Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.

Ins Himmelbett nach Kronenburg

Kein Fotografierwetter als ich Hellenthal verließ. Diesig und veschmiert die Sicht.

Entweder das Kaff liegt tief unten oder ich war schon in kurzer Zeit ziemlich hoch oben.

Down under

Down under

Ich hätte einen Höhenmesser brauchen können, um herauszufinden, wie viele Meter ich mich nach oben oder unten, aber nicht nach vorne vorarbeitete.

Die Strecke sollte mich beträchtlich Auf und Ab gehen lassen bis zu meinem Ziel: Kronenburg. 22 km entfernt. Um 9 Uhr war ich aufgebrochen.

GPS-137-Hellenthal

GPS-Gesamtstrecke bis 137

Typische Eifellandschaft: Weiden, Wiesen, Wald und ein paar Gehöfte auf einer Kuppe.

On Top

On Top

Der Frühling streifte die Hocheifel dieses Jahr sehr spät. Die Bäume arbeiteten noch am Maiausschlag und begrünten sich nur langsam.

Pastellnuancen

Pastellnuancen

Jeder 3. oder 4. Bauernhof hatte eine kleine Koppel mit Ponys oder Pferden.
(Muss hier jede Tochter ein Reitpferd haben?)

Elegante Kopfhaltung

Elegante Kopfhaltung

Mein Handynavi schleuste mich auf Wanderwegen durch die Täler und Berge, konnte aber nicht verhindern, dass ich mich mehrmals fürchterlich verlief. Einmal ging ich einige Kilometer einfach im Kreis. Das andere Mal musste ich den gleichen Weg wieder zurücklaufen. Das dritte Mal befahl mir das Navi durch feuchte Wiesen zu stapfen bis mir das Wasser fast aus den Schuhen lief. (Wer sagt eigentlich, dass Goretex kein Wasser durchlässt?!)

Nasses Grün

Nasses Grün

Zwischendurch das übliche Eifelwetter: Es regnete.

Die Dörfer massiv, die Kirchen schlicht.

Nasses Weiss

Nasses Weiss

Wenn die Sonne kam, wurde es richtig schön.

Nachzügler

Nachzügler

Gerade hatte ich seinen Garten fotografiert, da sprach er mich auch schon an: Clas.
Die 70 Jahre konnte ich ihm nicht ansehen.

Clas war Niederländer und hatte sich vor zwei Jahren das Anwesen (zusammen mit seiner Frau) als Alterssitz gekauft.
Die ganze Welt hatte er gesehen. Als Bauingenieur hatte er die Aufschüttung der Palminsel in Dubai beaufsichtigt und die Stranderweiterung auf Sylt.
Den schönsten Platz um noch älter zu werden fand er hier: in der Eifel.
Außerdem – so sagte er – seien die Häuser einfach viel billiger als in den Niederlanden.

Eifelholländer

Eifelholländer

Clas mochte die verschlossenen Eifeler. Er war zu Beginn von Dorf-Tür zu Dorf-Tür gezogen und hatte sich vorgestellt. Auf dem letzten Weihnachtsmarkt hatte er den Nachbarn kostenlos ihre silbernen Eheringe poliert und aufgemöbelt. Das habe ihm die Herzen geöffnet, lachte Clas.
Silber schmieden und bearbeiten sei sein Hobby.

„Außerdem: Die Deutschen räumen dir den Schnee auf der Straße vor dem Haus weg, ohne dass du bezahlen musst“.
Auch ein Argument, hier zu wohnen.

Ich verabschiedete mich und folgte gehorsam meinem Navi, das mich jetzt durch eine Spargel-Landschaft lotste.

Windspargel

Windspargel

Kein Eifelblick ohne einen Windspargel am Horizont.

Ich war froh, als ich Kronenburg erreichte.

Keinem einzigen Menschen begegnete ich im alten Dorfzentrum.

Mauern ohne Menschen

Mauern ohne Bewohner

Am Ende meines Weges: ein Burghotel mit einem freien Einzelzimmer und einem Gourmet-Restaurant.

Und: mein erstes Himmelbett!

T137-Kronenburg-02-imp

Fensterblick!

eyes wide open

eyes wide open

Hunger.
Vorspeise: Wachtelbrüstchen an Spargelrisotto, Baconchips und Möhrenstroh. (Ausgesprochen fein.)

T137-Essen-01

Hauptspeise: Lammcarré mit Kräutern der Provence an Rotweinjus, Kartoffel-Rosmarin-Gratin, gegrillter Eifler Ziegenkäse, mediterranes Gemüse. (Extrem zart und saftig das Lamm. Jus sehr gut. Der Rest war Firlefanz.)

T137-Essen-02

Unterkunft: 90 Euro (ohne Frühstück).

Muttertagsmänner stillen meinen Durst auf dem Weg nach Hellenthal

Ich konnte es nicht lassen. Beim Verlassen Monschaus musste ich noch einmal den Auslöser drücken.

Grandioses Fachwerk

Grandioses Fachwerk

Um 9 Uhr 30 dem Städtchen endgültig den Rücken zugekehrt. Über Wanderwege wollte ich nach Kronenburg, sollte unterwegs aber merken, dass das kaum zu schaffen war. Also änderte ich mein Tagesziel: Jetzt war es Hellenthal, mit Wanderumwegen ca. 25 km weit weg.

GPS-136-Monschau

GPS-Gesamtstrecke bis 136

Ein steiler Pfad quälte sich das Rur-Ufer in den Wald hoch.

