Jo, geh doch fort nach Schengen!

Die paar Tropfen, die morgens vom Himmel fielen, konnte ich fast zählen. Also ließ ich meine Regenkleidung im Rucksack und zog um halb 10 los. Mit schwerem Kopf (zu viel Moselwein) und heute auch zu schwerem Gepäck.

Mein Ziel: Schengen im Dreiländereck. 25 km entfernt.

GPS-145-Nittel

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Ein unspektakulärer Tag.
Mosel, Weinberge und grauer Himmel.
Keine Sonne, die der Landschaft Farbe hätte geben können.

Selten nahm ich die Kamera aus der Tasche.

Patchwork Weine

Patchwork Weine

Ich hatte es nicht eilig.

Auf Wasser gebaut

Auf Wasser gebaut

Am gegenüberliegenden Ufer ab und zu ein kleines verschlafenes luxemburgisches Winzerdorf.

Braune Brühe

Braune Brühe

In Remich wechselte ich ins Nachbarland. Trank einen Espresso im alten Ortskern. Die Bedienung portugiesisch wie in so vielen Gaststätten des Landes.
Weit über 100.000 Portugiesen sollen in Luxemburg leben. Ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Passierte ich kleine Fabriken, Kiesgruben oder größere Baufirmen, sah ich in den Innenhöfen fast ausschließlich Autos mit deutschen Kennzeichen.
Die Löhne sind in Luxemburg gut ein Drittel höher, die Sozialleistungen und das Arbeitsrecht gut. Das lockt Hunderttausende Deutsche, Franzosen und Belgier als Pendler ins Land.

Der kleine Nachbar gibt Europa Arbeit!

Was für ein selbstbewusstes und erfolgreiches Völkchen, die Luxemburger.
Lëtzebuerger nennen sie sich in ihrem Dialekt.

Gegen 16 Uhr lag Schengen vor mir.
Kaum mehr als dreihundert Seelen bevölkern den Ort.

Europas Kaff

Europas Kaff

Dazu ein Schloss, in dem europäische Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde einst der Schengener Vertrag unterzeichnet, der es mir auf meiner Grenzwanderung ermöglicht hatte, ohne Pass Ländergrenzen zu wechseln.

Ich verneigte mich dankbar.

Das Reisebüro Europas

Das Reisebüro Europas

Es gab einen alten Turm und eine Kirche.

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Und es gab einen zentralen Platz, der sich „Europaplatz“ nannte.
Aber Europas Herz, das hatte ich auf meiner Wanderung gespürt, ist größer als dieser Winzling.

Europas Platz ist klein

Europas Platz ist klein

Und es gab eine Brücke, die von Luxemburg nach Deutschland und Frankreich führte.

(Die Brücke im übrigen mächtig befahren. In Schengen hatten immer noch 8 Tankstellen geöffnet, im deutschen Perl jede Menge Supermärkte. Die Deutschen tankten sich die Autobäuche mit billigem Benelux-Öl voll und die Luxemburger stopften sich die Kofferräume mit billiger Lidl, Aldi, Rewe Ware aus. So verdienten die Steuerbehörden beider Länder an den offenen Grenzen!)

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Ich war im Dreiländereck gelandet.

735 km lang hatte ich auf dieser Etappe die Niederlande, Belgien und Luxemburg abgewandert.
Benelux lag jetzt hinter mir, ein neues Abenteuer vor mir: Frankreich und das Saarland.

Da in Schengen keine Pension und kein Hotel geöffnet hatte und schon überhaupt kein Restaurant (Dienstag = Ruhetag), wechselte ich nach Perl auf der deutschen Seite.

Auf saarländisch die Speisekarte.

Hunger: Moschterbrod vum klengen Schwein. (Hausgemachter Rollbraten mit Monschauer Senf, Zwiebeln, Bratkartoffeln und Speckwirsing). 15,90 Euro. Ausgezeichnet zubereitet. Sehr gut gewürzt.

T145-Essen-01

Nachspeise: Mirabellensorbet mit lothringischem Mirabellenschnaps (2,50 Euro). Gut.

T145-Essen-02

Durst: 1 Glas Auxerrois (Weingut Bertel). Leicht, süffig. Alltagswein.

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).

Über Wein- und Ländergrenzen nach Nittel an der Mosel

Irgendwo muss die Mentalitätsgrenze gewesen sein. Ich hatte sie überschritten, ohne es zu merken.

Wirte, Bedienungen, Hotelangestellte, Brotverkäufer, Menschen, mit denen ich auf der Straße quatschte, waren auf einmal aufgeschlossen, gesellig und feierlaunig. Ich erfuhr kleine Dramen über verlorene Eheringe und späte Autofahrten, die an Laternenpfählen endeten. Nichts Bedeutendes. Aber irgendwo auf meiner Wanderung hatte es plötzlich einen Offenheits-Sprung gegeben.

Erst beim Verlassen Triers dämmerte es mir: Ich hatte die Bitburger Berge verlassen. Ich war vom herben Pilsland ins liebliche Rieslingtal hinabgestiegen.

Die Alkoholart hatte ich gewechselt und damit die Stimmung!

Mosel here I am!

Braun wie der Mississippi

Braun wie der Mississippi

Okay. Es war trüb, die Mosel dreckigbraun aber mit geschwollener und breiter Brust.
Es regnete, als ich um 10 Uhr Trier verließ.
Just zu dieser Stunde öffnete das Marx-Geburtshaus-Museum und draußen standen bereits Gruppen von Chinesen, denen es eine Pflicht schien, in ihren 10-Days-Europe-Urlauben den eigentlichen Gründer ihres kommunistischkapitalistischichweißnichtwas Staates zu ehren.
(Was für ein komplizierter Satz – aber so sind Chinesen!)

Ich hatte beschlossen, das Scheißwetter zu ignorieren und marschierte beschwingt die Mosel entlang. Mein Ziel: das Weindorf Nittel. 26 km entfernt.

