Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

T165-Bursche-01-imp

Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

T165-Nico-02

Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
T165-Rasselbande-01

Etappenschluss in Wissembourg

Das ist die Pfalz: Burgenland, Waldland, Weinland, Weites Land, Elwedrischeland.

Pfalzblick

Pfalzblick

Der Reihe nach: beim Frühstück aus dem Hotel-Fenster gesehen. Der Mühlweiher in Ludwigswinkel („Saarbacherhammer“) pelzig, fröstelig. Wieder Regen.

Kein Schatz im Silbersee

Kein Schatz im Silbersee

Um 9 Uhr aufgebrochen. Nach Wissembourg im Elsass. 27 Kilometer zu laufen. Das war zu schaffen. Es wurde aber ein langer und anstrengender Tag.

GPS-153-Ludwigswinkel

Selbst Kälte gewohnte Dörfer wie Schönau fröstelten in der Nässe.

Pfalzidyll

Pfalzidyll

Die meisten Fachwerkhäuser frisch renoviert. Nur wenige Fassaden mit dem Charme der Vergänglichkeit.

abgetakelt

abgetakelt

Von Schönau aus nahm ich Anlauf zur höchstgelegenen Burgruine der Pfalz. Die Wegelnburg; 572 m hoch thront sie.

Der Anstieg zunächst sanft durch ein schönes Tal.

Seitental

Seitental

Dann wurde es steil. In kürzester Zeit waren 350 Höhenmeter zu klettern.

Fotografenhorst

Fotografenhorst

Was für ein Blick!
Aber nur für Sekunden. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Kamera aus der Hülle zu ziehen. Ich schoss das Foto mehr oder weniger aus der Hüfte.
Sekunden später (und das ist keine Übertreibung!) tobte bereits ein gnadenloses Unwetter über mir und der Burg.

Schutzlos

Ausgeliefert

Ich suchte Schutz unter Steingewölben. Riss die Wolkendecke einmal kurz auf, war die nächste Burg zu erahnen.

Nebelburg

Eingenebelt

Ich beeilte mich, von der Festung herunterzukommen. Die Waldwege waren matschig, rutschig, durch umgefallene Bäume schwer passierbar geworden.

Ab jetzt lief ich stur einen Radweg im Tal entlang, der kleinen Bächen ins Elsass folgte.

Ich hatte das Gefühl, dem Zorn Gottes entkommen zu sein. Hier unten war es nicht mehr ganz so gewitterdunkel wie in den Bergen.

Und plötzlich fiel mir auch ein, worüber ich unterwegs lange gegrübelt hatte.
Wenn es einen speziellen Pfälzer Charakter gab, worin lag das Besondere? Es war der Zorn!

Natürlich sind die Pfälzer so, wie sie oft beschrieben werden: leutselig, gemütlich, manchmal ein wenig provinziell, neugierig und offen. Das Besondere aber ist ihr Zorn. Sie können sich sehr schnell aufregen. Ich selbst wurde als Kind immer wieder „Zornickel“ gerufen. Das ist kein Schimpfwort. Es ist eher ein Staunen über den Urzorn, der schon früh einen kleinen Bankert erfassen kann.

Zorn ist eine Gottes-Tugend (Heiliger Zorn) und nicht wie der Jähzorn eine der Sieben Todsünden.
Vom Zornickel zum Revoluzzer ist es in der Pfalz nicht weit. (Und nicht nur wegen 1848!)

Aber ich war zunächst einmal im Begriff, meine Heimat zu verlassen. Über eine schmale Fahrradbrücke formlos nach Frankreich.

Über Brücken musst du gehen

Über Brücken musst du gehen

Auch Lothringen lag jetzt hinter mir. Ich hatte gerade das Elsass betreten.

Und wurde in Wissembourg neugierig empfangen.

Neugier

Neugier

Ich war angekommen!

Sogar die Sonne lugte kurz durch die Wolken.

A bientôt

A bientôt

Schluss der Etappe!

923 Kilometer in den letzten 6 Wochen gewandert.
Von Papenburg im Norden bis ins Elsass.

3582 Kilometer insgesamt inzwischen zurückgelegt.

GPS-Gesamtstrecke

Viel fehlt nicht mehr, um meine Deutschlandumrundung im Schneckengang zu beenden.

