Mon Dieu

Der eigentliche Grund, warum ich mich ziemlich weit weg von der Grenze bewegt und einen Abstecher in die Vogesen gemacht hatte, war die unselige Geschichte Natzwillers.

Im Seitental versteckt

Im Seitental versteckt

In den Bergen oberhalb des Dorfes errichteten die Nazis während der Besatzung ein Konzentrationslager. Dort, wo ehemals ein Wintersportort wohlhabende Franzosen zum Skifahren lockte.

52.000 Deportiere mussten diesen Eingang durchschreiten. 22.000 Menschen wurden dahinter zu Tode gequält.

Gottloser Ort

Gottloser Ort

Einige Baracken stehen noch. Auch der Galgen am Ende des Weges.

Jesus kam nicht bis Struthof

Jesus kam nicht bis Struthof

Den Gefangenen wurde der Strick fest um den Hals gelegt und gestrafft, so dass beim langsamen Öffnen der Falltür das Genick nicht brach, sondern der Häftling baumelnd langsam erstickte.

Henkersplatz

Henkersplatz

Unvorstellbares mussten die erleiden, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die mit flüssigem Senfgas und anderen Giftgasen traktiert, mit Typhus-Erregern infiziert wurden, die langsam zu Tode gequält und auf diesem Tisch seziert wurden.

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Im Museum gab es Fotos dazu, die ich mir nicht anschauen konnte.

Im Krematorium wurden den Toten Gold- und Silberkronen herausgebrochen.
Manchmal wurden Häftlinge hinter dem Verbrennungsofen an Fleischerhaken zu Tode stranguliert und gleich eingeäschert.

Das Grab vieler Unbekannter

Das Grab vieler Unbekannter

Nicht wenige, die nach Natzweiler-Strurhof deportiert wurden, waren Widerstandskämpfer.

Welchen Mut müssen französische Frauen und Männer gehabt haben, während der deutschen Besatzung im Untergrund zu arbeiten. Sie wussten, welches Schicksal sie erwartete, sollten sie auffliegen.

Helden (Ist das das richtige Wort?)

Helden (Ist das der angemessene Begriff?)

Als ich mich entschied, auf meiner Grenzwanderung auch das KZ Natzweiler-Struthof aufzusuchen, dachte ich, das sei unerlässlich, wollte ich das Verhältnis von Deutschen und Franzosen verstehen.

Aber als ich schon lange aus der Gedenkstätte draußen war und stumm den Vogesenwald hinunterlief, rumorte in mir gänzlich anderes.
Ich fragte mich wie viele vor mir, wo Gott in dieser Zeit der grauenhaften Verbrechen war? Warum er die Menschen verlassen hatte?
Und ich merkte, dass dies für einen Nichtreligiösen eine komische Frage war.

Und je weiter ich mich von Natzweiler-Struthof entfernte, umso mehr dachte ich darüber nach, wieso aus einem kapitalen Versagen des Menschen (oder des Menschlichen) so schnell ein Versagen Gottes gemacht wird. Als sei Mensch und Gott das gleiche.
Als existiere der eine nicht ohne den anderen.
Wenn Gott (vorausgesetzt er existiert) aber sein Schicksal an den Menschen geknüpft hat, dann Gnade ihm Gott (denn Mensch ist gnadenlos – siehe Natzweiler-Struthof).

Ich verfing mich im Dickicht der Gottes-Beweise und Gegenbeweise.

Und ich kam zu der Überzeugung, dass Gott (wenn er existiert), sich erst durch den Menschen erschaffen hat. Es gibt ein Geburtsdatum Gottes! Ohne Bewusstsein in der Welt würde er nicht existieren. Gott braucht den Menschen (oder Bewusstsein), er wird mit dem letzten Menschen sterben oder sich wieder in Milchstraßen, Galaxien, in Sternennebel auflösen.