GPS-144-Trier

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Trier boomt seit ein paar Jahren: Chinesen, Niederländer, Luxemburger sowieso, Belgier und auch noch ich waren übers Pfingstwochenende in die Stadt eingefallen. Aber noch mehr als Touristen gab es Schwäne.

Ab dem Stadtrand nistete alle paar hundert Meter ein Schwanenpaar direkt am Ufer-Fahrradweg der Mosel.

Straßenschwäne

Straßenschwäne

Nicht mal die Tiere sind im Rieslingland scheu!

Mama mit Tochter?/Sohn?

Mama mit Tochter?/Sohn?

In Wasserbillig wechselte ich von Deutschland nach Luxemburg zurück. Die Mosel war von nun an die gemeinsame Grenze.

Flussdorf

Flussdorf

Eigentlich müsste das luxemburgische Dorf nicht Wasserbillig, sondern Benzinbillig heißen. Selten habe ich so viel Tanktourismus gesehen. Diesel und Benzin bis zu 30 Cent billiger als in Deutschland. Auf einigen Hundert Metern zählte ich beinahe ein Dutzend Tankstellen.

Spritdorf

Spritdorf

Irgendwann wieder nach Deutschland gehüpft (gebrückt). Zuvor hatte ich noch schell einen Espresso in einem luxemburgischen Brückencafé getrunken und einige Worte mit dem Wirt gewechselt.
Die Grenze existiert eigentlich nicht. Weder sprachlich noch kulturell.

Grenzen sind etwas für Nostalgiker.

East goes West

East goes West

Ich durchwanderte die ersten Weinberge. Herrliche Landschaft!

WeinWanderWeg

WeinWanderWeg

Die Mosel drehte vergnügt eine Schleife und wies die Sonne an, mein Tagesziel lieblich auszuleuchten: das Weindorf Nittel.
(Links am Bildrand!)

Flussbogen

Flussbogen

Ich quartierte mich im Weinbetrieb Apel ein. Die meisten Winzer im Ort buhlen mit Direktverkauf, Pension und einer Besenwirtschaft um Kunden.
Welch ein Glück, nun alles an einem Ort zu haben. Alles inklusive!

Die Kommunikations-Stube bereits um 18 Uhr rappelvoll.

Durst:
1 Glas Elbling (Kabinett trocken). Seltene weiße Rebsorte: 3,80 Euro (0,2l). Guter Schoppenwein.
1 Glas Auxerrois (trocken). Auch eher seltene weiße Sorte: 3,80 Euro (0,2l). Spritzig, dezente Säure, angenehm.
1 Glas Blauer Burgunder (Barrique). 5,50 Euro (0,2l). Roch intensiv, der erste Schluck mundete gut, dann aber flachte der Wein ab und wurde breit. Keine Finesse.

T144-Wein-01

Hunger: Frischer Spargel mit Sauce Hollandaise, pikantem Winzersteak auf Rebholz gegrillt und Petersilienkartoffeln. (17,80 Euro.) Sehr würziges Fleisch, wenn auch zu lange gegrillt.

T144-Essen-01

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).

Nach Innen Nach Außen Nach Trier

Madelän saß auf dem Wasserspeier eines Springbrunnes. Sie lachte mich an, als ich den Echternacher Marktplatz fotografieren wollte.
Schon lange waren mir keine kleinen Begleiter mehr zugelaufen.

Ich fragte Madelän, warum ich denn in Belgien oder in der Eifel keine einschlägigen Souvenirpüppchen gefunden hätte. Aber jetzt, ausgerechnet im kleinen Luxemburg?
„Wir sind eben stolz, wir sind eigen, wir sind ein echtes Volk und wir wissen was Marketing ist!“ – so ihre Antwort.

Ich wollte darüber nachdenken und packte Madelän in meinen Rucksack.

T142-Madelän-01

Sonne! Gefühlt zum ersten Mal seit einer Woche!

Im Städtchen begannen gerade die Vorbereitungen für die Springprozession am Dienstag nach Pfingsten.

Jedes religiöse Fest braucht nebenan auch seine Kirmes.

T142-Echternach-01

Um 10 Uhr schulterte ich meinen Rucksack und verließ das Kleinstädtchen. Ich wollte heute noch in eine richtige Großstadt. Nach Trier. Zu Fuß 24 km entfernt.

GPS-142-Echternach

GPS-Gesamtstrecke bis 142

Angetrieben von der Wärme lief ich so schnell wie lange nicht mehr. Nirgends wollte ich mich länger aufhalten. Mein Ziel war ein Biergarten in Trier und: den Sonnentag im prallen Licht genießen.

Zunächst folgte ich einem Radweg auf dem deutschen Ufer der Sauer.

Familienfreundlicher Fluss

Familienfreundlicher Fluss

Bei Ralingen, kurz bevor ich die Sauer verließ, musste ich einen 300 m langen Fußgänger und Radler-Tunnel durchlaufen.
Mir war – ich muss es gestehen- unheimlich.

Im Sog des Tiefen

Im Sog des Tiefen

Ich habe keine Erklärung für mein Unbehagen. Tausend Mal bin ich mit dem Auto oder der Bahn durch Tunnels gefahren – nichts!
Aber 300 Meter durch eine schlecht beleuchtete, muffig riechende Betonröhre, in der das Grundwasser durch die Deckenritzen tropfte, zu marschieren und über den Widerhall der eigenen Schritte zu erschrecken. Ganz leicht gruselte es mir.

Ich hatte das Gefühl in meinen eigenen Eingeweiden herumzuwandern.

4 lange Minuten.

Ich hörte, wie Madelän im Rucksack leise vor sich hinpfiff, um sich Mut zu machen.

Einmal draußen, ging es schnell bergan. Oft lief ich querfeldein, folgte Traktorwegen, lief Rapsfelder entlang.

Raps stinkt

Raps stinkt

Nach 6 Stunden erreichte ich die Mosel und den Trierer Hafen.

Welcome

Welcome

Geschafft! Ich hatte die Sonne überholt!

Ich ließ Madelän am ersten Weißbier nippen.