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.

Juliette schenkt mir Pralinen für den Weg nach Überherrn

Die Wolken hatten einen Dauerbruch. Aus dem Himmel wurde Wasser abgepumpt. Mal ganz stark, mal noch stärker.

Meine Wanderung unterbrach ich schon nach 10 Minuten in einem Innestadtcafé von Bouzonville.

Glücksritter

Glücksritter

Wenn es überhaupt jemand auf die Straße zog, dann hierher. Nicht wegen eines Café au lait oder eines Frühstücksbiers. Die meisten spielten Lotto. Mit hohem Einsatz. In der halben Stunde, die ich hier Regenschutz suchte, gingen Hunderte von Euros über den Tresen. Ausnahmslos Männer leerten ihre Portemonnaies. Einige sahen aus, als verspielten sie ihre Stütze.

Um 10 Uhr verließ ich Bouzonville. Mein Minimalziel: Überherrn im Saarland. 19 km weit weg. Den Inhalt meines Rucksacks, Klamotten, Laptop, Kameraausrüstung, alles hatte ich noch einmal extra in Plastiktüten gepackt, um sie vor der durchdringenden Nässe zu schützen.

GPS-147-Bouzonville

Immer wieder suchte ich Schutz unter Bäumen oder – in einem Dorf – unter vorstehenden Dächern.

Bereits im ersten Weiler, in Alzing, machte ich wieder einen Stopp.

Juliette hatte mich eingeladen. Eine 92jährige, die mich von ihrem Fenster aus ansprach.

Se invites me

Se invites me

Juliette wohnte allein, ihre zwei Kinder weit weit weg. Sie brauchte jemanden zum Reden.

Sie goss mir (am frühen Morgen!) einen Mirabellen-Schnaps ein und schüttete ihre Geschichte über mich aus. Sie wechselte zwischen Lothringischem Platt und Hochdeutsch.

Guten Morgen Schnaps

Guten Morgen Schnaps

Im Krieg war der Bauernhof ihrer Familie niedergebrannt worden. Sie wurde nach Viennes deportiert. Von wem und warum, das brachte sie nicht mehr recht zusammen.

Long time ago

Long time ago

Nach dem Krieg kehrten sie nach Alzing zurück. Ihr Mann arbeitete bei der Bahn in Dillingen. Der saarländische Ort gehörte damals zu Frankreich. Bis 1957.

Schön war sie, schön ist sie

Spiegel in die Vergangenheit

Wenn Juliette den Kopf schüttelte sagte sie immer „Mein lieber Mann!„.

Sie zeigte mir Fotos. Als sie klein war habe sie oft eine Schlaufe im Haar gehabt. Schön sei sie gewesen.

Zeit steht

Zeit steht

Schön ist sie immer noch.

Won't let me go

Won’t let me go

Als ich mich verabschiedete, verschwand sie ins Nebenzimmer. Sie wollte mir eine Semmel mit Heringen belegen. Dann wollte sie mir noch einen weiteren Schnaps einschenken. Schließlich drückte sie mir zwei Pralinen in die Hand.

O Juliette

O Juliette

Als ich längst wieder im Regen und weit weg von Alzing war, probierte ich eine Praline und spuckte sie gleich wieder aus. Sie hatte offenbar Jahre in einer Schublade auf mich gewartet.

Wenn das Wolkengrau und der Regenschleier sich einmal für Minuten etwas lichtete, konnte ich die gestrige Landschaft ahnen, in die ich mich verliebt hatte.

Konturlos

Konturlos

Noch zwei Mal stoppte ich in Dorfschenken, um den Regen abzuschütteln und um ein kleines Bier zu trinken. Der Mirabellenschnaps hatte mich durstig gemacht.

In einer Bar unterhielt ich mich mit dem Wirt und zwei Thekenbrüdern.
Nicht wenige Deutsche, so erzählten sie, lebten hier in Lothringen, weil sie in Frankreich weniger Steuern bezahlen müssten. Manche seien seit 15 Jahren im Ort und würden immer noch kein Wort Französisch sprechen.

Nette Burschen in der Kneipe. Ein Bauer sprach so breites Platt, das ich Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen.

