Am Königstag nach Nijmegen

Kalt sollte es sein, die Sonne ab und zu ein wenig aufwärmen, die Gesamtlage gleichwohl diesig und die Sicht verschleiert bleiben.
So war es aus dem Wetterbericht herauszulesen und so trat es auch ein.
Im Wetterdeutsch: ein durchwachsener Tag.

Am Stadtrand von Emmerich, in einem Altarm des Rheins versteckt und geschützt: der Yachthafen.

Gut versteckt

Gut versteckt

Ich hatte dem Städtchen mit den dunklen Fassaden und den heiteren Menschen um 9 Uhr den Rücken zugewandt.
34 km sollte ich bis Nijmegen bewältigen.

GPS-124-Emmerich

GPS-Gesamtstrecke bis 124

Beinahe hatte ich schon das Gefühl vergessen, auf Deichen zu wandern.
Am Rhein konnte ich es wieder. Sehr lang.

Gut integriert

Gut integriert

Keine grandiose Auenlandschaft, aber dennoch schön.
Der Rhein tat seine Arbeit (transportierte Lasten) und ich tat meine (schleppte einen Rucksack, der langsam meine Schultern wundrieb).

Hochlaststrom

Hochlaststrom

Schon nach wenigen Kilometern lief ich wieder auf niederländischen Gemarkungen.
Gemächlich das Leben. Besonders heute – dem letzten Königinnen-Tag. Ein Feiertag, der ab nächstem Jahr Königstag heißen wird. Seit heute hat das Land einen männlichen Regenten: König Willem-Alexander.
Hier schien es niemand so richtig zu interessieren.

Biotop

Biotop

Schön die Altarme des Rheins.

Hausboot mit Yacht

Hausboot mit Yacht

Love-See

Love-See

Kurz vor Pannerden half eine kleine Fähre Fußgängern und Radfahrern die Rheinseite zu wechseln ohne nass zu werden (oder einen großen Umweg machen zu müssen).

Instant-Fähre

Instant-Fähre

Erst als ich schon einige Kilometer linksrheinisch weitergegangen war, fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht auf die Rheinteilung geachtet hatte. Bei Pannerden verzweigt sich der Rhein, um anschließend in mehreren Armen ins Rheindelta auszuströmen.

Seltsamerweise nutzten das die Niederländer irgendwann einmal, um den Rhein „verschwinden“ zu lassen. Der dickste und wasserreichste Arm, den ich gerade entlang wanderte, heißt nun „Waal“. Das Rinnsal, das über Arnheim der Nordsee entgegen floss, durfte weiter Rhein heißen.
Ertrugen die Niederländer nicht, dass Papa Rhein vielleicht der Vater zweier Völker/Nationen war?

War der Rhein einfach zu sehr (mythisch und geschichtlich) mit Deutschland verbunden, dass man ihn hier nicht haben wollte?

In früheren Zeiten sollen Franzosen, Engländer und US-Amerikaner öffentlich in den Rhein gepinkelt haben, um Deutschland symbolisch zu demütigen. Tssss.

Streng genommen lief ich also nicht mehr an den Rheinufern!

Was nun ? Waal- oder Rheindorf ?

Was nun? Waal- oder Rheindorf?

Adrett die kleinen Weiler.

Ein Dorf kann nicht schöner werden

Ein Dorf kann nicht schöner werden

Störche lassen sich von der Namensgebung der Flüsse nicht beirren.

Brutjung

Brutjung

Ziemlich genau um halb sechs tauchte die Waal-Brücke von Nijmegen auf. Die Tour geschafft.

Stadt, Waal, Brücke

Stadt, Waal, Brücke

Ein Katzensprung ins Zentrum der Großstadt, aber was für ein Sprung!
Alle Strassen wie ein Tollhaus.

Die Niederländer feierten ihren neuen König.

Es lebe der König!

Es lebe der König!

Kein Platz, an dem es nicht laut wurde.

Es lebe der Alkohol!

Es lebe der Alkohol!

Das Fest war um diese frühe Zeit schon so weit fortgeschritten, das Heer der torkelnden Männer unüberschaubar groß, der Alkoholstrom breiter als der Rhein, den ich entlang gewandert war, dass es vor allem in der Nacht schwierig für mich werden würde, den Vorsprung der anderen einzuholen.
Ich sollte es nicht packen.

