wirtschaften kellnerten und Abends mit am Stammtisch säßen? Spielen sie nur Tradition? Oder hatten sie auch etwas davon? Wirtschaftlich vielleicht?

Paule verstand nicht recht, worauf ich hinauswollte. Ich vertagte das Thema.
Wir stärkten uns mit Weißwurst, süßem Senf, Brezel und einem Weißbier.

T182-Essen-02

Und zogen weiter.

Kein Gemecker

Kein Gemecker

Über einen kleinen Berg und schon war ich in einer anderen Gegend. Karwendel-Gebirge!

Bayerisch Idyll 1

Bayerisch Idyll 1

Diese Felsen musste ich umlaufen. Sie markierten ziemlich genau die Grenze mit Österreich.

Bayerisch Idyll 2

Bayerisch Idyll 2

Nach 4 Stunden schließlich in das Obere Isartal eingebogen.

Yosemite Bavariae

Yosemite Bavariae

Auf Hangwegen begleitete ich den Fluss, der hier – wenn nicht gerade Schneeschmelze ist – eher ein Flüsschen ist.

Auf nach München

Auf nach München

Paule brauchte immer wieder eine Pause. Er kühlte sich seine gebrochene Hand im Isarwasser.

T182-Paule-02-imp

Ich versuchte noch einmal etwas aus ihm heraus zu locken. Wollte wissen, warum Bayern so anders funktioniert? Warum es für viele junge Menschen hier selbstverständlich ist, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilzunehmen? Warum sie dem Hüttenzauber und Jodelquatsch nicht überdrüssig würden? Warum …. ?

Paule antwortete einfach nicht, trat dafür nach einer Schleiche am Wegesrand.

Schleich Di !

Schleich Di !

Der Wanderweg meist eine breite Sandstraße.

Yosemite Bavariae 2

Yosemite Bavariae 2

Selten kamen ein paar Radfahrer vorbei. Die Isar schwoll ein wenig an. Klitzeklar das Wasser.

Herbst blättert ab

Herbst blättert ab

Nach 9 Stunden, die zwar anstrengend waren, aber doch eher einem Spaziergang glichen, erreichte ich Vorderrieß. Kaum mehr als 3, 4 Häuser am Isarufer.

Der Weg ist am Ziel

Der Weg ist am Ziel

Aber einen Gatshof gab es, in den ich mich einquartierte.

Hunger: Krustenbraten mit Kartoffelsalat. Ordentlich. 9, 50 Euro.

T182-Essen-01

Paules Hand hatte sich nun gänzlich selbständig gemacht. Zapfte unablässig ein Bier.
Ich half ihm beim Trinken.

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Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Lauf,lauf,lauf bis Immenstadt

Lingenau im Tiefschlaf.
So früh war ich doch gar nicht aufgebrochen. Halb neun. Und doch hatte ich das Gefühl, das ganze Dorf sei noch beim Frühstück.
Kein Bauer im Hof oder im Feld, keine Magd Milch schleppend, keine verrotzten Kinder auf dem Schulweg. Nicht mal Touristen, die ihre Autos warm laufen ließen.

Selige Stille.

Nur manchmal hatte ich das Gefühl, die Luft knirsche. Ich musste mich getäuscht haben.

Schlafende Häuser

Schläfrige Häuser

Mein Tagesziel: irgendein Dorf in Bayern erreichen. Es wurde lang und weit. 41 km am Ende – bis ich Immenstadt erreichen sollte.

GPS-176-Lingenau

GPS-Gesamtstrecke bis 176

Regen war angesagt. Gewitterwarnung. An Bergbesteigungen nicht zu denken. Bisweilen packte es doch ein Sonnenstrahl Täler und Bergkämme zu verschönern.

Schläfrige Dörfer

Schläfrige Dörfer

Wie laut ein harmloser Bach sein kann, wenn er nur über ein paar größere Kieselsteine holpert.

Permanentes Spülgeräusch

Permanentes Spülgeräusch

Die meisten Häuser im Bregenzer Wald im traditionellen Schindel-Stil.
Die neuen waren hellbraun, die älteren bevorzugten runzeliges Schwarzbraun als Farbton.

Würd gern die Schindeln zählen

Würd‘ gern die Schindeln zählen

Malerwinkel zuhauf.

Kirchturm als Wolkenpiekser

Kirchturm als Wolkenpiekser

Ich lief Wirtschafts- und Feldwege entlang. Und trotzdem erklomm ich wieder Serpentinen folgend Bergpässe. Einmal, kurz vor der Grenze zu Deutschland, zeigte meine höhenmessende Uhr 1.050 Meter an.

