Gefrorene Regenwürmer und Boßler verstellen mir den Weg nach Leer

Jeder Meter, den ich abschritt, atmete Abschied.
An diesem Morgen würde ich auf meiner Grenzwanderung zum letzten Mal die Nordsee sehen.

Nicht dass mich Wehmut ergriff, nach Wochen als Deichwanderer hatte ich Lust auf Neues. Und trotzdem: Es war ein bisschen wie eine Trennung.

Ich war spät losgegangen, Viertel nach 10. Am Emdener Seehafen vorbei lief ich direkt zum Deich.

Giganten

Die Nordsee wie ein kleiner eingehegter Tümpel. Dollart wird die Bucht genannt. Irgendwo in der Mitte verläuft die (umstrittene?) Grenze zu den Niederlanden.

End of Sea

Ich verharrte kurz, lauschte noch einmal den ans Ufer schwappenden Wellen und genoss das melodielose Schreien der Möwen.
Ich atmete tief durch.
Tschüss!

Der heutige Weg sollte mich entlang der Ems ins Friesenstädtchen Leer führen. Ca. 31 km von meinem Ausgangspunkt entfernt.

Die Ems-Mündung beherbergte einen kleinen etwas heruntergekommenen Kutterhafen. (Wohl der letzte auf meiner Tour).

Klein und Schmutzig

Auch die Ems war eingedeicht. Der Boden steinhart (die Nächte hatten Minusgrade). Ich sah einige erstarrte und blau angelaufene Regenwürmer auf der Erde. Waren sie erfroren? Ich fragte mich, ob Regenwürmer im Winter mit der Erde zusammen gefrieren?
Und im Frühjahr wieder auftauen?
Mit solch wichtigen Fragen sollte sich mal die Sendung mit der Maus beschäftigen!

(Oder sollte ich Zuhause vielleicht ein Experiment machen: Einen Regenwurm in den Gefrierschrank legen und sehen, ob er nach dem Auftauen wieder schlängelt?)

Der Wind wehte kalt und frontal. Es fiel mir schwer, auf der Deichkante zu marschieren.

Von weitem hörte ich Männer johlen, als wären sie beim Fußballspiel.
Als ich näher kam, sah ich eine Gruppe von Boßlern, die ihren friesischen Nationalsport betrieben.

Great Boßler I

Ich ließ mir von der Gruppe das Spiel erklären. Genau begriffen habe ich es dennoch nicht. Im Prinzip ist es eine Art Kegeln. Weit-Kegeln. Eine Mannschaft versucht die andere mit der Kugel immer weiter zu treiben. Gewinner ist, wer die längste Strecke bewältigt.

Great Boßler II

Die Kugel darf nicht vom Weg abkommen. Da das Spiel meist auf verlassenen Landstraßen oder auf Deichwegen gespielt wird, landet die Kugel ziemlich häufig im Graben, im Sielwasser oder im Gebüsch.

Eine lange Stange mit Korb hilft beim Herausfischen.

Damn‘ Boßler I

Da das Spiel sich über Kilometer hinzieht, ist das wichtigste Requisit der kleine Speisewagen!

Great Boßler III

Gefüllt mit heißem Grog, Tee mit Rum, verschiedenen Schnäpsen, Bier und allerei zum Knabbern.

Great Boßlers Equipment

Auch ich bekam einen Grog ab und ein paar Käsehappen.

Damn‘ Boßler satisfied

Lustige Männerrunde. Außerordentlich sympathische Jungs!

Good Boßler IV

Gestärkt lief ich weiter nach Leer.
Regen setzte ein und gegen 17 Uhr fand ich ein Hotel in der Innenstadt.

Es war schöner Tag gewesen.

Vorboten Hollands weisen mir den Weg nach Emden

Kräftig gefrühstückt, obwohl der Weg, den ich mir heute vorgenommen hatte, nicht lang war.
Die Bedienung hatte mir ein extra weiches Frühstücksei hingestellt (ich tunke gerne!).

Die Kellnerin wirkte seltsam aufgekratzt. Ich fragte sie, wie sie so früh so hellwach sein könne.
Sie musste lachen.
Sie arbeite bereits seit vielen Stunden.
Sie trage im Dunkeln Zeitungen aus. (Sie habe ein großes Revier zu bestellen.)
Die Arbeit im Hotel sei ihr Zweitjob! Frühstücksdienst. Ab 7 Uhr.
Ihr Mann sei Konditor – aber arbeitslos. Er sei vor kurzem wg. Krankheit aus einer Großbäckerei entlassen worden (welche Sauereien es immer noch gibt!).

