Emmas Tanten kehren im Kleinlader nach Löcknitz zurück

Von mir unbemerkt, habe ich irgendwo auf meiner heutigen Tour Brandenburg verlassen und Vorpommern betreten.
Die Ostsee zum Riechen nah.

Auf den Wegen lagen ab und zu zerbrochene Schalen von Miesmuscheln. (Ob See-Möwen sie heruntergespuckt hatten? Oder Enten, die sie ja angeblich in Flussmündungen auch als Delikatesse verspeisen?)

Kirchen am Wegrand mit aufgesetzten Holztürmchen.

Imposante Bauwerke

Um 9 Uhr war ich in Penkun aufgebrochen.

Penkun hatte nichts zu bieten außer einer guten Apotheke (Eisspray für mein Knie und Voltaren).
Ich bewegte mich schnurstracks Richtung Norden. Den Oder-Neiße Fahrradweg hatte ich verlassen und schlug mich, schmalen Straßen folgend, durchs flache Land (stimmt gar nicht – es wurde langsam wellig!).
Ca. 21 km bis Löcknitz.

GPS-Gesamtstrecke bis 061

Die Dörfer immer kleiner und verlassener. Aber stets proper aufgeräumt, die Vorgärten wie aus dem Zwergenparadies, der Mini-Rasen völlig Unkraut frei.
Wer Stille sucht zum Sterben, sollte sich hier einquartieren. (Nur jäten, das muss jeder, in jedem Alter!)

Typisches Vorpommern Dorf: Still, leise, ruhig

Wenn einmal Verkehr, dann Fahrradfahrer. Aber nicht die High-Speed-Rennfahrer-Touristen, sondern Omis und Opis. Ziemlich sicher unterwegs zu ihrem Mittagstisch.

Großmutter hat immer Vorfahrt

Noch immer (oder wieder?) gab es in manchen Ortschaften Gaststätten, die einen Mittagstisch anboten.
Ein Minimenü für 4 Euro. Kein Wirtshausbesucher, keine Wirtin unter 60.

Alten- und Puppenstube

In dieser Stube gehörten nicht nur die (imitierten) Hummel-Figuren zum Inventar, sondern auch die Gäste. Witzige Alte, die sich gegenseitig mit Späßen aufzogen.
Jureks (schätzungsweise 70) Tischgenossin (schätzungsweise 75) wollte ihrer Freundin (ähnliches Alter) etwas heimlich zuflüstern, was Jurek aber ärgerte. Er riet seiner Tischgenossin: „Geh doch gleich in den Sarg, da hört dich niemand!“

Das Dörfchen Glasow war Bäcker, Metzger und Tante Emma frei. Nichts gab es, außer einem kleinen überdachten Rastplatz. So sonnenbeschirmt, wartete ein älterer Herr, mir freundlich und interessiert zulächelnd.

Warten auf Godot (den Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler)

Vor seiner Pensionierung war er Schweinehirt. Jetzt lebte er allein und gelassen in den Tag hinein. Er sprach zufrieden. Er erklärte mir, dass er jeden Freitag um die Mittagszeit auf dieser Bank saß und wartete. Auf Tante Emmas rollenden Kaufladen. Bald würden auch noch ein paar in die Jahre gekommene Damen mitwarten.

Das rollende Einkaufszentrum

Gegen 1 Uhr rollte dann ein Konvoi von 3 Kleinlastern an. Ein Bäcker, ein Metzger und ein Obst- und Gemüsehändler. Eine halbe Stunde Aufenthalt und dann würde der Versorgungskonvoi zur nächsten stillen Ortschaft aufbrechen.

Fleischer und Altenflüsterer

Ich fragte den jungen Fleischermeister, ob sich das für ihn rentieren würde? „Klar“! war seine Antwort. Die Herrschaften würden sehr viel kaufen – für die ganze Woche. Das Geschäft laufe hervorragend. Ein netter junger Mann, der auch gerne den sich wiederholenden Geschichten seiner Kundschaft zuhörte. Die Käufer mochten ihren Altenflüsterer.