T142-Madelän-02

Und schlenderte danach entspannt durch eine sehenswerte Stadt.

Porta Nigra

Porta Nigra

Die halbe Niederlande hatte sich in der Moselstadt einquartiert, das Zentrum brechend voll.

Gaukler wandelten Phantasie zu Geld. Und verdienten gut.

Ohne Netz und doppelten Boden

Ohne Netz und doppelten Boden

Hunger:
Schweinefilets mit Champignonsoße, Brokkoli und Bratkartoffeln. (Geht besser.)

T142-Essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Über den Jakobsweg nach Vianden

Das freakige Pärchen, das das Harley-Davidson-Fanclub-Hotel betrieb, erzählte mir zum Frühstück, dass es hier im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet viele Niederländer gäbe, die Hotels, vor allem aber Campingplätze betrieben.

Dasburg sei ein Zwischenstopp auf dem Jakobsweg, der aus dem Rheinland bis ins galizische Santiago de Compostela führe.
Kundschaft käme automatisch.

Es ist ja auch eine grandiose Landschaft, wenn man sich zu den Regenschleiern noch ein wenig spanische Wärme einbildet!

Nebeltal

Nebeltal

Um halb 10 Dasburg über einen steilen Berg verlassen, der mich schon früh ins Schnaufen brachte.

Mein Ziel: Vianden in Luxemburg. 21 km entfernt.

GPS-140-Dasburg

GPS-Gesamtstrecke bis 140

Der Regen war nicht stark, es nieselte mehr. Nach dem Anstieg jetzt ein langer Bergkamm mit wunderschönen Aussichten. (Wäre da nicht der Grauschleier gewesen!)

Ich wunderte mich über nasse Wollfetzen an Sträuchern. Als ich sie genauer inspizierte. merkte ich, dass es nicht Schafswolle war, wie ich vermutet hatte. Samen der Pusteblumen hatten sich zu nassen Lappen verklumpt und hingen wie Sperma von den Dornenbüschen.

Ob sich diese Fliege von ihm befruchten lassen wollte?

T140-Mücke-01-imp

Ein Esel sah dem sinnlosen Kopulationsversuch zu.

Das Haupt vor Scham geneigt

Das Haupt vor Scham geneigt

Das Tal der Our war schnell erreicht. Und damit die Grenze zu Luxemburg.
Im ersten Gasthaus, direkt hinter der Grenzbrücke, löschte ich meinen Durst und unterhielt mich ein wenig mit der alten (fußlahmen) luxemburgischen Wirtin.
Ich wollte von ihr wissen, ob es irgendwelche Schwierigkeiten mit dem Nachbarn gibt.
Sie verneinte und meinte, dass die Deutschen in den letzten 10 Jahren lockerer geworden seien.
Es gebe aber noch einige wenige Luxemburger, die Deutsche nicht mochten. Wegen des Krieges. Das seien vor allem die Baskenmützenträger.

Nur wenige Dörfer schmiegten sich entlang des Flusses.
Ich sah kaum Menschen und schon gar keine Baskenmützenträger.
Der Tag war zu unwirtlich.

Eingefasst

Eingefasst

Es war nass und kalt. Und ich war froh, als sich endlich Vianden ankündigte. Spektakulär die mächtige Stauferburg auf dem steilen Waldhang. Wenn auch ziemlich verwaschen das Bild.

Kein Weg nach oben

Kein Weg hinauf

Es goss in Strömen und mein Kameraobjektiv war nicht mehr schlierenfrei zu bekommen.

Alle Wege führen vorbei

Alle Wege führen vorbei

Vianden ist einer der wichtigsten Tourismusorte Luxemburgs.

oben-unten

oben-unten

Aber eigentlich gibt es (außer der Burg) nicht viel zu sehen. Das Mini-Städtchen ist äußerst provinziell, fast langweilig.
Und das lag nicht nur am Wetter.

Strassen ohne Saison

Strassen ohne Saison

Um 3 Uhr ein Hotel direkt an der Our gefunden. (Es gibt viele!)

Durst: Diekirch Pils. (Luxemburgische Brauerei, seit 1871. Vor kurzem von einem belgischen Konzern übernommen.) Schmackhaft!

T140-Bier-01

Hunger: Judd mat Gaardenbounen an Speckgromperen. (Geräucherter Schweinenacken mit dicken Bohnen. In einer Kräutersoße. Dazu Speckkartoffeln).

T140-Essen-01

Das Gericht ist eine luxemburgische Spezialität und war außerdordentlich gut zubereitet. Als ich den Teller leergeputzt hatte, brachte mir die Bedienung die gleiche Portion noch einmal. Es hatte ihr gefallen, wie ich mich über das Essen hergemacht hatte.

Am Nebentisch saß eine kleine Runde Einheimischer, die sich im Luxemburger Dialekt unterhielten. Eine beschwingte schöne Sprachmelodie! Ich hörte der Sprechmusik gerne zu und verstand durchaus einiges. Sehr weit weg vom Pfälzischen ist die luxemburgische Sprache nicht.

Kurios: ein Fahrstuhl zum Klo!

T140-Toilette-01-imp

Unterkunft: 80 Euro (mit Frühstück).

Road 139 to Dasburg

Es war das Gefühl tiefer Einsamkeit.

Winterspelt lag hinter mir, auf Seitengassen hatte ich das Dörfchen verlassen. Wolken drückten die Täler noch tiefer in den Waldgrund. Häuser auf Bergkuppen drängten sich dicht an die Pfarrkirchen, in der Hoffnung vom Dauerregen nicht weggeschwemmt zu werden.

Nur der Kirchturm, der schaut raus

Nur der Kirchturm, der schaut raus

Hatte ich einmal nicht Wald sondern freies Feld vor mir, walzte am Horizont die nächste Regenwand heran.

Es wird nicht besser

Es wird nicht besser

Ich war in Winterspelt gegen halb 9 aufgebrochen. 31 Kilometer lagen vor mir bis Dasburg an der deutsch-luxemburgischen Grenze.