Ich dankte ihr für ihr Engagement (weiches Frühstücksei) und wünschte ihr alles Gute im kommenden Jahr.
„Das wird schon werden“ lachte sie zur Antwort.

Gegen halb 10 Uhr machte ich mich auf die Socken. Ziel: Emden. Ca. 20 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 111

Am Dorfrand zwei Holländer.

Twin-Tower

Es fehlte nicht mehr viel und ich würde die Niederlande erreichen. Zwei Tage noch?

Historisch betrachtet, befand ich mich vielleicht schon auf (ehemals) holländischem Boden?
Holländische Mühleningenieure müssen jedenfalls schon einmal hier durchgekommen sein.

Canale Grande in Friesland

Sah es am Morgen noch nach Regen aus, änderte sich das Wetter allmählich. Die Sonne durchbrach die Wolkenbarrieren.

When the sun comes in

Ich lief Kilometer für Kilometer und die Landschaft änderte sich einfach nicht. Und schlagartig wurde mir klar, was mich gestern in diese seltsam lustlose Stimmung gezogen hatte. Ich vermisste tatsächlich etwas: Wald, Berge, eine Überraschung nach einem Hügel.
Ich hatte genug von Meer, Deichen, Kutterhafen und plattem Land!

Meine Geduld wurde strapaziert und ich wusste, dass Geduld nicht zu meinen Stärken zählt.

Lieber stellte ich die Welt auf den Kopf!

Emden überflutet

Ankunft in Emden um halb drei. Schon auf den ersten Blick ein sympathisches Städtchen. Hier fehlte endlich mal keine Generation. Viel Jugend in den Straßen, ein paar Szenenkneipen. Das sah einladend aus.

Geduscht, Wäsche ausgewaschen, Drogeriemarkt (Duschgel und Rasierer), Apotheke (Augentropfen gegen Bindehautentzündung), „Die Zeit“ gekauft und beim Friseur halb gelesen, Restaurant gesucht (Pech gehabt).

Hunger: Wildschweinbraten mit Waldpilzen und Rosenkohl. 17 Euro (überteuert).

In Sauce ertränkter Braten ohne Geschmack. (Wieso ist das Gros deutscher Regionalköche immer noch so umambitioniert?)

Feiertagsblues und uninteressante Unterhaltungen in Greetsiel

Heute ist mein Namenstag!

Meine Großmutter hatte mir am 26. Dezember immer etwas geschenkt. Für sie war der Namenstag bedeutender als der Geburtstag. Mit dem Namenspatron wurde der namensgebende christliche Märtyrer geehrt, erinnert, verewigt.

Lang her.
Heute erinnert sich kaum einer dieser Sitte.

Wieso denke ich das? fragte ich mich.
Ich stand im Städtchen Norden vor einer dieser beeindruckenden Zeugnisse christlicher Kultur, der größten friesischen Kirche. Bald 800 Jahre alt. Ich gehöre keiner Religionsgemeinschaft an. Doch irgendetwas bewegte mich.
Werden diese Gotteshäuser bald nur noch Erinnerungsstätten vergangener christlicher Traditionen sein? Steinerne Monumente, Museen und nichts mehr?

Gott baut mächtig (oder war es ein Architekt ?)

In der Nähe der Kirche eine Bismarck-Statue. Was verehren die Deutschen an dem Eisernen Kanzler?
Allein beim Anblick der Pickelhaube befällt mich die Krätze.

Bismarck, ebenfalls mächtig

Der Norder Marktplatz ein Panoptikum der jüngeren Geschichte.
Ein unbekannter Soldat darf sich (als Steinerner Gast) seit Generationen an den Glockenturm der Ludgeri-Kirche anlehnen. Was ist das für ein martialisches Gedenken an die gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Keiner dieser zu gedenkwürdigen Helden erklärten Soldaten hat absichtlich, bestialisch und planmäßig gemordet? Sicher?

Mich nerven diese „Helden“-Gedenkstätten.