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr stoppen. Sie entglitten mir.
Etwas fragte mich, wen Gott wohl sehen würde, schaute er in einen Spiegel?
Zarathustra? Buddha? Einen bärtigen Christus? Mohammed? Laotse? Konfuzius? Zeus? Thor? Ganesha? Mich? Mich Mensch? Nichts?
Gott schaut nicht in spiegelnde Seen, in Glas, weil er sich selbst nicht erkennen kann? Weil er sich höchstens im Menschen spiegelt?

Ich schloss den Gedanken-Irrgarten, aus dem ich nicht mehr herausfand. Und konzentrierte mich darauf, mein Tagesziel zu erreichen.

Um 9 Uhr war ich in Natzwiller aufgebrochen. Ich wollte heute noch ins Tal kommen. Ich wusste noch nicht, dass es 9 1/2 Stunden dauern sollte, bis ich in Blienschwiller an der elsässischen Weinstraße ein Hotelzimmer finden würde.

GPS-161-Natzwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Gott hatte ich abgeschüttelt. Eine Burgruine auf dem Bergkamm holte mich aus dem Ewigen und Unsterblichen zum Irdischen und Vergänglichen zurück.

Ich atmete wieder frei.

Nach Luft schnappen

Nach Luft schnappen

Am Ausgang der Vogesen: Andlau.
Ein Weinort, in der zweiten Reihe der Weinstraße gelegen. Nicht so herausgeputzt und darum schön.

Einfahrt ins Weinland

Einfahrt ins Weinland

Eigentlich war ich reif für ein Hotel, für ein Viertel Weißburgunder. Ich war müde. Aber ich beschloss weiter zu gehen. Das Abendlicht übt auf mich keinen guten Einfluss aus!

Weinwelt

Weinwelt

Ich wanderte durch die Rebanlagen, Wingerte, Weingärten. Und an jeder schönen Weggabelung traf ich ihn: den Gekreuzigten.
MON DIEU! Warum steigt er nicht endlich herab und bekennt sich zu dem was er ist: ein gequälter Mensch.

Was tut er hier?

Was tut er hier?

Uff: nicht schon wieder im Gedanken-Irrgarten verlaufen!
Memento Mori. Wie sehr drängt auf diesen Wanderwegen das Mittelalter ins Heute.

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Landschaft ist hier nicht nur Landschaft. Auf Weinwegen, in Ortszentren, in Straßengabelungen, auf exponierten Hügeln: Die Wegkreuze verwandeln das elsässische Rebland in einen Jesus-Erlebnispark. Die ältesten Inschriften, die ich gesehen habe, bezeugen, dass der Allmächtige hier schon seit dem 18. Jahrhundert festgenagelt ist.
Warum erlöst ihn niemand?

Wer hilft den Göttern?

Wer hilft den Göttern?

Wunderschöne (Wunder?) Weinbergwege.

Straße ins Weinglück

Road to happiness

Mathilde sonnte sich im Abendlicht. Auf einer Spätburgundertraube. Fast wäre ich an ihr vorbeigegangen. So versunken war ich in meine Sophistereien.

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Ich fragte sie, ob sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen könnte und sie versprach mir, mich zu ihrer Lieblingsköchin zu führen.

Eine Stunde dauerte es noch, dann erreichten wir gegen halb sieben Blienschwiller. Ein kleiner, eher unscheinbarer Ort auf der sehr sonst sehr touristischen Weinstrasse. Im Weindorf: nur ein Hotel und nur ein Restaurant. Keine Busse, keine Massen. Stille.

Im Restaurant kämpfte ich zuerst mit einem Bier gegen das Verdursten an: Fischer Tradition. Köstlich!!!
(Wie ärgerlich, dass die elsässische Traditionsbrauerei von Heineken übernommen wurde.)

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Mathilde freute sich sichtlich über mein Bier-Vergnügen.

