Emmas Tanten kehren im Kleinlader nach Löcknitz zurück

Von mir unbemerkt, habe ich irgendwo auf meiner heutigen Tour Brandenburg verlassen und Vorpommern betreten.
Die Ostsee zum Riechen nah.

Auf den Wegen lagen ab und zu zerbrochene Schalen von Miesmuscheln. (Ob See-Möwen sie heruntergespuckt hatten? Oder Enten, die sie ja angeblich in Flussmündungen auch als Delikatesse verspeisen?)

Kirchen am Wegrand mit aufgesetzten Holztürmchen.

Imposante Bauwerke

Um 9 Uhr war ich in Penkun aufgebrochen.

Penkun hatte nichts zu bieten außer einer guten Apotheke (Eisspray für mein Knie und Voltaren).
Ich bewegte mich schnurstracks Richtung Norden. Den Oder-Neiße Fahrradweg hatte ich verlassen und schlug mich, schmalen Straßen folgend, durchs flache Land (stimmt gar nicht – es wurde langsam wellig!).
Ca. 21 km bis Löcknitz.

GPS-Gesamtstrecke bis 061

Die Dörfer immer kleiner und verlassener. Aber stets proper aufgeräumt, die Vorgärten wie aus dem Zwergenparadies, der Mini-Rasen völlig Unkraut frei.
Wer Stille sucht zum Sterben, sollte sich hier einquartieren. (Nur jäten, das muss jeder, in jedem Alter!)

Typisches Vorpommern Dorf: Still, leise, ruhig

Wenn einmal Verkehr, dann Fahrradfahrer. Aber nicht die High-Speed-Rennfahrer-Touristen, sondern Omis und Opis. Ziemlich sicher unterwegs zu ihrem Mittagstisch.

Großmutter hat immer Vorfahrt

Noch immer (oder wieder?) gab es in manchen Ortschaften Gaststätten, die einen Mittagstisch anboten.
Ein Minimenü für 4 Euro. Kein Wirtshausbesucher, keine Wirtin unter 60.

Alten- und Puppenstube

In dieser Stube gehörten nicht nur die (imitierten) Hummel-Figuren zum Inventar, sondern auch die Gäste. Witzige Alte, die sich gegenseitig mit Späßen aufzogen.
Jureks (schätzungsweise 70) Tischgenossin (schätzungsweise 75) wollte ihrer Freundin (ähnliches Alter) etwas heimlich zuflüstern, was Jurek aber ärgerte. Er riet seiner Tischgenossin: „Geh doch gleich in den Sarg, da hört dich niemand!“

Das Dörfchen Glasow war Bäcker, Metzger und Tante Emma frei. Nichts gab es, außer einem kleinen überdachten Rastplatz. So sonnenbeschirmt, wartete ein älterer Herr, mir freundlich und interessiert zulächelnd.

Warten auf Godot (den Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler)

Vor seiner Pensionierung war er Schweinehirt. Jetzt lebte er allein und gelassen in den Tag hinein. Er sprach zufrieden. Er erklärte mir, dass er jeden Freitag um die Mittagszeit auf dieser Bank saß und wartete. Auf Tante Emmas rollenden Kaufladen. Bald würden auch noch ein paar in die Jahre gekommene Damen mitwarten.

Das rollende Einkaufszentrum

Gegen 1 Uhr rollte dann ein Konvoi von 3 Kleinlastern an. Ein Bäcker, ein Metzger und ein Obst- und Gemüsehändler. Eine halbe Stunde Aufenthalt und dann würde der Versorgungskonvoi zur nächsten stillen Ortschaft aufbrechen.

Fleischer und Altenflüsterer

Ich fragte den jungen Fleischermeister, ob sich das für ihn rentieren würde? „Klar“! war seine Antwort. Die Herrschaften würden sehr viel kaufen – für die ganze Woche. Das Geschäft laufe hervorragend. Ein netter junger Mann, der auch gerne den sich wiederholenden Geschichten seiner Kundschaft zuhörte. Die Käufer mochten ihren Altenflüsterer.

Polen lag nicht weit weg, aber doch war überhaupt nichts von einem Grenzland zu spüren. Die Menschen lebten eingesponnen ihn ihren kleinen Welten. Was über dem nächsten Hügel lag, interessierte die meisten eher wenig.

Die Landschaft nun nicht mehr rapsgelb, eher weizen- und roggengrün.

Grün als Flächenfarbe ist eher langwelig

Wer aufmerksam schaut, sieht die Kirchturmspitze am Horizont. Das nächste verschlafene Nest nicht mehr weit.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich Löcknitz. Es fing an zu regnen und ich verließ das Hotel (am See) nicht mehr.

Durst: das übliche Radeberger Bier.

Hunger: Schnitzel mit Spargel. In Ordnung. Mit 13,90 Euro aber ziemlich überteuert.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Ein mit Frühling geschmückter Weg nach Groß Neuendorf

Zeige deine Hände

Ich habe schon verbrannte Menschenkörper gesehen (im Bürgerkrieg in Haiti) und diese angekokelten Handschuhe kamen dem sehr nah. Ich erschrak mich.

Das Bild passte zur Situation. An diesem Ort, an dem jemand kürzlich ein Lagerfeuer entzündet hatte, befand sich einst das historische Zentrum von Küstrin. Lange war Küstrin die Hauptstadt der Neumark gewesen. Mit wunderschönen Bauten.