Nach 6 Stunden endlich Überherrn im Saarland erreicht.
Ich verließ das Hotel nicht mehr. Draußen stürmte und blitzte es.

Das Restaurant hatte sich sehr früh mit Einheimischen gefüllt. Die gesamte Mittelschicht des Ortes war hier, zechte und schwätzte breites Saarländisch. Laut, gesellig, gemütlich.

Hunger: Trüffelravioli mit Ratatouille. Fein. (Aber zu wenig für meinen großen Hunger.) 14,90 Euro.

T147-Essen-01

Unterkunft: 61 Euro (mit Frühstück).

Mit lothringischem Kir euphorisiert, packe ich es bis Bouzonville

Wauw! Welch ein Empfang durch die Grande Nation.

echtes fake

echtes fake

Noch keinen Schritt nach Frankreich gesetzt und schon stand ich vor dem Eiffelturm. Pfiffige Marketingfachleute hatten eine Kopie des Stahlwerks direkt auf die Grenze zu Lothringen gesetzt. Nur einige Meter hoch. Aber mit pefekter Illusion.

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Um halb 10 das Hotel verlassen, mein Ziel war eigentlich, ein bisschen durch Lothringen zu stolpern und an Frankreich zu schnuppern, aber wieder auf deutsches Gebiet zu wechseln. Es kam anders. Ich lief völlig euphorisiert bis Bouzonville. 30 km weit.

GPS-146-Schengen

GPS-Gesamtstrecke bis 146

Schilder wiesen mich darauf hin, dass ich mich erneut auf dem Jakobsweg bewegte. Sierck-les-Bains an der lothringischen Mosel ist ein Pilger-Stopp.

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

In dem Städtchen traf ich zwei entnervte Deutsche auf Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die den tagelangen Dauer-Regen nicht mehr abkonnten und ans Aufgeben dachten.

Dabei hatte es der Wettergott heute gut mit uns gemeint. Kaum ein Tropfen, sogar ab und zu ein Sonnenstrahl.

Sierck war so wie ich mir lothringische Dörfer vorgestellt hatte: graubraun, ein wenig ungepflegt, urwüchsig, massiv, sogar ein bisschen trist.

gedrängt

gedrängt

Ich hatte zudem erwartet, eine eindeutige Sprachgrenze zu übertreten. Dass ich ab jetzt französisch würde sprechen müssen, das ich aber so gut wie nicht beherrsche.

Weit gefehlt. Schon als ich einen Espresso im ersten Café Siercks zu mir nahm, philosophierte eine gut gelaunte Wirtin mit mir in Deutsch übers Sauwetter: „Katastrophe!“ (Wie bezaubernd betont!)
Ich fragte die Dame, ob noch viele Lothringer Deutsch reden würden, ich hätte das Gegenteil gelesen.
Sie meinte, fast alle älteren Leute entlang der Grenze würden Lothringer Platt sprechen, ihre Generation der 50jährigen nur noch zum Teil.

Sierck war einst Sitz der lothringischen Herzöge. Mit Genießerblick überwachten sie von ihrer Burg aus den Moselverkehr.

at it's best

at it’s best

Das lothringische Grenzgebiet ist hügelig. Ständig wechselt Auf mit Ab. Doch immer hatte ich das Gefühl, mich in einer weiten, großzügigen Landschaft zu bewegen.
Auch wenn die Dörfer so angelegt waren, als würden sie an Hängen, in Mulden und Tälern Schutz suchen.

Fremden gegenüber machen sie sich größer und wuchtiger als sie sind.

Breitseite

Breitseite

Schon im ersten Dorf blieb ich hängen. Ich hörte Stimmen aus einer Gastwirtschaft und trat ein.
Ich bestellte mir zunächst ein Elsässer Bier. Dann sah ich, was der Wirt für seine Gäste mixte und bestellte es ebenfalls.

„Lothringischer Kir“ nannte er das Getränk!

Savoir vivre

Savoir vivre

Absolut köstlich. Ein kräftiger Schuss Mirabellenlikör, dazu Elsässer Crémant und eine lothringische eingelegte Mirabelle.