T161-Madame-01

Dann erst bestellte ich. Die Speise- und Wein-Karte exquisit. Ohne es zu ahnen, war ich in einem Gourmet-Lokal gelandet.
Mon Dieu! Warum wohnt Gott in Frankreich?
Noch nie habe ich in Frankreich so gut gegessen und getrunken wie an diesem Abend.

Durst:
1) Als Aperitif: Gewürztraminer (Grand Cru). Sensationell.
2) Riesling trocken (Steinacker 2011): Mineralisch, fein, herb. Für einen Alltagswein sehr gut.
3) Pinot Noir (2012) . Jung und trotzdem langer Nachhall. Überraschend schwergewichtig für einen Elsässer Spätburgunder.
4) Corbière. Domaine Calvel. Fast tintig schwarz. Konzentriert. Grandios.

Hunger.
Überraschungsmenue: 45 Euro. 5 Gänge. Die Köchin (sie wurde Silvie? gerufen) eine Gewürz-Expertin. Eine Aromen-Zauberin.

1) Willkomensgruß: Muscheln im Sud.

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2) Hausgemachte Entenleber mit verschiedenen Salzen, Joghurt-Dip und Himbeervinaigrette.

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3) Makrele auf Toastbrot mit Tomaten und Olivencreme. Dazu Rucola-Salat mit Rotem Pfeffer.

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4) Rinderfilet auf Kartoffeln und verschiedenen Karotten. (Ich wusste bisher nicht, dass es weiße Karotten gibt!)

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5) Drei verschiedene Käse. Ziegenkäse mit Kräutern / Camembert mit Calvados / Tête de Moine.

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6) Dessert: Tiramisu mit in Pinot Noir eingelegten Süßen Kirschen und einem Sorbet.

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Hinter jeden Gang hätte ich nur Worte des Entzückens stammeln können. Es war einfach sensationell.

Unterkunft: 55 Euro.

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Dänen sind nicht anders, auch nicht in Tønder

Viertel nach acht auf der Straße. Flensburg menschenleer. Gassen mittelalterlich.

Filmreif (Dog of Flensburg?)

Ein Rum-Geschäft nannte sich „Hökerei“.
Welch schönes Wort. Wie lange es noch im deutschen Wortschatz verbleibt?

Fenster der aussterbenden Wörter

Am Hafen warf ich einen letzten Blick auf die Ostsee.
Drei Wochen hatte ich ihr Ufer abgelaufen. Am Schluss war ich sogar etwas vor ihr geflohen. Zu vieles hatte sich wiederholt. Über weite Strecken hatte sich die schöne See als eine gleichförmige Touristenbetriebsanlage präsentiert.

Jetzt begab ich mich auf den Weg zur großen Schwester, zur Nordsee. Zwei Tage würde ich brauchen, um sie zu erreichen.

Schwierig war es, mein heutiges Tagesziel festzulegen. Unterwegs gab es kaum Gasthöfe oder Pensionen, weder auf deutscher, noch auf dänischer Seite. Mein Grobziel war in etwa Tønder in Dänemark.
Aber das schien unerreichbar weit weg. Ca. 52 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 088

Außerhalb des Flensburger Zentrums, in einem kleinen verwilderten Pärkchen, gedachte ein Gedenkstein den Gefallenen der Revolutionswirren von 1848.

Lebte in Flensburg noch irgendeine Familie, die sich eines Toten mit vollem Namen erinnerte?
Noch irgendeiner, der seinen Urgroßvater von seinem gefallenen Großpapa hat sprechen hören?
Also gab es noch irgendeine Spur eines lebendigen Erinnerns?

Unleserlich aber auch unsterblich ?

Ich schlängelte mich durch kleine Wege in den Außenbezirken Flensburgs bis ich endlich die dänische Grenze erreichte.
Fast hätte ich sie nicht bemerkt.
Lediglich ein Fahrradschild („Graenseruten“) zeigte an, dass ich beim deutschen Nachbarn im Norden angekommen war.

