Ins Himmelbett nach Kronenburg

Kein Fotografierwetter als ich Hellenthal verließ. Diesig und veschmiert die Sicht.

Entweder das Kaff liegt tief unten oder ich war schon in kurzer Zeit ziemlich hoch oben.

Down under

Down under

Ich hätte einen Höhenmesser brauchen können, um herauszufinden, wie viele Meter ich mich nach oben oder unten, aber nicht nach vorne vorarbeitete.

Die Strecke sollte mich beträchtlich Auf und Ab gehen lassen bis zu meinem Ziel: Kronenburg. 22 km entfernt. Um 9 Uhr war ich aufgebrochen.

GPS-137-Hellenthal

GPS-Gesamtstrecke bis 137

Typische Eifellandschaft: Weiden, Wiesen, Wald und ein paar Gehöfte auf einer Kuppe.

On Top

On Top

Der Frühling streifte die Hocheifel dieses Jahr sehr spät. Die Bäume arbeiteten noch am Maiausschlag und begrünten sich nur langsam.

Pastellnuancen

Pastellnuancen

Jeder 3. oder 4. Bauernhof hatte eine kleine Koppel mit Ponys oder Pferden.
(Muss hier jede Tochter ein Reitpferd haben?)

Elegante Kopfhaltung

Elegante Kopfhaltung

Mein Handynavi schleuste mich auf Wanderwegen durch die Täler und Berge, konnte aber nicht verhindern, dass ich mich mehrmals fürchterlich verlief. Einmal ging ich einige Kilometer einfach im Kreis. Das andere Mal musste ich den gleichen Weg wieder zurücklaufen. Das dritte Mal befahl mir das Navi durch feuchte Wiesen zu stapfen bis mir das Wasser fast aus den Schuhen lief. (Wer sagt eigentlich, dass Goretex kein Wasser durchlässt?!)

Nasses Grün

Nasses Grün

Zwischendurch das übliche Eifelwetter: Es regnete.

Die Dörfer massiv, die Kirchen schlicht.

Nasses Weiss

Nasses Weiss

Wenn die Sonne kam, wurde es richtig schön.

Nachzügler

Nachzügler

Gerade hatte ich seinen Garten fotografiert, da sprach er mich auch schon an: Clas.
Die 70 Jahre konnte ich ihm nicht ansehen.

Clas war Niederländer und hatte sich vor zwei Jahren das Anwesen (zusammen mit seiner Frau) als Alterssitz gekauft.
Die ganze Welt hatte er gesehen. Als Bauingenieur hatte er die Aufschüttung der Palminsel in Dubai beaufsichtigt und die Stranderweiterung auf Sylt.
Den schönsten Platz um noch älter zu werden fand er hier: in der Eifel.
Außerdem – so sagte er – seien die Häuser einfach viel billiger als in den Niederlanden.

Eifelholländer

Eifelholländer

Clas mochte die verschlossenen Eifeler. Er war zu Beginn von Dorf-Tür zu Dorf-Tür gezogen und hatte sich vorgestellt. Auf dem letzten Weihnachtsmarkt hatte er den Nachbarn kostenlos ihre silbernen Eheringe poliert und aufgemöbelt. Das habe ihm die Herzen geöffnet, lachte Clas.
Silber schmieden und bearbeiten sei sein Hobby.

„Außerdem: Die Deutschen räumen dir den Schnee auf der Straße vor dem Haus weg, ohne dass du bezahlen musst“.
Auch ein Argument, hier zu wohnen.

Ich verabschiedete mich und folgte gehorsam meinem Navi, das mich jetzt durch eine Spargel-Landschaft lotste.

Windspargel

Windspargel

Kein Eifelblick ohne einen Windspargel am Horizont.

Ich war froh, als ich Kronenburg erreichte.

Keinem einzigen Menschen begegnete ich im alten Dorfzentrum.

Mauern ohne Menschen

Mauern ohne Bewohner

Am Ende meines Weges: ein Burghotel mit einem freien Einzelzimmer und einem Gourmet-Restaurant.

Und: mein erstes Himmelbett!

T137-Kronenburg-02-imp

Fensterblick!

eyes wide open

eyes wide open

Hunger.
Vorspeise: Wachtelbrüstchen an Spargelrisotto, Baconchips und Möhrenstroh. (Ausgesprochen fein.)

