Pause in Rostock zusammen mit alter Rostocker Elite

Shanty in die Jahre gekommen

Ich dachte über den gestrigen Abend nach.

Beim Abendessen (besser Nachtmahl) hatte ich zum ersten Mal seit ich im Osten unterwegs bin einen Stammtisch als Nachbarn. Fast alles Honoratioren der ehemaligen DDR. Allesamt pensioniert. Um die 70. Nicht dass sie dem von der Geschichte verschluckten Regime hinterher trauerten.
Aber sie redeten seltsame Dinge. Es ging um das Bildungssystem Deutschlands. Sie meinten, es gehöre zentralisiert. Es müsste bundeshoheitlich werden. Es könne nicht angehen, dass Mecklenburg-Vorpommern schlechter beleumundet sei als andere Bundesländer. Und überhaupt sollten sich die Parteien einiger sein. Zuviel Streit schade dem Ziel.

Ich war nahe dran, mich einzumischen, zu erklären, dass das Wesen von Demokratie „Wahl“ sei, „Streit“ um den richtigen Weg, das „Suchen“ nach Alternativen, das „Opponieren“, mithin nicht das Konforme, Einheitliche, sondern das Schwierige, Tastende.

Dann sprachen die OPAS und OMAS von ihren Enkeln. Jeder/Jede glaubte mindestens ein Genie als Nachkommen zu haben. Und sie forderten Eliteschulen für ihre Liebsten. Dass sie sich nicht gemein machen müssten mit Minderbegabten.

Als sie gegangen waren, fragte ich die Bedienung, wer diese Rostocker Bürger gewesen seien.

Ehemaliger Chefarzt, Schuldirektor, Theaterchef usw..

Alte DDR Elite.

Sie haben gut gespeist.
Wie ich auch.

Das war gestern.

Heute irrte ich ein wenig durch Rostock.

Petri Kirche:

Horizont ist nicht immer gerade!

Am Abend mal einer Restaurant Empfehlung aus dem Reiseführer gefolgt.
Sehr erfolgreich!

Vorspeise: Gebratene Leber vom Zicklein (auf verschiedenen Blattsalaten).

Hauptspeise: Krebsnase mit Klösen von Hecht und Schlei. Dazu Ratatouille und gedünsteter Spinat (hab ich das richtig geschmeckt?). Exzellent gewürzt. Aber nicht immer eine Harmonie bildend.

Preis verrate ich nicht.
Ich hab‘ es mir verdient.

Kai sucht den Teich der „Wandernden Augen“ und träumt sich durch bis Rostock

Gleich hinter Ahrenshoop, dem Nepp-Dorf, beginnt das Paradies.
Wie schnell war ich wieder versöhnt, wie rasend schossen mir Glückshormone durchs Blut, als ich das freie Feld betrat.
Unterwegs sah ich ein junges Pärchen, das wohl die Nacht zuvor den Feldweg zur Küste hinaufgefahren war und auf den Auto-Rücksitzen übernachtet hatte.
Sie, jetzt ziemlich verstruwwelt, putzte sich die Zähne. Er, ebenfalls ein wenig derangiert, versuchte Kleidungsstücke in einen Koffer zu stopfen.

Gleich danach: die Liliput-Steilküste.

stairways to beach

Auf dem Brückengeländer stand Kai. Schwer zu schätzen, wie alt er war. Ein Kind jedenfalls mit einem Eierkopf und blitzgescheiten Augen.

Komm mit mir kleiner Kapitän

Wenn du mich mitnimmst„, sprach er mich an, „zeige ich dir die Stelle, wo die Hirsche ins Meer gehen„.

Ich schaute ihn belämmert an, er errötete, versicherte jedoch: „Glaube mir, ich kenne die Stelle, ich habe sie markiert. Ich habe schon viele Hirsche im Meer gesehen.

Ich nahm ihn mit.
So ein Foto von einem Hirsch (blauer Hirsch?) in der Ostsee hatte wahrscheinlich noch kein Fotograf geschossen.