GPS-139-Winterspelt

GPS-Gesamtstrecke bis 139

Schüttete es besonders heftig, suchte ich Schutz unter Laubbäumen.

Ich erdachte mir Bauernregeln für Regenwetter:

Lauf nicht unmittelbar nach Ende eines heftigen Regengusses los. Der nächste kommt sofort.
Lauf nicht unmittelbar nach Ende eines heftigen Regengusses in den Wald. Der regnet sich gleich wieder ab.

Aber eigentlich war es egal. Nass wurde ich unterm Baum, im Wald, im freien Feld.

Endlich einmal eine Pause: Ein Walddörfchen zog kurz sein Regenkleid aus und zeigte seinen Frühlingskörper.

Heckhalenfeld

Heckhalenfeld

Die Schneeeifel ist so dünn besiedelt, dass es äußerst schwierig ist, sich auf einer Wanderung zu versorgen. Gasthäuser öffnen nur zur Hochsaison, Tante Emma hat längst die Dörfer verlassen, Tankstellen gibt es überhaupt nicht.
Ich war also ohne Trinkwasser und ohne irgendetwas zu knabbern losgezogen und fand unterwegs nirgends Proviant.

Hellte sich der Himmel ein wenig auf, schöpfte ich Hoffnung. Die Südeifel ist landschaftlich grandios.

Highlands

Highlands

Immer wieder werde ich unterwegs gefragt, ob es nicht langweilig sei, so ganz allein zu wandern.
Ist es nicht!
Dann folgt die nächste Frage: Warum ich das mache, ob ich den Sinn des Lebens suche?
Nein, das Gegenteil ist der Fall.
Ich versuche manchmal es zu erklären, gebe aber schnell auf.

Also was machte ich denn den langen Tag?
Nichts! Nicht einmal meditieren. Höchsten ein paar Gedanken spinnen.

Sicher, die Sinne schärfen sich in der Natur.
Sicher, ich sehe, rieche und spüre Kleinigkeiten, die mir im Alltag nicht auffallen würden. Eine Ameise, die sich an ihrer Traglast überhebt und sich überschlägt. Ein Grashalm, der sich unter der Last eines einzigen Wassertropfens verbiegt und fast bricht.

Aber welchen Sinn machen solche Beobachtungen? Keinen! Es ist völlig unerheblich.

Sinnsucher finden nicht einmal sich selbst.

Und ich stellte mir die wichtigere Frage, ob Kühe nicht doch gänzlich dumm sind!

Dumme Kühe

Dumme Kühe

Immer wenn ich an einer eingezäunten Kuhwiese vorbeilief, rotteten sich die Viecher zur Herde zusammen, trotteten zum Zaun und glotzen mich fragend an.
Offensichtlich können Kühe nicht wie Hunde ihr Herrchen (oder Melker) erkennen. Sie verwechselten mich ganz offensichtlich.

Was bedeutete das? Für die Kuh ist ein Mensch ein Mensch ein Mensch ein Mensch – und keine Person!

Damit hatte ich für heute die Sinnfrage geklärt und marschierte weiter.

Nichts für weiche Knie

Nichts für weiche Knie

Es ging nun ganz schön bergab. Ich spürte meine Knie.

Als der Wald sich kurz auftat, konnte ich auf die andere Seite des Tals blicken, in das ich gerade hinabstieg. Ein luxemburgisches Dorf signalisierte mir, dass ich nicht mehr weit von der Grenze entfernt war.

lieblich

lieblich

Noch eine Viertel Stunde und meinen Zwischenziel war erreicht: das Dreiländereck aus Belgien, Luxemburg und Deutschland.

Wahre Europabrücke!

Wahre Europabrücke!

Auf der Seite, auf der ich fotografierte, war Deutschland. Über der Brücke rechts lag Belgien. Links der Brücke wartete Luxemburg auf meinen Besuch.

Rund 135 Kilometer war ich der belgischen Grenze gefolgt, jetzt lagen wahrscheinlich ebenso viele Kilometer entlang der luxemburgischen Grenze vor mir.

Die Our trennt Luxemburg von Deutschland.

Nicht größer als die Oos

Nicht größer als die Oos

Bewusst lief ich auf der deutschen Seite des Grenzflüsschens. Luxemburg wollte ich mir noch ein wenig aufsparen. So schnell kann ich nicht von belgisch auf luxemburgisch umschalten.

Ein Flüsschen, das an Fahrt aufnahm und mit kleinen Stromschnellen ganz schön Lärm machte.

Grenzen sind manchmal schwer zu überschreiten

Grenzen sind manchmal schwer zu überschreiten

Ich hatte mir vorgestellt, gemütlich entlang des Uferweges der Our nach Dasburg zu wandern. Es kam aber völlig anders.
Zu tief hatte sich der Fluss in den Wald gegraben, zu steil waren die Hänge, zu zahlreich die Zuflüsse und Zwischentäler, dass die Wanderwege immer wieder in Serpentinen den Berg hinaufführten und sich gefährlich an Hänge schmiegten.

Halt!

Halt!

Aber welche Ausblicke! Und die Sonne gratulierte mir für meine Ausdauer!

Hochsitz

Hochsitz

Was für eine Grenze zwischen zwei Ländern!

Grenzen sind schön

Grenzen sind schön

Es wurde der bisher anstrengendste Tag dieser Etappe, die nun schon lange dauerte. Auf und ab ging es. Am 139. Tag meiner Grenzwanderung sammelte ich Höhenmeter wie andere Flugmeilen. Ich war froh (und am Ende meiner Kräfte), als ich endlich das Dörfchen Dasburg erreichte. Auch wenn es im Regen schier ersoff.

Am Ziel

Am Ziel

In dieser Ortschaft mit kaum mehr als ein paar Dutzend Häusern gab es immerhin zwei Pensionen.
Ich würfelte innerlich und betrat einen skurrilen Harley-Davidson-Driver Treffpunkt.