Polen lag nicht weit weg, aber doch war überhaupt nichts von einem Grenzland zu spüren. Die Menschen lebten eingesponnen ihn ihren kleinen Welten. Was über dem nächsten Hügel lag, interessierte die meisten eher wenig.

Die Landschaft nun nicht mehr rapsgelb, eher weizen- und roggengrün.

Grün als Flächenfarbe ist eher langwelig

Wer aufmerksam schaut, sieht die Kirchturmspitze am Horizont. Das nächste verschlafene Nest nicht mehr weit.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich Löcknitz. Es fing an zu regnen und ich verließ das Hotel (am See) nicht mehr.

Durst: das übliche Radeberger Bier.

Hunger: Schnitzel mit Spargel. In Ordnung. Mit 13,90 Euro aber ziemlich überteuert.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Durch die Büscherie bis Penkun

Sonnengelb, Rapsgelb, Gelb!
Welch eine Farbe!

Alle Wege führen zum Horizont

„Blame it on a simple twist of fate“.
Hier könnte sich das für mich ereignen: ein Sekundentod der Gedanken und eine 180-Grad Wende (egal zu was) -angesichts des optischen overkills.

Landart (Gottseidank muss das Däniken nicht mehr interpretieren)

O Lord – ich mag Gelb eigentlich nicht besonders (und schon gar nicht das muffelnde Rapsgelb). Aber das hier war göttlich. Wie gerne hätte ich hier den Sonnenuntergang abgewartet. Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie das hätte aussehen können: der untergehende orangene Ball in einem solchen Feld.
Aber ich – wie ein neoliberales Arschloch getrieben von irgendetwas – setzte meine Wanderung einfach fort.

Weiß zürnt Blau zürnt Gelb

Wie hätte ich empfunden angesichts eines RiesenRotenMohnFeldes? Einer BlauBlühendenKornblumenWiese? Eines endlos WeitenWeißMargeritenAckers?
Bewirkt Gelb etwas anderes? Aber was?

Breite deine Arme aus und sing‘ Halleluja!

Jedenfalls passt hier draußen nur Miles-Davisens Cool Jazz. Nix sonst.
Doch was würde ich drinnen in solch einem Häuschen hören? Mit all der übermächtigen Natur, die dich hier nur duldet? (Haitianische Trommeln? Karibische Maracas? Bayerische Ratschen? Jedenfalls jedes Instrument, das Lärm macht! Da bin ich mir sicher!)

Beschützte Behausung

Lärm macht auch so ein Instrument: ein RiesenWindRad. Es brummt konstant gegen die gelbe Optik an!

Gelbe Windkraft (oder witchcraft ?)

Und was sonst noch geschah:

Bin zur selben Uhrzeit aufgebrochen wie fast immer. Gegen 9 Uhr.
Habe mich ein wenig in Gartz umgesehen, um dann gegen 10 tatsächlich loszulaufen.
Eigentlich hatte ich vor ins polnische Szczecin (Stettin) zu wandern. 38 lange Kilometer weg. Ich merkte jedoch schnell, dass mein lädiertes linkes Knie eine so intensive Wanderung nicht mitmachen würde. Also änderte ich den Plan und beschloss in Mescherin, auf deutscher Seite weiter zu gehen. Ziel: Penkun ca. 23 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 060

Unmerklich entfernte ich mich von der Oder, die jetzt auch nicht mehr Grenzfluss war, sondern auf polnischer Seite dem Meer entgegenfloss.

Ich konnte mich noch nicht einmal anständig von ihr verabschieden.

Wenn ich einmal nicht Rapsfelder sah, dann seltsame Kirchen mit Windrad als Turmkreuz:

Windschnittige Kirche

Auf den Straßen immer wieder Nattern (Ringelnatter? Schlingnatter?), die sich sonnten und warteten, überfahren zu werden.

ungiftig

Unterwegs Winzdörfer: Brandenburgische Pampa. In einem fand ich gegen Mittag ein offenes Lokal (selten genug!). Eine Landfleischerei mit angeschlossener Kantine für Arbeiter und Schornsteinfeger. (Der saß tatsächlich schwarz verrußt auf einem Stuhl mit Spezialkissen!) Ein Neugierer wollte wissen, warum ich durch die „Büscherie“ laufen würde und wohin überhaupt.
Ich erklärte es ihm und konzentrierte mich auf mein Essen.
Der Mittagstisch 3,50 Euro!! Sülze mit Bratkartoffeln (hausgemacht! Klasse!).

