Kapitän Smut ist ein Hochstapler und bettelt sich durch bis Sassnitz

Ein windiger Tag kündete sich an. Die Bootsmasten der Segler im Peenemünder Hafen wippten wie alte Baumkronen und knarzten altersschwach. Das Gewitterlicht gab den Hochstapler und tauchte den ungastlich DDR-grauen Ort in etwas Farbe.

Großes Tor zur kleinen Welt

13 Euro verlangte der Bootsmann für die Überfahrt von Peenemünde zur Insel Rügen. Und ich blechte nochmal 13 Euro für Smut, der mich vor dem Steg angesprochen hatte. Er wollte seinen Sohn in Sassnitz auf Rügen besuchen. Doch ihm fehlte das nötige Kleingeld.

Smut – so nannten ihn die Matrosen auf der Fähre. Sie kannten ihn. Smut – so nennt man die Köche auf kleinen Schiffen, aber auch die Schmuddelkinder. Doch mein Smut behauptete, er sei früh-pensionierter Kapitän, dem nur die Ost-Rente nicht bis zum Monatsende reichte. Heute sei ja schließlich schon der 27. des Monats.
Noch ein Hochstapler am frühen Morgen.

Big Smut is watching you

Die Fähre legte um 9 Uhr ab und sollte gegen 11 Uhr in Göhren (Rügen) an der Seebrücke anlegen. Von dort wollte ich ins etwa 29 km entfernte Sassnitz wandern. Smut stöhnte schon jetzt. Er sei keine Landratte, fluchte er.

GPS-Gesamtstrecke bis 067

Die Fähre mühte sich durch das Flüsschen Peene zum offenen Meerausgang.

Peene penetriert offenes Meer

Aber kann man die Ostsee als Meer bezeichnen?
Das Schiff suchte fast schon verzweifelt befahrbare Fahrrinnen, so flach war die See.

Erst später dann Wellen, die Smut und mich schaukeln ließen, aber noch zu schwach, um mich an die Reeling zu treiben. Auch wenn mir ab und zu die Gischt aufs Gesicht und die Kameralinse spuckte (ich werde schnell seekrank).

Ostsee=Kaltsee

Kapitän Smut berichtete von seinen Abenteuern. Ich achtete nicht auf ihn. Trotzdem blieben mir ein paar Wörter hängen:
Schot, schalende Brise, Wind, der Wasser schuppt, Backskiste, Peilbaken, Kühlungsborn, Schiebeluke, Kadetrinne.
Was für ein Sirenengesang der Sprache. Wohlklingende, musikalische Wörter, die ich in meinem zerebralen süddeutschen Wörterbuch beim besten Willen noch nicht abgespeichert hatte.

Der Wind raute noch mehr auf. An den Stränden Rügens keine Badenden. Nur Frierende auf dem Landungssteg, mitten im Sommer und trotz Jack Wolfskins Outdoor Outfit. (Was für ein Siegeszug dieser Marke in Deutschland!)

Stürmischer Empfang

Bereits auf dem Landungssteg trompetete die DLRG aus den Lautsprechern, dass heute an diesem Küstenabschnitt Badeverbot herrsche – weil zu starker Wind – weil Lebensgefahr. (Wann hat eigentlich die Deutsche Lebensrettungs Gemeinschaft die ehemalige DDR als Bay-Watch Monopolist erobert? Und wer gibt ihr irgendein Recht, irgendetwas zu verbieten?)

Von Göhren nahm ich den Höhenweg entlang der Steilküste (so nennt sich das hier, auch wenn es kaum HUNDERT Meter hochgeht).

Sandige Steilküste

In greifbarer Ferne bereits die Seebrücke von Sellin mit ihrer Taucherglocke!

Badeverbot wg. Sturmwarnung

Das Seebad selbst eine Augenweide. Holztreppen, die die Besucher wie in einer Gala-Show gut gelaunt nach unten schweben ließen.

Prachtvoll

Strandkörbe, die niemanden erwarteten, die sich nur für einen Augenschmaus aufstellten.

Suchbild

Und die Strandgesellschaft langweilte sich ein wenig mit dem Kinderchor, der gleich in der Kurpark-Muschel auftreten durfte/musste/sollte.

In Erwartung des musikalischen Grauens

Schon nach ein paar Kilometern legte Kapitän Smut seine Pfeife weg, schnaufte demonstrativ und setzte sich zur Rast. Von dem bisschen Laufen schien er wie im Zeitraffer gealtert.

Nach zwei Stunden am Strand entlang, bog ich einmal kurz ab. Hinter Bäumen versteckt lag der kilometerlange Häuserkomplex Prora.