Rocker trifft Rocker

Rocker trifft Rocker

Geführt wurde das Hotelchen von einem holländischen Pärchen. Direkt über der luxemburgisch-deutschen Grenze.

Hunger: Schweinespieß in Erdnusssoße mit Reis. (Harte Jungs Kost!)

T139-Essen-01

Unterkunft: 28 Euro (ohne Frühstück).

Ins Himmelbett nach Kronenburg

Kein Fotografierwetter als ich Hellenthal verließ. Diesig und veschmiert die Sicht.

Entweder das Kaff liegt tief unten oder ich war schon in kurzer Zeit ziemlich hoch oben.

Down under

Down under

Ich hätte einen Höhenmesser brauchen können, um herauszufinden, wie viele Meter ich mich nach oben oder unten, aber nicht nach vorne vorarbeitete.

Die Strecke sollte mich beträchtlich Auf und Ab gehen lassen bis zu meinem Ziel: Kronenburg. 22 km entfernt. Um 9 Uhr war ich aufgebrochen.

GPS-137-Hellenthal

GPS-Gesamtstrecke bis 137

Typische Eifellandschaft: Weiden, Wiesen, Wald und ein paar Gehöfte auf einer Kuppe.

On Top

On Top

Der Frühling streifte die Hocheifel dieses Jahr sehr spät. Die Bäume arbeiteten noch am Maiausschlag und begrünten sich nur langsam.

Pastellnuancen

Pastellnuancen

Jeder 3. oder 4. Bauernhof hatte eine kleine Koppel mit Ponys oder Pferden.
(Muss hier jede Tochter ein Reitpferd haben?)

Elegante Kopfhaltung

Elegante Kopfhaltung

Mein Handynavi schleuste mich auf Wanderwegen durch die Täler und Berge, konnte aber nicht verhindern, dass ich mich mehrmals fürchterlich verlief. Einmal ging ich einige Kilometer einfach im Kreis. Das andere Mal musste ich den gleichen Weg wieder zurücklaufen. Das dritte Mal befahl mir das Navi durch feuchte Wiesen zu stapfen bis mir das Wasser fast aus den Schuhen lief. (Wer sagt eigentlich, dass Goretex kein Wasser durchlässt?!)

Nasses Grün

Nasses Grün

Zwischendurch das übliche Eifelwetter: Es regnete.

Die Dörfer massiv, die Kirchen schlicht.

Nasses Weiss

Nasses Weiss

Wenn die Sonne kam, wurde es richtig schön.

Nachzügler

Nachzügler

Gerade hatte ich seinen Garten fotografiert, da sprach er mich auch schon an: Clas.
Die 70 Jahre konnte ich ihm nicht ansehen.

Clas war Niederländer und hatte sich vor zwei Jahren das Anwesen (zusammen mit seiner Frau) als Alterssitz gekauft.
Die ganze Welt hatte er gesehen. Als Bauingenieur hatte er die Aufschüttung der Palminsel in Dubai beaufsichtigt und die Stranderweiterung auf Sylt.
Den schönsten Platz um noch älter zu werden fand er hier: in der Eifel.
Außerdem – so sagte er – seien die Häuser einfach viel billiger als in den Niederlanden.

Eifelholländer

Eifelholländer

Clas mochte die verschlossenen Eifeler. Er war zu Beginn von Dorf-Tür zu Dorf-Tür gezogen und hatte sich vorgestellt. Auf dem letzten Weihnachtsmarkt hatte er den Nachbarn kostenlos ihre silbernen Eheringe poliert und aufgemöbelt. Das habe ihm die Herzen geöffnet, lachte Clas.
Silber schmieden und bearbeiten sei sein Hobby.

„Außerdem: Die Deutschen räumen dir den Schnee auf der Straße vor dem Haus weg, ohne dass du bezahlen musst“.
Auch ein Argument, hier zu wohnen.

Ich verabschiedete mich und folgte gehorsam meinem Navi, das mich jetzt durch eine Spargel-Landschaft lotste.

Windspargel

Windspargel

Kein Eifelblick ohne einen Windspargel am Horizont.

Ich war froh, als ich Kronenburg erreichte.

Keinem einzigen Menschen begegnete ich im alten Dorfzentrum.

Mauern ohne Menschen

Mauern ohne Bewohner

Am Ende meines Weges: ein Burghotel mit einem freien Einzelzimmer und einem Gourmet-Restaurant.

Und: mein erstes Himmelbett!

T137-Kronenburg-02-imp

Fensterblick!

eyes wide open

eyes wide open

Hunger.
Vorspeise: Wachtelbrüstchen an Spargelrisotto, Baconchips und Möhrenstroh. (Ausgesprochen fein.)

T137-Essen-01

Hauptspeise: Lammcarré mit Kräutern der Provence an Rotweinjus, Kartoffel-Rosmarin-Gratin, gegrillter Eifler Ziegenkäse, mediterranes Gemüse. (Extrem zart und saftig das Lamm. Jus sehr gut. Der Rest war Firlefanz.)

T137-Essen-02

Unterkunft: 90 Euro (ohne Frühstück).

Ein grenzenlos schöner Tag bis Heinsberg

Glück gehabt gestern! Gelaufen, bis der ganze Körper nicht mehr konnte, und dann diese wunderschöne Unterkunft gefunden. Mit Ausblick zur Maas.

Blick nach vorn

Blick nach vorn

Mit Rücktür zur Burg.
Ein alter Wachturm aus dem 10. Jahrhundert ist der Kern der Anlage.
(Gibt es neben Wachtürmen auch Schlaftürme?)
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage zur Ruine geschossen.

Blick nach hinten

Blick nach hinten

Von der Frühstücksterrasse zum Ufer sind es ein paar Stufen.

Frühstücksblick

Frühstücksblick

Kurz nach 9 Uhr aufgebrochen. Mein heutiges Ziel: zurück nach Deutschland, nach Heinsberg.
33 Kilometer Fußweg.