Mitten auf einer Almwiese das güldene Hoheitszeichen der Bundesrepublik D.

Orange-Gold

Orange-Gold

Die Dörfer auf der bayerischen Seite nicht anders als die auf der österreichischen. Irgendwann waren die ja auch mal eins.

Dampftäler

Dampftäler

Mittlerweile regnete es stark. Es hörte erst auf, als ich gegen Viertel vor zwei Oberstaufen erreichte. Das Zentrum leer, die Touristen saßen beim Mittagsmahl. Vorwiegend Senioren-Paare, die sich verständnisvoll anschwiegen.

So sind Zentren halt

So sind Zentren halt

In und um Oberstaufen zeigten zahlreiche Gebäude wie kreuzkatholisch deren Besitzer waren. Prachtvolle und fast schon genüsslich ausmodellierte Kreuzigungsszenen knapp unterhalb der Hausgiebel. (Jetzt erst verstand ich den Sinn des Wortes „Kreuz“-Katholisch!)

Verspielt

Verspielt

Seriös

Seriös

Irgendetwas trieb mich weiter. Schon seit zwei, drei Tagen hatte ich an (in?) mir eine innere Unruhe bemerkt. Ich war nicht mehr aufmerksam den Menschen gegenüber, denen ich begegnete, aber auch nicht mehr mir gegenüber. Ich hatte kaum Geduld, einen Gedanken weiter zu spinnen, ein wenig vor mich hin zu träumen. Es schien, als sei alles in mir darauf gerichtet, endlich anzukommen, meine Grenzwanderung zu beenden. Viel fehlte ja auch nicht mehr. Noch zwei Wochen, 350 Kilometer vielleicht. Meine ganze Energie war darauf gerichtet, meinen Körper lauffähig zu halten. Und ich lief und lief und lief.

Schöne Wanderwege.

Aussichtsreich

Aussichtsreich

Kurz hielt ich inne an einem kleinen Wasserfall.

Kein Spülgeräusch - klingt eher nach Rieseln

Kein Spülgeräusch – klingt eher nach Rieseln

Kurz vor 18 Uhr erreichte ich den Alpsee. Hundemüde schon, aber die Wolkendecke brach gerade auf. Die Sonne legte für einige Sekunden ein surreales Milchlicht über die Landschaft.

Vision-Art 1

Vision-Art 1

Vision Art 2

Vision Art 2

Am liebsten wäre ich hier geblieben, hätte mir gerne eine Unterkunft in Bühl am Alpsee genommen.
Fehlanzeige.

Don't be afraid

Don’t be afraid

Bis Immenstadt musste ich gehen, um ein Hotel zu finden. Halb acht unterschrieb ich den Gast-Zettel. Knallte mich in die Gaststube und ließ mich verwöhnen.

Durst: Allgäuer Büble Bier. Schmackhaft. Ging runter wie nix! (Allgäuer Brauhaus – seit 1888 / mittlerweile zur Radeberger Gruppe gehörend.)

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Hunger.
Vorspeise: Tafelspitz-Suppe mit Brätstrudel. Ging auch runter wie nix! 3,50 Euro.

T176-Essen-01

Hauptspeise: Zwiebelrostbraten mit Allgäuer Spätzle. Fleisch war vom heimischen Weiderind. Sehr schmackhaft. Spätzle gut. Ging ebenfalls runter wie nix! 18,90 Euro.

T176-Essen-02

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück). Sehr anständig.

Gipfelglück auf dem Weg nach Lingenau

Das ganze Haus schmaler als eine Haustür breit. 57 cm!
Hätte mich ja schon interessiert, einen Blick hinter die Fassade zu werfen.

small is beautiful

small is beautiful

Über 200 Jahre ist das Bregenzer Anwesen alt. Spindeldürr scheint es nur auf der Eingangsseite, nach hinten weitet sich das Gebäude.
Anyway: Das ändert nichts daran, dass es wohl die schmalste Hausfassade in Europa ist.

Aus Bregenz fand ich zügig raus. Mein Ziel: durch den Bregenzer Wald bis nach Lingenau. Ein 26 km langes Hoch Tief-Unternehmen.

GPS-175-Bregenz

GPS-Gesamtstrecke bis 175

Von Bregenz bis in den den Vorort Wolfurt ging es nur mäßig bergauf.