Gegen 9 Uhr hatte ich Kai vorsichtig in den Rucksack gesetzt. Ein aberwitziges Pensum lag vor mir. 45 km!
So weit war es bis Rostock. Ich wollte ausprobieren, ob meine Knie und meine Kondition dafür taugten.
Anders gesagt, ich hatte Lust mich zu quälen.

GPS-Gesamtstrecke bis 074.

Ein leichter Wind landeinwärts ließ die Strandhaferfelder im frühen Sonnenlicht zittern. Mich mit.

Strandhafer

Welch eine Wonne (warum gefallen mir alte Formulierungen so gut?), übers menschenleere Sandufer zu laufen. Immer dicht an der Wasserkante.

Der Hirsch war ich selber

Kai machte sich in meinem Rucksack bemerkbar. Ich holte ihn raus.
Hier, hier ist die Stelle„, behauptete er.
Eine Vogelfeder (Möwe?) hatte er in die Buhne gesteckt.

Kai an der Zauberbuhne

Ich versuchte ihm zu glauben, ich strengte meine Augen an, ich setzte mich hin und wartete. Aber es erschien kein Hirsch.

Gott sei Dank sahen uns nicht allzu viele Urlauber zu. Der Strand bereits herbstleer.

Der nahende Herbst leert die Strände

Du hattest eben einen Traum, tröstete ich Kai.
Nein!
Du siehst Nachtgespenster wie viele Kinder, behauptete ich.
Nein!

Wir verließen den Strand und entfernten uns immer mehr vom Meer. Hinein in den Wald. Richtung Rostock.
Noch 8 Stunden Marschieren vor uns.

Kai sagte, dass er den Wald gut kenne. Wenn ich wollte, könnte er mich zum Teich der „Wandernden Augen“ führen.
Lass das Gespinne vom Märchenwald, wies ich ihn an.
Aber es interessierte mich doch, was er damit meinte.

Er hub an (wieder so eine alte Formulierung, die mich sofort fesselt):

Jeder Urlauber hier bestellt sich Flunder, meist gebraten. Aber kaum jemand weiß, dass Flunderaugen wandern! Im Larvenalter wandert ein Auge auf die andere Körperseite, denn Flunder leben auf dem Meeresboden. Nur ihn müssen sie mit beiden Augen (auf einer Seite!) anschauen!

Bei dieser Augen-Wanderung fällt manchmal ein Auge aus der Spur und geht verloren. All diese verlorenen Flunderaugen treffen sich aber wieder an einem geheimen salzigen Tümpel im strandnahen Wald. So wie sich früher die Einäugigen und Blinden in Höhlen zu Diebesbanden zusammengerottet haben, so bilden die verlorenen Flunderaugen eine geheime Gesellschaft.

Mir reichte es, trotzdem folgte ich Kai immer tiefer in den Wald.

Nur: Einen salzigen Tümpel konnte ich nicht finden, lediglich knorrige Bäume in feuchten Wiesen.

Kais Zauberbaum

Wenn du willst …“ Ich stoppte Kai schon beim Versuch, mir eine neue Geschichte aufzutischen.

Ab jetzt war stures Laufen angesagt. Stunde für Stunde. Überwiegend einen asphaltierten Radweg entlang, vorbei an endlosen Maisfeldern, gezackerten Böden und irgendwelcher Wintersaat. Oder war es doch etwas anderes?

Flurschaden

Es scheinen nur Großbauern zu überleben hier. War ich noch in Vorpommern oder schon in Mecklenburg? Ich hatte mangelhafte Ost-Geografie-Kenntnisse.

Der Erschöpfung nah (die Sonne ebenfalls), erreichte ich Rostock.
Eintritt in eine Platte-Welt.
Aber statt Kälte, strahlte sie Heimatgefühle aus. Bunt selbst die Mülleimeranlage.

Bunte Platte

Ich verirrte mich beinahe in diesem Platten-Gestrüpp.