Heldendenkmal, auch mächtig

Ich machte mich gegen halb zehn auf den Weg. Das Ziel: Greetsiel, 16 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 110

Ich fühlte mich müde. Ich wusste nicht recht, was mir auf der Leber lag. Ich trottete lustlos vor mich hin. Vielleicht hatte mich der gestrige Tag erschöpft, das Ankämpfen gegen Dunkelheit, Nässe und Kälte.
Ich war gedankenmüde.

Nur die Sonne, die zum ersten Mal seit Tagen die Kraft hatte etwas länger die Wolken zur Seite zu schieben, heiterte mich ein wenig auf.

Against the mighty sun

Die Strecke war schnell geschafft. Nach drei Stunden konnte ich am Horizont bereits das Hafendörfchen Greetsiel sehen.

Horizont-Dorf

Ein aufgehübschtes Fischerdorf, nett herausgeputzt für die Feiertagstouristen.

Alt und herausgeputzt

Mein Namenstag hatte Hunderte in die picobello sauberen Gassen gelockt. Manche schlotzten sogar Eis.

Alt und nicht so alt die Feiertagsgäste

Die Krabben-Kutter prächtig aufgereiht im pittoresken Sielhafen.
Um halb zwei erreichte ich mein Ziel.

Grandios

Und trotzdem: Irgendetwas passte mir heute nicht. Ich sehnte mich nach irgendetwas anderem, ich konnte aber nicht entschlüsseln nach was.

Also setze ich mich an eine Bar, ignorierte die Unterhaltung neben mir (erst über Lebensversicherungen, dann über Karibik-Urlaube) und lenkte mich mit Jever-Pils ein wenig ab.
(Vielleicht hatte ich einfach nur den Blues.)

Hunger: Gebratene Skarntjes. Ein von Ostfriesen offenbar geliebter Plattfisch. Dazu Butterkartoffeln. 12,90 Euro.
Schmeckte nach Iglu.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Lichtfänger und Himmelsblaujäger auf dem Weg nach Norden

Es gibt tatsächlich noch Bimmelbahnen. Auf Langeoog transportiert ein kunterbunter Zug der Deutschen Bundesbahn die Fahrgäste zur Fähre. Nur Wenige wollten an diesem verregneten Morgen des 1. Weihnachtstages zusammen mit mir die Insel verlassen.

Bimmel-Bahn

Die Inselfähre genau so bunt wie der Bummelzug.

Bimmel-Fähre

Ankunft in Bensersiel um 11 Uhr 30. Von dort wollte ich in Richtung des Städtchens „Norden“ wandern und mir unterwegs eine Herberge suchen. Ich konnte nicht ahnen, dass alle (noch einmal betont: alle!) Pensionen und Landgsasthäuser, die am Weg lagen, geschlossen hatten. Also musste ich bis zum Ende laufen: 33 km und tief in die Nacht hinein.

GPS-Gesamtstrecke bis 109

Der Tag reichte mir ein kleines verspätetes Weihnachtsgeschenk nach: Gegen 14 Uhr öffnete sich die dicke Wolkendecke und zog den Grauschleier von der Landschaft.
Ich wurde augenblicklich zum Lichtfänger, zum Himmelsblaujäger!
Ich schloss das Blau in den Meeresbecken am Ufer ein, verriegelte die Ausgänge und ließ es dort für eine ganze Weile nicht mehr hinaus.

The Blue Shore

Wie die eigene Seele wetterfühlig ist! Ich lief leichter, unbeschwerter.

Der Kutterhafen von Dornumersiel in dramatische Farben getunkt.

Fischerboote dramatisch!

Und zum ersten Mal konnte ich vom Festland aus die ostfriesischen Inseln sehen.

Zum Greifen Nah

Gegen 16 Uhr verschwanden die Blaufetzen, die Sonne versteckte sich völlig und Regen setzte ein. Manchmal überfallartig als ein plötzlicher Wasserfall.

Mittlerweile lief ich Landstraßen entlang, die kaum befahren wurden.
Die Dunkelheit kroch in die Felder und irgendwann konnte ich mich nur an den weißen Mittelstreifen orientieren, die auch in der Nacht immer noch schimmerten.

Ich weiß, ich hätte die Tour besser planen, vielleicht am Tag vorher schon einmal ein paar Unterkünfte anrufen sollen.
So wurde es jetzt endlos.