Junggrün die dominierende Farbe

Junggrün die dominierende Farbe

Der Regen hatte mich in der Früh aufgeweckt und Regenschauer begleiteten mich den ganzen Tag. Aber sie stimulierten den Wald noch intensiver nach Moos, Kompost, Rinde und Holz zu riechen. Auch die Farben klarer und nicht morgenmüde – so wie ich.

Was wäre, wenn Bäume keine Wurzeln hätten?

Was wäre, wenn Bäume keine Wurzeln hätten?

Steinwurzeln

Steinwurzeln

Ich musste mich konzentrieren. Der schmale Pfad war rutschig.

Eifelsteig

Eifelsteig

Einige Zeit folgte ich dem Eifelsteig, einer schönen Route um das Mittelgebirge zu erkunden.
Immer wieder kleine Felsformationen. Und immer wieder minutenkurze Sonnendurchbrüche.

Markant

Markant

Nach einer Stunde Höhenwanderung stieg ich ins Tal ab, um dem Perlenbach zu folgen, der kurz vor Monschau zu einem langgezogenen See gestaut ist.

Indian Sumer im Frühling

Indian Sumer im Frühling

Statt steinig und glitschig war der Weg jetzt sumpfig und morastig.
Der Bach lärmte und ließ Vogelstimmen kaum eine Chance.

Bäche sind laut

Bäche sind laut

Für Stunden das gleiche Panorama: rechts Bach, links Wald mit zum Teil steilen Hängen.
Viele Wege kreuzten sich und ich hatte Mühe, Kurs zu halten. Hier unten im Tal hatte ich keine Telefonverbindung mehr und mein Handy-Navi war nutzlos geworden.
Wegschilder gaben mir meist mehr Rätsel auf, als dass sie mich orientierten.
Ohne gutes Kartenmaterial war es schwierig.

Ich hatte mittlerweile meinen Wasservorrat geleert und seit dem Morgen nichts mehr gegessen.
Eine Waldkneipe gab es hier nirgends.

Ich war so sehr damit beschäftigt, mich im Wegenetz zurechtzufinden und meinen leeren Magen mit ein paar TicTacs zu beruhigen, dass ich eigentlich an nichts dachte. Nur: Hoffentlich ist es nicht mehr zu weit!

Plötzlich hörte ich Männerstimmen.

Eine Gruppe älterer Herren hatte sich vor einer Schutzhütte versammelt. Neben der Hütte eine große Pferdekutsche mit 2 angespannten Brauereigäulen. Im Wagen war Platz für mindestens 12 Personen. Ich zählte 6 Kisten Bier und sah jede Menge Essbares.

Muttertagsmänner

Muttertagsmänner

Ich näherte mich der Gruppe und bat um ein Bier.
Es war kein Problem.

Die Herren feierten „Muttertag“. Der Chef der Truppe erklärte mir: Sie seien Aachener Jecken und seien diesen Rosenmontag als Mamis verkleidet im Zug gelaufen. Das gäbe ihnen jetzt das Recht auch den Muttertag anständig zu begehen.
Sie luden mich noch zu einer Portion Gulasch ein, was ich aber dankend ablehnte. Ich wollte nicht unverschämt sein. Außerdem hätte mich ein voller Bauch ziemlich gehmüde gemacht.

Ich zog weiter. Ziemlich dicht an der belgischen Grenze (unsichtbar) entlang, bis ich wieder eine lange Talsperre erreichte. Die Oleftalsperre.

Wie so heißt das Talsperre und nicht Flusssperre?

Wie so heißt das Talsperre und nicht Flusssperre?

6 km fehlten noch bis Hellenthal, am Fuß des sehr hohen Wehrs.

Auf der anderen Seite

Auf der anderen Seite

Um halb 5 eine offene Pension gefunden. Ich war der einzige Gast.

Hunger: Spargel mit Hühnchenbrust und einer Orangen-Hollandaise. (Gut bürgerlich, fantasielos). 14,50 Euro.

T136-Essen-01

Unterkunft: 28 Euro (ohne Frühstück).

Anstrengungslos drehte sich die Erde unter mir weiter bis Nordhorn

Um 9 Uhr mit dem Zug nach Meppen zurückgekehrt.
Um 10 Uhr die Kreisstadt verlassen.
Irgendwann die Ems überquert.

Breit und träge

Breit und träge

Auf dem Weg nach Nordhorn. 36 Kilometer zeigte mein Handy-Navi an.

GPS-118-Meppen

GPS-Gesamtstrecke bis 117

Ich wusste, ich würde heute nichts erleben, nichts denken, nichts tun und nichts vermissen.
Tage verlaufen bisweilen so.

Wohlig, ruhig, diesig und doch angenehm sonnig.
Ein ig-Tag, wie es ihn nur im Frühling gibt.

Ich brauchte nicht einmal zu gehen, meine Füße zu bewegen. Der Tag ging für mich.
Ich begriff es schnell.
Ich setzte mich auf einen Luftstuhl und ließ die Erde sich unter mir weiterdrehen.
Ich war mir sicher, sie würde mich an meinem Ziel absetzen.
Ich vertraute ihr.

Höfe zogen an mir vorbei.

Aufgeräumte Höfe

Aufgeräumte Höfe

Gehöfte, so aufgeräumt wie Puppenstuben aus dem letzten Jahrhundert.

Aufgereihte Höfe

Aufgereihte Höfe

Birken mit grünblättrigem Mai-Ausschlag tanzten vorüber und zogen umgepflügte Felder nach sich.