Dänen ohne Pomp

Padborg: ein kleines schmuckloses Industriestädtchen mit vielen Lagerhallen und überbreiten Straßen, die von langen Sattelschleppern einfach zu befahren waren. Padborg scheint hauptsächlich von großen Speditionsunternehmen besiedelt.

Dänen ohne Schmuck

Ansonsten änderte sich mit meinem Grenzübertritt nicht viel. Die gleichen endlos weiten Maisfelder (Biogas?). Der Horizont besetzt von Windmühlen.

Same procedure as in Germany

Nur: Alles schien mir noch einen Tick größer zu sein als in Deutschland.

Lieber Groß statt Klein

Mittlerweile war ich schon Stunden gelaufen, hatte etwa 25 km zurück gelegt. Ich musste mich entscheiden, auf welcher Seite ich weitermachen wollte.

In Ladelund (Deutschland) gab es eine Gedenkanlage. Ein ehemaliges KZ, in dem vor allem politische Häftlinge (viele Widerstandskämpfer aus Holland) grausam ermordert wurden. Ich hatte im Internet einiges darüber gelesen und interessierte mich stark dafür.

Dagegen sprach aber, dass es wohl keine Unterkunft gab. Außerdem war mein (Handy)-Navi hier im Grenzgebiet ausgefallen.
Und die Beschilderung Richtung Tønder (Dänemark) war besser.
Also entschied ich mich für Tonder.

Noch einmal gut 25 km lagen vor mir. Ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde.
Aber ich riskierte es.

Schöne bäuerliche Kulturlandschaft. Durchzogen von kleinen Bächlein und Kanälen.

Wär‘ lieber dem Bächlein gefolgt

Einsame Wanderer werden hier bestaunt.

Irgendetwas interessierte sie an mir …

Ich weiß nicht warum, aber das Laufen fiel mir heute auch ab dem vierzigsten Kilometer nicht besonders schwer.
Klar schleppte ich mich am Schluss, klar brannten mir die Füße, klar hatte ich Durst.
(Unterwegs hatte es kein einziges Geschäft gegeben. Aber eine freundliche Bäuerin hatte mich mit einer kleinen Flasche Sinalco versorgt).

Ankunft in Tønder bereits bei Dunkelheit.
Sehr schnell ein Hotel gefunden.

Die nette Rezeptionistin hatte ich nach einem Restaurant befragt und nach einem empfehlenswerten typischen dänischen Gericht.
„Hackbraten“ sagte sie. „Der Rest ist zu teuer. Dänen zahlen 25 Prozent Mehrwertsteuer auf alles! Frischen Fisch essen wir in Deutschland. Hier kostet er über 30 Euro“.

Durst: Newcastle Brown! Enfach ein fantastisches Bier. (Mit einem Phantasiepreis! 8,50 Euro! Die spinnen, die Dänen!)

Hunger.
Vorspeise: Marinierter Fenchel mit geräuchertem Lachs. Sehr fein.

Hauptgericht: Hackbraten mit Ofenkartoffeln. Normal. Etwas trocken.

Beides zusammen: 25 Euro.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück). Die Wirtin hatte mir einen Sonderpreis gemacht.

Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch

Bis Mähring nichts als Gehen und Nachdenken

Hinter diesen Mauern geschah täglich Unvorstellbares

Ich weiß nicht, aus wie vielen Steinen dieses ehemalige Nazi-Verwaltungsgebäude besteht. Aber jeden einzelnen haben Häftlinge aus dem Fels gehauen. Über 100.000 Menschen wurden hinter diesen Mauern durch die Hölle getrieben. 30.000 überlebten nicht. Getötet durch unmenschliche Arbeit, Giftspritzen, Erhängen, Folter.