Es lebe Einfalt und die Dreifaltigkeit

Es lebe Einfalt und die Dreifaltigkeit

Treiben lassen wie im Rheinstrom!

Es leben die Prinzessinnen!

Es leben die Prinzessinnen!

Nur selten war jemand nicht in Oranje unterwegs.

Es lebe die Schönheit!

Es lebe die Schönheit!

Hunger: Türkisches Brot mit zweierlei Saucen. Köstlich!

T124-Essen-01-imp

Gebratene Gambas an einer schafen Tomatensoße. Mit Bandnudeln. Gekonnt!

T124-Essen-02-imp

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

T117-Bier-01

Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

T117-Essen-02

Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

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Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

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Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

Warmlaufen bis ins niederländische Bourtange

Smutje ist immer vorher schon da

Smutje ist immer vorher schon da

Gestern Abend in Papenburg angekommen – und das Erste, was ich sah, war wieder Smutje, das Nordsee-Klischee.
Keine Kneipe ohne Matrosen-Kult.

Am Morgen schließlich um Viertel vor 9 Uhr losgelaufen. Das Ziel: Bourtange in den Niederlanden. Rund 22 km entfernt.
Ich wollte die neue Etappe vorsichtig angehen.

GPS-115-Papenburg

Frostig der Morgen. Obwohl die Sonne sich schon früh frisch gemacht hatte. 4-5 Grad. Der Hauptkanal Papenburgs glitzerte kaltblau.

(Sehr) Klein Venedig

(Sehr) Klein Venedig

Der Tag lief sich allerdings schnell warm und ich mich mit. (Als ich losging, trug ich 3 Schichten Klamotten – als ich ankam, schwitzte ich das T-Shirt nass.)

Am Stadtausgang Papenburgs völlig überraschend ein Wegkreuz. Im protestantisch/evangelischen Norden Deutschlands hatte ich auf den letzten Etappen nie eines vor die Kameralinse bekommen.

Hier mussten Katholiken in der Diaspora leben.

Diaspora Wegkreuz

Diaspora Wegkreuz

Auf dem Weg zur holländischen Grenze weitere mächtige steinerne Kreuze. Hat das was mit den Niederlanden zu tun?

Das nächste Kreuz sicher nicht:

Ein Kreuz für den Bäckermeister

Ein Kreuz für den Bäckermeister

Fuß-Text:
„Am 17. April 1945 starben hier im ‚Behnes Busch‘ bei einem alliierten Fliegerangriff die Volkssturmangehörigen Bäckermeister Gerhard Figge und Revierförster Wilhelm Rensing … und 7 Soldaten der deutschen Wehrmacht. Ihnen zum Gedächtnis … November 1988“

Ich wundere mich, dass Lokalbehörden ein Kreuz mit solch einem Text noch vor 25 Jahren genehmigten. Der Volkssturm unterstand unmittelbar Himmler, die Wehrmacht alles andere als ein unbescholtener Verein. Und die Grenze zu den Niederlanden zum Spucken nah. Die Alten dort können sicher noch einiges erzählen über das Wüten der Wehrmacht.
Merkwürdig.

Und bald schon das nächste religiöse Monument am Wegrand. Eine kleine Marienkapelle.
Auf Steinplatten die eingemeißelten Namen verstorbener (Mit)Arbeiter der ADO Gardinenwerke.
(Ohne Goldkante).

Miarbeiterpflege

Mitarbeiterpflege

Hinter der Kapelle fließt träge der Dortmund-Ems-Kanal.

Dortmunder Kapitän unterwegs zur Nordsee

Dortmunder Kapitän unterwegs zur Nordsee

„Strompolizeilich“ ist verboten, das Betriebsgelände der Schleusen zu betreten.

Warnung an alle Stromer

Warnung an alle Stromer

Wusste gar nicht, dass es eine eigene „Strompolizei“ gibt.
(Leitet sich „Stromer“ etwa davon ab?)

In Spuckweite nun die niederländische Grenze. Der schmale Weg markiert ziemlich genau den Grenzverlauf.

Gfrenzweg

Grenzweg

Gegen zwei dann schließlich Bourtange erreicht. Ein historisches Festungsdorf.