Tanzende Bäume

Tanzende Bäume

Gülledüfte, modriger Moor- und nasser Feldgeruch wirbelten vorbei. Geräusche wie gackernde Hühner in Riesenschwärmen aus Riesenfabriken stoben auf und wieder weg.

Never ending story

Never ending story

Manchmal war ein Furzen und Blähen zu hören – als käme es aus Riesen-Biogasanlagen. (Oder war es nur mein Magen, in dem die Hunger-Warnleuchte verdächtig aufblinkte?)

Beginning story

Beginning story

Klar, irgendwelche unsichtbaren Hände schoben Kulissen mit aufgemalten Wegkreuzen an mir vorbei. Dutzende. Aber das war das Thema von gestern. Auch wenn mir ein besonderes Kreuz (eine Kreuzplatte!) in Erinnerung bleiben sollte. Von Zeit und Rost angefressen – aus dem Jahr 1746! – mit einer Inschrift, die ich nicht mehr entziffern konnte, so schnell huschte sie vorüber.

Yesterday's story

Yesterday’s story

Auf die Erde war Verlass. Sie stoppte ihre Rotation, kurz, und ließ mich wie verabredet um 19 Uhr wieder festen Boden unter den Füßen spüren.
Nach 36 km.

Wissenschaftler wollen mir weismachen, dass mein Planet Erde die 36 km in 1,296 Minuten dreht. In Wahrheit waren es heute exakt 9 Stunden. Soviel brauchte sie, um mich von Meppen nach Nordhorn zu transportieren.

Die Wissenschaft weiß nicht, dass Zeit nur in einem zeitfühlenden Subjekt existiert. Also nur in mir.
Die Wahrheit liegt im Fühlen!

Ich fragte mich allerdings, warum mir meine Knie so schmerzten und warum ich so erschöpft war?

Vom Nachdenken? Klar! Ich hatte schließlich Zeit!

Durst: 3 Königs-Pils. Gut wie immer.

Hunger: Tintenfisch mit Pesto. Hervorragend. Klasse gewürzt. Tintenfisch superzart.

T118-Essen-01

Unterkunft: 57 Euro.

Leuchtfeuerträger, Mandrenken und in Bremerhaven Arbeit suchende Harz IV Jungs

„Seezeichen“ – grandioses Wort.

130 Jahre schon bohrt sich dieser „Leuchtfeuerträger“ in den Wattboden. Jahrzehntelang ließ er höchstens „Leuchtfeuerwärter“ an sich heran, aber niemals Touristen.

Gespenstersteg

Jetzt gibt es Navis und ausgewiesene Fahrrinnen. Ausgedient hat das „Leuchtturmbauwerk“!
„Eversand-Oberfeuer“ ist sein Name. Bezirzend.

Gruselturm

Eigentlich wollte ich um 9 Uhr losmarschieren. Der Leuchtturm in Dorum Neufeld hielt mich zurück.
Um halb zehn brach ich dann endlich auf. Ziel: Bremerhaven. Etwa 27 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 101

Auf dem Deich ein Denkmal für die vielen Deichgrafen und Deichretter der Nordsee.

Heldendenkmal

Als Südlandbewohner sind die verheerenden Sturmfluten der letzten Jahrhunderte nicht in meinem kollektiven (hab ich das?) Bewusstsein vorhanden.

Die Inschrift der Gedenktafel:
„Zum Gedenken an all die Menschen, die Deiche erbauten, für ihre Sicherheit im Einsatz waren oder bei schweren Orkanfluten ihr Leben ließen.
1362 Große Mandrenke
1570 Allerheiligenflut. Mehr als 100.000 Tote
1717 Weihnachtsflut (3 Tage Voller Orkan). 15.000 Tote
1825 Johannisflut. 789 Tote
1962 Schwerste Flut seit 1.825. 512 Tote
1976 Schwere Sturmfluten“

Wie friedliebend dagegen heute das Wattenmeer. Die Nordsee hatte sich wohl nach England zurückgezogen. (Stürmte es jetzt dort?)
Der Meergrund harmlos. Nie würde er Menschen verschlingen können.

Harmloses Ungeheuer

Meist lief ich an der See zugeneigten Unterkante des Deiches. Streckenweise war der Deichfuß betoniert. Die Maurer hatten (abstrakten) Kunstsinn besessen.

War Hundertwasser hier ?

Oben auf dem Deichkamm ab und zu regennasse Bänke, jeweils garniert mit industriegrauen Papierkörben.
Ich bemerkte Eike. Er suchte offenbar etwas Verwert- oder Essbares. Ich sprach ihn an.

Eike sammelt Mül

Es war Eike peinlich, so erwischt zu werden.
Der Junge (wieso hatte er ein so feminines Gesicht?) war von zu Hause ausgebüchst. Harz IV Eltern, Schläge, Fernseher kaputt (oder aus dem Fenster geworfen), keine Klamotten, nur immer dieses Matrosenzeug; kurzum: Eike wollte in Bremerhaven anheuern. Egal auf welchem Schiff, egal in welchem Betrieb.

Ich nahm ihn mit.

Ich hatte Hunger. Unterwegs gab es aber nichts. Nur kleine Dörfer ohne Krämerladen, Dorfkneipe oder Menschen (ich sah jedenfalls keine).

Höchstens Kirchen. Zumindest die Aussegnungskapellen waren gebaut, jeder Sturmflut zu widerstehen. Selbst im schnellen Vorbeiwandern spürte ich hier Ewigkeit.