Granit war das Wahrzeichen Flossenbürgs und aus dem Stein machten die Nazis Geld mit SS eigenen Wirtschaftsunternehmen. Später wurden hier Außenstellen von Rüstungsunternehmen wie Messerschmitt eingerichtet. Die Häftlinge sollten für den Krieg produzieren.
Als der schon verloren war, trieben die SS Wächter viele der verblieben Gefangenen auf Vernichtungsmärschen in den Tod. Unter den Opfern Juden, Homosexuelle, psychisch Kranke, Widerstandskämpfer aus Deutschland (wenige) und dem europäischen Ausland (viele) – auch aus dem nahen Tschechien.

Der Appellhof: Heute Gedenkstätte mit Dauer-Ausstellung.

Habe absichtlich unterbelichtet

Die Wächter dieses Turms überwachten den Zugang zu einer unterirdischen Rampe, über die die Toten in das Krematorium verfrachtet wurden.

Todesturm

Ich fragte mich, was wussten die damaligen Flossenbürger von der Menschenabschlachtung? Das KZ konnte jeder leicht einsehen. Ringsherum Berge, die Burg oben, die Häuser nicht weit entfernt! Was erzählten nach dem Krieg die Väter und Mütter ihren Kindern? Was denken die groß gewordenen Söhne und Töchter heute? Wollen sie vergessen? Warum bauen heute die Kinder der Kinder ihre neuen Häuser an den Rand des ehemaligen KZs?

Wie geht ein Ort mit einem so befleckten Namen um? Diese Frage hatte ich mir schon in Braunau gestellt. Das ist für jeden Einwohner, der selbst ja in keiner Weise verstrickt war, eine kaum auszuhaltende Last, vielleicht sogar eine tragische.
Ich könnte hier nicht leben. Auch nicht in Dachau. Nicht in Braunau, nirgends, wo mir solch eine Vergangenheit die Luft abschnüren würde.

Die Dauer-Ausstellung sehr beeindruckend. In all ihren schrecklichen Details! Gedenken entsteht!

Auf meinem Grenzgang werde ich noch öfters solche Orte kreuzen. Die Grenze verläuft dort, wo Geschichte weh tut !

Ich setzte meine Wanderung fort. Ich lief bis Mähring an der tschechischen Grenze. 32 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 025

Das Wetter entsprach meiner Stimmung: nasskalt, düster, unwirtlich.

Ich lief weitgehend entlang einer kaum befahrenen Landstraße. Berg rauf (bis auf 800 m), Berg runter (550 m). Das im ständigen Wechsel. Ermüdend.

Die Gegend ist bestimmt schön - im Frühjahr - mit Sonne!

Auf halber Strecke kreuzte ich Bärnau. Ich hatte mir kurz überlegt hier (obwohl es erst 14 Uhr war) zu übernachten. Ich fühlte mich kaputt. Vier Gasthöfe waren am Ortseingang ausgeschildert. Alle hatten geschlossen. Obwohl einst (und immer noch ein bisschen) Zentrum der Knopf-Produktion, kann man in diesem Markt-Städtchen dem rapiden Verfall zusehen. Überall Leerstände (so heißt das neudeutsch). Der Putz ist ab.

Noch 16 km zu gehen.

Langsam lugte die Sonne hinter den Wolken hervor. Die Landschaft wurde unten im Tal lieblicher. Irgendwann lag Mähring am Horizont.

Marktstädtchen - ohne Restaurant und ohne Gasthof (also mit nichts!)

Die Geschichte vom Vortag wiederholte sich. Ich mache es deswegen kurz.