GPS-130-Kessel

GPS-Gesamtstrecke bis 130

Die Maas wieder mit einer Fähre gequert (1 Euro).

Ping Pong Fähre

Ping Pong Fähre

Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass dieser niederländische Fluss so pittoresk sein konnte.

Maas Romantik

Maas Romantik

Am anderen Ufer umschloss mich die Farbe Weiß.

Weite Wege Weite Felder

Weite Wege Weite Felder

Kilometerlange Blütenallee.

Die Farbe der Reinheit

Die Farbe der Reinheit

Nichts machen die Niederländer „klein“. Alles ist „big“!

Gigantische Spargelfelder, nicht enden wollende Obstplantagen, Tulpengewächshäuser, die in den Horizont hineinwachsen, Kuhställe so groß wie Flugzeugterminals, Einkaufszentren mit mehr Fläche als Kleinstädte.

Die Niederlande ist ein Masse-Land.
Small is beautiful, but small is not here.
(Habe z.B. nirgendwo einen kleinen Biohof gesehen.)

Den Menschen, denen ich in den Dörfern begegnete, sah man keine bäuerliche Herkunft an, auch wenn sie in der Landwirtschaft arbeiteten. Das war mir eigentlich in der ganzen Region Limburg aufgefallen. Die Bewohner wirkten eher wie Kaufleute, Angestellte von mittelständischen Unternehmen, Dienstleister, nicht aber wie Ackerer, Landwirte, Knechte. Schwielen an den Händen sah ich keine.

Vielleicht hängt dies auch mit der Größe der Höfe zusammen, die eher wie Industriebetriebe geführt werden.

Eine eingezäunt Mühle aus dem 17.Jahrhundert. Erbaut 1604!

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Die Ortsdurchfahrten in den Niederlanden sind oft durch „Drempels“ geschützt.

Sprachschön

Sprachschön

In deutscher Behördensprache sind das „Bremsschwellen“ oder „Fahrbahnschwellen“.
Die schönste Bezeichnung stammt aus Belize: „sleeping policeman“.
In Frankreich: „dos d’âne“: Eselsrücken.
In Mexiko: „tope“.
In den USA: „Mexican bumps“.
In Peru: „rompe muela“: Backenzahnbrecher.
Im Westfälischen: „Bremshuppel“.
In der Bundeshauptstadt: „Berliner Kissen“.

In manchen Ortschaften fühlte ich mich beobachtet.

Wer hat Angst vor Virginia ?

Wer hat Angst vor Virginia ?

Zwischenstation in der Stadt Roermond.

Hier mündet die Rur (Roer) in die Maas. Roermond ist ein Einkaufszentrum mit einem enorm großen Outlet-Center. 2,8 Millionen Besucher kommen jährlich zum Shoppen. Die meisten aus dem nahen Deutschland.

Die Straßen wirken britisch.

Is it british?

Is it british?

Durst: Heineken. Stolzer Preis am Marktplatz: 4,70 Euro.

T130-Bier-01

Habe mir sämtlich erreichbaren Biere beim Nachbarn durch die Kehle laufen lassen: Heineken, Amstel, Grolsch, Brand.
Fast alle schmecken sehr ähnlich. Süffig, leicht konsumierbar. Wenig Nachhall. Kaum eigener Charakter. Auf Massengeschmack getrimmt.
Einzige Ausnahme: Jan Hertog!

Wegheilige und Wegkreuze hätte ich in den eigentlich calvinistischen Niederlanden nicht erwartet.
Aber sie gab es überall, in den Dörfern und besonders auch in den Städten.

Katholische Niederlande

Katholische Niederlande

(Ich hatte mich mal wieder geirrt. Die Katholiken bilden mittlerweile die größte Religionsgemeinschaft im Land.)

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Sint Odilienberg. Eine Abtei (aus dem 11. Jahrhundert !), von der aus die Christianisierung der Niederlande betrieben wurde.

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Kurz hinter Posterholt: die Grenze war erreicht.
Antje saß auf einer großen Fritten-Tüte, ziemlich genau auf der Grenzlinie.
Sie sagte, sie käme vom niederländischen Tourismusverband und wolle von mir gerne wissen, wie mir das Land gefallen habe. Jetzt, da ich es verließe.

Antje will's wissen

Antje will’s wissen

Ich erzählte Antje, dass ich mich entschieden hätte ihre Landleute wirklich zu mögen!
Ich hätte ausnahmslos nette, aufmerksame, kommunikative und sehr hilfsbereite Menschen erlebt.
Von Vorurteilen und Vorbehalten hätte ich nichts gespürt.

Ob mich denn wirklich gar nichts gestört hätte?

„Doch“, antwortete ich: „Eine Sache gab es! Die Rudelbildung. Wenn du alleine an einem Tisch im Biergarten oder auf einer Restaurant-Terasse sitzt, kann es sehr schnell passieren, dass du ungefragt von einer Herde gut gelaunter und sich laut unterhaltender Menschen umzingelt wirst. Sie nehmen einfach an deinem Tisch Platz. Etwas, was in Deutschland, Spanien oder Frankreich nie geschehen würde.“
Am Anfang hätte ich das rücksichtslos gefunden, mich dann aber gefragt, ob meine Wahrnehmung falsch sei. Vielleicht ist das einfach nur „unkompliziert“.
Antje lachte.

„Ich finde Euch cool!“ schmeichelte ich ihr und verabschiedete mich.

Zwei Stunden fehlten noch bis Heinsberg.
Meine Fußsohlen brannten und ich hätte Lust gehabt, meine Füße in einem der vielen Baggerseen abzukühlen.

Der Maianfang fühlte sich bereits wie Sommer an.

Sommer im Frühling

Sommer im Frühling

Spring in the city

Spring in the city

Ankunft nach 9 1/2 Stunden. Erschöpft.

Die Auswahl der Restaurants in Heinsberg schwankt zwischen türkisch, griechisch, italienisch und italienisch griechisch, türkisch.

Ich wählte griechisch.

Hunger: Gegrillter Schafskäse (in Flüssigform). Pikant gewürzt. Gut.