Gegen 17 Uhr 30 erreichte ich Penkun. Ein schöner Ort mit Schlösschen.

Wäe‘ so gern‘ mal Schlossherr

Und sogar mit einer Art Zentrum. Jedenfalls, in der Nähe der Kirche entdeckte ich ein überaus nettes und gutes Wirtshaus. Die Wirtin sehr besorgt um mich, versorgte mich mit allerhand Eiswürfel und Zeugs, um mein Knie zu kühlen, gab mir später ein Gefrieraggregat, um die Behandlung fortzusetzen. Wollte mich überreden, zum Arzt zu gehen. Ich hab‘ mich herzlich bedankt.

Durst: 1 Flasche Pfälzer St. Laurent (klasse Burgunder-Traube!).

Hunger: Spargelzeit! Also Zanderfilet mit Spargel (13,90 Euro). Sehr fein zubereitet!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Mit GingGanzGut-Gefühl nach Gartz

Oder passes slowly

Nach drei Tagen Unterbrechung hatte sie mich wieder: die Oder.

Eigentlich sah ich aber nur Seitenarme und Kanäle. Der Weg führte am westlichen Rand der Oderauen entlang. Die Oder selbst und ihre Vogelwelt wurde nationlaparkgemäß geschützt.

Gegen 12 Uhr war ich vom Schwedter Bahnhof losgezogen.
Ca. 20 km hatte ich mir vorgenommen Das sollte bis Gartz reichen.

Das Wetter grau, meine Seelenlage auch.
Das linke Knie hörte nicht auf weh zu tun, nicht mal Voltaren konnte es überzeugen, einfach nur zu funktionieren.
Ich zweifelte, ob ich diese Tour zu Ende laufen konnte, freute mich über jede schmerzfreie Minute und autosuggerierte mir, dass es doch ganz gut ginge.

Gestärkt mit diesem GingGanzGut-Gefühl, fing ich wieder an, den Blick von mir (und meinem Knie) zu lenken und die Umgebung zu beobachten.
Es gingganzgut rund auf den Oderkanälen.
Wer immer auch Fahrerlaubnisse hatte, hinterließ im Minutentakt Bugwellen.

St.Tropez an der Oder

Einzig die Kormorane schien der Lärm der Bootsmotoren nicht zu stören, sie ruhten sich am Ufer nach ihren Tauchgängen aus.

Big in Japan

Stören ließen sich auch nicht die Fischer. (Wieso darf man eigentlich in einem Nationalpark angeln?)

Kleiner Stammtisch am Oderufer

Je mehr ich mich Gartz näherte, umso häufiger kauerten sie auf Sandbänken.

Und plötzlich glaubte ich, dass sich mir ein Rätsel gelöst hatte.

Seit ich in den neuen Bundesländern unterwegs war, hatte ich mir die Frage gestellt, warum es in den Dorfkneipen keine Stammtische gab.

Hier lag die Antwort: Der Stammtisch war draußen, an den Ufern der Bäche, Flüsse, Seen und Tümpel. Die Ossis waren Angler. Aber keine einsamen. Sie gingen zusammen, manchmal mit einer Kiste Bier, zu ihren Stammplätzen. Nur dort konnte man die Seele eines Ortes erkunden.

Ich hatte lange gebraucht, das zu begreifen.

Gartz lag vor mir im Nachmittagslicht.

Punktuell schön

Bis vor dem Krieg war Gartz ein wunderschöner Oderhafen.
Dann war auch hier die Front.
Die Stadt wurde zerbombt. 80 % der Substanz verloren. Nie wieder hat sich der Ort von diesem Kahlschlag erholt.