Heute ist die Altstadt ein Trümmerfeld. Immer noch. Zu Kriegsende während einer 3monatigen Belagerung durch die Rote Armee vollständig zerschossen. Nach dem Krieg ließ dann die polnische Regierung die alten Steine nach Warschau karren, um mit ihnen die Hauptstadt wieder aufzubauen.

„Polnisches Pompeji“ wird Küstrin genannt. (Müsste es nicht „Deutsches Pompeji auf polnischem Boden“ heißen?)

Polnisches Pompeji

Ein paar Straßen sind wieder gepflastert. Gespenstisch die Stimmung. Wiesen und Bäume, wo einst mehrstöckige Häuser dicht an dicht klebten, Menschen an Geschäften vorbei flanierten und Autos knatterten.

Gras wächst über keiner Geschichte

Stehengeblieben sind nur einige wenige Teile der berühmten Festung (in der einst der Große Fritz inhaftiert war und sein Jugendfreund Katte hingerichtet wurde).
Zumindest die Fassade ist wieder restauriert.

Im Bombenfest bombenfest. (Der Kalauer musste sein!)

Um 10 Uhr morgens dann von der Trümmerlandschaft zu meinem Tagesziel aufgebrochen: Groß Neuendorf auf der deutschen Oder-Seite. Ca 28 km entfernt.
(Entlang des polnischen Ufers lag das nächste Dorf mit Unterkunft einfach zu weit weg.)

GPS-Gesamtstrecke bis 056

Der Morgen kämpfte noch mit Nebel und Wolken.

Welch herrlicher Fluss ist die Oder

Altarme (passt auch in anderem Sinn: alt und arm)

Aber schon bald wurde es fast hochsommerlich.
Der Frühling begleitete mich mit herrlichen Temperaturen.

Ich lief den Oder Damm entlang. Stundenlanges Geradeauslaufen. Ab und zu überholten mich – dort wo der Weg geteert war – ein paar Fahrradfahrer. Meist Paare. Entweder ein in die Jahre gekommenes Ehepaar (das dann später im Restaurant eine Anschweigetherapie machte) oder eine ca. 50jährige Frau mit ihrer über 70jährigen Mutter (die später im Restaurant unentwegt gesprächstherapeutisch schnatterten, um irgendetwas zu „klären“).

Auf der anderen Seite des Damms schöne Kulturlandschaften in Gelb getaucht.

Wenn nur der käsige Raps-Geruch nicht wäre

Fenster aufmachen und Lüften nutzt hier ja auch nichts!

Gegen 18 Uhr erreichte ich Groß-Neuendorf. Ein kleines ehemaliges Fischerdorf, das heute fast ausschließlich vom Fahrradweg Neiße-Oder und den Sommerfrischlern lebt. Sogar ein Hotel gibt es: ein altes Maschinenhaus, zur Bettenburg umgewidmet. Schön!

Ungewöhnlich

Durst: Erdinger Hefeweizen (3,50 Euro).

Hunger: Forelle Müllerin mit Kräuterkartoffeln. 12,50 Euro. (Forelle war frisch und auf den Punkt gegart. War mit Petersilie gefüllt, die erst zum Schluss ihr Aroma auf den Fisch übertrug. War insgesamt gut, hatte aber unterwegs schon bessere gegessen.)

Unterkunft: teuer!

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.

Frontberichte entlang der Neiße verfolgen mich bis Guben

Beim Frühstück kam mein Herbergsvater aufs Thema: „Hier stand die Front!
Ich hatte ihn eigentlich nur danach gefragt, warum Forst so ausgesprochen hässlich aussah.

Forst hatte vor dem Krieg einen Stadtteil (7 000 Einwohner) östlich der Neiße. Zu Kriegsende verschanzten sich dort die Russen und feuerten auf die Kernstadt.
Dort saß wiederum die Wehrmacht und ballerte zurück.
Das Ergebnis: Der Stadtteil, der heute auf polnischem Gebiet läge, existiert nicht mehr. Er wurde von der Wehrmacht dem Boden gleich gebombt.

Brückenruinen im Neiße-Bett:

Brücken sind dafür gedacht zu verbinden

Das alte Zentrum von Forst ist heute eine grässliche Ansammlung von Plattenbauten.

Mein Herbergsvater gab mir dazu und zu den polnischen Nachbarn folgende Erläuterungen:

  • Die DDR hat nie Interesse an Wiederaufbau gehabt. Im Gegenteil, sie hat immer hemmungslos weiter abgerissen und dafür die Plattenbauten hingerotzt.
  • Auf polnischer Seite war das im Landesinnern zumindest völlig anders. Da wurden vormals deutsche Städte wieder aufgebaut.
  • Nur im direkten Grenzstreifen zu Deutschland wurde nichts investiert. Alle glaubten, die vertriebenen Deutschen kämen irgendwann zurück. Das änderte sich erst mit dem Kniefall Willy Brandts. Ab da gewannen die Polen Vertrauen, dass sie das Land dauerhaft besitzen und bewirtschaften konnten. Langsam, ganz langsam begännen die Polen nun auch auf ihrer Neiße Seite zu investieren. Trotzdem sähe es da an manchen Orten immer noch aus wie direkt nach 1945.
  • Mittlerweile kauften wohlhabende Polen sogar einige der noch existierenden Gründerzeitvillen in Forst und restaurierten sie. Die Jugend und die gut Ausgebildeten seien schon lang aus Forst weg in den Westen. Damit auch das Geld. Wobei – gerade herrsche hier wieder Mangel an Arbeitskräften.