Gegen 18 Uhr erreichte ich das Schild am Ortseingang: Landgasthof Sonnenbühl („Betten“ und „Gut Essen“). Was die Werbung nicht sagte: seit kurzem „Geschlossen!“. Ich fragte im Dorf, ob es eine Alternative gäbe. Nein, erklärten mir Etliche. Kein Gasthof, keine Kneipe. Nichts. Außerdem Sonntag. Kein Geschäft offen. Ich klingelte in zwei Privatwohnungen, die angeblich Fremdenzimmer vermieteten, die Damen waren jedoch nicht auf einen Gast vorbereitet und sagten mir ab. Entnervt lief ich zum geschlossenen Gasthof zurück. Dort war zumindest ein Zettel an der Tür mit der Telefonnummer des Besitzers. Ich erwischte ihn per Handy im Urlaub. Es tat ihm sichtlich leid, aber der Gasthof lief nun einmal nicht. Er hatte aufgeben müssen. Er riet mir, im Nachbarhaus zu klingeln. Dort gäbe es eine Ferienwohnung. Ich tat’s und traf eine alte Dame an, die mir helfen wollte – aber erst mit ihrer Tochter telefonieren musste, die a) auswärts weilte und b) entscheiden mußte, ob sie (die Oma) einen Fremden herein lassen könnte. Sie KONNTE !!!!

Das Problem Wohnung war gelöst. Aber ich hatte auch Durst und Hunger. Es war dunkel und es gab nichts im Dorf! Nicht einmal einen Krümel. Die alte Dame sagte mir, die einzige Chance wäre der Forellenhof. Zweieinhalb Kilometer entfernt. Direkt auf der Grenzlinie gelegen. Wenn er aufhabe.

Also nichts wie hin! Unterwegs fiel mir wieder der Stammtisch von Schönsee ein. Der Geodät hatte mir neben vielem auch erklärt, wieso es im Oberpfälzer Bergland touristisch so völlig tot war. Bis zur Wende hatte hier sprichwörtlich der Bär getobt. Die Berliner wollten damals ihrem geographischen Eingesperrtsein entfliehen und kamen jedes Jahr treu und scharenweise in die Oberpfalz. Zudem gab es sehr viele Sudetendeutsche, die in der Oberpfalz Zwischenstation machten auf ihrer Nostalgie-Kurzreise in die Tschechoslowakei – in ihre verlorene Heimat. Nach der Wende kam für die Oberpfalz die Katastrophe. Die Berliner hatten ab sofort Hinterland (Spreewald, Polen) und die Sudeten reisten direkt in die Tschechei. Seitdem gibt es das Gasthaus und Restaurant Sterben.

Ich erreichte den Forellenhof. Er war OFFEN! Und welch eine Offenbarung das Essen !

Der Wirt, ein knorriger, hinkender Alter, bot mir Schnitzel an. Ich fragte, ob es denn auch Forelle gäbe.
Du willst also Forelle„, sagte er , „dann hol ich dir eine„. Er meinte: Aus seinem Teich. Frisch. Er stiefelte los, fragte nicht, wie und mit was ich sie haben wollte. Kam nach einer halben Stunde wieder und stellte mir den toten Fisch auf den Tisch.

Wunderwelt Forelle

Auch wenn ich ausgehungert war und alles verschlungen hätte. Das war die beste gebratene Forelle, die ich bisher gegessen hatte. Die Haut (in Butter und Semmelbrösel) kross gebraten (ein Traum). Das Fleisch saftig, aromatisch und unglaublich zart.
Dazu ein Schmelz von Meerrettich und fein zerlassene Butter. Die Bratkartoffeln für Feinschmecker! 8,50 Euro.

Durst: Schels-Bier (aus Tirschenreuth – Familienunternehmen / mußte wohl aber kürzlich verkaufen). 2,20 Euro (Geschmack blieb mir nicht hängen – ich war aber auch noch mit dem Nachschmecken des Fischs beschäftigt).

Kann nicht schlecht gewesen sein.

Seit langem mal wieder gut gespeist. Die Rückkehr zu meiner „Ferienwohnung“ fiel mir leicht.

Unterkunft mit Frühstück: 25 Euro

Kilometer machen bis Flossenbürg

Dritter Tag der neuen Etappe und kein Tag für schöne Fotos. Englisches Wetter.
Also nahm ich mir vor, mal ein paar Kilometer auf meinem Grenzgang zu machen. Dass es am Ende gut 41 km wurden, war nicht geplant. War sogar idiotisch. Ich kam an die Grenzen meiner Kraft. Aufgebrochen war ich um 9 Uhr in der Früh.