Trutzburg Kirche

Auf halbem Weg nach Bremerhaven ein kleiner Kutterhafen: Wremen.

Schönwetter Kutter

Leere Boote schwammen kopfüber im klitschigen Schlick.

Abgesoffen

Abgesoffen 2

Abgesoffen 3

Gegen vier Uhr erreichten wir (Eike und ich) die Grenze des Bundeslandes Bremen.
Der Containerhafen im Nebelkleid.

Nebelriesen

Den ganzen Tag hatte ich nichts zu hören bekommen. Nicht einmal Meeresrauschen. Kein Windgejaule. Kein Straßen- oder Autolärm.
Jetzt brummten, krachten, knallten und echoten technische Ungeheuer mit riesigen Greifarmen, die Godzilla gleich überdimensionierte Container von links nach rechts wuppten.

Nebelriesen 2

Noch 10 km bis ins Zentrum Bremerhavens. Entlang einer nicht enden wollenden Containerlandschaft mit trostlosen Straßen.

Industriegebiet.

Kalter Weg

Eike lachte zum ersten Mal. Hier würde er Arbeit finden, schwadronierte er.
Ich wollte ihm nicht sagen, dass in Bremerhaven gefühlt 40% der Menschen arbeitslos sind.

Eke klettert

Auch wenn es in den Werften und Entladestellen hämmerte, quietschte, flexte, dumpf hallte und es nach frischen Schweißnähten roch.

Nachtarbeit

Um 18 Uhr ein Hotel gefunden.

Durst: Ducksteiner Bier. 3,80 Euro (0,5l). Bleibender Geschmack. Leicht rauchig. Sehr angenehm. (Gibt es schon seit dem Mittelalter. Marke gehört heute der Holsten-Brauerei.)

Hunger: Grünkohl mit Mettenden und Bratkartoffeln. Bodenständig, deftig und gut. 6,90 Euro.

Für Eike, der zwei Portionen Grünkohl bestellte, orderte ich noch einen Calvados.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück). Zimmer äußerst einfach, aber sauber.

Robben und der Kleine Bär weinen bis nach Büsum um die Wette

Dies + ig = Diesig.
Wo bloß dieses Wort herkommt?
Diesig war es, als ich in der Früh aus dem Hotelfenster schaute, diesig blieb es, als ich mit dem Deich kämpfte und Sankt Peter Ording verließ.
Nicht mal der Leuchtturm hatte ordentlich Kraft, sich farbenfroh zu präsentieren.

Dunst

Die Salzwiesen ohne Kontrast. Im stürmischen Wind nicht scharf zu bekommen. (Wieso sehe ich alles bereits durch das Kameraokular, bevor ich die Kamera überhaupt zum Auge hochgezogen habe?)

Diesig-Wiesen

Sankt-Peter-Ording gegen 9 Uhr verlassen. Das Ziel: Büsum. 41 km entfernt. 44 km sollten es werden, weil ich mich (in dunkelster Dunkelheit) mehrmals verirren werden würde.

GPS-Gesamtstrecke bis 096

11 Stunden lagen vor mir. Bereits die erste tat weh. Der Wind war nicht mehr harmlos, für mich war es ein Sturm. Und wie immer blies er von vorne. Ich kämpfte.

Die Deichwiesen: Killing Fields. Überfüllt mit Tierkadavern. Skelettierte Vögel (Gänse? Enten? Möwen?) noch in Federpracht. Federn modern einfach nicht.

Fand keinen Seebestatter

In einiger Entfernung flatterte ein Greifvogel auf, offenbar durch mich gestört, obwohl ich noch weit weg war. Auf der Wiese leuchtete etwas rot. Ein blutiger Tierkadaver. Eine Möwe machte sich an ihm zu schaffen. Auch sie huschte davon, als ich zu ihrem Leichenschmaus hinzutrat. Zuerst konnte ich das Tier nicht identifizieren. Ein mutterloser Heuler? Eine Robbe? Jedenfalls fachgerecht ausgenommen. Die Rippen sauber abgelutscht. Die Därme (Dutzende von Meter lang) über die ganze Wiese verstreut.

Fachgerecht ausgenommen

(Das Originalbild wäre für jeden Tierliebhaber unerträglich. Selten so ein leuchtendes BlutRot gesehen. Sehr frisch das Ganze!!)

War der Greifvogel, den ich gesehen hatte, nur ein Aasfresser ? Aber wer hatte den Heuler dann erlegt? Doch ein Seeadler?
Wer sonst sind die natürlichen Feinde dieser kleinen Zoo- und Tierfilmlieblinge?

Ich bemerkte, dass mich jemand von weitem beobachtete. Wieder konnte ich nicht genau erkennen, was es war. Ein Mensch? Im Friesennerz? Vor seinem Auto auf der Deichstraße?

Als ich endlich vor ihn trat, stellte ich mich freundlich vor und fragte, was er hier tue.
Nichts!
Die ganze Körperhaltung, die gesenkten Schultern, die fehlende Spannung: Hier trauerte jemand!
Und täuschte ich mich, hatten seine Gesichtszüge nicht Ähnlichkeiten mit diesen niedlichen Heulern?

Indigniert

Wir quälten uns eine Zeitlang mit Schweigen, nebeneinander auf dem Deich. Schließlich fragte ich meinen stummen Begleiter, wie er denn eigentlich von seinen Freunden genannt werde?
„Robben“, die Antwort.