Futuristische Platte

Aufgehübschte Platte

Halb acht fand ich ein Hotel. Halb neun saß ich in einer der wenigen Montags-Offen-Restaurants und war dankbar für alles.

Das Tagesgericht: Frische Pfifferlinge mit Schweinemedaillons und Bratkartoffeln. 16,50 Euro.
Wie ein Staubsauger alles weggeputzt.

Zwar passte nichts zusammen. Nicht Pilz mit Fleisch und noch viel weniger mit den gekochten Kartoffeln. Und schon gar nicht die Soße. Für sich genommen, schmeckten aber die Einzelteile. Und genau so verdrückte ich sie, einzeln und nacheinander. 12,90 Euro.

Durst: Rostocker Pils. Ich weiß nicht ob es an meinem Durst lag. Aber es schmeckte mir ausgezeichnet. Ich bestellte ständig nach. 2,90 Euro (0,5 l).
(Rostocker Brauerei wurde 1878 gegründet, aber schon ab dem 13 Jahrhundert gab es in Rostock Bierlizenzen!)
Nur als Kai anfing „Willst du, dass …„, wurde ich kurz ungehalten. Laß uns morgen weiter träumen, meinte ich, und jag mir bitte heute keinen Nachtschreck in meinen Schlaf!

Unterkunft: 51 Euro (ohne Frühstück).

Pause in Sassnitz

Klassisch

Sassnitz ist ein ausgesprochen sympathisches Städtchen. Eigentlich eher ein Dorf. Keine Ahnung wieviele Einwohner nach der Wende hier noch gezählt werden. Sie haben sich richtig entschieden, nicht zu gehen.

Der Kutter-Hafen ist der Mittelpunkt des Lebens.

Könnte in jedem Hafen der Welt liegen

Frischfisch zu jeder Stunde. Manche Fischer feilschen morgens mit den Kunden (überwiegend Restaurant-Wirte), andere am Nachmittag.

Das hat beinahe etwas Mediterranes.

Fischer sehen auch überall gleich verwittert aus

Fischer sehen, egal in welchem Erdteil, alle gleich aus. Die Haut gegerbt, die Augen meertrüb, Bartstoppeln, verwaschenes und von der Sonne gebleichtes Hemd, immer mit ein paar Fischblutflecken.

Unmittelbar nach der Wende fuhren noch 1.300 Fischer in Mecklenburg-Vorpommern auf die Ostsee raus. Just heute stand es in der Lokalzeitung. Mittlerweile sind es nur noch 250. Die großen Trawler vertreiben die kleinen Kutter.
Schade.

Kilopreise

Irgendeines dieser ausgenommenen Tiere würde ich heute Abend verspeisen.

Frische Fische

Erneut zog es mich in mein Lieblingsrestaurant. Und wieder war es ein Hochgenuss:
Ganzer Kutterdorsch, gebraten auf Gartengemüse mit Lauch, Senfschaumsoße und Dillkartoffeln. 15,90 Euro.

Am Nebentisch unterhielt sich ein bayerisches Urlauberehepaar. Wie seltsam provinziell das Bayerisch hier im hohen Norden klingt.

Emmas Tanten kehren im Kleinlader nach Löcknitz zurück

Von mir unbemerkt, habe ich irgendwo auf meiner heutigen Tour Brandenburg verlassen und Vorpommern betreten.
Die Ostsee zum Riechen nah.

Auf den Wegen lagen ab und zu zerbrochene Schalen von Miesmuscheln. (Ob See-Möwen sie heruntergespuckt hatten? Oder Enten, die sie ja angeblich in Flussmündungen auch als Delikatesse verspeisen?)

Kirchen am Wegrand mit aufgesetzten Holztürmchen.

Imposante Bauwerke

Um 9 Uhr war ich in Penkun aufgebrochen.

Penkun hatte nichts zu bieten außer einer guten Apotheke (Eisspray für mein Knie und Voltaren).
Ich bewegte mich schnurstracks Richtung Norden. Den Oder-Neiße Fahrradweg hatte ich verlassen und schlug mich, schmalen Straßen folgend, durchs flache Land (stimmt gar nicht – es wurde langsam wellig!).
Ca. 21 km bis Löcknitz.