KDF, NVA, DDR, BRD

Von den Nationalsozialisten hingeklotzt als KdF-Ferienheim für 20 Tausend Gefolgsleute. Später von den Russen und der NVA übernommen. Mittlerweile weitgehend zerfallen, bis auf ein paar Jugendherbergs- und museale Inseln.

Neutral = Nicht Negativ

Das Plakat behauptet, die Ausstellung über die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR sei „neutral“ und nicht „negativ“.
Denn Sinn dieser Worte verstand ich nicht.
Kein Mensch, der sich mit Geschichte, Politik oder Zeitgeschehen auseinandersetzt, kein Ausstellungsmacher und kein Journalist dieser Welt, der auch nur ein Funken kritisch sein will, kann gleichzeitig „neutral“ sein. Immer hat er einen gedanklichen archimedischen Punkt, von dem aus er die Verhältnisse (Unrecht, Unwahrheit) aushebeln will.

Ich musste mich entscheiden, entweder die Ausstellung zu besuchen oder mein heutiges Ziel (Sassnitz) nicht zu erreichen. Es war schon 16 Uhr und ich hatte immer noch drei bis vier Stunden zu marschieren.

Ich ging weiter. Mit einem immer lauter stöhnenden Kapitän Smut an meiner Seite. Nur die schönen Plakatjungfrauen, die jeden Abend in die größte Diskothek Rügens einluden, konnten ihn ihm – vorübergehend – ein gewisses Hochgefühl erzeugen.

In ist = Wer drin ist

Ein Motorradrowdy vertrieb uns mit lautem Motorengeheule von der Straße.
Nichts ist unmöglich in dieser Gegend. Ein junger Schwede fuhr mit Eisernem Kreuz durch ehemaliges Nazi-Gelände. Auch ein Bekenntnis! War das normal hier?

In ist = wer mit Eisernem Kreuz durchs ehemalige KDF Gelände der Nazis fährt

Gegen halb acht endlich Sassnitz erreicht. Geduscht, Zähne geputzt und wieder angezogen in weniger als 5 Minuten. Und ab an den Hafen, auf der Suche nach einem Esslokal.

Sehnsuchtsort

Schon beim Fotografieren war mir klar: Das wird ein Bild der Sehnsucht.

Warum nur funktioniert die Blaue Stunde so gut als Sehnsuchtserzeuger? Und noch mehr die Vintage-Fotos, die auf alt und vergilbt gemachten Bilder, als seien sie von vielen Händen über Jahrzehnte speckig gegriffen worden?
Warum liegt die Sehnsucht immer im Vergangenen und nicht in der Zukunft?
Warum kann man Utopie nicht fotografieren?

Durst:
Störtebeker Pils: 3,90 Euro (0,5 l).
Stolzer Preis – aber auch klasse Bier. Endlich mal wieder ein Regionalbier! Brauerei sitzt in Stralsund (seit 1827) und versorgte früher fast exklusiv die mondänen Seebäder Rügens.
Deutlicher Hopfengeschmack, eine Spur zu bitter. Aber ein Bier mit Eigenart, das leicht unter der Masse der industriellen Gerstensäfte herauszuschmecken ist. Langer Nachhall!

Hunger:
Zanderfilet in Kartoffelkruste auf Orangen-Senf-Kohl mit Butterkartoffeln: 16,90 Euro.

Das Essen jeden Cent wert! Irres Geschmackserlebnis. Die Kruste knackig ohne den Fischgeschmack zu erschlagen. Der Orangen-Senf-Geschmack des Kohls dezent, aber spürbar. Verdammt gute Kombination.
Das Einzige, das nicht passte, waren die zusätzlichen Butterkartoffeln (mit Petersilie). Ich putze mit ihnen danach dennoch den Teller. Der blieb wie gespült zurück. Keinerlei Essensspuren!

Sogar Smut war gut drauf, bestellte sich auf meine Rechnung ein Bier nach dem andern und lutschte noch den Schaum aus dem Inneren des Glases.

Noch lange in der Nacht gesessen!

Unterkunft 50 Euro (Mit Hafenblick! und Frühstück).

Knut schlief immer noch seinen Rausch aus, die zweite Nacht in Folge

Diotima flieht vor lüsternen Greisen mit mir nach Bad Muskau

Fesch und dynamisch die neue Landarztgeneration

Diotima nannte sich die Ärztin und wollte nur noch raus aus Rothenburg. Ich hatte sie um 9 Uhr morgens zufällig vor der Apotheke getroffen. Meine Knie schmerzten immer noch und ich hatte mir Voltaren besorgen wollen. Aber vor mir drängelten sich tippelnd zwei Dutzend greiser Menschen, deren erster Gang sie morgens nicht zum Bäcker führt, sondern in die Apotheke.