Ich dankte ihm für die kurze Einführung in die Geschichte Forsts. An den Grenzen sind die Narben der Geschichte besonders hässlich. Wieder wurde mir das drastisch vor Augen geführt.

Ich machte mich um 9 Uhr auf den Weg nach Guben. 34 km lagen vor mir.

Die Neiße änderte einfach nicht ihr Gesicht. Fast jeder Kilometer sah gleich aus.

Wer zweimal in den selben Fluss guckt, sieht doch immer denselben

Rote Milane am Himmel und in den Wiesen gefiederte Stelzengänger.

Kraniche (?) fischen im Schwarm

Auch Schwäne suchten nach etwas Essbarem.

Ich hab' noch nie Schwäne singen hören

Ab und zu eine Gruppe plaudernder Birken.

Bäume stehen im Rudel

Manchmal seltsame Rindviecher auf den Wiesen.

Bullen sind einsam

Es begann zu regnen. Aprilwetter. Ein alter Bauer (zumindest roch er danach) radelte an mir vorbei, grüßte und verlangte Auskunft, was ich hier herumlaufe. Ich erklärte es ihm.
Er fragte mich, ob ich keine Arbeit hätte, dass ich so viel Zeit zum Herumlungern verschwenden würde, ob ich keine Frau und keine Kinder versorgen müsste?
Ich schilderte das Notwendigste.

Dann fing er ohne Vorwarnung an von der Front zu sprechen.

Acht Wochen seien die Russen hier an der Neiße gestanden. Sein Dorf sei da drüben (im jetzigen Polen) gewesen. Sie seien vor den Russen geflohen. Schon am 2. Mai 1945 – bevor der Krieg offiziell vorbei gewesen war – sei er wieder zurück in sein Haus, das noch stand. Am 17. Mai sei dann die polnische Armee eingerückt. Innerhalb von Minuten habe er alles verloren. Nicht einmal einen Löffel habe er mitnehmen können. Am 17. Juni sei seine Cousine dort drüben erschossen worden.

Er schaute zu Boden, als er mit mir sprach. Er wirkte fast scheu. Er wollte reden. Dann kam der ganze Hass heraus, den er empfand. Er schimpfte über die Polen. Dann über die Alliierten, die sie im Stich gelassen hätten. 15 Millionen Vertriebene, die sich eine neue Heimat hätten aufbauen müssen. Ein Unrecht, dass nie wieder gut zu machen sei. Er hörte gar nicht mehr auf.

In den alten BRD-Ländern hätte man ihn einen Revanchisten genannt, in der DDR war er vermutlich ein Schweiger, heute ist er wahrscheinlich NPD-Wähler.

Und doch tat der Alte mir leid. Er stand vor mir, ungepflegt, seine weißen Brusthaare quollen aus dem blauen Hemdausschnitt, seine buschigen Augenbrauen ließen kaum seine traurigen Augen erkennen. Er erzählte mit gesenktem Blick seine persönliche Geschichte und zitterte in seiner Erinnerung. Alles hätten sie in seinem Dorf gehabt: 2 Bäcker, 1 Tischler, 1 Schlachterei, 1 Schule. Alles sei gut gewesen.

Als ich ihn fragte, ob er manchmal nach drüben ginge, die Grenze sei doch offen, giftete er mich an: Niemals!

Was dieser Krieg und diese verdammte Nazi-Gesellschaft angerichtet haben! Wieder lief ich durch schwieriges Terrain. Und mir wurde klar, dass ich bald auf der polnischen Seite weiter wandern musste.

Um 5 Uhr nachmittags erreichte ich Guben. Ich hatte zwei Stunden Kampf gegen Regen, Sturmböen, Hagel und jetzt auch noch Schnee hinter mir und war erschöpft.

Schnee im April gehört amtlich abgeschafft

Durst: Becks-Bier (Es gibt offensichtlich keine Regionalbrauereien in diesem Teil von Brandenburg).

Hunger: Ich war zu müde mir ein Restaurant zu suchen. Im Hotel war eine von Einheimischen gut besuchte Cocktail-Bar und ich aß ein paar Snacks. U.a. Kartoffelpuffer mit Graved Lachs. War okay.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Diotima flieht vor lüsternen Greisen mit mir nach Bad Muskau

Fesch und dynamisch die neue Landarztgeneration

Diotima nannte sich die Ärztin und wollte nur noch raus aus Rothenburg. Ich hatte sie um 9 Uhr morgens zufällig vor der Apotheke getroffen. Meine Knie schmerzten immer noch und ich hatte mir Voltaren besorgen wollen. Aber vor mir drängelten sich tippelnd zwei Dutzend greiser Menschen, deren erster Gang sie morgens nicht zum Bäcker führt, sondern in die Apotheke.

Blutdrucksenker, Blasenteststreifen, Cholesterinsenker, Pillen gegen Panikanfälle, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Windeln wg. Inkontinenz … und ich kam und kam nicht dran.

Also drehte ich um und Diotima sprach mich plötzlich auf der Straße an, was ein junger Mann (sie war wohlerzogen!) denn in der Alten-Apotheke wolle? „Voltaren!“ sagte ich – „und dann schnell weg von hier“.

„Genau wie ich“, stimmte sie ein, „schnell weg! Nimm mich mit!“

Okay. Ich tat es.

Unterwegs fragte ich sie, warum sie denn so fluchtartig Rothenburg verlasse.