T130-Essen-02

Dazu etliche Biere (Veltins), um mich herunter zu kühlen.

Unterkunft: 47 Euro.

Über Gräber und Umwege nach Kessel an der Maas

Schwer war es, ihn zu finden. Keine Schilder, niemand unterwegs, den ich fragen konnte.
Der deutsche Soldatenfriedhof bei Ysselsteyn liegt gut versteckt in einem kleinen Waldgebiet.

Einige Zehntausend Wehrmachtsangehörige sind hier bestattet. Viele Kreuze namenlos.

Einer = Einer zu viel

Einer = Einer zu viel

Eine eigenartige Friedfertigkeit herrschte in diesem Ort. Eine gänzlich andere Stille als auf normalen Friedhöfen.

Warum sind Soldaten erst friedlich, wenn sie im Grab liegen?

Viele sind Zu Viele

Viele sind Zu Viele

Stille.

Für was ?

Für was ?

Morgens um Viertel vor neun war ich in Venray aufgebrochen. Ich hatte mir den deutschen Soldatenfriedhof unbedingt ansehen wollen. Auch wenn er sehr weit von der Grenze entfernt lag.
An sie wollte ich danach wieder zurück.

Es wurden 41 lange Kilometer bis Kessel an der Maas.

GPS-129-Venray

GPS-Gesamtstrecke bis 129

Stundenlang lief ich Rad-Wege, die große Straßen begleiteten.

Perfektioniert

Perfektioniert

Meine Füße trugen mich weit und zielsicher. Ich selbst konnte mich nicht um den Weg kümmern, ich war in Gedanken versunken.
Heute war der 5. Mai. Kriegsende in Europa. Vor genau 68 Jahren.

Immer noch feiern die Niederländer diesen Tag mit Volksfesten: als Tag der Befreiung.

Warum wird in Deutschland nicht ebenfalls gefeiert? Auch für uns war es eine Befreiung!

Oder empfinden es manche immer noch als Tag der Niederlage? Der Schande?

Ich weiß es nicht.

Nach 10 1/2 Stunden stoppten mich meine Füße. Die Wanderung war für heute zu Ende.
In Kessel an der Maas.

Wunderschöne Flusslandschaft.

Schiffs Catwalk

Schiffs Catwalk

Abendpromenade

Abendpromenade

Hunger: Kabeljaufilet mit Tintenfischsoße. Interessante Kombination. Eigentlich gut, wäre da nicht der Firlefanz (Kraut und Rüben) drumherum gewesen. 21 Euro.

T129-Essen-02

Todmüde ins Bett gefallen.

Fränzchens Sonnengesang dröhnt bis Venray

In Kevelaer gibt es noch mehr Devotionalienläden als Pilger. Vekaufsschlager ist, neben dem Gnadenbild Marias, der Heilige Franziskus.
Das hängt wohl mit der Wahl des neuen Papstes zusammen.

Pope I

Pope I

Auf jeden Fall habe ich mir morgens um 10 Uhr ein kleines Fränzchen in den Rucksack gesteckt.

Es sollte mich die 24 km bis Venray in den Niederlanden begleiten.
(Was vielleicht nicht die beste Idee war: Den ganzen Tag sollte Fränzchen mich mit seinem Sonnengesang nerven.)

GPS-128-Kevelaer

GPS-Gesamtstrecke bis 128

Niederländiche Landschaft ändert sich eigentlich nie: ausgedehnte Felder, Bauernhöfe, kleine Ortschaften.

Geparkt

Geparkt

Ab und zu Pferdeweiden.

Gebändigt

Furyland

Eine nette kleine Fähre brachte mich auf die andere Seite der Maas.

Maasvoll

Maasvoll

Was für die Deutschen der Rhein ist, ist für die Niederländer die Maas.
Sie lieben ihren Fluss.

Frau am Steuer

Frau am Steuer

Ich hätte Lust gehabt, eine kleine Schippertour zu unternehmen und mich irgendwohin treiben zu lassen.

Maas ohne Überlaufventil

Maaslos

Ich hatte einen faulen Tag erwischt und musste mich zur Lauf-Disziplin zwingen. Trotzdem war Venray schnell erreicht.

Ein äußerst sympathisches Kleinstädtchen mit schönem Zentrum.
Ein herrlicher Frühlingsnachmittag!

Viele volle Maas

Keine Maas

Beim Bier war mir aufgefallen, dass sich Honoratioren der Stadt versammelten. Ich fragte die Kellnerin, ob eine besondere Veranstaltung geplant sei?

Sie wies mich daraufhin, dass heute der 4. Mai sei!
Bei Sonnenuntergang würde im ganzen Land der Toten des Zweiten Weltkrieges gedacht. Am Vorabend der Befreiung der Niederlande.

Eine sehr würdige Veranstaltung.

Respect I

Respect I

Veteranen, die einst gegen das Hitler-Deutschland gekämpft haben.

Respect II

Respect II

Für mich überraschend, wie stark die kurze militärische Zeremonie besucht war.
Und wie lebendig die Erinnerung gehalten wird.

Respect III

Respect III

Am Fuß des Mahnmals der Weltkriegstoten brannte eine Kerze für die neuen Toten der neuen Kriege.
(Es hört einfach nicht auf!)

Respect IV

Respect IV

Hunger:
Köstliche Tapas, die – um es mit Loriot zu sagen – auf ziemlich übersichtlichen Tellern serviert wurden.

T128-Essen-01

Unterkunft: 70 Euro.

Larsens Weihwasser-Wallfahrt nach Goch

Hügel fühlen sich schon mit 50 Höhenmeter wie Berge an.
Offenbar bin ich zu lange im Flachland gelaufen. Kam heftig ins Schnaufen, als ich Nijmegen Richtung Süden verließ und die ersten Bodenwellen überwinden musste.

50 Meter Giganten

50 Meter Giganten

„Berg en Dal“ hieß anfänglich die Straße, die mich von Nijmegen Richtung Goch (Deutschland) führte, 35 km entfernt.