Blutdrucksenker, Blasenteststreifen, Cholesterinsenker, Pillen gegen Panikanfälle, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Windeln wg. Inkontinenz … und ich kam und kam nicht dran.

Also drehte ich um und Diotima sprach mich plötzlich auf der Straße an, was ein junger Mann (sie war wohlerzogen!) denn in der Alten-Apotheke wolle? „Voltaren!“ sagte ich – „und dann schnell weg von hier“.

„Genau wie ich“, stimmte sie ein, „schnell weg! Nimm mich mit!“

Okay. Ich tat es.

Unterwegs fragte ich sie, warum sie denn so fluchtartig Rothenburg verlasse.

Sie bedeutete mir, dass sie seit 3 Jahren hier als Landärztin arbeite. Sie habe es gemacht, um überhaupt eine Praxis eröffnen zu können. Sie habe aber nicht geahnt, dass sie es ausschließlich mit Greisen zu tun haben würde – und mit lüsternen noch dazu. Jede zweite Woche bekäme sie einen Heiratsantrag von einem Methusalem und der wolle gleich noch einen Freifahrschein für Viagra.
Jetzt sei es genug!

Ich verstand.

Wir liefen zusammen los. 41 km weit, bis nach Bad Muskau. Immer links der Neiße.

GPS-Gesamtstrecke bis 050

In ihrem Unterlauf wurde der Grenzfluss ansehnlicher, manchmal richtig schön. Nur das Wetter war es nicht.

Auch sie mäandert

Der Himmel verhangen, der Wind kalt, als würde es herbsten und nicht Frühling werden. Ich war wieder dick eingepackt.

Schöne Waldwege

Bisweilen verließ der gut ausgebaute Wander und Fahrrad-Weg den Neiße-Damm und führte mal durch Nadel-, mal durch Mischwald. Absolute Stille bis auf gelegentliches (kurz und gepresstes) Vogelgezwitscher (Kohlmeisen?).

Manchmal kam Wind auf, dann rauschte es im Wald. Aber was rauschte da?
„Blätterrauschen“ konnte es nicht sein – die Bäume waren kahl.
„Nadelrauschen“ der Tannen? Nee.
Einige Laubbäume zeigten die ersten Triebe. Also „Triebrauschen“?
Das Wort gefiel mir. Ich muss unbedingt im Duden nachschlagen, ob es den Ausdruck schon gibt, wenn nicht, werde ich mir die Urheberrechte sichern.

Es behagte mir, allein durch den Wald zu strolchen. Es muss ein deutsches Gen für Genuss von Waldeinsamkeit geben. Ich besaß es wohl ebenfalls.
Auch wenn es ein Allerwelts-Wald war, ich schritt fast andächtig durch ihn durch.

Mir kam eine Passage aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in den Sinn, in der sich eine schwärmerisch veranlagte junge Dame namens „Diotima“ (sie hieß so wie meine Ärztin – welch ein Zufall) besonders poetisch und romantisch ausdrücken will:
„Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben“ ?!
Der sinngemäße Kommentar ihres Begleiters Ullrich: „Die staatliche Forstindustrie“!

Geschenkt, ich war trotzdem ergriffen.

Und ich stellte mir eine unsinnige Frage. Kann ein Wald Sonnenbrand bekommen? Mein Nadelwald, den ich gerade durchlief, war jedenfalls im oberen Stammbereich intensiver braun gefärbt als im unteren.

Können Wälder Sonnenbrand haben ?

Noch etwas war eigenartig in diesem Wald. Alle paar Meter sah ich Baumstämme wie Totempfähle. Irgendjemand macht irgendwas mit der Rinde. (Rindenschnitzer? Rindendiebe? Baumschänder?)

War Winnetou hier ?

Gut, ich geb‘ zu, ich phantasiere. Vielleicht tut Waldeinsamkeit nicht jedem gut.

Aber kaum aus dem Wald raus, erregte in einem kleinen Dorf schon wieder etwas meine Phantasie: ein Denkmal, dem 1870/71 Krieg gewidmet. Die Widmung endet mit: den „gebliebenen Kriegern“

Wessen Erinnerung geht zurück bis 1871 ?

Welch ein Wort: „Krieger“: Das klingt nach Samurei, Komantsche, Kreuzritter, nach Ernst Jünger.
Jedenfalls ehrlicher als „Soldat“! (Als würde der nur wegen des Solds in den Krieg ziehen.)