Verbliebene Größe

Gegen 17 Uhr 30 fand ich eine kleine Pension (Unverschämt der Wirt: Er wollte mir nur ein Doppelzimmer vermieten, obwohl nicht ausgebucht!).

Durst: Schneider Weiße (eines meiner Lieblingsbiere!) und danach ein niedersächsisches Pils: Wittinger Bier. Gut. Süffig. (Seit 1429 im Familienbesitz und damit wohl eine der ältesten Privatbrauereien Deutschlands.)

Hunger: Kasseler mit Ei und Bratkartoffeln (9,50 Euro)

So wie es aussah, so schmeckte es: grauenhaft. Die Karte gab aber nicht viel mehr her . Ich hätte dazu noch gewarnt sein müssen. Schon bei der Bestellung roch es penetrant nach zu altem Frittieröl.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Ich hätte besser einen Pausentag genommen, statt nach Schwedt zu hinken

Trüber Tag. Fast Temperatursturz. Musste sehr früh meine Regenjacke überziehen, kaum hatte ich gegen 9 Uhr Hohenwutzen hinter mir gelassen.
Ich wollte auf jeden Fall bis Schwedt kommen. Im Herzen des Oderbruchs.

GPS-Gesamtstrecke bis 058

Eigentlich war die Strecke nicht länger als ca 28 km. Wenn ich mich nicht dauernd verlaufen hätte.
So wie hier in Hohensaaten. Einfach gegen eine Wasserwand gelaufen. Plötzlich hörte der Weg auf.

Verloren in diesem Kanallabyrinth

Es kreuzten Kanäle, Seitenarme, tote Arme, Pfuhl und Binnenseen und weiß der Teufel was noch. Ich verlor mehr als einmal die Orientierung. Mein Handy hatte auch den Geist aufgegeben. Den Navi konnte ich nicht befragen. Am Ende lief ich also rund 34 km mit all den Umwegen. Es tut weh, umkehren und wieder von vorne beginnen zu müssen. Auch diese Dammstraße mit 50er Jahre Sozialwohnungen endete im Nichts.

Spießige Gepflegtheit

Schließlich hatte ich mir (so sind diese Murphy-Tage) auch noch das linke Knie verdreht, dass ich wie ein alter buckliger Mann humpelte.
Ich hätte besser einen Pausen-Tag eingelegt.

Die Kamera packte ich kaum aus. Wie verschwunden die Vögel, Rehe, Schmetterlinge. Als dösten sie in ihren Verstecken und warteten auf sonnigere Zeiten.

Ich vermisste jetzt meine kleinen Begleiter, die mir so oft geholfen hatten oder mit denen ich zumindest unterwegs ein wenig plaudern konnte.

Es gab hier einfach keine Gnome, Hexen, Ritter, Knirpse, Druiden oder sonstwelche dienstbaren Geister. Ich durchlief eine Gegend, die aufregend schön war, die aber offensichtlich keine Mythen beherbergte oder zumindest sie mir nicht erzählte. Kein Souvenirladen, der irgendeine kleine Figur feilbot, selbst auf den Polenmärkten kein Kleinkitsch. (Nur große kilogrammschwere Gartenzwerge).
Ich dachte kurz, dass es vielleicht eine Gegend sei ohne eigene Identität, diese sei mit den Vertriebenen vertrieben worden. Aber das konnte es nicht sein. Irgendetwas blieb mir hier verborgen, ohne dass ich es benennen konnte.

Gottseidank traf ich eine witzige Gruppe von birdspottern, die mit Fahrrädern unterwegs waren. Berliner Vogelliebhaber, die sich das Wochenende über von einem ortskundigen Ornithologen durch die Moorlandschaft des Oderbruchs führen ließen. Der Vogelkundler zeigte ihnen einen Horst, in dem ein Seeadlerpärchen gerade ihren Nachwuchs fütterte. Eine Dame lieh mir unaufgefordert ihr Fernglas und ich konnte das Spektakel beobachten. Sensationell! (Für Fotos viel zu weit weg!)

Immer weiter zogen wir in den Sumpf. Das Wasser auf den Wegen im Nasspolder tiefer und tiefer.