GPS-Gesamtstrecke bis 024

Nach Eslarn ging es noch relativ leicht. Ein bisschen Landstraße, dann ein Wanderweg durch den Wald, ein paar Lichtungen mit Einödhöfen. Nochmal Landstraße und schließlich das kleine Marktstädtchen. Reichlich heruntergekommen. Das eigentliche Ortszentrum: ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzuges gegen die Franzosen aus den Jahren 1870/71.

Wer ist der Krieger ? Tilly himself ?

So konnte man nur vor Hitler texten: "In Treue fest"

Sinnigerweise steht das Denkmal am Tilly-Platz. Tilly war ein (grausamer) katholischer Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.

Ich habe mich am Platz kurz hingesetzt und darüber sinniert, wieweit wohl die tatsächliche Erinnerung eines Menschen oder eines Dorfes/einer Gesellschaft zurückreicht. Wieso treffe ich auf meiner Wanderung so zahlreich Denkmäler für Ritter (Mittelalter), Feldherren (beginnende Neuzeit) und angebliche Helden (1. und 2. Weltkrieg). Ist in irgendeiner Form eines kollektiven Bewusstseins die Ritterzeit noch vorhanden? Oder ist es nur romantische Verklärung? Haben sich die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges irgendwo eingeritzt? In irgendein Vorbewußtes? (Wie die Angst der Deutschen vor der Inflation – was ja fast etwas Genetisches hat.)

Mein Opa (geb. 1903) erzählte mir einmal von seinem Großvater (mütterlicherseits). Der habe im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft. Was dieser erlebt hatte, darüber hatte er nur andeutungsweise gesprochen. Der Großvater des Großvater hatte einen wertvollen Säbel mit nach Hause gebracht. Die Waffe diente nachfolgenden Generationen lange als Geldanlage. Nach dem Ersten Weltkrieg habe, so erzählte mir Opa, seine Mutter sie aber schließlich versilbern müssen, um überleben zu können.

Wenn man so will, reicht meine persönliche Erinnerung (das direkt Erzählte) also bis 1870 zurück.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter sortieren und schlenderte noch ein wenig durch den Ort. Trostlos. Zahlreiche Gebäude mitten im Zentrum verlassen, Geschäfte heruntergekommen und geschlossen. Ein Ort zum Abbruch freigegeben.

50er Jahre Klinker ...

Aber die fetten Jahre sind vorbei

Gestern Abend in Schönsee saß ich noch kurz am Stammtisch mit ein paar netten Kerlen. Einer (ein Geodät) erklärte mir, dass in der Oberpfalz offiziell die Arbeitslosenstatistik gar nicht so düster ausschaue. In Wirklichkeit gäbe es aber so gut wie keine Jobs. Die Mehrheit müsse pendeln, oft bis nach Nürnberg oder Regensburg. Und viele denken dann schließlich ans Wegziehen, der Arbeit nach. Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien und der ehemaligen DDR ist wohl immer noch Zonenrandgebiet. Vergessen.

Ich zog ebenfalls weiter. Mehr oder weniger an der Grenze entlang.
Passierte wieder zahlreiche Wegkreuze. Einige lobten den Spender (sich selbst also) mehr als den Herrn, den sie zu preisen vorgaben.

Ehre klein geschrieben

Dann: ein fantastischer Ort für ein Wegkreuz!

Wer erkennt sofort, was das für Bäume sind ?

Nach 2 (?) Stunden gedankenlosen Laufens wieder ein Städtchen: Waldhaus. Ich sah den ersten Imbiss während meiner Wanderung. Täuscht meine Erinnerung oder gab es früher tatsächlich in jedem Kaff eine Fressbude – mit Currywurst, Hähnchen und Pommes?

Die hier war eine Dönerbude. Endlich ein Hauch von Leben im Dorf!

orientalisch bunt !

