Kai sucht den Teich der „Wandernden Augen“ und träumt sich durch bis Rostock

Gleich hinter Ahrenshoop, dem Nepp-Dorf, beginnt das Paradies.
Wie schnell war ich wieder versöhnt, wie rasend schossen mir Glückshormone durchs Blut, als ich das freie Feld betrat.
Unterwegs sah ich ein junges Pärchen, das wohl die Nacht zuvor den Feldweg zur Küste hinaufgefahren war und auf den Auto-Rücksitzen übernachtet hatte.
Sie, jetzt ziemlich verstruwwelt, putzte sich die Zähne. Er, ebenfalls ein wenig derangiert, versuchte Kleidungsstücke in einen Koffer zu stopfen.

Gleich danach: die Liliput-Steilküste.

stairways to beach

Auf dem Brückengeländer stand Kai. Schwer zu schätzen, wie alt er war. Ein Kind jedenfalls mit einem Eierkopf und blitzgescheiten Augen.

Komm mit mir kleiner Kapitän

Wenn du mich mitnimmst„, sprach er mich an, „zeige ich dir die Stelle, wo die Hirsche ins Meer gehen„.

Ich schaute ihn belämmert an, er errötete, versicherte jedoch: „Glaube mir, ich kenne die Stelle, ich habe sie markiert. Ich habe schon viele Hirsche im Meer gesehen.

Ich nahm ihn mit.
So ein Foto von einem Hirsch (blauer Hirsch?) in der Ostsee hatte wahrscheinlich noch kein Fotograf geschossen.

Gegen 9 Uhr hatte ich Kai vorsichtig in den Rucksack gesetzt. Ein aberwitziges Pensum lag vor mir. 45 km!
So weit war es bis Rostock. Ich wollte ausprobieren, ob meine Knie und meine Kondition dafür taugten.
Anders gesagt, ich hatte Lust mich zu quälen.

GPS-Gesamtstrecke bis 074.

Ein leichter Wind landeinwärts ließ die Strandhaferfelder im frühen Sonnenlicht zittern. Mich mit.

Strandhafer

Welch eine Wonne (warum gefallen mir alte Formulierungen so gut?), übers menschenleere Sandufer zu laufen. Immer dicht an der Wasserkante.

Der Hirsch war ich selber

Kai machte sich in meinem Rucksack bemerkbar. Ich holte ihn raus.
Hier, hier ist die Stelle„, behauptete er.
Eine Vogelfeder (Möwe?) hatte er in die Buhne gesteckt.

Kai an der Zauberbuhne

Ich versuchte ihm zu glauben, ich strengte meine Augen an, ich setzte mich hin und wartete. Aber es erschien kein Hirsch.

Gott sei Dank sahen uns nicht allzu viele Urlauber zu. Der Strand bereits herbstleer.

Der nahende Herbst leert die Strände

Du hattest eben einen Traum, tröstete ich Kai.
Nein!
Du siehst Nachtgespenster wie viele Kinder, behauptete ich.
Nein!

Wir verließen den Strand und entfernten uns immer mehr vom Meer. Hinein in den Wald. Richtung Rostock.
Noch 8 Stunden Marschieren vor uns.

Kai sagte, dass er den Wald gut kenne. Wenn ich wollte, könnte er mich zum Teich der „Wandernden Augen“ führen.
Lass das Gespinne vom Märchenwald, wies ich ihn an.
Aber es interessierte mich doch, was er damit meinte.

Er hub an (wieder so eine alte Formulierung, die mich sofort fesselt):

Jeder Urlauber hier bestellt sich Flunder, meist gebraten. Aber kaum jemand weiß, dass Flunderaugen wandern! Im Larvenalter wandert ein Auge auf die andere Körperseite, denn Flunder leben auf dem Meeresboden. Nur ihn müssen sie mit beiden Augen (auf einer Seite!) anschauen!

Bei dieser Augen-Wanderung fällt manchmal ein Auge aus der Spur und geht verloren. All diese verlorenen Flunderaugen treffen sich aber wieder an einem geheimen salzigen Tümpel im strandnahen Wald. So wie sich früher die Einäugigen und Blinden in Höhlen zu Diebesbanden zusammengerottet haben, so bilden die verlorenen Flunderaugen eine geheime Gesellschaft.

Mir reichte es, trotzdem folgte ich Kai immer tiefer in den Wald.

Nur: Einen salzigen Tümpel konnte ich nicht finden, lediglich knorrige Bäume in feuchten Wiesen.

Kais Zauberbaum

Wenn du willst …“ Ich stoppte Kai schon beim Versuch, mir eine neue Geschichte aufzutischen.

Ab jetzt war stures Laufen angesagt. Stunde für Stunde. Überwiegend einen asphaltierten Radweg entlang, vorbei an endlosen Maisfeldern, gezackerten Böden und irgendwelcher Wintersaat. Oder war es doch etwas anderes?

Flurschaden

Es scheinen nur Großbauern zu überleben hier. War ich noch in Vorpommern oder schon in Mecklenburg? Ich hatte mangelhafte Ost-Geografie-Kenntnisse.

Der Erschöpfung nah (die Sonne ebenfalls), erreichte ich Rostock.
Eintritt in eine Platte-Welt.
Aber statt Kälte, strahlte sie Heimatgefühle aus. Bunt selbst die Mülleimeranlage.

Bunte Platte

Ich verirrte mich beinahe in diesem Platten-Gestrüpp.

Futuristische Platte

Aufgehübschte Platte

Halb acht fand ich ein Hotel. Halb neun saß ich in einer der wenigen Montags-Offen-Restaurants und war dankbar für alles.

Das Tagesgericht: Frische Pfifferlinge mit Schweinemedaillons und Bratkartoffeln. 16,50 Euro.
Wie ein Staubsauger alles weggeputzt.

Zwar passte nichts zusammen. Nicht Pilz mit Fleisch und noch viel weniger mit den gekochten Kartoffeln. Und schon gar nicht die Soße. Für sich genommen, schmeckten aber die Einzelteile. Und genau so verdrückte ich sie, einzeln und nacheinander. 12,90 Euro.

Durst: Rostocker Pils. Ich weiß nicht ob es an meinem Durst lag. Aber es schmeckte mir ausgezeichnet. Ich bestellte ständig nach. 2,90 Euro (0,5 l).
(Rostocker Brauerei wurde 1878 gegründet, aber schon ab dem 13 Jahrhundert gab es in Rostock Bierlizenzen!)
Nur als Kai anfing „Willst du, dass …„, wurde ich kurz ungehalten. Laß uns morgen weiter träumen, meinte ich, und jag mir bitte heute keinen Nachtschreck in meinen Schlaf!

Unterkunft: 51 Euro (ohne Frühstück).