Sie bedeutete mir, dass sie seit 3 Jahren hier als Landärztin arbeite. Sie habe es gemacht, um überhaupt eine Praxis eröffnen zu können. Sie habe aber nicht geahnt, dass sie es ausschließlich mit Greisen zu tun haben würde – und mit lüsternen noch dazu. Jede zweite Woche bekäme sie einen Heiratsantrag von einem Methusalem und der wolle gleich noch einen Freifahrschein für Viagra.
Jetzt sei es genug!

Ich verstand.

Wir liefen zusammen los. 41 km weit, bis nach Bad Muskau. Immer links der Neiße.

GPS-Gesamtstrecke bis 050

In ihrem Unterlauf wurde der Grenzfluss ansehnlicher, manchmal richtig schön. Nur das Wetter war es nicht.

Auch sie mäandert

Der Himmel verhangen, der Wind kalt, als würde es herbsten und nicht Frühling werden. Ich war wieder dick eingepackt.

Schöne Waldwege

Bisweilen verließ der gut ausgebaute Wander und Fahrrad-Weg den Neiße-Damm und führte mal durch Nadel-, mal durch Mischwald. Absolute Stille bis auf gelegentliches (kurz und gepresstes) Vogelgezwitscher (Kohlmeisen?).

Manchmal kam Wind auf, dann rauschte es im Wald. Aber was rauschte da?
„Blätterrauschen“ konnte es nicht sein – die Bäume waren kahl.
„Nadelrauschen“ der Tannen? Nee.
Einige Laubbäume zeigten die ersten Triebe. Also „Triebrauschen“?
Das Wort gefiel mir. Ich muss unbedingt im Duden nachschlagen, ob es den Ausdruck schon gibt, wenn nicht, werde ich mir die Urheberrechte sichern.

Es behagte mir, allein durch den Wald zu strolchen. Es muss ein deutsches Gen für Genuss von Waldeinsamkeit geben. Ich besaß es wohl ebenfalls.
Auch wenn es ein Allerwelts-Wald war, ich schritt fast andächtig durch ihn durch.

Mir kam eine Passage aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in den Sinn, in der sich eine schwärmerisch veranlagte junge Dame namens „Diotima“ (sie hieß so wie meine Ärztin – welch ein Zufall) besonders poetisch und romantisch ausdrücken will:
„Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben“ ?!
Der sinngemäße Kommentar ihres Begleiters Ullrich: „Die staatliche Forstindustrie“!

Geschenkt, ich war trotzdem ergriffen.

Und ich stellte mir eine unsinnige Frage. Kann ein Wald Sonnenbrand bekommen? Mein Nadelwald, den ich gerade durchlief, war jedenfalls im oberen Stammbereich intensiver braun gefärbt als im unteren.

Können Wälder Sonnenbrand haben ?

Noch etwas war eigenartig in diesem Wald. Alle paar Meter sah ich Baumstämme wie Totempfähle. Irgendjemand macht irgendwas mit der Rinde. (Rindenschnitzer? Rindendiebe? Baumschänder?)

War Winnetou hier ?

Gut, ich geb‘ zu, ich phantasiere. Vielleicht tut Waldeinsamkeit nicht jedem gut.

Aber kaum aus dem Wald raus, erregte in einem kleinen Dorf schon wieder etwas meine Phantasie: ein Denkmal, dem 1870/71 Krieg gewidmet. Die Widmung endet mit: den „gebliebenen Kriegern“

Wessen Erinnerung geht zurück bis 1871 ?

Welch ein Wort: „Krieger“: Das klingt nach Samurei, Komantsche, Kreuzritter, nach Ernst Jünger.
Jedenfalls ehrlicher als „Soldat“! (Als würde der nur wegen des Solds in den Krieg ziehen.)

Ganz nebenbei fragte ich meine Diotima (die Ärztin), ob sie nicht ein wenig Voltaren dabei habe, immer noch schmerzten mich meine Knie. Ich hatte meinen „Fünfer-Schritt“ drauf: Fünf Kilometer pro Stunde. Aber es war erst die Hälfte der Strecke geschafft: 21 km seit Rothenburg. 20 km noch bis Bad Muskau.

Halbe Wegstrecke

Ich bat Diotima dringlich mir keinesfalls mit einer Therapie zu kommen, die da lautet, weniger Bier zu trinken und Fleisch zu essen (wie Gabi mir neulich in einem Blog-Beitrag vorgeschlagen hatte).

Diotima musste lachen, kramte Voltaren aus ihrer Tasche und rieb mir die (jetzt frierenden) Knie ein.

Langsam bekam ich Hunger, hatte aber das Pech (wie eigentlich immer auf meiner Wanderung), mich am falschen Tag, zur falschen Uhrzeit oder außerhalb der Saison zu bewegen. Zwei Uhr schlug die Kirchturmglocke – und dieser Krämerladen würde erst in einer Stunde öffnen. Tante Emma schlief wohl noch.
Also hungrig weiter!

Zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort

Begleitet von Häme.

Und dann noch blasierte Blicke kassieren!

Das Wetter schlug endgültig um. Orkanartige Windböen, sogar kleine Schneeflocken mischten sich in den immer stärker nervenden Regen. Trotz frierender Hände musste ich noch ein Foto einer ungewöhnlichen Kapelle machen: Eine Fachwerkkapelle, das hatte ich noch nicht gesehen.

Fachwerksschönheit

Ab jetzt hieß es: gegen Gegenwind und Regen anlaufen.

Verdammt nass !