Festung im Moor

Festung im Moor

Ursprünglich im Mittelalter mitten in einer beinahe unzugänglichen Sumpflandschaft errichtet, heute ein Museumsdorf, in dem Männer immer noch gerne Krieg spielen.

Als Oranje noch rot war

Als Oranje noch rot war

Und Frauen das lächelnd hinnehmen.

Schüchternes Lachen

Schüchternes Lachen

Kenner-Lachen

Kenner-Lachen

Pikeniere und Musketiere mit galanter Kriegskunst.

Männer spielen halt gern Krieg

Männer spielen halt gern Krieg

Am frühen Nachmittag Richtung Vlagtwedde weitergewandert, auf der Suche nach einem Hotel. Spät fündig geworden (völlig überteuert). Das dazugehörige Restaurant hatte zu. Also am Abend noch einmal 3 km weitergezogen.

Hähnchen-Kebab gegessen. Mit frittierten Industrie-Kartoffeln und türkischem Salat mit geschmacklosen Holland-Tomaten. 14 Euro.

T115-Essen-01
Sättigend. Mehr nicht.

Deutschland erst gelängst, jetzt auch gequert!

Look up!

Schön das Ostfriesen-Städtchen Leer.

Don’t look up

Aber wo sind die Friesen? In der Mittagspause?

Ich hatte mir jedenfalls eine Pause verdient. Mit dem gestrigen Tag habe ich Deutschland endgültig gequert! Geschafft!

Dabei hatte ich gründlich unterschätzt, wie breit Deutschland ist. 1.183 km bin ich überwiegend an Küsten (Ost- und Nordsee) entlang marschiert. Nicht viel weniger als ich dafür gebraucht hatte, Deutschland im Osten zu „längsen“. Das waren 1.492 km gewesen.

Jetzt geht es wieder Richtung Süden. Erst einmal entlang der deutsch-niederländischen Grenze.

South – Here I come!

I got it

Ich schlenderte an meinem Pausentag durch das Städtchen.

Die Leeraner bauten in ihrer Altstadt langsam den Weihnachtsbudenzauber ab.
Auch das Riesenrad hing nur noch vor sich hin.

It’s over

Am Abend ein Restaurant gesucht, um meinen Festtag (Querung!) zu feiern.

Undefinierbar.               ↑

Ambitioniert / Fehlte aber Salz.         ↑

Geglückt / Machte auch satt.       ↑

Magenschließer / Zu gut gemeint.              ↑

Im Einzelnen:

  • Amuse Gueule: Ente in Nudelspeckmantel mit Rosinen und (den Rest habe ich vergessen (und auch nicht geschmeckt)).
  • Vorspeise: Gebratene Jakobsmuschel auf Apfel-Mohn-Püree und Lardo Speck.
  • Hauptgericht: Gebratener Label-Rouge Kapaun mit Praline, Maronenpüree, Kräuter-Seitlingen und Orangen-Ingwer-Jus.
  • Desert: Hausgemachte Rumkugel mit Kumquats.

Bilanz:

Nach Amuse Guele und Vorspeise war ich nahe dran zu verzweifeln. Das Häppchen zum Entrée war undefinierbar im Geschmack. Bei der Vorspeise geizte der Koch mit Salz. Verspielt, verzettelt, nicht auf den Punkt (Geschmack) gebracht. Nichts ergänzte sich.

Das Hauptgericht dafür klassische Festtagsküche: prima Fleisch, klasse Sauce, Pilze sehr schmackhaft, Maronenpüree ein Gedicht. Und alles harmonierte.

Desert: zu viel und zu schwer.

Hätte ich nicht Wein von einem meiner Lieblingsgüter bekommen (Dr. Heger / Kaiserstuhl), wäre es ein unschöner (und auch gefühlt zu teurer) Abend geworden.

So halbwegs versöhnt.

Ab morgen wieder Currywurst und Schmalhans!

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück).

Gefrorene Regenwürmer und Boßler verstellen mir den Weg nach Leer

Jeder Meter, den ich abschritt, atmete Abschied.
An diesem Morgen würde ich auf meiner Grenzwanderung zum letzten Mal die Nordsee sehen.