GPS-Gesamtstrecke bis 061

Die Dörfer immer kleiner und verlassener. Aber stets proper aufgeräumt, die Vorgärten wie aus dem Zwergenparadies, der Mini-Rasen völlig Unkraut frei.
Wer Stille sucht zum Sterben, sollte sich hier einquartieren. (Nur jäten, das muss jeder, in jedem Alter!)

Typisches Vorpommern Dorf: Still, leise, ruhig

Wenn einmal Verkehr, dann Fahrradfahrer. Aber nicht die High-Speed-Rennfahrer-Touristen, sondern Omis und Opis. Ziemlich sicher unterwegs zu ihrem Mittagstisch.

Großmutter hat immer Vorfahrt

Noch immer (oder wieder?) gab es in manchen Ortschaften Gaststätten, die einen Mittagstisch anboten.
Ein Minimenü für 4 Euro. Kein Wirtshausbesucher, keine Wirtin unter 60.

Alten- und Puppenstube

In dieser Stube gehörten nicht nur die (imitierten) Hummel-Figuren zum Inventar, sondern auch die Gäste. Witzige Alte, die sich gegenseitig mit Späßen aufzogen.
Jureks (schätzungsweise 70) Tischgenossin (schätzungsweise 75) wollte ihrer Freundin (ähnliches Alter) etwas heimlich zuflüstern, was Jurek aber ärgerte. Er riet seiner Tischgenossin: „Geh doch gleich in den Sarg, da hört dich niemand!“

Das Dörfchen Glasow war Bäcker, Metzger und Tante Emma frei. Nichts gab es, außer einem kleinen überdachten Rastplatz. So sonnenbeschirmt, wartete ein älterer Herr, mir freundlich und interessiert zulächelnd.

Warten auf Godot (den Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler)

Vor seiner Pensionierung war er Schweinehirt. Jetzt lebte er allein und gelassen in den Tag hinein. Er sprach zufrieden. Er erklärte mir, dass er jeden Freitag um die Mittagszeit auf dieser Bank saß und wartete. Auf Tante Emmas rollenden Kaufladen. Bald würden auch noch ein paar in die Jahre gekommene Damen mitwarten.

Das rollende Einkaufszentrum

Gegen 1 Uhr rollte dann ein Konvoi von 3 Kleinlastern an. Ein Bäcker, ein Metzger und ein Obst- und Gemüsehändler. Eine halbe Stunde Aufenthalt und dann würde der Versorgungskonvoi zur nächsten stillen Ortschaft aufbrechen.

Fleischer und Altenflüsterer

Ich fragte den jungen Fleischermeister, ob sich das für ihn rentieren würde? „Klar“! war seine Antwort. Die Herrschaften würden sehr viel kaufen – für die ganze Woche. Das Geschäft laufe hervorragend. Ein netter junger Mann, der auch gerne den sich wiederholenden Geschichten seiner Kundschaft zuhörte. Die Käufer mochten ihren Altenflüsterer.

Polen lag nicht weit weg, aber doch war überhaupt nichts von einem Grenzland zu spüren. Die Menschen lebten eingesponnen ihn ihren kleinen Welten. Was über dem nächsten Hügel lag, interessierte die meisten eher wenig.

Die Landschaft nun nicht mehr rapsgelb, eher weizen- und roggengrün.

Grün als Flächenfarbe ist eher langwelig

Wer aufmerksam schaut, sieht die Kirchturmspitze am Horizont. Das nächste verschlafene Nest nicht mehr weit.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich Löcknitz. Es fing an zu regnen und ich verließ das Hotel (am See) nicht mehr.

Durst: das übliche Radeberger Bier.

Hunger: Schnitzel mit Spargel. In Ordnung. Mit 13,90 Euro aber ziemlich überteuert.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).