Auch in Waidhaus leerstehende Geschäfte und eine Schließung der skurrilen Art.

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Ich hatte vor, bis Georgenberg zu wandern und mir dort eine Unterkunft zu suchen. Es war schon später Nachmittag. Etwas zu schlafen fand ich allerdings dort nicht. Also beschloss ich – auch um den Preis, dass die Nacht anbrechen würde –  bis nach Flossenbürg weiter zu laufen. Das war immerhin ein kleines Städtchen. Es mußte dort etwas geben. Ich wußte, dass das Weitermarschieren weh tun würde. Es ging ziemlich bergauf.

Am Ortsausgang von Georgenberg ein altes Forsthaus (?) zum Verkauf – mit einem für die Gegend typischen Wandgemälde.

Schießt Robin Hood nicht auf Kreuze ?

Ich wüßte zu gerne, was die Auftraggeber solcher Kitsch-Schinken denken? Haben sie irgendeine Vorstellung vom Mittelalter? Welcher Wert soll hier vermittelt werden? ODER IST ES EINFACH NUR SCHLECHTER COMIC-GESCHMACK? Vielleicht lesen sie ständig irgendwelche Historienwälzer?

Auf dem Bergrücken ein paar kleine Ortschaften mit seltsamen Namen: „Hinterbrünst“ z.B..

Brünstige Hintern ? Was ist das ?"

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich das schon im Dunkeln dämmernde Städtchen Flossenbürg. Eisig kalt und mit einer heftigen Überraschung.

Dunkel, eisig kalt - aber spektakulär gelegen

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem einzigen Gasthof. Der war allerdings  zu. Nicht ein Restaurant oder eine Frittenbude gab es im Ort, wo ich wenigstens nach einem Taxi hätte fragen können. Nach fast 10 Stunden Laufen und 41 km Wegstrecke konnte ich nicht mehr. Ich wäre mit einem Taxi in die nächste Stadt gefahren, um irgendwo ein Hotel zu finden.
In meiner Verzweiflung klopfte ich an ein beleuchtetes Fenster eines Wohnhauses. Die Hausherrin (mit Kochschürze!!!; nach frischem Braten duftend!!!) zeigte sich besorgt, gab mir den Tipp, in den Hinterhof des Gasthofes zu gehen und zu klingeln. Manchmal mache der Besitzer doch auf.

Ich folgte ihrem Rat und das ersparte mir viel Ärger in dieser Nacht. Tatsächlich öffnete der Pächter, zeigte sich ob meines etwas verwirrten Verhaltens verwundert und erklärte, dass er sowieso um 20 Uhr die Vordertür aufgeschlossen hätte. Dann nämlich kämen die Mitglieder des Schützenvereins, die ihre Jahreshauptversammlung bei ihm abhielten.

Die Auflösung: Der Gasthof öffnete seine Pforten nur noch zu wenigen Anlässen (für Auswärtige nicht erkennbar) und ich hatte Glück, noch ein warmes Bett zu finden.

Riesendurst!! Einige Helle Mönchsbräu. (Mein Urteil bestätigte sich: Äußerst süffig und mit einer eigenen Note.) 2,20 Euro.

Hunger: Zwiebelrostbraten mit Pommes (Ich schweige lieber / kann verstehen, daß alles aus der Gefriertruhe kommt und nur kurz zubereitet wird. Ich war viel zu dankbar um zu meckern). 8,50 Euro.

Ging runter

Ich fragte den Wirt, warum denn bei dieser spektakulären Lage des Dorfes mit der über allem thronenden Burgruine keine Touristen bei ihm anklopften. Ich wollte wissen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß Flossenbürg im Dritten Reich Standort eines Konzentrationslagers gewesen war und die Leute deswegen nicht kommen wollen?
Seine knappe Antwort: „Wahrscheinlich!“

Also doch so etwas wie kollektive Scham?

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).