Fröhliche Berlinerinnen

Auch ich zog meine Schuhe aus, trennte meine unteren Hosenbeine ab und nahm ein Moorbad. (Blutegel gab es zuhauf. Sie fanden aber keinen Gefallen an meinen Spargelbeinen).

Moorpackung gratis

Schafe schauten interessiert zu.

Sie wunderten sich über mich

Es wurde kalt und ich legte mir wieder meine Beinschoner an.
So verdreckt hätte ich als kleiner Junge nicht nach Hause kommen dürfen!

Ob Rei in der Tube das rauskriegt ?

Gegen 18 Uhr endlich in Schwedt eingelaufen. Platt, eingesaut, nach Moor stinkend und mit unbändigem Durst und Hunger.

Durst: Radeberger Pils (3,50 Euro).

Hunger: Spargelsuppe und danach Schnitzel mit Spargel. (15 Euro.) Beides war sehr gut. Zu Schnitzel und Spargel wurde, höchst ungewöhnlich, ein sanfter Meerrettich (rot gefärbt) serviert. Passte aber.

Unterkunft (mit Frühstück – aber ohne eigenes Bad) 34 Euro.

Ein mit Frühling geschmückter Weg nach Groß Neuendorf

Zeige deine Hände

Ich habe schon verbrannte Menschenkörper gesehen (im Bürgerkrieg in Haiti) und diese angekokelten Handschuhe kamen dem sehr nah. Ich erschrak mich.

Das Bild passte zur Situation. An diesem Ort, an dem jemand kürzlich ein Lagerfeuer entzündet hatte, befand sich einst das historische Zentrum von Küstrin. Lange war Küstrin die Hauptstadt der Neumark gewesen. Mit wunderschönen Bauten.

Heute ist die Altstadt ein Trümmerfeld. Immer noch. Zu Kriegsende während einer 3monatigen Belagerung durch die Rote Armee vollständig zerschossen. Nach dem Krieg ließ dann die polnische Regierung die alten Steine nach Warschau karren, um mit ihnen die Hauptstadt wieder aufzubauen.

„Polnisches Pompeji“ wird Küstrin genannt. (Müsste es nicht „Deutsches Pompeji auf polnischem Boden“ heißen?)

Polnisches Pompeji

Ein paar Straßen sind wieder gepflastert. Gespenstisch die Stimmung. Wiesen und Bäume, wo einst mehrstöckige Häuser dicht an dicht klebten, Menschen an Geschäften vorbei flanierten und Autos knatterten.

Gras wächst über keiner Geschichte

Stehengeblieben sind nur einige wenige Teile der berühmten Festung (in der einst der Große Fritz inhaftiert war und sein Jugendfreund Katte hingerichtet wurde).
Zumindest die Fassade ist wieder restauriert.

Im Bombenfest bombenfest. (Der Kalauer musste sein!)

Um 10 Uhr morgens dann von der Trümmerlandschaft zu meinem Tagesziel aufgebrochen: Groß Neuendorf auf der deutschen Oder-Seite. Ca 28 km entfernt.
(Entlang des polnischen Ufers lag das nächste Dorf mit Unterkunft einfach zu weit weg.)

GPS-Gesamtstrecke bis 056

Der Morgen kämpfte noch mit Nebel und Wolken.

Welch herrlicher Fluss ist die Oder

Altarme (passt auch in anderem Sinn: alt und arm)

Aber schon bald wurde es fast hochsommerlich.
Der Frühling begleitete mich mit herrlichen Temperaturen.

Ich lief den Oder Damm entlang. Stundenlanges Geradeauslaufen. Ab und zu überholten mich – dort wo der Weg geteert war – ein paar Fahrradfahrer. Meist Paare. Entweder ein in die Jahre gekommenes Ehepaar (das dann später im Restaurant eine Anschweigetherapie machte) oder eine ca. 50jährige Frau mit ihrer über 70jährigen Mutter (die später im Restaurant unentwegt gesprächstherapeutisch schnatterten, um irgendetwas zu „klären“).

Auf der anderen Seite des Damms schöne Kulturlandschaften in Gelb getaucht.