T137-Essen-01

Hauptspeise: Lammcarré mit Kräutern der Provence an Rotweinjus, Kartoffel-Rosmarin-Gratin, gegrillter Eifler Ziegenkäse, mediterranes Gemüse. (Extrem zart und saftig das Lamm. Jus sehr gut. Der Rest war Firlefanz.)

T137-Essen-02

Unterkunft: 90 Euro (ohne Frühstück).

Pause in Nijmegen

Architektur mit Senkblei

Architektur mit Senkblei

Das Foto entstand am Abend auf dem Weg zu einem Irish Pub, kurz vor dem Champions League Halbfinale Barcelona-Bayern.

Das war das einzige Mal an diesem Tag, dass ich mein Hotel verließ. Obwohl draußen die Sonne schien und Menschen den Frühling feierten.

Ich war platt. Ich war faul. Ich hatte keine Lust, tagsüber den Fotoapparat in die Hand zu nehmen. Ich wollte keinen Espresso trinken in einem schicken Café oder einen Wein in einem Studentenlokal.

Ich saß fast den ganzen Tag in dem Restaurant, das dem Hotel angeschlossen war: Eine portugiesische Gaststätte, in der ich er einzige Gast war. Das änderte sich erst gegen 17 Uhr. Dann kamen kleinere Gruppen.

Der Hotel- und Restaurantbesitzer war ein in die Jahre gekommener Revoluzzer. Nach der portugiesischen Nelkenrevolution war er in sein Lieblingsland gereist und hatte die folgenden Jahre im Süden, in der Provinz Alentejo, an der Revolution mitgestrickt. Ein freigeistiger Aufbauhelfer, der später wieder nach Nijmegen zurückkehrte und dort ein portugiesisches Restaurant aufmachte.

Den ganzen Tag lief entweder Fado oder Musik aus den Kapverden. Beides – um so richtig den Blues zu bekommen! Und ich hatte ihn.

Hunger.
Vorspeise: Gegrillte Sardinen. (Exzellent!)

T125-Essen-01

Hauptspeise: Zweierlei vom Lamm (Gegrilltes Filet und Lammhackfleisch in Blätterteig). Erstaunlich gut gelungen.

T125-Essen-02

Ach – wegen des Fotos: Obwohl Nijmegen als älteste Stadt der Niederlande gilt, ist sie erstaunlich jung geblieben. Architekten trauen sich Kreatives zu bauen, selbst in Fußgängerzonen!

Pastorensöhnchen Achim will den wilden Frühling durchs Land tragen und predigt mich platt bis St. Marienthal

Es musste sein! Ich verabschiedete mich von meiner Rasselbande. Fast vier Wochen bin ich nun mit ihnen unterwegs und sie rumpeln dermaßen im Rucksack, dass ich sie fast nicht mehr (er)tragen kann. Also ging ich zur Post, kaufte mir einen Karton, packte meine Wintersachen (vorbei! vorbei! ) hinein und oben drauf  MY FAMILY.

Die Rotzjungs und -mädchen jammerten fürchterlich, aber ich beruhigte sie: Wir würden uns an Ostern wiedersehen. Zumindest Ostermontag würde auch ich Zuhause feiern.
Ich versprach, ihnen noch einige „Brüder und Schwestern“ mitzubringen. Ein wenig konnte ich sie damit zähmen und sie verabschiedeten sich freundlich.

They were not amused

Zurück auf der Post wog mir eine Angestellte das Paket: 3,7 Kilogramm, die ich weniger zu tragen hatte!
Mal gespannt, ob jetzt meine Knie abschwellen würden, sie waren schon bedenklich dick und schmerzten. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne meiner Kniekehlensehnenscheiden zu spüren.

Ich verließ gegen Mittag (endlich allein!) Zittau, folgte zunächst dem Bach Mandau, der am Stadtrand in die Neiße mündete.

Zwei Bächlein treffen sich

Neiße: Das klang nach Ostverträgen, ideologischem Kampf auf Spitz und Knopf im Bundestag um eine neue Ostpolitik. Und der Bach – mehr war es noch nicht – dümpelte so unspektakulär vor sich hin, dass ich lange auf meinem Weg gar nicht begriff, dass ich an der Grenze zwischen Deutschland und Polen entlang schlich.