Ich packte den Kleinen samt seinem blauen Mini-Mercedes in meinen Rucksack und setzte den Kampf mit dem Gegenwind fort.

Ich weiß nicht mehr wann, aber irgendwann erreichte ich das Eider-Sperrwerk.
Eine Autobrücke wie eine Kinnlade, die hoch und runterklappt.

what goes auf must go zu

Ich hab’s ja gesagt

Beachtliches Küsten-Schutz-Bauwerk. Mit Krabbenkuttern im Hintergrund.

Rot Grün Blau

Erst jetzt bekam ich mit, dass ich Nordfriesland verlassen und Dithmarschen betreten hatte.
Etwas Gravierendes veränderte sich: Die Landschaft wurde noch platter und bäuerlicher. Ein K. und K. und K. Land! Kartoffeln und Kohl und Karotten.

Dithmarschen = Bauernland

Sympathische Bauernhofläden. Direktverkauf.

Nur jetzt potenzierten sich meine Probleme.
Der Tag graute bereits, ich hatte noch mindestens eine Stunde zu gehen. Und mein Handy-Navi schickte mich ins Nirwana.
Ich suchte eine Abkürzung und landete im Nachtdunkel und in Feldwegen, die sich labyrinthisch stets als Sackgassen erwiesen.

Der aufgehende Mond wies mir schließlich die Richtung.

Kinderrätsel: Es ist klein, manchmal rund, manchmal rot und ist manchmal am Himmel. Was ist das ?

Es müsen schöne Dörfer gewesen sein, durch die ich in völliger Dunkelheit irrte. (Wieso haben die nicht einmal ausreichend Straßenbeleuchtungen?)

Der Mond sandte mir Blitze hinterher.

Mondblitz

Stellenweise riss die Wolkendecke und einmal konnte ich das Sternbild des Großen und Kleinen Bären erkennen.
Mir war, als kullerten winzige Sternschnuppen aus den Augen des Kleinen Bären? Weinte er etwa? Um seinen kleinen Robben-Bruder?

Ziemlich genau um 20 Uhr Büsum erreicht. Schnell ein nettes Hotel gefunden.
Aber so gut wie alle Restaurants zu!
Ich musste mich penetrant durchfragen, um noch etwas Essbares aufzutreiben.

Eine Bierkneipe (die einzige?) hatte noch aufgewärmte Pizza im Angebot.

Schwamm drüber. Schmeckte schrecklich. Robben rührte nichts an.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Robben wirkte (neben Meike und den beiden Polen) noch im Schlaf erschöpft.

Nordsee ! Westerland! Schlechtwetterland!

Am frühen Morgen noch ein wenig in Tønder herumgeschlappt.

Unbekannter stolzer Däne

Ein ausgesprochen schönes Provinzstädtchen.

Dänen sind keine Frühaufsteher

Bis 9 Uhr niemand (oder eher eigenwillige Menschen) in den Gassen.

Dänen sind manchmal eigenartig

Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg, verließ Tønder. Vorbei an einem kleinen Teich.

Dänen paddeln gern

Mein Ziel war Sylt, besser gesagt Klanxbüll. Von dort fuhr ein Zug nach Westerland, die einzige Möglichkeit, um von deutscher Seite auf die Insel zu gelangen.

GPS-Gesamtstrecke bis 089

Mein Handy-Navi funktionierte immer noch nicht. Erneut folgte ich der Beschilderung und – das stellte ich erst auf deutscher Seite fest – lief einen riesigen Umweg. Mindestens 8 km zuviel gewandert. 2 Stunden!

So wurden fast 24 km (!!) aus einem eigentlich einfachen Spaziergang.

Einen bleibenden Eindruck hat Dänemark nicht hinterlassen. Wie auch. Ein wenig mehr als einen Tag auf dänischer Seite gewandert.

Klar war die Grenzziehung lange umstritten.
Die Grenze wurde vor weniger als hundert Jahren eher künstlich gezogen. Doch irgendwelche Verwerfungen hat das kaum hinterlassen. Auf beiden Seiten gibt es Minderheiten mit starken Rechten. Das genügt offensichtlich, um Ressentiments klein zu halten.

Man sollte die BunteRepublik umbenennen

Genau auf der Grenzlinie hörte ich plötzlich ein Bremsgeräusch.
Vor mir stoppte Freja, eine königlich-dänische Postbotin.
„Hier, das wollte ich dir noch schnell geben!“ keuchte sie und drückte mir einen Liebesbrief in die Hand.
„Der ist von mir!“
Freja hatte mich in Padborg beim Abendessen beobachtet. Mir war ihr anhimmelnder Blick aufgefallen.

In den Spagat gebremst

Ich lud sie ein, mich bis Sylt zu begleiten. Sie ließ ihren Postsack stehen und kletterte in meinen Rucksack.

Klanxbüll betrat ich gegen 16 Uhr. Wenig später bestieg ich den Zug.

Über den Hindenburgdamm auf die Insel! Die Nordsee tauchte hinter Glas auf.

Hindenburg-Bogen

Mein erster Eindruck von Westerland: sofort zurück zum Bahnhof und weg von hier!
Grauenhafte Plattenbauarchitektur. Kisten, die auf kleinstem Raum eine größtmögliche Anzahl von Besuchern beherbergen sollten. Schier unbezahlbare Hotels. Fußgängerzone zum Davonlaufen.

Schrecklicher Stadtstrand. Aber: Ich konnte sehen, dass der Sandstrand in Natur führte. Lang, lang und noch länger wurde.