GPS-126-Nijmegen

GPS-Gesamtstrecke bis 126

Wie schön, mal nicht zu sehen, was mich auf den nächsten Kilometern landschaftlich erwartete. Es ging hügelig weiter.

In einer Kurve überholte ich Lars.

T126-Wallfahrer-01

Wohin er mit seinen leeren Eimer ginge?, neugierte ich.
Nach Deutschland – nach Goch„. (Ausgesprochen wie „noch“ nur mit „g“.)
Was er da wolle?
Weihwasser holen!

Warum und wieso, das erzählte mir der Junge nicht. Lars redete nicht gerne.
Ich wusste, dass Goch erst vor wenigen Jahren mit päpstlichem Segen zu einem neuen katholischen Wallfahrtsort aufgestiegen war. Viel mehr aber auch nicht.

In den Vororten Nijmegens auffallend häufig Verkaufsschilder vor den Häusern. (Niederländer sagen „zu kaufen“ (anpreisend!), während Deutsche etwas „zu verkaufen“ (wertlos geworden!) haben.)

Ausverkauf

Ausverkauf

Immerhin das erklärte mir Lars. In den Niederlanden sei es sehr leicht, an Bankkredite zu kommen. Häuser werden häufig zu hundert Prozent über Kredite finanziert (Als Sicherheit bürge das Objekt selbst). Nach Scheidung oder Jobverlust könnten viele Niederländer die Raten nicht mehr zahlen. Das sei gerade ziemlich schlimm.

Droht da dem nächsten Land eine Immobilienblase?

Lars war überhaupt ziemlich klug für sein Alter.

Die deutsche Seite war rasch erreicht. Nette kleine Grenzorte.

Dicker Turm

Dicker Turm

Ich war mir nicht sicher, ob ich immer noch durch das Münsterland lief. Auf jeden Fall, die Gegend war ziemlich katholisch. Und sie zeigte es!

Jeder, der Kranenburg betrat oder befuhr, musste erst einmal zu Kreuze kriechen.
(Oder zumindest um das Riesending am Stadteingang herumkommen).

Dem Kreuz entkommt niemand

Dem Kreuz entkommt niemand

Hinter dem Städtchen ging’s ab in den „Reichswald“. Ein Staatsforst. Wohl das größte zusammenhängende Waldgebiet Nordrhein-Westfalens.

Frühlingsbegrünung

Frühlingsbegrünung

Welch ein Genuss, nach Deichlandschaften, Sand, flachen Schafsweiden und Bodenwellen mit ein paar Heidebüschen wieder durch Baumlandschaften zu spazieren!
WALD!!!

Hätte ich die Gabe vorbeiflatternde Schmetterlinge zu fotografieren, diese Seite wäre voll damit!
„Hüpfendes Laub“ nannte Lars die Flugkünstler, die in der Tat kaum von welken und heruntergefallenen Herbstblättern zu unterscheiden waren. Nur, dass sie eben in der Luft tanzten.

Welch ein Genuss, wieder geschnittenes Holz zu riechen!

Wenn man Bilder riechen könnte

Wenn man Bilder riechen könnte

Am frühen Nachmittag sah ich zwei ältere Herren einigermaßen orientierungslos um einen Haufen fauliger Blätter herumlaufen.
Es waren niederländische Pensionäre, die, wie sie mir in schönem Rudi-Carell-Deutsch erklärten, eine GPS-Schnitzeljagd unternahmen.

Fitte Senioren

Fitte Senioren

Mittels eines GPS-Gerätes und vorher im Internet recherchierter Koordinaten suchten sie einen Behälter, den jemand hier irgendwo versteckt hatte und der eine für sie bedeutende Nachricht enthielt.
„Geocoaching“ nannte sich dieser Zeitvertreib wohl. (Ganz begriffen habe ich es noch nicht).
Die beiden Senioren schienen glücklich damit.

Ein GPS-Gerät hätte ich bei meiner Wanderung durch den Klever Staatswald gut gebrauchen können. Es gab nämlich keine ausgeschilderten Wege durch den Forst.

Mehrmals stand ich überraschend vor Hindernissen, die ich nicht einfach niedertrampeln wollte!

No Go

No Go

Also musste ich einige Male Umwege gehen, um offene Gatter zu finden.

Renaturiert

Renaturiert

Der Wald wird vom Flüsslein Niers begrenzt.
Ein ehemals begradigter Bach, jetzt aber wieder mit viel Aufwand renaturiert.
Die Biber freut’s.

Lumber for Biber

Lumber for Biber

Stadt, Feld, Fluss: abwechslungsreich die Landschaft im Westfälischen.

1000 Furchen führen zum Ziel

1000 Furchen führen zum Ziel

Gegen 18 Uhr erreichten Lars und ich endlich Goch. Der Niersbach führte uns direkt zur Wallfahrtskirche.

Beeindruckend schlicht

Beeindruckend schlicht

Lars erklärte mir, dass Goch der jüngste Wallfahrtsort in Deutschland sei. 2003 war der Missionar Arnold Jannsen, der in dieser Kirche getauft worden war, von Papst Johannes Paul II heilig gesprochen worden. Das Städtchen Goch wurde dann 2008 zum Wallfahrtsort erhoben.

Heiliges Eck

Heiliges Eck

Seitdem kamen (an Seele oder Körper) gebrechliche Menschen hierher, um sich durch ein Wunder heilen zu lassen.

Ob das Weihwasser wirklich solche Kraft hat?
Lars bejahte das. Er sollte es schließlich für seine kranke Mutter holen. (Immerhin, dieses Motiv seiner Wallfahrt nannte er mir!)

Holy Water

Holy Water

Ich hatte genug von derlei Geschichten und außerdem Hunger. Lars durfte auswählen.

Er bestellte Wiener Schnitzel mit Pommes. (Wie alle Niederländer die nach Deutschland reisten, sagte er!) (Qualität: Na ja!)

T126-Wallfahrer-02

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).