Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Muck will nicht nur bis Neuschönau mit mir wandern

Tag 13 meiner Wanderung.

Habe mich längst daran gewöhnt, unterwegs niemanden zu treffen, mit keiner Seele zu sprechen. Genieße es sogar. Die Zeit ist einfach nicht danach: Zu nasskalt, zu unfreundlich. Deutschland im Winter eben. Abends mit ein paar Stammtischbrüdern das Immergleiche bequatschen ist okay. Wenngleich komischerweise nie über Politik gesprochen wird. Finanzkrise weit weg.  Da, wo ich gerade herumtappe, sind die Menschen mit sich eins. Obwohl gar nicht so weit entfernt von der Tschechischen Grenze, spüre ich überhaupt nichts von einer anderen „Färbung“ in der Mentalität. Alles ist echt niederbayerisch, langsam, verdruckst, ehrlich. Wenn ich mal auf einer Straße laufen muss, sehe ich nie tschechische Kennzeichen. Deutscher/Deutsche Mann/Frau ist hier unter sich – und wartet auf Weihnachten und auf die Touristen. Ich empfinde keine Heile Welt, sehe, dass hart gearbeitet wird (besser: höre, wenn abends in der Wirtschaft über das tägliche Geschäft gesprochen wird: Preise für den Ster Holz, den Quadratmeter Fliesen, den Reifenwechsel, den Hektar Land, sogar für die Weihnachtsgans). Frauen kommen nur in die Wirtschaft mit Familie oder in (Weihnachtsfeier-)Gruppen. Die meisten singen dann (Kirchenchöre scheinen hier das Nonplusultra der Unterhaltung zu sein). Die niederbayerische Kneipe ist männlich und ziemlich dickbäuchig.

Apropos Bauch: Meinen Wampenansatz hab‘ ich längst verloren. Der Körper weiß, woher er die Energie nehmen muss und saugt mir das Fett von den unteren Rippen. Gut so. Noch eine Woche mehr und ich hab mein altes Kampfgewicht wieder!

Das geht umso schneller, je mehr ich Wanderwege laufe, die entgegen den Verheißungen der Prospekte nicht Winter-geräumt sind. Schön, in zugeschneiter Natur zu laufen, aber auch heftig anstrengend.

Blauer Weihnachtsmann stapft durch den Wald

Seit Tagen das gleiche Bild:  Stämme im Schneenebeldunst samt Nieselregenschleier. Laufe durchschnittlich auf einer Höhe zwischen 800 und 900 Metern.

Ein Wald ist eine Ansammlung von Holz

Ich hatte mir wieder eine etwas kürzere Tour ausgesucht. Von Mauth nach Neuschönau. Eigentlich nur um die 12 km. Ich legte aber noch einen drauf. Das Seltsame ist mittlerweile: Unter 20 km fühle ich mich unterfordert. Eigentlich bescheuert, aber mein Körper will einfach weitergehen. Ich habe nie etwas zum Kauen dabei, manchmal vermisse ich etwas Wasser. Aber in der Regel frühstücke ich sehr gut und nehme erst am Abend wieder Nahrung und Flüssigkeit auf. Hab mich so programmiert.

GPS-Gesamtstrecke bis 013

Unterwegs im Weißflimmern (hab‘ dummerweise keine Sonnenbrille dabei und manchmal das Gefühl, ich würde schneeblind), sah ich erneut etwas Rotes, halb Erfrorenes. Natürlich dachte ich wieder an einen Nikolaus (Nikolaus-Leichen pflastern meinen Weg). War aber nicht. Er war ebenfalls rot und weiß, aber ein Nussknacker. Ein klassischer. Steckte in einem zugeschneiten Ameisenhügel fest. Er schaute dämlich drein (vielleicht schlurften ja gerade Ameisenweibchen an seinen Sohlen und sie brannten ihm ein wenig).

Zur Abwechslung mal kein erfrorener Nikolaus

Gut. Auch ihn befreite ich. Allerdings wollte ich wissen, was er hier treibe. Schließlich käme er doch aus dem Erzgebirge. Er widersprach heftig. ER sei das Original und die Nussknacker aus dem Erzgebirge nur billige Kopien. Die dortigen Schnitzer seien allerdings geschäftstüchtiger gewesen. Sie hätten schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass mit geschnitzten Spielzeugen und Nussknackerfiguren gute Taler zu verdienen waren. Aber geboren sei er hier. Im Bayerischen Wald. Er habe gehört, dass ich Richtung Norden wandere und er würde sich mir gerne anschließen. Er möchte endlich diese Plagiatoren kennenlernen. Wie er denn heiße, wollte ich wissen. „Muck“ sagte er sehr bestimmt.

Okay. Meine Familie wuchs mit jedem Tag.

Im Wald: Wenn ich zurück blickte, sah ich meine Fußstapfen. Wenn ich nach vorn schaute, sah ich Wild-Stapfen (Fährten). Hier muss ein reger Nacht-Verkehr herrschen.

Wär ich Lederstrumpf

könnt ich Fährten lesen

O James Fennimore, was hätt‘ ich dich jetzt gerne im Gepäck. Wie bewundere ich dich!

Allmählich näherte ich mich meinem Ziel: dem Dörfchen Neuschönau. Die Wege wurden einfacher, manche waren sogar zertrampelt (trotzdem niemandem begegnet – scheinen Geister gewesen zu sein).

In Dorfnähe wurde der Weg einfacher

Es war so um die Mittagszeit, vielleicht halb eins. Aber dann stiefelte ich zufällig bei dem Freigehege des Nationalparks vorbei. Eine Art Zoo in natürlicher Umgebung. Ich wollte endlich mal ein wildes (gefangenes) Tier fotografieren. Und folgte dem Rund-Spaziergang – 7 km. Hatte jedoch nicht viel Glück. Bekam z.B. den Luchs nur von weitem zu sehen.

Noch zu weit entfernt (selbst für ein 400er Tele)

Ich beschloss, am nächsten Tag eine Wanderpause einzulegen und wieder zu kommen. Gegen vier Uhr suchte ich mir eine Unterkunft. Das Gasthaus war weihnachtlich geschmückt. Komischerweise hatte ich bisher (in diesem so katholischen Landstrich) kaum etwas von der Adventszeit mitbekommen. Hier brannten die Kerzen und Kränze und auch beinahe mein kleiner Muck.

Ich befreite ihn aus dieser misslichen Situation. Kühlte seinen Kopf mit etwas Bierschaum.

Durst: Hacklberg Helles (2,60 Euro).

Hunger: Rehkeule in Wildrahmsauce mit Speck-Rosenkohl und Kroketten. Sehr gut (wenn auch offensichtlich aus der Mikrowelle). Besonders gelungen der Rosenkohl, bissfest, guter Geschmack, Speck richtig dosiert. 12 Euro.

Unterkunft: 35 Euro.

Nachtruhe (ist eigentlich ein Euphemismus: Die Rasselbande hält mich ganz schön lange wach).