Wenn nur der käsige Raps-Geruch nicht wäre

Fenster aufmachen und Lüften nutzt hier ja auch nichts!

Gegen 18 Uhr erreichte ich Groß-Neuendorf. Ein kleines ehemaliges Fischerdorf, das heute fast ausschließlich vom Fahrradweg Neiße-Oder und den Sommerfrischlern lebt. Sogar ein Hotel gibt es: ein altes Maschinenhaus, zur Bettenburg umgewidmet. Schön!

Ungewöhnlich

Durst: Erdinger Hefeweizen (3,50 Euro).

Hunger: Forelle Müllerin mit Kräuterkartoffeln. 12,50 Euro. (Forelle war frisch und auf den Punkt gegart. War mit Petersilie gefüllt, die erst zum Schluss ihr Aroma auf den Fisch übertrug. War insgesamt gut, hatte aber unterwegs schon bessere gegessen.)

Unterkunft: teuer!

(Ich war dabei.) Im Polenfeldzug nach Kostrzyn nad Odrą (Küstrin)

3 Frauen und 1 Männerkopf

Schon morgens Temperaturen über 20 Grad. Das Anfang Mai!
Ich hatte zuviel Wolle auf dem Kopf, die musste weg. Also ab nach Slubice auf der anderen Seite der Oder.

10 Minuten saß ich auf dem Stuhl, es ging zack zack. Meine Friseurin beherrschte das deutsche Haar-Vokabular aus dem ff: Kürzer, Ausdünnen, mit Maschine, mit Schere, Waschen, Föhnen, Gel, trocken, nass, glatt, kraus, Koteletten, rasieren. Auch die Zahlen („5 Euro!“) beherrschte sie perfekt. Und vor allem akzentfrei.

Erst als ich sie ein wenig über Polen ausfragen wollte, bemerkte ich, dass sie überhaupt kein Deutsch verstand.

Sie besaß eine praktische Intelligenz, sich das schnell anzueignen, was sie zur Ausübung ihres Handwerks brauchte. Im Übrigen sprachen die deutschen Frankfurt-Oder-Nachbarn ja auch kein polnisch.

Bis Ende des Zweiten Weltkrieges war Slubice nichts anderes als eine Gartenvorstadt von Frankfurt (Oder).

Drüben liegt Frankfurt (Oder) - Mit Brücke zum Billig-Paradies

Nach dem Krieg wurde sie zur selbständigen polnischen Kleinstadt. Heute ist Slubice wieder eine Vorstadt von Frankfurt (Oder). Quirlig, jung.

Slubices kleines Zentrum

Ab morgens 8 Uhr fallen die Deutschen ein. Alle zuerst zu den Friseurinnen. So wie ich.

Immerhin bekam ich aus meiner Haar-Domina heraus, dass in dem Städtchen (das kaum mehr als 15 Tausend Bürger beherbergte), 80 Friseurinnen eine Lizenz besaßen.

3 Frauen und 1 Charakterkopf

(Komisch: Gerade habe ich in meinen Laptop „Friseuse“ eingetippt, schon verbessert er meine Eingabe zu „Friseurin“. Sitzt in meinem Computer eine Sprachpolizei? – Ich muss ihn mal aufschrauben.)

Egal, ich war morgens um 8 Uhr aus meinem Hotel in Frankfurt (Oder) aufgebrochen. Mein Tagesziel: Kostrzyn nad Odrą, das frühere Küstrin. Ca. 35 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 055

Gestern Abend noch hatte ich mich mit einem Frankfurter unterhalten, der mir hinschnodderte, dass er seine deutschen Freunde, die ihn besuchten, immer auf den „Polenfeldzug“ schicke. Damit spielte er auf die polnischen Schnäppchenmärkte in Slubice oder Kostrzyn nad Odrą an.

In Slubice begriff ich erst richtig, was er meinte. Schon früh Hunderte von Deutschen in den Geschäften. Neben 80 Friseurinnen gab es mindestens genauso viele Spargelverkäufer (2 Euro das Kilo Gemüse), deutlich mehr Zigarettenläden (halber Preis), Dutzende von Apotheken (billige Generika), zahlreiche Tankstellen (Benzin 20 Cent weniger als in Deutschland), zahllose Alkoholläden und natürlich den „Polenmarkt“ am Stadtrand mit spottbilligen Textilien und Schuhen.