Himmel lastet

Trotz Sturm, Regenguss und Nepp: Ich mietete mich für zwei Nächte ein.

Durst: einen Tempranillo für Freja, die lapidar meinte, auch wenn Sylt teuer sei, die Weinpreise seien hier immer noch niedriger als in ihrem Heimatland.

Hunger: 2 Tapas. Hähnchen in Knoblauchsoße und Pulpo in Tomate.

Unterkunft: 90 Euro (mit Frühstück).

Dänen sind nicht anders, auch nicht in Tønder

Viertel nach acht auf der Straße. Flensburg menschenleer. Gassen mittelalterlich.

Filmreif (Dog of Flensburg?)

Ein Rum-Geschäft nannte sich „Hökerei“.
Welch schönes Wort. Wie lange es noch im deutschen Wortschatz verbleibt?

Fenster der aussterbenden Wörter

Am Hafen warf ich einen letzten Blick auf die Ostsee.
Drei Wochen hatte ich ihr Ufer abgelaufen. Am Schluss war ich sogar etwas vor ihr geflohen. Zu vieles hatte sich wiederholt. Über weite Strecken hatte sich die schöne See als eine gleichförmige Touristenbetriebsanlage präsentiert.

Jetzt begab ich mich auf den Weg zur großen Schwester, zur Nordsee. Zwei Tage würde ich brauchen, um sie zu erreichen.

Schwierig war es, mein heutiges Tagesziel festzulegen. Unterwegs gab es kaum Gasthöfe oder Pensionen, weder auf deutscher, noch auf dänischer Seite. Mein Grobziel war in etwa Tønder in Dänemark.
Aber das schien unerreichbar weit weg. Ca. 52 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 088

Außerhalb des Flensburger Zentrums, in einem kleinen verwilderten Pärkchen, gedachte ein Gedenkstein den Gefallenen der Revolutionswirren von 1848.

Lebte in Flensburg noch irgendeine Familie, die sich eines Toten mit vollem Namen erinnerte?
Noch irgendeiner, der seinen Urgroßvater von seinem gefallenen Großpapa hat sprechen hören?
Also gab es noch irgendeine Spur eines lebendigen Erinnerns?

Unleserlich aber auch unsterblich ?

Ich schlängelte mich durch kleine Wege in den Außenbezirken Flensburgs bis ich endlich die dänische Grenze erreichte.
Fast hätte ich sie nicht bemerkt.
Lediglich ein Fahrradschild („Graenseruten“) zeigte an, dass ich beim deutschen Nachbarn im Norden angekommen war.

Dänen ohne Pomp

Padborg: ein kleines schmuckloses Industriestädtchen mit vielen Lagerhallen und überbreiten Straßen, die von langen Sattelschleppern einfach zu befahren waren. Padborg scheint hauptsächlich von großen Speditionsunternehmen besiedelt.

Dänen ohne Schmuck

Ansonsten änderte sich mit meinem Grenzübertritt nicht viel. Die gleichen endlos weiten Maisfelder (Biogas?). Der Horizont besetzt von Windmühlen.

Same procedure as in Germany

Nur: Alles schien mir noch einen Tick größer zu sein als in Deutschland.

Lieber Groß statt Klein

Mittlerweile war ich schon Stunden gelaufen, hatte etwa 25 km zurück gelegt. Ich musste mich entscheiden, auf welcher Seite ich weitermachen wollte.

In Ladelund (Deutschland) gab es eine Gedenkanlage. Ein ehemaliges KZ, in dem vor allem politische Häftlinge (viele Widerstandskämpfer aus Holland) grausam ermordert wurden. Ich hatte im Internet einiges darüber gelesen und interessierte mich stark dafür.

Dagegen sprach aber, dass es wohl keine Unterkunft gab. Außerdem war mein (Handy)-Navi hier im Grenzgebiet ausgefallen.
Und die Beschilderung Richtung Tønder (Dänemark) war besser.
Also entschied ich mich für Tonder.

Noch einmal gut 25 km lagen vor mir. Ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde.
Aber ich riskierte es.

Schöne bäuerliche Kulturlandschaft. Durchzogen von kleinen Bächlein und Kanälen.

Wär‘ lieber dem Bächlein gefolgt

Einsame Wanderer werden hier bestaunt.

Irgendetwas interessierte sie an mir …

Ich weiß nicht warum, aber das Laufen fiel mir heute auch ab dem vierzigsten Kilometer nicht besonders schwer.
Klar schleppte ich mich am Schluss, klar brannten mir die Füße, klar hatte ich Durst.
(Unterwegs hatte es kein einziges Geschäft gegeben. Aber eine freundliche Bäuerin hatte mich mit einer kleinen Flasche Sinalco versorgt).

Ankunft in Tønder bereits bei Dunkelheit.
Sehr schnell ein Hotel gefunden.

Die nette Rezeptionistin hatte ich nach einem Restaurant befragt und nach einem empfehlenswerten typischen dänischen Gericht.
„Hackbraten“ sagte sie. „Der Rest ist zu teuer. Dänen zahlen 25 Prozent Mehrwertsteuer auf alles! Frischen Fisch essen wir in Deutschland. Hier kostet er über 30 Euro“.

Durst: Newcastle Brown! Enfach ein fantastisches Bier. (Mit einem Phantasiepreis! 8,50 Euro! Die spinnen, die Dänen!)

Hunger.
Vorspeise: Marinierter Fenchel mit geräuchertem Lachs. Sehr fein.

Hauptgericht: Hackbraten mit Ofenkartoffeln. Normal. Etwas trocken.

