Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

T165-Bursche-01-imp

Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

T165-Nico-02

Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
T165-Rasselbande-01

Ich lass Fürst Pückler links liegen und verschwinde schnell nach Forst in der Lausitz

Trotzdem ich schleunigst weg aus dem Kurheim Bad Muskau wollte, dieser kurze Abstecher musste noch sein: ins Weltkulturerbe Fürst-Pückler Park samt Schlösschen.

Fürstliche Ästhetik

Die Sonne war mit mir aufgestanden, wurde aber rasch müde und ruhte sich hinter dicken Wolken aus. Den ganzen Tag.
29 km lang bis Forst in der Unterlausitz. Ich brach um 9 Uhr auf.

GPS-Gesamtstrecke bis 051

Die Neiße floss wie gestern vor sich hin, schön anzuschauen. Aber das Bild kannte ich ja schon.

Da Wasser fließt auch oben in den Wolken

Mit anderen Worten, an diesem Tag tat sich einfach nichts. Das einzig nennenswerte Ereignis war mein Übertritt vom Bundesland Sachsen ins Bundesland Brandenburg. (Da wo ich  lief sprachen sie fast schon Berlinerisch.)

Also marschierte ich (nichts denkend und leicht rammdösig) vor mich hin. Und hoffte, noch vor dem großen Regen anzukommen.

Da baut sich was auf

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich Forst. Ein Städtchen, das Null Charme ausstrahlte (es sei denn, man liebt Plattenbauten), dessen Zentrum ich vergeblich suchte und in dem ich nur mit äußerster Mühe eine Unterkunft fand. (35 Euro mit Frühstück.)

Die gleiche Not hatte ich am Abend. Kaum Restaurants und nichts Einheimisches. Bin bei einem Griechen gelandet und habe mein Urteil verfestigt: Griechen können nicht kochen. Das Mousakas war eine einzige Pampe.

Pause in Bad Elster

My Honni: welchen Geschmack hast du hinterlassen

Hab viele Pensions-, Gasthaus-, Privat- und  Hotel-Zimmer auf meiner Wanderung für eine Nacht bewohnt. Aber noch keines wie dieses in Bad Elster. War das jetzt 60er Jahre Pepita-Geschmack in Orange und besonders raffiniert? Oder war das das Gästezimmer für Biedermann-Honecker, wenn er inkognito zum Kuren nach Bad Elster ging?

Klasse Zimmer.

Klasse Wirt auch. War an einer Tour am Schimpfen, sogar beim Frühstück. „Früher war alles besser„: Sein Standard Satz. Ich vermutete zuerst das Ostalgie-Syndrom (gib mir meinen Honni zurück). War aber nicht.  Mit „früher“ meinte er die ersten Jahre nach der Wende. Da hätten die tschechischen Mädchen jenseits der Grenze noch nicht soviel gekostet wie heute. Und jetzt kämen die Tschechen auch noch selbst über die Grenze zum „Eier kaufen„. Denn da drüben seien die mittlerweile teurer als in Deutschland. Bald kämen sie auch noch zum Tanken. In dieser Weise ging es ohne Atem zu holen weiter.

Es war Samstag. Aber ich hatte das Gefühl an einem Sonntag hier gestrandet zu sein.

Ich beschloss einen Samstags (gefühlten Sonntags-) Spaziergang zu machen. Das erste, was mir auffiel, war eine Weinkarte in einem Glasfenster-Aushang  eines Restaurants auf der Parkstraße (= Hauptstraße!). Und ich fragte mich sofort: Kann man an solch einem Ort auch nur eine Minute bleiben?

Liebfrauenmilch fehlte noch!

Der Central Park (hier „Kurpark“ genannt) quoll über von unsichtbaren Menschen.

Where have all the people gone ?

Okay. Ich verstehe, gestern Abend lief im städtischen Theater „My Fair Lady“ und die verehrten Gäste mussten sich am Tag danach erst noch von der Vorstellung erholen. Da kann man schlecht um zwei Uhr nachmittags schon wieder unterwegs sein.

Schöne Architektur trotzdem. Gründerzeit. Viele Villen stilecht restauriert.

Ziemlich massiv

Trutzburgen

Gründerzeit(?)-Kirche gibt es auch noch

Sicher, die Stadt ist hüsch, große Parks, viele Quellen, Bäder, Anwendungen, Packungen.

Ich ließ trotzdem meine Badehose im Rucksack, ging wild entschlossen in mein Pepita-Wohnzimmer und hörte Fußball-Bundelsiga-Konferenzschaltung (SWR1). Danach Essen: Forelle (gebraten, mit Kräutern und Kartoffeln). Gut.

Ich trank keinen Wein dazu!