Nicht dass mich Wehmut ergriff, nach Wochen als Deichwanderer hatte ich Lust auf Neues. Und trotzdem: Es war ein bisschen wie eine Trennung.

Ich war spät losgegangen, Viertel nach 10. Am Emdener Seehafen vorbei lief ich direkt zum Deich.

Giganten

Die Nordsee wie ein kleiner eingehegter Tümpel. Dollart wird die Bucht genannt. Irgendwo in der Mitte verläuft die (umstrittene?) Grenze zu den Niederlanden.

End of Sea

Ich verharrte kurz, lauschte noch einmal den ans Ufer schwappenden Wellen und genoss das melodielose Schreien der Möwen.
Ich atmete tief durch.
Tschüss!

Der heutige Weg sollte mich entlang der Ems ins Friesenstädtchen Leer führen. Ca. 31 km von meinem Ausgangspunkt entfernt.

Die Ems-Mündung beherbergte einen kleinen etwas heruntergekommenen Kutterhafen. (Wohl der letzte auf meiner Tour).

Klein und Schmutzig

Auch die Ems war eingedeicht. Der Boden steinhart (die Nächte hatten Minusgrade). Ich sah einige erstarrte und blau angelaufene Regenwürmer auf der Erde. Waren sie erfroren? Ich fragte mich, ob Regenwürmer im Winter mit der Erde zusammen gefrieren?
Und im Frühjahr wieder auftauen?
Mit solch wichtigen Fragen sollte sich mal die Sendung mit der Maus beschäftigen!

(Oder sollte ich Zuhause vielleicht ein Experiment machen: Einen Regenwurm in den Gefrierschrank legen und sehen, ob er nach dem Auftauen wieder schlängelt?)

Der Wind wehte kalt und frontal. Es fiel mir schwer, auf der Deichkante zu marschieren.

Von weitem hörte ich Männer johlen, als wären sie beim Fußballspiel.
Als ich näher kam, sah ich eine Gruppe von Boßlern, die ihren friesischen Nationalsport betrieben.

Great Boßler I

Ich ließ mir von der Gruppe das Spiel erklären. Genau begriffen habe ich es dennoch nicht. Im Prinzip ist es eine Art Kegeln. Weit-Kegeln. Eine Mannschaft versucht die andere mit der Kugel immer weiter zu treiben. Gewinner ist, wer die längste Strecke bewältigt.

Great Boßler II

Die Kugel darf nicht vom Weg abkommen. Da das Spiel meist auf verlassenen Landstraßen oder auf Deichwegen gespielt wird, landet die Kugel ziemlich häufig im Graben, im Sielwasser oder im Gebüsch.

Eine lange Stange mit Korb hilft beim Herausfischen.

Damn‘ Boßler I

Da das Spiel sich über Kilometer hinzieht, ist das wichtigste Requisit der kleine Speisewagen!

Great Boßler III

Gefüllt mit heißem Grog, Tee mit Rum, verschiedenen Schnäpsen, Bier und allerei zum Knabbern.

Great Boßlers Equipment

Auch ich bekam einen Grog ab und ein paar Käsehappen.

Damn‘ Boßler satisfied

Lustige Männerrunde. Außerordentlich sympathische Jungs!

Good Boßler IV

Gestärkt lief ich weiter nach Leer.
Regen setzte ein und gegen 17 Uhr fand ich ein Hotel in der Innenstadt.

Es war schöner Tag gewesen.

Lichtfänger und Himmelsblaujäger auf dem Weg nach Norden

Es gibt tatsächlich noch Bimmelbahnen. Auf Langeoog transportiert ein kunterbunter Zug der Deutschen Bundesbahn die Fahrgäste zur Fähre. Nur Wenige wollten an diesem verregneten Morgen des 1. Weihnachtstages zusammen mit mir die Insel verlassen.

Bimmel-Bahn

Die Inselfähre genau so bunt wie der Bummelzug.

Bimmel-Fähre

Ankunft in Bensersiel um 11 Uhr 30. Von dort wollte ich in Richtung des Städtchens „Norden“ wandern und mir unterwegs eine Herberge suchen. Ich konnte nicht ahnen, dass alle (noch einmal betont: alle!) Pensionen und Landgsasthäuser, die am Weg lagen, geschlossen hatten. Also musste ich bis zum Ende laufen: 33 km und tief in die Nacht hinein.