Ganz nebenbei fragte ich meine Diotima (die Ärztin), ob sie nicht ein wenig Voltaren dabei habe, immer noch schmerzten mich meine Knie. Ich hatte meinen „Fünfer-Schritt“ drauf: Fünf Kilometer pro Stunde. Aber es war erst die Hälfte der Strecke geschafft: 21 km seit Rothenburg. 20 km noch bis Bad Muskau.

Halbe Wegstrecke

Ich bat Diotima dringlich mir keinesfalls mit einer Therapie zu kommen, die da lautet, weniger Bier zu trinken und Fleisch zu essen (wie Gabi mir neulich in einem Blog-Beitrag vorgeschlagen hatte).

Diotima musste lachen, kramte Voltaren aus ihrer Tasche und rieb mir die (jetzt frierenden) Knie ein.

Langsam bekam ich Hunger, hatte aber das Pech (wie eigentlich immer auf meiner Wanderung), mich am falschen Tag, zur falschen Uhrzeit oder außerhalb der Saison zu bewegen. Zwei Uhr schlug die Kirchturmglocke – und dieser Krämerladen würde erst in einer Stunde öffnen. Tante Emma schlief wohl noch.
Also hungrig weiter!

Zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort

Begleitet von Häme.

Und dann noch blasierte Blicke kassieren!

Das Wetter schlug endgültig um. Orkanartige Windböen, sogar kleine Schneeflocken mischten sich in den immer stärker nervenden Regen. Trotz frierender Hände musste ich noch ein Foto einer ungewöhnlichen Kapelle machen: Eine Fachwerkkapelle, das hatte ich noch nicht gesehen.

Fachwerksschönheit

Ab jetzt hieß es: gegen Gegenwind und Regen anlaufen.

Verdammt nass !

Diotoma fror und wurde immer schweigsamer. (Bereute sie ihre Entscheidung?)

Falsch gewandet

Gegen halb sechs erreichten wir endlich Bad Muskau. Völlig platt. Aber meine Knie hatten gehalten.

Die einfachen Gasthöfe waren geschlossen (noch keine Saison!). Die einzige offene Unterkunft, die ich im Zentrum fand, war ein Kurhotel.

Durst: Landskron Pils. Es gibt tatsächlich seit langem nichts mehr anderes. Die Bierbrauer-Dichte nimmt bedenklich ab.

Hunger:
Vorspeise: Schlesische Biersuppe mit Graubrot (4,50 Euro). Interessant. Auf Schwarzbiergrundlage. Leicht süßlicher Grundton. Eigentlich mag ich keine gebundenen Suppen, aber die war fein.

Hauptgericht: Klittener Karpfenfilet unter einer Traube-Speck-Kruste mit Kräuterkartoffeln und Champagnerkraut. (14,50 Euro). Klang besser, als es schmeckte. Die Kruste überdeckte völlig den Fischgeschmack.

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar, das sich die ganze Zeit anschwieg. Nur die Dame schien telepathische Fähigkeiten zu haben und die Gedanken ihres Mannes lesen zu können. Alle paar Sekunden stimmte sie ihm mit einem bestimmten und gut hörbaren „hmmm!“ – zu.
Das „hmmm!“ so kurz und knarzend herausgepresst, fast wie ein „Ja!“.

Ich war erst irritiert, weil ihr Ehepartner ja nichts äußerte, aber das „hmmm!“ kam so regelmäßig, dass ich an mir zweifelte und genau aufpasste, ob ihr Mann nicht doch irgendwie zu ihr sprach.

„hmmm!“

Ich konnte nichts feststellen. Er schwieg. Aber sie stimmte ihm ständig zu.
„hmmm!“

Auf Dauer machte mich das kirre. Ich war froh, wenn draußen ein Auto (besser ein Lastwagen) vorbeifuhr, um dieses „hmmm!“ zu ersticken.

Und ich hörte es doch!

Ich bat Diotima um Q-Tips, um wenigstens mein Abendessen ungestört genießen zu können, aber Diotomia verstand mich nicht, sie hatte sich schon die Stöpsel ihres Stethoskops in die Ohren gesteckt.

„hmmm!“

Um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen, verlangte ich die (zu teure) Rechnung und verabschiedete mich Richtung Bett.

Kaum geduscht und unter der Decke, drang aus dem Nachbarzimmer ein herzhaftes und bestimmtes „hmmm!“ zu mir.

Mir wurde klar, dass das eine furchtbare Nacht werden würde. Und zum erstmal während meiner Wanderschaft befiel mich der Blues.
„O Lord, O Lord have mercy!“ summte ich mich in den Schlaf (frei nach Janis Joplin).