Völlig durchweicht (mein Regenzeug ist einfach nicht mehr dicht!) erreichte ich um 19 Uhr das Städtchen „Norden“.
Im Zentrum lag ein Hotel, das – laut handbeschriebenem Papier an der Tür – heute um 20 Uhr seine Pforten öffnen würde.

Bis dahin trocknete ich mich ein wenig in einer nahe gelegenen Pizzeria. Und verschlang eine pappnasse Lasagne. (8,90 Euro.)

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).

Durch eine Friesentür Richtung Heilig Abend in Langeoog

Als ich das Hotel in Carolinensiel verlassen wollte, bekam ich die Haus-Tür nicht auf. Der Wirt wuchtete sich mit seinem massigen Körper gegen das sperrige Holz, stemmte die Tür auf und sagte achselzuckend zu mir: „Friesentür!“

Friesen können aber nicht nur „grob“, sie können auch schnell feinfühlig beleidigt sein. Auch das lernte ich hier. Der Carolinensiel-Hafen trennt „Friesen“ (östlich) und „Ostfriesen“ (westlich). Beide reagieren empfindlich, wenn man sie verwechselt.

Gegen 9 Uhr 30 Carolinensiel Richtung Bensersiel verlassen. 17 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 107

Unterwegs nichts Besonderes. Nur Regen, der den Schnee vom Vortag rasend schnell wegspülte. Und ab und zu ein Campingplatz.

Hardcore Dauercamper

Ich hatte meinen 5-er Schritt (5 km die Stunde) drauf und hielt kaum an, um zu fotografieren.
Was gab es auch schon außer Deich, Wiese (links) und Watt (rechts).

Watt ’n datt ?

Auf halbem Weg lag Neuharlingersiel. Viele behaupten, er sei der schönste Sielhafen der Nordseeküste. Er lag im Regen.

In einem Regentropfen ist (an diesem Tag) vermutlich mehr Leben als in diesem Hafen.

Ich liebe Häfen

Ich trank einen Kaffee im einzig offenen Lokal an der Promenade. An den übrigen Gasthäusern, Lokalen und Pensionen hingen Schilder, die die zufällig Vorbeireisenden belehrten, dass hier die Saison erst ab dem 26. Dezember beginnt.

Um 13 Uhr erreichte ich Bensersiel.
Ich hatte beschlossen, von hier aus zur ostfriesischen Insel Langeoog zu fahren und dort Heilig Abend zu verbringen.

Die Fähre ist wegen einer eigenen Fahrrinne Tide-unabhägig.

Goin‘ to Christmas

Noch immer regnete es in Strömen.
Ankunft auf der Insel: 14:30 Uhr.

Heiß Duschen, Trocknen, Trinken, Essen. Same procedure as every day.

Nicht alltäglich war mein heutiges Vespern. Habe das Weihnachtsmenue um einen Tag vorgezogen.

Taschenkrebssuppe. Exzellenter Geschmack.

Hirschrücken mit Blinis an Steinpilzsauce. Sehr fein. Sauce kräftig, hat dennoch den zarten Braten nicht erschlagen.

Schafscheiße-Slalom bis Tossens

Dreckspatz

Deiche laufen ist wie Slalom durch Schafkot. Irgendwann tritts du rein. Und schon nach einer Stunde ist meine (am Vorabend handgewaschene) Hose wieder scheißbraun.

Ich wünschte mir Schnee für den heutigen Tag. Viel Schnee!
Saint Peter erhörte mich nicht!
Schon als ich am Morgen vor die Tür trat, wusste ich schlagartig, dass ich am Abend wieder am Handwaschbecken stehen würde!

Der Tag fing nicht gut an.
Punkt halb neun hatte ich das Bremerhavener Hotel verlassen und mich zur Weserfähre begeben.
Umsonst!

An der Weserüberquerung gescheitert!

Kupplungsschaden! Was immer das auch bei einer Fähre bedeutet? Jedenfalls Fährbetrieb eingestellt.

Eine Stunde Warten.

Im Fährenbauch

Endlich kam ein städtischer Bus. „Fährersatzverkehr“. Welch Wort-Getüm!

Der Fährersatzverkehrsbus brachte mich über Autobahn und Wesertunnel in einer Dreiviertelstunde ans andere Ufer, wozu die Fähre mal ganze 12 Minuten gebraucht hätte.

Weser graublau, Himmel graublau.

Während der Fahrt wurde mir klar, dass Flüsse immer noch die Reisefreiheit beeinträchtigen! Ich wäre ohne Bus und Autotunnel einfach nicht rübergekommen.