GPS-Gesamtstrecke bis 109

Der Tag reichte mir ein kleines verspätetes Weihnachtsgeschenk nach: Gegen 14 Uhr öffnete sich die dicke Wolkendecke und zog den Grauschleier von der Landschaft.
Ich wurde augenblicklich zum Lichtfänger, zum Himmelsblaujäger!
Ich schloss das Blau in den Meeresbecken am Ufer ein, verriegelte die Ausgänge und ließ es dort für eine ganze Weile nicht mehr hinaus.

The Blue Shore

Wie die eigene Seele wetterfühlig ist! Ich lief leichter, unbeschwerter.

Der Kutterhafen von Dornumersiel in dramatische Farben getunkt.

Fischerboote dramatisch!

Und zum ersten Mal konnte ich vom Festland aus die ostfriesischen Inseln sehen.

Zum Greifen Nah

Gegen 16 Uhr verschwanden die Blaufetzen, die Sonne versteckte sich völlig und Regen setzte ein. Manchmal überfallartig als ein plötzlicher Wasserfall.

Mittlerweile lief ich Landstraßen entlang, die kaum befahren wurden.
Die Dunkelheit kroch in die Felder und irgendwann konnte ich mich nur an den weißen Mittelstreifen orientieren, die auch in der Nacht immer noch schimmerten.

Ich weiß, ich hätte die Tour besser planen, vielleicht am Tag vorher schon einmal ein paar Unterkünfte anrufen sollen.
So wurde es jetzt endlos.

Völlig durchweicht (mein Regenzeug ist einfach nicht mehr dicht!) erreichte ich um 19 Uhr das Städtchen „Norden“.
Im Zentrum lag ein Hotel, das – laut handbeschriebenem Papier an der Tür – heute um 20 Uhr seine Pforten öffnen würde.

Bis dahin trocknete ich mich ein wenig in einer nahe gelegenen Pizzeria. Und verschlang eine pappnasse Lasagne. (8,90 Euro.)

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).

Durch eine Friesentür Richtung Heilig Abend in Langeoog

Als ich das Hotel in Carolinensiel verlassen wollte, bekam ich die Haus-Tür nicht auf. Der Wirt wuchtete sich mit seinem massigen Körper gegen das sperrige Holz, stemmte die Tür auf und sagte achselzuckend zu mir: „Friesentür!“

Friesen können aber nicht nur „grob“, sie können auch schnell feinfühlig beleidigt sein. Auch das lernte ich hier. Der Carolinensiel-Hafen trennt „Friesen“ (östlich) und „Ostfriesen“ (westlich). Beide reagieren empfindlich, wenn man sie verwechselt.

Gegen 9 Uhr 30 Carolinensiel Richtung Bensersiel verlassen. 17 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 107

Unterwegs nichts Besonderes. Nur Regen, der den Schnee vom Vortag rasend schnell wegspülte. Und ab und zu ein Campingplatz.

Hardcore Dauercamper

Ich hatte meinen 5-er Schritt (5 km die Stunde) drauf und hielt kaum an, um zu fotografieren.
Was gab es auch schon außer Deich, Wiese (links) und Watt (rechts).

Watt ’n datt ?

Auf halbem Weg lag Neuharlingersiel. Viele behaupten, er sei der schönste Sielhafen der Nordseeküste. Er lag im Regen.

In einem Regentropfen ist (an diesem Tag) vermutlich mehr Leben als in diesem Hafen.

Ich liebe Häfen

Ich trank einen Kaffee im einzig offenen Lokal an der Promenade. An den übrigen Gasthäusern, Lokalen und Pensionen hingen Schilder, die die zufällig Vorbeireisenden belehrten, dass hier die Saison erst ab dem 26. Dezember beginnt.

Um 13 Uhr erreichte ich Bensersiel.
Ich hatte beschlossen, von hier aus zur ostfriesischen Insel Langeoog zu fahren und dort Heilig Abend zu verbringen.

Die Fähre ist wegen einer eigenen Fahrrinne Tide-unabhägig.

Goin‘ to Christmas

Noch immer regnete es in Strömen.
Ankunft auf der Insel: 14:30 Uhr.

Heiß Duschen, Trocknen, Trinken, Essen. Same procedure as every day.