„hmmm!“

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Pause in Bad Elster

My Honni: welchen Geschmack hast du hinterlassen

Hab viele Pensions-, Gasthaus-, Privat- und  Hotel-Zimmer auf meiner Wanderung für eine Nacht bewohnt. Aber noch keines wie dieses in Bad Elster. War das jetzt 60er Jahre Pepita-Geschmack in Orange und besonders raffiniert? Oder war das das Gästezimmer für Biedermann-Honecker, wenn er inkognito zum Kuren nach Bad Elster ging?

Klasse Zimmer.

Klasse Wirt auch. War an einer Tour am Schimpfen, sogar beim Frühstück. „Früher war alles besser„: Sein Standard Satz. Ich vermutete zuerst das Ostalgie-Syndrom (gib mir meinen Honni zurück). War aber nicht.  Mit „früher“ meinte er die ersten Jahre nach der Wende. Da hätten die tschechischen Mädchen jenseits der Grenze noch nicht soviel gekostet wie heute. Und jetzt kämen die Tschechen auch noch selbst über die Grenze zum „Eier kaufen„. Denn da drüben seien die mittlerweile teurer als in Deutschland. Bald kämen sie auch noch zum Tanken. In dieser Weise ging es ohne Atem zu holen weiter.

Es war Samstag. Aber ich hatte das Gefühl an einem Sonntag hier gestrandet zu sein.

Ich beschloss einen Samstags (gefühlten Sonntags-) Spaziergang zu machen. Das erste, was mir auffiel, war eine Weinkarte in einem Glasfenster-Aushang  eines Restaurants auf der Parkstraße (= Hauptstraße!). Und ich fragte mich sofort: Kann man an solch einem Ort auch nur eine Minute bleiben?

Liebfrauenmilch fehlte noch!

Der Central Park (hier „Kurpark“ genannt) quoll über von unsichtbaren Menschen.

Where have all the people gone ?

Okay. Ich verstehe, gestern Abend lief im städtischen Theater „My Fair Lady“ und die verehrten Gäste mussten sich am Tag danach erst noch von der Vorstellung erholen. Da kann man schlecht um zwei Uhr nachmittags schon wieder unterwegs sein.

Schöne Architektur trotzdem. Gründerzeit. Viele Villen stilecht restauriert.

Ziemlich massiv

Trutzburgen

Gründerzeit(?)-Kirche gibt es auch noch

Sicher, die Stadt ist hüsch, große Parks, viele Quellen, Bäder, Anwendungen, Packungen.

Ich ließ trotzdem meine Badehose im Rucksack, ging wild entschlossen in mein Pepita-Wohnzimmer und hörte Fußball-Bundelsiga-Konferenzschaltung (SWR1). Danach Essen: Forelle (gebraten, mit Kräutern und Kartoffeln). Gut.

Ich trank keinen Wein dazu!

Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch

Hansi dudelt mir das Ohr voll auf dem langen Weg nach Passau

Hansi, so wollte er nach seinem großen Vorbild genannt werden, auch wenn er bürgerlich Martin hieß.

Hansi hatte mich gestern Nacht kurz nach dem Bezahlen meiner Rechnung abgepasst. Er war der jüngste der Volksmusik-Combo und fragte mich, ob er mich morgen begleiten könnte. Er hätte den gleichen Weg. Nach Passau. Dummerweise willigte ich ein.

Hansi weckte mich bereits kurz nach 7 Uhr, um nach dem Frühstück gleich mit mir loszumarschieren. Es sollte die längste Tour der letzten Tage werden. Rund 37 km. Verdammt lang. Verdammt hart.

Im Grunde ging es die ganze Zeit immer auf dem Inn-Damm entlang. Oft kerzengerade. Kilometer für Kilometer. Ganz selten ein kleines Kürvchen

Noch 2 Schritte bis zum Horizont

Ich war guter Laune – noch! -, hatte gut geschlafen, war erholt; ich lief wie von selbst. Hansi flötete leise vor sich hin. Auf irgendeine Weise hatte es ihm das österreichische Engerl angetan. Nur die Musik, mit der er es zu umgarnen versuchte, hatte gar nichts Himmlisches. Außerhalb einer bayerischen Traditionskneipe hört sich Volksmusik einfach nur wie Lärm an. Gleichwohl: Namenlos ertrug es leidlich, eine Weile jedenfalls.

Almdödler bezirzt Engerl

Also geradeaus. Immer den Inn entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 005

Nach dem Sonnenaufgang grandiose Scherenschnitte links und rechts. Leichter Nebel, Schilf, Gebüsch, Auwald und spiegelndes Wasser.

Längster Scherenschnitt / Guinness verdächtig

Mit der Zeit glich sich alles, jede Spiegelung, jede Kurve, jeder Fernblick. Ich wollte nur noch Kilometer machen. Schritt für Schritt nach vorn.