Beides zusammen: 25 Euro.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück). Die Wirtin hatte mir einen Sonderpreis gemacht.

Ein Tag zum Verlieben schön, der erst in Eckernförde dämmert

Wie wenig es braucht, um den Tag zu beschwingen.

Um 9 Uhr vom Hotel losgezogen, Stadt auswärts, schon halb draußen ein wunderschönes kleines Café gerochen. Dem Duft gefolgt und ein Italien-Juwel entdeckt.
Sophia Loren Bilder, Mastroianni Fotos, Fernandel Porträts. Und die beste Tasse Kaffee Kiels.

(Warum finde ich solche Pretiosen immer erst beim Verlassen einer Stadt?!)

Und dann diese thüringische Bedienung.

Morgenstund mit Lächeln

Ein Lächeln, ein kurzes Gespräch: Der ganze beschwerliche Tag wurde mir leicht.
Die folgenden Stunden spürte ich kein Gewicht auf meinem Buckel, der (sonst so schwer drückende) Rucksack lastete über Kilometer nicht.
(Ein Phänomen, das mich immer wieder irritiert. In der Millisekunde des Glücks gibt es keine Körperlichkeit. Und lange danach auch nicht. Die Einbildung schafft sich eine eigene Welt. Der Schein bestimmt das (Schwer/Leicht) Sein.)

Und es wurde erneut ein langer Tag. 35 km bis Eckernförde.

GPS-Gesamtstrecke bis 084

Navi, Google-Map (und weiß nicht welche Quellen ich noch konsultierte) sagten mir, es gäbe nur eine Möglichkeit, nach Norden zu Fuß zu gehen, indem ich den Eider-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal) überquerte. Das schien mir komisch, denn ich musste mich weit von der Küste weg bewegen. Doch ich wurde entschädigt.

Kanal Voll

Das hatte ich bisher nur bei einer Elbbrücke in Tschechien gesehen: Schlösser am Brückenzaun. Treueschwüre für den Geliebten, Glücksversprechen für die Angehimmelte, eine Geste am Valetinstag.

love and chain

Obwohl ich wußte, wieviel Strecke noch vor mir lag, hielt ich mich eine geraume Zeit auf der Brücke auf. Meiner Kameralinse präsentierten sich so viele Motive auf kleinstem Raum wie selten zuvor.

Alte Stahlkonstruktionen sind unschlagbar schön.

Vielleicht hätte ich die Schärfe doch auf die endenden Linien legen sollen und nicht auf die Schrift.

Noch Stunden hätte ich mich austoben können, doch ich mußte weiter. Eine Straßenunterführung – und dann wieder freien Blick.

Ich bin eine Kanalratte

Noch immer wogen die 16 Kilogramm meines Rucksack nichts. Ich fühlte nicht einmal die Tragriemen.
Ich fragte mich, wie das sein konnte.
Noch kurz nach dem Aufstehen hatte ich mich unter höllischen Schmerzen bewegt. Meine Füße brannten, die Schuhe anzuziehen war ein Qual, die Blasen am (rechten) kleinen Zeh und an der (linken) Ferse machten es zur Tortur, selbst Strümpfe überzuziehen.
Ich weiß, um Schmerzen zu überwinden, muss man gegen den Schmerz anlaufen. Irgendwann vergisst der Körper, dass da etwas weh tat (tut).
Doch der Körper vergisst nichts – es ist der Kopf, der vergisst.

Ich kam immer tiefer ins Philosophieren, nahm die schöne Holsteinische Landschaft um mich herum kaum wahr. Es war Nachmittag geworden und ich bewegte mich bei Noer entlang der Eckernförder Bucht.

Die Förde fest im Blick

Wie ein bloßes Glücksgefühl bewirkt, dass körperliche Strapazen nicht wahr genommen werden, noch immer war ich beim Thema.
Ich verstieg mich in den Gedanken, dass der Körper im schlechtesten Fall nur ein Störenfried für das Empfinden ist (dann, wenn die Knochen sich doch mit ihren Schmerzen zurückmelden und das Empfinden „erden“). Im besten Fall aber benutzt das Glücksgefühl den Körper wie ein Werkzeug zur Steigerung seiner selbst. Es geht immer weiter nach oben.
Das Glück himmelt gerne.
(Was für ein schönes Wort: „himmeln“. Gibt es das schon? Muss ich die Duden-Redaktion verständigen?)

Meerwiesen

Ich hatte Durst und Gottseidank lag zur richtigen Zeit eine Gaststätte am Wegrand.
„Der grüne Förster“.

Ein Prosit der Jagd!

Die Einrichtung grün, das Bier hell und natürlich fehlte nicht die Bestie überm Türrahmen.

Holsteinischer Wolpertinger

Ich wollte von der Bedienung wissen, ob das Viech denn auch einen Namen habe, hier hoch im Norden Deutschlands. Sie wusste nicht recht, was ich meinte.
Ich bohrte nach, ob diese Mini-Monster hier oben denn auch wie im Bayerischen „Wolpertinger“ genannt würden.
Sie wusste es nicht.

Mich würde überhaupt einmal interessieren, aus welchen Elementen ein Tierausstopfer so ein Ungetüm herstellt: Dachskopf? Katzenkörper? Fuchsschwanz?
Ich muss das mal recherchieren.

Langsam ließ mein Endorphinausstoß nach und mein Körper meldete sich zurück. Ich quälte mich die letzte Stunde bis Eckernförde. Die ersten Werftanlagen waren bereits zu sehen.