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Ich radebrechte erst ein bisschen Französisch, bis der Wirt Mitleid mit mir bekam und mich auf Deutsch ansprach.
Von ihm hörte ich die gleiche Geschichte wie schon bei Tagesbeginn.
Fast alle hier im Grenzgebiet sprächen Deutsch. Die Alten sowieso. Die Alten plapperten auch miteinander im lothringischen Platt. Seine Generation beherrsche das Platt ebenfalls, allerdings – und das sei der Unterschied zu früher – spreche man unter Freunden nur noch Französisch.

Aber auch die Jugend, zumindest im Grenzgebiet, lerne Deutsch, da viele in der Bundesrepublik arbeiten würden oder bei eine deutschen Firma in Luxemburg. Überhaupt, wer in Luxemburg arbeite, müsse sich zumindest einigermaßen auf Deutsch veständigen können.
In den Dörfer rings um würde von 3 Jugendlichen mindestens einer einen Job in Luxemburg haben.

(Ich bekam immer mehr Achtung vor dem kleinen Land, das nicht nur die Billigtanke, sondern auch der Arbeitgeber einer ganzen Grenzregion war.)

Euphorisiert von der angenehmen Unterhaltung und dem Mirabellen Kir durchstreifte ich Lothringen und verliebte mich in die Landschaft. Zumindest heute wollte ich nicht mehr nach Deutschland zurück.

love it

love it

Alles andere als eine reiche Gegend.

kein Fassadenbauernhof

kein Fassadenbauernhof

Aber authentisch.

bäuerlich

bäuerlich

Auf den Feld- und Waldwegen immer wieder Wegkreuze. Zum Teil aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts. Die meisten – egal ob aus Stein oder Stahl – verwittert.

Vor diesem Gott musste sich niemand fürchten. Es schien, als bräuchte er Schutz und Erlösung. Ergreifend, wie alleingelassen und verloren in der Zeit der sonst so Allmächtige wirkte.

Jesus auf Mooskissen

Jesus auf Mooskissen

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass diese alten Kreuze dem Spaziergänger, Bauern, Sünder (oder wem auch immer) keine Angst einjagen wollten. Sie übertrugen keine Furcht auf den Betrachter, Furcht vor Strafe, Fluch, Verdammnis.
Sie zeigten einfach Leid und die Sehnsucht nach Erlösung.

Zeit nagt

Zeit nagt

Ich dachte über das Wort Erlösung nach.
Ich weiß nicht, ob andere Religionen, ob Hellenen und Römer in ihrer Götterwelt einen Erlöser hatten.
Aber erlöst zu werden, ist ein genialer Gedanke.
Viel besser als wiedergeboren zu werden und dich von neuem abarbeiten zu müssen an irgendeinem anderen Leben (in christlicher Sprache wäre das wohl die Schuld).

Auf schwere Gedanken folgten beschwingte, fast heiter wirkende Frühlings-Landschaften.

Dreamland

Dreamland

Alle Grünnuancen, die der Mai anrühren konnte!

lothringisches Grün

lothringisches Grün

Über meiner Wanderung war es spät geworden, der Himmel hatte sich wieder bedenklich eingeschwärzt.

Nach 8 1/2 Stunden empfing mich das Kleinstädtchen Bouzonville mit einem ausgedehnten Friedhof.

Fürchte dich nicht

Fürchte dich nicht

Und in Sichtweite: eine für einen kleinen Ort reichlich mächtige Kirche.

Trutzkirche

Trutzkirche

Bouzonville hieß früher „Busendorf“. (Don’t make jokes with names!)

Es gab lediglich (oder immerhin) ein Hotel, das nicht leicht zu finden war. Ich fragte mich problemlos durch (bei älteren Herrschaften und auf Deutsch).

Hunger: Das Abendmenü (29 Euro).
Vorspeise: Weinbergschnecken. (O.K.)
Hauptspeise: Lachsfilet an Currysauce mit Orangen. (Sehr gut kombiniert, feiner Geschmack, gut gewürzt.)

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Der Clou: Dazu gab es hausgemachte Spätzle, die ebenfalls leicht mit Curry und Orangen aromatisiert waren. Schmeckte leicht und sehr gut.

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Nachspeise: Faisselle mit Kiwisauce. (Einfach zuzubereiten: Frischkäse mit Kiwipüree mischen. Köstlich!)

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Unterkunft: 63 Euro (mit Frühstück).