Die Gedanken aber gingen zurück, Richtung gestern Nacht.

Unausgesprochen stand bei allen Gesprächen, denen ich im Gastzimmer meines Landgasthofes zugehört hatte, ein Thema im Mittelpunkt: das Sterben (auch wenn niemand dieses Unglückswort in den Mund genommen hatte). Die Kur, die die Gäste machten, diente nicht zur Heilung, sondern nur zur Linderung eines Schmerzes, der den Tod ankündigt. Noch gar nicht so alte Frauen, von Medikamenten aufgeschwemmt, entstellt. Nicht mehr junge Männer, in Rollstühlen, zentnerschwer. Aber alle aufblühend, solange die Musik schrammte, manche sangen sogar mit. Alle dankbar, dass sie noch atmeten. Die Musik gab ihnen ein Gefühl dabei zu sein, im Leben. Wenn auch am Rand.

Das Sterben hat mit dem Alter allerdings wenig zu tun. Außer dass es statistisch mit jedem Tag wahrscheinlicher wird.

Dem Sensemann ein Schnippchen schlagen, das wollen vor allem die, die das Alter als Krankheit mißverstehen. Auch davon gab es am gestrigen Abend reichlich Anhänger. Solche, die eine Kur gegen das Altern machten: liften, Fango packen, vegan ernähren (geht das in einer bayerischen Kneipe?). Siebzigjährige Zwillingsschwestern aus Hessen, Mittsechziger aus Köln: Niemand wollte mehr das Zauberberglein (das nahe Kurstädtchen Bad Füssing) verlassen, in der Hoffnung, die verewigte Jugend zu konservieren, aber ahnend, dass er/sie hier sterben würde. Und trotz aller echter Fröhlichkeit am gestrigen Volksmusikabend: Es lag doch eine spürbare Traurigkeit im Raum (oder in mir?).

Ich fing mit Hansi Streit an, ich hatte das ewige Gedudel satt. Wer will schon freiwillig ständig Bayerischen Rundfunk hören. Dieses Heimatgesülze wurde mir unerträglich. Während einer Pause packte ich schließlich die Ohrstöpsel meines Smartphones aus und verpaßte Hansi eine volle Dröhnung: Charles LLoyd, Trombone Shorty, Roland Schaeffer. Meine Lieblings-Jazzer und virtuose Blech-Bläser! Mit grandioser Musik.

Hansi bekommt Charles Lloyd zu hören

Hansi wurde vorlaut, meinte frech: Das sei Kunst. Die brauche er nicht zum Leben. Volksmusik sei etwas anderes. Da gehe es nicht um Erhabenes, Kunstfertiges, sondern um Geselligkeit. Deswegen funktioniere Volksmusik außerhalb der Wirtschaft und der Biergärten auch nicht richtig. Außerdem gingen jeden Tag in einem bayerischen Dorf mehr Menschen in die Wirtschaft als sonstwo in Deutschland in ein Jazz-Konzert. Und ich sei doch freiwillig nach Bayern gekommen, also müsse ich auch das Brauchtum und die traditionelle Musik aushalten.

Ab nun stopfte ich mir die Ohrstöpsel selbst in den Gehörgang, um diesen Quark nicht länger ertragen zu müssen und genoss die Fußball-Bundesliga Konferenzschaltung (auch wenn Kaiserslautern einfach nicht mehr siegen kann! Abstiegskandidat!).

FCK Ball im Wasser

Unterwegs ein Fisch-Lehrpfad, auf dem ich lernte, dass Hechte nicht nur Karpfen oder Wasservögel mögen. Sie haben sogar kleine Säugetiere, sofern sie sich im Wasser aufhalten, auf der Speisekarte. Hat das schon mal jemand gefilmt? Ein Hecht, der eine Wasserratte reißt? (Reißen Hechte? Oder schnappen sie?)

Deutsche wandern nicht nur einfach durch die Natur, sie lernen auch noch etwas dabei.

Auf einmal Ohren betäubender Lärm wie aus dem Nichts. Diesmal war es nicht Hansis Dauergedudele, sondern die nahe Inntal-Autobahn auf der österreichischen Seite, die bis an das Ufer heranführte.

Betonlandschaft Inn

Engel Namenlos fing nun auch an zu nerven. Hatte sich offenbar vom Dauer-Minne-Sänger Hansi betören lassen und jauchzte ununterbrochen „Hosianna“, so dass ich beschloss, auch Namenlos, sowie vorher Loisl, den Mund zu verbinden. Dazu war aber eine Engelzertrümmerung nötig:

Namenlos erschrak sich durch diese Aktion so sehr, dass es für eine Weile stumm blieb. So ersparte es sich die Mundbinde!