Diotoma fror und wurde immer schweigsamer. (Bereute sie ihre Entscheidung?)

Falsch gewandet

Gegen halb sechs erreichten wir endlich Bad Muskau. Völlig platt. Aber meine Knie hatten gehalten.

Die einfachen Gasthöfe waren geschlossen (noch keine Saison!). Die einzige offene Unterkunft, die ich im Zentrum fand, war ein Kurhotel.

Durst: Landskron Pils. Es gibt tatsächlich seit langem nichts mehr anderes. Die Bierbrauer-Dichte nimmt bedenklich ab.

Hunger:
Vorspeise: Schlesische Biersuppe mit Graubrot (4,50 Euro). Interessant. Auf Schwarzbiergrundlage. Leicht süßlicher Grundton. Eigentlich mag ich keine gebundenen Suppen, aber die war fein.

Hauptgericht: Klittener Karpfenfilet unter einer Traube-Speck-Kruste mit Kräuterkartoffeln und Champagnerkraut. (14,50 Euro). Klang besser, als es schmeckte. Die Kruste überdeckte völlig den Fischgeschmack.

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar, das sich die ganze Zeit anschwieg. Nur die Dame schien telepathische Fähigkeiten zu haben und die Gedanken ihres Mannes lesen zu können. Alle paar Sekunden stimmte sie ihm mit einem bestimmten und gut hörbaren „hmmm!“ – zu.
Das „hmmm!“ so kurz und knarzend herausgepresst, fast wie ein „Ja!“.

Ich war erst irritiert, weil ihr Ehepartner ja nichts äußerte, aber das „hmmm!“ kam so regelmäßig, dass ich an mir zweifelte und genau aufpasste, ob ihr Mann nicht doch irgendwie zu ihr sprach.

„hmmm!“

Ich konnte nichts feststellen. Er schwieg. Aber sie stimmte ihm ständig zu.
„hmmm!“

Auf Dauer machte mich das kirre. Ich war froh, wenn draußen ein Auto (besser ein Lastwagen) vorbeifuhr, um dieses „hmmm!“ zu ersticken.

Und ich hörte es doch!

Ich bat Diotima um Q-Tips, um wenigstens mein Abendessen ungestört genießen zu können, aber Diotomia verstand mich nicht, sie hatte sich schon die Stöpsel ihres Stethoskops in die Ohren gesteckt.

„hmmm!“

Um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen, verlangte ich die (zu teure) Rechnung und verabschiedete mich Richtung Bett.

Kaum geduscht und unter der Decke, drang aus dem Nachbarzimmer ein herzhaftes und bestimmtes „hmmm!“ zu mir.

Mir wurde klar, dass das eine furchtbare Nacht werden würde. Und zum erstmal während meiner Wanderschaft befiel mich der Blues.
„O Lord, O Lord have mercy!“ summte ich mich in den Schlaf (frei nach Janis Joplin).

„hmmm!“

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Kurzer Schnupperausflug nach Polen und ein langer Weg nach Rothenburg

Auf der deutsch-polnischen Brücke: Blick zur Altstadt von Görlitz.
(Wie ist eigentlich der Genitiv von Görlitz? Görlitz‘? Görlitzes? Görlitzs?)

Über diese Brücke musst du geh’n!

Grandios wie diese Stadt daliegt. Früher gehörte der jetzt polnische Teil auch dazu. Nach dem Krieg waren sämtliche deutschen Bewohner „ausgesiedelt“ worden (DDR-Sprech).

Auf der jetzt polnischen Seite wird gerade kräftig restauriert. Die Uferzeile wird sehr schön werden. Zgorzelec heißt die Stadt.

Über 7 Brücken verfügt Görlitz nicht. Aber es reicht zur Völkerverständigung.

Mit dem deutschen Tempo kommen die Polen allerdings nicht mit. Haben ja auch keinen „Soli“ zum Aufbau West zur Verfügung. Weiter drinnen in Zgorzelec sieht es eher trist aus.

Dennoch, schon beim Gang über die Brücke ist zu spüren, dass hier etwas zusammenwächst. Mich beschlich eine eigenartige Stimmung. Ich hatte das Gefühl, ohne Polen bislang wirklich betreten zu haben, dass diese Grenze viel weniger trennt als die deutsch-tschechische. Ich kann nicht erklären, warum. Beide Grenzen existieren im praktischen Sinne nicht mehr. Aber in Tschechien ist sie doch jederzeit wie eine unsichtbare Barriere spürbar. Hier empfand ich nichts Vergleichbares.
Vielleicht war ich aber einfach nur gut drauf.

Aus der Görlitzer Seite riefen mir 2 Arbeiter Grüße zu. Sie waren gerade dabei Sprenglöcher in einen alten baufälligen Industrieschornstein zu bohren. Bald wird das Monument fallen.

Könnte jetzt über Männlichkeits-Symbolik dozieren…

„Görlitz hat die schöne Altstadt (samt Rentner), aber Zgorzelec die Jugend.“ Dieser viel zitierte Satz scheint zu stimmen. Auch wenn ich von der polnischen Jugend an diesem Morgen (9 Uhr) noch wenig sah. Mein Tagesziel war Rothenburg, 29 km entfernt. Den Großteil der Strecke wollte ich auf polnischer Seite gehen.

GPS-Gesamtstrecke bis 049

Niederschlesien, so hieß die Gegend früher, ist sehr dünn besiedelt. Die Dörfer klein, nicht arm, aber doch ärmlich.
Kein Vergleich mit den manchmal geschleckten Ortschaften westlich der Neiße.