Schon im Wald - und sieht doch nicht so aus

Schon im Wald – und sieht doch nicht so aus

Ab dann eine stete Berg- und Talfahrt. Mal schnell 300 Meter hoch, dann rasant nach unten, um gleich wieder heftig anzusteigen.

Alpen eben! Schon nach 2 Stunden war ich völlig durchgeschwitzt.

Ich versuchte der Beschilderung zu folgen. War trotzdem oft orientierungslos. Ab und zu stieg ich einfach Bergwiesen hinauf, in der Hoffnung, oben wieder Wege zu finden.

Navi-Wege!

Navi-Wege!

Oben dann die überraschende Belohnung: das Gasthaus „Dreiländerblick“. An klaren Tagen ein Wahnsinnspanorama. Heute konnte ich Bodensee, Rheinmündung, Schweiz und Deutschland nur schemenhaft erahnen.

Fängt nicht an, hört nicht auf

Fängt nicht an, hört nicht auf

Gott sei Dank hatte ich mir in Lindau einen Alpen-Wanderführer besorgt. Bei der Vielzahl der sich kreuzenden Wege wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen.

Mein Navi hilflos.

Meine Wegekarte

Meine Wegekarte

Ich schaffte es auf den ersten Gipfel. Noch nicht wahnsinnig alpin: Schlappe 1.180 m. Reichte aber für intensive Glücksgefühle.

Angekommen

Angekommen

Man sieht dem Brüggele-Kopf nicht an, welche Anstrengung es kostete, ihn zu erklimmen. Extrem steile, knieschädigende und rutschige Pfade. An zwei Stellen sogar kurze Seilsicherung. 5 1/2 Stunden war ich von Bregenz jetzt ohne nennenswerte Pause unterwegs.

OnTop of the hill

On top of the hill

Runter war einfach. Wirtschaftswege und Schotterpisten!

Who goes up must go down

Who goes up must go down

Schöne Postkarten!

Immer!

Immer!

Schindel-Hannes wohnt hier.

Aber beim Runtergehen, geht's manchmal auch wieder hoch

Aber beim Runtergehen geht’s manchmal auch wieder hoch

Minigipfel mit Gipfelkreuz.

Keine Details!

Keine Details!

Die Bregenzer Alpen sind manchmal sehr lieblich.

Immer nur Totalen!

Immer nur Totalen!

Ich hatte bislang überhaupt keine Zeit gehabt, über irgendetwas nachzudenken. Die ganze Tagestour war ich nur darauf fixiert, meine Beine am Laufen, meinen Atem und Puls gleichmäßig zu halten und nicht aus dem Tritt zu kommen.

Mein Wasser und Essbedarf stieg derweil dramatisch. Wo immer es eine Bergwirtschaft gab, trank ich beinahe literweise Wasser, Apfelschorle und Bier.
Wo immer es etwas zu Essen gab, schlug ich zu.

Hunger:
(In Alberschwende – vor dem Aufstieg zum Brüggele-Kopf.) Frische Pfifferlinge mit Semmelknödel. Äußerst fein. 12,90 Euro.

T175-Essen-01

(Berggasthof Brüggele.) Zwetschgen-Datschi mit Sahne. Leicht warm und köstlich. 3,50 Euro.

T175-Essen-02

(Gasthof in Lingenau.) Bregenzwälder Käsespätzle. 12 Euro. Exzellent! Nicht penetrant und doch kräftig. Klasse Käsegeschmack.

T175-Essen-03

Die Wirtin erklärte mir, dass ihre Küche einen sehr feinen Bergkäse für die Spätzle benutzen würde. Ich gratulierte ihr für den Geschmack.

Schon als ich nach nach 9 1/2 Stunden reichlich erschöpft nach Lingenau hineingewandert war, hatte ich mir draußen rasch die Speisekarten der drei, vier Gasthäuser angeschaut. Alle hatten das gleiche Programm: Wiener Schnitzel, Jägerschnitzel, Grill-Teller, Bregenzer Käsespätzle.

Ich fragte mich, ob die Österreicher hier einfach nichts anderes essen oder ob die Touristen für die krasse Verarmung der Speisekarten sorgten.

Ich hatte nicht ahnen können, dass ein guter Koch auch phantasielosen Gast-Ansprüchen trotzen kann.
Mein zweites Gipfelglück heute.

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Pausengang nach Bregenz

Lindau unter einer Dunstglocke.