Befreiter aber stummer Engel

8 Stunden inzwischen gelaufen und immer noch 10 km zu gehen. Gut zwei Stunden fehlten noch bis Passau. Der Himmel graute schon. Noch ein paar schöne Fotos am wieder ruhigen, fast romantisch stillen Inn.

Herrliche Abendstimmung

Blaue Stunde auch für weiße Schwäne

Kaputt wie selten gegen 19 Uhr in Passau eingelaufen.

Hansi hörte endlich auf, die Flöte zu traktieren und rang sich sogar zu einem Lob durch. Das hätte er einem Städter wie mir nicht zugetraut. Mit 16 kg Gepäck fast 40 Kilometer zu marschieren. Das stimmt. Ich war selbst stolz auf mich. Nur – wiederholen möchte ich die Tor(Tour) so schnell nicht. Muss in Zukunft kürzere Strecken gehen.

Riesendurst: Helles von Hacklberg. Passauer Brauerei (seit 1618). Würzig, leicht süßliche Note. Gut (2,80 Euro). Hacklberg ist wohl im Besitz des Passauer Bistums. Also ein sehr katholisches Bier!

Gleich drauf: Ein Bio Bier / Helles.
Gutsbräu Straßkirchen (3 Euro). Deutlich besser als das Hacklberg. Würziger, das Malz nicht so süßlich. Bier hatte langen Abgang (wie der Weinkenner sagen würde). Hat wohl höheren Alkoholgrad. Muss das im Internet nachforschen.

Riesenhunger: Fisch mit Senfsauce, Brokkoli und Reisbällchen. Totaler Reinfall. War zwar Bio-Restaurant, schmeckte aber nach Iglu-Stäbchen. Donaufisch gab es eh nicht, also Scholle. Schlechter kann man nicht kochen, ohne Salz, ohne Gewürze, ohne Pfiff. Grauenhaft und überteuert (11,80 Euro). Hab mich seit langem mal wieder beschwert.

Mitternacht:

Es wird langsam eng im Bett

Unterkunft in der Altstadt: 55 Euro (mit Frühstück).

Ein namenloses Wesen begleitet mich nach Aigen

Immerhin ein Warn-Stein!

Warnstein in Braunau

Hier, in diesem Haus hinter dem Stein, wurde nicht der Nationalsozialismus geboren, aber der größte Verbrecher der Neuzeit.

Das Geburtshaus des Großen Diktators scheint weitgehend unbehaust zu sein.
(Wer könnte mit so einem Gespenst zusammen wohnen?)

Die Braunauer tun mir leid. So wie ein Dachauer immer wird begründen müssen, wie er in seiner Stadt mit solch einer Vergangenheit wohnen kann, so werden auch die Braunauer den Spuk niemals los.

Ich fand keinen einzigen Souvenir-Laden in der Stadt. Welches Andenken will man auch hier verkaufen? An was soll man sich hier gern erinnern?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so gruselig fühlen würde. Tut mir leid Braunauer, der Abstecher über die Grenze war eine schlechte Idee. Ich will schnell wieder zurück auf die andere Seite.

Auf dem Weg zurück passierte ich noch in Braunau einen Mini-Weihnachtsmarkt. Ein Engerl zwinkerte mir zu, signalisierte, dass er auch schnell weg möchte. Ich nahm in mit. Weil er ein sympathischer österreichischer (rot-weißer / oder besser rosa-weißer) Seraph war.

Namenloser Cherub

Namenlos, bei diesem Namen beließ ich es gleich. Ich gebe zu, ich war froh, dass das Engerl in einem Glashaus gefangen war.

Es bestand also keine Gefahr, dass er entfleuchen und irgendeinen Unsinn wie Loisl anstellen konnte. Bei den Österreichern weiß man ja nie.
Und zudem: Er führte ein wenig Schnee mit! Während es draußen so um die 6 bis 8 Grad PLUS waren. Kälte, Schnee, Winter – vielleicht im Himmel. Auf Erden aber nicht.

Seltsame Jahreszeit.

Blühende Landschaften im Dezember:

Winterblüte

Braunau lag rasch hinter uns. Auch wenn Namenlos mich ein wenig aufgehalten hatte und ich erst gegen halb neun loskam, hatten wir doch das Ziel bis am Abend in Aigen am Inn zu sein. Schätzungsweise 27 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Noch auf der österreichischen Seite: wunderschöne Innlandschaften, Auen, Schilf. Die Route folgt einem internationalen Fern-Rad-Weg.