Could have been nicer an der Neiße!

Ich liebe Verfall!

Der Blick „rüber“ auf die Westseite zeigt das Wohlstandsgefälle sofort. Drüben ist zumindest die Fassade poliert.

Sichtbares Wohlstandsgefälle

Hier – auf der polnischen Seite – ist das Hinterland noch erkennbar „ländlicher“.

Polnischer Cowboy stellt um auf Ackerbau

Witzig das Briefkastensystem. Der Postbote kommt nicht ins Haus. Nur in die Straße!

Ordnung ist das halbe Leben.

Ein etwas größeres Dörfchen leistet sich ein verkehrsberuhigtes Zentrum.

I ride my bicycle

Noch dominiert die Plattenbau-Ästhetik.

So klein der Mensch gegenüber der Architektur

Auf halber Strecke querte ich die Neiße wieder zurück nach Deutschland. (Auf polnischer Seite gab es keine Übernachtungsmöglichkeiten, sonst wäre ich dort geblieben.)

Der Grenzfluss schwamm behaglich vor sich hin und wärmte sich in der Märzsonne.

Neiße-Alltag

Nach 7 Stunden Durchmarschieren lag Rothenburg vor mir. Inmitten riesiger industriell bestellter Felder. Latifundien mit dazugehörigen Dörfern.

Grün eingebettet

Das Kaff war so tot, wie der Tod gar nicht sein kann. Es hatte aber ein fantastisches Restaurant inmitten eines extrem weitläufigen Sozial-Zentrums (für behinderte und benachteiligte Menschen).
(Verdient der gehobene Sozialdienst doch so gut?)

Fantastisch gegessen (wenn auch ziemlich teuer). Antipasti und dann ein exzellent zubereitetes Lamm.
Den Preis verrate ich nicht. (War ja auch noch ein guter Wein (Morellino di Scansano) dabei.

Hab‘ gut geschlafen.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Schweigeengel Eugenie hält das Wort bis Görlitz

Klösterlicher Dunstschleier

Früh aufgestanden, um einen jungfräulichen Blick vom Kalvarienberg auf das Kloster zu werfen.
Schön wie das monasterio daliegt! Nur die Nonnen suchen selten dieses Vergnügen. So gut wie nie verlassen sie die Klostermauern.

Gut: Ich hatte den jungfräulichen Ausblick und die Schwestern ihre Jungfräulichkeit hinter beschützenden Mauern.

Dann noch ein Klosterfrühstück (von Männern serviert) für 7 Euro (Bio!).

Vom Orden der Schweigeengel

Er stand auch auf meinem Tisch: Glücksengel Eugenie. Ich wollte ihn eigentlich übersehen.
(Warum sage ich immer „er“/“der“ Engel, wenn es doch eine „sie/die“ ist?)
Er/Sie war beharrlich.

„Schau“, sprach er/sie mich an: „Ich habe das Hufeisen, das du gestern geschenkt bekamst, auf Mini geschmolzen. So wiegt es nichts. Ich tat es für dich!“

Okay. Gewonnen. Eingepackt und mitgenommen. Aber ich nahm ihm/ihr noch eine Schweigegelübde ab. Nix reden(!) bis Görlitz. Dahin wollte ich auf meiner heutigen Tagestour. Gegen 9 Uhr lief ich los. 22 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 048.

Mir klangen noch die Worte der Bedienung in der Klosterschänke (von gestern Abend) nach.
Selbst sie bekäme die Nonnen fast nie zu sehen.
Einmal im Jahr verließen die Schwarz-Weiß-Verhüllten ihre Burg und vesperten im Biergarten der Schänke. Das sei ein Spektakel für die anwesenden Gäste.
Die älteste der Betschwestern gehe auf die 84 Jahre zu und habe bis vor kurzem in der klostereigenen Bäckerei gearbeitet. Die jüngste sei wohl Mitte Zwanzig. Insgesamt wohnten da unten ein wenig mehr als ein Dutzend Gottesanbeterinnen.

Die Bedienung bezeichnete sich selbst als Nicht-Gläubige. Sie war Angestellte des Klosters und hatte damit kein Problem.

Ich fragte sie nach der Befindlichkeit der Ostdeutschen. Immerhin liefe ich durch eine Gegend, der auch der „Hartz-IV Gürtel“ genannt wurde. Einer der ärmsten Regionen Deutschlands.
Nur, sagte ich ihr, ich sähe davon nichts. Alles, selbst die kleinsten Dörfer, wirke sehr proper, aufgeräumt.

„Ja!“ bestätigte die Bedienung. „Vor ein paar Jahren fuhr ich in die Oberpfalz (zu einer Kloster-Tagung). Es war schrecklich. So viel zerfallen dort, schmuddelig und unordentlich!“

In unseren Dörfern – fuhr sie fort – achteten die Leute auf ihren Vorgarten. Das Private wäre ihnen immer schon wichtiger als das Öffentliche gewesen. Am Abend oder am Wochenende packe der Mann seinen Blaumann aus, jäte das Unkraut, putze das Auto, kehre den Gehweg.

Schöner Tetzlaff-Osten.
(Schon seit geraumer Zeit hegte ich den Verdacht, dass es hier manchmal noch eine Spur spießiger und kleinbürgerlicher ist als in den Westdörfern).