Slubice war alles andere als heruntergekommen, das Wohlstandsgefälle zu Frankfurt (Oder) dennoch jederzeit spürbar.

Kinosterben - Deutsche sprechen halt kein polnisch

Platte kann bunt sein

Polen sind Fenstergucker.
(Vielleicht sollte ich präzisieren : Slubicer sind Fenstergucker).
Keine Straße, kein Haus, aus dem nicht Jung/Alt das Geschehen unten auf der Gasse verfolgte.

was sie wohl über mich denken ?

Er war einfach nur cool.

Gegen 10 verließ ich endlich Slubice und folgte dem Oderdamm.
Ab und zu ein Schiffchen.

Träge Fluss und Boot

Hin und wieder ein deutsches Dörfchen auf der Westseite.

Lebus

Dann in sengender Hitze laufen und laufen. Nach einigen Stunden schmerzten mich die Füße. Ich roch förmlich wie sie schwitzten – dachte ich zumindest, bis ich gewahr wurde, dass ich Rapsfeldern entlang lief. Und nichts stinkt schrecklicher nach Käsfüßen als blühender Raps.

Mal sollte mal Uli Wickert fragen nach welchem Käse Raps muffelt!

Ich war mittlerweile von der Oder abgekommen und durchlief auf Landstraßen die polnische Provinz.

Unterwegs eine Erdölförderanlage. (Gibt tatsächlich Erdöl im Oderbruch!)

Seltsamerweise geruchsfrei !

Ankunft in Kostrzyn nad Odrą (Küstrin) gegen 18 Uhr.

Durst: Żywiec Bier (1,70 Euro).

Sehr gutes polnisches Bier. Leicht bitter. Lang anhaltender Nachgeschmack. Deutlich besser als das „Lech“-Bier, das ich später probierte.

Hunger: Hering nach kaschubischer Art mit Saurer Sahne. (3,50 Euro.)

Um es vorsichtig auszudrücken: Der Hering war nicht mehr der jüngste. Außerdem hab ich nicht ganz verstanden, was daran kaschubisch war. Meine Oma (Pfalz!) bereitete das früher genauso zu – nur mit deutlich säuerlicheren Äpfeln. Gibt dem Gericht eine feineren Akzent!

Unterkunft: 37 Euro.

Hobo goes to Frankfort (Oder)

858 km in dieser Etappe zurück gelegt. Jetzt ist Schluss! Letzter Wandertag. Um 9 Uhr auf die Straße gequält.

Noch einmal 27 km bis Frankfurt (Oder).

GPS-Gesamtstrecke bis 054

Mein Körper hat mir klar signalisiert: „Aufhören!“ Knie tun weh, nicht mehr weggehender Muskelkater in den Oberschenkeln, Kopf leer, Kreativität mit dem Wind verflogen, Augen sehen keine Motive mehr, Finger zittert, wenn er den Auslöser tippt.

Am liebsten wäre ich jetzt auf einen Güterzug aufgesprungen und hätte mich die letzten Kilometer wie ein Hobo transportieren lassen.

lonely hobo loves freigthtrains

Um 15 Uhr in Frankfurt (Oder) angekommen. Als erstes über das Denkmal für die gefallenen russischen Soldaten gestolpert.

Dank den Russen für die Befreiung

Mit einem Blick gesehen, dass das eine verdammt interessante Kleinstadt ist: Uni. Jung. Grenze. Gute Kneipen. Asiaten, Polen, Deutsche in den Straßen. Lebendige Szene.

Aber das ist für die nächste Etappe. Dann geht es endgültig auf der polnischen Seite die Grenze entlang.

Hunger: Matjes nach Hausfrauenart. 7,90 Euro.
Kann man nicht viel falsch machen.

Meine drei Begleiter ins Bett gebracht und selbst früh schlafen gegangen.

Zusammen ist eine(r) nie allein

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.