Jo, geh doch fort nach Schengen!

Die paar Tropfen, die morgens vom Himmel fielen, konnte ich fast zählen. Also ließ ich meine Regenkleidung im Rucksack und zog um halb 10 los. Mit schwerem Kopf (zu viel Moselwein) und heute auch zu schwerem Gepäck.

Mein Ziel: Schengen im Dreiländereck. 25 km entfernt.

GPS-145-Nittel

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Ein unspektakulärer Tag.
Mosel, Weinberge und grauer Himmel.
Keine Sonne, die der Landschaft Farbe hätte geben können.

Selten nahm ich die Kamera aus der Tasche.

Patchwork Weine

Patchwork Weine

Ich hatte es nicht eilig.

Auf Wasser gebaut

Auf Wasser gebaut

Am gegenüberliegenden Ufer ab und zu ein kleines verschlafenes luxemburgisches Winzerdorf.

Braune Brühe

Braune Brühe

In Remich wechselte ich ins Nachbarland. Trank einen Espresso im alten Ortskern. Die Bedienung portugiesisch wie in so vielen Gaststätten des Landes.
Weit über 100.000 Portugiesen sollen in Luxemburg leben. Ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Passierte ich kleine Fabriken, Kiesgruben oder größere Baufirmen, sah ich in den Innenhöfen fast ausschließlich Autos mit deutschen Kennzeichen.
Die Löhne sind in Luxemburg gut ein Drittel höher, die Sozialleistungen und das Arbeitsrecht gut. Das lockt Hunderttausende Deutsche, Franzosen und Belgier als Pendler ins Land.

Der kleine Nachbar gibt Europa Arbeit!

Was für ein selbstbewusstes und erfolgreiches Völkchen, die Luxemburger.
Lëtzebuerger nennen sie sich in ihrem Dialekt.

Gegen 16 Uhr lag Schengen vor mir.
Kaum mehr als dreihundert Seelen bevölkern den Ort.

Europas Kaff

Europas Kaff

Dazu ein Schloss, in dem europäische Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde einst der Schengener Vertrag unterzeichnet, der es mir auf meiner Grenzwanderung ermöglicht hatte, ohne Pass Ländergrenzen zu wechseln.

Ich verneigte mich dankbar.

Das Reisebüro Europas

Das Reisebüro Europas

Es gab einen alten Turm und eine Kirche.

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Und es gab einen zentralen Platz, der sich „Europaplatz“ nannte.
Aber Europas Herz, das hatte ich auf meiner Wanderung gespürt, ist größer als dieser Winzling.

Europas Platz ist klein

Europas Platz ist klein

Und es gab eine Brücke, die von Luxemburg nach Deutschland und Frankreich führte.

(Die Brücke im übrigen mächtig befahren. In Schengen hatten immer noch 8 Tankstellen geöffnet, im deutschen Perl jede Menge Supermärkte. Die Deutschen tankten sich die Autobäuche mit billigem Benelux-Öl voll und die Luxemburger stopften sich die Kofferräume mit billiger Lidl, Aldi, Rewe Ware aus. So verdienten die Steuerbehörden beider Länder an den offenen Grenzen!)

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Ich war im Dreiländereck gelandet.

735 km lang hatte ich auf dieser Etappe die Niederlande, Belgien und Luxemburg abgewandert.
Benelux lag jetzt hinter mir, ein neues Abenteuer vor mir: Frankreich und das Saarland.

Da in Schengen keine Pension und kein Hotel geöffnet hatte und schon überhaupt kein Restaurant (Dienstag = Ruhetag), wechselte ich nach Perl auf der deutschen Seite.

Auf saarländisch die Speisekarte.

Hunger: Moschterbrod vum klengen Schwein. (Hausgemachter Rollbraten mit Monschauer Senf, Zwiebeln, Bratkartoffeln und Speckwirsing). 15,90 Euro. Ausgezeichnet zubereitet. Sehr gut gewürzt.

T145-Essen-01

Nachspeise: Mirabellensorbet mit lothringischem Mirabellenschnaps (2,50 Euro). Gut.

T145-Essen-02

Durst: 1 Glas Auxerrois (Weingut Bertel). Leicht, süffig. Alltagswein.

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).