Egal. Ich musste weiterkommen.
Ich lief im Prinzip immer den ausgeschilderten Neiße-Radweg entlang. Mal betoniert, mal (selten) unbefestigt. Den Fluss bekam ich selten zu sehen, meist plätscherte er hinter Dämmen versteckt. Wenigstens hörte ich ihn.

Ab und zu: Winzdörfer auf der polnischen Seite.

Unspektakulär

Auf sächsischer Seite ebenfalls Winzsiedlungen. Ich achtete besonders auf die Vorgärten. Immerhin, einige hatten Witz:

Schöner Gag

Früher war hier Braunkohle-Abbau. Stillgelegt nach der Wende. Nur in Polen buddeln sie weiter.
Aber die Erinnerung bleibt:

Wenn ich als Kind so einen Bagger geschenkt bekommen hätte - ich wäre immer Sandkastensieger gewesen!

Viele Friedhöfe auf dem Weg. Noch einen Tick aufgeräumter als die Vorgärten.

Blumen für mein Grab

Am frühen Nachmittag erreichte ich Görlitz. Die Stadt der Latte Macchiato Rentner. Für mich war es die Stadt der Türme.

Babel in Görlitz

Eine fantastisch restaurierte Altstadt, durch die heute der Wind kalt und eisig pfiff, wenn auch die Sonne schien.

Dicker Turm in Görtlitz

Ich bin bereit, noch ewig den Soli zu bezahlen (den löhnen die Ossis ja auch!), wenn Stadterneuerung so aussieht.
Immerhin sollte zu DDR-Zeiten selbst die (damals heruntergekommene) Altstadt abgerissen werden, um Braunkohlebaggern Platz zu machen.

Babelsberger Kulisse in Görlitz

Früh ging ich essen. Ich hatte verdammt Hunger.

Hunger: Schlesisches Himmelreich (Kasseler und Backobst in Sahne, mit böhmischen Knödeln). 11,90 Euro.
War überraschend gut, auch wenn mir das Backobst auf Dauer zu dominant war.

Und Eugenie hatte Wort gehalten. Während der gesamten Wanderung war kein Wort über ihre Lippen gekommen. Mir imponieren eingehaltene Versprechen. Ich gab ihr die Hälfte meines Tellers ab.

Durst: Das Übliche: Landskron. Ist das sächsische Nationalbier.

Zur blauen Stunde ging ich noch einmal in den kalten Wind: den Dicken fotografieren.

Dick und Schön: Kein Widerspruch

Nachtruhe für alle!

Zwei haben sich selig

Pastorensöhnchen Achim will den wilden Frühling durchs Land tragen und predigt mich platt bis St. Marienthal

Es musste sein! Ich verabschiedete mich von meiner Rasselbande. Fast vier Wochen bin ich nun mit ihnen unterwegs und sie rumpeln dermaßen im Rucksack, dass ich sie fast nicht mehr (er)tragen kann. Also ging ich zur Post, kaufte mir einen Karton, packte meine Wintersachen (vorbei! vorbei! ) hinein und oben drauf  MY FAMILY.

Die Rotzjungs und -mädchen jammerten fürchterlich, aber ich beruhigte sie: Wir würden uns an Ostern wiedersehen. Zumindest Ostermontag würde auch ich Zuhause feiern.
Ich versprach, ihnen noch einige „Brüder und Schwestern“ mitzubringen. Ein wenig konnte ich sie damit zähmen und sie verabschiedeten sich freundlich.

They were not amused

Zurück auf der Post wog mir eine Angestellte das Paket: 3,7 Kilogramm, die ich weniger zu tragen hatte!
Mal gespannt, ob jetzt meine Knie abschwellen würden, sie waren schon bedenklich dick und schmerzten. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne meiner Kniekehlensehnenscheiden zu spüren.

Ich verließ gegen Mittag (endlich allein!) Zittau, folgte zunächst dem Bach Mandau, der am Stadtrand in die Neiße mündete.

Zwei Bächlein treffen sich

Neiße: Das klang nach Ostverträgen, ideologischem Kampf auf Spitz und Knopf im Bundestag um eine neue Ostpolitik. Und der Bach – mehr war es noch nicht – dümpelte so unspektakulär vor sich hin, dass ich lange auf meinem Weg gar nicht begriff, dass ich an der Grenze zwischen Deutschland und Polen entlang schlich.

Mein Tagesziel war das Kloster St. Marienthal bei Ostritz. Ca. 19 km entfernt. (Mehr ließen meine Knie im Moment nicht zu.)

GPS-Gesamtstrecke bis 047

Nur: Allein blieb ich nicht lange. Am Neißeufer, direkt unter einer Brücke, die nach Polen führte, fand ich den traurigen Achim.

Mit Angeln Brücken bauen

Ich erkundigte mich, was für eine Art Angel er in seinen Händen hielt.
„Keine Angel, das ist ein Blumenstil!“
Und wo ist die Blüte?

Der gelbe Blütenkelch war ihm abgebrochen und er konnte ihn nicht finden.
Achim war untröstlich, er hatte den Frühling ins Land hinaustragen wollen und stand nun mit leeren Händen da.

Ich nahm ihn mit.
(Was im Nachhinein ein Fehler war. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines berühmten Pastoren war und seinen Vater in der Kunst der Predigt (einer redet, alle hören zu) noch zu übertreffen trachtete.)

Die Neiße floss träge, was mir Zeit gab, einen kleinen Abstecher nach Dittelsdorf zu machen, ein Weiler mit für die Oberlausitz typischen Umgebindehäusern.