Inn Idylle

Schlösschen Hagenau

Acker und Au

Bei Frauenstein bringt mich Namenlos zurück nach Bayern. Empfangen von einem Wegkreuz. Eines von vielen auf meinem Weg.

Ziemlich katholische Gegend

Sumpf. Kaum begehbare Wege die ersten zwei Kilometer.

Auenwald am Inn

Schmaler Trampelpfad ins Nichts

Schatten und Original:

Ich, der Schatten

Ich, das Original

Wie viele Kilometer ich dann geradeaus auf dem Damm gehen mußte, erinnere ich nicht mehr. Nur noch daran, wie unendlich anstrengend es ist, sich auf den „rechten“ Weg zu begeben. Wenn das Ziel immer gleich entfernt bleibt, der Horizont sich keinen Millimeter nähert, unendlich unendlich bedeutet. Wieviel motivierender ist es, wenn man Haken schlagen, Umwege laufen kann. Ich glaube, daß die Geometrie irrt, wenn sie behauptet, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei die Gerade. In der Landschaft stimmt das nicht. Der schnellste Weg führt über Umwege. Davon gab es reichlich. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Blick nur nicht nach vorn zu richten, sondern ständig meinen Füßen zuzuschauen, wie sie sich selbständig bewegten, einen Schritt vor den andern setzten. Die Gedanken richteten sich nach diesem Rhythmus, ein Gedankensplitter folgte dem andern.

Aber ich will nicht jammern: Stille, nur leichtes Windrauschen, ab und zu das heißere Gekrächze eines Raben oder das Geschnatter einiger Donau-Enten (schmeckt eigentlich Wildenten-Fleisch? Mit Orangensauce?). Ganz nebenbei: Ich bin ornithologisch und – was Natur anbelangt – sprachlich ungebildet. Schnattern eigentlich Enten oder schnattern Gänse oder beide? Krächzen Raben und was machen dann Krähen? Oder Schwäne, Graureiher gar? Es gibt Sprachen, für die noch kein Wörterbuch geschrieben wurde.

Weg in die Unendlichkeit

Links und Rechts Augenweiden

Ankunft in Aigen mit „night falls“.

Nette kleine Pension in einem alten Bauernhof. Die Gaststätte füllte sich ab 18 Uhr rasch. Kaum Einheimische. Fast nur Kurgäste. Aus dem 10 Kilometer entfernten Bad Füssing. Der Gasthof war anscheinend berühmt für seine Speisekarte und für zünftige Unterhaltung. Unter den Gästen alles, was einem Pathologen Spaß macht: Fußkranke, Athrotische, Halb-Gelähmte, Schüttelgelähmte, Sprachgelähmte, Krankhaftlacher, Fangoanwender, Berufspensionäre mit eingewickeltem Dackel, alles, nur keine Kassenpatienten. Eine Gaststätte als Sanatorium. Die Gespräche kreisten nicht um Gott und die Welt, sondern ausschließlich um Tod und Kur. Schließlich kam auch noch der ehemalige Pfarrer aus Bad Füssing, der in dieser Gaststätte seinen Lebensabend verbringt und kein Wort spricht. Er ist ja auch nicht mehr im Innen-Dienst.

Ab 19 Uhr dann Volksmusik. Sympathische Dorfband. Schien ein Familienunternehmen zu sein.  Bayerische Gassenhauer. Holzfällerbub’n und so weiter. Der ältere Musikant benutzte ein Rhythmus-Instrument, das ich nicht kenne. Eine Art Ratsche? Schnarre?

Durst: Wolferstetter Helles (Traditionsbrauerei aus Vilshofen). Sehr schmackhaft, mit schön dezenter Würze. 2,80 Euro.

Auch Namenlos ruft Halleluja beim ersten Bier

Hunger: Gitti’s Bras’l in der Rain / Schwein’s und Surbrat’l mit Semmel- und Kartoffelknödel, dazu Sauerkraut (9,80 Euro). So war’s im Original geschrieben. Und es schmeckte fantastisch. Auf den Punkt gewürzt! Kompliment.

(Surbaten, das hab ich nun gelernt, ist leicht gepökeltes Fleisch.)

Saftig

Müde und kaputt um 23 Uhr schlafen gelegt. Es war gut, dass Namenlos in seiner Glasglocke blieb. Der österreichische Engel konnte so die kleinen Gemeinheiten des bayerischen Kollegen Loisl gut ignorieren, dem es langsam auf den (Heiligen) Geist ging, ständig die Gosch verbunden zu haben. Er krächzte etwas wie ein heißerer Rabe (?? krächzt der ??).

Familienbett

Unterkunft: 38 Euro ( mit Frühstück).