Mein Tagesziel war das Kloster St. Marienthal bei Ostritz. Ca. 19 km entfernt. (Mehr ließen meine Knie im Moment nicht zu.)

GPS-Gesamtstrecke bis 047

Nur: Allein blieb ich nicht lange. Am Neißeufer, direkt unter einer Brücke, die nach Polen führte, fand ich den traurigen Achim.

Mit Angeln Brücken bauen

Ich erkundigte mich, was für eine Art Angel er in seinen Händen hielt.
„Keine Angel, das ist ein Blumenstil!“
Und wo ist die Blüte?

Der gelbe Blütenkelch war ihm abgebrochen und er konnte ihn nicht finden.
Achim war untröstlich, er hatte den Frühling ins Land hinaustragen wollen und stand nun mit leeren Händen da.

Ich nahm ihn mit.
(Was im Nachhinein ein Fehler war. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines berühmten Pastoren war und seinen Vater in der Kunst der Predigt (einer redet, alle hören zu) noch zu übertreffen trachtete.)

Die Neiße floss träge, was mir Zeit gab, einen kleinen Abstecher nach Dittelsdorf zu machen, ein Weiler mit für die Oberlausitz typischen Umgebindehäusern.

Schöner als in Werbeprospekten

Mit Stolz gezeigt

In einem dieser Wunderfachwerkhäuser wurstelte Herr Arnold vor sich hin. Ein Pensionär der galanten Sorte. Schmied in der vierten Generation und noch immer musste er täglich in seiner Werkstatt sein, auch wenn er nur noch „zum Vergnügen“ arbeitete.

Wunderwelt einer nie aufgeräumten Werkstatt

Herr Arnold erteilte mir eine weitere Deutschstunden-Lektion.

  • Nach dem Krieg gab es auch in der DDR urplötzlich keine Nazis mehr. Und nach der Wende auf einmal keine Kommunisten. Damit diese armen Burschen nicht völlig in der geschichtlichen Versenkung verschwänden, habe er sie an seiner Wand verewigt.

  • Zumindest die Jugend sollte sich dieser lupenreinen Herren noch erinnern. Aber das sei eigentlich zwecklos. Es gäbe ja keine Jugend mehr im Dorf. Alles weg in den Westen. Gleich nach der Wende. Seine eigene Werkstatt werde bald das Tor für immer zumachen. Auch sein Sohn wolle hier nicht arbeiten.
  • Ganz schlimm sei es in Görlitz. Die Hälfte der Bevölkerung sei abgehauen. Fast alle Jungen. Die Stadt sei wunderschön restauriert. Und die Regierung unternehme viel, damit die Wohnungen nicht zu teuer würden, um Familien in der Stadt zu halten. Jetzt kämen aber die edlen Wessi-Rentner und würden alles wegmieten oder gleich wegkaufen. Weil es ja so schön billig sei.

Weil Herr Arnold nicht wie ein Kind von Traurigkeit aussah, fragte ich ihn nach meinem Lieblingsthema. Warum es hier in den sächsischen Dörfern keine Stammtische gäbe?

  • „Doch!“, widersprach er, „die gab es“. Nicht in jedem Dorf, aber in manchem. „Wir hatten in Dittelsdorf mehrere Kneipen mit Stammtischen. Ein Stammtischbruder heißt bei uns SAUFSCHNAUZE und davon gab‘s ne Menge. Früher!“

Zum Schluss schenkte mir Herr Arnold noch einen kleinen Glücksbringer, ein selbstgeschmiedetes Mini-Hufeisen. „Weil wir ja so schön gesprochen haben“.

Ich bedankte mich aufrichtig, auch wenn mein Rucksack bereits wieder anfing, schwerer zu werden.

Die Neiße, die ich inzwischen wieder erreicht hatte, war ein bisschen breiter geworden, rutschte aber immer noch träge durch die (liebliche) Landschaft. Ein schöner Wanderweg lief parallel zur deutschen Uferseite (und damit auch zur polnischen).

Zahmes Friedensflüsschen

Beim Stichwort „polnisch“ fing mein Pastorensohn im Rucksack erneut an zu quasseln. Wie wichtig es sei, dass Grenzen überwunden würden und dass auch die Schlesier ….

