Warmlaufen bis ins niederländische Bourtange

Smutje ist immer vorher schon da

Smutje ist immer vorher schon da

Gestern Abend in Papenburg angekommen – und das Erste, was ich sah, war wieder Smutje, das Nordsee-Klischee.
Keine Kneipe ohne Matrosen-Kult.

Am Morgen schließlich um Viertel vor 9 Uhr losgelaufen. Das Ziel: Bourtange in den Niederlanden. Rund 22 km entfernt.
Ich wollte die neue Etappe vorsichtig angehen.

GPS-115-Papenburg

Frostig der Morgen. Obwohl die Sonne sich schon früh frisch gemacht hatte. 4-5 Grad. Der Hauptkanal Papenburgs glitzerte kaltblau.

(Sehr) Klein Venedig

(Sehr) Klein Venedig

Der Tag lief sich allerdings schnell warm und ich mich mit. (Als ich losging, trug ich 3 Schichten Klamotten – als ich ankam, schwitzte ich das T-Shirt nass.)

Am Stadtausgang Papenburgs völlig überraschend ein Wegkreuz. Im protestantisch/evangelischen Norden Deutschlands hatte ich auf den letzten Etappen nie eines vor die Kameralinse bekommen.

Hier mussten Katholiken in der Diaspora leben.

Diaspora Wegkreuz

Diaspora Wegkreuz

Auf dem Weg zur holländischen Grenze weitere mächtige steinerne Kreuze. Hat das was mit den Niederlanden zu tun?

Das nächste Kreuz sicher nicht:

Ein Kreuz für den Bäckermeister

Ein Kreuz für den Bäckermeister

Fuß-Text:
„Am 17. April 1945 starben hier im ‚Behnes Busch‘ bei einem alliierten Fliegerangriff die Volkssturmangehörigen Bäckermeister Gerhard Figge und Revierförster Wilhelm Rensing … und 7 Soldaten der deutschen Wehrmacht. Ihnen zum Gedächtnis … November 1988“

Ich wundere mich, dass Lokalbehörden ein Kreuz mit solch einem Text noch vor 25 Jahren genehmigten. Der Volkssturm unterstand unmittelbar Himmler, die Wehrmacht alles andere als ein unbescholtener Verein. Und die Grenze zu den Niederlanden zum Spucken nah. Die Alten dort können sicher noch einiges erzählen über das Wüten der Wehrmacht.
Merkwürdig.

Und bald schon das nächste religiöse Monument am Wegrand. Eine kleine Marienkapelle.
Auf Steinplatten die eingemeißelten Namen verstorbener (Mit)Arbeiter der ADO Gardinenwerke.
(Ohne Goldkante).

Miarbeiterpflege

Mitarbeiterpflege

Hinter der Kapelle fließt träge der Dortmund-Ems-Kanal.

Dortmunder Kapitän unterwegs zur Nordsee

Dortmunder Kapitän unterwegs zur Nordsee

„Strompolizeilich“ ist verboten, das Betriebsgelände der Schleusen zu betreten.

Warnung an alle Stromer

Warnung an alle Stromer

Wusste gar nicht, dass es eine eigene „Strompolizei“ gibt.
(Leitet sich „Stromer“ etwa davon ab?)

In Spuckweite nun die niederländische Grenze. Der schmale Weg markiert ziemlich genau den Grenzverlauf.

Gfrenzweg

Grenzweg

Gegen zwei dann schließlich Bourtange erreicht. Ein historisches Festungsdorf.

Festung im Moor

Festung im Moor

Ursprünglich im Mittelalter mitten in einer beinahe unzugänglichen Sumpflandschaft errichtet, heute ein Museumsdorf, in dem Männer immer noch gerne Krieg spielen.

Als Oranje noch rot war

Als Oranje noch rot war

Und Frauen das lächelnd hinnehmen.

Schüchternes Lachen

Schüchternes Lachen

Kenner-Lachen

Kenner-Lachen

Pikeniere und Musketiere mit galanter Kriegskunst.

Männer spielen halt gern Krieg

Männer spielen halt gern Krieg

Am frühen Nachmittag Richtung Vlagtwedde weitergewandert, auf der Suche nach einem Hotel. Spät fündig geworden (völlig überteuert). Das dazugehörige Restaurant hatte zu. Also am Abend noch einmal 3 km weitergezogen.

Hähnchen-Kebab gegessen. Mit frittierten Industrie-Kartoffeln und türkischem Salat mit geschmacklosen Holland-Tomaten. 14 Euro.

T115-Essen-01
Sättigend. Mehr nicht.

Geschafft! Für einen Augenblick auf dem Horizont (Im Ostseebad Ahlbeck)

Die Ostsee erreicht!
Mit der untergehenden Sonne.
Den Ahlbecker Strand im letzten Tageslicht betreten.
Ich fühl‘ mich wie auf dem Horizont.
Für einen langen Augenblick.

Das Wahrzeichen!

Geschafft!
Ca. 1490 km zu Fuß!
63 Tage gewandert.
Einmal Deutschland längs durchackert.

Ich bin stolz.

Die polnische, tschechische und österreichische Grenze liegen hinter mir. Ab jetzt beginnt ein neues Kapitel.
Immer der Küste folgend. Als Strandläufer. Ohne direkte Nachbarn. Ohne Grenzgeschichten.
Ich bin selbst gespannt. Aber das wird eine ganz neue Etappe sein. Ab Herbst vielleicht.

Uecker Fahrt

Der Weg heute: ein letztes Zipfelchen Uecker mit der Fähre.

Die Münde im Blick

Mittags mit dem Flüsschen in das Stettiner Haff getrieben.
Unterwegs erzählte mir der Matrose, dass die Geschäfte seit einiger Zeit nur schleppend verliefen. Sein Reeder hätte schon viele Boote und Schiffe verkaufen müssen.
Mit dem Eintritt Polens in den Schengener Raum seien auch die Butterfahrten kaputt gegangen. Zollfreies Einkaufen war vorbei. Das habe Tausenden (soll ich das glauben?) den Job gekostet.

Allein der Fahrradtourismus halte die deutsche Grenzregion wirtschaftlich am Leben.
Wobei: Unter den Radlern gäbe es viele Geizhälse. Selbst auf der Fähre kauften sie nichts.

Welch schönes Wort: Korkengeld!

Wer die eigene Flasche entkorkt, zahlt Korkengeld!

Hügeldörfchen am Strand

Gegen 16 Uhr in Kamminke auf Usedom angelegt. Einmal quer durch die Insel und ich würde die Ostsee sehen. Rund 13 km fehlten mir noch.

Grün die vorherrschende Farbe.

Chlorophyll-Produktion auf Usedom

Golfgrün manchmal.
Mit protzigen Vereinshäusern. Ich war auf einer teuren Insel gestrandet.

Angebote für den Geldbeutel

Gegen 20 Uhr humpelnd in Ahlbeck angekommen. In allen kleineren Pensionen und einfacheren Hotels war die Rezeption nicht mehr besetzt.

So blieb nur ein Großhotel.

Um 21 Uhr auf der Strandpromenade etwas gegen Hunger und Durst gesucht. Fast alles geschlossen. Die älteren Kurgäste gingen eben früh schlafen.
Mit Ach und Krach einen Italiener aufgetrieben. Bekam ein Becks und eine Pizza.
Wenig später rauschten schon Spül-, Kaffee- und sonstwelche Maschinen, um mich letzten Gast sanft hinaus zu komplimentieren.

Ich war trotzdem gut gelaunt. Ich hatte mein Ziel erreicht!