Nicht scharf zu kriegen

Nicht scharf zu kriegen

Meine Rückenmuskeln signalisierten mir, dass ich eine Wanderpause machen sollte. Ich gehorchte.
10 Kilometer trotzte ich dennoch meinem Körper ab. 2 1/2 Stunden von Lindau nach Bregenz.

GPS-174-Lindau

GPS-Gesamtstrecke bis 174

Auf dem gemütlichen Spaziergang nach Österreich ein paar Graffiti.

Heino-Frisur

Heino-Frisur

Anonymos kann sprayen!

Claudia Roth Frisur

Claudia Roth Frisur

Und er hat Sinn für leuchtende Farben.

Lauda Käppi

Lauda Käppi

In Bregenz eine dichte Nebeldecke.
Erst gegen Abend lichtete sich der Nebel etwas.

Mit der Pfänderbahn fuhr ich auf den Bregenzer Hausberg.

Aus dem Nebel in den Dunst

Aus dem Nebel in den Dunst

Morgen werde ich mir einen dieser Berge aussuchen. Dann geht es in die Alpen!

Höhere Sphären

Höhere Sphären

Hunger.
Vorspeise: Rheintaler Mostsuppe mit Gemüsestreifen. Sehr schmackhaft! 4,60 Euro.

T174-Essen-01

Hauptgericht: Wiener Schnitzel (Kalb). Viel und gut. 18,90 Euro.

T174-Essen-02

Unterkunft: 80 Euro (mit Frühstück).

Geschafft! Für einen Augenblick auf dem Horizont (Im Ostseebad Ahlbeck)

Die Ostsee erreicht!
Mit der untergehenden Sonne.
Den Ahlbecker Strand im letzten Tageslicht betreten.
Ich fühl‘ mich wie auf dem Horizont.
Für einen langen Augenblick.

Das Wahrzeichen!

Geschafft!
Ca. 1490 km zu Fuß!
63 Tage gewandert.
Einmal Deutschland längs durchackert.

Ich bin stolz.

Die polnische, tschechische und österreichische Grenze liegen hinter mir. Ab jetzt beginnt ein neues Kapitel.
Immer der Küste folgend. Als Strandläufer. Ohne direkte Nachbarn. Ohne Grenzgeschichten.
Ich bin selbst gespannt. Aber das wird eine ganz neue Etappe sein. Ab Herbst vielleicht.

Uecker Fahrt

Der Weg heute: ein letztes Zipfelchen Uecker mit der Fähre.

Die Münde im Blick

Mittags mit dem Flüsschen in das Stettiner Haff getrieben.
Unterwegs erzählte mir der Matrose, dass die Geschäfte seit einiger Zeit nur schleppend verliefen. Sein Reeder hätte schon viele Boote und Schiffe verkaufen müssen.
Mit dem Eintritt Polens in den Schengener Raum seien auch die Butterfahrten kaputt gegangen. Zollfreies Einkaufen war vorbei. Das habe Tausenden (soll ich das glauben?) den Job gekostet.

Allein der Fahrradtourismus halte die deutsche Grenzregion wirtschaftlich am Leben.
Wobei: Unter den Radlern gäbe es viele Geizhälse. Selbst auf der Fähre kauften sie nichts.

Welch schönes Wort: Korkengeld!

Wer die eigene Flasche entkorkt, zahlt Korkengeld!

Hügeldörfchen am Strand

Gegen 16 Uhr in Kamminke auf Usedom angelegt. Einmal quer durch die Insel und ich würde die Ostsee sehen. Rund 13 km fehlten mir noch.

Grün die vorherrschende Farbe.

Chlorophyll-Produktion auf Usedom

Golfgrün manchmal.
Mit protzigen Vereinshäusern. Ich war auf einer teuren Insel gestrandet.

Angebote für den Geldbeutel

Gegen 20 Uhr humpelnd in Ahlbeck angekommen. In allen kleineren Pensionen und einfacheren Hotels war die Rezeption nicht mehr besetzt.

So blieb nur ein Großhotel.

Um 21 Uhr auf der Strandpromenade etwas gegen Hunger und Durst gesucht. Fast alles geschlossen. Die älteren Kurgäste gingen eben früh schlafen.
Mit Ach und Krach einen Italiener aufgetrieben. Bekam ein Becks und eine Pizza.
Wenig später rauschten schon Spül-, Kaffee- und sonstwelche Maschinen, um mich letzten Gast sanft hinaus zu komplimentieren.

Ich war trotzdem gut gelaunt. Ich hatte mein Ziel erreicht!