Ich hielt mir die Ohren zu. Nicht schon wieder die Vertriebenen-Problematik. Gerade hatte ich das Sudeten-Thema hinter mir.

Der kahle Winterwald machte bald den Blick frei für St. Marienthal

Warum nur finden Äbte oder Äbtissinnen immer die schönst möglichen Stellen für ein Kloster ?

Bevor wir in das Heiligtum eintraten, entdeckte ich eine Klosterschänke außerhalb der Mauern und bestellte mir ein Hefeweizen. Zwar nicht von hier. (Die Klosterbrauerei war ausgelagert.) Dafür aus dem bayerischen Kloster Andechs. Spiritueller Genuss garantiert!

Allein, meinem Pastorensohn missfiel der Zwischenstopp. Er wollte gleich in das Kloster, auch wenn es ein katholisches war. Er trank (Protestant!) nichts.

Zisterzienserinnen bevorzugen dicke Mauern

St. Marienthal ist von Nonnen bewohnt, die dem Zisterzienser Orden angehören. Ein sehr zurückgezogen lebender Konvent.
Es ist das älteste ununterbrochen bewohnte Frauenkloster Deutschlands (seit 1234). Es hat ein Dutzend Kriege, die Reformation, Überfälle, Hochwasser, die Nazis, die DDR und den Unglauben überlebt.

In den Außengebäuden vermieten die Nonnen (ohne selbst aufzutauchen!) Zimmer für Wanderer, Pilger und Ungläubige wie mich.

Meine Unterkunft war in der ehemaligen Mühle (deren Mauern ebenfalls Jahrhunderten getrotzt haben).

Als ich eintrat und das kleine Plastiktütchen auf dem Bett sah, dachte ich unwillkürlich an Hotels in Lateinamerika, in denen selbstverständlich Kondome auf den Laken lagen.

Entsetzt (ob meiner blasphemischen Assoziation) schrie mein Pastorensöhnchen auf und spießte das Säckchen auf seinen Blumenstil – als Beweis, dass es sich nur um harmlose Gottschalk-Bärchen handelte.

Ohne meinen spaßfeindlichen Pastorensohn zog ich noch einmal los in die Klosterschänke.

Hunger:
Lammbraten nach Klosterart mit Kartoffelklößen. 9,80 Euro. Im Prinzip gut, gewöhnungsbedürftig war der geriebene Käse auf dem Fleisch. Hab‘ aber mit klösterlicher Milde darüber hinweg gesehen.

Unterkunft: 38 Euro (ohne Frühstück).

Pause in Passau

Ruhetag.

Wunden heilen, Blog schreiben, bisschen Füße vertreten.

Drei Flüsse umfließen die Stadt. Inn (gekommen), Donau (werd ich noch gehen) und Ilz (werd ich passieren).

Twins

Am heiligen Sonntag hatten die Souvenir-Läden offen. Rund um den Dom. Bajuwaren-Kitsch für die Welt. Gemischt mit Wehrmachtsromantik. Andernorts würde man so etwas unter’m Thekentisch verkaufen. In Passau geht das ganz offen.

Da steht er in der Mitte

Sieht aus wie ein finaler Schuss

Hat sich wohl doch nicht so viel geändert seit den Tagen des „Schrecklichen Mädchens“, das als Schülerin in Passau über die braune Vergangenheit recherchieren wollte und (ich erinnere mich nicht mehr genau) aus der Stadt gemobbt wurde.

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch deutsche Engelchen!

Freibier für alle

und Charivaris für Frauen

Ach ja,

Durst hatte ich dann doch:

Arcobräu Urfaß Helles  (2,60). Hansi konnte gar nicht genug davon in sich hinein schütten. Nutzte seine Flöte als Strohhalm. War ganz schön bedudelt.

Danach: Zwickl Bier auch von Arcobräu (2,80 Euro). Zwickl ist ein naturtrübes Bier. Nochmal besser als das normale Helle. Erfrischend auch der letzte Tropfen im Glas.

Arcobräu gibt es seit 1567. War gräfliche Brauerei.

Hunger: Deftiger Lammbraten in Knoblauch-Rosmarin Sauce mit  Petersilienkartoffeln (11,20 Euro). Klasse gutbürgerliches Essen.