Schöner als in Werbeprospekten

Mit Stolz gezeigt

In einem dieser Wunderfachwerkhäuser wurstelte Herr Arnold vor sich hin. Ein Pensionär der galanten Sorte. Schmied in der vierten Generation und noch immer musste er täglich in seiner Werkstatt sein, auch wenn er nur noch „zum Vergnügen“ arbeitete.

Wunderwelt einer nie aufgeräumten Werkstatt

Herr Arnold erteilte mir eine weitere Deutschstunden-Lektion.

  • Nach dem Krieg gab es auch in der DDR urplötzlich keine Nazis mehr. Und nach der Wende auf einmal keine Kommunisten. Damit diese armen Burschen nicht völlig in der geschichtlichen Versenkung verschwänden, habe er sie an seiner Wand verewigt.

  • Zumindest die Jugend sollte sich dieser lupenreinen Herren noch erinnern. Aber das sei eigentlich zwecklos. Es gäbe ja keine Jugend mehr im Dorf. Alles weg in den Westen. Gleich nach der Wende. Seine eigene Werkstatt werde bald das Tor für immer zumachen. Auch sein Sohn wolle hier nicht arbeiten.
  • Ganz schlimm sei es in Görlitz. Die Hälfte der Bevölkerung sei abgehauen. Fast alle Jungen. Die Stadt sei wunderschön restauriert. Und die Regierung unternehme viel, damit die Wohnungen nicht zu teuer würden, um Familien in der Stadt zu halten. Jetzt kämen aber die edlen Wessi-Rentner und würden alles wegmieten oder gleich wegkaufen. Weil es ja so schön billig sei.

Weil Herr Arnold nicht wie ein Kind von Traurigkeit aussah, fragte ich ihn nach meinem Lieblingsthema. Warum es hier in den sächsischen Dörfern keine Stammtische gäbe?

  • „Doch!“, widersprach er, „die gab es“. Nicht in jedem Dorf, aber in manchem. „Wir hatten in Dittelsdorf mehrere Kneipen mit Stammtischen. Ein Stammtischbruder heißt bei uns SAUFSCHNAUZE und davon gab‘s ne Menge. Früher!“

Zum Schluss schenkte mir Herr Arnold noch einen kleinen Glücksbringer, ein selbstgeschmiedetes Mini-Hufeisen. „Weil wir ja so schön gesprochen haben“.

Ich bedankte mich aufrichtig, auch wenn mein Rucksack bereits wieder anfing, schwerer zu werden.

Die Neiße, die ich inzwischen wieder erreicht hatte, war ein bisschen breiter geworden, rutschte aber immer noch träge durch die (liebliche) Landschaft. Ein schöner Wanderweg lief parallel zur deutschen Uferseite (und damit auch zur polnischen).

Zahmes Friedensflüsschen

Beim Stichwort „polnisch“ fing mein Pastorensohn im Rucksack erneut an zu quasseln. Wie wichtig es sei, dass Grenzen überwunden würden und dass auch die Schlesier ….

Ich hielt mir die Ohren zu. Nicht schon wieder die Vertriebenen-Problematik. Gerade hatte ich das Sudeten-Thema hinter mir.

Der kahle Winterwald machte bald den Blick frei für St. Marienthal

Warum nur finden Äbte oder Äbtissinnen immer die schönst möglichen Stellen für ein Kloster ?

Bevor wir in das Heiligtum eintraten, entdeckte ich eine Klosterschänke außerhalb der Mauern und bestellte mir ein Hefeweizen. Zwar nicht von hier. (Die Klosterbrauerei war ausgelagert.) Dafür aus dem bayerischen Kloster Andechs. Spiritueller Genuss garantiert!

Allein, meinem Pastorensohn missfiel der Zwischenstopp. Er wollte gleich in das Kloster, auch wenn es ein katholisches war. Er trank (Protestant!) nichts.

Zisterzienserinnen bevorzugen dicke Mauern

St. Marienthal ist von Nonnen bewohnt, die dem Zisterzienser Orden angehören. Ein sehr zurückgezogen lebender Konvent.
Es ist das älteste ununterbrochen bewohnte Frauenkloster Deutschlands (seit 1234). Es hat ein Dutzend Kriege, die Reformation, Überfälle, Hochwasser, die Nazis, die DDR und den Unglauben überlebt.

In den Außengebäuden vermieten die Nonnen (ohne selbst aufzutauchen!) Zimmer für Wanderer, Pilger und Ungläubige wie mich.

Meine Unterkunft war in der ehemaligen Mühle (deren Mauern ebenfalls Jahrhunderten getrotzt haben).

Als ich eintrat und das kleine Plastiktütchen auf dem Bett sah, dachte ich unwillkürlich an Hotels in Lateinamerika, in denen selbstverständlich Kondome auf den Laken lagen.

Entsetzt (ob meiner blasphemischen Assoziation) schrie mein Pastorensöhnchen auf und spießte das Säckchen auf seinen Blumenstil – als Beweis, dass es sich nur um harmlose Gottschalk-Bärchen handelte.

Ohne meinen spaßfeindlichen Pastorensohn zog ich noch einmal los in die Klosterschänke.

Hunger:
Lammbraten nach Klosterart mit Kartoffelklößen. 9,80 Euro. Im Prinzip gut, gewöhnungsbedürftig war der geriebene Käse auf dem Fleisch. Hab‘ aber mit klösterlicher Milde darüber hinweg gesehen.

Unterkunft: 38 Euro (ohne Frühstück).