Also: Dann ging es los. Ab 10 Uhr! Westufer der Weser – nach Tossens. 28 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 103

Der Stadtstaat Bremen lag hinter, Niedersachsen vor mir. Besser: Friesland.
Typische Häuser.

Besitzer mit Geschmack

Ein traditionsbewusstes Völkchen die Friesen. (Wenn auch die Hälfte aller Häuser von Hamburgern aufgekauft sind.)

Gemalte Häuser

Häuser haben Seele und Gesicht!

Traurig guckendes Zipfelmützen-Haus

Das Land platt wie es flacher nicht mehr geht. Klar, mit Ausnahme der Deiche. Selbst von dieser geringen Höhe aus wirken fast alle Dörfer wie Miniaturortschaften.

Deich – mal ohne Schafskot

Ganz selten nur ein in die Landschaft eingestreuter Kutterhafen.
Dieser gehörte zur Ortschaft Fedderwaddersiel.
FEDDER-WADDER-SIEL!
(Ob’s darüber schon Lieder gibt? „FEDDER-WADDER-SIEL“.)

Kutter in Fedderwaddersiel

Unweit dieses seltsamen Ortes ein weiteres kurioses Dorf.
Kleine Blickmonster hinter Fensterscheiben.

Mini Erwachsene

Welch seltene Krankheit haben die?

Hexen in Kindskörpern ?

Wer hat sein komplettes Anwesen Mini-Monstern vermietet? Spukt es hier?

Eigenartig

Wiederum nur ein paar Schritte weiter saß eine kleine Person auf einem Zaun und wimmerte leise.

Ich fragte nach ihrem Namen:
„Timmy“
Warum sie weinte ?
Weihnachten!

Mit dieser Erklärung konnte ich nichts anfangen, also bohrte ich weiter.
Und?
Ich habe das Plätzchenversteck gefunden und meine Mama hat mich erwischt.
Dann eine lange Geschichte.
(Kurzfassung: Geschrei, Mutter rutscht Hand aus, Papa auch wütend, Eltern streiten sich, Papa geht mit Freunden Bier trinken, Mutter heult und schluchzt, schleudert Weihnachtsbaum aus Wohnzimmer, will auch Papa nie wieder hereinlassen, kreischt, Timmy haut ab.)

Ich nahm Timmy mit.

Es war nicht mehr weit zu meinem Tagesziel Tossens. Ziemlich genau um fünf Uhr (dunkel!) fand ich ein offenes Hotel (das einzige!).
Bevor ich aufs Zimmer ging, bestellte ich ein Bier.
Jever. Klassischer Geschmack. Gut.

Eike hatte mitbekommen, dass ich Timmy zum Essen eingeladen hatte. Im Nu war er aus dem Rucksack. Von der ersten Begegnungs-Sekunde an hatten beide Spaß miteinander.

Eigenartig, dass mir das erst jetzt auffiel: Eike und Timmy waren geschlechtsneutrale Namen. War Eike überhaupt ein Junge?

Egal. Hunger:
Wieder Grünkohl. Diesmal mit Kasseler und Kochwürsten. Viel und ordentlich. 12,90 Euro.

Die Nacht gehörte Eike und Timmy.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Leuchtfeuerträger, Mandrenken und in Bremerhaven Arbeit suchende Harz IV Jungs

„Seezeichen“ – grandioses Wort.

130 Jahre schon bohrt sich dieser „Leuchtfeuerträger“ in den Wattboden. Jahrzehntelang ließ er höchstens „Leuchtfeuerwärter“ an sich heran, aber niemals Touristen.

Gespenstersteg

Jetzt gibt es Navis und ausgewiesene Fahrrinnen. Ausgedient hat das „Leuchtturmbauwerk“!
„Eversand-Oberfeuer“ ist sein Name. Bezirzend.

Gruselturm

Eigentlich wollte ich um 9 Uhr losmarschieren. Der Leuchtturm in Dorum Neufeld hielt mich zurück.
Um halb zehn brach ich dann endlich auf. Ziel: Bremerhaven. Etwa 27 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 101

Auf dem Deich ein Denkmal für die vielen Deichgrafen und Deichretter der Nordsee.