Denkmalwürdige Industrieanlage

So ziemlich genau mit Sonnenuntergang, Viertel nach sieben, lief ich über die Brücke des alten Hafens.

VielfarbenHafen

Was für ein Farben-Kaleidoskop boten die sich spiegelnden Kutter und Boote:

Hundert Wasser Hundert Farben

Mehr Glückslinien als auf einer Hand

Die Glückshormome hatten wieder zu tun.

Ich fand ein ausgesprochen nettes und bezahlbares Hotel am Hafen.

Hunger: Butt gebraten. (Sehr gut, zartes Fleisch, noch leicht glasig. Gut gewürzt.) / Dazu Salzkartoffeln und ein sehr großer gemischter Salat. Später noch ein Apfelstrudel mit Walnusseis. Alles zusammen 15,90 Euro.

Durst: Kakabellenbier. Eine Eckernförder Spezialität. Eine Art Zwickel. Naturtrüb. Guter Geschmack, der aber schnell nachläßt. Herrliche Flasche!

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Ich hätte besser einen Pausentag genommen, statt nach Schwedt zu hinken

Trüber Tag. Fast Temperatursturz. Musste sehr früh meine Regenjacke überziehen, kaum hatte ich gegen 9 Uhr Hohenwutzen hinter mir gelassen.
Ich wollte auf jeden Fall bis Schwedt kommen. Im Herzen des Oderbruchs.

GPS-Gesamtstrecke bis 058

Eigentlich war die Strecke nicht länger als ca 28 km. Wenn ich mich nicht dauernd verlaufen hätte.
So wie hier in Hohensaaten. Einfach gegen eine Wasserwand gelaufen. Plötzlich hörte der Weg auf.

Verloren in diesem Kanallabyrinth

Es kreuzten Kanäle, Seitenarme, tote Arme, Pfuhl und Binnenseen und weiß der Teufel was noch. Ich verlor mehr als einmal die Orientierung. Mein Handy hatte auch den Geist aufgegeben. Den Navi konnte ich nicht befragen. Am Ende lief ich also rund 34 km mit all den Umwegen. Es tut weh, umkehren und wieder von vorne beginnen zu müssen. Auch diese Dammstraße mit 50er Jahre Sozialwohnungen endete im Nichts.

Spießige Gepflegtheit

Schließlich hatte ich mir (so sind diese Murphy-Tage) auch noch das linke Knie verdreht, dass ich wie ein alter buckliger Mann humpelte.
Ich hätte besser einen Pausen-Tag eingelegt.

Die Kamera packte ich kaum aus. Wie verschwunden die Vögel, Rehe, Schmetterlinge. Als dösten sie in ihren Verstecken und warteten auf sonnigere Zeiten.

Ich vermisste jetzt meine kleinen Begleiter, die mir so oft geholfen hatten oder mit denen ich zumindest unterwegs ein wenig plaudern konnte.

Es gab hier einfach keine Gnome, Hexen, Ritter, Knirpse, Druiden oder sonstwelche dienstbaren Geister. Ich durchlief eine Gegend, die aufregend schön war, die aber offensichtlich keine Mythen beherbergte oder zumindest sie mir nicht erzählte. Kein Souvenirladen, der irgendeine kleine Figur feilbot, selbst auf den Polenmärkten kein Kleinkitsch. (Nur große kilogrammschwere Gartenzwerge).
Ich dachte kurz, dass es vielleicht eine Gegend sei ohne eigene Identität, diese sei mit den Vertriebenen vertrieben worden. Aber das konnte es nicht sein. Irgendetwas blieb mir hier verborgen, ohne dass ich es benennen konnte.

Gottseidank traf ich eine witzige Gruppe von birdspottern, die mit Fahrrädern unterwegs waren. Berliner Vogelliebhaber, die sich das Wochenende über von einem ortskundigen Ornithologen durch die Moorlandschaft des Oderbruchs führen ließen. Der Vogelkundler zeigte ihnen einen Horst, in dem ein Seeadlerpärchen gerade ihren Nachwuchs fütterte. Eine Dame lieh mir unaufgefordert ihr Fernglas und ich konnte das Spektakel beobachten. Sensationell! (Für Fotos viel zu weit weg!)

Immer weiter zogen wir in den Sumpf. Das Wasser auf den Wegen im Nasspolder tiefer und tiefer.

Fröhliche Berlinerinnen

Auch ich zog meine Schuhe aus, trennte meine unteren Hosenbeine ab und nahm ein Moorbad. (Blutegel gab es zuhauf. Sie fanden aber keinen Gefallen an meinen Spargelbeinen).

Moorpackung gratis

Schafe schauten interessiert zu.

Sie wunderten sich über mich

Es wurde kalt und ich legte mir wieder meine Beinschoner an.
So verdreckt hätte ich als kleiner Junge nicht nach Hause kommen dürfen!

Ob Rei in der Tube das rauskriegt ?

Gegen 18 Uhr endlich in Schwedt eingelaufen. Platt, eingesaut, nach Moor stinkend und mit unbändigem Durst und Hunger.

Durst: Radeberger Pils (3,50 Euro).

Hunger: Spargelsuppe und danach Schnitzel mit Spargel. (15 Euro.) Beides war sehr gut. Zu Schnitzel und Spargel wurde, höchst ungewöhnlich, ein sanfter Meerrettich (rot gefärbt) serviert. Passte aber.

Unterkunft (mit Frühstück – aber ohne eigenes Bad) 34 Euro.