Nicht alltäglich war mein heutiges Vespern. Habe das Weihnachtsmenue um einen Tag vorgezogen.

Taschenkrebssuppe. Exzellenter Geschmack.

Hirschrücken mit Blinis an Steinpilzsauce. Sehr fein. Sauce kräftig, hat dennoch den zarten Braten nicht erschlagen.

Leuchtfeuerträger, Mandrenken und in Bremerhaven Arbeit suchende Harz IV Jungs

„Seezeichen“ – grandioses Wort.

130 Jahre schon bohrt sich dieser „Leuchtfeuerträger“ in den Wattboden. Jahrzehntelang ließ er höchstens „Leuchtfeuerwärter“ an sich heran, aber niemals Touristen.

Gespenstersteg

Jetzt gibt es Navis und ausgewiesene Fahrrinnen. Ausgedient hat das „Leuchtturmbauwerk“!
„Eversand-Oberfeuer“ ist sein Name. Bezirzend.

Gruselturm

Eigentlich wollte ich um 9 Uhr losmarschieren. Der Leuchtturm in Dorum Neufeld hielt mich zurück.
Um halb zehn brach ich dann endlich auf. Ziel: Bremerhaven. Etwa 27 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 101

Auf dem Deich ein Denkmal für die vielen Deichgrafen und Deichretter der Nordsee.

Heldendenkmal

Als Südlandbewohner sind die verheerenden Sturmfluten der letzten Jahrhunderte nicht in meinem kollektiven (hab ich das?) Bewusstsein vorhanden.

Die Inschrift der Gedenktafel:
„Zum Gedenken an all die Menschen, die Deiche erbauten, für ihre Sicherheit im Einsatz waren oder bei schweren Orkanfluten ihr Leben ließen.
1362 Große Mandrenke
1570 Allerheiligenflut. Mehr als 100.000 Tote
1717 Weihnachtsflut (3 Tage Voller Orkan). 15.000 Tote
1825 Johannisflut. 789 Tote
1962 Schwerste Flut seit 1.825. 512 Tote
1976 Schwere Sturmfluten“

Wie friedliebend dagegen heute das Wattenmeer. Die Nordsee hatte sich wohl nach England zurückgezogen. (Stürmte es jetzt dort?)
Der Meergrund harmlos. Nie würde er Menschen verschlingen können.

Harmloses Ungeheuer

Meist lief ich an der See zugeneigten Unterkante des Deiches. Streckenweise war der Deichfuß betoniert. Die Maurer hatten (abstrakten) Kunstsinn besessen.

War Hundertwasser hier ?

Oben auf dem Deichkamm ab und zu regennasse Bänke, jeweils garniert mit industriegrauen Papierkörben.
Ich bemerkte Eike. Er suchte offenbar etwas Verwert- oder Essbares. Ich sprach ihn an.

Eike sammelt Mül

Es war Eike peinlich, so erwischt zu werden.
Der Junge (wieso hatte er ein so feminines Gesicht?) war von zu Hause ausgebüchst. Harz IV Eltern, Schläge, Fernseher kaputt (oder aus dem Fenster geworfen), keine Klamotten, nur immer dieses Matrosenzeug; kurzum: Eike wollte in Bremerhaven anheuern. Egal auf welchem Schiff, egal in welchem Betrieb.

Ich nahm ihn mit.

Ich hatte Hunger. Unterwegs gab es aber nichts. Nur kleine Dörfer ohne Krämerladen, Dorfkneipe oder Menschen (ich sah jedenfalls keine).

Höchstens Kirchen. Zumindest die Aussegnungskapellen waren gebaut, jeder Sturmflut zu widerstehen. Selbst im schnellen Vorbeiwandern spürte ich hier Ewigkeit.

Trutzburg Kirche

Auf halbem Weg nach Bremerhaven ein kleiner Kutterhafen: Wremen.

Schönwetter Kutter

Leere Boote schwammen kopfüber im klitschigen Schlick.

Abgesoffen

Abgesoffen 2

Abgesoffen 3

Gegen vier Uhr erreichten wir (Eike und ich) die Grenze des Bundeslandes Bremen.
Der Containerhafen im Nebelkleid.