Heldendenkmal

Als Südlandbewohner sind die verheerenden Sturmfluten der letzten Jahrhunderte nicht in meinem kollektiven (hab ich das?) Bewusstsein vorhanden.

Die Inschrift der Gedenktafel:
„Zum Gedenken an all die Menschen, die Deiche erbauten, für ihre Sicherheit im Einsatz waren oder bei schweren Orkanfluten ihr Leben ließen.
1362 Große Mandrenke
1570 Allerheiligenflut. Mehr als 100.000 Tote
1717 Weihnachtsflut (3 Tage Voller Orkan). 15.000 Tote
1825 Johannisflut. 789 Tote
1962 Schwerste Flut seit 1.825. 512 Tote
1976 Schwere Sturmfluten“

Wie friedliebend dagegen heute das Wattenmeer. Die Nordsee hatte sich wohl nach England zurückgezogen. (Stürmte es jetzt dort?)
Der Meergrund harmlos. Nie würde er Menschen verschlingen können.

Harmloses Ungeheuer

Meist lief ich an der See zugeneigten Unterkante des Deiches. Streckenweise war der Deichfuß betoniert. Die Maurer hatten (abstrakten) Kunstsinn besessen.

War Hundertwasser hier ?

Oben auf dem Deichkamm ab und zu regennasse Bänke, jeweils garniert mit industriegrauen Papierkörben.
Ich bemerkte Eike. Er suchte offenbar etwas Verwert- oder Essbares. Ich sprach ihn an.

Eike sammelt Mül

Es war Eike peinlich, so erwischt zu werden.
Der Junge (wieso hatte er ein so feminines Gesicht?) war von zu Hause ausgebüchst. Harz IV Eltern, Schläge, Fernseher kaputt (oder aus dem Fenster geworfen), keine Klamotten, nur immer dieses Matrosenzeug; kurzum: Eike wollte in Bremerhaven anheuern. Egal auf welchem Schiff, egal in welchem Betrieb.

Ich nahm ihn mit.

Ich hatte Hunger. Unterwegs gab es aber nichts. Nur kleine Dörfer ohne Krämerladen, Dorfkneipe oder Menschen (ich sah jedenfalls keine).

Höchstens Kirchen. Zumindest die Aussegnungskapellen waren gebaut, jeder Sturmflut zu widerstehen. Selbst im schnellen Vorbeiwandern spürte ich hier Ewigkeit.

Trutzburg Kirche

Auf halbem Weg nach Bremerhaven ein kleiner Kutterhafen: Wremen.

Schönwetter Kutter

Leere Boote schwammen kopfüber im klitschigen Schlick.

Abgesoffen

Abgesoffen 2

Abgesoffen 3

Gegen vier Uhr erreichten wir (Eike und ich) die Grenze des Bundeslandes Bremen.
Der Containerhafen im Nebelkleid.

Nebelriesen

Den ganzen Tag hatte ich nichts zu hören bekommen. Nicht einmal Meeresrauschen. Kein Windgejaule. Kein Straßen- oder Autolärm.
Jetzt brummten, krachten, knallten und echoten technische Ungeheuer mit riesigen Greifarmen, die Godzilla gleich überdimensionierte Container von links nach rechts wuppten.

Nebelriesen 2

Noch 10 km bis ins Zentrum Bremerhavens. Entlang einer nicht enden wollenden Containerlandschaft mit trostlosen Straßen.

Industriegebiet.

Kalter Weg

Eike lachte zum ersten Mal. Hier würde er Arbeit finden, schwadronierte er.
Ich wollte ihm nicht sagen, dass in Bremerhaven gefühlt 40% der Menschen arbeitslos sind.

Eke klettert

Auch wenn es in den Werften und Entladestellen hämmerte, quietschte, flexte, dumpf hallte und es nach frischen Schweißnähten roch.

Nachtarbeit

Um 18 Uhr ein Hotel gefunden.

Durst: Ducksteiner Bier. 3,80 Euro (0,5l). Bleibender Geschmack. Leicht rauchig. Sehr angenehm. (Gibt es schon seit dem Mittelalter. Marke gehört heute der Holsten-Brauerei.)

Hunger: Grünkohl mit Mettenden und Bratkartoffeln. Bodenständig, deftig und gut. 6,90 Euro.

Für Eike, der zwei Portionen Grünkohl bestellte, orderte ich noch einen Calvados.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück). Zimmer äußerst einfach, aber sauber.

Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.