Nebelriesen

Den ganzen Tag hatte ich nichts zu hören bekommen. Nicht einmal Meeresrauschen. Kein Windgejaule. Kein Straßen- oder Autolärm.
Jetzt brummten, krachten, knallten und echoten technische Ungeheuer mit riesigen Greifarmen, die Godzilla gleich überdimensionierte Container von links nach rechts wuppten.

Nebelriesen 2

Noch 10 km bis ins Zentrum Bremerhavens. Entlang einer nicht enden wollenden Containerlandschaft mit trostlosen Straßen.

Industriegebiet.

Kalter Weg

Eike lachte zum ersten Mal. Hier würde er Arbeit finden, schwadronierte er.
Ich wollte ihm nicht sagen, dass in Bremerhaven gefühlt 40% der Menschen arbeitslos sind.

Eke klettert

Auch wenn es in den Werften und Entladestellen hämmerte, quietschte, flexte, dumpf hallte und es nach frischen Schweißnähten roch.

Nachtarbeit

Um 18 Uhr ein Hotel gefunden.

Durst: Ducksteiner Bier. 3,80 Euro (0,5l). Bleibender Geschmack. Leicht rauchig. Sehr angenehm. (Gibt es schon seit dem Mittelalter. Marke gehört heute der Holsten-Brauerei.)

Hunger: Grünkohl mit Mettenden und Bratkartoffeln. Bodenständig, deftig und gut. 6,90 Euro.

Für Eike, der zwei Portionen Grünkohl bestellte, orderte ich noch einen Calvados.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück). Zimmer äußerst einfach, aber sauber.

Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Mit Bulldogs nach Bruuns…büddel

Horizontal und Vertikal: Dunst

Letzter Tag meiner Kurzetappe. In Friedrichskoog-Spitze (so heißt der Ort!) um 9 Uhr losgelaufen.
Kann nicht ganz verstehen, warum das nach Sankt-Peter-Ording und Büsum der drittbeliebteste Ferienort an der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste sein soll. Ein kleines künstlich angelegtes Dorf aus der Tourismus-Retorte.

Ich hatte mich fehl entschieden. Ich hätte gestern noch eine Schippe drauflegen und vier Kilometer weiter laufen sollen bis zum Hafen Friedrichskoog. Krabbenfischern zuschauen! Ich war zu müde gewesen. Egal.

Das heutige Tagesziel: Brunsbüttel. Schierer Klang der Name (und nicht nur wegen des Kernkraftwerkes!). „BRUUNS…BÜDDDEL…“

Gut 30 km Wegstrecke.

Kohl-Land! Sonst bin ich viel an Maisfeldern entlang gelaufen. Heute begleitete mich nur Kohl. Rot und Weiß.

Sind’s Polen oder Tschechen?

Die Kohl-Pflücker (pflückt man Kohl?) schrien mir in einer fremder Sprache zu. Wollten wohl wissen, ob sie morgen in der Bildzeitung zu sehen sein würden. Ich schrie in einer – für sie – fremden Sprache zurück. (Das ist Völkerverständigung! Sich gegenseitig Unverständliches zuschreien!)

Handball mit Kohl

Ich folgte einem Fahrradweg, der wiederum der Hauptstraße folgte. Wenn es überhaupt Verkehr gab, dann waren es große Bulldogs, die Gemüsekisten zogen.
(Schwer einzuschätzen für mich, ob heute noch irgendjemand versteht, was ein Bulldog ist? Als Kinder sagten wir nie Trecker, Schlepper oder Traktor. Das waren Bulldogs für uns.)

Kohl auf Rädern

Ich freute mich auf das Ende der Etappe. Gegen 16 Uhr erreichte ich BRUUNS…BÜDDEL. Hier mündete der Nord-Ostsee-Kanal in die Elbe und dann ins offene Meer.
Gigantische Schleusen.
Der Abendregen verschmierte mir sogar meine Fotos.
Aber ich war angekommen!

Eingeschleust!

241 km in 9 Tagen zurückgelegt. Ich kalkulierte kurz durch. Insgesamt waren das jetzt 2.373 Kilometer, die ich bei meiner Tour um Deutschland herum abgeschritten hatte. Wenn ich mich nicht irre, ist jetzt Halbzeit!

Weiter geht es um Weihnachten herum!